1. „Nichts in Sicht“ : Erzählung eines sinnentleerten Sterbens
Die Frage, mit der sich Jens Rehn, 1918 geboren und mit bürgerlichem Namen Otto Jens Luther, in seinen Werken immer wieder auseinandersetzt, ist die nach dem „Sinn menschlicher Existenz angesichts der fortschreitenden Selbstvernichtung der Menschheit“. In all seinen Romanen aus den 50er Jahren („Nichts in Sicht“ (1954), „Feuer im Schnee“ (1956), „Die Kinder des Saturn“ (1959)) schafft er eine existenzielle Grundsituation, die entweder durch den Krieg („Feuer im Schnee“, „Nichts in Sicht“) oder durch eine Atomkatastrophe ( „Die Kinder des Saturn“) ausgelöst wird. Er schafft somit Ausnahmesituationen, „die fast bis zur Unwirklichkeit auf ein Minimum an Handlung und eine ‚archetypische Bilderwelt‘ reduziert sind.“ So auch in „Nichts in Sicht“, seinem Erstlingswerk, in welchem der Einzelne mit den individuellen Folgen eines totalen Krieges konfrontiert wird. Dabei geht es Jens Rehn nicht darum, die Realität abzubilden, er entwirft vielmehr eine existenzielle Situation, die keine Realitätsentsprechung fordert; sein Ziel ist es, grundsätzliche philosophische Fragen nach dem Sinn des Daseins mit Hilfe poetischer Bildlichkeit aufzuwerfen. „Die geschilderten Kriegserlebnisse“ sind nur „äußerliche epische Legitimation“ dafür, „eine Grundsituation des Menschen unbarmherzig auszufragen“, wie Siegfried Lenz in seinem Nachwort zur Neuauflage des Romans deutlich macht . Der Text ist also keine Kriegsgeschichte, sondern stellt ein Beispiel für die philosophische Nachkriegsliteratur dar, die sinnlich-bildhaft die Frage nach Sinn und Hoffnung des Einzelnen stellt. Schon der Titel legt die Vermutung nahe, dass es in Jens Rehns Roman keinen glücklichen Ausgang für die beiden Protagonisten geben wird. Verstärkt wird dieser Eindruck mit dem Bild der treibenden Protagonisten und dem Eindruck des Stillstandes von Ort, Zeit und Handlung.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, wie Rehn die angesprochene Grundsituation und Grundkonstellation in Geschehen umsetzt und sie erzählbar macht. Dabei gehe ich zunächst von dem für den Leser Offensichtlichen aus, der Grundsituation der Protagonisten und ihre Einbettung in Raum und Zeit. Damit verbunden ist das zentrale Motiv, das der Sonne. Anhand dieser Aspekte soll zunächst die Grundidee des Textes verdeutlicht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. „Nichts in Sicht“: Erzählung eines sinnentleerten Sterbens
2. Beispielhafte Naturmetaphorik: Die Sonne/ Der Kosmos
3. Die Grundsituation der beiden Protagonisten
4. Die Erzählinstanz
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht erzähltheoretische Aspekte in Jens Rehns Erstlingswerk „Nichts in Sicht“ und analysiert, wie der Autor eine existenzielle Grundsituation in erzählbare Form übersetzt. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie Rehn durch spezifische Erzähltechniken, Metaphorik und die Gestaltung der Protagonisten das Motiv des sinnentleerten Sterbens und die damit verbundene menschliche Isolation im Kontext der Nachkriegsliteratur thematisiert.
- Existenzielle Grundsituation und deren narrative Umsetzung
- Die Funktion der Naturmetaphorik, insbesondere des Sonnenmotivs
- Entindividualisierung und Typisierung der Protagonisten
- Analyse der Erzählinstanz und der narrativen Anachronie
- Die Darstellung von Einsamkeit und Kommunikation in Extremsituationen
Auszug aus dem Buch
2. Beispielhafte Naturmetaphorik: Die Sonne/ Der Kosmos
Die oben skizzierte Situation der Protagonisten findet in Rehns Erzählung ihre Unterstützung in der durch den Erzähler vorgenommenen Beschreibung der Natur bzw. der Umgebung, die bereits vor der Erwähnung beider die Situation umreißt. Bei diesen ersten Sätzen des Romans fühlt man sich zunächst an Borcherts Kurzgeschichten erinnert, die größtenteils mit der Beschreibung der Umgebung beginnen und oft auch mit einer solchen enden. So heißt es z.B. in „Nachts schlafen die Ratten doch“: „Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne. Staubgewölke flimmerte zwischen den steilgereckten Schornsteinen. Die Schüttwüste döste […]“ und am Ende: „Er lief mit seinen krummen Beinen auf die Sonne zu. Die war schon rot vom Abend und Jürgen konnte sehen, wie sie durch die Beine hindurch schien[…].“ Borchert beschreibt die Umgebung seiner Personen expressiv im Reihungsstil und verdeutlicht über die Umgebung deren innere Situation. Zugleich aber wird - liest man diese Zeilen symbolhaft - deutlich, wie letzten Endes die Welt beschaffen ist, es ist keine nihilistische Welt, sondern eine Welt, in der Hoffnung besteht. Diese Hoffnung besteht in der Menschlichkeit, die die Zerrissenheit des Einzelnen zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Nihilismus und Aufbauwillen überwinden kann „Wir selbst sind zuviel Dissonanz“.
Auch Rehns Roman hat den typischen direkten Einstieg in das Geschehen in Form einer knappen Schilderung der Umgebung, die gleichzeitig die Situation der Menschen auf dem Boot bestimmt:
Zusammenfassung der Kapitel
1. „Nichts in Sicht“: Erzählung eines sinnentleerten Sterbens: Die Einleitung erläutert Rehns philosophische Absicht, eine existenzielle Ausnahmesituation abzubilden, die über eine bloße Kriegsgeschichte hinausgeht und die Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins thematisiert.
2. Beispielhafte Naturmetaphorik: Die Sonne/ Der Kosmos: Dieses Kapitel analysiert das zentrale Motiv der Sonne, das hier nicht als lebenspendendes Symbol, sondern als gleichgültige, kosmische Macht erscheint und die Hoffnungslosigkeit der Protagonisten unterstreicht.
3. Die Grundsituation der beiden Protagonisten: Die Arbeit beleuchtet hier die radikale Isolation der beiden Schiffbrüchigen, deren Entindividualisierung und die mythologische Aufladung ihrer ausweglosen Lage.
4. Die Erzählinstanz: Dieser Abschnitt untersucht die erzähltechnischen Mittel, insbesondere den heterodiegetischen Erzähler, lexikoneinschübe und narrative Anachronien, die Distanz schaffen und die Reflexionen des „Anderen“ betonen.
5. Bibliographie: Das Verzeichnis listet die verwendete Primär- und Sekundärliteratur zur Unterstützung der erzähltheoretischen Analyse.
Schlüsselwörter
Jens Rehn, Nichts in Sicht, Nachkriegsliteratur, Existenzialismus, Erzähltheorie, Naturmetaphorik, Schiffbruch, Sinnverlust, Isolation, Entindividualisierung, narrative Anachronie, Sterben, Nihilismus, Symbolik, menschliche Existenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Jens Rehns Roman „Nichts in Sicht“ unter erzähltheoretischen Gesichtspunkten und untersucht die Darstellung einer existenziellen Extremsituation im Kontext der Nachkriegsliteratur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Themen Sinnsuche, Einsamkeit, die Darstellung des Todes, das Verhältnis von Individuum und kosmetischer Welt sowie die erzählerische Gestaltung von Isolation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung verfolgt das Ziel, aufzuzeigen, wie Rehn die Grundsituation der beiden Schiffbrüchigen erzählbar macht und welche Rolle dabei Sprache, Metaphorik und Erzählperspektive spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein literaturwissenschaftlicher Ansatz gewählt, der die erzähltheoretische Analyse mit einer Interpretation der philosophischen und existenzialistischen Implikationen des Textes verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Naturmetaphorik, der Konstitution der Grundsituation der Protagonisten sowie eine detaillierte Analyse der Erzählinstanz und der narrativen Struktur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Existenzialismus, erzähltheoretische Analyse, Isolation, Naturmetaphorik, Sinnverlust und der typisierende Umgang mit Figuren.
Welche besondere Bedeutung hat das Sonnenmotiv im Roman?
Die Sonne fungiert als ambivalent gestaltetes Symbol; sie wird einerseits als gleichgültige, zerstörerische Naturgewalt gezeichnet, andererseits innerhalb des Erzählrahmens als Teil eines ewigen, unbeeinflussbaren Naturkreislaufs personifiziert.
Wie unterscheidet sich die Sprachgestaltung in den Erinnerungen des „Anderen“?
Im Gegensatz zu den lakonischen, fast lexikalischen Beschreibungen des Erzählers sind die Erinnerungen in einem parataktischen Stil gehalten und werden in erlebter Rede wiedergegeben, was einen direkten Einblick in die Gefühlswelt des Charakters ermöglicht.
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- Rike Schneege (Author), 2008, Erzähltheoretische Analyse von Jens Rehns Erstlingswerk "Nichts in Sicht", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196635