Ganzheitliche Stimmtherapie. Dargestellt an der Feldenkraismethode


Examensarbeit, 2002

94 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundbegriffe
2.1 Ganzheitliche Stimmtherapie
2.2 Feldenkrais-Methode

3 Stimme und Stimmtherapie
3.1 Stimme und Sprache
3.2 Entwicklung der Stimme beim Kind
3.3 Stimmdiagnostik
3.4 Maßnahmen innerhalb der Stimmtherapie
3.4.1 Wahrnehmungszentrierten Maßnahmen
3.4.2 Körperzentrierten Maßnahmen
3.4.3 Emotionszentrierte Maßnahmen
3.4.4 Stimmzentrierte Maßnahmen
3.4.5 Sprechzentrierte Maßnahmen
3.4.6 Interaktionszentrierte Maßnahmen
3.4.7 Therapiebegleitende Maßnahmen

4 Funktionelle Stimmstörungen
4.1 Definition
4.2 Ätiologie
4.3 Einteilung der Funktionellen Stimmstörungen
4.3.1 Phonoponosen
4.3.1.1 Hyperfunktionelle Dysphonie
4.3.1.2 Taschenfaltenstimme
4.3.1.3 Hypofunktionelle Dysphonie
4.3.1.4 Dysphonia mixta
4.3.1.5 Phonasthenie
4.3.1.6 Berufsdysphonie
4.3.2 Phononeurosen
4.3.2.1 Psychogene Dysphonie
4.3.2.2 Psychogene Aphonie
4.3.2.3 Hyperfunktionelle Form der psychogenen Aphonie
4.3.2.4 Hypofunktionelle Form der psychogenen Aphonie
4.3.2.5 Spastische Dysphonie
4.3.2.6 Inspiratorische Stimmgebung
4.3.2.7 Psychogene Fistelstimme
4.3.3 Dysodie

5 Dysphonien im Kindesalter
5.1 Symptome der Dysphonie im Kindesalter
5.2 Ursachen von Stimmstörungen im Kindesalter
5.2.1 Prädisponierende konstitutionelle Faktoren
5.2.2 Habituell-funktionelle Faktoren
5.2.3 Umweltbedingungen
5.3 Verbreitung von Stimmstörungen im Kindesalter
5.4 Mögliche Auswirkungen von Stimmstörungen bei Kindern
5.4.1 Angst bei Stimmstörungen
5.4.1.1 Angst
5.4.1.2 Wie Angst das körperliche Verhalten beeinträchtigt
5.4.1.3 Zusammenhang von Angst und Stimmstörungen
5.4.2 Aggression bei Stimmstörungen
5.4.2.1 Aggression
5.4.2.2 Zusammenhang von Aggression und Stimmstörungen
5.5 Prophylaxe von Stimmstörungen
5.6 Therapieinhalte bei funktionellen Stimmstörungen
5.6.1 Basisarbeit an den dem Sprechen zugrunde liegenden Faktoren
5.6.2 Übungen zur Stimmfunktion und zum Sprechvorgang
5.7 Die Rolle des Lehrers

6 Ganzheitlichkeit in der Stimmtherapie bei Kindern
6.1 Ganzheitliche Betrachtung
6.2 Entwicklung funktioneller Einheit
6.2.1 Gleichgewicht
6.2.2 Orientierung im Raum
6.2.2.1 Sehen
6.2.2.2 Gehör
6.2.3 Koordination
6.2.4 Integration der Sinne

7 Die Feldenkrais-Methode in der Therapie von Stimmstörungen
7.1 Die Methode
7.1.1 Biographie von Moshé Feldenkrais (1904 – 1984)
7.1.2 Theoretische Grundlagen der Feldenkrais – Methode
7.1.3 Unterrichtung in der Feldenkrais–Methode
7.1.4 Methodische Zugänge
7.1.5 Um welche Funktionen geht es in der Feldenkrais-Methode
7.1.6 Ziele der Methode
7.1.7 Zielgruppen der Feldenkrais-Methode
7.2 Verfahrensweisen bei der Feldenkrais-Methode
7.2.1 Bewusstheit durch Bewegung
7.2.1.1 Unterschied von Bewusstsein und Bewusstheit
7.2.2 Funktionale Integration (FI)
7.3 Lernen
7.3.1 Förderung von Lernerfahrungen
7.3.2 Organisches Lernen

8 Die Bedeutung der Feldenkrais-Methode in der stimmtherapeutischen Praxis
8.1 Förderung der Selbstwahrnehmung
8.2 Förderung der muskulären Tonusregulation
8.3 Förderung der Dynamik der Körperhaltung
8.4 Förderung des Atemgeschehens
8.5 Förderung der Persönlichkeitsentwicklung
8.6 Lernen in der Stimmtherapie
8.7 Praktische Anwendung der Funktionalen Integration bei Kindern
8.8 Arbeitsgrundlage für den Lehrer zur Ausführung der Funktionalen Integration bei Kindern

9 Stimmfunktion und Funktionszusammenhänge als ganzheitlicher Prozess
9.1 Beine
9.2 Rumpf
9.3 Hals und Kopf

10 Anwendung des organischen Lernens auf Atem und Stimme
10.1 Atemrhythmus und Bewusstsein
10.2 Atemspiele
10.3 Der Stimmeinsatz
10.4 Der Stimmlippenschluss

11 Überlegungen zur Integration von Feldenkrais-Übungen als Stimmtherapie in das Unterrichtsgeschehen

12 Zusammenfassung

13 Abbildungsverzeichnis

14 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Kindes- und Jugendalter nehmen die Sprachstörungen an Häufigkeit zu. Wobei die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der auftretenden Störungen aus der Komplexität des Systems der Sprache resultieren. Dieser Komplexität begegnen die ganzheitlichen Formen der Stimmtherapie. Die Feldenkrais-Methode stellt eine Form dieser ganzheitlichen Therapien dar, die unter dem Aspekt der Anwendbarkeit und den Formen der derzeitigen Anwendung in der Stimmtherapie betrachtet wird.

Das Ziel meiner Arbeit ist es, die Grundlagenkenntnisse der Feldenkrais-Methode darzulegen sowie die Suche/Recherche nach Ansätzen der Anwendung dieser Methode im stimmtherapeutischen und schulischen Bereich.

Im Vorfeld gebe ich einen theoretischen Überblick über die funktionellen Stimmstörungen und gehe auf die Dysphonien im Kindesalter näher ein. Die Notwendigkeit der Anwendung ganzheitlicher Methoden zeigt die Betrachtung der unterschiedlichen funktionellen Stimmstörungen und deren mögliche physische und psychische Ursachen. Eine wesentliche Grundlage für die Entfaltung der Kommunikationsfähigkeit des Menschen stellen die Stimme und die Sprache dar. Daher gebe ich eine grobe Beschreibung der komplexen Prozesse die zur Entwicklung der Stimme und der Sprache bei Kindern führen. Defizite in der Entwicklung der Stimme werden nicht zuletzt aufgrund der Vielschichtigkeit der Stimmentwicklung mit sehr unterschiedlichen Maßnahmen behandelt, die in einem Überblick erfasst werden.

Der Bekanntheitsgrad der Feldenkrais-Methode ist trotz großer Erfolge in den unterschiedlichsten Bereichen, nicht nur in der breiten Bevölkerung, sondern auch unter den Therapeuten relativ niedrig. Die vorliegende Arbeit eröffnet den Einblick in die Feldenkrais-Methode, die sich im Kern mit dem Menschen als Ganzes auseinandersetzt. Ich gehe auf die Funktionszusammenhänge der Muskulatur des Stimmapparates und der Haltemuskulatur des Körpers, bezogen auf die Stimmfunktion, ein. Am Ende meiner Ausführungen fasse ich einige Überlegungen zur Integration von Feldenkrais-Übungen als Stimmtherapie in das Unterrichtsgeschehen zusammen.

2 Grundbegriffe

2.1 Ganzheitliche Stimmtherapie

Mit Rückblick auf die letzten Jahre lässt sich ein kontinuierlicher Wandel im Bereich der Sprech- und Stimmtherapie erkennen. Ein sich Ablösen von mechanischen Auffassungen und eine Hinwendung zu Betrachtungsweisen, welche interaktionale und systemische Aspekte mit einbeziehen, sind zu beobachten (vgl. Nienkerke-Springer 1996). Inzwischen wird innerhalb der gesamten Sprachheilarbeit immer mehr ursachenbezogen therapiert. Eine Stimmstörung wird nicht mehr nur als primär medizinisch-phoniatrisches Problem angesehen.

Der Aspekt der ganzheitlichen Stimmtherapie wird von Pädagogen (z.B. Schulze, Nienkerke-Springer), Logopäden (z.B. Spiecker-Henke, Oberländer-Gentsch), Lehrern für Atem, Stimme und Sprache (z.B. Saatweber) und Medizinern (z.B. Stelzig) behandelt. Konkrete Ansätze gibt es z.B. in den Bereichen der Bewegungsschulung, Körperarbeit, Tanztherapie und Phonorhythmik (vgl. Grohnfeld 1994). Treten z.B. Stimmstörungen in der Lebenssituation oder im Beziehungs- und Kommunikationssystem auf, können systemtheoretische Aspekte zur ganzheitlichen Analyse von bio-psycho-sozialen Konstellationen beitragen. Es kann Ansätze für die Konstruktion eines mehrdimensionalen Theoriemodells und Praxiskonzept aufzeigen.

Der Begriff „ganzheitlich“ bedeutet nach Deuse (1995) „auf philosophisch-theoretischer Ebene ein adäquates Menschenbild bzw. Erklärungsmodell zur Störungsbeschreibung, in der Praxis eine multifaktoriell, mehrdimensional-systemische und methodenintegrierte Herangehensweise“ (Deuse 1995, 21). In der Praxis zeigen sich die Wechselwirkungen besonders in ganzheitlichen, motorischen bzw. körperbezogenen Förder- und Therapiekonzepten, welche von Seiten des Therapeuten oder Lehrers die Fähigkeit zur Integration der verschiedenen diagnostischen Momente und therapeutischen Methoden voraussetzen (vgl. Deuse 1994). Ganzheitliche Theoriemodelle und Praxiskonzepte haben zum Ziel, anhand von geeigneten Inhalten in Förderung, Therapie und Unterricht, jeden Menschen bei der möglichst selbständigen Bewältigung seiner momentanen Lebenssituation zu unterstützen. Dabei wird sich an den persönlichen Erfahrungen, Stärken und Schwächen der Betroffenen orientiert. Personen aus dem nahen Umfeld sollen so weit wie möglich in die Arbeit mit einbezogen werden (vgl. Deuse1995).

Schulze/Schroeder (1991a) betrachten „den Menschen als eine bio-psycho-soziale Einheit und die Stimmfunktion als ein multifaktiorielles Gefüge mit vielfältigen Wechselbeziehungen“ (Schulze/Schroeder 1991a, 70). Nienkerke-Springer (1994) führt an, dass eine Störung der Stimme, als Bindeglied im Prozess der Kommunikation, auf einen Verlust des Gleichgewichts des Ganzen schließen lässt. Dieser Verlust zeigt sich im stimmlich-körperlichen und psychisch-emotionalen Bereich. Sie sieht den Menschen als eine „Leib-Seele-Geist-Einheit“ und nicht als „Summe der einzelnen Funktionen“. Darüber hinaus bezieht sie „auch kommunikative und interaktionäre Prozesse und ihre Auswirkungen auf das Individuum mit ein“ (Nienkerke-Springer 1994, 397). Scholz (1991) ist der Ansicht, dass Veränderungen oder Auffälligkeiten der Stimme verlässliche Zeichen seelischer Spannungen oder Störungen sind. Als eine „lauthafte Biographie“ bezeichnet Gundermann (1991) die Stimme und Lotzmann schreibt: „die stimmliche Normabweichung mit ihrer sekundären kommunikativen Bedeutung ist immer eingebettet in den primär relevanten, die Sprecher-Hörergemeinschaft konstituierenden Verständigungsprozeß“ (Lotzmann 1991a, 142). Als natürlich betrachtet Oberländer-Gentsch (1993) die enge Verbindung von leib-seelischer Entwicklung und Körperkonstellation und den Wirkzusammenhang zwischen Stimme, Sprechfunktion und Körpersprache.

Nach Deuse (1994) ist im Prinzip der Grundsatz der ‚Ganzheitlichkeit‘ unumstritten. Kritische Äußerungen von Grohnfeld (1987/1988) und Speck (1987) machen darauf aufmerksam, dass eine ganzheitliche und differentielle Theoriebildung, Diagnostik, Förderung und Therapie notwendig sind. Die Betonung der Ganzheit des Menschen schließt nicht aus, dass durch die Kenntnis von einzelnen Aspekten wichtige Informationen erwachsen und zur Diagnostik beitragen können.

2.2 Feldenkrais-Methode

Die Feldenkrais-Methode ist ein spezielles Verfahren zur Gestaltung von Lernprozessen und reicht in die verschiedensten Tätigkeitsbereiche, wie Psychotherapie, Physiotherapie, Ergotherapie, Sport, Gesundheit, Freizeit, Bildung und Beruf hinein. Sie ist nach ihrem Begründer Moshé Feldenkrais benannt. Seine Lebensphilosophie und seine Theorien basieren auf der Einheit von Körper, Seele und Geist.

Die Arbeit des Feldenkrais-Pädagogen befasst sich weder mit Körperarbeit, Gymnastik, Verhaltenstraining, Psychotherapie oder medizinischer Behandlung, „es geht dabei um Lehren und Lernen und nicht um Krankheit und Heilung“ (Feldenkrais 1994, 255).

3 Stimme und Stimmtherapie

Inwieweit wirkt sich eine Stimmstörung auf den sprechsprachlichen Kommunikationsprozess aus? Laut Schulze (1994) verringern sich vor allem die ektosemantisch-emotionalen Sprechanteile. Eine funktionstüchtige Stimme ist variabel und flexibel um die typischen Gleittöne hervorzubringen, welche für das Sprechen notwendig sind. Diese Variabilität und Flexibilität sind bei einer gestörten Stimme reduziert. Die stimmgestörte Person ist in der intonatorischen Leistungsfähigkeit eingeschränkt und kann aufgrund dessen stimmlich nicht adäquat auf kommunikative Situationen reagieren. Beim Zuhörer könnte dadurch ein falscher Eindruck entstehen und z.B. Antipathie und Desinteresse hervorrufen.

Spiecker-Henke (1994) betont, dass jede Stimmstörung auch als eine Kommunikationsstörung anzusehen ist, da es fast immer auch zu Veränderungen der zwischenmenschlichen Beziehungen und Begegnungen kommt. Da die Störfaktoren, welche im Rahmen der Diagnostik aufgedeckt werden müssen, vielfältige sein können, sind die Therapieinhalte breit gefächert. Das Ziel aller Therapiemaßnahmen ist es, den Patienten zu befähigen, eine leistungsstarke und möglichst klangvolle Stimmfunktion, entsprechend seinen individuellen Möglichkeiten, zu erreichen. Die Basis für die Inhalte der Stimmtherapie wird aus der Einsicht gebildet, dass der Mensch eine Leib-Seele-Geist-Einheit ist, worauf ich später noch näher eingehen werde.

Jede Stimmtherapie muss individuell für den einzelnen Patienten erarbeitet werden, es gibt keine Standardbehandlung. Erst eigene Erfahrungen mit seinem Körper und der Stimme sensibilisieren den Therapeuten und ermöglichen ihm die richtigen Entscheidungen im Sinne seiner Patienten zu treffen.

3.1 Stimme und Sprache

Die Stimme ist „die umgangssprachliche Bezeichnung für den Schall, der durch die aus dem Bronchial-Pulmonal-System herausströmende Atmungsluft erzeugt wird“ (Spiecker-Henke/Kunow 1977, 56). Sie spielt in der Koordination von sozialem Verhalten eine wichtige Rolle. Physiologisch gesehen ist sie das Ergebnis des Zusammenspiels von Atmung und Kehlkopf. Phylogenetisch und ontogenetisch ist sie als angeborene und instinktive Funktion zu sehen, die mit den älteren Teilen des Gehirns in enger Verbindung steht (vgl. Spiecker-Henke 1994).

Durch die Stimme ist es möglich, Empfindungen wie Schmerz, Freude, Ärger, Wut, Lachen, Seufzen und Stöhnen auszudrücken. Die Befindlichkeit in einer Sprechsituation und die Persönlichkeit des Menschen spiegeln sich in der Stimme wider. Die Stimmfunktion und der Mensch als Ganzes stehen in engem Zusammenhang.

Die Redensart „Der Ton macht die Musik“ zeigt, wie wichtig es in bestimmten Situationen ist, die richtige Art und Weise des stimmlichen und sprachlichen Ausdrucks zu finden. Die soziale Umwelt, die Gesellschaft, selektiert die für sie passenden Verhaltensweisen. Die Sprachfähigkeit ist angeboren, jedoch entscheiden das soziale Umfeld und die Kultur, in die man hinein geboren wird, wie und auf welche Art und Weise man spricht. Die Sprache als Fähigkeit zur sprachlichen Verständigung befähigt den Menschen, Signale zu produzieren und darauf zu reagieren, diesen einen vereinbarten Sinn zu geben und zu entnehmen. Jede einzelne Person erlernt im Laufe des Erziehungsprozesses ein bestimmtes Verhalten, welches beibehalten und automatisiert wird.

Allen Menschen gemeinsam ist der stimmliche Ausdruck der Gefühle. Beinahe alle Menschen benutzen die gleiche Intonation und Prosodie beim Sprechen, z.B. wird bei einer Frage die Stimme gehoben und am Ende eines Satzes wird sie gesenkt. Der Stimmklang kann anziehend oder ablehnend sein und beim Zuhörer entsprechende Reaktionen hervorrufen.

Beim Sprechen ist das Gesicht in ständiger Bewegung. Mit den Mundwinkeln kann man lachen oder sie traurig nach unten ziehen. Durch Mimik können willentlich Stimmungen, Gefühle, Vorstellungen und Absichten ausgedrückt werden. Der gesunde Mensch als bewusstes Lebewesen ist in der Lage, seine Sprache, Mimik, Gestik und Stimme bewusst zu verändern, um auf den Hörer eine bestimmte Wirkung auszuüben, ihn zu überzeugen oder zu beeinflussen.

Um miteinander zu kommunizieren, müssen die Sprache, die Stimme, das Sprechen, die Rede und das Gehör als einzelne Aspekte der sprachlichen Kommunikation gleichzeitig vorhanden sein. In der Kommunikation werden bewusste Vorstellungen durch die sprachlichen Bedeutungsunterscheidungen, die Semantik und die Artikulation der Sprache vermittelt. Die Bewegungsgrundlagen für die Sprachlaute liefert die Artikulation. Einzelne Laute werden zu Worten verbunden, welche wiederum als Begriffe eine bestimmte Bedeutung haben. Mit Hilfe der Grammatik werden die Begriffe zu Sätzen geformt. Abstrakte Begriffe werden gebildet und Unterscheidungen durch die Sprache gemacht. Der Mensch erschafft sich seine eigene Sprachwelt als geistige Umwelt, in welcher er sich bewegt (vgl. Ingeburg/ Strauch 1997, Petermann 1996).

3.2 Entwicklung der Stimme beim Kind

Die Stimmentwicklung beginnt mit dem ersten Schrei. Und schon kurze Zeit später erkennt jede Mutter ihr Kind am Schreien. Tonhöhe und Dynamik der Lautgebung sind von Kind zu Kind verschieden. Am harten Stimmklang erkennt man Ärger und Unbehagen des Babys. Spiecker-Henke (1977) führte an, dass zu häufiges Schreien mit hartem Stimmeinsatz nach der ersten Schreiperiode zu einer Überlastung der Stimmlippen, mit folgender Heiserkeit führen kann. Besteht die Überlastung über einen längeren Zeitraum, kann es in einigen Fällen zu anatomischen Veränderungen kommen. Ist das Baby zufrieden, dominiert der weiche Stimmeinsatz. Durch Ganzkörperbewegungen, Lallen und Schreie gibt das Kind seiner momentanen Stimmung Ausdruck. Mutter bzw. Vater und Kind stehen in ständigem Dialog. Durch sich immer wiederholende Handlungsfolgen, Gesten, Ausrufe und stimmliche Äußerungen der Eltern, lernt das Kind sie zu verstehen. Ein Baby im Alter von 1 Monat reagiert auf die Stimme oder das Klingen einer Glocke in gleicher Weise. Es kann die Geräusche noch nicht von der Bedeutung her unterscheiden. Die Entwicklung der Sprache beginnt mit der Reaktion auf ein Geräusch. Durch Muskelkontraktionen im Rachen kann das Baby schon Kehllaute erzeugen. Diese Empfindungen tragen dazu bei, das Sprachzentrum im Gehirn anzuregen. Bei der Entwicklung von Sprache und Stimme spielt die Nachahmung eine wichtige Rolle. Deshalb sollte dem Kind die Sprache in phonetisch guter Artikulation und phasenspezifischer Satzbildung, in guter Klangqualität und mit einem richtigen Atemverhalten vorgemacht werden (vgl. Ayres 1992).

Im Alter von 5 bis 6 Monaten fängt das Kind an zu lallen und mit seinen Sprechorganen und seiner Stimme zu spielen. In dieser Phase kann auf das Schreien mit hartem Stimmeinsatz Einfluss genommen werden. Nach der Lallperiode kommt die Phase des Nachahmens. Obwohl das Kind noch nicht in der Lage ist, alle Wörter artikuliert wiederzugeben, ahmt es die Betonung und die Melodie des Wortes richtig nach. Dynamik, Rhythmus und Melodie gehören zu den ältesten strukturbildenden Gliedern der Sprache (vgl. Petermann 1996).

Eine normal entwickelte Kinderstimme liegt beim ersten Schrei in Höhe des a1 und entwickelt sich zum tieferen Stimmbereich. Der Stimmbereich eines fünfjährigen Kindes reicht etwa von a1 bis d1. Danach entwickeln sich auch die hohen Töne. Ein achtjähriges Kind hat einen Stimmumfang ca. von d1 bis d2 (vgl. Spiecker-Henke 1977). Bis zum siebenten Lebensjahr sind bei beiden Geschlechtern die Stimmumfänge etwa gleich. Danach, bis zum Zeitpunkt der Pubertät, können die Stimmgattungen Sopran, Mezzosopran und Alt unterschieden werden. Die Stimmumfänge reichen für Sopran von a bis g2, für Mezzosopran von g bis e² und für Alt von f bis e². Zu Beginn der Pubertät haben die meisten Kinder einen Stimmumfang von 1 bis 1 ½ Oktaven. Bei den Jungen vergrößert sich mit der Pubertät der Kehlkopf und der Stimmklang wird tiefer. Diese Entwicklungsphase beginnt etwa ab dem 14. Lebensjahr und kann von 6 Monaten bis 2 Jahre dauern. Bei den Mädchen ist der Stimmwechsel eher unauffällig und kann vom 10. Bis 14. Lebensjahr erfolgen (vgl. Petermann 1996).

3.3 Stimmdiagnostik

Die Diagnostik von Stimmstörungen ist ein Prozessgeschehen, welches, je nach Erkrankung, verschieden lang dauert. Diagnose und Therapie beeinflussen sich gegenseitig, und sind demzufolge als Ganzes zu betrachten. Besonders im emotional-psychischen Bereich ist das Ermitteln der Ursache der Stimmstörung eng mit dem bestehenden Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Therapeut verknüpft. Der Therapeut ist aufgefordert, sich vorsichtig an den Problembereich heranzutasten. Die Haltung des Therapeuten gegenüber dem Patienten sollte von Echtheit, Akzeptanz und Empathie gekennzeichnet sein. Vorschnelle Befunderhebungen erschweren den Therapieverlauf (vgl. Spiecker-Henke 1994).

Bis zum heutigen Tag ist der Therapeut primär auf die Leistungsfähigkeit seiner Wahrnehmungen angewiesen. Funktionelles Hören als akustischer Erfassungsprozess, gezielte Beobachtung als visueller Erfassungsprozess, funktionelles Erspüren als taktiler Erfassungsprozess und Gespräche als interaktionaler Prozess, tragen zur Befunderhebung bei. Nur durch eigenes Erleben kann sich der Therapeut mit diesen verschiedenen Stufen innerhalb der Wahrnehmungssensibilisierung vertraut machen. Er muss alle Veränderungen bei dem Patienten erfassen, in ihren Zusammenhängen deuten und anschließend interpretieren. Die Auswertung apparativer Verfahren vervollständigt den Befund (vgl. Spiecker - Henke 1994 und 1997).

In der Gesamtheit ist das therapeutische Vorgehen prozesshaft orientiert und vollzieht sich in kleinen Schritten auf der Grundlage der Mehrdimensionalität. Das Ergebnis einer vorangegangenen Maßnahme bestimmt die Richtung und die Auswahl der nachfolgenden Maßnahmen.

3.4 Maßnahmen innerhalb der Stimmtherapie

Die Schwerpunkte innerhalb der Stimmtherapie bilden wahrnehmungszentrierte, körperzentrierte, emotionszentrierte, stimmzentrierte, sprechzentrierte, interaktionszentrierte und therapiebegleitende Maßnahmen (vgl. Spiecker-Henke 1994).

3.4.1 Wahrnehmungszentrierten Maßnahmen

Der Bereich der wahrnehmungszentrierten Maßnahmen befasst sich mit der differenzierten Wahrnehmung gewohnheitsmäßiger Bewegungsabläufe und Klangeindrücke. Der Patient soll sensibilisiert werden, die eigene Empfindung seiner Körperfunktionen, seine muskulären Spannungen und die akustische Wirkung seiner Stimmäußerung wahrzunehmen. Des Weiteren wird eine Veränderung gewohnheitsmäßiger Verhaltensmuster durch die spezifische Schulung der auditiven, kienästhetischen, taktilen und visuellen Eigenwahrnehmung, der auditiven und visuellen Fremdwahrnehmung und der Wahrnehmung von psychischen Reaktionen ermöglicht (vgl. Spiecker-Henke 1994).

3.4.2 Körperzentrierten Maßnahmen

Der Körper ist innerhalb der Stimmtherapie Ausgangs- und Ansatzpunkt mehrerer therapeutischer Interventionen. Die Tonusregulierung und die Harmonisierung der Spannungsverhältnisse stehen im Vordergrund. Das Zusammenspiel zwischen Körperhaltung, Atmung, Phonation und Bewegung ist dabei ein wichtiger Faktor. Eine weitere Maßnahme ist die Weitung der Atemräume. Sie kann durch eine aufrechte Körperhaltung erreicht werden. Des Weiteren werden rhythmisch-dynamische Bewegungsketten mit stimmlichen und sprachlichen Bestandteilen zusammen geschaltet. Eine weitere Maßnahme ist die Regulierung der Atmung unter Berücksichtigung der vegetativen und emotionalen Wirkungen und die Verbesserung der subglottischen Druckverhältnisse bei den unterschiedlichsten Anforderungen an die Phonation (vgl. Spiecker-Henke 1994).

3.4.3 Emotionszentrierte Maßnahmen

Im weitesten Sinne ist die Stimme als emotionaler Kommunikationskanal anzusehen. Seelische Konflikte drücken sich demzufolge oft an der Stimme aus. Die Stimme kann als emotionsentlastendes Ausdrucksorgan verwendet werden durch emotionsgebundene Improvisation der Bewegung, durch emotionale Ausdrucksdynamik im Zusammenhang mit Atmung, Stimme, Bewegung und durch intentionale Ausrichtung von Atmung, Stimme und Bewegung (vgl. Spiecker-Henke 1994).

3.4.4 Stimmzentrierte Maßnahmen

Ein wichtiger Teilbereich der Stimmtherapie sind intensive stimmzentrierte Maßnahmen. Dieser Bereich umfasst die phonatorische Atembalance, die individuelle Sprechstimmlage, die Glottisebene, die Artikulationsebene, die Registerdivergenzen, die Prosodie, die Dauerleistung und die Singstimme (vgl. Spiecker-Henke 1994).

3.4.5 Sprechzentrierte Maßnahmen

Im Rahmen der Therapie machen die Patienten Übungen zum Teilbereich der Silbe, des Wortes und des Satzes. Texte werden in unterschiedlichen prosodischen Variationen, einschließlich ihrer Pausengestaltung, gelesen. Diese neu erlernten Stimm- und Verhaltensmuster sollten frühzeitig in Alltagssituationen angewendet werden (vgl. Spiecker-Henke 1994).

3.4.6 Interaktionszentrierte Maßnahmen

Die Gespräche zwischen Therapeut und Patient sollten kommunikativen Charakter haben. Um das zu erreichen, müssen in der Therapie kommunikationsgerechte Einstellungen und kommunikative Verhaltenssituationen in der Interaktion entwickelt werden. Der Patient soll vorbereitet werden auf alltägliche Situationen, in denen er sich verbal frei äußern kann (vgl. Spiecker-Henke 1994).

3.4.7 Therapiebegleitende Maßnahmen

Während der Behandlung ist es meist notwendig, dass die Therapie von Maßnahmen anderer Therapeuten, z.B. aus den Bereichen der Psychotherapie und Physiotherapie, begleitet werden muss. Weitere therapiebegleitende Maßnahmen betreffen u.a. die Nachsorge im Zusammenhang mit sozialen Eingliederungshilfen und einer speziellen Stimmhygiene (vgl. Spiecker-Henke 1994).

4 Funktionelle Stimmstörungen

4.1 Definition

„Dysphonie bedeutet gestörte Stimme und umfasst als Oberbegriff alle Formen der Störung des Stimmklangs und der Leistungsfähigkeit der Stimme“ (Braun 1999, 70).

„Die funktionell bedingten Abweichungen des Muskeltonus treten entweder im Sinne eines ‚zuviel‘ oder ‚zuwenig‘ auf“ (Wirth 1987, 199). Die Aktivität des Atemapparates, die Spannung der Stimmlippen bzw. der gesamten Kehlkopfmuskulatur und die muskuläre Einstellung des Ansatzrohres und des ganzen Körpers sind davon tangiert. Die Stimmstörung kann bis zur Stimmlosigkeit, der Aphonie, führen. Diese Art von Störung ist gekennzeichnet durch ein verhauchtes oder flüsterndes Sprechen. Eine weitere Form der Dysphonie ist die Dysodie. Sie bezeichnet jegliche Störungen der Singstimme (vgl. Braun 1999, Wirth 1987).

4.2 Ätiologie

Bei der Betrachtung des Menschen als eine bio-psycho-soziale Einheit und der Stimmfunktion als ein multifaktorielles Gefüge, handelt es sich allgemein bei Stimmstörungen um komplexe Ursachen- und Wirkzusammenhänge mit einer großen Anzahl von sozialen, psychischen und organischen Aspekten, die sich ständig wechselseitig beeinflussen. Erst eine Vielzahl von inneren und äußeren Belastungsfaktoren führt zu Funktionsdefiziten. Bei Kindern spielen die gesellschaftlichen Umweltfaktoren eine große Rolle. Mehrere Elemente werden als Ursache für eine funktionelle Stimmstörung angenommen (Abb. 1) (vgl. Spiecker-Henke 1997, Schulze/ Schroeder 1991a).

Eine funktionelle Stimmstörung kann (vgl. Bauer 1994):

als Folge einer organischen Erkrankung des Kehlkopfes auftreten. Die Störung kann sich parallel oder nach Abnehmen der organischen Veränderung bilden.

durch konstitutionelle Faktoren entstehen. Die anlagebedingten Störungen können verursacht werden durch eine eingeschränkte stimmliche Leistungsfähigkeit, durch morphologische Faktoren (z.B. Größe und Form des Kehlkopfes, Masse der Kehlkopfmuskulatur, Hypoplasien der Stimmlippenmuskulatur) und durch eingeschränkte auditive Wahrnehmungsleistungen (Unmusikalität).

durch einen übermäßigen und unzweckmäßigen Stimmgebrauch verursacht werden. Durch bewusstes oder unbewusstes Lernen werden funktionelle Abläufe unphysiologisch eingesetzt. Dies zeigt sich z.B. durch Überschreitung des Stimmumfangs, inadäquate Indifferenzlage, falsche Atemführung und fehlerhafte Stimmtechniken. Auch Verspannungen, welche z.B. von der Wirbelsäule weitergeleitet werden, können zu Störungen der Stimme führen.

verursacht werden durch chronisch körperliche Erschöpfung mit einem zu schwachen Stimmgebrauch. Eine herabgesetzte Leistung ist oft die Folge von z.B. Hypotonie, Anämie, chronischen Lebererkrankungen, nach Gewichtsverlusten. Ein Gefühl der Erschöpfung und wenig Leistungsfähigkeit sind die Hauptsymptome dieser Art von Störung.

aufgrund psychogener Faktoren auftreten. Dazu zählen z.B. psychosozialer Stress, seelische Konflikte, herabgesetzte psychophysische Leistungsfähigkeit, Depressionen u.a..

ausgelöst werden durch primär-organische Veränderungen im Bereich des Stimmapparates und durch Erkrankungen außerhalb des Stimmapparates.

Abbildung 1 Mögliche ätiologische Faktoren bei Stimmerkrankungen (aus: Spiecker-Henke 1997, 66)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.3 Einteilung der Funktionellen Stimmstörungen

4.3.1 Phonoponosen

Hierbei handelt es sich, so Wirth (1987), um Störungen der Stimme durch Überlastung oder fehlerhafte Stimmgebung. Dabei sind psychische Einflüsse kaum von Bedeutung. Bei der eingehenden Untersuchung müssen Schwerhörigkeit oder eine Infektion der oberen Luftwege ausgeschlossen werden.

4.3.1.1 Hyperfunktionelle Dysphonie

Bei den hyperfunktionellen Dysphonien handelt es „sich um eine unabsichtliche, übertriebene Kontraktion der Phonationsmuskulatur einschließlich der Atem-, Artikulations- und Halsmuskulatur. Ein Übergang in eine sekundäre hypofunktionelle Dysphonie im Sinne eines Erschöpfungszustandes ist möglich“ (Wirth 1987, 200). Bei lauten Kindern kann diese Stimmstörung infolge eines unökonomischen Gebrauchs der Stimme auftreten. Konstitutionelle Faktoren, wie Nachahmung von Stimmen oder Gaumenspalten, wirken begünstigend. Durch die Kraftanstrengung beim Sprechen wird die Stimme überlastet und klingt gepresst, rau, klangarm, belegt und diplophon (vgl. Wirth 1987).

Die juvenile hyperfunktionelle Dysphonie ist bei Kindern die häufigste Stimmstörung. Die Jungen sind gegenüber den Mädchen in einem Verhältnis von 3:1 mehr betroffen. Oft entsteht die Störung schon im Vorschulalter. Die Entwicklung von Stimmlippenknötchen geschieht häufig in einem Alter von 5 bis 10 Jahren (vgl. Wirth 1987). Wirth (1987) nennt einige Faktoren, die als Ursache für diese Störung verantwortlich sein können:

Konstitutionelle und habituelle Faktoren

Fehlerhafte Stimmgewohnheiten der Umgebung (familiäre Dysphonie)

Übermäßiger Gebrauch der Stimme durch zu lautes Sprechen und Singen oder schrilles Schreien

Dominantes oder aggressives Spielverhalten

Weitere begünstigende Faktoren:

Obere und untere Atemwegsinfekte

Kehlkopfasymmetrien

Schlussinsuffizienz des Gaumensegels als prädisponierender Faktor für die Bildung von Stimmlippenknötchen

Die Stimme der betroffenen Kinder klingt rau, heiser und oft verhaucht. Die mittlere Sprechstimmlage ist zu tief. Der Zwang sich zu räuspern und zu husten kann zum Automatismus werden (vgl. Wirth 1987).

4.3.1.2 Taschenfaltenstimme

Bei dieser Störung handelt es sich um eine extreme Form der hyperfunktionellen Dysphonie. Die Taschenfalten, welche bei der normalen Stimmbildung nicht benutzt werden, können durch Schwingungen im pathologischen Fall, Stimme erzeugen. Es liegen keine organischen Veränderungen der Stimmlippen vor. Die Stimme wird infolge der Überanstrengung immer schlechter, und kann nur noch mit großer Anstrengung erzwungen werden. Durch andauernde Fehlbelastung des Stimmapparates werden die Taschenfalten mit in die Stimmerzeugung innerviert. Eine tiefe, raue, heisere und gepresste Stimme ist die Folge.

Im Falle von z.B. Kehlkopfoperationen, doppelseitiger Stimmlippenlähmung in Intermediärstellung, chronischer Laryngitis u.a., wird die Taschenfaltenstimme als Ersatzphonation angebildet (vgl. Wirth 1987).

4.3.1.3 Hypofunktionelle Dysphonie

Es handelt sich hierbei um eine verminderte Muskelspannung der Larynxmuskulatur. Dadurch ist die Stimme leise bis flüsternd, matt, heiser, belegt, monoton, resonanz- und intensitätsarm und verhaucht durch unvollständigen Stimmlippenschluss. Die Artikulation ist schlecht infolge einer geringen Kieferöffnung. Die betroffene Person hat eine schlaffe Körperhaltung und die Gesichtsmuskulatur, Artikulations- und Halsmuskulatur sind kompensatorisch verspannt (vgl. Wirth 1987).

4.3.1.4 Dysphonia mixta

Die Symptome der hyperfunktionellen und hypofunktionellen Dysphonie treten, je nach psychischer und vegetativer Gleichgewichtslage, abwechselnd auf (vgl. Wirth 1987).

4.3.1.5 Phonasthenie

Man versteht unter dieser Form der Störung eine „abnorme Stimmermüdung auf hypofunktioneller Basis ohne Heiserkeit und ohne objektivierbare laryngostroboskopische Symptomatik“ (Wirth 1987, 214).

4.3.1.6 Berufsdysphonie

Die Berufsdysphonie tritt vorwiegend bei Personen mit Sprechfunktionen auf. Die Stimmstörung drückt sich aus durch Heiserkeit, anstrengendem Sprechen, schneller Sprech- und Stimmermüdung und schneller Erkältungsanfälligkeit. Häufig kommt es zu organischen Veränderungen an den Stimmlippen (vgl. Wirth 1987).

4.3.2 Phononeurosen

Es handelt sich um Dysphonien, welche durch akute oder chronische psychogene Faktoren verursacht werden. Meist liegt nur ein geringer pathologischer Befund vor, die Störung kann aber erheblich sein und bis zur Aphonie führen (vgl. Wirth 1987).

4.3.2.1 Psychogene Dysphonie

Durch Stresssituationen, psychische Belastungen, Depressionen und Neurosen kann diese Störung hervorgerufen werden. Hauptsymptom ist eine ständige Heiserkeit, die mit einer Hypo- oder Hyperfunktion der Larynxmotilität einhergehen kann. Weitere Anzeichen für diese Störung können eine hauchige Stimme, wechselnde Stimmsymptome, Pressen beim Sprechen und neurovegetative Symptome sein (vgl. Wirth 1987).

4.3.2.2 Psychogene Aphonie

Die betroffene Person erleidet eine Stimmlosigkeit. Nur noch ein flüsterndes oder verhauchtes Sprechen ist möglich. Hervorgerufen wird diese Störung durch Stress, Depression, Neurose, psychische Belastung und Schreckerlebnisse (vgl. Wirth 1987).

4.3.2.3 Hyperfunktionelle Form der psychogenen Aphonie

Die Stimme ist tonlos und klingt gepresst. Diese Form der psychogenen Aphonie kann aufgrund psychischer Faktoren, als Folge nach einer akuten Laryngitis oder der Dekortikation der Stimmlippen entstehen (vgl. Wirth 1987).

4.3.2.4 Hypofunktionelle Form der psychogenen Aphonie

Die hypofunktionelle Form der psychogenen Aphonie kann ganz plötzlich auftreten und ebenso plötzlich wieder verschwinden. Ein nervöser Reizhusten tritt als Begleiterscheinung auf (vgl. Wirth 1987).

4.3.2.5 Spastische Dysphonie

Nach meist längerer seelischer, körperlicher oder soziologischer Erkrankung kommt es bei der spastischen Dysphonie infolge eines Stimmritzenkrampfes bei der Phonation zur Störung der Stimmgebung beim Sprechen. Die Entstehungsursachen sind noch ungeklärt. Nach Wirth (1987) sind die Ursachen im neurologischen und psychischen Bereich zu suchen. Die Symptomatik ist vielfältig. Die Stimme hört sich gequält, ächzend, angespannt und knarrend an. Die Erkrankung kann in schlimmen Fällen bis zur Stimmlosigkeit führen. Bei dem Versuch zu sprechen entsteht der Eindruck, als ob der Patient würgen würde. Die Artikulation ist sehr mühsam und der Patient fällt durch eine übertriebene Mimik auf (vgl. Wirth 1987).

4.3.2.6 Inspiratorische Stimmgebung

Es handelt sich um eine unphysiologische Stimmgebung bei der Inspiration. Die Ursachen sind psychogen (vgl. Wirth 1987).

4.3.2.7 Psychogene Fistelstimme

Das Stimmregister ist sehr hoch, wobei die Stimme dünn, ausdrucksarm und wenig modulationsfähig ist (vgl. Wirth 1987).

4.3.3 Dysodie

Die Dysodie, eine Form der Dysphonie, ist eine Störung der Gesangsstimme. Sie tritt meist bei Sängern auf infolge von Überbeanspruchung, falsches Atmen beim Singen, unreines Singen, Singen in einer falschen Tonlage und durch Überschreitung des Stimmumfangs (vgl. Wirth 1987).

5 Dysphonien im Kindesalter

5.1 Symptome der Dysphonie im Kindesalter

Eine Stimmstörung liegt gewöhnlich vor, wenn das Kind während einer Zeit von 3 Monaten meistens heißer, rau oder gepresst spricht. Die Heiserkeit entsteht durch das Austreten unmodulierter Ausatmungsluft bei nicht vollständigem Stimmritzenschluss oder sie beruht auf einer nicht periodischen Stimmlippenschwingung (vgl. Schulze 1994).

Der Stimmumfang ist eingeschränkt und die Stimme ermüdet sehr schnell. Die Stimme versagt oftmals, wenn das Kind besonders laut oder leise sprechen möchte. Die betroffenen Kinder klagen über ein Kratzen, Brennen oder Beengungsgefühl im Halsbereich. Dadurch husten sie häufig oder räuspern sich, wodurch die Stimme noch zusätzlich strapaziert wird. Das Singen fällt ihnen schwer, da sie Probleme haben, die Stimme höher oder tiefer zu führen. Gehörte Melodien können diese Kinder nur unsicher nachsingen. Das Sprechtempo kann zu hastig oder verlangsamt sein. Stimmgestörte Kinder werden wegen ihrer heiseren Stimme oft undeutlich verstanden. Die Stimme wird zusätzlich geschädigt bei dem Versuch, lauter und deutlicher zu sprechen(vgl. dgs 1998).

Einzeln oder in Kombination können laut Schulze (1994) Symptome auftreten, wie z.B. Fehler in der Haltung und Atmung, pathologische Stimmeinsätze, Überschreitung oder Unterschreitung der Sprechstimmlage, Artikulationsverlagerungen und resonanzbehindernde Verspannungen, subjektive Stimmbeschwerden und Fehlspannungen der Muskulatur im Hals, in der Mimik und der Atmung.

5.2 Ursachen von Stimmstörungen im Kindesalter

Eine Stimmstörung kann die unterschiedlichsten Ursachen haben. Die Ursache für die Fehlfunktion kann an Körperstellen liegen, an welche man nicht so schnell denken würde. Eine Störung in den Daumensattelgelenken, dem Atlasgelenk, der Halswirbelsäule, der Muskulatur der Lendenwirbelsäule usw. kann bestimmte Auswirkungen auf die Stimme haben. Eine differenzierte stimmtherapeutische Diagnose ist Voraussetzung für eine effiziente Therapie (vgl. Heptner 2000).

5.2.1 Prädisponierende konstitutionelle Faktoren

Eine Stimmstörung ist bei Kindern häufig die Spätfolge einer schweren Atemwegsinfektion sein. Insbesondere wenn eine Kehlkopfentzündung mit zusätzlicher Heiserkeit vorlag. Kindern fällt es meist sehr schwer, die dringend notwendige Stimmschonung zu beachten. Noch schlimmer ist, dass sie durch einen höheren stimmlichen Kraftaufwand oder durch lautes Flüstern versuchen, die Heiserkeit auszugleichen. Auch nach der Genesung wird die Kehlkopfmuskulatur im selben Maße übermäßig beansprucht, da die Kinder sich inzwischen daran gewöhnt haben (vgl. dgs 1998).

Viele chronisch heisere Kinder neigen beim Sprechen zur Hochatmung. Dieses falsche Atmen trägt zur Entstehung einer Stimmstörung bei. Bei der Hochatmung werden die beiden Schultern stark hochgezogen, und dies führt u.a. bei der Hals- und Kehlkopfmuskulatur zu Verspannungen. Durch eine angespannte Körperhaltung oder bei einer Körperhaltung, die nicht im Gleichgewicht ist, entstehen ebenfalls Verspannungen in diesem Bereich. Einige Kinder sind ohne erkennbaren Grund schon seit ihrer frühesten Kindheit heiser. In diesen Fällen wird angenommen, dass die für die Stimmgebung verantwortlichen Muskeln nicht richtig entwickelt sind. Erkrankungen, wie z.B. Stimmlippenpolypen, Kehlkopfpapillome und Kehlkopfasymmetrien können eine Stimmstörung nach sich ziehen(vgl. dgs 1998). Laut der Untersuchungen von Schulze/Schroeder (1991a) liegt nur bei wenigen stimmgestörten Kindern eine Prädisposition im HNO-Bereich oder eine traumatische Kehlkopfschädigung vor.

5.2.2 Habituell-funktionelle Faktoren

Eine der häufigsten Ursachen für Stimmstörungen bei Kindern laut Schulze (1994), ist eine zu laute und angestrengte Stimmgebung beim Spielen. Das extrem laute und angespannte Sprechen wird zur Gewohnheit. Die Folge davon ist die Überlastung der Kehlkopfmuskulatur. Sehr schädlich wirkt sich dieser Missbrauch der Stimme bei laryngealen Entzündungen aus oder wenn diese noch nicht abgeheilt sind. Manche Kinder versuchen mit einer rauen Stimme zu sprechen, um bestimmte Personen aus ihrem Bekanntenkreis, der Musik- oder Filmszene nachzuahmen. Die Nachahmung von Geräuschen mit übermäßiger Stimmgebung oder die Nachahmung negativer Stimmvorbilder können zu Stimmstörungen führen. Eine Reizung und Entzündung an den Stimmlippen kann durch zu häufiges Räuspern hervorgerufen werden. Ein weiterer habituell-funktioneller Faktor ist eine beim Sprechen, Rufen und Singen unökonomische Stimmtechnik (vgl. Schulze 1994).

5.2.3 Umweltbedingungen

Bei der Entwicklung der Stimme spielen die Umweltfaktoren in der Kindheit eine wesentliche Rolle (vgl. Petermann 1996, Schulze/Schroeder 1991a). Sie sind ausschlaggebend für den gefühlsmäßigen Grundtonus der Kinder, da die affektiven und vegetativen Reaktionen durch sie beeinflusst werden. Kinder, die ständiger Hektik, Überforderung und wenig liebvollen Momenten ausgesetzt sind erleiden häufig physisch-psychische Störungen, wie z.B. Bettnässen, Appetitlosigkeit, aggressive Ausbrüche u.a.. Die Folge können Störungen in der Tonuslage der Atemmuskulatur, des Zwerchfells, der Phonationsmuskulatur und der Artikulationsmuskulatur sein, was im ungünstigsten Fall zu einer Dysphonie führen kann (vgl. Petermann 1996).

Ist im häuslichen Umfeld ein lauter Umgangston üblich oder eine schwerhörige Person lebt mit in der Familie, passen sich die Kinder dieser Situation an und sprechen ständig viel zu laut. Der Anpassungsdruck ist häufig auch in Kindereinrichtungen und Schulen gegeben. Den durchschnittlichen Dauerlärm, welcher z.B. in Kindergärten auf Kinder und Erzieher einwirkt, geben Schulze/Schroeder (1991a) mit 80 Dezibel an. Gegen diesen Lärm versuchen Kinder und Erzieher durch einen erhöhten Stimmintensitätsaufwand anzukämpfen. Laut Schulze/Schroeder (1991a) muss der Sprachschallpegel mindesten 10 Dezibel über dem Störgeräuschpegel liegen, um die volle Verständlichkeit des Gesprochenen zu gewährleisten. Eine ständig laute Beschallung durch Musik oder Fernseher kann auch zum veränderten Stimmverhalten beitragen. Bei einer ungünstigen Disposition kann das fortwährend laute und angestrengte Sprechen zu stimmlichen Auffälligkeiten bis hin zu Stimmlippenknötchen führen.

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Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Ganzheitliche Stimmtherapie. Dargestellt an der Feldenkraismethode
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
94
Katalognummer
V19647
ISBN (eBook)
9783638237208
ISBN (Buch)
9783638723459
Dateigröße
2297 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ganzheitliche, Stimmtherapie, Feldenkraismethode
Arbeit zitieren
Claudia Wille (Autor), 2002, Ganzheitliche Stimmtherapie. Dargestellt an der Feldenkraismethode, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19647

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