Kinderbetreuungskonzepte als Faktor der Fertilität in Deutschland und Schweden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Rahmen
2.1 Wohlfahrtsstaat- Regime
2.2 Der deutsche Wohlfahrtsstaat
2.3 Der schwedische Wohlfahrtsstaat

3 Entwicklung der Fertilität
3.1 Entwicklung in Deutschland
3.2 Entwicklung in Schweden

4 Kinderbetreuungskonzept
4.1 Deutschland
4.1.1 Betreuungsformen
4.1.2 Finanzierung der Betreuung
4.2 Schweden
4.2.1 Betreuungsformen
4.2.2 Finanzierung der Betreuung

5 Vergleich und Reflexion der beiden Betreuungskonzepte
5.1 Vergleich
5.2 „Fertilitätsfreundlichkeit“

6 Schluss

7 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung der Fertilität

1 Einleitung

„Kinder sind unsere Zukunft. Sie bestimmen den Weg, den unsere Gesellschaft künftig gehen wird.“[1]

Immer wieder sind diese oder ähnliche Sätze in der Tagespresse zu lesen oder in Grundsatzreden zum Thema Familienpolitik unserer Politiker zu hören. Dennoch ist seit Jahren ein stagnieren der Fertilität unter einem Wert von 1,5 in Deutschland festzustellen (vgl. Abb. 1). In anderen europäischen Ländern steigt die Fruchtbarkeitsrate jedoch seit Jahren wieder an. Die Frage für die deutsche Familienpolitik muss demnach sein, warum es andere Länder schaffen, ihre Geburtenzahlen stetig zu steigern und Deutschland, trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs, keine Steigerung verzeichnen konnte. Schlussfolgernd beeinflussen mehrere verschiedene Faktoren die Entscheidung für oder gegen einen Familienzuwachs.

Meine Arbeit greift speziell Kinderbetreuungskonzepte als ein Faktor für höhere Fertilität auf. Zur besseren Vergleichbarkeit der Fruchtbarkeitsrate habe ich die Konzepte Deutschlands und Schwedens gegenübergestellt. Meine Auswahl für ein Vergleichsland fiel auf Schweden, da das Land europaweit immer Spitzenpositionen bei der Fertilität und den Kinderbetreuungssystemen eingenommen hat. Ein weiterer Grund für diese beiden Vergleichspartner ist deren unterschiedliches Verständnis zur Umsetzung von wohlfahrtsstaatlicher Politik. Deutschland wird eher den konservativen und Schweden den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatsregimen nach Esping- Andersen zugeordnet (vgl. Esping- Andersen 1998: 43ff.).

Da die Geburtenrate von vielen wohlfahrtsstaatlichen Faktoren beeinflusst wird (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010), habe ich mich, als Rahmengebung für diese Arbeit, bei dem Vergleich auf die Betreuungsmöglichkeiten für (Klein-) Kinder bis sechs Jahre konzentriert.

Zielsetzung dieser Arbeit war es, zu erörtern, ob man die unterschiedlichen Betreuungskonzepte von Deutschland und Schweden als einen Faktor für die höhere Fertilität der Skandinavier sehen kann.

Um einen theoretischen Rahmen zu schaffen, werde ich im ersten Kapitel kurz die „drei Welten des Wohlfahrtsstaats“ (Esping- Andersen 1990: 82) erläutern und die beiden Staaten in die Typisierung nach Esping- Andersen einordnen. Bei der Einordnung Deutschlands in das Modell von Esping- Andersen gehe ich auf die westdeutsche Hälfte und das wiedervereinigte Deutschland ein. Im zweiten Kapitel werde ich auf die Entwicklung der Fertilität in Deutschland und Schweden eingehen, um einen Zusammenhang zwischen den Betreuungskonzepten und der Anzahl von Kindern, die eine Frau in ihrem Leben bekommt, herstellen zu können. In dem nächsten Kapitel wird es um die Kinderbetreuungssysteme und deren Umsetzung gehen. Zunächst werden verschiedene Betreuungsformen vorgestellt, um anschließend deren Finanzierungspläne zu erläutern.

Inwieweit die Verläufe der Fruchtbarkeitsraten mit der Familienpolitik der beiden Länder zusammenhängen, wird im letzten thematischen Kapitel mit dem Bezug auf die Kinderbetreuungskonzepte erörtert. Dabei werden die wichtigsten Unterschiede der Betreuungskonzepte nochmals dargestellt und anschließend ausgewertet.

Im Schlussteil werde ich den Inhalt dieser Arbeit zusammenfassen und ein Fazit für Deutschland abgeben.

Im Sinne einer besseren Lesbarkeit des Textes wurde von mir entweder die männliche oder weibliche Form von personenbezogenen Hauptwörtern gewählt. Dies soll keinesfalls eine Benachteiligung des jeweils anderen Geschlechts implizieren.

2 Theoretischer Rahmen

2.1 Wohlfahrtsstaat- Regime

Da es verschiedene Konzeptionen gibt, Wohlfahrtsstaaten zu klassifizieren, beziehe ich mich in dem theoretischen Rahmen auf eine der bedeutendsten Typologien der aktuellen Wohlfahrtsstaatsforschung. Hierbei handelt es sich um Esping- Andersens Konzept der wohlfahrtsstaatlichen Regime (vgl. Lessenich/Ostner 1998: 11ff.). Unter diesen versteht er die „spezifischen Formen des institutionellen Umgangs fortgeschrittener kapitalistischer Gesellschaften der westlichen Welt mit den ineinander verflochtenen Problemkomplexen gesellschaftlicher Arbeit und sozialer Sicherheit.“ (Lessenich/Ostner 1998: 11). Ansätze seiner Einteilung sind dabei drei Kriterien: zum einen die „Aufgabenteilung zwischen Staat, Markt und Familie bei der Wohlfahrtsproduktion“ (Ullrich 2005: 43; s. a. Lessenich / Ostner 1998: 12) und sowie zum anderen die beiden Klassifikationsprinzipien der De- Kommodifizierung und der Stratifizierung (vgl. Esping- Andersen 1998: 36ff.).

„Mit De- Kommodifizierung ist das Ausmaß gemeint, in dem der Wohlfahrtsstaat dem Einzelnen ein Leben unabhängig vom Markt […] ermöglicht.“ (Ullrich 2005: 44). Es ist also ein Kriterium dafür, inwieweit der Staat den Menschen Optionen des Ausstieges aus dem Arbeitsmarkt aus verschiedenen Gründen (altersbedingte, familiäre und gesundheitliche) bietet (vgl. Schmidt 220f., Ullrich 2005: 44f.).

Bei der Stratifizierung „geht es um die Wirkung des Wohlfahrtsstaates auf die soziale Ungleichheit.“ (Ullrich 2005: 45). Esping- Andersen ist es in diesem Zusammenhang wichtig zu erwähnen, dass der Wohlfahrtsstaat nicht einfach nur bestehende Ungleichheit verringert, sondern vielmehr als eigenes System der Stratifizierung angesehen werden muss (vgl. Esping- Andersen 1990: 23).

Nach diesen Kriterien unterscheidet Esping- Andersen drei Wohlfahrtsstaatsregime (vgl. Esping- Andersen 1998: 43ff., Ullrich 2005: 45f.). Es sollte hierbei jedoch bedacht werden, dass es sich bei diesen Wohlfahrtstypen primär um theoretische Konstrukte handelt, die nicht in ihrer reinen Form vorkommen. Reale Wohlfahrtsstaaten können sich demnach nur den jeweiligen Idealtypen annähern (vgl. Ullrich 2005: 46).

Die erste Gruppe bezeichnet Esping- Andersen als „liberale“ Wohlfahrtsstaaten. Diese sind gekennzeichnet durch minimale de- kommodifizierende Effekte, „bedarfsgeprüfte Sozialfürsorge, niedrige universelle Transferleistungen und […] bescheidene Sozialversicherungsprogramme.“ (Esping- Andersen 1998: 43). Eine vertikale Umverteilung (von oben nach unten) wird dadurch weitestgehend vermieden (vgl. Ullrich 2005: 46). Dem liberalen Wohlfahrtsstaatstypus kommen vor allem die angelsächsischen Staaten nahe (vgl. Esping- Andersen 1998: 43f.).

Das zweite Wohlfahrtsstaatsregime bezeichnet Esping- Andersen als „konservativen“ Typ. Dieser ist stark „auf die Gewährung sozialer Sicherheit bei Beibehaltung von Statusunterschieden ausgerichtet. […] Soziale Rechte sind überwiegend klassen- und statusgebunden.“(Ullrich 2005: 46). Die vertikale Umverteilung ist auch bei diesem Typus eher gering. Solche Regime sind nach Esping- Andersen vor allem in Österreich, Frankreich, Deutschland und Italien zu finden (vgl. Esping- Andersen 1998: 44).

Die letzte Gruppe der Wohlfahrtsstaaten bezeichnet er als „sozialdemokratischen“ Typus, da die Sozialdemokratie die treibende Kraft der sozialen Reformen darstellte (vgl. Esping- Andersen 1998: 44). Er ist durch Universalismus und starke de-kommodifizierende Programme gekennzeichnet (vgl. Esping- Andersen 1990: 28). Es wird auf maximale Unabhängigkeit von Markt und Familie gezielt (vgl. Ullrich 2005: 47). Weiterhin ist in diesem Wohlfahrtsstaatsregime die öffentliche Beschäftigung ausgebaut (vgl. Eichhorst et al. 2008: 46). Dem sozialdemokratischen Typus kommt nur eine geringe Zahl an realen Staaten nahe, zu denen neben den skandinavischen Staaten nur noch die Niederlande zählt (vgl. Esping- Andersen 1998: 44f., Ullrich 2005: 47f.).

2.2 Der deutsche Wohlfahrtsstaat

Nach der eben erläuterten Wohlfahrtsstaatstypologie ist Deutschland den konservativen Wohlfahrtsstaaten zuzuordnen. Esping- Andersen beschreibt diese auch als korporatistische Wohlfahrtsstaaten (vgl. Esping- Andersen 1998: 44). Unter Korporatismus versteht man die Tatsache, „dass Verbände […] am Prozess der Politikgestaltung maßgeblich beteiligt werden sollten. […] Oft wird aber auch die Aufrechterhaltung von Statusunterschieden […], ein hoher Einfluss der Kirche und eine Orientierung an traditionalen Familienformen als ‚korporatistisch‘ bezeichnet.“ (Ullrich 2005: 238).

Der deutsche Wohlfahrtsstaat gilt zum einen als korporatistisch, weil die Statusunterschiede von Angehörigen verschiedener Berufszweige organisatorisch aufrechterhalten bleiben und zum anderen, weil verschiedene Interessengruppen und Organisationen an der Ausgestaltung der deutschen Sozialpolitik mitwirken (vgl. Ullrich 2005: 50).

Der „Konservatismus“ auf institutioneller Ebene findet im deutschen Wohlfahrtsstaat vor allem in der Zentralität der Sozialversicherung seinen Ausdruck. Die Höhe der in Deutschland gezahlten Einkommensersatzzahlung (Arbeitslosengeld, Krankengeld, Rente) richtet sich danach, wie viel der Bürger eingezahlt hat. Dieser Betrag wird wiederum nach dem Erwerbseinkommen bestimmt. Somit findet in diesem Bereich eine vertikale Umverteilung, wenn überhaupt, nur auf einem niedrigen Niveau statt. Dies bedeutet, dass die sozialen Ungleichheiten in die Transferleistungen verlängert werden. Typisch für das deutsche Sozialversicherungssystem ist die Beteiligung der Arbeitgeber bei der Finanzierung (vgl. Ullrich 2005: 50f.). Die Zentralität der Sozialversicherungen bedeutet jedoch gleichzeitig, dass anderen Absicherungsformen eine eher geringere Bedeutung zugewiesen wird. „Das gilt sowohl für die Förderung privater Absicherung […], die im liberalen Wohlfahrtsstaatsmodell von Bedeutung ist, als auch für die sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten typischen universalen Leistungen […].“ (Ullrich 2005: 51f.).

Die Lohnarbeitszentrierung, als weiteres Merkmal des deutschen Wohlfahrtsstaates, geht ebenfalls auf den hohen Stellenwert der Sozialversicherung zurück. Da nur Erwerbstätige Beiträge in die Sozialversicherungen zahlen, erwerben auch nur diese für sich und ihre Angehörigen einen Anspruch auf Ersatzzahlungen. Dies bedeutet nun, dass es bei einer hohen Arbeitslosigkeit zu Finanzierungsengpässen kommen kann und Menschen die nie in die Sozialversicherungen eingezahlt haben, auch nur geringe Leistungsansprüche haben. Damit die Menschen auch nach „unten“ abgesichert werden, wurden die Sozialhilfe und andere Fürsorgeleistungen eingeführt. Diese sind am Subsidiaritätsprinzip orientiert (vgl. Ullrich 2005: 51). Unter diesem versteht man die „Auffassung, nach der der Staat erst dann und insoweit in soziale Verhältnisse eingreift, wie sich die Betroffenen weder selbst helfen können, noch in ihrem sozialen Umfeld (insbes. von der Familie) Hilfe erhalten können.“ (Ullrich 2005: 241). Deswegen ist die Sozialhilfe gegenüber der Sozialversicherung nachrangig. Sozialhilfe erhält also nur, wer keinen oder einen zu geringen Anspruch auf Leistungen aus der Sozialversicherung hat. In dieser Zweiteilung spiegelt sich das traditionelle Bild der Arbeiter- und Armenpolitik wider (vgl. Ullrich 2005: 51).

2.3 Der schwedische Wohlfahrtsstaat

Schweden gilt als Prototyp des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates nach Esping- Andersen (vgl. Lundberg/Amark 2001: 171, Schmidt 2005: 220). Im Gegensatz zum deutschen Wohlfahrtsstaat wird im schwedischen Staat die unabhängige Existenzsicherung von Frauen gefördert (vgl. Martinek 2006: 1).

Der schwedische Sozialstaat zeichnet sich durch einen hohen Grad an Universalismus aus. Dies bedeutet, dass alle Bürger einen Anspruch auf ein Mindestmaß an sozialer Absicherung haben. Es werden hohe Sozialleistungen und Ersatzzahlungen geleistet, die dem vorherigen Einkommen sehr nah kommen. Diese Leistungen werden vor allem aus Steuern finanziert und aus diesem Grund sind die Steuersätze insgesamt relativ hoch (vgl. Martinek 2006: 2). Dies resultiert daraus, dass sich Schweden zum Ziel gesetzt, die soziale Ungleichheit zu verringern (vgl. Schmid 2006: 225). „Die schwedischen Sozialversicherungen werden vom Staat organisiert, dadurch kommen Lösungen, die den Markt stärker einbeziehen nur in geringem Maße zum Tragen.“ (Lundberg/Amark 2001: 171).

Außerdem zeichnet sich das schwedische Modell durch eine starke Betonung der Arbeitsgesellschaft aus. Dies bedeutet, dass jeder Bürger seinen Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit sichern sollte. Während Deutschland in den sechziger Jahren Arbeitskräfte aus dem Ausland anwarb, wurden in Schweden die Frauen immer mehr in das Arbeitsleben integriert (vgl. Martinek 2009: 1). Diese Integration erfolgte über mehrere Maßnahmen. Der öffentliche Sektor wurde ausgebaut, sodass vor allem Arbeitsstellen „in Bereichen mit traditionell hohem Frauenanteil“ (Lundberg/Amark 2001: 191) wuchsen. Ein weiterer Punkt zur Steigerung der Integration war der Ausbau des Kinderbetreuungssystems und öffentlicher Pflegeeinrichtungen für kranke und alte Menschen (vgl. Marterbauer 1998: 2).

Ein anderer Pfeiler des traditionellen schwedischen Modells ist eine aktive Arbeitsmarktpolitik. Durch ein gut ausgebautes Vermittlungs- und Bildungssystem wird versucht, Arbeitslose schnell wieder in den Erwerbsprozess zu integrieren. Dies ermöglicht eine hohe Anpassungsfähigkeit des Arbeitsmarktes an die wirtschaftliche Lage (vgl. Marterbauer 1998: 2).

3 Entwicklung der Fertilität

Zur besseren Vergleichbarkeit der Fertilitätsraten von Deutschland und Schweden wird deren Verlauf seit 1960 in Abbildung 1 dargestellt. Unter Fertilität versteht man in der Demografie „die Anzahl von Kindern, die eine Frau in ihrem Leben bekommt.“ (o.A. 2011). Die Fertilitätsraten für die jeweiligen Jahre „beziehen sich auf alle Frauen, die im betrachteten Jahr im Alter von 15 bis 49 Jahre waren. Bei der zusammengefassten Geburtenziffer wird unterstellt, dass diese Frauen einen hypothetischen Jahrgang bilden.“ (Statistisches Bundesamt 2011).

Abbildung 1: Entwicklung der Fertilität

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Weltbank (eigene Darstellung)

3.1 Entwicklung in Deutschland

Bei der Entwicklung der Fruchtbarkeitsrate in Deutschland werde ich nicht explizit getrennt auf die beiden Staaten vor der Wiedervereinigung eingehen, sondern werde bei der Betrachtung der Entwicklung nur die Bundesrepublik Deutschland untersuchen. Zu Beginn der sechziger Jahre konnte ein Anstieg der Fertilität auf den Höchststand nach dem Zweiten Weltkrieg von 2,5 Geburten je Frau verzeichnet werden (vgl. Statistisches Bundesamt 2011). Mit der Einführung der Anti- Baby-Pille Anfang der sechziger Jahre kam es in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehntes zu einem rapiden Einbruch der Geburtenzahlen. Der vorläufige Tiefpunkt war im Jahre 1975 mit einer Fertilitätsrate von 1,45 erreicht. „Das Absinken der […] Geburtenziffer wurde hierbei nicht nur dadurch verursacht, dass tatsächlich weniger Kinder […] geboren wurden. Zu diesem Rückgang der Geburtenhäufigkeit trug auch bei, dass ein immer größerer Teil der Frauen ihre Familiengründung in ein höheres Alter aufgeschoben hat.“ (Statistisches Bundesamt 2011). Von diesem starken Einbruch der Geburtenzahlen konnte sich die Bundesrepublik nie wieder richtig erholen und so schwankt die Fertilität – mit Ausnahme einzelner Jahre – seit 1975 um 1,4 Kinder je Frau. (siehe Abb. 1). Der kurzzeitige Anstieg der Geburten zwischen 1985 und 1990 kann auf den früheren „Babyboom“ in den sechziger Jahren zurückgeführt werden, da die Kinder dieses Jahrzehntes in den neunziger Jahren selbst im gebärfähigen Alter waren. Dieses Phänomen ist als „Echoeffekt“ bekannt (vgl. Peukert 2008: 21).

3.2 Entwicklung in Schweden

Wie in Abbildung 1 zu erkennen ist, unterliegt die Fruchtbarkeitsrate in Schweden großen Schwankungen. Mitte der sechziger Jahre pendelte sich die Fertilität zwischen 2,2 und 2,5 ein (vgl. von Altenbockum 2006). Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten erreichte Schweden zu dieser Zeit einen sehr niedrigen Fertilitätswert (vgl. Peukert 2008: 370f.). Nach der Einführung der Anti- Baby-Pille in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre gab es auch in Schweden einen deutlichen Einbruch der Geburtenzahlen, welcher seinen Tiefpunkt 1980 bei nur 1,74 Geburten pro Frau hatte (vgl. von Altenbockum 2006). Während andere Länder sich von dem „Pillenknick“ nicht erholten, konnte die Fruchtbarkeitsrate in Schweden bis Ende der achtziger Jahre wieder auf über 2 Kinder pro Frau angehoben werden. 1990 lag diese Zahl bei 2,13. „Doch seither ist Schweden das Land in Europa, in dem die Geburtenrate am steilsten bergab geht.“ (von Altenbockum 2006). Den Tiefpunkt erreichten sie im Jahre 2000 bei 1,53 Geburten pro Frau, weit niedriger als in Frankreich, aber dennoch höher als in Deutschland zur gleichen Zeit (1,38). Begründet werden könnte diese Entwicklung mit dem Wirtschaftsverlauf in Schweden. In den achtziger Jahren gab es in der schwedischen Wirtschaft einen Aufschwung, der sich Anfang der Neunziger in eine Rezession gewandelte (vgl. von Altenbockum 2006). Dieser wirtschaftliche Verlauf spiegelt sich auch in der Entwicklung der Fruchtbarkeitsrate (siehe Abb. 1) wider. Seit 2000 ist ein Wiederanstieg der Geburtenrate in Schweden zu verzeichnen, der sich unter anderem mit dem „Nachholeffekt“ erklären lässt. Darunter versteht man, dass die meisten Frauen ihr erstes Kind immer später bekommen und somit eine Verschiebung der Mutterschaft stattfindet. Dies ist jedoch nicht nur ein Phänomen von Schweden, sondern in den meisten europäischen Staaten zu beobachten (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2010: 9ff.).

4 Kinderbetreuungskonzept

In diesem Kapitel geht es um die Kinderbetreuungskonzept in Deutschland und Schweden gehen. Dabei erläutere ich kurz verschiedene Betreuungsformen und deren Finanzierungspläne.

4.1 Deutschland

In der Kinderbetreuung in Deutschland sind verschiedene Traditionen zu beobachten. Einerseits gibt es eine Grenzziehung zwischen den Altersgruppen der null bis drei Jährigen und der drei bis sechs Jährigen (vgl. Oberhuemer/Ulich 1997: 18). Nach dieser Grenzziehung richtet sich auch die Bezeichnung der einzelnen Einrichtungen. „Kindergarten“ bezeichnet man die Einrichtung für Kinder ab drei Jahren bis zum Schulantritt und „Krippe“ ist die Institution für Kinder unter drei Jahren (vgl. Thiersch 2011: 735). Allerdings gibt es in Deutschland immer mehr Einrichtungen die Kinder von null bis sechs Jahren aufnehmen (vgl. Oberhuemer/Ulich 1997: 18).

Andererseits lässt sich in dem strukturellen Aufbau des Kinderbetreuungssystems eine weitere Tradition erkennen. Dieser Bereich gehört in Deutschland zum System der Jugendhilfe und nicht wie in anderen europäischen Staaten zum Bildungssystem. Die gesetzlichen Grundlagen hierfür sind im Sozialgesetzbuch VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) festgelegt (vgl. Thiersch 2011: 735). Aufgrund des Föderalismus in der Bundesrepublik ist die Kinder- und Jugendhilfe in den einzelnen Bundesländern nicht einheitlich geregelt, sondern unterliegt den jeweiligen Sozial- und Bildungsministerien (vgl. Oberhuemer/Ulich 1997: 18).

Eine weitere Besonderheit des deutschen Betreuungssystems ist, dass sich nach 1945 die Kinderbetreuungssysteme in den beiden Staaten sehr unterschiedlich entwickelten und diese Unterschiede bis heute spürbar sind. In der DDR gab es das Recht aller Bürger auf Arbeit, wodurch das Kinderbetreuungsnetz stark ausgebaut sein musste. Die Kinderbetreuung wurde als öffentliche Aufgabe gesehen und staatlich organisiert. Kindergärten waren Ganztagseinrichtungen und gehörten zum Bildungssystem. Durch diesen Umstand standen sie auch in enger Verbindung mit den Schulen. Auch die Kleinkindbetreuung war sehr gut ausgebaut (vgl. Thiersch 2011: 738f.).

Nach der Wiedervereinigung erklärte man das „DDR-Modell“ für überholt und strukturierte es nach dem Konzept der Bundesrepublik um. In Westdeutschland orientierte man sich lange an den Strukturen der Weimarer Republik. Familienpolitische Norm war die Hausfrauen-Familie. Erst nach und nach wurde das Kinderbetreuungskonzept neu überarbeitet und die Anzahl der Einrichtung ausgebaut (vgl. Thiersch 2011: 739).

Diese konservative Einstellung zu neuen Konzepten ist auch heute noch an den Betreuungszahlen der alten Bundesländer spürbar. Aus diesem Grund werde ich bei den Betreuungsformen nicht nur auf die Zahlen der gesamten Bundesrepublik eingehen, sondern auch explizit auf die der alten und neuen Bundesländer.

4.1.1 Betreuungsformen

In Deutschland existieren eine Reihe von unterschiedlichen Betreuungsformen, die sich den verschiedenen Lebenssituationen der Familien anpassen sollen, beispielsweise in Form von Wohnortnähe. Im Folgenden werde ich nun die wichtigsten Formen der Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Deutschland beschreiben.

Kindergarten

Kindergärten sind Betreuungseinrichtungen für Kinder nach der Vollendung des dritten Lebensjahres bis zur Schuleinführung. Diese haben nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz die Aufgabe die Entwicklung des Kindes zu „einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ (KJHG § 1 S.1) zu fördern. Seit 1996 besteht ein Rechtsanspruch auf Besuch einer Tageseinrichtung, woraufhin der Ausbau des Versorgungsnetzes in den alten Bundesländern deutlich vorangetrieben wurde. 2008 besuchten etwa 92 % dieser Altersgruppe eine Betreuungseinrichtung. Diese Betreuung ging aber keinesfalls mit einer Ganztagsbetreuung einher. Es wurde versucht die Betreuungszeit flexibler zu gestalten, aber dennoch gibt es in diesem Feld große regionale Unterschiede (vgl. Thiersch 2011: 736). Die Regel stellen Einrichtungen dar, die täglich sechs Stunden geöffnet haben. Diese sechs Stunden verteilen sich auf die Zeiten von 8- 12 Uhr und von 14- 16 Uhr. Ein weitere Form der Betreuungszeit sind die verlängerten Vormittagsgruppen, die bis etwa 14 Uhr geöffnet sind. Es gibt aber auch Ganztageinrichtungen (vgl. Oberhuemer/Ulich 1997: 89). Hier werden die Kinder auch über die Mittagszeit betreut. Die meisten solcher Einrichtungen beginnen morgens mit dem Frühdienst 6 Uhr und haben auch einen Spätdienst der bis 18 Uhr die Kinder betreut.

In den neuen Bundesländern gab es zu dieser Zeit schon eine Vollversorgung in Form einer Ganztagseinrichtung (vgl. Thiersch 2011: 736). Teilzeitbetreuung kann hier individuell mit den einzelnen Einrichtungen vereinbart werden.

Der Besuch eines Kindergartens ist freiwillig. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Kindergärten mit unterschiedlichen inhaltlichen Konzepten. Unter diesen Einrichtungen haben die Eltern die freie Wahl zu entscheiden, in welcher Institution sie ihr Kind betreuen lassen wollen. Meistens wird aber ein wohnortnaher Kindergarten ausgewählt. Die Träger solcher Einrichtungen sind entweder Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege angeschlossen (z. B. Caritas, Diakonie, …) oder Städten und Gemeinden. In den alten Bundesländern werden etwa 70 % der Kindergärten von Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege betrieben. In den neuen Bundesländern überwiegen kommunale Trägerschaften (vgl. Oberhuemer/Ulich 1997: 89).

[...]


[1] Siehe http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/prj_18754.htm

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Kinderbetreuungskonzepte als Faktor der Fertilität in Deutschland und Schweden
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Soziologie)
Veranstaltung
Wohlfahrtsstaaten im Vergleich
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
27
Katalognummer
V196672
ISBN (eBook)
9783656227397
ISBN (Buch)
9783656227991
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kinderbetreuungskonzepte, faktor, fertilität, deutschland, schweden
Arbeit zitieren
Stephanie Trompelt (Autor), 2012, Kinderbetreuungskonzepte als Faktor der Fertilität in Deutschland und Schweden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196672

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