Diese Arbeit untersucht die Beziehung Frankreichs zu seiner Kolonie Algerien.
Schwerpunkte sind hierbei nicht wirtschaftliche oder politische Prozesse, sondern der
Umgang Frankreichs, ein Land mit einer bedeutenden Menschenrechtstradition1 ,
mit genau diesen Rechten in Algerien.
Dazu ist die Arbeit in drei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil wird dargestellt, wie die
Kolonie aufgebaut war, bzw. wie das Leben in Algerien von 1830 bis 1954 (Beginn
des Unabhängigkeitskrieges) aussah. Im Mittelpunkt meiner Betrachtungen stehen
die Menschen, die im damaligen französischen Algerien lebten. Hier habe ich mich
bewusst auf zwei Gruppen konzentriert, auf der einen Seite die muslimischen
Algerier, auf der anderen die französischen Siedler. Der Umgang untereinander und
die mangelnde Gleichstellung vor dem Gesetz, wie sie aufgezeigt wird, sollen
Begründungen liefern, wie es zu einem Unabhängigkeitskrieg kommen konnte, der in
der heutigen Literatur auch „Das algerische Drama“2 genannt wird.
Dieser Krieg wird im zweiten Teil der Arbeit behandelt. Dabei stehen hier Aspekte
der französischen Kriegsführung im Vordergrund, einen bedeutenden Part nimmt der
Aspekt der Folter ein. Wie sah diese Folter in Algerien aus, wo wird sie begründet,
wie ging man mit den Vorwürfen in Frankreich um? Diese Fragen sollen bearbeiten
werden, bevor im letzten Teil beschrieben wird, wie Frankreich nach der
Unabhängigkeit Algeriens mit diesem Thema umgeht. Ein abschließendes Fazit soll
die erarbeiteten Aussagen zusammenfassen und kritisch hinterfragen.
Eine Bemerkung zum Sprachgebrauch, die Wörter Einheimische, Eingeborene und
Araber, welche zum Teil in Originalzitaten gebraucht werden sind in Algerien heute
negativ besetzt, so verfahre ich wie Rita Maran in ihrem Buch „Staatsverbrechen“
und unterscheide in moslemische Algerier und europäische Algerier.
1 Vgl. Maran, Rita: Staatsverbrechen. Ideologie und Folter im Algerienkrieg. Deutsche Ausgabe. Hamburg 1996.
S. 314 (künftig zitiert: Maran: Staatsverbrechen.)
2 Loth, Wilfried: Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1987. S. 163 (künftig zitiert: Loth:
Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert.)
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Kolonialzeit
2.1 Geschichtlicher Ablauf
2.2 Begründungen für die Kolonisierung
2.3 System in Algerien
2.4 Auswirkungen der Kolonialpolitik
3 Unabhängigkeitskrieg Algerien
3.1 Geschichtlicher Ablauf
3.2 Aspekte der französischen Kriegsführung
3.3 Folter
3.3.1 Folterpraktiken
3.3.2 Frankreich und die intern. Menschenrechte
3.3.3 Begründungen für die Methoden
4 Ausblick
4.1 Frankreichs Reflexionen zum Algerienkrieg
4.2 Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Diskrepanz zwischen Frankreichs Anspruch als Nation der Menschenrechte und dessen tatsächlicher Kolonialpolitik in Algerien. Dabei wird insbesondere analysiert, wie Menschenrechtsstandards während der Kolonialzeit und des Unabhängigkeitskrieges systematisch untergraben wurden.
- Struktur des kolonialen Systems in Algerien und die soziale Schichtung.
- Aspekte der französischen Kriegsführung während des Unabhängigkeitskrieges.
- Systematische Anwendung und Legitimierung von Folter als politisches und militärisches Instrument.
- Vergleich der theoretischen Menschenrechtsnormen mit der praktischen Realität im Algerienkrieg.
- Reflexion über den Umgang Frankreichs mit der kolonialen Vergangenheit nach der Unabhängigkeit.
Auszug aus dem Buch
3.3 Folter
„Folter ist die Suche nach der Wahrheit mit den Mitteln der Peinigung“, so definierte der römische Jurist Azo die Folter im 13. Jahrhundert. Damals war die Folter von staatlicher Seite noch erlaubt. Die Genfer Konventionen legten 1949 eine international anerkannte und folglich im Algerienkrieg rechtskräftige Definition fest: „Zu Erlangung irgendwelcher Auskünfte dürfen die Kriegsgefangenen weder körperlichen noch seelischen Folterungen ausgesetzt werden.“ Auf die rechtlichen Hintergründe soll im Kapitel 3.3.2 noch einmal eingegangen werden, herauszustellen sei, dass die Folter seit Beginn des Krieges 1954 von französischer Seite angewandt wurde und sich bis 1960 über fast das ganze Land als Mittel zum Zweck ausgebreitet hatte. Das DOP ( Détachements opèrationnels de protection) war das zentrale Organ für Verhör und Folter, es hatte systematische Praktiken. So wurde die Folter der Zivilbevölkerung zu einem normalen Vorgang zur Erpressung von Auskünften, der französischer Unteroffizier Armand Frémond schrieb dazu in sein Tagebuch: „[…]. Ein Gefangener ist wichtiger als ein Toter. Man holt das Maximum von Auskünften aus ihm heraus, um neue Aktionen zu starten. Alle Mittel taugen. […], man foltert, die Folter ist normal geworden.“ Der „Höhepunkt“ der Anwendung von Foltermethoden war während der Schlacht um Algier, die französische Regierung ließ zu, „dass die Fallschirmtruppen des Generals Massu, um dem Terrorismus das Wasser abzugraben, die Altstadt von Algier mit Foltermethoden ‚säuberten’“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsbeziehung zwischen Frankreich und Algerien ein und legt den Fokus auf die Diskrepanz zwischen proklamierten Menschenrechten und der Praxis im Kolonialraum.
2 Die Kolonialzeit: Das Kapitel zeichnet den historischen Verlauf, die koloniale Ideologie der „mission civilisatrice“ und das daraus resultierende hierarchische System in Algerien nach.
3 Unabhängigkeitskrieg Algerien: Dieser Abschnitt behandelt die Eskalation zum Unabhängigkeitskrieg, die militärische Strategie Frankreichs und die systematische Verwendung von Folter.
4 Ausblick: Hier wird der Umgang Frankreichs mit der Aufarbeitung des Algerienkrieges reflektiert sowie ein Fazit zur moralischen und politischen Bilanz gezogen.
Schlüsselwörter
Algerien, Kolonialismus, Frankreich, Menschenrechte, Unabhängigkeitskrieg, Folter, mission civilisatrice, Geschichte, Kriegsführung, Algerienkrieg, Entkolonisierung, Staatsverbrechen, Amnestie, Harkis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Beziehung Frankreichs zu seiner Kolonie Algerien unter besonderer Berücksichtigung der Menschenrechtssituation zwischen 1830 und 1962.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die koloniale Gesellschaftsstruktur, die französische Politik vor und während des Unabhängigkeitskrieges sowie die kritische Reflexion über die Anwendung von Folter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem französischen Selbstverständnis als „Nation der Menschenrechte“ und der praktischen Anwendung von Unterdrückung und Gewalt in Algerien aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse historischer Literatur, zeitgenössischer Berichte und menschenrechtlicher Abhandlungen, um den Kontrast zwischen Theorie und Praxis zu belegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des kolonialen Systems, die Eskalation zum Unabhängigkeitskrieg und eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Anwendung systematischer Folterpraktiken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Algerien, Kolonialismus, Menschenrechte, Folter, Unabhängigkeitskrieg und die „mission civilisatrice“.
Welche Rolle spielte das DOP im Algerienkrieg?
Das „Détachements opèrationnels de protection“ (DOP) fungierte als zentrales Organ für Verhör und Folter, welches systematische Praktiken zur Informationserpressung durchführte.
Warum wird die „mission civilisatrice“ als widersprüchlich bezeichnet?
Die Ideologie der „zivilisatorischen Mission“ diente zwar zur Legitimation der Kolonialisierung, widersprach jedoch durch die damit verbundene systematische Entmenschlichung und Folter der algerischen Bevölkerung den eigenen moralischen Grundsätzen.
- Quote paper
- Simon Wibbeler (Author), 2003, Menschenrechte während der Kolonialzeit - Algerien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19653