"Ein Laden von Profis für Profis..." oder von der "Kraft des Guten"

Kritik der ‚Implementierung‘ des „motivational interviewing“ & „KISS“ in der akzeptierenden Drogenarbeit


Essay, 2012

42 Seiten


Leseprobe

„ Die humanistischen Therapien sind in der Regel Abkömmlinge aus der Psycho- analyse: gestrafft oder gestreckt, von theoretischem Ballast befreit, mit der Aura gro- ß er Heilsversprechen verziert und feierlich begangen und in erleuchtet-guruhaftem Gehabe. “3

1. Intro:

Carl Ransom Rogers wird mancher aus mehr oder wenig langweiligen Hochschul- seminaren kennen und sich denken, dass das, was an einer Hochschule gelehrt und vermittelt wird, ja nicht unbedingt das Schlechteste sein muss. Nicht unbedingt, denn ‚idealerweise' sollte eine Hochschule eine Schule zur Vermittlung des kritischen Denkens sein.4 Wenn es da nicht die ‚soziale Marktwirtschaft‘ - früher wurde dies als Kapitalismus bezeichnet, der heute wiederum als Neoliberalismus5 verbrämt wird - gäbe, in der wir alle hier leben. Und so werden an Hochschulen keineswegs (nur) kritisches Denken und Hinterfragen gelehrt, sondern die dort vermittelte Wissen- schaft hat sich selbst ein ‚Wertfreiheitspostulat‘ auferlegt: ‚Wertfrei‘ muss Wissen- schaft sein, um anerkannt zu werden. Mit diesem Postulat ist nichts anderes als das Verbot gemeint, aus der Funktionalisierung im staatlichen Geistesghetto auszubrech- en und aus wissenschaftlicher Erkenntnis heraus die Praxis bestimmen zu wollen.6 Doch was hat das alles mit Rogers und ‚motivational interviewing' zu tun?

Auch die ‚Humanistische Psychologie‘ bzw. Therapie oder die ‚(non-)direktive Ge- sprächsführung‘7, auf der letzten Endes auch das ‚motivational interviewing‘ (MI) fußt, verkaufen sich als wertfrei und im Dienste des Menschen - pardon! - des Klienten. So ist nach Körkel/ Veltrup „ Motivational Interviewing (..) ein sowohl klientenzen- trierter als auch direktiver Ansatz der Gesprächsführung zur Erhöhung der Eigenmo tivation von Menschen, ein problematisches Verhalten (z.B. Suchtmittelabusus) zuändern. “8 Bezugnehmend auf die Rogers’sche klientenzentrierte Therapie schrieb Meinhold bereits 1973, dass „ eine Orientierung an einer solchen Therapie (.) bei der Stellung des Sozialarbeiters (...) ein absurdes Unterfangen “ sei, da dieser qua seines staatlich verordneten Auftrages alles andere als ein Aufgabe zur Fokussierung auf Klienteninteressen habe.9 Denn diese Arten der Psychotherapien gehen „ davon aus, da ß auch das Selbstverständliche extra gelernt werden mu ß , denn die Menschen be- greifen weder Prinzip noch Methode ihres alltäglichen Unwesens; sie müssen train- iert und dressiert werden, damit ihnen nicht andauernd Fehler unterlaufen. “10

So ist eines - zumindest nach Rogers - ganz einfach, gelten nach ihm doch „ dieselb en Prinzipien der Psychotherapie für alle Personen (.) , ganz gleich, ob sie als ‚ psy chotisch ‘ , ‚ neurotisch ‘ oder ‚ normal ‘ kategorisiert werden. “11 Rogers war eben „ davonüberzeugt, da ß die therapeutische Beziehung nur ein spezieller Fall allgemeiner zwischenmenschlicher Beziehungen ist und da ß die gleiche Gesetzm äß igkeit alle in terpersonalen Beziehungen regelt. “12

Alle Menschen sind gleich ... nur manche sind eben gleicher:

Denn so ist das, was „ in ‚ humanistischer ‘ Perspektive positiv zu Buche schlagen würde, weil ja seit Maslow, Rogers, Perls vom Therapeuten ‚ Echtheit ‘ und ‚ Zuneigung ‘ verlangt wird, (.) ein empathisches, akzeptierendes, nicht-direktives Eingreifen auf den Klienten, von gleich zu gleich, von Wahn zu Wahn. “13

Daher sollte es auch nicht verwundern, dass Rogers angesichts dieser vermeintlichen ‚psychotherapeutischen Gleichheit‘ von der „ Unwichtigkeit materieller Dinge “ und von einem „ Verlangen nach Ganzheit “ schwafelt und davon, dass „ Menschen von morgen (.) Suchende “ seien. Nach Rogers möchten diese nämlich „ einen Sinn und ein Ziel im Leben finden, die gr öß er sind als das Individuum. “14:

da Soziale Arbeit, die als „ oppressiv caring profession “ 15 zu bezeichnen ist, jedoch immer zunächst das Ziel der materiellen Grundsicherung verfolgen sollte, wenn diese nicht vorhanden ist, widerspricht diese „ Unwichtigkeit" materieller Dinge nicht nur dem Arbeitsfeld der niedrigschwelligen, akzeptanzorientierten Drogenarbeit völlig, da diese Grundsicherung bei einem Großteil deren Klientels kaum wirklich gegeben ist. Sozialarbeit hat jedoch erst „ dann einen Gebrauchswert gegen soziale Ausschlie ß ung und für die Reorganisation einer eigenständigen Lebensführung, wenn sie gegen die erfahrenen Unzuständigkeiten, Fallen, Diskriminierungen und Irrationalitäten sozialstaatlicher Kompensationen und lohnarbeitszentrierter sozialer Sicherheit hilft und diesen ‚ Wohlfahrt ‘ vermittelt. “16

Dass man nicht klar komme mit seinem Leben, ist eine Aussage, die man des öfteren in der Sozialen Arbeit resp. Drogenarbeit zu hören bekommt; eine ebenso häufige ist die, dass dies einem jedem sein individuelles Problem sei. Diese Vorstellung wird in der bürgerlichen Ideologie unter anderem mit dem Sprichwort ausgedrückt, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Wenn es jedoch einerseits einer Mehrheit gelingt unter dem Motto ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ Erfolg zu haben, dann wird dieser Slogan andererseits auch dazu verwendet, der erfolglosen Minderheit das Scheitern der Maßnahmen dem jeweils individuellen Versagen zuzuschreiben. So wird „ die Schuld für das Scheitern des Konzepts mehr oder weniger bewu ß t der Resistenz und dem persönlichen Versagen “ bei Nicht-Eintreten eines Erfolges ange- lastet.17 Gelernt ist eben gelernt: Aus einer solchen Psychologisierung der Sprache werden eben schnell Aussagen wie ‚Damit komme ich nicht zu Rande‘ zu einem ‚Das ist mein Problem.‘ umgemünzt - ganz so, als ob jeder nur ein einziges Problem habe.18

So verwandelt sich „ die Kommunikation (..) in den Austausch technisch-diagnostisch- er Etikette. Sie wird gleichzeitig entdifferenziert. Die politische Repression dehnt sichüber eine psychologisierende Sprache auf das individuelle psychische Leben aus. Es entstehen so neue Methoden einer harten psychischen Selbstkontrolle. “19

2.„ Stop making sense... “:

Zum ideengeschichtlichen Kontext von Rogers & Konsorten Carl Ransom Rogers war einer der Gründungsmitglieder der „ Association for Huma- nistic Psychology “ (AHP), die 1961 in den USA als deutlich formulierte Abgrenzung vor allem zur Psychoanalyse20 21, aber auch zum Behaviorismus (Verhaltenspsycholo- gie) begründet wurde. Unter anderem gehörte Rogers auch zu den Mitbegründern des ESALEN-Instituts in Kalifornien, welches seit seiner Gründung 1962 die Symbi- ose fernöstlicher Philosophie und westlicher Verhaltenstherapie zum therapeutischen Okkultismus22 zum Programm erhoben hat. Dieses Institut versammelte alles, was Rang und Namen hatte, von Aldous Huxley bis B.F. Skinner. Zum ESALEN-Institut bemerkt Bruhn, dass, „ wer ein Zertifikat von ESALEN, etwa in diversen Körpertech- niken wie ‚ Rolfing ‘ oder ‚ biostruktureller Integration ‘ besitzt, der hat, anders als der Inhaber eines Staatsexamens, für sein Leben ausgesorgt. “23

Bereits Ende der 1970er Jahre wurde von Bach/ Molter sowohl die New Age-An- sätze der Humanistischen Psychologie als auch das ESALEN-Institut kritisch betrachtet. Dort begründeten Ende der 1960er Jahre die Psychologen Sutich und Maslow und der Mediziner Grof die Transpersonale Psychologie, die Spiritualität und Psychologie zusammenfügen will und sich mit ‚jenseitigen‘ Erfahrungen wie bspw. Erleuchtung, mystischer Wahrnehmung, Gipfel- und Grenzerfahrungen, Psi-Phäno- mene und ähnlichem Unsinn mehr befasst.24

In der Präambel der AHP, die 1964 verfasst wurde, ist unter Punkt 4 zu lesen, dass der Mensch in der Lage sei „ zu wählen und zu entscheiden. Unabhängig von der Dis- kussion, ob der menschliche Wille frei ist, ist die Möglichkeit der Wahl ein phänome- nologisches Faktum. Dadurch kann der Mensch sein aktuelles So-Sein, den aktuellen Zustandüberschreiten und sich wandeln. “ Man kann sich beim Lesen dieser Zeilen kaum des Eindrucks erwehren, dass die Begründer der Humanistischen Psychologie, die ihre Wurzel unter anderem auch bei Jean-Paul Sartre sieht, dessen Aussagen reichlich falsch verstanden haben. Reden die humanistischen Psychologen ihrerseits von einer Möglichkeit der Wahl, ist eine von Sartres Kernaussagen die der Freiheit als Verdammtsein zum Wählen. Denn nach Sartre hat der Mensch einerseits die Chance, sich als Mensch zu entwerfen, andererseits weiß er sich jedoch dazu verdammt, durch ständige Entscheidungen in dauernd wechselnden Situationen sich selbst zu erfinden und zu entwerfen. Sartre geht gar noch weiter, indem er die Menschen gar zur „ Individualisierung “ verdammt sieht.25

Heidegger26 dagegen, auf die sich die humanistische (!) Psychologie, aber auch teilweise - im kritischen Sinne - Sartre27 beziehen, war einer der philosophischen ‚Claqueure‘ des Nazi-Faschismus, der in seiner Antrittsrede als Rektor der Universität Freiburg am 27. Mai 1933 das neue ‚Regime’ mehr als wohlwollend begrüßt hat.28 In dieser Rede, in der Heidegger „ Arbeitsdienst, Wehrdienst und Wissensdienst “ als „ gleich notwendig und gleichen Ranges “ bewertete, ging er noch über die Vorstellungen des Nazifaschischmus hinaus.29 Alle Professoren und Dozenten jüdischen Glaubens bzw. Herkunft wurden während Heideggers Rektorat an der Universität Freiburg „ in den vorzeitigen Ruhestand versetzt und unter anderem eine Pflichtvor lesung für alle Studierendenüber ‚ Rassekunde ‘ eingeführt “.30

So forderte Heidegger seine Studierenden auf, „ die Isolation der Universität mit der einfacheren, härteren und gefährlicheren Realität des Arbeitsdienstes zu tauschen. Als theoretisches Fundament dieses Arbeitsbegriffs diente ihm die Definition der Deutschen als einer gewachsenen Einheit und eines Volkes der Arbeit. “31 Heidegger schrieb unter anderem über die „ Nationalsozialistische Wissensschulung “ im „ Kampf- blatt des Nationalsozialistischen Oberbadens “, „ da ß das deutsche Volk als Volk der Arbeit seine gewachsene Einheit, seine einfache Würde und seine echte Kraft wiederfinde und als Arbeiterstaat sich Dauer und Gr öß e verschaffe. Dem Mann dies- es unerhörten Willens, unserem Führer Adolf Hitler ein dreifaches ‚ Sieg Heil ‘ ! “32

Eben dieser Heidegger betrachtete den Menschen auch „ wie er sich selber, in seiner eigenen Perspektive, erscheint “. Der Schwarzwald-Philosoph redete „ davon, wie jeder Mensch seine ‚ Welt ‘ hat, wie er unter anderen Seienden und mit anderen Menschen existiert; er spricht von seinem ‚ In-der-Welt-Sein ‘ und von seinem ‚ Mitsein mit anderen ‘“33 - oder auch vom „ Sein zum Tode “34 ähnlich religiöser Autoren vom Heiligen Augustin bis Tolstoi: während „ alle objektiven Bestimmungen der liberal ver- fassten politischen Ö konomie “ in Kraft blieben, wurden „ ihr gesellschaftlicher Gehalt ins Gegenteil gewendet, weil der Faschismus, namentlich der deutsche Nationalso- zialismus, das grundlegende Moment jeder Form menschlicher Gesellschaft, die Sel- bsterhaltung, in ein ‚ Sein zum Tode ‘ , wie der ‚ Hitler des Denkens ‘ (Martin Buber), Martin Heidegger, formulierte, also in ein Leben um des Untergangs willen, ver- kehrt. “35

Dass es hier diesen ‚Schlenker‘ zu einem Projekt der akzeptierenden Drogenarbeit bzw. zu einer dort angebotenen Fortbildung gibt, ist nicht dem Autor geschuldet, son- dern der Akademie für angewandtes MI, GK Quest, die den Philosophen des „ Ge- wordensein “ so hochhält, obgleich von Heidegger auch propagiert wurde, dass, „ wenn es um das Sein geht, dann (.) nur noch am Rande vom Menschen die Rede sein “ könne.36 So sollte nach Heidegger (d) er Wiederanfang der Philosophie und ihre Zukunft (.) nicht irgendwann und irgendwie von der Weltvernunft geschaffen (werden) , er wird nur verwirklicht durch ein Volk, wie wir glauben: durch die Deut schen, nicht durch uns, sondern durch die Kommenden “ .37

Selbstverständlich hat man es beim motivational interviewing nicht nur mit Heidegg- er, Rogers und Humanistischer Psychologie zu tun, aber eben auch, denn unter an- derem darauf basiert das Ganze schließlich, was ja kaum von ‚MI‘-Trainern/ -innen verleugnet wird.38

Um es etwas zu verdeutlichen sei Rogers selbst nochmals zitiert: „ Niemals habe ich Psychotherapie oder Gruppenerfahrung als erfolgreich betrachtet, wenn ich versuch- te, in einem anderen Individuum etwas hervorzurufen, was nicht in ihm vorhanden war “ .39 Eine derartige Aussage hindert jedoch ‚MI‘-Coaches keineswegs daran, die „ Schaffung eines Problembewusstseins “ vermittels seiner Selbst zu postulieren, da ja im Klienten das Potenzial vorhanden sei, über sich selbst am besten bescheid zu wissen und sich ändern zu können. Schließlich ist doch die ‚konventionelle‘ Sozial- arbeit auf einen ständigen Problemnachschub auch angewiesen, um eben neuen KlientInnen Hilfe angedeihen lassen zu können.40 Auf diese Weise gibt Rogers, „ der den Positivismus nicht von ungefähr zur Sozialreligionüberhöht, (.) eine angemess- ene Definition des Charisma als der Fähigkeit und Potenz, von einem statischen Leben zu einem proze ß haften Leben, von Abhängigkeit zu Autonomie, von Voraus- sagbarkeit zu unvorhersagbarer Kreativität ‘ zu springen, und dies im Nu und ohne Anlauf, als Ausdruck völliger Spontaneität, deren Fleisch gewordene Wirklichkeit Hitler und Bhagwan darstellen. “41

Nach Rogers zielt der personenbezogene Ansatz also nicht darauf ab, ein bestimmt- es Problem zu lösen, sondern dass das Individuum sowohl mit dem (ver-)gegenwärt- ig(t)en Problem, als auch mit später auftretenden Problemen ‚in besser integrierter Weise‘ fertig wird:

Fachmännische ‚Empathie‘ wird danach dadurch zuteil, indem man einem Problem ‚behafteten‘ Menschen eben nicht konkret hilft, denn (a) usgerechnet indem man sich dem Problem widmet, zur Klärung beiträgt und falsche Standpunkte (ausräumen hilft), soll man gegen die ‚ Unabhängigkeit des Individuums ‘ verstoßen und die Entwicklung eigenständiger Problemlösungskompetenz behindern. “42

Denn ein Mensch ist kaum wirklich in der Lage sich vollständig in sein Gegenüber zu versetzen, so dass der Psychologe gar nicht den Standpunkt des Befragten ein- nehmen kann. Die Lösung liegt folgerichtig nicht in der Einfühlung, sondern es bedarf eines anderen Zugangs. Das Handeln des Subjekts ist nicht willkürlich, sondern "vom Standpunkt des Subjekts nach Ma ß gabe seiner Lebensinteressen in den Verhältnissen als Handlungsprämissen begründet."43 Die Voraussetzungen, nach denen gehandelt wird, liegen demnach individuell in den gesellschaftlichen Verhält- nissen begründet, in denen die Menschen leben. In dieser Begründetheit des Han- delns liegt deshalb auch die Prämisse dafür, dass ein Mensch den Standpunkt eines anderen Menschen einnehmen kann, indem er die Gründe des Gegenübers zu re- konstruieren versucht und betrachtet, in welchen Gegebenheiten der jeweilige an- dere lebt und welche Interessen dieser gerade verfolgt.

Doch für Rogers ist Therapie auch „ Weltanschauung “ und „ Philosophie “44, deren Ziel es ist, gestörte Menschen zu heilen, bzw. durch bessere Erziehung Störungen erst gar nicht aufkommen zu lassen.45 Er erwartet gar das ‚Heil der Welt‘ von derart her- gestellten nicht-gestörten Menschen: „ Wenn wir also politisch auf der Suche nach einer zuverlässigen Operationsbasis sind, dann wäre unser vordringlichstes Ziel, In- dividuen zu finden und womöglich deren Zahl zu mehren, die der Vorstellung von ganzheitlichen Menschen nahekommen - Individuen, die zunehmend um ihre inner- sten Erfahrungen wissen und in Harmonie mit diesen leben, und die mit der gleichen Aufgeschlossenheit alle Daten der Personen und Objekte in ihreräu ß eren Umge- bung in sich aufnehmen. “46 Jedoch springt Rogers, der seine Konzeption als politi- sche Handlungsanweisung versteht, „ vom biologisch und/ oder metaphysisch be- gründeten Individuum unter Auslassung jeglicher Aussage zur menschlichen Gesell- schaft und menschlichen Gemeinschaftlichkeit in die Politik. “47 Doch auch ein weiter- es Fundamentales lässt Rogers außer acht: dass es nämlich „ in unserer, der bürger- lichen Gesellschaft (.) eine reine Unterstützung zu Selbstbestimmung und Freiheit nicht geben kann, weil (...) ein selbstbestimmtes Leben in einer Welt von Zwängen und Fremdbestimmung gar nicht möglich ist. Jede Hilfe bei der Vorbereitung auf eine selbständige Existenz ist immer auch Vorbereitung auf Verwertbarkeit, auf Anpassung, auf Unterwerfung. “48

Des Weiteren definiert Rogers Politik als den „ Proze ß des Erwerbs, Gebrauchs, der Aufteilung oder des Verzichts auf Macht, Herrschaft und Entscheidungsbefugnis. Sie ist der Proze ß höchst komplexer Interaktionen und Wechselwirkungen dieser Ele- mente, die in den Beziehungen zwischen einzelnen, zwischen einem Individuum und einer Gruppe oder zwischen Gruppen existieren. “49 Da Rogers also Politik auf der Ebene des Verhaltens von Individuen verortet, die ihrerseits nicht in der Gesellschaft, sondern lediglich in der Natur verwurzelt sind, kann, „ wenn eine Politik als falsch empfunden wird, (.) Abhilfe demnach auch nicht durch die Ä nderung gesellschaft- licher Bedingungen dieser Politik erreicht werden, sondern nur durch die Ä nderung von Individuen “.50 Da jedoch für ihn „ der Konflikt innerhalb des Individuums die Ur- form aller Zerwürfnisse und Spannungen ist “51, kämpft derjenige, der die gesell- schaftlichen Bedingungen von sozialer und politischer Ungerechtigkeit und Unter- drückung zu verändern versucht, ganz einfach an der falschen Front. Denn „ statt sich selbst zu verändern und seine inneren Konflikte zu bearbeiten, weicht er in ‚ auf- gesetzte ‘ Aktionen zur Weltverbesserung aus. Politisches Engagement verrät also nur die Unfähigkeit, sich mit sich selbst zu konfrontieren. “52

Dennoch muss sich Rogers - ganz ‚humanistischer Optimist‘ - eingestehen, dass er nicht weiß , „ wie die Probleme der Ausbeutung der Armen durch die Reichen gelöst werden können, wei ß nicht, wie wir dem Schrecken des nuklearen Schattens ent- gehen können, noch wie die unglaubliche soziale Ungerechtigkeit der Welt beseitigt werden kann. Ich wünsche von ganzem Herzen, ich w üß te es. Aber wenn es uns gelingt, eine Erkenntnisüber den Proze ß zu gewinnen, wie eine Gemeinschaft ent- steht, dann verzweifele ich nicht. “53 Dass jedoch bereits über zehn Jahre zuvor Mar- cuse - berechtigterweise - schon die Überzeugung vertrat, dass „ es (.)

[...]


1 So lautet die recht ironisch gemeinte Selbstbeschreibung einer Einrichtung der akzeptierenden Drogenarbeit im Frankfurter Bahnhofsviertel. Nach Bader ist „ ein ‚ guter ‘ und ‚ kritischer ‘ Profi (.) ein Mensch, der versucht, alie jenigen beruflichen Haltungen abzulegen, die ihm gesellschaftlich und von Trägern und Institutionen nahe gelegt werden und einen gleichberechtigten Dialog mit anderen Menschen be- oder verhindern “ (Bader 2006, 35f.). Ob dies in besagter Einrichtung tatsächlich immer gelingt, darf bezweifelt werden.

2 Den Titel „ Die Kraft des Guten “ trägt eine Veröffentlichung Rogers‘ aus 1978. Wie später zu sehen sein wird, propagieren eben Rogers und seine Anhänger auch nichts anderes als „ die Heilung der Welt durch die ‚ Kraft des Guten ‘“ (vgl. Winiarski 1985, 57). Marcuse bemerkte zu solcher Art Heilsversprechungen: „ Das Glückliche Be wu ß tsein verdrängt den Zusammenhang “ (Marcuse 1989, 103). Dieses „ reflektiert den Glauben, da ß das Wirkliche vernünftig ist und da ß das bestehende System trotz allem die Güter liefert. Die Menschen werden dazu ge bracht, im Produktionsapparat das wirksame Subjekt von Denken und Handeln zu finden, dem ihr persönliches Denken und Handel sich ausliefern kann und mu ß“ (Marcuse 1989, 98f.).

3 Ruckstuhl 1993, 123

4 Wer mehr über die Funktion des universitären Lehrbetriebs aus kritischer Sicht wissen möchte, dem/ der sei unter anderem die Lektüre von Dozekal empfohlen (Dozekal 2003).

5 Auch Schneider sieht die „ Drogenhilfe, ob veränderungsbezogen (so hei ß t das heute im Sinne des Motivational Interviewing) oder schadensbegrenzend (im Sinne von Sozialkosmetik einer mehr und mehr ‚ dislozierenden ‘ Drogenpolitik) “ als „ Steigbügelhalter neoliberaler Drogenpolitik “ (Schneider 2004a). Kaum jemand sieht je- doch, dass der Neoliberalismus ganz einfach der in seine Ursprünge zurückkehrende Kapitalismus darstellt. So stellte das „ Konzept der Sozialen Marktwirtschaft (...) das von den Vertretern der ordoliberal ausgerichteten Freiburger Schule (...) entwickelt worden war “ eine „ spezifisch deutsche Richtung des Neoliberalismus “ dar, die „ in den drei ß iger Jahren in Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise entstanden und als Gegenentwurf zur sozialistischen Planwirtschaft und zum keysianischen Wohlfahrtsstaat konzipiert “ wurde (Ptak 1998, 51). Dagegen propagiert die Chicagoer Schule die konsequente „ Ausweitungökonomischer Formen auf das Soziale, um die Differenz zwischen Ö konomie und Sozialemüberhaupt zu eliminieren “ (Lemke et al. 2000, 16).

6 vgl. Huisken 2000; bereits im Uni-Streik 1988/ 89 stellten Studierende der FU Berlin diese banale und doch recht basale Tatsache fest (vgl. Streik-Doku 01.12.89 des Internationalismus-Plenums des AStA der FU Berlin).

7 In bestimmten „ Therapieformen, die sich als so freizügig anpreisen, nimmt der Therapeut meistens eine domi- nierende Position ein. Deshalb wäre es angemessener, von ‚ direktiven ‘ Therapien zu sprechen “ (Bopp 1985, 70).

8 Körkel/ Veltrup 2003, 115; nach Marcuse sprechen die Menschen, indem sie „ ihre eigene Sprache sprechen (...) auch die Sprache ihrer Herren, Wohltäter und Werbetexter. Daher drücken sie nicht nur sich selbst aus, ihre eigene Erkenntnis, ihre Gefühle und Bestrebungen, sondern auch etwas anderes als sich selbst. “ (Marcuse 1989, 208).

9 Meinhold 1973, 209

10 Bruhn 1984, 65; so zielen die modernen, von der humanistischen Psychologie beeinflussten Therapien darauf ab, die als Individuen überflüssigen Menschen zu kleinen Königen, zu „ einmalige(n) Personen (zu machen), um die sich andere einmalige Personen kümmern “ (Rogers 1984, 161) und dies sie auch glauben zu lassen.

11 vgl. Rogers1980, 2153ff.

12 Rogers zit.n. Teegen 1975, 212

13 Michel 1985, 123f.

14 Des Weiteren ist Rogers der Meinung, dass manchmal Menschen „ im Zustande eines veränderten Bewu ß tseins die Einheit und Harmonie “ erlebten (Rogers 1983, 183f.): Esoterik pur!

15 Dominelli 2002, 28

16 Cremer-Schäfer 2005, 163

17 Autorenkollektiv 1974, 159

18 Während einer Fortbildung zum ‚motivational interviewing‘ der GK Quest Akademie wurde die völlig absurde Aussage gemacht, dass, wenn man eine Werkzeugkiste habe, in der sich lediglich ein Hammer befinde, alle Probleme ein Nagel seien. Analog dazu könnte man die - zugegebenermaßen - ebenso absurde Behauptung aufstellen, dass mit der Anmietung einer Wohnung das größte Problem nicht das Aufbringen der Miete, sondern die Beschaffung einer Matratze sei.

19 Bopp 1979, 86

20 Talking Heads 1986

21 Die unterschiedliche Auffassung von Therapie ist es gerade, welche die Psychoanalyse von der humanistischen Psychologie abhebt, denn „ die Psychoanalyse kann nicht die politischen Tatsachen erklären, sondern das, was sie denen antut, die diese Tatsachen erleiden “ (Marcuse 1965, 100).

22 Nach Marx ist (a) lles gesellschaftliche Leben (.) wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizis(mus) veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Ergreifen dieser Praxis “ (Marx 1969a, 7).

23 Bruhn 1984, 100 Fn. 59

24 Nordhausen/ von Billerbeck 1997. Als Stichwortgeber dieser psychologischen ‚Schule‘ dienten u.a. C.G. Jung und Rudolf Steiner (zu Jung: vgl. Gess 1994; zu Steiner: vgl. Bierl 1999; dazu auch Adornos ‚Thesen gegen den Okkultismus‘ in: Adorno 2001, 462 ff.). 1983 schrieb ‚DER SPIEGEL‘ „ü ber die gestaltpsychologischen Ziele des Esalen-Gurus Fritz S. Pearls “, dass „ ‘ jeder einzelne (.) zu der in seiner Natur archetypisch angelegten, ganzheitlichen Gestalt als Lebensform finden “ müsse (vgl. Kratz 1994, 394 Fn. 285).

25 Sartre 1989, 189. Marcuse schreibt, dass die menschliche Existenz so erschiene, „ um Sartres Begriff zu ver- wenden, als ein ewiges Projekt, das nie zur Erfüllung, Fülle, Ruhe kommt “ (Marcuse 1968, 30). Der Hei- deggersche Begriff des ‚Daseins‘ wurde von Sartre mit ‚réalité humaine‘ übersetzt und von der Frage nach dem Sein abgetrennt. Nach Sartre muss sich der Mensch „ immer in Frage stellen, zum Nichtidentischen, zur Freiheit verurteilt - er kann auch im Freisein zum Tod nicht die Gunst des Identisch-Seins gewinnen (...) So erscheint bei Sartre das ‚ Nichts ‘ , dem der Mensch auf diese Weise ausgeliefert ist, als Bedingung der Möglichkeit von Moral “ (Scheit 2001, 220 Fn. 254).

26 Heidegger trat am 01.05.1933 der NSDAP bei, entrichtete nicht nur pünktlich seine Beiträge, sondern blieb auch deren Mitglied bis 1945 (vgl. Farias 1989, 137). Ebenso hat „ Heidegger (.) eine ausdrückliche und den Greueln des Nazifaschismus angemessene Selbstkritik stets verweigert “ (Farias 1989, 371). Zur Kritik an Heidegger vgl. auch Scheit 2001, 191ff.

27 vgl. Sartre 1989, 670ff. Dort bezeichnet Sartre Heideggers Erklärungen in einigen Punkten als „ Taschenspielerstückchen “ (Sartre 1989, 672).

28 Trotz aller Mystifikationen ist Heideggers Philosophie „ wirklich ganz einfach. Das, was Heidegger retten will und wozu er die politisch subjektive Veranstaltung braucht, das ist der bürgerliche Erscheinungskult in seiner phänomenologischen Husserlchen Form; und das Dasein, das er sich vorstellt, ist der Bildungsbürger, der dies- en Erscheinungskult betreibt (...) . Als Heidegger, nachdem er zuerst vom Faschismus das Rezept des philoso- phischen Denkens abgeschrieben hat, mitbekommt, da ß die Realität doch anders aussieht, ist er vergrätzt, zieht sich in einen Schmollwinkel zurück und will von der Realität, der er die Philosophie entlehnt hat, nichts mehr wissen “ (Enderwitz 1996, 60f.).

29 Heidegger 1934, 6f.; vgl. Farias 1989, 160. Noch ein Jahr nach seinem Rücktritt als Rektor der Freiburger Universität verwies Heidegger in einer Vorlesung über Metaphysik auf die „ innere Wahrheit und Gr öß e “ des Nationalsozialismus (Heidegger 1953, 152 zit. n. Farias 1989, 303).

30 Scheit 2001, 205

31 Schatz/ Woeldicke 2001, 69. In seinen apokalyptischen Ideen forderte Heidegger quasi „ die Ü berwindung der ‚ abstrakten ‘ Arbeit durch das vorgebliche Egalitätsversprechen für die schaffenden Volksgenossen, dem jedoch zugleich die Vernichtung inhärent war “ (Schatz/ Woeldicke 2001, 70).

32 Heidegger zit. n. Farias 1989, 188

33 Weischedel 1987, 277

34 Das Sein zum Tode feierte Heidegger bereits vor der Weltwirtschaftskrise 1928/ 29 und verkündete damit „ eine Entschlossenheit (.) die nicht weiss, wozu sie sich entschliesst, und darum immer an den Führer sich gebunden hat “ (Krahl 1971, 22).

35 Nachtmann 2006, 38; der französische Premierminister Clemenceau bemerkte seiner Zeit, dass sich „ in der Seele der Deutschen und in ihrer Literatur (...) ein Mangel an Verständnis für das, was wirklich das Leben aus macht, für seinen Reiz und seine Gr öß e “ befände. Dagegen seien sie „ von krankhafter und satanischer Todessehnsucht erfüllt Wie lieben diese Menschen den Tod! “ (Clemenceau 1930 zit n. Ebeling 1984, 7).

36 Weischedel 1987, 279; vgl. Heidegger 1979

37 Heidegger zit. n. Farias 1989, 195; Scheit stellt fest, dass „ die Philosophie Heideggers im Kern völkisch, rassistisch und antisemitisch ist “, was „ unmittelbar an der Weise deutlich (wird) , wie er nun das eigentliche Volk selbst konkretisiert, von dem in ‚ Sein und Zeit ‘ nur ganz abstrakt die Rede war “ (Scheit 2001, 208).

38 Um eine kritische Befürworterin des MI, zumindest eine im Rahmen des staatlich verordneten ‚Heroinprogramms‘, zu Wort kommen und es bestätigen zu lassen: „ MI istüberwiegend durch die Vorstellungen der Hu manistischen Psychologie beeinflusst “ (Hölzmann 2004, 14).

39 Geiser 1999

40 vgl. Peters 2002; Schneider 2004, 23

41 Bruhn 1984, 81

42 SG 2004, 2

43 Holzkamp 1991, 6

44 Rogers 1984, 183

45 Die Warnung Freuds, dass der Therapeut der Versuchung zu widerstehen habe, „ gegen den Kranken die Rolle des Propheten, Seelenretters, Heilands zu spielen “ stößt hier auf völlig taube Ohren (vgl. Freud 1969, 277).

46 Rogers 1978, 279

47 Scholz 1980, 94

48 Markard 2005; um mit Marx zu sprechen: „ Nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springkräfte des genossenschaftlichen Reichtums voller flie ß en - erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganzüberschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen! “ (Marx 1969, 21)

49 Rogers 1978, 15

50 Scholz 1980, 94

51 Rogers 1978, 108

52 Scholz 1980, 95

53 Rogers 1978, 169

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
"Ein Laden von Profis für Profis..." oder von der "Kraft des Guten"
Untertitel
Kritik der ‚Implementierung‘ des „motivational interviewing“ & „KISS“ in der akzeptierenden Drogenarbeit
Autor
Jahr
2012
Seiten
42
Katalognummer
V196434
ISBN (eBook)
9783656231370
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
laden, profis, kraft, guten, kritik, kiss, drogenarbeit
Arbeit zitieren
Raphael Nedaković (Autor), 2012, "Ein Laden von Profis für Profis..." oder von der "Kraft des Guten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196434

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