Bei den Begriffen „Staat“ und „Staatlichkeit“ handelt es sich um zwei Termini, die vermehrt synonym verwendet werden. „Dies geschieht häufig offenbar eher unreflektiert, jedenfalls ohne dezidierte Erläuterungen zu der Frage, warum der eine oder andere Begriff oder beide nebeneinander Verwendung finden“, befindet Gunnar Folke Schuppert in seiner staatstheoretischen Skizze Staat als Prozess. Allerdings ist dieser synonyme Gebrauch von Staat und Staatlichkeit seiner Meinung nach nicht korrekt, da der Staatlichkeitsbegriff in seiner begrifflichen Bedeutung weit über den des Staates hinausgehe und es somit erlaube, „die mit dem Staatsbegriff notwendig einhergehende Verengung zu überwinden“ . Um dieser Aussage weiter nachzugehen, ist es deshalb notwendig, die beiden Begriffe einer genauen Untersuchung zu unterziehen.
Im Rahmen dieser Arbeit werden daher sowohl der Staats- (Kapitel 2) als auch der Staatlichkeitsbegriff (Kapitel 3) analysiert werden. Ferner wird der Frage nachgegangen, ob und inwiefern Staat und Staatlichkeit miteinander verbunden sind.Einleitend wird die Entstehung des frühneuzeitlichen Territorialstaates anhand zweier zentraler mittelalterlicher Konflikte aufgezeigt und die institutionelle Kompetenz des Staates mit der Drei-Elemente-Lehre Jellineks belegt. Die drei einen Staat definierenden Kriterien werden im Mittelpunkt der Veränderungen im und am Ordnungsmodell Staat (2.2.) stehen.
Im Anschluss daran steht in Kapitel 3 der Staatlichkeitsbegriff im Mittelpunkt, der in einem ersten Schritt vom Staatsbegriff abgegrenzt werden wird. Zunächst soll aufgezeigt werden, wie sich Staatlichkeit vom Staatsbegriff unterscheidet, um erste Anhaltspunkte zur Analyse zu erlangen, bevor man sich der genauen Staatlichkeitsdefinition des Berliner Sonderforschungsbereiches 700 zuwendet und die für diese Definition notwendigen Kriterien dargelegt werden. Mit Hilfe dieser Kriterien werden verschiede-ne Formen von Staatlichkeit aufzeigt werden, denen in Kapitel 3.3 der komplexe Bereich des Wandels von Staatlichkeit folgen wird.
Anhand des externen Wandels von Staatlichkeit (3.3.1.) wird veranschaulicht werden, wie schwierig die Begriffe Staat und Staatlichkeit voneinander zu trennen sind und dass es an bestimmten neuralgischen Punkten zu Überschneidungen kommt. Abschließend wird in Kapitel 4 der Frage nachgegangen, ob der Governancebegriff ein geeigneter Ansatz ist, diese Schwierigkeiten zu überwinden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Staatsbegriff
2.1. Die Entstehung und Beschaffenheit des Staates
2.2. Veränderungen im und am Ordnungsmodell Staat
2.2.1. Hybridisierung des Staates
2.2.2. Alternation des Souveränitätsbegriffs
3. Der Begriff der Staatlichkeit
3.1. Abgrenzung des Staatlichkeits- vom Staatsbegriff
3.2. Definition, Kriterien & Formen von Staatlichkeit
3.3. Wandel von Staatlichkeit
3.3.1. Externer Wandel
3.3.2. Interner Wandel
4. Governance
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die begrifflichen Unterschiede und inhaltlichen Verbindungen zwischen den Termini "Staat", "Staatlichkeit" und "Governance". Ziel ist es, den Wandel staatlicher Ordnungsmodelle und die daraus resultierenden Herausforderungen an eine präzise begriffliche Erfassung darzulegen, wobei der Governance-Ansatz auf seine Eignung zur Analyse dieser Übergangsphänomene geprüft wird.
- Analyse der Entstehung und institutionellen Kompetenz des modernen Staates.
- Untersuchung der Transformation von Staatlichkeit durch interne und externe Wandlungsprozesse.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Souveränitätsbegriff im Kontext globaler Entwicklungen.
- Evaluierung des Governance-Ansatzes als analytischen Rahmen für die moderne politische Steuerung.
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Entstehung und Beschaffenheit des Staates
Der Staat als Organisationsmodell politischer Herrschaft entstand aufgrund zweier mittelalterlicher Konflikte, deren Unlösbarkeit „zum Zerfall der Reichseinheit und zum Verblassen der christlichen Reichsidee führten“. Erstens existierte ein Konflikt um den Herrschaftsanspruch zwischen der säkularen und der geistlichen Gewalt und, daraus resultierend, zweitens „der Kampf der beiden Spitzen der Zentralgewalt mit den anderen Kräften und Mächten im Reich, Kirche und Territorien“. Die zentrale Bedeutung, die diesen beiden Konflikten in Bezug auf den Aufstieg des Ordnungsmodells Staat zuteil wird, beschreibt Klaus Roth wie folgt:
„Der Ausgang des ersten Zentralkonflikts […] hatte zu klären, ob sich das vom frühen Mittelalter überkommene Herrschaftsgefüge der religiös-politischen Einheitswelt in irgendeiner Form restituieren und perpetuieren ließ, in dem Kaiser und Papst, Landesfürsten und Bischöfe gemeinsam die Angelegenheiten des Reiches und der Territorien regelten. Sollte kein Modus vivendi gefunden werden, so war die Auflösung der abendländischen Reichseinheit unabwendbar und die Entstehung säkularer Staaten wahrscheinlich geworden. Der zweite Konflikt, der durch den ersten provoziert und forciert wurde, ermöglichte mehrere Alternativen. Durch seinen Ausgang wurde festgelegt, ob künftig der Kaiser oder ob die Gemeinschaft der Fürsten das Reich repräsentieren und regieren würde oder ob die einzelnen Könige Souveränität in ihren Reichen erlangen würden. Sollte die Einheit des Ganzen erhalten werden, so mußte eine Form der Kooperation zwischen den unterschiedlichen Mächten gefunden werden.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung problematisiert den oft synonymen Gebrauch der Begriffe „Staat“ und „Staatlichkeit“ und führt in die Zielsetzung ein, beide Begriffe theoretisch sauber voneinander abzugrenzen.
2. Der Staatsbegriff: Dieses Kapitel erläutert die historische Entstehung des Staates als Ordnungsmodell und diskutiert Veränderungen innerhalb dieses Modells, insbesondere die Hybridisierung und den Wandel des Souveränitätsbegriffs.
3. Der Begriff der Staatlichkeit: Hier wird der Staatlichkeitsbegriff als Analyseinstrument eingeführt, vom Staatsbegriff abgegrenzt und dessen Wandel durch externe und interne Faktoren untersucht.
4. Governance: Das Kapitel evaluiert den Governance-Ansatz als geeigneten Rahmen, um Übergangsphänomene im Wandel von Staatlichkeit analytisch zu erfassen und staatliche Steuerungsprozesse neu zu bewerten.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass die Begriffe Staat, Staatlichkeit und Governance zwar inhaltlich eng vernetzt sind, aber aufgrund ihrer unterschiedlichen analytischen Funktionen differenziert betrachtet werden müssen.
Schlüsselwörter
Staat, Staatlichkeit, Governance, Souveränität, Institutionelle Kompetenz, Territorialstaat, Hybridisierung, Transformationsprozesse, Politische Steuerung, Drei-Elemente-Lehre, Rechtsstaatlichkeit, Politikwissenschaft, Internationale Beziehungen, Ordnungsmodell, Interne und externe Wandlungsprozesse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Untersuchung und begrifflichen Klärung der Termini Staat, Staatlichkeit und Governance sowie deren gegenseitigem Verhältnis im Zuge politischer Wandlungsprozesse.
Welche Themenfelder sind zentral?
Zentrale Themen sind die historische Genese des Territorialstaats, die Definition konstitutiver staatlicher Merkmale, der Wandel von Souveränität sowie die Rolle von Governance in einer sich wandelnden globalen Ordnung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Verengung des Staatsbegriffs auf den modernen Nationalstaat zu überwinden und ein Instrumentarium (Staatlichkeit und Governance) bereitzustellen, das auch defizitäre oder transformierte Herrschaftsformen adäquat erfassen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen politikwissenschaftlich-theoretischen Ansatz, der auf der Analyse bestehender Literatur und der kritischen Reflexion staatstheoretischer Skizzen (insbesondere von Gunnar Folke Schuppert) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der Staats- und Staatlichkeitsbegriff differenziert, die externen und internen Wandlungsprozesse von Staatlichkeit detailliert analysiert und die Eignung von Governance zur Problemlösung geprüft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind unter anderem Staatlichkeit, Souveränitätswandel, Governance-Ansatz, Hybridisierung des Staates und institutionelle Kompetenz.
Wie unterscheidet sich Staatlichkeit vom Staatsbegriff?
Staatlichkeit geht über den formalen Staatsbegriff (nach Jellinek) hinaus und ermöglicht die Erfassung von Gebilden, die keine Staaten im klassischen Sinne sind oder nur defizitäre Leistungen erbringen.
Warum wird der Governance-Ansatz als „Erfolgsdefinition“ bezeichnet?
Der weit gefasste Governance-Ansatz nach Renate Mayntz wird als Erfolgsdefinition gewertet, da er den Staat nicht ausblendet, sondern ihn in ein staatsrelativierendes Konzept integriert und so die Blickverengung auf rein staatliche Steuerung vermeidet.
Welche Rolle spielt die „responsibility to protect“ in der Argumentation?
Das Konzept dient als Beispiel für den Wandel des Souveränitätsbegriffs, da es zeigt, wie die staatliche Schutzpflicht gegenüber der Bevölkerung die uneingeschränkte Souveränität völkerrechtlich einschränkt.
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- M.A. Jochen Kosel (Autor), 2010, Staat(lichkeit) im Wandel, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196799