Green Street Hooligans

Stand Your Ground - And Your City!


Seminararbeit, 2012

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Einführung in die Hooligan-Subkultur

3. Kontextualisierung durch Lexi Alexanders Biographie

4. Filmdramaturgische Analyse der Rolle der Stadt
4.1 Kurze Zusammenfassung des Filmgeschehens
4.2 genutztes Urbild
4.2.1 Lass den Fight beginnen
4.2.2 Die Gassen des Ghettos
4.2.4 gestrandet im Dorf
4.2.4 Die einsame Tunnelfahrt
4.2.5 Das große Finale
4.3 Unterschiede zum Urbild der Stadt in „La Haine“
4.3.1 Gemeinsamkeiten
4.3.2 Unterschiede
4.3.3 Konsequenz für die Aussagen der Filme

5. Fazit und Bewertung des Films

1. Einleitung

Die diesjährige Bundesligasaison scheint überschattet von Randalen, Hooligan-Ausschreitungen und Pyrotechnikeinsatz. So rückten unter anderem Spiele wie das DFB-Pokalspiel BFC Dynamo vs. FC Kaiserslautern 1 , BVB Dortmund vs. SG Dynamo Dresden 2, aber auch die Spiele der 2. Bundesliga FC Hansa Rostock vs. FC St. Pauli 3 und Eintracht Frankfurt vs. SG Dynamo Dresden 4 in den Fokus der Öffentlichkeit.

In den Medien wurde wiederholt über Zwischenfälle berichtet, allerdings zeichnete sich ein Großteil dieser Berichte durch Unwissenheit der Autoren aus. Dort wurde friedlicher, stimmungsfördernder Einsatz von Bengalischen Lichtern ( auch Bengalische Feuer/Fackeln oder Bengalos genannt ), welcher seit den 1970er Jahren im Stadion vorherrscht und früher gern als Werbemittel genutzt wurde5, mit schlimmsten Ausschreitung zwischen verfeindeten Hooligan-Gruppen gleichgesetzt. Ultras, die wohl größten Fans eines Fußballclubs, wurden als Chaoten dargestellt und das moderne Eventpublikum, welches sich kaum für den Club einsetzt und interessiert, als „echte Fans“ dargestellt6. Ebenso stigmatisiert wie die Ultras, wurden die Hooligans. Auf dem ersten Blick scheinen sie sich wirklich kaum für den Sport zu interessieren, doch beschäftigt man sich näher mit der Kultur, bemerkt man, dass sie ein Leben für den Club leben.7

Dass die Hooligan-Kultur keineswegs nur hohl ist, sich hinter ihr eine ganze Subkultur befindet, mit klaren sozialen Strukturen und Hierarchien, wird jedoch selten vermittelt. Es ist auch nicht leicht zu verstehen, wenn man sich mit der Materie nicht weiter beschäftigt. Doch genau das tat ich. Ich hielt in der 9.Klasse einen Vortrag über die Unterschiede von Hooligans und Ultras, in der 10.Klasse einen Kurzvortrag über den Film Green Street Hooligans und in meiner PibF wurden Verbindungen zwischen Neonazi-Szene und Hooligan-Kultur gezogen. In der 13. Klasse schließlich berichtete ich in meiner 5.Pk detailliert über die Hooliganszene. Dazu las ich auch eine Diplomarbeit über dieses Thema.8

Nachdem ich also theoretisch in die Materie Hooliganismus eintauchte, stellte ich fest, dass das Bild der Hooligans in der Öffentlichkeit einfach nicht objektiv ist. Deshalb bin ich froh, dass es Filme wie Green Street Hooligans, Ultra - blutiger Samstag und Football Factory gibt, die versuchen die Subkultur der Hooligans zu verstehen und diese den Zuschauern näher zu bringen.

Um den meiner Meinung nach besten Film, Green Street Hooligans soll es deshalb vor allem filmdramaturgisch in dieser Hausarbeit gehen.

2. Einführung in den Hooliganismus

Hooligans – Wer sind das und was machen die überhaupt? Bevor ich mich der filmdramaturgischen Gestaltung des Filmes nähere, möchte ich klären, worum es sich bei dem Phänomen Hooliganismus handelt, um anschließend die Bedeutung des Urbanen für diese Subkultur und damit auch für den Film abzuleiten. Ich fasse mich in diesem Punkt jedoch relativ kurz, da das Augenmerk dieser Hausarbeit keineswegs auf der soziologischen Struktur des Hooliganismus sondern auf der Dramaturgie des Films liegt. Wer mehr über diese Szene erfahren möchte, sollte sich mit der Diplomarbeit Die Subkultur der Hooligans – Merkmale, Probleme, Präventionsansätze von Ina Weigelt , welche ich auch als Grundlage für diesen Abriss nehme, mit den Alben, der Geschichte und den Texten der Band Kategorie C – Hungrige Wölfe (und der temporären Abspaltung VollKontaCt) und auch den unter Punkt 1 genannten Filmen befassen.

Woher der Begriff Hooligan stammt, ist umstritten. Laut Ina Weigelt wurde

„ der Begriff zum ersten Mal im Jahre 1898 in einer englischen Tageszeitung im Zusammenhang mit Alkohol und exzessiver Gewaltanwendung auf öffentlichen

Plätzen “ (Weigelt 2004: 13)

genannt. Allerdings sei nicht klar, wie es diese Begrifflichkeit in den öffentlichen Sprachgebrauch geschafft hätte, viele verschiedene Erklärungen würden kursieren. Die beliebtesten Erklärungsversuche gehen entweder auf die irische Familie Houliah, einer

landesweit wegen ihrer gewalttätigen und trinkfesten Mitglieder “ (Ek in Weigelt 2004: 13)

bekannten und in irischen und schottischen Volksliedern besungenen Familie, oder

einer missverständlichen Übernahme von ‚Hooley’s gang ‘“ (Ek in Weigelt 2004: 13)

zurück. Doch auch weitere Erklärungen wie die Schaffung eines englischen Kunstbegriffes werden genannt. Erschwert wird das Ganze sicherlich dadurch, dass ab 1900 der Begriff auch in Russland genutzt wurde, weshalb manche Wissenschaftler und Journalisten vermuten, dass dieser Begriff aus dem slawischen Sprachgebrauch stammt.

In der Fortsetzung des Film Hooligans, Hooligans 2 – Stand your Ground, wird folgende Genealogie erzählt:

Vor 700 Jahren haben Gegner in allen Dörfern ausgestopfte Tierblasen hin und her gekickt. In Chester haben sie ihren Sieg gegen die Wikinger gefeiert, indem sie mit dem Kopf eines Gegners gekickt haben. Fußball wurde so gewalttätig, dass Oliver Cromwell das Spiel wegen Randale verboten hat. 1990 haben wir unseren Namen in West Ham geändert. Bei unserem ersten Spiel im Bowling Ground, auch als Uptown Park bekannt, haben wir Millwall zerstört. 3:0. Die Zuschauerzahlen stiegen im zweiten Weltkrieg auf Rekordhöhe – 30 Millionen Fans die regelmäßig zu den Spielen gingen. Dann in den 50er Jahren, die Wehrpflicht endet. Das britische Empire bröckelt, die Zahl der Einwanderer steigt auf Rekordniveau. Der gewalttätige Mob erscheint. Ein falsch ausgesprochener irischer Namen ‚Houliah‘ schafft es, dass es weltweit einen festen Begriff für randalierende Fußballfans gibt: HOOLIGANS.

Unstrittig ist dagegen, worum es sich bei Hooligans handelt. Hooligans sind so genannte Gewaltbereite Fußballfans (gesammelt in der Kategorie C)9, die, anders als oftmals behauptet, genauso für ihren Club leben, wie die Ultras und damit mehr als jeder einzelne Eventzuschauer. Sie leben ihre Liebe zum Verein halt nur anders aus. Die Old School Hooligans gehen ins Stadion, feuern ihr Team an, verzichten allerdings auf allzu aufwendige Choreographien und meinen ihr Team zu unterstützen, indem sie die Hooligans der gegnerischen Mannschaft nach dem Spiel in der so genannten Dritten Halbzeit schlagen. Bei neueren Hooligans kommt es hingegen häufig zu einer Durchmischung von Ultras und Hooligans, sodass unter anderem Günter A. Pilz, Deutschlands führender Fanforscher, den Begriff Hooltras einführte10. Beispiele dafür sind die Suptras aus Rostock, die Hooligans Elbflorenz aus Dresden (beides Gruppen mit rechter Gesinnung) und auch die Ultras der Eintracht Frankfurt sowie die USP, die Ultra St. Pauli, (beides Gruppen mit linker Gesinnung).

Allein die Beispiele oben zeigen, dass die typischen Vorurteile nur bedingt stimmen. Es ist in der Tat so, dass es Überschneidungen zwischen der Hooligan- und der rechten Szene gibt, mal mehr, mal weniger, schön abzulesen am Werdegang der Band Kategorie C, doch kann dies nicht verallgemeinert werden, genauso gibt es Antifa Hooligans. Dennoch gibt es nicht übersehbare Gemeinsamkeiten. So sind die Gruppierungen hierarchisch organisiert, Frauen haben dort im Normalfall keinen Platz, außer als Groupies der männlichen Hooligans, der Zusammenhalt in der Gruppe steht oft im Mittelpunkt, genauso wie der Ruf, und viele Mitglieder dieser Szene scheinen auf der Suche nach einem Ersatz-Vaterbild (Weigelt 2004). Doch egal ob neue oder alte Schule, ob links oder rechts, ob Pauli oder Rostock, bei Hooligans steht die Gewalt als Ausdrucksmittel des Supports des Teams im Vordergrund. Dabei kann die Gewalt für vieles dienen, sogar als kreatives Ausdrucksmittel, doch meist ist sie nur ein Dampfablassen und Entfliehen des städtischen, langweiligen Alltags. Deshalb sind Hooligan-Gruppen vor allem Phänomene von großen Städten, Städten mit Arbeitslosigkeit oder Industriestandorten. In Deutschland betrifft es vor allem Frankfurt, Dresden, Rostock, Hamburg und mit einigen Abstrichen das Ruhrgebiet und hin und wieder Bremen und München. Berlin ist dagegen vergleichsweise harmlos, da die Hooliganszene bei Hertha BSC kaum existent, beim 1. FC Union nach Jahren endlich überschaubar ist. Lediglich der BFC Dynamo fällt immer wieder auf und hin und wieder auch mal die Fans von Tennis Borussia Berlin, doch da beides schon seit längerer Zeit Vereine sind, die in regionalen Amateurligen spielen, ist deren Gewalt im Vergleich harmlos.

Wie im Film Hooligans in mehreren Szenen ersichtlich wird, müssen die Hooligans keineswegs einfältige und ungebildete Menschen sein. Es gibt unter ihnen genauso Abiturienten, Studenten, Akademiker und Menschen aus angesehenen Berufen. Es sind sogar Fälle dokumentiert, in denen Polizisten samstags Spiele beaufsichtigten um Ausschreitungen zu verhindern, sonntags selbst als Hooligans auftraten – und das über Jahre (stadionwelt 2010).

3. Kontextualisierung durch Lexi Alexanders Biographie

Lexi Alexander war selbst großer Fußballfan, als sie noch in Deutschland wohnte.

Ich fand West Ham, ähm, hat mich an einen Club erinnert, dem ich in Deutschland gefolgt bin, also ich war ein sehr großer Waldhof Mannheim – Fan, und in der Zeit, in der ich noch in Deutschland gelebt hab, waren sie noch in der zweiten und ersten Liga - ich glaub‘, heutzutage spielen die irgendwo auf dem Feld - aber zu der Zeit waren sie sehr bekannt, aber es war auch immer ein Club, der oft sehr viel Pech gehabt hat, aber sehr viel loyale Fans, oft an Geld gemangelt hat, aber die Fans waren immer dabei. […] Bei so ’nem Club, da gibt es ‘ne bestimmte Atmosphäre, also dass die Fans auch kommen, wenn man absteigt, das ist was ganz besonderes, und West Ham United hat diese Atmosphäre wie kein anderer Verein. “ (Lexi Alexander in Hooligans – offizielles Interview)

In diesem persönlichen Statement zur Wahl des Vereins West Ham United als Mittelpunkt des Films, schwingt eine ganze Menge eigene Biographie mit. Bevor Lexi Alexander im Alter von 19 Jahren Deutschland Richtung USA verließ und dort ein Studium an der Piero Dusa Conservatory und der UCLA (Los Angelas) in Schauspiel und Regie begann und als Stuntfrau arbeitete, war sie in Deutschland Kickboxerin und Karateka, mit 19 sogar Weltmeisterin in beiden Disziplinen und Anhängerin des Clubs SV Waldhof Mannheim. Ihr Bruder hatte selbst Kontakte in die Hooligan-Szene des SVW, welche in Deutschland zur damaligen Zeit zu den größeren gehörte, und so kam Lexi Alexander relativ früh mit dieser Materie in Berührung, welche sie dann auch in Gedanken längere Zeit begleitet und dann endlich im Film Green Street Hooligans umgesetzt werden konnte.

4. Filmdramaturgische Analyse der Rolle der Stadt

Der Film Green Street Hooligans nimmt sich der in Punkt 2 beschriebenen Subkultur der Hooligans an und versucht diese dem Rezipienten näher zu bringen. Dabei profitiert das Projekt sicherlich davon, dass die Regisseurin Lexi Alexander in ihrer Jugend selbst mit der Szene in Berührung kam. Um dennoch nicht nur die etische Perspektive bedienen zu können, sondern auch emische Einflüsse in den Film einzubringen, bediente sie sich der Hilfe des ehemaligen Hooligananführers und Hooliganexperten Dougie Brimson (Absolute Astronomy 2011). Dieser veröffentlichte schon viele Bücher über die Hooliganszene und kennt sich vor allem mit der Cogney-Sprache der Hooligans aus (Vgl. Hooligans – offizielles Interview 2006)

Daher waren die Grundlagen für einen authentischen Spielfilm gegeben. Um den Film dann allerdings auch authentisch umsetzen zu können, musste nicht nur eine realistische Story sondern ein glaubwürdiges Setting geschaffen werden. Es musste eine Stadt her, die für Fußball, aber auch für Hooliganismus steht. Die Wahl fiel nicht zufälligerweise auf London. England gilt als das Mutterland des Fußballs, allerdings auch als das Mutterland des Hooliganismus11. Doch gilt London als Hauptstadt des britischen Königsreichs auch als eine Macht, die mit den gleichen Schwierigkeiten wie andere Großstädte zu kämpfen hat: Ghettoisierung, Gangkultur, Straßengewalt. Dies prädestinierte London als Handlungsort des Films.

Ich hab‘ mir gedacht, ich tu die Story also in England setzen, eben weil ich einen englisch-sprachigen Film wollte und weil dort die Hooliganszene sehr groß ist, ja, also in London sind ja 22 professionelle Clubs – einer Stadt, das muss man sich mal vorstellen. Das ist wie West-Side-Story, von Straße zu Straße darf man mit ‘nem anderen T-Shirt net rumgeh’n, ja “ (Lexi Alexander in Hooligans - offizielles Interview 2006)

Ganz ähnliche Tendenzen, der Kampf gegen den Hooliganismus sowie die übersteigerte Bedeutung des Fußballs, gibt es auch in Glasgow zu beobachten. Zwar gibt es hier nur zwei große Fußballclubs, die die gesamte schottische Liga domunieren, doch sind die Derbys beider Teams oft überschattet von sehr gewalttätigen Auseinandersetzungen, da die beiden Vereine je einmal die Protestanten als auch einmal die Katholiken vertreten. So stehen die Hooligan-Ausschreitungen stellvertretend für einen Religionskrieg.

„ Hier ist noch ein anderes Beispiel, ebenfalls von einem schottischen Pokalendspiel zwischen den Glasgow Rangers und Celtic, wiederum im Hampden Park. Die Menge hatte sich in eine solche Erregung gesteigert, daß nach dem Abpfiff Tausende aufs Spielfeld gestürmt waren und angefangen hatten die Torpfosten herauszureißen. In einem Zeitungsbericht hieß es:

‚Berittene Polizisten trafen ein, und in dem folgenden Handgemenge wurden über fünfzig Personen verletzt. Als die Absperrungen niedergerissen waren, häuften die Randalierer die Trümmer auf, übergossen sie mit Whiskey und zündeten das Holz an. Die Flammen griffen auf die Kassenhäuschen über, die nur zwanzig Yard von einem großen Mietshaus entfernt standen. Höchster Alarm herrschte besonders, als die Feuerwehrmänner von der Menge angegriffen und am Löschen gehindert wurden. Kaum hatten sie ihren Schlauch ausgerollt, als die Leute darauf sprangen, ihn mit Messern und Steinen zerfetzten und die Bemühungen der Feuerwehr vereitelten.‘

Die Sitze fingen Feuer und gingen in Flammen auf. Weitere Polizisten kamen, aber als sie einen Zuschauer verhaften wollten, geriet die Menge in Rage und befreite ihn, wobei viele Polizisten verletzt wurden, zwei davon durch Messerstiche. Die Krawalle gingen weiter, auch in der Umgebung des Stadions, und alle Straßenlampen der Gegend wurden zertrümmert. Ein Polizist bekam Messerstiche ins Gesicht.

Aus zwei Gründen sind die Ausschreitungen bei diesem Spiel von Interesse: zum einen sind es die ersten größeren Massenkrawalle in der Geschichte des Fußballs. Sie fanden im April 1909 statt. […] Die schottische Fußball-Liga existierte damals seit zwanzig Jahren. “ (Buford 1990: 195)

Allerdings meinte Alexander Buono, der Ko-Produzent und produzent of Photography, dass es nur eine Stunde dauerte um sich gegen das günstigere Glasgow und für das teurere London zu entscheiden (Vgl. Interview mit Alexander Buono 2006)

4.1 Kurze Zusammenfassung des Filmgeschehens

Matt Buckner, Sohn des New York Times- Journalisten Carl Buckner und Journalismus-Student an der Harvard-Universität, steht kurz vor seinem Abschluss an der US-amerikanischen Elite-Uni. Doch dann findet der Sicherheitsdienst der Universität Drogen in seinem Kleiderschrank, die ihm sein Zimmergenosse Jeremy Van Holden untergeschoben hat.

Mit dem Schweigegeld, das ihm jener Van Holden zahlt, reist Matt nach England um seine Schwester das erste Mal in ihrer neuen Wahlheimat, die sie sich nach dem Tod ihrer Mutter suchte, zu besuchen.

Kaum in England angekommen, macht er die Bekanntschaft mit Pete Dunham, Schwager seiner Schwester und Chef der Green Street Elite – der Hooligangruppe von West Ham United F.C. und geht mit ihm zum Fußball. Über eine Kette von Ereignissen wird er immer mehr Teil der Gruppe und findet sich irgendwann total in die Hooligankultur integriert wieder. Nur dem tragischen Tod Pete Dunhams ist es zu verdanken, dass sich Matt am Ende wieder seines eigentlichen Ziels besinnt, Journalist zu werden, in die USA zurückkehrt und sich per Geständnis von Jeremy Van Holden seinen Studienplatz zurückholt.

4.2 Genutztes Urbild

Dolf Sternberger führte folgende Archetypen als Urbilder der Stadt an:

Die bürgerliche Stadt, die Gottesstadt, die zerstörte Stadt, die ewige Stadt.

Verschiedene Urbilder davon kann man im Film Green Street Hooligans erkennen. So handelt es sich trotz der konstitutionellen Monarchie in England eindeutig um eine bürgerliche Stadt. Dies wird auch immer wieder deutlich, da immer die Bürger und nie eventuelle herrschende Personen im Blickpunkt stehen. Die immer wiederkehrenden Szenen in den Pubs von West Ham United und Millwall F.C., aber auch die Dialoge im öffentlichen Personennahverkehr verdeutlichen diesen Archetypus.

Das zweite Urbild, welches im Film gezeigt wird, ist das der zerstörten Stadt. So werden gleich zu Beginn des Films nach der ersten Schlägerei die Aufräumarbeiten gezeigt und Matt Buckner fragt seine Schwester, ob es einen Terroranschlag gegeben hätte. Hier wird der Fokus ganz klar auf die Zerstörung gelegt, da es sich aber um zerstörte Telefonzellen und Schaufensterscheiben handelte, wird diese Zerstörung ganz klar mit der Stadt und der Urbanisierung assoziiert.

Ich würde das Urbild der zerstörten Stadt gern erweitern und als Urbild der Stadt als gewalttätigen Raum benennen. Dieses Urbild geht mit dem der zerstörten Stadt einher, allerdings wird dieses im Film noch viel deutlicher als ersteres. Ich werde im Folgenden ausgewählte Szenen des Films auf ihr städtisches Urbild, ihre filmdramaturgische Bedeutung und ihr szenenspezifische Aussagekraft hin untersuchen. Anschließend werde ich Vergleiche zum Film La Haine ziehen und etwaige Unterschiede in Dramaturgie, Urbild und Aussage des Filmes aufzeigen.

Abschließend zu dieser einführenden Bemerkung möchte ich ein Zitat von Lesley Lamont-Fisher, der Chef-Maskenbildnerin, anbringen, welches meiner Meinung nach gut verdeutlicht, welche Rolle die Stadt für die ganze Dramaturgie hat.

Und dieser Film ist „very London“. Ich liebe London und seinen Cockney-Akzent. Der Film sollte dementsprechend auch einen London-Look verpasst bekommen. […]Wir wollten einfach diesen leicht verruchten weltweit einzigartigen London-Look zeigen “ (Interview mit Lesley Lamont-Fisher 2006)

4.2.1 Lass den Fight beginnen

Gleich die ersten Sekunden des Films lassen den Rezipienten erahnen, wie die nächsten 106 Minuten verlaufen werden. Er wird direkt in diese Atmosphäre Fußball-Fankultur hineingeworfen, als die GSE, die Hooligan-Gruppe von West Ham United F.C., wie man später erfährt, die Treppen auf den Bahnsteig hinauf läuft, hüpft, rennt und dabei ihren Erkennungssong

Wir haben uns vorgenommen, im Leben zu nichts zu kommen, was uns auch Gott sei Dank, bisher gelang! Trinkfest und arbeitsscheu, doch sind wir United treu, so leben wir, ja, wir, so leben wir. United!

singt. Jeder, der schon einmal beim Fußball war bzw. sich vielleicht sogar aktiv in der Fanszene bewegt, kennt diese Gefühl, in der Gruppe unterwegs zu sein, eigene Songs zu singen und sich einfach als Einheit zu fühlen, mutig, unschlagbar und unbeschreiblich toll – mit diesem ganz speziellen Kribbeln im Bauch.

Interessant ist dabei die Art und Weise, wie diese Szene eingeleitet wird. Zu allererst sieht man Szenen der Großstadt, die Londoner U-Bahn, die Bahnsteige, die Treppen: Alles verschwommen. Die Kamera fixiert sich dabei auf eine am Boden liegende Getränkedose. Der Ruf der Gruppe wird dabei immer lauter und endlich sieht man die Gruppe die Treppe raufrennen und hüpfen, dabei erst die Gesichter, allerdings bleibt die Kamera starr, so dass diese das Bild verlassen und die Kamera sich darauf konzentriert, wie Pete Dunham, der Anführer der Gruppe, die Dose weg kickt.

Diese Szene birgt für mich eine große Sinnhaftigkeit, welche beim unbedachten Sehen des Filmes evtl. verborgen bleibt. So könnte zum einem die verschwommene Darstellung der städtischen Elemente für die Anonymität in der Stadt stehen, da kein punkt direkt fixiert ist, alles verschwimmt und vorbei huscht. Zum anderen beschreibt die Darstellung der U-Bahn in einem dämmerigen Licht und bei nahezu verlassenen Bahnsteigen die Rastlosigkeit, den Umstand, dass die Stadt nie schläft, auch wenn es so scheint.

Nicht zuletzt die Fixierung auf die Dose und das folgende Wegkicken selbiger steht für das Städtische Leben, welches einfach von ganz anderen Sinnbildern, Metaphern, Symbolen bestimmt wird als das rurale Dasein.

Die nachfolgende Diskussion/ Beschimpfungsarie zwischen den verfeindeten Firmen12, dient mehr der Story-Entwicklung als der Darstellung der Stadt. Dennoch hat auch hier das urbane einen klaren Einfluss, da klare Reviergrenzen innerhalb der Stadt gezogen werden13 und die Feinde im eigenen Stadtteil nicht gern gesehen werden.

Während der Beschimpfungen schaukelt sich die Anspannung immer höher und gerade als der Rezipient damit rechnet, dass die erste Gegenstände als Wurfgeschosse missbraucht werden, fährt schließlich noch einmal eine U-Bahn durchs Bild, trennt damit die beiden Gruppen für einen Augenblick, damit danach die Gewalt eskaliert. Dabei kann die U-Bahn nochmals als urbanes Symbol gesehen werden, welches die Menschen zwar für Momente trennen, durch die gute Vernetzbarkeit allerdings auch schnell zueinander bringen kann.

Die anschließende Schlägerei zeichnet sich vor allem durch die rasanten Kameraeinstellungen aus. Durch die spezifische Kameraführung und die Kulisse der Stadt wirkt die Schlägerei damit auch um einiges intensiver als vergleichsweise in Western, egal ob bei High Noon oder bei Bud Spencer und Terrence Hill – Filmen. Zumindest bei letzteren wirkt es zum Teil erheiternd, wenn die Bösewichte in Strohhaufen oder durch glaslose Fenster geworfen werden. Als der Anführer der Tottenhamer Hooligans durch die Telefonzelle geprügelt wird, bleibt dem Zuschauer dagegen das Lachen im Halse stecken.

4.2.2 Die Gassen des Ghettos

Die Zweite Szene, welche ich als analysierenswert erachte, ist die Falle, die die Hooligans vom FC Birmingham Matt Buckner nach dem Spiel zwischen West Ham und ihrer Mannschaft stellen. Nachdem sie beobachteten, dass er sich mit Pete auffallend viel unterhielt, war für sie klar, dass es sich um den

beschissene[n] Yankee bei der achso so stolzen GSE “ (Anführer der als Zulus betitelten Birmingham-Hooligans)

handeln muss. Also lauerten sie ihm in den Gassen auf, um ihm ein Chelsea-Grinsen zu verpassen. Doch die GSE kommt Matt zur Hilfe und schlägt gemeinsam die zahlenmäßig überlegenen Hooligans von Birmingham in die Flucht.

Auch hier wird wieder die Stadt als gewalttätig und zerstört in Szene gesetzt. Während Matt mit hochgezogenen Schultern an der langen Mauer neben der Straße entlangläuft, ahnt der aufmerksame Rezipient schon nichts Gutes, doch als Matt dann an den kleinen dunklen Gassen vorbei läuft, in denen Geschäftsautos und Kleinlaster vor verschlossenen Garagen ähnlich den Berliner S-Bahnbögen stehen und außer viel Dreck und Beton nichts zu sehen ist, weiß man, dass gleich etwas passieren wird, denn solche Gassen stehen einfach sinnbildlich für Ärger, spätestens durch die mediale Aufbereitung der Ghettoisierung. Ausgerechnet als Matt dann durch den engen Tunnel gehen möchte, zersplittert eine Flasche an der Wand neben ihm, das Zeichen, dass die Jagd beginnt. Dadurch das Matt anschließend durch verschiedene Gassen zu flüchten versucht, ohne eine Ahnung, wo es lang geht, ihm aber durch die bedrohliche Enge auch allerlei Fluchtmöglichkeiten genommen sind und hinter der letzten Ecke auch noch ein weiterer Gegner lauert und ihn dann abfängt, wird wieder einmal bewusst gemacht, wie gefährlich die Stadt doch wirken und sein kann. Die bemalten und mit Graffiti besprühten Wände verstärken diesen Charakter nur noch.

Anschließend, nachdem die GSE Matt zur Hilfe eilte und seine drei Peiniger erst verprügelte und dann verjagte, wird der Dramaturgie willen der Van nochmals innerhalb der Gassen durch einen feindlichen Steinwurf beschädigt und durch die anschließende Verfolgung gerät die GSE genau in die Falle der Birmingham-Hooligans, indem sie auf einmal mindestens 20 Gegnern gegenüber stehen. Auch hier ist wieder ein symbolträchtiger Ort gewählt. Nicht etwa ein weites Feld mit vielen Möglichkeit zu flüchten, sondern ein Tunnel mit einem Eingang und einem Ausgang. Sonst Wände, Decke, Boden. Beton, Stein, Enge. Dieses urbane Szenebild verringert die Möglichkeiten der Akteure auf Angriff oder Rückzug, Kampf oder Flucht.

4.2.3 Gestrandet im Dorf

In diesem Abschnitt des Films befindet sich die GSE in einem Expresszug auf den Weg nach Manchester. Da im Jahr zuvor die GSE die Firma von Manchester United im Kampf besiegte und Pete Dunham den damaligen Anführer ziemlich fertig machte, versammelt sich die gesamte Hooliganszene ManUs vor dem Bahnhof. Da der Expresszug nicht anhält hat Bower die Idee, den Zug zum Halt zu zwingen und zieht die Notbremse. Als die Gruppe dann allerdings voller Enthusiasmus aus dem Zug springt, erlebt sie eine böse Überraschung. Sie sind mitten im Nirgendwo gelandet, weit ab von der großen City, im beschaulichen Örtchen Macclesfield.

Diese Szene zeigt einmal mehr die Wichtigkeit der Stadt für die ganze Szenerie. Das ländliche des Dorfes erzeugte eine gewisse Beschaulichkeit und Idylle und steht damit im starken Kontrast zu der lauten, hektischen, schnellen und teils dreckigen Stadt.

Dieser Kontrast wird besonders effektvoll eingesetzt, als die Gruppe vor dem Bahnhof steht und entsetzt feststellen muss, dass weder Taxen noch Busse verfügbar scheinen um sie nach Manchester zu bringen. Verstärkt wird der Kontrast durch verschiedene Kameraeinstellungen. Zum Beispiel fährt nach 50:04 min der Zug durch die menschleere Landschaft, die im Panorama gezeigt wird. Im Vordergrund sieht man eine Schafsherde weiden und in die Geräuschkulisse mischt sich zusätzlich zu den Fahrtgeräuschen des Zuges noch das Blöken der Schafe.

Als ob die Kamera dabei noch den Kontrast zur Stadt betonen möchte, verharrt sie an einem Punkt und lässt den Zug von rechts nach links durch das Bild fahren ohne sich zu bewegen. Im urbanen Raum allerdings ist die Kamera selten starr, eigentlich eher ständig in Bewegung, mal schweifend, mal wackelnd, doch niemals ruhig. Als dann der Umschnitt in den Zug erfolgt, klingelt auch sogleich das Handy, als ob gezeigt werden soll, dass man sich nun wieder in einer urbanen Institution, dem Expresszug zwischen London und Manchester ohne Zwischenstopp, befindet.

Mit ähnlich kontrastierenden Bildern wird auch während der Ankunft am Bahnhof gearbeitet. Als die Gruppe aus dem Zug springt, werden nur die Füße gefilmt. Auf dem Weg die Treppe hinunter befindet sich die Kamera ständig in Bewegung und zeigt mal die Füße, mal die Köpfe, sodass man das Gefühl bekommt, als renne man die Treppe selbst mit hinunter. Im Gang dann fährt die Kamera vorweg und filmt die Gruppe immer im gleichen Abstand, als drehte man sich zur Gruppe um, redete mit ihr und liefe rückwärts. In jenem Moment, als die GSE allerdings registriert, wo sie sich befindet, wird wieder eine Panorama-Einstellungen genutzt, die die menschenverlassene Straße zeigt, ohne Autos und Anzeichen von Hektik.

Diese Szene mit den Kontrasten zwischen Hektik und Idylle, Urbanität und Ruralität, verdeutlich ein weiteres Mal, dass für den Film der urbane Raum einer mindestens mittelgroßen Stadt unerlässlich ist. Bestärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass sie sich doch wieder eines Laster und damit einer urbanen Errungenschaft bedienen, um zum Bahnhof zu gelangen und die Schlägerei mit Utensilien des Straßenbaus bestreiten. Außerdem werden immer wieder Aufnahmen von Überwachungskameras eingeblendet und die Schlägerei mit lauter Rockmusik unterlegt. Auch diese musikalische Untermalung bedient die Urbanität, ist Rock in seinen zahlreichen Facetten von Rock’n’roll über Punk bis Metal und Core immer eine Errungschaft gewisser Städte und urbaner Zentren gewesen, seien es New York, Washington D.C., London oder andere Großstädte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Green Street Hooligans
Untertitel
Stand Your Ground - And Your City!
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Medienwissenschaftliches Seminar)
Veranstaltung
Blick auf die Stadt - Filmdramaturgische Bedeutung des Stadtbildes
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V196657
ISBN (eBook)
9783656228141
ISBN (Buch)
9783656229902
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hooligan, GSE, Green, Street, Hooligans, West, Ham, London, England, Stadt, FIlm, Dramaturgie, Filmdramaturgie, Stadtbild, Fußball, Lexi, Alexander, Filmwissenschaft, Medienwissenschaft, Regie, Regisseur, Großstadt, La Haine, La, Haine, Der, Hass
Arbeit zitieren
Marcel Weigel (Autor), 2012, Green Street Hooligans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196657

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