Lob der Atombombe


Essay, 2012

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Angst vor der Bombe

3. Der freie Wille

4. Das Bewusstsein der Freiheit

5. Selbstzweckformel und Ökonihilismus

6. Schlusswort

1. Einleitung

Auschwitz war zeitlich wenige Jahre, jedoch logisch viele Jahrtausende[1] vor Hiroshima: die planmäßige Vernichtung des Menschen durch den Menschen war bereits in der Steinzeit in der menschlichen Natur angelegt. Solange es die Menschheit gibt, gibt es nicht nur Kriege, sondern auch Demozide und Völkermorde[2]. Im öffentlichen Bewusstsein der letzten Jahrzehnte bleib von diesen so gut wie nichts außer der grausamen Einzigartigkeit des Holocaust während des Zweiten Weltkriegs, die Atombombe dagegen ist seit dem Abwurf von zwei Atombomben durch die USA auf Japan am 6. und 9. August 1945 aus dem öffentlichen Bewusstsein nicht mehr wegzudenken. Natürlich führte diese Wunderwaffe uns die Fragilität des menschlichen Daseins vor, wie keine andere Waffe vor ihr, doch im selben Jahr 1945 starben etwa durch einen konventionellen Bombenangriff auf Tokio nicht weniger Menschen an einem Tag als in Hiroshima oder Nagasaki.

Die Angst vor der Atombombe ist völlig irrational, während die Furcht vor einem weiteren Krieg angesichts der Erfahrungen der Menschheit mit Kriegen allein im letzten Jahrhundert ein Indiz für das Vorhandensein der Vernunft im öffentlichen Bewusstsein wäre, doch während die Welt panisch auf Iran und Nordkorea blickt, die womöglich eigene Atomwaffen entwickeln könnten, wird in Libyen leichtfertig ein neuer Krieg provoziert und am Laufen gehalten, bis ein gewünschtes Ergebnis eintritt. Im Oktober 2012 jährt sich zum 50. Mal die Kubakrise, in deren Verlauf die Gefahr eines neuen Weltkriegs und die Bedrohung durch die Atombombe zusammenfielen. Obschon der unmittelbare Anlass der Krise die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba war, lag die Ursache der Feindschaft zweier globaler Blöcke nicht im Vorhandensein der Atomwaffen, denn in den 50 Jahren vor der Kubakrise kam es auch ohne die Atombombe zu zwei Kriegen globaler Dimension mit achtstelligen Todesopferzahlen. In dem vorliegenden Essay gilt es, die Ursache für die irrationale Angst vor der Atombombe ausfindig zu machen, und diese wissenschaftlich-technische Errungenschaft schließlich rational zu würdigen.

2. Die Angst vor der Bombe

Die Wahrscheinlichkeit, an den Folgen des eigenen Alkoholkonsums zu sterben, ist für den Durchschnittsbürger unvergleichbar höher, als die Wahrscheinlichkeit, durch einen Terroranschlag zu Tode zu kommen. Die Nachlässigkeit beim Alkoholkonsum und die panische Angst vor dem Terrorismus erklären sich aus der Unkontrollierbarkeit des Letzteren im Vergleich zur kontrollierten Zerstörung der eigenen Gesundheit. So erscheint der Krieg als ein kontrollierbarer politischer Prozess, wogegen ein singulärer Atomschlag ein unkalkulierbares Risiko darstellt. Doch in Wirklichkeit hat sich die Sorge um den Nuklearterrorismus nicht einmal nach dem Zusammenbruch der UdSSR bewahrheitet, als die Gefahr bestand, dass Tausende atomarer Sprengköpfe von Terrororganisationen käuflich erworben werden konnten. Staaten aber führen seit jeher Kriege und sind oft im Verdacht, für Terroranschläge, von denen sie oft profitieren, selbst verantwortlich zu sein[3]. Die Demokratie der Vereinigten Staaten von Amerika und die diktatorisch verfasste Sowjetunion konnten sich im Laufe der Kubakrise 1962 darauf einigen, von der Anwendung der Atomwaffen abzusehen, und unterzeichneten in den folgenden Jahren Abrüstungsabkommen. Die Möglichkeiten von Einzeltätern und Terrorgruppen sind sehr begrenzt, und die Staaten weisen eine politische Vernunft auf, die seit zwei Generationen hinreicht, um einen Atomkrieg zu verhindern. Der erste Einsatz von Atomwaffen gegen Menschen war der Abwurf einer Atombombe auf Hiroshima am 6. August 1945, und der bisher letzte Einsatz war der Abwurf einer Atombombe auf Nagasaki am 9. August 1945. Die politische Realität zeigt die Welt in einem anderen Licht, als die Angst vor der Atombombe, - nach 1945 forderte sie, abgesehen von den radioaktiven Folgen von Hiroshima und Nagasaki, keine Todesopfer mehr, wogegen den Stellvertreterkriegen zweier Machtblöcke im Kalten Krieg Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Angesichts der skizzierten Realität ergibt sich jedoch ein berechtigter Gedankengang: wenn eine Menschheit, die den Einsatz von Atomwaffen bereits erlebte, nicht aufhören kann, immer weiter Kriege zu führen, dann kann es auch keine Garantie geben, dass in einem weiteren Krieg nicht doch noch Atomwaffen zum Einsatz kommen. Doch was ist hier die Ursache für die Angst vor der Atombombe? Es ist nicht die Atombombe selbst, sondern die fehlende Bereitschaft der Menschheit, mit dem Kriegsgeschäft endlich aufzuhören. Die Atombombe zeigt nur die mögliche Konsequenz einer unkontrollierten Eskalation der Kriegsbereitschaft, sie ist ein Sinnbild der Selbstvernichtung der menschlichen Zivilisation. Während die Ursache für die Selbstvernichtung - die Kriegslüsternheit - leichtfertig in Kauf genommen wird, grassiert eine panische Angst vor der Wirkung, die bildlich in der Form des Atompilzes im öffentlichen Bewusstsein auftritt. Die Atombombe ist ein Pionier, jedoch nicht der Möglichkeit der totalen Vernichtung, sondern des wirkungsvollen Zeigens, dass die totale Vernichtung möglich ist. Zum ersten Mal ist sich die Menschheit seit dem ersten - und dem bislang letzten - Einsatz der Atomwaffen dessen bewusst, dass sie als Ganze ihrer eigenen Kriegslüsternheit zum Opfer fallen kann.

[...]


[1] Ein logisches Vorher wird zwar nicht in Jahren gemessen, - durch die gewählte Formulierung soll aber bis zum Beginn der menschlichen Zivilisation zurückgeschaut werden.

[2] Eine Zusammenfassung der menschlichen Menschenvernichtungsgeschichte bietet z.B. Heinsohns Lexikon der Völkermorde (Heinsohn, Gunnar: Lexikon der Völkermorde. Reinbek bei Hamburg, 1998).

[3] Die wahren Hintergründe des Reichstagsbrands von 1933 würden heute als eine Verschwörungstheorie gelten, hätte das Dritte Reich den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Dass nicht nur totalitäre Regimes sich der Verschwörungspraxis bedienen, zeigte etwa 1964 der Tonkin-Zwischenfall, der den Vietnamkrieg legitimieren sollte. Diese Beispiele sollen zeigen, dass so gut wie alle Kriegs- und Terrorgefahr von Staaten ausgeht, die - zumindest wenn sie demokratisch sind - als politisch kontrollierbar gelten, und daher im öffentlichen Bewusstsein weniger Angst verursachen, als Geheimorganisationen und Einzeltäter.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Lob der Atombombe
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V197064
ISBN (eBook)
9783656257967
ISBN (Buch)
9783656259381
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Atomwaffen, Kubakrise, Kant, freier Wille, Willensfreiheit, Ökonihilismus, Pessimismus, Schopenhauer, Massenvernichtungswaffen
Arbeit zitieren
B. A. Konstantin Karatajew (Autor), 2012, Lob der Atombombe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197064

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