Auszug aus der Einleitung: Deshalb wird im ersten Schritt dieser Arbeit die Begrifflichkeit „Mythos“ näher untersucht. Dabei sollen auch seine Funktionen beleuchtet werden. Im Folgenden wird belegt, was „Arbeit am Mythos“ allgemein bedeutet und welche Konsequenzen dies für die Literaturwissenschaft darstellt, um sich dann speziell mit Christa Wolfs am Mythos in "Medea. Stimmen" beschäftigen zu können. Bevor das geschieht, werden die Voraussetzungen für Wolfs Mythos-Rezeption geklärt. Außerdem soll die Entmythologisierungsarbeit Wolfs im Roman umfassend untersucht werden. Darauf folgend soll eine Zusammenfassung von Wolfs Mythos-Rezeption erfolgen. In diesem Teil werden auch einige kritische Stimmen zu Wort kommen. Im Anschluss sollen die Ergebnisse in einer zusammenfassenden Schlussbetrachtung noch einmal aufgegriffen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Mythos
2.1 Begriff und Funktionen des Mythos: Zum Problem der Definition
2.2 Arbeit am Mythos
3. Voraussetzungen für Christa Wolfs Mythos-Rezeption
4. Christa Wolfs „Arbeit am Mythos“ in Medea. Stimmen
4.1 Entmythologisierung
4.2 Momente der Entmythologisierung in Medea. Stimmen
4.3 Mythos-Rezeption bei Christa Wolf – Zusammenfassung
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Christa Wolfs Roman „Medea. Stimmen“ unter besonderer Berücksichtigung ihrer spezifischen „Arbeit am Mythos“. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Wolf die traditionelle, als Kindsmörderin gezeichnete Medea-Figur rehabilitiert und durch die Entmythologisierung des Stoffs gesellschaftskritische sowie zeitgenössische Themen verhandelt.
- Grundbegriffe und Funktionen des Mythos in der Literaturwissenschaft.
- Die methodische Herangehensweise der „Arbeit am Mythos“ bei Christa Wolf.
- Analyse der Entmythologisierungsstrategien im Roman „Medea. Stimmen“.
- Gegenüberstellung von traditioneller Überlieferung und Wolfs Neuinterpretation.
- Die kritische Auseinandersetzung mit Patriarchat und Sündenbock-Mechanismen.
Auszug aus dem Buch
4. Christa Wolfs „Arbeit am Mythos“ in Medea. Stimmen
Bei Christa Wolf ist Medea keine Hexenmeisterin und noch weniger eine Kindsmörderin. In genau diesem Handlungselement sieht Wolf einen Widerspruch zu dem ursprünglichen in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft verwurzelten Mythos und auch zu dem, was schon im Namen der Protagonistin festgehalten scheint, was ebenso zu ihrer überlieferten Geschichte gehört: „Die gut Rat Wissende“ mit magischen Kräften ausgestattete Frau ist für Wolf als mordende Mutter eine unglaubwürdige Figur. Dies stellt, synthetisch gesehen, auch die Struktur von Wolfs letzem Roman dar, welcher dadurch im Gegensatz zur gesamten literarischen Tradition steht. Von Euripides bis zu Heiner Müller wird der Medea-Mythos nämlich als dramatisches Ergebnis einer Auseinandersetzung zwischen zwei Welten, die zwei unterschiedliche Zivilisationen vertreten, verstanden: zwischen dem archaischen, ungeschliffenen Kolchis und dem fortgeschrittenen, raffinierten Korinth.
Wolf ist jedoch um eine Neuinterpretation des Medea-Stoffes bemüht. Diese soll sich von der Tragödie des Euripides abheben. Zentrale Motive und Handlungselemente werden umgedeutet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Medea-Rezeption ein und skizziert die Fragestellung bezüglich der Abweichungen von der traditionellen, durch Euripides geprägten Lesart.
2. Der Mythos: Dieses Kapitel erläutert den Begriff des Mythos, seine Funktionen als kulturelles Gedächtnis sowie die Theorie der „Arbeit am Mythos“ als reflexive literarische Tätigkeit.
3. Voraussetzungen für Christa Wolfs Mythos-Rezeption: Es wird untersucht, wie Christa Wolf durch ihre Auseinandersetzung mit antiken Kulturen zu ihrem spezifischen „Seh-Raster“ gelangte, das ihre Mythos-Rezeption maßgeblich beeinflusst.
4. Christa Wolfs „Arbeit am Mythos“ in Medea. Stimmen: Dieser Hauptteil analysiert die konkrete literarische Neuinterpretation des Medea-Stoffes bei Wolf, die Entmythologisierungsarbeit und die psychologische sowie gesellschaftskritische Dimension des Romans.
5. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und ordnet das Werk als vielschichtigen, interpretativen Text ein, der gegen eine eindimensionale Reduktion auf die traditionelle „Kindsmörderin“-Rolle protestiert.
Schlüsselwörter
Christa Wolf, Medea. Stimmen, Mythos, Arbeit am Mythos, Entmythologisierung, Medea-Rezeption, Literaturwissenschaft, Patriarchat, Sündenbock, Antike, Intertextualität, Identität, Geschichtsschreibung, Neuinterpretation, Stoffgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Mythos-Rezeption im Roman „Medea. Stimmen“ von Christa Wolf und untersucht die Abkehr von der traditionellen euripideischen Darstellung der Protagonistin.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Definition des Mythos, die Funktion von Mythen in der Gesellschaft, die Kritik am Patriarchat sowie die Mechanismen der Sündenbockbildung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die „Arbeit am Mythos“ bei Christa Wolf zu analysieren und aufzuzeigen, wie durch die Entmythologisierung des Medea-Stoffes eine Rehabilitation der Figur und eine zeitgenössische Gesellschaftskritik geleistet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die verschiedene theoretische Ansätze zum Mythos (u.a. Blumenberg, Assmann, Barthes) mit einer textnahen Untersuchung des Romans und des historischen Kontextes verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Entmythologisierung des Medea-Stoffes, der Analyse der Romanstruktur und dem intertextuellen Vergleich zwischen Wolfs Medea und der antiken Überlieferung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Christa Wolf, Mythos, Entmythologisierung, Medea-Stoff und Gesellschaftskritik charakterisiert.
Warum spielt die Person „Medea“ bei Christa Wolf eine so zentrale Rolle?
Für Wolf dient Medea als Projektionsfläche, um eine „männlich“ geprägte Literaturgeschichte zu hinterfragen und eine weibliche Identität abseits der Rolle der Kindsmörderin zu etablieren.
Was bedeutet der Begriff „Entmythologisierung“ in dieser Untersuchung?
Er beschreibt den Prozess, bei dem übernatürliche Elemente getilgt und durch eine psychologische sowie historisch-rationale Motivierung ersetzt werden, um das mythische Geschehen interpretierbar zu machen.
Wie unterscheidet sich Wolfs Medea von der des Euripides?
Während bei Euripides Medea eine Rachegöttin und Kindsmörderin ist, stellt Wolf sie als eine aufgeklärte, selbstbewusste Heilerin dar, die Opfer politischer Intrigen wird, ohne ihre Kinder selbst zu töten.
Ist der Roman laut der Analyse eine „Fälschung“ der Geschichte?
Nein, der Roman wird als literarische Fiktion und ästhetische Neudeutung begriffen, da es keine authentische „Ur-Version“ des Mythos gibt, sondern lediglich verschiedene Fassungen.
- Citation du texte
- Tina Pulver (Auteur), 2012, Christa Wolf, Medea und der Mythos, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196854