Ziele „klassischer“ Berufsbildungstheorien


Seminararbeit, 2008

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ziele „klassischer“ Berufsbildungstheorien

3 Synopse

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Bildungsbegriff Spranger

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Synopse Bildungstheorien

1 Einleitung

Die Frage nach Bildung und die Frage nach Erziehung beschäftigen die Menschen seit jeher. Jede Epoche prägte neben den Werten der Gesellschaft und dem Selbstverständnis des Einzelnen auch die Bildung und die Erziehung der Kinder und Jugendlichen. Zu jeder Zeit gab es Menschen, die sich mit der Bedeutung der Bildung im Kontext der Gesellschaft und des Individuums auseinander gesetzt haben. Die Veranstaltung „Aspekte klassischer Berufsbildungstheorien“ bei Herrn Prof. Dr. Heidegger im Wintersemester 2007/08 wurde eine Übersicht wichtiger Bildungstheoretiker, welche die heutige Berufspädagogik geprägt haben, vorgestellt.

Die Bildungstheoretiker beschäftigten sich dabei mit Fragen nach der wahren Bildung und der Trennung oder Verbindung von allgemeiner und beruflicher Bildung. In dieser Hausarbeit sollen die behandelten Theoretiker und deren Ideen dargestellt werden. Dabei soll die Frage nach den verfolgten Zielen der einzelnen Theoretiker gestellt werden. Welche Bildungsinhalte sind die wichtigen? Welcher Nutzen wird der Bildung zugeschrieben? Zuletzt soll eine Synopse entstehen, welche die Theorien mit ihren Zielen gegenüberstellt und zeitlich einordnet.

Für die Erstellung der Hausarbeit habe ich die Handouts zu den Referaten meiner Kommilito- nen während der Veranstaltung, Folien zur Veranstaltung „Berufsbildungstheorien - Genderge- recht und international“ an der Technischen Universität Darmstadt von Frau Prof. Dr. Angela Paul-Kohlhoff sowie das Buch „Geschichte der Pädagogik“ von Herwig Blankertz verwendet.

2 Ziele „klassischer“ Berufsbildungstheorien

2.1 Joachim Heinrich Campe und Peter Villaume

Die Vertreter der Pädagogik der Aufklärung nannten sich Philanthropen, was aus dem griechischen übersetzt „Menschenfreund“ bedeutet. Auch durch den Einfluss Rousseaus wollten die Philanthropen eine vernünftig-natürliche Erziehung der Menschen. Dazu sollten körperliche Ertüchtigungen und Naturnähe beitragen. Ein vollkommener Mensch wurde dadurch definiert, dass er einen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.

Campe (1746-1818) hat für die Berufserziehung durch seine Schrift „Von der Nötigen Sorge für die Erhaltung des Gleichgewichtes unter den menschlichen Kräften“ mit seiner Zusammen- führung von formaler und materialer Bildung grundlegende Annahmen getroffen. Grundsätzlich beschreibt er die menschlichen Möglichkeiten durch eine Vielzahl von geistigen und körperli- chen Kräften. Geraten diese ins Ungleichgewicht, so ist das nicht etwa ein Fehler der Natur, son- dern liegt an der Erziehung. Die bäuerliche Bevölkerung muss das Schicksal erleiden, dass die Körperkräfte die Geisteskräfte überwiegen; dominieren die Geisteskräfte die Körperkräfte, so entsteht ein Greis in Kinderschuhen; der weltfremde Gelehrte opferte seinen Empfindungskräf- ten die Erkenntniskräfte auf. Der letzte Fall interessierte die Philanthropen am meisten, da somit die Erklärung für „Sturm und Drang“-Einflüsse, die den älteren Aufklärern in Deutschland ein Dorn im Auge war, geliefert werden konnte. Der Hauptangriffspunkt war Goethes „Die Leiden des jungen Werther“. Denn der „Empfindsame“ ist nach philanthropischer Sicht und aus der Sicht des Gleichgewichts der Kräfte eine Fehlform und somit mangelt es ihm an der geforderten Gemeinnützigkeit. (vgl. Blankertz 1982, S.83 ff)

Durch die oben erwähnte Zusammenführung von formaler und materialer Bildung entkräftete Campe den Haupteinwand gegen das Verständnis von Berufs- und Standeserziehung als eine die Rechte des Menschen nicht respektierende Erziehung. Denn er betonte den Zusammenhang von der gleichmäßigen Entfaltung aller Kräfte und dem Grundprinzip der beruflichen Spezialleistung. Insgesamt können somit endgültige didaktische Konsequenzen für die pädagogische Theorie des Philanthropinismus von Campe aufgeführt werden:

- „die Bildung des Menschen muss an die Inhalte des Lebenskreises gebunden werden (Berufs- und Standeserziehung),
- die von daher angewiesenen Inhalte sind um der Gemeinnützigkeit des Menschen willen unvertauschbar,
- aber alle gemeinnützigen Inhalte müssen so gelehrt werden, dass sie zur gleichmäßigen

Entfaltung aller Kräfte beitragen (Recht des Menschen).“ (Blankertz 1982, S. 86)

Die Vollkommenheit des Menschen definierte der Philanthrop Villaume (1746-1825) etwas anders. Villaume war der Meinung, dass es keine absolute Vollkommenheit, wie sie von Campe gefordert wurde, gäbe. Er fragte, „ob und inwiefern bei der Erziehung die Vollkommenheit des Einzelnen seiner Brauchbarkeit aufzuopfern sei?“ Er hielt es für ausgeschlossen, einen über seine tägliche Aufgabe gebildeten Menschen durch Pflichtgefühl an die Erfüllung seiner einfachen be- ruflichen Aufgaben zu binden. Daher war für ihn die logische Konsequenz die Verbindung von Bildung und Arbeit. Nur einzelne Kräfte sollten ausgebildet werden und somit war mehr das Gleichgewicht der Interessen der Gemeinschaft von Bedeutung. Denn die Fähigkeit des Men- schen zu arbeiten, also „etwas Nützliches mit Einsicht und Vorsatz zu tun“, wurde somit als emanzipatorische Möglichkeit erkannt und Villaume war der Meinung, dass jeder etwas Nützli- ches für die Gemeinschaft tun wollte, wäre er nur genügend ausgebildet.

Letztendlich kann für Campe das Ziel festgehalten werden, dass er einen vollkommenen Menschen erziehen wollte, welcher der Gemeinnützigkeit diente und daraus resultierte die Notwendigkeit einer Berufs- und Standeserziehung.

Villaume verfolgte ein etwas humaneres Ziel und forderte für den Nutzen der Gemeinschaft die Verbindung von Arbeit und Bildung. Denn ein gebildeter Mensch, der bestimmte Kräfte ausgebildet hätte, könne entscheiden, was der Gemeinschaft und damit dem Gleichgewicht der Interessen nützt.

Letzten Endes wollten aber beide das Gleiche: einen Menschen, der durch seine Berufs- und Standeserziehung der Gemeinschaft nützt.

2.2 Wilhelm von Humboldt

Im krassen Gegensatz zu der Gemeinnützigkeit standen die Neuhumanisten, zu denen Hum- boldt gehörte. Die Aufgabe des Neuhumanismus war die Individualität selbst. Wohl war auch den Neuhumanisten die Gesellschaft wichtig, doch nach ihrem Verständnis entstand diese durch die Individualität des Einzelnen. Die deutschen Klassiker wie Schiller und Goethe wurden hoch gelobt und nicht etwa wie bei den Philanthropen als „Modekrankheit“ oder „Seelenpest“ abge- tan. Die Neuhumanisten gingen sogar so weit, zu sagen, dass wer die Literatur der deutschen Klassik gelesen hatte, die Griechen nicht mehr zu studieren brauchte. (vgl. Blankertz 1982, S.104) Die griechische Literatur und damit die griechische Sprache stand zu jener Zeit für die höhere Bildung. Überhaupt die Beherrschung fremder Sprachen, doch insbesondere die griechische, galt als gute und wichtige Bildung. Sprache galt während des Neuhumanismus sogar als Schlüssel zur Individualität.

Wilhelm von Humboldt war für die Bildungstheorien von so großer Bedeutung, weil er an der großen Schulreform in Preußen zwischen 1808-1819 als erster Kultusminister mitgewirkt hat. Zentral waren dabei seine vier Grundsätze (vgl. Blankertz 1982, S.199f), die dabei zur Anwendung kommen sollten:

- Allgemein- und Berufsbildung trennen

Die allgemeine Menschenbildung ist vorrangig vor aller Berufsbildung zu gewährleisten. „… Wird beides vermischt, so wird die Bildung unrein, und man erhält weder vollständige Menschen noch vollständige Bürger einzelner Klassen.“ (Blankertz 1982 nach Humboldt, S.119) Für ihn war das der begriffliche Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung. Daher wurde veranlasst, dass Berufs- und Fachschulen nur Fertigkeiten lehrten, jedoch nichts zur Personenbildung beitragen sollten.

- Gegen Mittelschulen; alle Schüler die gleiche, vollständige Menschenbildung in einer Schule Dementsprechend sollten zwar alle Schüler, „auch der ärmste, eine vollständige Men- schenbildung“ erhalten, jedoch sollten die Sozialschichten weiterhin getrennt bleiben. Die Schüler wurden durch die verschieden großen Kosten für die Schulen selektiert. So sollte di- daktisch gesehen jeder die Elementarschule besuchen und das daran anschließende Gymna- sium als 2. Stufe fungieren. Doch gerade das Geld für das Gymnasium konnte die untere so- ziale Schicht nicht aufbringen.
- Den Staat aus der Zuständigkeit für Erziehung und Bildung verdrängen
- Kampf gegen die Untertanenmentalität, Bürgerfreiheit

Diese beiden letzten Grundsätze hängen stark zusammen. Da die staatliche Regulierung der Schule insgesamt erst im Verlaufe des 19. Jhd. vollzogen wurde, wollte Humboldt mit seinem dritten Grundsatz den Staat eher noch dazu auffordern, sich gar nicht erst die Regu- lierung der Schule anzueignen. Dazu vertraute er mit dem letzten Grundsatz darauf, dass al- lein die Bildung den Menschen zur Selbstbestimmung befähigen würde und so die Bürger- freiheit erwachsen würde.

Zusammenfassend sind Humboldts wichtigste Ziele eine reine Menschenbildung ohne jegliche Zugabe von Berufsbildung und die einheitliche Grundbildung aller Mitbürger.

2.3 Georg Friedrich Wilhelm Hegel

Zum Ende des Neuhumanismus kam Kritik an der strengen Trennung von Allgemeinbildung und beruflicher Bildung auf. Pestalozzi1 nannte es einen Irrtum der Begriffe, dass ein Mensch erst Mensch werden müsse, ehe er Kannengießer werden könnte. (vgl. Blankertz 1982, S.136)

Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827)

Der deutsche Philosoph Hegel (1770-1831) lieferte eine Lösung für die immer stärker aufkommenden Proteste.

Bedeutend für die Berufsbildungstheorie war Hegels Dialektik über die Herrschaft und die Knechtschaft. Dabei geht es um das Selbstbewusstsein von Herr und Knecht. Der Knecht sieht sich als unselbstständig, nichtig; seine Arbeit ist hart und wird nicht besonders gern von ihm aus- geübt, denn eigentlich sind es die Aufgaben des Herrn, die er erledigt. Der Herr sieht sich als vom Knecht negiert und fühlt sich doch mächtig, denn ihm obliegt der Genuss, keine Arbeit ver- richten zu müssen. Der Nachteil der Herrschaft besteht darin, dass der Herr vom Knecht abhän- gig ist, da der Knecht für den Herrn arbeiten muss. Tatsächlich ist es jedoch so, dass der Knecht gerade durch die Ausübung seiner Arbeit Selbstbewusstsein erlangt, da sie dem Knecht eine Aufgabe gibt, ihn bildet und er sich selbst darin verwirklichen kann. Der Genuss des Knechtes liegt darin, immer neuen Aufgaben gewachsen zu sein und neues dazu zu lernen. Durch den ein- fachen Genuss des Herrn entsteht eine Langeweile und dadurch wird die Herrschaft „das ver- kehrte dessen…, was sie sein will“ (Blankertz 1982,S. 140). Aus dieser Dialektik resümiert He- gel: „Wenn der Mensch etwas werden soll, so muss er sich zu beschränken wissen, das heißt sich seinen Beruf ganz zu seiner Sache machen.“ (nach Blankertz 1982, S.138)

Daraus folgt die Forderung Hegels, den Zweifel an der Bildungskraft des Berufes endgültig auszuräumen.

2.4 Georg Kerschensteiner

Mit der Gründung des zweiten deutschen Reiches 1871 wurde die Gewerbeordnung und damit die Lehrlingsausbildung stark liberalisiert. Das Handwerk drohte ein wenig durch die anderen Gewerbe in den Hintergrund zu geraten. Daraufhin wurde wenig später (1879) das Handwerkerschutzgesetz erlassen und dadurch der Grundstein für das heute in der Berufsausbildung in Deutschland gültige „Duale System“ gelegt. Facharbeiter, Handwerker und kaufmännische Angestellte wurden in einem Betrieb ausgebildet und zusätzlich in einer öffentlichen Schule unterrichtet. Die Neuhumanisten hatten im Verlauf des 19. Jhd. immer wieder auf die Gründung von Fachschulen gedrängt und sie als unbedingt notwendig erachtet.

Mit der Gründung der gewerblichen Fortbildungsschule seit ca. 1870 wurde der Grundstein für die Arbeit von Georg Kerschensteiner (1854 - 1932) gelegt. Kerschensteiner bemerkte, dass die- se als reine Wiederholungsschule angelegte der Volkshochschule angeschlossene Einrichtung die Schüler langweilte, den Meistern ein Dorn im Auge war und den Lehrer vergebliche Liebesmüh abverlangte. Seit der Neuordnung der Lehrlingsausbildung 1897 wurde der Besuch der Fortbil- dungsschule für alle Lehrlinge zur Pflicht. Inhaltlich hatte die Fortbildungsschule nichts Neues zu bieten, denn sie diente weniger der Berufsausbildung, sondern mehr der staatsbürgerlichen Erziehung. Daher wurden Themen der Elementarschule wiederholt. Aufgrund seiner Kritik er- hält Kerscheinsteiner 1895 den Auftrag die Pflichtfortbildungsschule neu zu ordnen. Dazu be- stimmt er das 8. Schuljahr als Übergang ins Berufsleben und führt in den Fortbildungsschulen Werkräume, Lehrküchen und Nadelarbeitsräume ein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ziele „klassischer“ Berufsbildungstheorien
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)  (Berufsbildungsinstitut für Arbeit und Technik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V196964
ISBN (eBook)
9783656230304
ISBN (Buch)
9783656231097
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ziele, berufsbildungstheorien, Berufspädagogik, kerschensteiner, spranger
Arbeit zitieren
Meike Herbers (Autor), 2008, Ziele „klassischer“ Berufsbildungstheorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/196964

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