Der Tod des Pompeius


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Bestattung und Rituale bei den alten Römern

2. Betrachtung und Analyse der Verse 8,472-872 und 9,1-217a
2.1 Inhaltliche Zusammenhänge und Bezugnahme auf das Gesamtwerk
2.1.1 Überblick über das achte Buch
2.1.2 Überblick über das neunte Buch
2.2 Die Person des Pompeius
2.2.1 Der dramatische Charakter des Werkes
2.2.2 Die Charaktere des Pompeius und der Cornelia
2.2.3 Parallelen zum Schicksal Roms
2.3 Anspielungen auf den Tod im gesamten Werk
2.4 Pompeius´ unterschiedlich interpretiertes Verhalten im Sterben
2.5 Der Tod des Pompeius S:
2.5.1 Die Ermordung
2.5.2 Der Einsatz der Tempora in der Mord-Szene
2.5.3 Die notdürftige Bestattung durch Cordus
2.5.4 Die Himmelsperspektive
2.5.5 Das Weiterleben der Seele
2.6 Cornelias Trauer
2.6.1 Cornelias Klage
2.6.2 Ihr Schicksal: Verderben für die Ehemänner
2.7 Reaktionen der Trauernden
2.7.1 Sextus´ Bericht vom Tod des Vaters
2.7.2 Trauerszenen
2.7.3 Catos laudatio funebris
2.8 Parallelen zur Aeneis
2.9 Betrachtung der Textstelle 51-80 (Buch 9)
2.9.1 Metrische Analyse
2.9.2 Deutsche Übersetzung
2.9.1 Sprachliche Analyse mit Bezug auf weitere Textstellen
2.10 Vergleich mit historischen Vorlagen

3. Lucans Bezug zur Person des Pompeius

4. Literaturverzeichnis

1. Bestattungsrituale bei den alten Römern

So wie in jeder Kultur eigene Bestattungsrituale bestehen, war es auch bei den alten Römern, es gab zumeist folgende festgesetzte Rituale: Der Tote wurde gewaschen und – sofern die finanziellen Mittel vorhanden waren – mit wohlriechendem Öl gesalbt und in Festgewänder eingewickelt. So lag er dann einige Tage auf der lectus funebris, dem Totenbett, damit ihn die Trauernden noch gebührend verabschieden konnten. Die Totenklagen der Frauen waren ebenfalls fester Bestandteil. Am Bestattungstag begleitete schließlich ein feierlicher Leichenzug von Musikanten und Klageweibern den Toten, der meist auf dem Totenbett von seinen Verwandten getragen wurde, zum Begräbnisort. Gnaeus Pompeius Magnus wurden weder Bestattungsrituale noch ein würdiges Begräbnis zuteil und die Trauernden hatten nie die Möglichkeit, ihn angemessen zu verabschieden.[1]

Um in der vorliegenden Seminararbeit auf den Tod des Pompeius einzugehen, werden im Folgenden die Verse 472-872 des achten Buches und die Verse 1-217a des neunten Buches genauer betrachtet.

2.1.1 Überblick über das achte Buch

Im Gegensatz zu den anderen Büchern, in welchen die Hauptakteure stetig wechselten, ist das achte Buch, in dem Pompeius´ Flucht nach Ägypten und seine Ermordung geschildert werden, mit der Gestalt des Pompeius in sich personell geschlossen. Inhaltlich lässt sich das Buch in 2 Teile teilen, nämlich die Flucht bis Ägypten (1-471) und die Geschehnisse in Ägypten (472-872). Die erste Szene des ersten Teils beinhaltet die Flucht des Pompeius (1-39), das Warten Cornelias (40-51a), Pompeius´ Ankunft bei Cornelia (51b-108) und seine Abfahrt von Lesbos (109-158). Darauf schließt sich die zweite Szene mit der Flucht zur See (159-255) an; die Abhaltung des Kriegsrates (256-455) und die Fahrt nach Ägypten (456-471) bilden die dritte Szene. Der zweite Hauptteil des Buches ist nun relevant für die weiteren Ausführungen meiner Seminararbeit. In diesem ist ebenfalls eine Dreiteilung erkennbar, wobei die erste Szene (472-542a) bestimmt ist vom Kriegsrat am ägyptischen Hof, bei dem man die Ermordung des Pompeius beschließt und die Ausführung vorbereitet. Hierauf schließt sich als Höhepunkt die Mordszene (560b-711) an, in der sich die Ereignisse fast überstürzen. Dabei lassen sich fünf Unterteile und ein Epilog erkennen: Lucan schildert die Ankunft vor Ägypten (560b-576), die Reaktion Cornelias (577-595a), Pompeius´ Verhalten während seiner Ermordung (595b-636), worin Lucan mit seiner Stellungnahme zum Mord ein retardierendes und gleichzeitig ein steigerndes Moment verwendet, die Schmerzäußerung Cornelias (637-691) und zuletzt die Enthauptung des großen Feldherrn (663-691). Die letzte Szene endet schließlich mit einem Epilog (692-711), in dem kurz Bilanz aus dem Leben des Pompeius gezogen wird: Die Götter haben ihm sowohl das Glück als auch das Unglück ganz gegeben, an seinem Schicksal konnte er nichts ändern. Genau diese Bilanz zieht auch Pompeius selbst in seiner Todesstunde. Anschließend verbrennt Cordus den Toten (712-822). Das achte Buch endet schließlich mit einer Art laudatio funebris (806-872), die der Erzähler selbst auf Pompeius hält und darin dessen Taten aufführt. Diese Passage bedeutet mit dem tragischen Finale einen tiefen Einschnitt im Bezug auf das Gesamtwerk: Es schließt hiermit nicht nur die zweite Tetrade, sondern dem Leser wird auch keinerlei Ausblick darauf gegeben, was danach passieren wird.[2]

2.1.1 Überblick über das neunte Buch

Das neunte Buch bereitet im Hinblick auf die Analyse Schwierigkeiten, da der Dichter sein Werk bekanntermaßen nicht mehr selbst zu Ende führen konnte. Uns liegt also eine nicht getilgte Doppelfassung vor, die von anderen vollendet wurde und die Interpretation einer typisch lukanischen Komposition nicht zulässt. Grob gegliedert erscheint das gesamte Buch dreigeteilt. Im ersten Teil (1-217a) tritt Cato in die Fußstapfen des Pompeius, im zweiten (217b-949) übernimmt er die Führung durch die Wüste, wobei die Trauerpassage um Pompeius (49-217a) für diese Seminararbeit von Bedeutung ist, und im dritten (950-1108) wird der Weg Caesars über Troja nach Ägypten beschrieben. Die zwei Argumente, die das neunte Buch als Beginn einer neuen Tetrade ausweisen, sind die eindeutige Zäsur zum vorherigen Buch und der beinahe fließende Übergang zum nächsten Buch, weil „die Handlungen Caesars als Einheit über die Buchgrenze hinaus fortgeführt werden.“[4][3]

Für die Seminararbeit werden nun folgend die Verse 1-217a betrachtet: Den Beginn stellt das Proömium (1-30a) dar, in den bis Vers 18 die Apotheose beschrieben wird. Ab Vers 19 wird das Anliegen zum Ausdruck gebracht, dass der Geist des Pompeius zur Fortsetzung des Bürgerkriegs in Cato und Brutus übergehe, da die Soldaten nach dem Tod ihres Feldherrn kriegsmüde sind. Darauf folgen vier Teile, die nacheinander die Maßnahmen Catos nach der Schlacht bei Pharsalus (30b-50), die Reaktion Cornelias auf den Tod ihres Mannes (51-119) und die Berichterstattung des Sextus Pompeius vom Tode des Vaters schildern. Zuletzt wird die Leichenfeier für den ermordeten Feldherrn (167-217a) dargestellt, wobei die Verse 186-214 Catos laudatio funebris beinhalten. Die Leichenfeier schließt den ersten Hauptteil ab, sie stellt das Verbindungsstück zwischen der zweiten Tetrade und dem, was folgend geschieht und zugleich den Fortgang des Krieges dar. Das Prinzip des strengen chronologischen Aufbaus, welches sich so elementar durch die gesamten Pharsalia zieht, ist hier zum ersten Mal durchbrochen. Der erste Unterteil nämlich gibt einen Rückblick vom achten Buch und dem Ende der Schlacht von Pharsalos wider, der zweite einen Rückblick auf den Mord. Der dritte Teil greift, auch wenn er in der Zeitebene bleibt, zumindest inhaltlich auf den zweiten Teil des achten Buches zurück. Durch eben diese für Lucan untypische Kompositionstechnik wird der tiefe Einschnitt nach der zweiten Tetrade und der Geschlossenheit in sich deutlich.

2.2.1 Der dramatische Charakter des Werkes

Der Charakter des Pompeius bewegt sich zwischen den Extremen Gut (Cato) und Böse (Caesar). Laut Wick erleidet er „als ein bedeutender Mensch, der in hohem Ruf steht und großes Glück genossen hat, (…) auf Grund seiner Verblendung einen unverdienten Sturz ins Unglück (…).“[6] Lucan verzichtet aber auf eine dramaturgische literarische Ausführung, das dramatische Element bilden die Reden des Pompeius und die auktorialen Kommentare des Dichters. Bei den ausführlich grausam oder Mitleid erregend gestalteten Details, die Sturz und Leiden des Feldherrn vor Augen führen, wird der übertriebene und affektierte Dichtungsstil deutlich. Dabei handelt es sich aber laut Wick „nicht um ein Pompeiusdrama, sondern um eine pathetische Klage des Dichters.“[7] Elemente der klassischen Tragik finden sich aber offensichtlich wieder, wie Verblendung, die invidia der Fortuna, späte Erkenntnis und unvermittelter Sturz ins Unglück.[5]

2.2.2 Die Charaktere des Pompeius und der Cornelia

In den Textstellen, die in dieser Seminararbeit behandelt werden, tritt Pompeius nicht nur als Feldherr und Staatsmann, sondern vor allem in der Rolle des Ehemanns und des Todgeweihten hervor. Nachdem er seine Frau auf Lesbos wieder abgeholt hat (8,54-158), wird er nur noch als vom Schicksal Getriebener gezeigt, auf welchen in Ägypten ein schändlicher Mord wartet. In dieser letzten Lebensphase erregt er dadurch, v. a. durch die beleuchtete Liebe und Beziehung zu seiner Gattin, mehr Mitleid beim Leser, weil dieser auch im Gegensatz zu den anderen beiden Feldherren Einblick in dessen Privatsphäre hat.[8] Die affektreichen Reaktionen von Cornelia, die kontrastiert sind mit der stoisch ruhigen Haltung ihres Gatten, tragen noch mehr zum tragischen Empfinden bei. Dieser Unterschied der Charaktereigenschaften kristallisiert sich besonders im Umgang mit den Gefühlen heraus: Der Feldherr lässt seine stoische Willensstärke erkennen, wobei dieses Verhalten vor allem in den Versen 630-632a hervortritt, als er sich als glücklich im Tode bezeichnet. Seine affektbeherrschte Frau dagegen sticht heraus durch den Ausbruch ihrer Gefühle, wie Furcht beim Abschied von ihrem Mann und Schmerz bei der Ermordung. Der Kontrast zwischen dem Verhalten Cornelias´ und dem des Pompeius wird auch deutlich durch die sich wiederholende Phrase für „Zorn“ (Cornelia) und „Gelassenheit“ (Pompeius): iura sui (8,612) und iuris sui (8,660) und patientius (8,633) und non patiens (8,637). Die Gefühlsausbrüche fungieren als Mittel, die Aufmerksamkeit des Lesers auf das Geschehen zu lenken.[9]

2.2.3 Parallelen zum Schicksal Roms

Wick erkennt am Schicksal des Pompeius und Roms Parallelen, da sie eine gemeinsame Tragik feststellt. Denn Lucan nach erfahren Pompeius und Rom durch fortuna eine jähe Wandlung ihres bisherigen Glücks, daher betont er die Analogie beider Entwicklungen. Vergleichen lässt sich deren Identität anhand der Textstellen 7,412 ff. (der Sturz Roms) und 8,701 ff. (der Sturz des Pompeius). Im siebten wie im achten Buch beklagt Lucan den Kontrast zwischen der langen Phase des Glücks und dem plötzlichen Sturz (7,415 f. Roma, ruenti ostendat quam magna cadas.; (8,702 summo de culmine).[10]

2.3 Anspielungen auf den Tod im gesamten Werk

Schon vom ersten Buch an wird der Tod des Pompeius angekündigt, als z. B. in 1,140 geschildert wird, wie die Eiche, mit der Pompeius verglichen wird, durch ihren Baumstamm, ihren Rumpf, einen Schatten wirft: trunco non frondibus effecit umbram. Am Ende des achten Buches ist es schließlich der Rumpf des Pompeius selbst, der unförmig an der Küste Ägyptens liegt, ein Bild, welches schon die wahnsinnige Frau in 1,685 f. vorhergesehen hat: hunc ego fluminea deformis truncus harena / qui iacet agnosco. In den Versen 2,204 f. dubitantibus astris / Pompeii damnare caput wird auf das kommende Ereignis angespielt und ebenfalls im zweiten Buch (725-736) wird die Rolle des Todgeweihten klar, als er Caesar weichen muss und „wie Lukan vorwegnimmt, seinem Tod entgegen [geht]“[11], wie auch im dritten Buch in den Versen 5 ff., als Pompeius Italien verlässt und das Land ab diesem Zeitpunkt nie wieder sehen wird (dum litora numquam / ad visus reditura suos … / cernit vanescere). Hier wird das Schicksal, das ihn ereilen wird, metaphorisch vorweggenommen. In 3,33 f. droht Julia ihm sogar den Tod an und in 3,291 agieren die Gefährten als sein Leichenzug. Ptolemaeus hat es in 5,63 in der Hand, über dessen Tod zu entscheiden und hätte Pompeius nicht seine Großmütigkeit walten lassen, so wäre ihm das Schicksal am Nil den Versen 6,305 f. und 308 f. nach erspart geblieben. Auch offensichtlich vorweggenommen wird sein Tod in der Passage, in der Pompeius Cornelia im fünften Buch zu ihrer Sicherheit nach Lesbos bringt, sie somit von ihm getrennt wird und sich auf bizarre Weise sicher ist, dass niemals der Tod, sondern ein gewöhnlicher Anlass sie auseinander bringen würde: nostros non rumpit funus … sed sorte frequenti (5,763 f.). Daraus gefolgert wäre „der Tod des Gatten (…) in Cornelias Augen ein hinreichender Grund für ihre Trennung.“[12] Auf Grund dieser Antizipationen agiert er laut Schönberger „bildlich gesprochen, vor seinem Grab.“[13] Unweigerlich kommt sein Tod schließlich bei der Ratsversammlung durch Ptolomaeus (7,709 f.) zur Sprache.[14]

2.4 Pompeius´ unterschiedlich interpretiertes Verhalten beim Sterben

Die Frage, ob der Tod für Pompeius Glück, Erlösung oder Leiden bringt, ist umstritten, was im Folgenden anhand unterschiedlicher Interpretationen deutlich wird. Laut Radicke wird Pompeius durch seinen Tod, wie auch durch die Niederlage bei Pharsalos von seiner Schuld freigesprochen. Denn in seiner Not beweist er sich zuletzt als ein Mensch mit Charakter und Gefühlen. Deswegen wird er von seiner Familie geliebt, von seinen Soldaten, die mit ihm auch den Bürgerkrieg am Ende sehen, geachtet (7,341 f., 382-384) und genießt - auch noch nach seinem Tod - Verehrung beim Volk (7,9-44; 8,109-158), vor allem aber das Mitgefühl des Lesers.[15] Noch im Sterben ist er glücklich (8,630 ff. sum tamen, o superi, felix … non fit morte miser) und nach seinem Ableben kann er sich endlich am wahren Glück erfreuen (9,1-18). Die Ansichten bezüglich des Verhalten Pompeius´ in seiner letzten Stunde sind aber unterschiedlich. In der Aussage sum tamen … felix, nullique potestas hoc auferre deo (8,630 f.) glaubt Rutz zu erkennen, dass in der Rede des Pompeius kurz vorm Sterben eine veränderte Stellung zum Tod herauszulesen ist.[16] Die Argumentation einer stoisierenden Auffassung, durch die in seinem Verhalten den Aufstieg zum stoischen Weisen und somit das Erreichen des höchsten Glücks erkannt werden will, wird durch folgende Aussage geschmälert, dass „ihm alle Ereignisse von außen aufgezwungen [werden und er] auf sie nur reagieren [kann], was zu dem festgestellten Charakterzug der Passivität passt, die er überall an den Tag legt.“[17] Radicke wiederum sieht Pompeius´ Haltung eher positiv, da er nach den Idealvorstellungen eines echten Römers „schließlich (…) auch seinen Tod als Bestimmung des Geschicks mit festem Sinn auf sich [nimmt]“[18] (8,575 f.). Er behauptet außerdem, dass die Standhaftigkeit im Tod ein letztes Indiz für seinen Charakter eines großen Menschen (Magnus) ist .[19] Somit bescheinigt er Pompeius, mit nomen und fama, wie dieser es wünschte (8,624-628 nunc consule famae), die Erde zu verlassen. Dass der Feldherr bis zu seinem Tod immer wieder hin und her gerissen ist zwischen seiner ratio und seinen sensus, wird wie in anderen Situationen, in den Versen 8,618-636 sehr deutlich.[20] Kritisch betrachtet aber hat der Held gar keine Wahl, als den Tod freiwillig und ohne Klagen hinzunehmen (8,575 f.), da die Situation, in der er sich befindet, gar keine andere Möglichkeit zulässt. So ergibt sich der „Heldentod“ eigentlich nur aus dem äußeren Handlungsrahmen. Wick selbst hält die Darstellung des „mutigen Sterbens“[21] aber für ein Aufzeigen römischer Züge, die sich im exemplarischen Verhalten widerspiegeln. Pompeius lässt seine ambitio, die bis in seinen Tod hineinreicht, erkennen, indem er an fama und die Liebe der Seinen denkt (8,634 f.), um deren Anerkennung er sich bemüht.[22] Er ist sich außerdem nach Lucans Vorstellung des Interesses bewusst, das sein Tod im Verlauf der Geschichte nach sich ziehen wird.[23] Dies wird beispielsweise durch das „Testament“ (9,87-97) erreicht, als er an seine Söhne appelliert, auf keinen Fall Caesar die Herrschaft zu überlassen. Damit kümmert er sich auf seine Art auch nach seinem Tod um seine Mitmenschen und will mit gutem Beispiel für die Nachwelt vorangehen und nicht den errungenen Ruhm zuletzt noch durch Zeigen von Schwäche schmälern (8,615 ff.). Auch sind die Worte in den Versen 630 f. als Widerstand gegen fortuna und die Götter zu betrachten, welchen zum Trotz Pompeius ruhmvoll sterben will. Dass nun der Tod für Pompeius als Glücksfall, also in stoischer Ansicht, eintritt, ist unwahrscheinlich, da der Dichter „in 8,701 ff. ausdrücklich das vergangene Leid seines Helden betont.“[24] Wicks Meinung nach wird er durch die stoische Schilderung aufgewertet, um beim Leser noch größeres Mitgefühl hervorzurufen.[25] Wirklich positiv äußert sich Lucan über Pompeius erst nach dessen Tod, infolge dessen es sich bei diesem Ende wohl eher um eine Erlösung aus einer ausweglosen Situation als um Vollendung zum stoischen Weisen handelt. Mit dieser Intention lässt sich auch der Gesamteindruck des Werkes, im Großen und Ganzen Hoffnungslosigkeit, vereinbaren, da nach Lucan keine Gerechtigkeit von Seiten der Götter herrscht.[26]

2.5.1 Die Ermordung

Zu Beginn der Szene wird gleich die majestätische und heroische Haltung des sterbenden Feldherrn im Tode hervorgehoben, für den es doch so wichtig war, mit fama und nomen die Welt zu verlassen (663-665).[27] Die Szene, als Pompeius geköpft wird, ist zwar insgesamt und von der Dauer her für Lucan untypisch unspektakulär gestaltet, in ihren Details allerdings ziemlich grausam: 8,672 f. tunc nervos venasque secat nodosaque frangit ossa diu. Durch diese Ausführung stellt sich der Leser keinen präzisen Hieb, sondern ein amateurhaftes Herumhacken vor. Man habe damals eben „nicht so zu köpfen verstanden, dass das Haupt sich drehend fiel (8,673).“[28] Schönberger ist sich sicher, dass dies eine Anspielung auf den „Meister im Köpfen, den Caligula hatte (Suet. 32,1 miles decollandi artifex)“[29] ist. Nachdem der Kopf daraufhin ganz abgeschnitten und auf einen ägyptischen Speer gesteckt wurde (686), um ihn als Pfand fürs Vertrauen zu Caesar zu bringen, schildern die Verse 701 ff. im achten Buch eindringlich die Ekel erregende Misshandlung der Leiche (689 summota est capiti tabes, raptoque cerebro / adsiccata cutis, putrisque effluxit ab alto / umor) und die Einbalsamierung des Hauptes (687-691), den Höhepunkt des unverdienten Leids und verleihen damit der Tragik Ausdruck und wecken Mitleid beim Leser.[30] Abgesehen davon, dass die Enthauptung in ihren Details geschildert wird, geht Lucan auch auf die letzten Lebenszeichen des Feldherrn ein (683 f.), die unter dem nächsten Punkt genauer betrachtet werden.

2.5.2 Der Einsatz der Tempora in der Mord-Szene

Die Handlung der Mordszene teilt sich nach der Tabelle von Francis Robert Schwartz „(…) in zwei überwiegend im Perfekt geschilderte Einzelszenen (…): die Entwürdigung des Hauptes (8,679-685a) und dessen Mumifizierung (8,687-691).“[31] Die Bemerkungen im Imperfekt (685 b movebat; 686 placebas) erinnern an frühere und glücklichere Zeiten im Leben des Pompeius und bilden damit eine szenische Zäsur. Das Präsens bestimmt die letzten Lebenszeichen des Pompeius (682 vivunt voltus, 683 pulsant singultus animae und dum lumina nuda rigescunt). Mit der Wiederholung der Passivformen dagegen werden die Taten, also die Mutilation und die Mumifizierung beschrieben (684 f. suffixum caput est und conpressa manu est Pharioque veruto etc.). Der Tempuswechsel scheint absichtlich gewählt zu sein, da er den Kontrast zwischen der früheren und der jetzigen fortuna Magni verdeutlicht. Die Form vult (688a) fungiert im historischen Präsens als Anweisung, durch welche der grausame Mord schließlich durchgeführt wird.[32]

2.5.3 Die notdürftige Bestattung durch Cordus

Nachdem der Leicnham ins Wasser geworfen wurde, wird er von den Klippen zerfetzt und völlig deformiert (708-711). So erblickt Cordus den entstellten Rumpf, den er aus Pflichtbewusstsein (718 victum pietate) hastig bestatten will (713 raptim tumulum), mitten in der Brandung umherschaukelnd (8,721-723). Er hat allerdings wegen des fahlen Lichts und der dichten Wolken Schwierigkeiten, ihn zu erkennen, denn Mond (721) und Gestirne (728) geben, möglicherweise durch die Götter verursacht, sehr wenig Licht, um dem bevorstehenden Geschehen entgegenzuwirken. Nachdem er es schließlich geschafft hat, den Leichnam an Land zu ziehen (726 ff. postquam … litore sedit … lacrimasque effudit in omne volnus), zündet er diesen an und bereitet ihm so ein notdürftiges Grabmal (745 f. inde rapit flammas … subducit) So endet Buch 8, wie es begonnen hat: mit Pompeius an der Küste eines fremden Landes.[33]

[...]


[1] vgl. Schrumpf, S. (2006): S. 48.

[2] vgl. Glaessner, R. (1984): S. 44-48.

[3] vgl. Glaessner, R. (1984): S. 44-48.

[4] Radicke, J. (2004): S. 461.

[5] Wick, C. (2004): Kommentar. S. 130-138.

[6] Ebd.: S. 130.

[7] Ebd.: S. 131.

[8] vgl. Schmitt, A. (1995): S. 142 f..

[9] vgl. Mayer, R. (1982): S. 153.

[10] vgl. Wick, C. (2004): Kommentar. S. 131 ff..

[11] Radicke, J. (2004): S. 134.

[12] Schönberger, O.(1968): S. 54.

[13] Ebd.: S. 54.

[14] vgl. Ebd.: S. 54.

[15] vgl. Radicke, J. (2004): S. 134 f..

[16] vgl. Wick, C. (2004): Kommentar. S. 136.

[17] Ebd.: S. 136.

[18] Radicke, J. (2004): S. 130.

[19] vgl. Ebd.: S. 139.

[20] vgl. Ebd..: S. 130.

[21] Wick, C. (2004): Kommentar. S. 137.

[22] vgl. Radicke, J. (2004): S. 125 f..

[23] vgl. Mayer, R. (1982): S. 153.

[24] Wick, C. (2004): Kommentar: S. 137.

[25] vgl. Ebd.S. 137.

[26] vgl. Radicke, J. (2004): S. 124 f..

[27] vgl. Radicke, J. (2004): S. 139.

[28] Schönberger, O. (1968): S. 85.

[29] Ebd..: S. 85.

[30] vgl. Wick, C. (2004): Kommentar. S 131 f..

[31] Schwartz, F. R. (2002): S. 127.

[32] vgl. Schwartz, F. R. (2002): S. 127

[33] vgl. Schönberger, O. (1968): S. 110 f..

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Tod des Pompeius
Hochschule
Universität Regensburg  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Latein Hauptseminar Lucan
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V196824
ISBN (eBook)
9783656228431
ISBN (Buch)
9783656228660
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
pompeius
Arbeit zitieren
Veronika Rauchensteiner (Autor), 2009, Der Tod des Pompeius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196824

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