Studien zum Schachzabelbuch des Konrad von Ammenhausen


Magisterarbeit, 2004
173 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Zu Übersetzung und Kommentar
1.3. Zur Vorgehensweise der Untersuchung
1.4. Forschungsüberblick

2. Zur Anbindung sozialer Denkfiguren und gesellschaftstheoretischer Traditionen an didaktische Konzepte

3. Zu Überlieferung und Edition des ›Schachzabelbuchs‹ Konrads von Ammenhausen

4. Zu Autor und Werk

5. Übersetzung und Kommentar
5.1. Übersetzung
5.2. Kommentar

6. Der achte Vende im ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen
6.1. Kapitelaufbau und Erzählstil
6.2. Die Schachfigur und ihre Attribute
6.3. Die einzelnen Ausdeutungen
6.3.1. Derjenige, der verschwendet
6.3.1.1 Tugenden, Laster und Normen
6.3.1.2 Funktionsweise und Verhaltensanweisungen der Exempel
6.3.1.2.1 Pseudo-Boethius
6.3.1.2.2 Johannes von Canacia
6.3.1.2.3 Die Witwe und der Narr
6.3.1.3 Figurenanalyse für die Exempel
6.3.1.3.1 Lukrez und sein Sohn
6.3.1.3.2 Johannes von Canacia, seine Schwiegersöhne und Töchter ...
6.3.1.3.3 Die Witwe und der Narr
6.3.1.4 Intendiertes Publikum
6.3.1.5 Gesamtdarstellung des Abschnitts
6.3.2. Der Spieler
6.3.2.1 Tugenden, Laster und Normen
6.3.2.2 Funktionsweise und Verhaltensanweisungen der Exempel
6.3.2.2.1 Sankt Bernhard und der Spieler
6.3.2.2.2 Sankt Bernhard und der besessene Mönch
6.3.2.3 Figurenanalyse für die Exempel
6.3.2.3.1 Sankt Bernhard
6.3.2.3.2 Der Spieler
6.3.2.3.3 Der Mönch
6.3.2.4 Intendiertes Publikum
6.3.2.5 Gesamtdarstellung des Abschnitts
6.3.3. Der Bote
6.3.3.1 Tugenden, Laster und Normen
6.3.3.2 Exempel
6.3.3.3 Intendiertes Publikum
6.3.3.4 Gesamtdarstellung des Abschnitts
6.4. Gesamtbild und Funktion der Schachfigur
6.5. Der achte Vende als Ausdeutung von Außenseitern oder Randgruppen?
6.5.1. Beispielhafte Forschungsmeinungen
6.5.2. Randgruppen und Außenseiter in der mittelalterlichen Gesellschaft
6.5.3. Jeder kann der achte Vende sein

7. Schlußbetrachtung

8. Literatur
8.1. Abgekürzt zitierte Literatur
8.2. Textausgaben
8.3. Forschungsliteratur

1. Einleitung

1.1. Problemstellung

Das ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen ist die ausführlichste deutsche Bearbeitung im Gefolge der lateinischen Schachallegorie des Jacobus de Cessolis.1 Dessen ›Libellus de moribus hominum et officiis nobilium‹ oder ›Liber de ludo scakorum et de moribus hominum tam nobilium quam popularium‹ (im weiteren ›Liber de moribus‹ genannt) war der erste Text, der das Bild vom Schachspiel für eine umfassende, nach gesellschaftlichen Gruppen gegliederte Verhaltenslehre nutzte.2 Der Traktat des Jacobus stand am Beginn einer zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert in zahlreichen Volkssprachen verbreiteten Tradition von Texten. Diese Schachbücher bieten keine Anleitung zur Austragung von Schachpartien, die tatsächlichen Spiel- regeln treten fast vollständig zurück.3 Statt dessen beschreiben sie das Schachbrett als Abbild der Welt bzw. der idealisierten Stadt Babylon und die Figuren des Schach- spiels als Vertreter der Stände sowie einzelner Berufsgruppen, um anhand derer und unter Zuhilfenahme von Exempeln und Sentenzen eine breit angelegte Gesellschafts- lehre zu entwickeln.4 Die Ständelehre war nicht ausschließlich auf die oberen Schich- ten des Sozialgefüges fokussiert, sondern es wurden auch an nichtadlige Gruppen sittliche Ansprüche gestellt und diese »als erziehungswürdig angesehen«.5 Entspre- chend weisen die spätmittelalterlichen Schachzabelbücher nicht nur den ›edlen‹ Figuren wie König und Ritter bestimmte Aufgaben und Tugenden zu, sondern stellen auch an die Vertreter zahlreicher dörflicher oder städtischer Gewerbe sittliche Anforderungen, worauf ihre Würdigung als umfassende Gesellschaftsspiegel gründet.6

In der Forschung hat verschiedentlich für Aufsehen gesorgt,7 daß mit der achten der ›gemeinen‹ Figuren, dem achten Bauern oder ›Venden‹, sogar eine sich außerhalb der sozialen Konventionen bewegende Gestalt, eine in weiten Teilen negativ gekennzeichnete Figur der auf dem Schachbrett dargestellten Gesellschaft anzugehören scheint. Denn neben dem Boten symbolisiert der achte Vende im Werk Konrads von Ammenhausen auch denjenigen, der verschwendet, und den Spieler.8 Auf die Untersuchung dieser Schachfigur und der durch sie dargestellten Personengruppen konzentriert sich die vorliegende Arbeit.

Wie die meisten anderen Figuren der Bauernreihe ist auch der achte Vende mit mehreren Gruppen besetzt. Doch während sich der Bote problemlos in das bis zu diesem Schlußteil der Auslegungen bezüglich der gemeinen Figuren eingehaltene Berufe-Schema fügt, ist dies bei den zwei anderen Ausdeutungen des achten Venden nicht der Fall. Diese stellen augenscheinlich keine handwerklichen Beschäftigungen, sondern ständisch zunächst einmal nicht differenzierte Verhaltensweisen von Indivi- duen dar.9 Im Gegensatz zu den Berufen und Gewerben, denen die anderen Venden nachgehen, können Verschwendung und Spiel von vornherein nicht wertneutral betrachtet werden: Sie sind ganz offensichtlich als Untugenden einzuschätzen.

An diese Beobachtung schließt sich die Frage an, wie sich die Ausdeutungen dieser - bezüglich der Werkabfolge letzten - Schachfigur in die Gesellschaft auf dem Brett eingliedern. Wie fügen sich derjenige, der verschwendet, und jener, der dem Spiel frönt, in ein Werk ein, welches normsetzende Wirkung hat und auf das Verhalten seiner Leser einwirken will? Welche Funktion erfüllt der achte Vende in dem auf dem Schachbrett dargestellten gesellschaftlichen Gefüge, und wie läßt sich seine Aufnahme in das Schachbuch begründen?

Nicht nur über den Grund, warum diese Gruppen in das Schachbuch aufgenommen wurden, gilt es nachzudenken; darüber hinaus ist auch unklar, wen der achte Vende tatsächlich darstellt und an wen sich damit das ihn thematisierende Kapitel richtet. Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, wie es auf den ersten Blick scheint und es sich in der Forschung darstellt. Im Gegensatz zu den anderen Kapiteln des Werks ist hier - zumindest bezogen auf die Tätigkeiten der Verschwendung und des Spiels - zunächst keine klare ständische Eingrenzung erkennbar, wie sie den Figuren- auslegungen sonst stets zugrundeliegt. Läßt sich die von weiten Teilen der Forschung vertretene Ansicht verifizieren, daß mit dem achten Venden auch gesellschaftlich weniger angesehene Gruppen oder gar soziale Außenseiter ins Blickfeld der litera- rischen Didaxe rücken und auch diesen zu befolgende Tugenden bzw. zu vermeidende Laster ans Herz gelegt werden? Dieses Postulat der Forschung soll in der vorliegenden Arbeit einer kritischen Prüfung unterzogen werden, die sich nah an dem Primärtext selbst orientiert.

Weiterhin ist zu untersuchen, ob eine Verbindung zwischen den drei unterschied- lichen Ausdeutungen der Schachfigur erkennbar ist; denn mit dem Zusammenschluß eines Berufs und zweier Verhaltensweisen, welche durch den achten Venden symboli- siert werden, erscheint das ihn thematisierende Kapitel in seiner Zusammenstellung bereits auf den ersten Blick recht uneinheitlich.

1.2. Zu Übersetzung und Kommentar

Der Textanalyse werden die Übersetzung und Kommentierung des Kapitels zum achten Venden im ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen vorangestellt. Grundsätzlich bestehen bei der Übertragung mittelalterlicher Texte in das Neuhochdeutsche verschiedene Möglichkeiten, die von der Nachdichtung in Versform bis zur freien Nacherzählung reichen.

Die in der vorliegenden Arbeit verfolgte Methode, eine Prosaübersetzung tunlichst nah an das Original zu binden, birgt ihre Schwierigkeiten, die insbesondere aus den abgesetzten Versen resultieren. Dennoch wird versucht, an der Struktur des ›Schachzabelbuchs‹ so weit wie möglich festzuhalten, um sich nicht zu sehr vom mittelhochdeutschen Text zu entfernen. Wenn sich allerdings aus der deshalb ange- strebten Zeilenbindung im Neuhochdeutschen ungebräuchliche Satzstellungen ergeben, die durch einfache Umstellung vermieden werden können, wird zugunsten der Syntax und der besseren Lesbarkeit von der strikten Versgliederung abgewichen. Problematisch gestaltet sich zudem die Wiedergabe von mittelhochdeutschen Begriffen, deren kultureller Hintergrund und vielschichtiges Bedeutungsspektrum durch einfache Übersetzung nicht zum Ausdruck kommen. Daher wird in einzelnen Fällen auf den anschließenden Kommentar verwiesen, der anstrebt, die Nähe zwischen dem ›Schachzabelbuch‹ des Konrad von Ammenhausen und der neuhochdeutschen Übertragung wiederherzustellen. Schließlich kann nur versucht werden, sich dem Verständnis der mittelalterlichen Quelle anzunähern, ohne ihren Charakter vollständig einfangen zu können. Zur besseren Vergleichbarkeit wird daher auch der mittel- hochdeutsche Text nach der Ausgabe von VETTER neben die Übersetzung gestellt.10

Hauptsächlich soll der Kommentar dazu dienen, die Ursprünge und weiteren Fundstellen der Exempel, Sprichwörter, Sentenzen und Zitate aufzuzeigen, um so die Traditionen, in denen Konrads Text steht, darzustellen. Da Konrad in weiten Teilen seiner Vorlage, dem ›Liber de moribus‹ des Jacobus de Cessolis, folgt, muß auch der lateinische Prosatraktat in die Überlegungen einbezogen werden. Um die spezifische Leistung des Leutpriesters hervorzuheben, wird an entscheidenden Stellen darauf hin- gewiesen, welche Teile er selbständig hinzugefügt hat und inwiefern er bei der Nutzung von Quellen oder bekanntem Erzählgut durch Ergänzungen, Kürzungen oder Änderungen in der Auslegung eigene Schwerpunkte gesetzt hat.11 Letzteres kann auf- grund der zum Teil häufigen Tradierung der Exempel und Sprichwörter in der mittel- alterlichen Literatur nur beispielhaft erfolgen. Zudem soll dies primär dann geschehen, wenn die nachfolgende Untersuchung und Interpretation des achten Venden im ›Schachzabelbuch‹ des Konrad von Ammenhausen durch die Kommentierung erleichtert und forciert werden können.

Bereits VETTER hatte seiner Edition einen Kommentar beigegeben, in dem er auf Quellen Konrads bzw. Jacobus’ einging und insbesondere sprachliche Besonderheiten des deutschen ›Schachzabelbuchs‹ zu erläutern versuchte.12 Diese Erklärungen können hier nicht vollständig wiedergegeben werden und liefern somit ergänzende Hinweise. Konnten keine über die dortigen Anmerkungen hinausgehenden Ergebnisse gewonnen werden oder bedürfen diese keiner Ergänzung und weiteren Kommentierung, soll an dieser Stelle global der Hinweis auf den Editionskommentar genügen, ohne daß an den entsprechenden Stellen noch einmal explizit darauf verwiesen wird. Damit soll verhindert werden, daß die vorliegende Arbeit durch Zitate unnötig aufgebläht wird, ohne dabei neue Erkenntnisse zu liefern, auch wenn dies zu Ungunsten der Vollständigkeit und des Zugriffs für den Leser geschehen muß. In den Fällen, in denen VETTERs Darlegungen nicht gefolgt wird oder durch seine Vorarbeit genauere Ergeb- nisse gewonnen werden konnten, ist dies durch einen Verweis auf die Edition deutlich gemacht.

Bieten Hilfsmittel wie der Thesaurus proverbiorum medii aevi (TPMA) oder der Index Exemplorum TUBACHs Hinweise auf weitere Fundstellen von Sprichwörtern und Exempeln in der mittelalterlichen und antiken Literatur, wird dies vermerkt. Die dortigen Angaben werden jedoch nicht vollständig wiedergegeben, um den Kommentar nicht unnötig aufschwellen zu lassen. Statt dessen wird versucht, die- jenigen Fundstellen genauer zu beleuchten, die als Vorlage oder Quelle für das ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen gedient haben könnten.

1.3. Zur Vorgehensweise der Untersuchung

Der achte Vende im ›Schachzabelbuch‹ des Konrad von Ammenhausen kann nicht völlig unabhängig von der Konzeption des Gesamtwerks betrachtet werden. Dieses wird zusammen mit den anderen Vertretern der mittelalterlichen Schachbücher von der Forschung gemeinhin der ›didaktischen Literatur‹ zugerechnet. Zunächst soll deshalb dargestellt werden, was unter diesem Begriff zu verstehen ist und welche Problematik sich mit dem Versuch verbindet, über eine Gattungsdiskussion die spezifischen Merkmale des ›Schachzabelbuchs‹ herauszustellen. Da das Werk in der Forschung einerseits als Ständetext gesehen, andererseits der ihm zugeschriebene Charakter als Exempelsammlung besonders hervorgehoben wird, ist zu prüfen, ob über die sich an diese Typisierungen anschließenden Forschungsdiskussionen eine Annäherung an das Werk möglich ist (Teil 2). Darauf folgt in Teil 3 eine Darstellung der Überlieferungslage; dies vor allem, um Einblicke in die zeitgenössische Ver- breitung des Werks und in das Interesse am Schachbuch Konrads sowie in dessen Rezipientenkreis zu erhalten. In diesem Zusammenhang richtet sich der Blick der Untersuchung auch auf die Edition des ›Schachzabelbuchs‹ und die dieser zugrunde- liegenden Handschriften.

Der Person Konrads von Ammenhausen und seinem in Reimpaarversen abgefaßten Werk ist der vierte Untersuchungsteil gewidmet, wobei auch ein kurzer Blick auf die anderen deutschen Schachbücher sowie insbesondere auf deren lateinische Vorlage geworfen wird.13 Zusammenfassend soll der Aufbau von Konrads mittelhochdeut- schem Schachbuch dargestellt werden, um eine Einordnung des Kapitels zum achten Venden innerhalb des Gesamtwerks zu ermöglichen. In Verbindung damit soll zudem das prinzipielle Schema, welches den Figurenauslegungen zugrundeliegt, aufgezeigt werden.

Im Anschluß an die Übersetzung des in der vorliegenden Arbeit zu untersuchenden Kapitels sowie an den Kommentar (Teil 5) beginnen die Analyse der Figur und Allegorese im ›Schachzabelbuch‹ des Konrad von Ammenhausen (Teil 6). Auf die Untersuchung des Kapitelaufbaus sowie des Erzählstils folgt die Analyse der eigentlichen Vendenfigur, ihrer Beschreibung und der ihr beigegebenen Attribute. Während sich die meisten anderen figurenauslegenden Kapitel in die Beschreibung verschiedener Tugenden gliedern, treten Tugenden im hier zu untersuchenden Kapitel - wie noch zu zeigen sein wird - nur sehr vereinzelt auf.14 Statt dessen werden im Text die einzelnen Ausdeutungen der Schachfigur relativ deutlich voneinander getrennt abgehandelt. In der vorliegenden Arbeit kann sich die Untersuchung dieser Ausnahme bedienen, indem sie die drei Kapitelteile in vier Durchgängen jeweils mit der gleichen Fragestellung konfrontiert. So wird der Zusammenhalt der Abschnitte des Kapitels beleuchtet, wie auch dessen Brüche hervortreten.

Zum ersten soll ermittelt werden, welche Tugenden und Normen den drei durch den Venden repräsentierten Personengruppen in den Redeteilen des Kapitels anem- pfohlen werden bzw. welche Laster für sie als kennzeichnend und als zu unterlassende herausgestellt werden. Dazu gehören auch ganz allgemeine Verhaltensregeln, deren Befolgung oder Mißachtung mit den möglicherweise daraus resultierenden Konse- quenzen dargestellt werden. Zugrundegelegt wird damit ein weitgefaßter Begriff der artikulierten Wertvorstellungen. Zu klären ist ferner, ob sich etwa ein Normen- oder Tugendkatalog erkennen läßt.

Zum zweiten soll untersucht werden, ob sich dazu eine Parallele in den Beispielgeschichten wiederfinden läßt und ob sich Hinweise auf das Ziel des Exempeleinsatzes erkennen lassen. Es ist in diesem Zusammenhang zu prüfen, ob die Exempel eine Moral beinhalten, die mit den didaktischen Zielen der sie umgebenden Aussagen übereinstimmt und somit die in den Redeteilen dargestellten Verhaltens- anforderungen verdeutlichen kann. Dabei ist möglich, daß eine solche Lehre entweder explizit genannt wird oder daß sie sich allein aus der Erzählung sowie ihrem Kontext ergibt. Dies läßt weitere Schlüsse bezüglich des Verwendungszwecks der Geschichten zu. Zudem ist es denkbar, daß ausgehend von den Beispielen weitere didaktische Aussagen dem Vortrag hinzugefügt werden, die sonst in den allgemeinen Teilen des Kapitels nicht zwingend aufgenommen worden wären. Die Exempel sollen, insofern ihnen grundsätzlich ein gewisser Sinnüberschuß zu eigen ist,15 darauf befragt werden, ob auch im Text nicht genannte, aber hinsichtlich der Thematik passende Deutungen möglich gewesen wären, um Schwerpunkte der Argumentation im untersuchten Kapitel verdeutlichen zu können.

Die zum dritten durchgeführte Figurenanalyse für die Exempel verfolgt den Zweck, eine genauere Eingrenzung der Personengruppen zu ermöglichen, die durch den achten Venden repräsentiert werden sollen. Auch wenn das Exempelpersonal nicht notwendig mit den möglichen Adressaten der Geschichten übereinstimmen muß,16 kann es Hinweise darauf geben, welchem gesellschaftlichen Milieu die thema- tisierten Verhaltensweisen zugeordnet werden. Wenn die argumentativ aufbereiteten Verhaltensanforderungen in den Geschichten verdeutlicht werden sollen,17 steht zu vermuten, daß sich diese - entweder erfüllt oder mißachtet - am Personal der Beispiele wiederfinden lassen.

In einem vierten Untersuchungsschritt sollen Hinweise darauf gesammelt werden, an wen sich die in den Kapitelteilen geforderten oder mißbilligten Handlungsweisen richten. Wen betreffen die dargestellten Tugenden und Laster, welches intendierte Publikum kann dem Kapitel entnommen werden? Sicher kann ein Einzelabschnitt des Gesamtwerks nur bedingt Auskunft über die mögliche Zuhörer- oder Leserschaft bieten. Doch auch wenn man ein heterogenes Publikum voraussetzt,18 läßt sich anhand des untersuchten Kapitels erkennen, wer hier im einzelnen oder vornehmlich ange- sprochen wird.

Die Analyse jedes einzelnen Kapitelabschnitts schließt mit einer Gesamtdar- stellung, wobei teils auch schon in der Untersuchung vergleichend die anderen Abschnitte des Kapitels herangezogen werden, bevor das Gesamtbild und die Funk- tion der Schachfigur zusammenfassend betrachtet werden.

Die in den Untersuchungen gewonnenen Ergebnisse sollen schließlich auch dazu dienen, sie in einem weiteren Schritt mit der in der Sekundärliteratur vorherrschenden Meinung, es handle sich beim achten Venden um die Verkörperung von gesellschaft- lichen Außenseitern oder Randgruppen, in Beziehung zu setzen und diese Einschät- zung zu überprüfen. Vorab werden dazu exemplarische Meinungen aus der Sekundär- literatur dargestellt, welche die letzte der gemeinen Schachfiguren als Außenseiter titulieren. Weiter ist anhand der Forschung über Randgruppen in der mittelalterlichen Gesellschaft zu eruieren, welche Personen oder Personengruppen unter diesem Begriff zu verstehen sind und wie sich das Phänomen der Randständigkeit im Mittelalter ausgedrückt hat, damit diese Ergebnisse den zum achten Venden ermittelten vergleichend gegenübergestellt werden können.

1.4. Forschungsüberblick

Zum achten Venden im ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen hat die bisherige Forschung noch keine eingehenden Einzeluntersuchungen hervorgebracht.19 Wo sie sich - was selten geschah - pauschal für alle Schachbücher über die Bedeutung dieser Figur geäußert hat, bezog sie dies nur ausnahmsweise auf den Text Konrads. Statt dessen stützen sich die Beobachtungen meist auf den ›Liber de moribus‹ des Jacobus de Cessolis oder auf die diesem lateinischen Text am getreuesten folgende sogenannte ›Erste Prosafassung‹.20

Da es sich beim Werk Konrads um eine deutschsprachige Übertragung bzw. Bear- beitung des lateinischen Prosatraktats des Jacobus handelt,21 erscheint es sinnvoll, auch für jene Schrift die wenigen bisherigen Überlegungen zum achten Venden zusammenzustellen. Dieses Vorgehen ermöglicht zugleich, in der späteren Unter- suchung eventuelle Abweichungen in der Versfassung des Leutpriesters von seiner Vorlage aufzudecken.

Dabei besteht in der Interpretation der Bedeutung, die der achte Vende - dieser wird oft auch in bezug auf die deutschen Schachzabelbücher nach dem lateinischen Text als ribaldus bezeichnet - innerhalb der Ständelehre des Jacobus und in ihren volkssprachigen Übertragungen einnimmt, seitens der Forschung zumindest tenden- ziell recht große Übereinstimmung. Ausgehend von den schon in den Schachzabel- büchern genannten Bezeichnungen gilt die Schachfigur als Verschwender, Spieler und Briefbote.22 Ergänzend finden sich auch Deutungen als »Lotterbub« und »Huren- wirt«,23 »Taugenichts«, »Schwelger« und »Dirnen«,24 »Landstreicher«,25 »Lästermäu- ler«, »Räuber«,26 »Strolche«, »Betrüger und Buhler«,27 sowie »Streuner«,28 »Schur- ken« und »herumziehende Sänger oder Reimsprecher, die Schelten und Lästern für Lohn ausüben«.29 Aus diesem Katalog negativ konnotierter Beschäftigungen resultiert wohl auch, daß der ribaldus nicht nur »als ein sich außerhalb der Konvention bewegendes Individuum«,30 sondern wiederholt explizit als »Außenseiter« der Gesell- schaft angesehen wird.31 Zusammenfassend kommen HOLLÄNDER und KRAMER zu dem Schluß, daß bei dieser Schachfigur der »Tiefpunkt« der gesellschaftlichen Hierar- chie erreicht sei.32 Beide folgen in dieser Einschätzung PETSCHAR, der den »Spieler am linken Rand des Schachbretts in Gegensatz zum Bauern am rechten Rand« stehen sieht.33 Während der Ackerbauer pflichtbewußt seine Arbeit für den Herrn leiste und somit Sicherheit und Ordnung für das Reich bringe, sei beim achten Venden kein Platz mehr für Tugenden.34 Gerade die Aufnahme dieser Figur in die Schachzabelbücher spricht nach KRAMER für ein realistisches Modell der Gesamtgesellschaft.35 PLESSOW gründet den Eindruck, der Traktat des Jacobus biete als erste Schachmoralität »einen umfassenden Gesellschaftsspiegel«, auf die Berücksichtigung des ribaldus, den er als »die gesellschaftlichen Randgruppen« interpretiert.36

VETTER hatte bereits eine Dreiteilung in Verschwender, Spieler und Läufer für den achten Venden im Schachbuch Konrads von Ammenhausen vorgegeben.37 DITTMANN und LERCHNER, die sich beide explizit auf diese mittelhochdeutsche Versbearbeitung beziehen, legen in ihren Interpretationen den Schwerpunkt auf die ersten beiden Tätigkeiten, ohne den Läufer oder Boten auch nur zu erwähnen.38 DITTMANN sieht dabei die Figur des achten Venden von Konrad geschickt als Mittel eingesetzt, um das Schachspiel und damit seine Gesellschaftslehre von dem verbotenen und als ruchlos eingeordnetem Würfel- bzw. Glücksspiel abzugrenzen.39

Für die Ausgangsstellung des ribaldus auf dem Schachbrett finden sich verschiedene Erklärungsansätze, die jeweils auf gesellschaftliche Beziehungen ver- weisen: Einerseits wird diese mit seiner Funktion als Bote begründet, der für den Landvogt - im mittelalterlichen Schachspiel der Roch, vor dem der Vende plaziert ist - Nachrichten transportiert.40 Andererseits wird auf die Möglichkeit hingewiesen, daß die Positionierung vor dem Landvogt und neben dem Stadthüter als Zeichen notwendiger Kontrolle des Spielers und Verschwenders gedeutet werden könne.41

Eine Verbindung zwischen den verschiedenen durch den ribaldus verkörperten Tätigkeiten - einerseits dem Spieler und Verschwender, andererseits dem Boten - zu schaffen, versuchte erstmals GIESEN, indem er einen Nachweis anführte, daß in Italien tatsächlich die ribaldi für den Nachrichtenverkehr eingesetzt wurden.42 FRUGONI dagegen sieht die Verknüpfung im von den Spielern realisierten ausschweifenden Lebensstil, vor dem die Boten gewarnt werden sollten.43

Die Suche nach einer Verankerung der Figur des achten Venden oder ribaldus innerhalb literarischer und bildlicher Traditionen führte zunächst zu Berthold von Regensburg, genauer zu seiner Predigt ›Von zehen koeren der engele unde der kristenheit‹, in welcher der zehnte Chor die gumpelliute, gîger unde tambûrer, swie die geheizen sîn, alle die guot für êre nement umfaßt.44 KLIEWER wie HENNE sehen hier die Entsprechung zum achten Venden.45 FRUGONI und LERCHNER begreifen die Abhandlung der laikalen nichtadeligen Gesellschaft als an der Reihe der artes mechanicae ausgerichtet, innerhalb derer der ribaldus die theatrica darstellt.46 Wie eng beide Ansätze verknüpft sind, wird jedoch deutlich, wenn gerade das Schauspielwesen in der Predigt Bertholds getadelt wird. Bertholds Chöre entsprechen zehn Ständen: dem Klerus, Mönchsstand, Adel und den septem artes mechanicae.47 Die Handwerke werden in der Nachfolge Hugos von St. Viktor meist in sieben Gruppen von Werk-Tätigkeiten unterteilt, von denen die letzte das Theater darstellt.48 Somit ist die siebte ars mechanica der zehnte Chor in Bertholds Predigt.49

HOLLÄNDER schließlich erkannte im ribaldus den »Verlorenen Sohn« des Hieronymus Bosch wieder und hielt es für möglich, daß eine Reihe bildlicher Darstellungen ihr Vorbild in der von Jacobus geschaffenen Figur hatten.50

2. Zur Anbindung sozialer Denkfiguren und gesellschaftstheoretischer Traditionen an didaktische Konzepte

Die didaktische Literatur, in deren Kontext die Schachzabelbücher gemeinhin eingeordnet werden, gewinnt seit dem 13. Jahrhundert an Bedeutung, was auch in ihrer quantitativen Zunahme deutlich wird.51 Begründet wird die im Spätmittelalter wahrnehmbare volle Entfaltung gerade der volkssprachlichen - insbesondere auch laikalen - Didaktik bevorzugt mit einem gesteigerten Bedürfnis nach »Belehrung, Anweisung und Orientierung durch Literatur«,52 das auf die »offenbar ständig kompli- zierter werdenden« Anforderungen des gemeinschaftlichen Lebens in der Welt Bezug nehme.53 Der Ordo, die ideale und von Gott gesetzte Ordnung der Welt, innerhalb derer alle Berufs- und Lebensformen in einem sinnvollen Über- und Untereinander ihren vorgesehen Platz finden, geriet ins Wanken.54 Für eine Zeit, in der die »gesell- schaftlichen, politischen und geistig-geistlichen Verhältnisse« durch rasche Verände- rungen aus Sicht der Zeitgenossen schwer überschaubar und oft widersprüchlich zu sein schienen,55 läßt sich der Wunsch nach Orientierungshilfen leicht erklären. Dieser bestimmte auch die Erwartungen an die Literatur überhaupt, als deren Charakteristi- kum CRAMER für das 14. Jahrhundert ausgemacht hat, daß sie »in weitestem Sinne der Lebenshilfe dient«.56

Teile der Forschung haben sich bemüht, das Phänomen der literarischen Didaxe mit Hilfe der Größe ›Gattung‹ greifbar zu machen, wobei die Unterscheidung der unmittelbar lehrhaften Literatur von der stärker an literarische Ästhetik gebundenen und nur indirekt belehrenden Literatur die Diskussion nachhaltig bestimmt hat.57 Zur Unterscheidung dienten der »Grad des formalen Anspruchs«,58 der »zeigende[ ] oder ermahnende[ ] Sprachgestus«,59 insbesondere aber »das Fehlen des PhantasievollFiktiven«60 in der auf direkte Belehrung ausgerichteten Dichtung.

In der praktischen Umsetzung dieser Einteilung werden jedoch schnell Probleme deutlich: Eine einheitliche Disposition ist beim Vergleich verschiedener Forschungs- arbeiten nicht zu erkennen.61 Dies betrifft sowohl die Abgrenzung zwischen direkt und indirekt didaktischer Dichtung - so daß beispielsweise BOESCH in seiner Darstellung beide Formen nebeneinanderstellt - sowie die weitere Untergliederung der rein lehrhaften Literatur.62 Bei einer vorwiegend auf inhaltliche Schwerpunkte gegründeten Definition, wie sie sowohl SOWINSKI als auch GLIER vornehmen, gestehen beide ein, daß sich keine scharfen Grenzen ziehen lassen bzw. daß Überschneidungen hinge- nommen werden müssen.63 Gerade für die Schachzabelbücher tritt diese Schwierigkeit bei SOWINSKI offen zutage, wenn er sie unter die »Moral- und Verhaltenslehren des Spätmittelalters« faßt, wobei er die Einteilung anhand ihres Hauptthemas »Tugenden und Laster« vornimmt.64 Diese Verhaltenslehren seien demnach auf christlichen Heils- und Morallehren aufbauende Dichtungen, belehrend, häufig mit ermahnenden Ausfüh- rungen, in denen auch spezifisch ›weltliche‹ Tugenden behandelt würden.65

Mit dieser Bestimmung grenzt SOWINSKI sie von den geistlichen Lehrgedichten ab. Für einen Teil dieser, spezifiziert als predigtähnliche Gedichte, führt er an, sie würden »die Gedanken locker oder assoziativ reihen, sie wiederholt durch Exempelerzählungen verdeutlichen und Ermahnungen einschieben«.66 Gerade diese Merkmale können aber als konstituierende Charakteristika der Schachzabelbücher in der Nachfolge des Jacobus de Cessolis, dessen ›Liber de moribus‹ als Predigthandbuch konzipiert oder jedenfalls genutzt worden ist, gesehen werden.67

Schon KUHN konstatierte in seinem 1969 erschienenen »Versuch einer Literatur- typologie«, für das 14. Jahrhundert sei keine strikte Typologisierung von Literatur anhand eindeutiger Gattungstermini möglich.68 Folglich mutet auch die Diskussion um die gattungsmäßige Eingrenzung didaktischer Literatur nahezu hinderlich an, um die Besonderheiten der Schachzabelbücher herausstellen zu können. Dies gilt insbeson- dere, wenn die didaktische Literatur eher über eine negative Abgrenzung von der ›schönen‹ Literatur definiert wird, anstatt über die für sie signifikanten Eigenschaf- ten.69

Bereits Horaz stellt in ›De arte poetica‹ die Forderung auf, daß es nicht um die Wahl zwischen beidem, sondern um eine Verbindung von Nutzen und Unterhaltung in der Dichtung gehen solle: Aut prodesse volunt aut delectare poetae (V. 333).70 SUCHOMSKI kommt zu dem Schluß, daß die volkssprachliche Dichtung des Mittel- alters ebenso an diesem Anspruch gemessen werden muß.71 Auch BRÜGGEN sieht hierin die Unmöglichkeit der kategorialen Scheidung von didaktischer und nicht- didaktischer Literatur begründet.72 Denn die vielzitierte doppelte Funktionsbestimmung der Dichtung durch Horaz führt lediglich zu der Feststellung, daß »fast alle Literatur im Mittelalter didaktische Literatur« ist.73 Überdies wird für die Schachzabelbücher der didaktische Charakter in der Forschung nicht bestritten.

Obwohl aber offensichtlich eine Gattungsdiskussion keinen greifbaren Interpretationsansatz liefert, scheint die Arbeit mit einer Typisierung des Textes erwägenswert. Trotz des einhelligen Votums, daß die mittelalterlichen Schachzabelbücher der lehrhaften Literatur zuzuordnen seien, sind in der Forschung unterschiedliche Herangehensweisen an diese Texte festzustellen.

Einen Weg der Annäherung bildet die Ständetext-Diskussion, innerhalb derer die Arbeiten OEXLEs als grundlegend gelten können. Im Anschluß an ihn unterscheidet die Forschung über Modelle sozialer Ordnungen zwischen zwei verschiedenen Er- scheinungsformen ständischen Denkens: Zum einen die sogenannten Deutungs- schemata der sozialen Wirklichkeit, die explizitere gedankliche bzw. begriffliche Konstrukte sind, »welche soziale Gegebenheiten benennen, ordnen und interpretieren wollen«.74 Zum zweiten kann sich die Deutung sozialer Wirklichkeit auch Sozial- metaphern bedienen.75 Die Metapher charakterisiert die Gesellschaft mit einer bild- lichen Darstellung und dient so als »Abbreviatur eines Bedeutungsumfanges, […] dessen sachliche oder theoretische Darstellung sehr viel mehr Worte notwendig ma- chen würde«.76

Schnell drängt sich die Frage auf, in welchem Verhältnis Schema und Wirklichkeit in mittelalterlichen Ständetexten zueinander stehen. Die frühere Forschung ist hier zu sehr gegensätzlichen Einschätzungen gekommen: Einerseits wurde die Gliederung nach Ständen als ein unmittelbares Abbild der Wirklichkeit verstanden, andererseits als reines Idealbild ständischer Ordnung.77 Neuere Untersuchungen haben über das in den Texten offenbarte kollektive Wissen, welches die mittelalterlichen Kommunika- tionsteilnehmer geistig repräsentieren, versucht, diese Polarität zu überwinden: Das kollektive Wissen in der mittelalterlichen Ständereflexion sei »normativ und wirklich- keitsbezogen zugleich«,78 indem es zwar ein Modell der Gesellschaft sei und damit implizit nicht als Abbild der Welt gelten könne, dennoch aber der Wirklichkeit ver- pflichtet sei, so daß es auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren und auf die Wirklichkeit einzuwirken vermöge.79 Deutungsschemata und Sozialmetaphern als Ele- mente des kollektiven Wissens verfügen somit weder »über eine umfassende Gültig- keit noch grundsätzlich über einen ideologischen Charakter«.80 Der Bezug zur Wirk- lichkeit stellt sich als wesentliche Bedingung dar, um den Rezipienten normativ zu beeinflussen.81

Ihren Beitrag zum Prozeß der Kommunikation über die Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen leistet tugenddidaktische Literatur, indem sie auf die Regelung menschlichen Verhaltens in der Welt zielt. Im Falle der Schachzabelbücher gelingt dies über die Darstellung der Gesellschaft und ihrer Stände anhand einer Allegorisie- rung des Spielfelds und der darauf befindlichen Figuren. Die Schachallegorie als Sozialmetapher gliedert sich in die Predigtpraxis und Predigtlehre ein, innerhalb derer die Ständelehre seit dem 12. Jahrhundert ihren festen Platz fand.82 Die Ausweitung der behandelten gesellschaftlichen Gruppen, die etwa ein Jahrhundert später einsetzte und erkennen läßt, daß nun auch Nichtadlige in die Diskussion um die Ausgestaltung menschlichen Zusammenlebens in der Welt miteinbezogen wurden, kann im Zusammenhang mit dem verstärkten Einfluß der Bettelorden gesehen werden.83

Doch werden die Schachzabelbücher nicht allein als Ständetext gesehen. Zur Verdeut- lichung der zu vermittelnden Wert- und Verhaltenslehren nutzen sie insbesondere das narrative Element des Exempels, und diese Eigenschaft wird von Teilen der Forschung besonders hervorgehoben; vor allem KLIEWER und MEHL betonen bezüg- lich der Schachbücher ihren Charakter als Exempelsammlung.84 Die Aufnahme von Exempeln in das Schrifttum und besonders in die Predigtliteratur des Spätmittelalters ist keine Seltenheit, sondern geradezu die Regel.85 Eine verbindliche Begriffsbe- stimmung des Exempels wird durch den multifunktionellen Charakter des Text- elements erschwert, wie auch die Abgrenzung gegenüber anderen literarischen Formen problematisch ist.86 ›Exempel‹ meint allgemein in einen argumentativen oder narrativen Zusammenhang ›von außen‹ beigezogene,87 in sich abgeschlossene und vorwiegend narrative Texte meist geringeren Umfangs, die die im Kontext enthaltene Aussage induktiv beweisen.88 Dabei schafft diese Texteinheit eine Interpretationshilfe und trägt mit moralisierender Implikation zur Belehrung, Erbauung und Unterhaltung des Rezipienten bei.89 Gleichzeitig wird das Exempel durch den Kontext in Sinn und Funktion festgelegt.90 Es stellt keine eigenständige Gattung dar, sondern eine Funktion innerhalb eines Argumentationsvorganges.91 Somit vermögen beinahe jede Handlung und jeder Sachverhalt, selbst einfache Namensnennungen, die exemplarisch eingesetzt werden, als Exempel zu fungieren.92 Als Quellen dienen z. B. die Bibel, die Hagiogra- phie, aber seit dem 12. Jahrhundert auch in immer stärkeren Maße profanantike Autoren.93 In Sammlungen können Exempel aus unterschiedlichen Stoffgebieten ne- beneinanderstehen.94 Besonders Prediger der beiden großen Bettelorden lassen sich ab dem 13. Jahrhundert als Verfasser von Exempelsammlungen bestimmen.95

Neben dem Zugang über die Aspekte der Gattung, des Ständetextes und der Exempel- sammlung, hat die Forschung versucht, sich über gebrauchsfunktionale Aspekte den Schachzabelbüchern zu nähern. Im Predigtkontext sind Exempel als Moment einer neuen Zielsetzung und Breitenwirkung der geistlichen Unterweisung zu sehen; sie die- nen als Veranschaulichung des aktuellen Predigtgegenstands für eine offensichtlich differenzierte Zuhörerschaft, auf deren Denken prägend einzuwirken versucht wird.96

Es gibt kaum Exempelsammlungen, die nicht über eine innere Ordnung verbunden sind.97 Als Schemata fungieren beispielsweise thematische Einteilungen nach bestimmten Lastern und Tugenden oder - wie im Falle der Schachzabelbücher - nach gesellschaftlichen Ständen. Die Anordnung der Exempel kann aber auch rein alphabetisch oder chronologisch ausgerichtet sein.98 Die Systematik hat in Predigtexten vor allem die Aufgabe, einen möglichst schnellen Zugriff zu gewährleisten.99

Die Verwendung von Exempeln in Predigten und in der christlichen didaktischen Literatur wirkte auch auf profane Autoren weiter. Neben dem Gebrauch von Beispiel- geschichten in weltlichen Werken standen die Übersetzung zahlreicher Exempel- sammlungen in die Volkssprachen sowie die Schaffung volkssprachlicher Samm- lungen. Diese wurden sowohl von Priestern als auch von Laien genutzt,100 was jedoch in bezug auf die Werke des Jacobus und Konrads einer differenzierteren Betrachtung bedarf.

3. Zu Überlieferung und Edition des ›Schachzabelbuchs‹ Konrads von Ammenhausen

Konrads lateinische Vorlage, der ›Liber de moribus‹ des Jacobus de Cessolis wurde weitgehend im Umfeld der Predigt und insbesondere im Zusammenhang der Bettelor- den überliefert.101 Für das ›Schachzabelbuch‹ des Konrad von Ammenhausen gestaltet sich die Überlieferungslage anders; neuere Forschungen widersprechen der Aussage, dieses Werk sei besonders durch die Dominikaner weitergetragen worden.102

Die Überlieferungslage von Konrads Versbearbeitung ist in der Forschung lange Zeit unzureichend dargestellt worden: Nachdem VETTER 24 Handschriften aufgezählt hatte, zu denen auch die 1870 in Straßburg verbrannten Textzeugen zählten,103 fügte SCHMIDT diesem Ergebnis VETTERs zwei Handschriften hinzu; die bei SCHMIDT zusätzlich erwähnten und bei STAMMLER verzeichneten Fragmente sind indes Teile der Stuttgarter Ammenhausen-Handschrift.104 Neben den verlorenen Straßburger Ma- nuskripten müssen jedoch zwei weitere ausscheiden, da sie tatsächlich statt Konrads Text die Zweite Prosafassung enthalten. Außerdem tauchen zwei Handschriften dop- pelt in der Auflistung von VETTER auf.105 Dagegen sind vier Textzeugen neu hinzu- getreten, darunter die zwei von BACKES und GEISS gefundenen Fragmente.106 Damit sind heute 22 Textzeugen erhalten, davon bieten 15 den vollständigen Text, bei vier Handschriften fehlen nur jeweils einige Blätter.107 Mit dieser Anzahl von Manu- skripten ist das Werk Konrads deutlich breiter überliefert als die anderen deutschen Versbearbeitungen des ›Liber de moribus‹.108 Acht der Handschriften gehören noch in das 14. Jahrhundert, die Lörracher Fragmente wurden von Karin Schneider gar auf kurz vor 1350 datiert und reichen damit sehr nah an die Abfassungszeit heran.109 Bis kurz nach 1500 die handschriftliche Überlieferung abrupt abbricht, verteilt sich die Entstehung der Textzeugen gleichmäßig über den Zeitraum von eineinhalb Jahr- hunderten.110 Drucke sind nicht bekannt.111 Bisher mangelt es an einer über VETTERs sehr eingeschränkte Versuche hinausgehenden Untersuchung der Textgenealogie.112

Geographisch konzentriert sich die Überlieferung der Textzeugen auf die Nord- schweiz, Schwaben, Rheinfranken und das Elsaß, also faktisch auf eine Region, welche Stein am Rhein, den Wirkungsort Konrads, konzentrisch umschließt. Drei der Codices entstammen wahrscheinlich der Werkstatt des Diebold Lauber in Hagenau.113

Insgesamt weisen die Handschriften ein hohes Ausstattungsniveau auf, was belegt, daß für ihre Anfertigung beträchtliche finanzielle Mittel aufgewendet wurden. Sowohl die überwiegend noch pergamentenen Handschriften des 14. wie auch die Papierhand- schriften des 15. Jahrhunderts sind durchgängig im Folioformat mit einem großzü- gigen Rand angelegt. Häufig sind sie zweispaltig, immer mit abgesetzten Versen bzw. Verspaaren und sehr sorgfältig geschrieben. Zudem ist fast die Hälfte illustriert oder läßt Raum für Illustrationen frei, so daß zusammengefaßt das Bild einer auf Repräsen- tativität zielenden Überlieferungstradition für das ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen entsteht.114 Die Rezipienten der Schachallegorie finden sich, soweit dies aus den bekannten Angaben über Auftraggeber und frühe Besitzer der Codices abzuleiten ist, »ausschließlich im landsässigen Hoch- und Niederadel und im städ- tischen Klerus und Bürgertum«.115 BACKES und GEISS bezweifeln aus diesem Grund die Einschätzung SCHMIDTs, Konrad habe »ein breites Laienpublikum zu erreichen« gesucht.116

Auf eine spezifisch städtische Nutzung des Werks haben TEMMEN und PLESSOW keinen Hinweis gefunden, obwohl das Programm der Venden eine deutliche Abstim- mung auf Berufsgruppen der mittelalterlichen Stadt erkennen läßt.117 Unter gebrauchs- funktionalen Aspekten scheint das ›Schachzabelbuch‹ des Konrad von Ammenhausen Vertretern des Adels wie des wohlhabenden städtischen Bürgertums zuzuordnen zu sein, indem es für begüterte Kreise eine Repräsentationsfunktion ausfüllte und als Erbauungsbuch oder Fürstenspiegel gelesen wurde, wobei die didaktische Funktion offensichtlich eher in den Hintergrund trat.118 Dagegen wurde der lateinische Traktat des Jacobus hauptsächlich von Klerikern, oft wohl zu Predigtzwecken, genutzt.119

Bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts findet sich Konrads Werk nicht in Sammelhandschriften, dann erscheint es dreimal im Verbund mit anderen Werken, wobei Meister Ingolds ›Guldîn spil‹120 ebenfalls in zwei dieser Sammlungen als Mit- überlieferung auftaucht. Der Wiener Cod. 2049 aus der Österreichischen National- bibliothek enthält beide neben einer Prosaversion des ›Schachzabelbuchs‹.121 Darüber hinaus lassen die Zusammenstellungen keine übergreifenden Konzeptionen er- kennen.122

In der Edition FERDINAND VETTERs von 1892 liegt der Konradsche Text vollständig vor. Einzelne Teile des ›Schachzabelbuchs‹ aus verschiedenen Handschriften waren zuvor bereits veröffentlicht worden: WILHELM WACKERNAGEL machte 1846 die Zofinger Handschrift (Zofingen, Stadtbibliothek, Pa. 31) in Teilen bekannt, wobei er den Schwerpunkt darauf legte, »alles zusammen zu stellen […], was den Verfasser und seine Lebensumstände, sowie das Verhältniss seines Werkes zu dem lateinischen Original betrifft«.123 Vermutlich wurde die Zofinger Handschrift kurz vor 1400 nach einer schwäbischen Vorlage in der Nordschweiz geschrieben.124 Der hier untersuchte Teil des ›Schachzabelbuchs‹ zum achten Venden ist in dem von WACKERNAGEL bereitgestellten Text nur unvollständig enthalten.125

Die Handschrift Bern, Burgerbibliothek, Ms. Hist. Helv. X 48 zog VETTER der von WACKERNAGEL genutzten vor, so daß er diese zugrunde legte und sie mit Lesarten aus der Zofinger und der Handschrift Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cpg 398 ergänzte, als er 1877 erstmals einige Teile des Konradschen Werkes publizierte.126 Schon bei diesem Textabdruck galt sein Interesse vor allem einer möglichst dem ursprüglichen Sprachstand und der Entstehungszeit des ›Schachzabelbuchs‹ nahe- stehenden Veröffentlichung. Die Berner Handschrift stammt aus dem letzten Viertel des 14. Jahrhunderts und ist demnach tatsächlich zeitlich recht nah an der Entstehung des Werkes angesiedelt. Die Sprache ist nordschweizerisch mit elsässischen Ein- sprengseln.127 Das Heidelberger Manuskript wurde von dem Johanniterbruder Rein- bolt Süsse 1365 in Schlettstadt geschrieben.128

In der späteren vollständigen Ausgabe legte VETTER aus den gleichen Gründen dieselbe Leithandschrift zugrunde, wobei er für die Lesarten auf weitere Textzeugen zurückgriff.129 Insgesamt wurden so 13 Manuskripte für die Edition berücksichtigt, davon jedoch nur zwei in vollem Umfang.130 Es bleibt festzustellen, daß die Hand- schriftenverhältnisse der Veröffentlichung insgesamt eher als unzulänglich zu bezeich- nen sind.131 Dennoch wird die Edition VETTERs in Ermangelung einer neueren kritischen Ausgabe für die vorliegende Arbeit in bezug auf das ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen die Textgrundlage bilden.132 Gleiches gilt für den ›Liber de moribus‹ des Jacobus de Cessolis.

Ein großer Vorzug der VETTERschen Bemühungen ist darin zu sehen, daß der lateinische Traktat des Jacobus parallel zu dessen mittelhochdeutscher Übertragung abgedruckt wurde.133 Für das lateinische Prosaschachbuch versuchte der Herausgeber, diejenige Fassung abzubilden, die am ehesten Konrads Vorlage entsprochen haben könnte. Nach Vergleich von 15 Manuskripten legte Vetter so als Leithandschrift Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Weissenburg 89 zugrunde, welche er um die Lesarten sechs weiterer Textzeugen ergänzte.134

4. Zu Autor und Werk

Konrads Vorlage, den lateinischen Prosatraktat ›Liber de moribus‹, schrieb Jacobus de Cessolis, Mitglied des Dominikanerklosters San Domenico von Genua und durch KAEPPELI zwischen 1317 und 1322 urkundlich nachgewiesen, vermutlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts.135 Die Beliebtheit, die dieses aus Predigtaufzeichnungen hervorgegangene Werk innerhalb kürzester Zeit erlangte, läßt sich nicht nur an der großen Zahl der überlieferten Handschriften ablesen,136 sondern auch an der Fülle von Übertragungen in die verschiedensten Volkssprachen.137

Im deutschsprachigen Raum beendete 1337 der Benediktiner Konrad von Ammenhausen seine Bearbeitung des ›Liber de moribus‹,138 welche mit 19336 Versen nicht nur im Vergleich zur Vorlage eine deutliche Erweiterung erfuhr, sondern auch beträchtlich umfangreicher als die übrigen deutschen Schachallegorien ist.139 Für mittelalterliche Verhältnisse ist über die Person Konrads von Ammenhausen recht viel bekannt; seinen Namen, Herkunft und Stand verrät er selbst im Schlußakrostichon des ›Schachzabelbuchs‹: dis bΓch tiht ich cΓnrat von ammenhvsen in der stat ze stein da ich münich unde lütprjester wuas.140 Zur Entstehungszeit seines Werks hält er sich selbst für niht gar alt (V. 14052 und 14588), woraus mit SCHMIDT auf eine Lebenszeit ungefähr vom 3. Viertel des 13. Jahrhunderts bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts ge- schlossen werden kann.141 Zudem spielt Konrad mehrmals auf Reisen an und bezieht sich wiederholt auf Schwaben.142 Urkundliche Erwähnung findet er als frater dictus de Ammelshusen und conventualis in Stain unter den Zeugen eines am 13. Oktober 1328 in Diessenhofen ausgefertigten Schiedsspruchs im Rechtsstreit des Kirchherrn von Gailingen mit dem Priester zu Randegg und Gottmadingen.143 LIEB fand in einer Rei- chenauer Basiliushandschrift des neunten Jahrhunderts zwei weitere Nachweise, die darauf deuten, daß sich Konrad von Ammenhausen diese Handschrift in den Jahren 1324 und 1335 ausgeliehen hatte.144

An der früheren Forschungsmeinung, dem ›Schachzabelbuch‹ Konrads sei das- jenige Heinrichs von Beringen vorausgegangen, sind mittlerweile wiederholt Zweifel geäußert worden, wobei aufgrund der unsicheren Datierung von Heinrichs Werk bisher keine endgültige Entscheidung über die Reihenfolge gefällt werden konnte.145 Konrad jedenfalls kannte nach eigener Aussage zur Zeit der Abfassung keine weitere deutsche Bearbeitung des ›Liber de moribus‹.146 Neben den ›Schachzabelbüchern‹ Konrads und Heinrichs sind aus dem 14. Jahrhundert zwei weitere Versbearbeitungen von dem ›Pfarrer zu dem Hechte‹ (abgefaßt 1355 unter dem Titel ›Der livte syte‹) und Meister Stephan von Dorpat (das einzige mittelniederdeutsche Schachbuch; Mitte des 14. Jahrhunderts bzw. vor 1375) überliefert.147 Hinzu kommen die in ihrer Ent- stehungszeit nicht genau zu bestimmenden drei oder vier Prosafassungen anonymer Übersetzer148 und der ›Schachzabel‹ des Jakob Mennel aus dem Jahre 1507, der anläß- lich eines in Konstanz tagenden Reichstags erschienen ist und in nur 586 Versen Auszüge aus dem Werk Konrads wiedergibt.149

Alle diese Schachbücher gehen auf den lateinischen Prosatraktat des Jacobus de Cessolis zurück und folgen ihm grundsätzlich auch im Aufbau. Abweichungen kommen meist durch die Auslassung oder Ausweitung einzelner Teile zustande. Bei Konrad von Ammenhausen ist gerade letzteres häufig festzustellen: Bereits vor den Prolog, den er von Jacobus übernahm, setzte der Leutpriester eine eigene Vorrede von 680 Versen, in der er auch sogleich zwei Exempel anbrachte.150

Im weiteren Fortgang der Schrift hielt Konrad sich zumindest bezüglich des groben Aufbaus und der Gliederung des Inhalts an seine Vorlage. Auch Konrad unterteilte seine Schachallegorie in vier Teile, die von Prolog und Schluß umrahmt werden. Im ersten Teil werden die - fiktive - Entstehungsgeschichte des Schachspiels, dessen Erfinder und seine Motivationen behandelt (V. 799-1958, also 1160 Verse). Mit dem zweiten, insgesamt 7748 Verse (V. 1959-9706) umfassenden Teil, beginnt die eigentliche allegorische Ausdeutung des Spiels: Hier werden die Schachfiguren der hinteren Reihe in hierarchischer Anordnung mit den ›Edlen‹ oder ›Nobiles‹ symbolisch gleichgesetzt.151 Auf den König folgen die Königin, die Alten oder Richter, die Ritter und schließlich die Roche bzw. Landvögte.152

Jede Figur wird in ihrer äußeren Gestalt genauer beschrieben und zum Teil auch unter Hinweis auf ihre Ausgangsstellung auf dem Schachbrett mit Attributen versehen, die bestimmte Tugenden oder Eigenschaften zu verdeutlichen suchen.153 Im Anschluß werden die Tugenden der einzelnen Figuren genauer bestimmt.154

Entsprechend verfährt Konrads Text im dritten Teil mit den gemeinen Schachfiguren. Die ›Populares‹ bzw. ›Venden‹ - so die lateinische bzw. mittelhoch- deutsche Bezeichnung für die Spielfigur des Bauern im modernen Schachspiel - symbolisieren verschiedenste Berufe. Der erste Vende steht für den Bauern, der zweite für Schmied, Maurer und Zimmermann, der dritte für Weber, Färber, Tuchscherer, Schneider, Bartscherer, Metzger, Gerber, Schuster, Kürschner, Hutmacher, Sattler sowie Schreiber, also eine Fülle von stoff- und hautverarbeitenden Gewerben.155 Kauf- mann und Geldwechsler finden sich im vierten Venden wieder, Arzt und Apotheker sind unter den fünften Venden subsumiert, der sechste steht für den Schenk- und Gastwirt, der siebte für Stadthüter, Gemeindebeamten, Zöllner und Verwalter. Beim achten Venden ist schließlich, wie bereits erwähnt, eine Abweichung - nicht der Bear- beitung Konrads von seiner Vorlage, sondern bereits in der Zusammenstellung der symbolisierten Personengruppen - festzustellen: Dieser letzte Vertreter der Venden steht neben dem Boten auch für denjenigen, der verschwendet, und den Spieler. Wenn die letzten beiden Ausdeutungen auch möglicherweise keine seltenen Beschäftigungen in der mittelalterlichen Lebenswelt waren, so sind sie doch sicher nicht als klassische Berufe zu bezeichnen.156

Den Vendenbeschreibungen werden einheitlich Attribute in beiden Händen sowie am Gürtel beigefügt, wobei diese fast immer zur Ausdifferenzierung in weitere Berufsgruppen herangezogen werden.157 Im Gegensatz zum zweiten Teil des Werks weist die Gliederung der Venden keine auf den ersten Blick erkennbare hierarchische Struktur auf, wenn auch dem Vertreter des Nährstands das erste Kapitel gewidmet ist, während Spieler wie Verschwender im achten und letzten Kapitel thematisiert wer- den.158 Dieser dritte Teil nimmt im ›Schachzabelbuch‹ 8380 Verse ein (V. 9707- 18086).

[...]


1 Die Entstehung dieser Arbeit wurde angeregt durch das von Prof. Dr. Volker Honemann geleitete Teilprojekt B4 ›Die Darstellung der Gesellschaft und ihrer Wertvorstellungen in deutscher didaktischer Literatur des Mittelalters‹, das dem münsterschen Sonderforschungsbereich 496 ›Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution‹ angehört. Die Erforschung der mittelalterlichen Schachzabelbücher ist einer der Schwerpunkte des Forschungsprojekts, dessen Mitarbeiter es mir ermöglichten, auch bislang noch nicht publizierte Forschungsergebnisse zu berücksichtigen. Wo immer diese Eingang in die vorliegende Arbeit gefunden haben, wird in den Anmerkungen darauf verwiesen.

2 Sowohl das Werk Konrads wie das des Jacobus werden in der vorliegenden Arbeit zitiert nach: Das Schachzabelbuch Kunrats von Ammenhausen, Mönchs und Leutpriesters zu Stein am Rhein. Nebst den Schachbüchern des Jakob von Cessole und des Jakob Mennel, hg. von FERDINAND VETTER. Mit einem Exkurs über das mittelalterliche Schachspiel von V. HEYDEBRAND und DER LASA, Frauenfeld 1892 (Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz, Ergänzungsband). Die Edition wird im folgenden zitiert: VETTER. Versangaben ohne weitere Kennzeichnung im Text und in den Anmerkungen beziehen sich auf diese Ausgabe; zur Edition siehe unten Teil 3 dieser Arbeit. Die Titelangaben zu Jacobus’ Werk variieren in der Forschung. Neben den oben genannten finden sich beispielsweise die Bezeichnungen ›Solacium ludi scacorum‹, ›Liber super ludo scacorum‹ und ›Moralisatio super ludum scaccorum‹; vgl. auch ANNELIESE SCHMITT, Das Schachzabelbuch des Jacobus de Cessolis, in: Jacobus de Cessolis, Schachzabel (Augsburg: Johann Schönsperger 1483) mit einem Nachwort von DERS., Leipzig 1981 (Bibliothek seltener Bücher im Neudruck 2), S. 1-12, hier S. 2 (nachfolgend zitiert: SCHMITT, Das Schachzabelbuch). Die oben im Text genannten Werktitel entsprechen den Angaben von Prolog und Rekapitulation (VETTER, Sp. 27/28 bzw. Sp. 833/834). Auch die Schreibweise des Verfassernamens in den Handschriften ist nicht einheitlich, vgl. dazu HAROLD JAMES RUTHVEN MURRAY, A History of Chess, Oxford 1913, Nachdr. Oxford 1962, S. 538 (nachfolgend zitiert: MURRAY, A History of Chess).

3 Vgl. VOLKER HONEMANN, Das Schachspiel in der deutschen Literatur des Mittelalters. Zur Funktion des Schachmotivs und der Schachmetaphorik, in: Zeichen - Rituale - Werte. Sinnschichten und Deutungsstrategien symbolisch vermittelter Wertevorstellungen, hg. von GERD ALTHOFF, Münster 2004 (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme 3), S. 339-358 [im Druck, zitiert nach der Fahnenkorrektur vom 11.02.2004], hier S. 340 (nachfolgend zitiert: HONEMANN, Schachspiel). Der Aufsatz bietet zudem zahlreiche Hinweise auf das Schachspiel als literarisches Motiv. Vgl. dazu auch HANS PETSCHAR, Schachspiel. I. Geschichte - II. Das Schachspiel in der Literatur. Schachbücher, Schachallegorien, in: LexMA Bd. 7 (1995), Sp. 1427-1430, hier Sp. 1429 (nachfolgend zitiert: PETSCHAR, Schachspiel); RICHARD EALES, Chess. The History of a Game, London 1985, hier bes. S. 53-55.

4 Vgl. HONEMANN, Schachspiel, S. 339.

5 ANTON SCHWOB, ›Schachzabelbücher‹, in:2 VL Bd. 8 (1992), Sp. 589-592, hier Sp. 590 (nachfolgend zitiert: SCHWOB, ›Schachzabelbücher‹).

6 Vgl. OLIVER PLESSOW, Jakob Mennel und der Didaxeverzicht in der Schachzabelliteratur am Übergang zur frühen Neuzeit, in: Literatur - Geschichte - Literaturgeschichte. Beiträge zur mediävistischen Literaturwissenschaft. Festschrift für Volker Honemann zum 60. Geburtstag, hg. von NINE MIEDEMA - RUDOLF SUNTRUP, Frankfurt/M. 2003, S. 917-936, hier S. 920 (nachfolgend zitiert: PLESSOW, Jakob Mennel). Allerdings wird dabei der geistliche Stand ausgespart, vgl. z. B. INGEBORG GLIER, Kleine Reimpaargedichte und verwandte Großformen, in: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter 1250-1370. Teil 2: Reimpaargedichte, Drama, Prosa, hg. von DERS., München 1987 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart 3/2), S. 18-141, hier S. 86 (nachfolgend zitiert: GLIER, Kleine Reimpaargedichte); vgl. THOMAS CRAMER, Geschichte der deutschen Literatur im späten Mittelalter, 3., aktual. Aufl. München 2000, S. 106 (nachfolgend zitiert: CRAMER, Geschichte). Das Fehlen des Klerus begründet unter anderem die Diskussion darum, inwiefern ein Modell der Gesamtgesellschaft angestrebt worden ist; vgl. dazu u. a. DERS., Allegorie und Zeitgeschichte. Thesen zur Begründung des Interesses an der Allegorie im Spätmittelalter, in: Formen und Funktionen der Allegorie. Symposion Wolfenbüttel 1978, hg. von WALTER HAUG, Stuttgart 1978 (Germanistische Symposien, Berichtsbände 3), S. 265-276, hier S. 267f. (nachfolgend zitiert: CRAMER, Allegorie und Zeitgeschichte); vgl. ANEŽKA VIDMANOVÁ, Die mittelalterliche Gesellschaft im Lichte des Schachspiels, in: Soziale Ordnungen im Selbstverständnis des Mittelalters, hg. von ALBERT ZIMMERMANN, Berlin - New York 1979 (Miscellanea mediaevalia 12/1), S. 323-335, hier S. 334 (nachfolgend zitiert: VIDMANOVÁ, Die mittelalterliche Gesellschaft); HANS HOLLÄNDER, Zeichensysteme und Interpretationsebenen im Schachspiel, in: Vom Wesir zur Dame. Kulturelle Regeln, ihr Zwang und ihre Brüchigkeit. Über kulturelle Transformationen am Beispiel des Schachspiels, hg. von ERNST STROUHAL, Wien 1995, S. 11-25, hier S. 15 und 17.

7 Vgl. JOSEF GIESEN, Die Darstellung der Stände in der Kölner Schachzabel-Handschrift (W. fol. 356), in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 27 (1953), S. 159-177, hier S. 174 (nachfolgend zitiert: GIESEN, Die Darstellung der Stände); vgl. KARL-S. KRAMER, Bauern, Handwerker und Bürger im Schachzabelbuch. Mittelalterliche Ständegliederung nach Jacobus de Cessolis, München 1995 (Forschungshefte Bayerisches Nationalmuseum 14), S. 13 (nachfolgend zitiert: KRAMER, Bauern).

8 Diese drei Ausdeutungen der Figur hatte schon Jacobus de Cessolis vorgegeben und sie finden sich auch in den anderen Versionen der Schachbücher wieder.

9 Vgl. JEAN-MICHEL MEHL, Jeu d’échecs et éducation au XIIIème siècle. Recherches sur le ›Liber de moribus‹ de Jacques de Cessoles, Phil. Diss. Strasbourg 1975, S. 214 (nachfolgend zitiert: MEHL, Jeu d’échecs).

10 VETTER, Sp. 697/698-729/730.

11 Die VETTERsche Edition bietet einen recht mühelosen Zugriff auf die nicht von Jacobus übernommenen Ausführungen Konrads, indem die selbständigen Teile des deutschen Textes mit einem Seitenstrich markiert sind. Somit wird in der vorliegenden Arbeit keine diesbezügliche Vollständigkeit angestrebt, sondern eine Auswahl getroffen.

12 Vgl. dazu VETTER, Sp. 731/732-737/738, Anm. 730-769.

13 Für Heinrich von Beringen (so auch nachfolgend zitiert) wird folgende Edition genutzt: Das Schachgedicht Heinrichs von Beringen, hg. von PAUL ZIMMERMANN, Tübingen 1883 (Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart 166). Das Schachbuch des Pfarrers zu dem Hechte wird zitiert nach: EDUARD SIEVERS, Mitteldeutsches Schachbuch, in: ZfdA 17 (1874), S. 161-389 (nachfolgend zitiert: Pfarrer zu dem Hechte); Textgrundlage für die Prosafassungen sind: Das Schachzabelbuch des Jacobus de Cessolis, O.P. in mittelhochdeutscher Prosa-Übersetzung. Nach den Handschriften hg. von GERARD FRANCIS SCHMIDT, Berlin 1961 (Texte des späten Mittelalters 13), nachfolgend zitiert: Erste Prosafassung, sowie: Das deutsche Prosa-Schachzabelbuch (Kritische Ausgabe), hg. von GERARD FRANCIS SCHMIDT, Cambridge 1953 (nachfolgend zitiert: Zweite Prosafassung). Für Meister Stephan (unter diesem Namen auch nachfolgend zitiert) liegt nachstehende Ausgabe zugrunde: Meister Stephans Schachbuch. Ein mittelniederdeutsches Gedicht des vierzehnten Jahrhunderts, Theil I: Text. Mit sechszehn lithographirten Tafeln, Norden - Leipzig 1889 (Sonderabdruck aus den Verhandlungen der Gelehrten Estnischen Gesellschaft zu Dorpat 11).

14 Zwar werden die durch die anderen Venden vertretenen Berufe teils an einzelnen durch sie repräsentierten Figuren abgehandelt - so etwa beim dritten Venden -, doch sind es dort die Tugenden, die als Gliederungsprinzip wirken. Beim fünften und siebten Venden ist ebenfalls eine gewisse Gruppierung nach den beschriebenen Gewerben zu beobachten, dies jedoch in Verbindung mit nacheinander abgehandelten Tugenden.

15 Vgl. BURGHART WACHINGER, pietas vel misericordia. Exempelsammlungen des späten Mittelalters und ihr Umgang mit einer antiken Erzählung, in: Kleinere Erzählformen im Mittelalter. Paderborner Colloquium 1987, hg. von KLAUS GRUBMÜLLER - L. PETER JOHNSON - HANS-HUGO STEINHOFF, Paderborn u. a. 1988 (Schriften der Universität-Gesamthochschule-Paderborn, Reihe Sprach- und Literaturwissenschaft 10), S. 225-242, hier S. 230 (nachfolgend zitiert: WACHINGER, pietas vel misericordia).

16 Vgl. MICHAEL MENZEL, Predigt und Geschichte. Historische Exempel in der geistlichen Rhetorik des Mittelalters, Köln - Weimar - Wien 1998 (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 45), S. 202 (nachfolgend zitiert: MENZEL, Predigt und Geschichte).

17 Vgl. PLESSOW, Jakob Mennel, S. 927.

18 Vgl. etwa KARIN LERCHNER, Wissenssystem und Gesellschaftsethik im ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen: Zum Verständnis der ›artes mechanicae‹ in Text und Bild, in: JOWG 11 (1999), S. 333-345, hier S. 333 (nachfolgend zitiert: LERCHNER, Wissenssystem und Gesellschaftsethik); GERARD FRANCIS SCHMIDT, Konrad von Ammenhausen, in:2 VL Bd. 5 (1985), Sp. 136-139, hier Sp. 138 (nachfolgend zitiert: SCHMIDT, Konrad von Ammenhausen).

19 Überhaupt fehlt es bisher in der Forschung an konkreten Untersuchungen zu einzelnen Figuren in den Schachzabelbüchern. Als Ausnahme ist hier zu nennen: RAINER A. MÜLLER, Der Arzt im Schachspiel bei Jakob von Cessolis, München 1981, der sich allerdings nahezu darauf beschränkt, Arztbeschreibungen aus unterschiedlicher Schachliteratur des Mittelalters nebeneinanderzustellen und das ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen dabei nicht berücksichtigt.

20 Bezeichnung nach: GERARD FRANCIS SCHMIDT, Einleitung, in: Das Schachzabelbuch des Jacobus de Cessolis, O.P. in mittelhochdeutscher Prosa-Übersetzung. Nach den Handschriften hg. von DEMS., Berlin 1961 (Texte des späten Mittelalters 13), S. 7-24, hier S. 10 (nachfolgend zitiert: SCHMIDT, Einleitung).

21 Diese Angabe findet sich bei Konrad selbst: der dis büechelîn hat getiht/ in latîn, als ich es vant,/ der was Jacobus genant/ von Thessolis, ein bredi(re (V. 208-211).

22 Vgl. z. B. GIESEN, Die Darstellung der Stände, S. 174; vgl. VIDMANOVÁ, Die mittelalterliche Gesellschaft, hier S. 333; vgl. DIES., Jacobus de Cessolis in sozialgeschichtlicher Hinsicht, in: Kommentarband zur Faksimileausgabe Cod. Pal. lat. 961, Zürich 1988 (Codices e Vaticanis selecti quam simillime expressi iussu Ioannis Pauli PP II consilio et opera curatorum Bibliothecae Vaticanae 74), S. 101-139, hier S. 120 (nachfolgend zitiert: VIDMANOVÁ, Jacobus de Cessolis); vgl. HERBERT KOLB, Der Landvogt und seine Buben. Über ein allegorisches Sinnbild als Ausdruck eines Herrschaftsverhältnisses und politischer Machtansprüche, in: LiLi 37 (1980), S. 86-101, hier S. 93f.; vgl. SCHMITT, Das Schachzabelbuch, hier S. 7; vgl. CHIARA FRUGONI, Das Schachspiel in der Welt des Jacobus des Cessolis, in: Kommentarband zur Faksimileausgabe Cod. Pal. lat. 961, Zürich 1988 (Codices e Vaticanis selecti quam simillime expressi iussu Ioannis Pauli PP II consilio et opera curatorum Bibliothecae Vaticanae 74), S. 35-77, hier S. 53 (nachfolgend zitiert: FRUGONI, Das Schachspiel); vgl. GERD BETZ, Das Schachbuch des Jacobus de Cessolis. Aufbau und Bedeutung, in: Kommentarband zur Faksimileausgabe Cod. Pal. lat. 961, Zürich 1988 (Codices e Vaticanis selecti quam simillime expressi iussu Ioannis Pauli PP II consilio et opera curatorum Bibliothecae Vaticanae 74), S. 17-34, hier S. 32 (nachfolgend zitiert: BETZ, Das Schachbuch); HANS PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder. Semiotische Überlegungen zur Metaphorik der mittelalterlichen Schachzabelbücher, in: Symbole des Alltags. Alltag der Symbole. Festschrift für Harry Kühnel zum 65. Geburtstag, hg. von GERTRUD BLASCHNITZ u. a., Graz 1992, S. 617-640, hier S. 637 (nachfolgend zitiert: PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder); vgl. KRAMER, Bauern, S. 109.

23 GIESEN, Die Darstellung der Stände, S. 174.

24 VIDMANOVÁ, Die mittelalterliche Gesellschaft, S. 333 sowie DIES., Jacobus de Cessolis, S. 120.

25 SCHMITT, Das Schachzabelbuch, S. 7. HANS HOLLÄNDER, Ein Spiel aus dem Osten, in: Die Begegnung des Westens mit dem Osten. Kongreßakten des 4. Symposions des Mediävistenverbandes in Köln 1991 aus Anlaß des 1000. Todesjahres der Kaiserin Theophanu, hg. von ODILO ENGELS - PETER SCHREINER, Sigmaringen 1993 (Veröffentlichungen des Mediävistenverbandes 4), S. 389-416, hier S. 408 (nachfolgend zitiert: HOLLÄNDER, Ein Spiel aus dem Osten); PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder, S. 637; KRAMER, Bauern, S. 109.

26 PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder, S. 637.

27 FRUGONI, Das Schachspiel, S. 53.

28 HOLLÄNDER, Ein Spiel aus dem Osten, S. 407; KRAMER, Bauern, S. 13.

29 KRAMER, Bauern, S. 109

30 VIDMANOVÁ, Jacobus de Cessolis, S. 120.

31 BETZ, Das Schachbuch, S. 32; PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder, S. 637; HOLLÄNDER, Ein Spiel aus dem Osten, S. 407; KRAMER, Bauern, S. 13 und S. 75; SCHMITT, Das Schachzabelbuch, S. 7 bezeichnet ihn gar als »Typ des Asozialen und Außenseiters«.

32 HOLLÄNDER, Ein Spiel aus dem Osten, S. 407; KRAMER, Bauern, S. 13.

33 PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder, S. 637. Vgl. auch KRAMER, Bauern, S. 116. Für den achten Venden bei Konrad von Ammenhausen kann eine ähnliche Interpretation von LERCHNER, Wissenssystem und Gesellschaftsethik, S. 337, als impliziert angenommen werden, wenn sie seine Stellung am Schluß der Ordnung der Populares damit begründet, daß er den Spieler und Verschwender repräsentiert.

34 Vgl. PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder, S. 637; dem widersprechend vgl. demnächst HEIKE BIERSCHWALE - OLIVER PLESSOW, Schachbrett, Körper, Räderwerk. Verräumlichte Gesellschaftsmetaphorik im Spätmittelalter, in: Modelle - Praktiken - Rituale. Zur Konstituierung gesellschaftlicher Ordnung in Mittelalter und früher Neuzeit, hg. von CHRISTOPH DARTMANN - MARIAN FÜSSEL - STEFANIE RÜTHER (Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme) [im Druck] (nachfolgend zitiert: BIERSCHWALE - PLESSOW, Schachbrett), die darauf verweisen, die »sich durch die Kapitelgliederung ergebende Ordnung« sei nicht »als Rangordnung zu verstehen«. Eine Bevorzugung bestimmter Figuren ergebe sich vielmehr aus der Opposition von ›innen‹ - also in der Nähe des Königs - und ›außen‹. Dadurch wird freilich nicht die Stellung des achten, sondern die des ersten Venden umgedeutet.

35 Vgl. KRAMER, Bauern, S. 13.

36 PLESSOW, Jakob Mennel, S. 920.

37 Vgl. VETTER, Sp. 697/698: »Achtes Kapitel. Der achte Fende oder: Der Verschwender, Spieler, Läufer.« Dieses Vorgehen hat seine Anregung wohl unter anderem im lateinischen Text gefunden, in dem es zumindest in den von VETTER genutzten Drucken und seiner Leithandschrift De prodigis, ribaldis, lusoribus et cursoribus (und ähnlich) lautet (vgl. VETTER, ebd.). Zwar gibt, wie noch zu zeigen sein wird, auch Konrads Fassung diese Einteilung her, doch ist eine der Vorlage entsprechende klare Gliederung bei ihm nicht gegeben.

38 Vgl. WOLFGANG DITTMANN, Zur Erfindung des Schachspiels im »Schachzabelbuch«: Die erzählte Primär-Rezeption bei Konrad von Ammenhausen, in: Erzählungen in Erzählungen. Phänomene der Narration in Mittelalter und Früher Neuzeit, hg. von HARALD HAFERLAND - MICHAEL MECKLENBURG, München 1996 (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur 19), S. 303-326, hier S. 318 (nachfolgend zitiert: DITTMANN, Zur Erfindung); vgl. LERCHNER, Wissenssystem und Gesellschaftsethik, S. 337.

39 Vgl. DITTMANN, Zur Erfindung, S. 318.

40 Vgl. PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder, S. 638; vgl. HOLLÄNDER, Ein Spiel aus dem Osten, S. 407. Dieser Zusammenhang wird schon im Traktat des Jacobus selbst genannt (der Text des Jacobus de Cessolis wird nach der Edition VETTER zitiert; vgl. VETTER, Sp. 697/698). Auch die deutschen Schachzabelbücher übernehmen diese Verbindung.

41 Vgl. MEHL, Jeu d’échecs, S. 149; vgl. SCHMITT, Das Schachzabelbuch, S. 7.

42 Vgl. GIESEN, Die Darstellung der Stände, S. 175.

43 Vgl. FRUGONI, Das Schachspiel, S. 53f.

44 Berthold von Regensburg. Vollständige Ausgabe seiner Predigten mit Anm. und Wörterbuch von FRANZ PFEIFFER, Bd. 1, Wien 1862, S. 155, Z. 18f. (nachfolgend zitiert: Berthold von Regensburg).

45 Vgl. HEINZ-JÜRGEN KLIEWER, Die mittelalterliche Schachallegorie und die deutschen Schachzabelbücher in der Nachfolge des Jacobus de Cessolis, Diss. Heidelberg 1966, S. 42 (nachfolgend zitiert: KLIEWER, Die mittelalterliche Schachallegorie); vgl. HERMANN HENNE, Soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Ordnung. Gesellschaftsmodelle in Texten aus dem 12. bis 14. Jahrhundert, in: DU 44 (1992), S. 14-30, hier besonders S. 24-27 (nachfolgend zitiert: HENNE, Soziale Ungleichheit). Auch ANTONIUS VAN DER LINDE, Geschichte und Literatur des Schachspiels. Zwei Bände in einem Band. Mit einem Vorwort von CHRISTIAAN M. BIJL, Zürich 1981 (Tschaturanga 20), S. 25, Anm. 11 hat diesen Zusammenhang angedeutet.

46 Vgl. FRUGONI, Das Schachspiel, S. 52; vgl. LERCHNER, Wissenssystem und Gesellschaftsethik, S. 337.

47 Vgl. Berthold von Regensburg, S. 142-156.

48 Vgl. HELMUT FLACHENECKER, Handwerkliche Lehre und Artes mechanicae, in: Europäische Technik im Mittelalter: 800 bis 1200. Tradition und Innovation. Ein Handbuch, hg. von UTA LINDGREN, Berlin 1996, S. 493-502, hier S. 495. Vgl. auch PETER STERNAGEL, Die artes mechanicae im Mittelalter. Begriffs- und Bedeutungsgeschichte bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, Kallmünz 1966 (Münchener historische Studien, Abteilung mittelalterliche Geschichte 2), S. 68 (nachfolgend zitiert: STERNAGEL, Die artes mechanicae); vgl. FRITZ KRAFFT, Artes mechanicae, in: LexMA Bd. 1 (1980), Sp. 1063-1065, hier Sp. 1064.

49 Vgl. STERNAGEL, Die artes mechanicae, S. 98f. und ebd., Anm. 85.

50 Vgl. HOLLÄNDER, Ein Spiel aus dem Osten, S. 408 und ebd., Anm. 41.

51 Vgl. JOACHIM BUMKE, Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, 4., aktual. Aufl. München 2000, S. 327 (nachfolgend zitiert: BUMKE, Geschichte). Vgl. auch WOLFGANG HEINEMANN, Zur Ständedidaxe in der deutschen Literatur des 13.-15. Jahrhunderts. Teil 3, in: PBB (Halle) 92 (1970), S. 388-437, hier S. 389. Insgesamt bietet die Aufsatzfolge noch immer einen umfassenden Überblick über mittelalterliche Ständedidaxe. Der erste Teil erschien in: PBB (Halle) 88 (1967), S. 1-90, der zweite in: ebd. 89 (1967), S. 290-403 (nachfolgend zitiert: HEINEMANN, Ständedidaxe Teil 2). Alle Teile haben den gleichen Titel.

52 CRAMER, Geschichte, S. 16. Vgl. auch DERS., Allegorie und Zeitgeschichte, S. 271 und S. 275.

53 ELKE BRÜGGEN, Laienunterweisung. Untersuchungen zur deutschsprachigen weltlichen Lehrdichtung des 12. und 13. Jahrhunderts, Habil.schrift [masch.] Köln 1994, S. 13 (nachfolgend zitiert: BRÜGGEN, Laienunterweisung). Vgl. dort grundlegend zu den bisherigen Forschungen zur didaktischen Dichtung des Mittelalters S. 1-83 sowie DIES., Fiktionalität und Didaxe. Annäherungen an die Dignität lehrhafter Rede im Mittelalter, in: Text und Kultur. Mittelalterliche Literatur 1150-1450, hg. von URSULA PETERS, Stuttgart - Weimar 2001, S. 546-574 (nachfolgend zitiert: BRÜGGEN, Fiktionalität). Der Aufsatz faßt im wesentlichen die Hauptargumente des allgemeinen Teils von BRÜGGENs - bisher nicht veröffentlichter - Habilitationsschrift zusammen.

54 Vgl. CRAMER, Geschichte, S. 15 und S. 106 mit bezug auf die Schachallegorien.

55 Ebd., S. 16. CRAMER nennt in diesem Zusammenhang Hungersnöte und Teuerungen, die großen Pestepidemien, die Spaltung der Kirche, den verstärkten Niedergang des Adels und das Aufblühen der Städte, mit dem eine fundamentale Umformung weiter Teile des gesellschaftlichen Systems verbunden war (S. 15-21). Dort auf S. 21 auch weiterführende Literatur zu den ›Krisen‹ des Spätmittelalters. HONEMANN verbindet diesen Gedanken explizit mit dem Erfolg der spätmittelalterlichen Schachallegorien, da diese eine eingängige Metapher für die Darstellung der Gesellschaft bieten und dem Wunsch nach einem einfachen und leicht verständlichen Bild seitens der Zeitgenossen nachkommen (vgl. HONEMANN, Schachspiel, S. 353). Vgl. auch FRUGONI, Das Schachspiel, besonders S. 44 und 49, die als Hintergrund für die Entstehung des ›Liber de moribus‹ die gesellschaftlichen Veränderungen des dritten Standes annimmt.

56 CRAMER, Geschichte, S. 16.

57 Vgl. z. B. noch jetzt CRAMER, Geschichte, S. 16f. Die Unterscheidungen lauten etwa: »Lehre in der Dichtung« - »Lehrdichtung«, so BRUNO BOESCH, Lehrhafte Literatur. Lehre in der Dichtung und Lehrdichtung im deutschen Mittelalter, Berlin 1977 (Grundlagen der Germanistik 21), S. 7 (nachfolgend zitiert: BOESCH, Lehrhafte Literatur) und »mittelbar« - »unmittelbar« belehrende Dichtung bei BERNHARD SOWINSKI, Lehrhafte Dichtung des Mittelalters, Stuttgart 1971 (Sammlung Metzler M 103), S. 2 (nachfolgend zitiert: SOWINSKI, Lehrhafte Dichtung des Mittelalters) und DERS., Lehrhafte Literatur. X. Deutsche Literatur, in: LexMA Bd. 5 (1991), Sp. 1836-1838, hier Sp. 1836.

58 BOESCH, Lehrhafte Literatur, S. 8.

59 SOWINSKI, Lehrhafte Dichtung des Mittelalters, S. 2.

60 Ebd., S.1, ähnlich BOESCH, Lehrhafte Literatur, S. 7. Auch GUSTAV EHRISMANN, Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters. Teil 2: Die mittelhochdeutsche Literatur. Schlußband, München 1966 (Handbuch des deutschen Unterrichts an höheren Schulen 6.2.2.2) stellt darauf ab, das »realistische Lebensgefühl« präge die Dichtung des 14. und 15. Jahrhunderts (S. 629), impliziert also eine gewisse Phantasielosigkeit.

61 Vgl. dazu ausführlich: BRÜGGEN, Laienunterweisung, S. 16-26 und S. 70-76. Vgl. auch THOMAS HAYE, Das lateinische Lehrgedicht im Mittelalter. Analyse einer Gattung, Leiden - New York - Köln 1997 (Mittellateinische Studien und Texte 22), S. 32-35.

62 Das Schachzabelbuch Konrads von Ammenhausen fällt bei BOESCH, Lehrhafte Literatur, S. 265-267, in den Bereich der »allgemeinen Lebenslehren« in Abgrenzung zu Ritter-, Minnelehre und religiösen Lehren, wobei nicht ganz deutlich wird, worauf sich die Unterteilung stützt bzw. eine intensivere Reflexion des Vorgehens nicht zu erkennen ist.

63 Vgl. GLIER, Kleine Reimpaargedichte, S. 19; vgl. SOWINSKI, Lehrhafte Dichtung des Mittelalters, S. 27f.

64 Vgl. SOWINSKI, Lehrhafte Dichtung des Mittelalters, S. 5.

65 Vgl. ebd., S. 5.

66 Vgl. ebd., S. 4.

67 Vgl. dazu unten Teil 3 der Untersuchung.

68 Vgl. HUGO KUHN, Versuch einer Literaturtypologie des deutschen 14. Jahrhunderts, in: Typologia Litterarum. Festschrift für Max Wehrli, hg. von STEFAN SONDEREGGER - ALOIS M. HAAS - HARALD BURGER, Zürich 1969, S. 261-280, hier S. 263.

69 Dies stellte schon BERNHARD FABIAN, Das Lehrgedicht als Problem der Poetik, in: Die nicht mehr schönen Künste. Grenzphänomene des Ästhetischen, hg. von HANS ROBERT JAUSS, München 1968 (Poetik und Hermeneutik 3), S. 67-89, hier S. 69, für die Beurteilung des Lehrgedichts durch Aristoteles fest, dessen ›Poetik‹ FABIAN als den Beginn der »Problemgeschichte des Lehrgedichts« (S. 68) bestimmt. Für den hier behandelten Gegenstand der mittelhochdeutschen Didaxe muß jedoch beachtet werden, daß es sich bei den Werken, auf die sich Aristoteles bezieht, »in erster Linie um den Typus des fachwissenschaftlichen Lehrgedichts handelt«, das im deutschsprachigen Mittelalter seine Entsprechung in der sog. Fachliteratur hat (BRÜGGEN, Laienunterweisung, S. 29).

70 Zitiert nach: Horaz, Sämtliche Werke. Lateinisch und deutsch. Teil 2: Sermones et Epistulae, übers. und zus. mit HANS FÄRBER bearb. von WILHELM SCHÖNE, 9. Aufl. Darmstadt 1982.

71 Vgl. JOACHIM SUCHOMSKI, ›Delectatio‹ und ›utilitas‹. Ein Beitrag zum Verständnis mittelalterlicher komischer Literatur, Bern - München 1975 (Bibliotheca Germanica 18), S. 73. Vgl. auch HANNS FISCHER, Studien zur deutschen Märendichtung, 2., durchges. und erw. Aufl. bes. von JOHANNES JANOTA, Tübingen 1983, der darauf verweist, daß Unterhaltung und Belehrung im Mittelalter nicht in einem so starken Gegensatz stehen wie gewöhnlich für den heutigen Literaturkonsumenten (S. 106).

72 Vgl. BRÜGGEN, Fiktionalität, S. 574.

73 BUMKE, Geschichte, S. 327.

74 OTTO GERHARD OEXLE, Deutungsschemata der sozialen Wirklichkeit im frühen und hohen Mittelalter. Ein Beitrag zur Geschichte des Wissens, in: Mentalitäten im Mittelalter. Methodische und inhaltliche Probleme, hg. von FRANTIŠEK GRAUS, Sigmaringen 1987 (Vorträge und Forschungen 35), S. 65-117, hier S. 66 (nachfolgend zitiert: OEXLE, Deutungsschemata). Vgl. DERS., Stand, Klasse (Antike und Mittelalter), in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. von OTTO BRUNNER - WERNER CONZE - REINHART KOSELLECK, Bd. 6, Stuttgart 1990, S. 156-200, hier S. 160 (nachfolgend zitiert: OEXLE, Stand, Klasse); vgl. DERS., Die funktionale Dreiteilung als Deutungsschema der sozialen Wirklichkeit in der ständischen Gesellschaft des Mittelalters, in: Ständische Gesellschaft und soziale Mobilität, hg. von WINFRIED SCHULZE unter Mitarb. von HELMUT GABEL, München 1988 (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 12), S. 19-51, hier S. 24 (nachfolgend zitiert: OEXLE, Die funktionale Dreiteilung). Eine Zusammenstellung verschiedener Deutungsschemata bietet ALFRED J. HUBLER, Ständetexte des Mittelalters. Analysen zur Intention und kognitiven Struktur, Tübingen - Basel 1993 (Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur 66), S. 24-27 (nachfolgend zitiert: HUBLER, Ständetexte).

75 Vgl OEXLE, Stand, Klasse, hier S. 160. Vgl. DERS., Die funktionale Dreiteilung, S. 23f. führt neben Deutungsschemata und Sozialmetaphern als dritte Prägung von Stände-Reflexion Soziallehren an, zu denen vor allem ›De civitate Dei‹ des Augustinus und die Fürstenspiegelliteratur zählen. Als wichtigste Sozialmetapher nennt OEXLE die Körpermetapher, zu den Deutungsschemata gehört die Figur der funktionalen Dreiteilung. Ein Überblick über die geläufigsten Sozialmetaphern und deren Herkunft bei HUBLER, Ständetexte, S. 28-30.

76 HUGO FRIEDRICH, Epochen der italienischen Lyrik, Frankfurt 1964, S. 648, hier zitiert nach OEXLE, Die funktionale Dreiteilung, S. 23f.

77 Vgl. HUBLER, Ständetexte, S. 11f.

78 OEXLE, Deutungsschemata, hier S. 81.

79 Vgl. HUBLER, Ständetexte, S. 13f.; vgl. OEXLE, Die funktionale Dreiteilung, S. 29. Auch DIETMAR PEIL, Untersuchungen zur Staats- und Herrschaftsmetaphorik in literarischen Zeugnissen von der Antike bis zur Gegenwart, München 1983 (Münstersche Mittelalter-Schriften 50) verweist auf die Gemeinsamkeit von Modell und Metapher, stets eine Repräsentationsfunktion zu erfüllen, diese aber lediglich für die Eigenschaften des verbildlichten Originalsystems, die im Einzelfall relevant erscheinen (S. 16).

80 HUBLER, Ständetexte, S. 15.

81 Vgl. OEXLE, Die funktionale Dreiteilung, S. 31.

82 Vgl. DERS., Stand, Klasse, hier S. 183f. und S. 188-190.

83 Vgl. SCHWOB, ›Schachzabelbücher‹, Sp. 590. Vgl. auch GLIER, Kleine Reimpaargedichte, S. 85, die das spezifischere Interesse der Schachzabelbücher an der Welt der Stadt hervorhebt. Vgl. auch HEINEMANN, Ständedidaxe Teil 2, S. 318.

84 Vgl. die Exempel-Konkordanz bei KLIEWER, Die mittelalterliche Schachallegorie, S. 231-249. Hier werden insgesamt über 170 Exempel aufgeführt, wobei beachtet werden muß, daß deren Vorkommen in den unterschiedlichen Fassungen der Schachzabelbücher variiert. Vgl. JEAN-MICHEL MEHL, L’exemplum chez Jacques de Cessoles, in: Le Moyen Âge 84 (1978), S. 227-246, hier S. 227. Grundlegend zum Exempel und zur Exempelsammlung insbesondere im Mittelalter vgl. CLAUDE BREMOND - JACQUES LE GOFF - JEAN-CLAUDE SCHMITT, L’»Exemplum«, Turnhout 1982 (Typologie des Sources du Moyen Âge Occidental 40), nachfolgend zitiert: BREMOND - LE GOFF - SCHMITT, L’»Exemplum«; JEAN-THIEBAUT WELTER, L’Exemplum dans la littérature religieuse et didactique du Moyen Âge, Nachdr. der Ausg. Paris - Toulouse 1927, Genf 1973, zum Exempel bei Jacobus de Cessolis siehe dort S. 351-354.

85 Vgl. MICHAEL CHESNUTT, Exempelsammlungen. 1. Exempelsammlungen im Mittelalter, in: EM Bd. 4 (1984), Sp. 592-604, hier Sp. 593 (nachfolgend zitiert: CHESNUTT, Exempelsammlungen).

86 Vgl. ERWIN RAUNER, Exempel, Exemplum I. Begriff - II. Mittellateinische Literatur, in: LexMA Bd. 4 (1989), Sp. 161-163, hier Sp. 161 (nachfolgend zitiert: RAUNER, Exempel); vgl. WACHINGER, pietas vel misericordia, S. 229; vgl. auch CHRISTOPH DAXELMÜLLER, [Rezension zu:] BREMOND - LE GOFF - SCHMITT, L’»Exemplum«, in: Fabula 26 (1985), S. 139-142, hier S. 139; vgl. DERS., Exemplum, in: EM Bd. 4 (1984), Sp. 627-649, hier Sp. 630 (nachfolgend zitiert: DAXELMÜLLER, Exemplum), zur Wirkungslosigkeit, das Exempel von »anderen Erzählformen moralisierender Intention wie Fabel, Parabel und Anekdote« abzugrenzen, da alle diese Gattungen als Exempel Anwendung finden können.

87 Vgl. GERD DICKE, Exempel, in: RLW Bd. 1 (1997), S. 534-537, hier S. 535 (nachfolgend zitiert: DICKE, Exempel). »›Von außen‹ beigezogen« beinhaltet hierbei zugleich, daß das Exempel von dem es umgebenden Text isoliert werden kann.

88 Vgl. DAXELMÜLLER, Exemplum, Sp. 627; vgl. RAUNER, Exempel, Sp. 161.

89 Vgl. DAXELMÜLLER, Exemplum, Sp. 627.

90 Vgl. DICKE, Exempel, S. 535. Daß die Bedeutungsbestimmung erst im jeweiligen Kontext stattfindet, verweist zugleich auf die Möglichkeit, ein und dasselbe Exempel zur Konkretisierung unterschiedlicher Vermittlungsinhalte anzuwenden. Das Exempel hat immer »einen Überschuß an Sinnpotential gegenüber dem Demonstrationszweck« (WACHINGER, pietas vel misericordia, S. 230).

91 Vgl. DAXELMÜLLER, Exemplum, Sp. 627; vgl. auch MENZEL, Predigt und Geschichte, S. 187f., der diesen Befund für in der Predigt eingesetzte Exempel teilt.

92 Vgl. TIMOTHY R. JACKSON, Die Kürze des Exemplums. Am Beispiel der ›Elsässischen Predigten‹, in: Kleinere Erzählformen im Mittelalter. Paderborner Colloquium 1987, hg. von KLAUS GRUBMÜLLER - L. PETER JOHNSON - HANS-HUGO STEINHOFF, Paderborn u. a. 1988 (Schriften der Universität- Gesamthochschule-Paderborn, Reihe Sprach- und Literaturwissenschaft 10), S. 213-223, hier S. 213f.; vgl. WACHINGER, pietas vel misericordia, S. 229f. Vgl. MENZEL, Predigt und Geschichte, S. 14.

93 Vgl. RAUNER, Exempel, Sp. 161. Vgl. MENZEL, Predigt und Geschichte, S. 12f.

94 Vgl. MENZEL, Predigt und Geschichte, S. 186, der sich hier allerdings ausschließlich auf die Predigtsammlungen bezieht. Der Traktat des Jacobus de Cessolis zeichnet sich aber gerade dadurch aus, daß er ganz überwiegend antikisierende Beispielgeschichten bietet; vgl. KLIEWER, Die mittelalterliche Schachallegorie, S. 183f. Konrad enthebt sein Werk dieser Homogenität, indem er selbständig auch Exempel aus anderen Stoffbereichen wie der Bibel einfügt (vgl. ebd.). Für das im folgenden schwerpunktmäßig zu untersuchende Kapitel des ›Schachzabelbuchs‹ kann zudem vorweg der Hinweis geliefert werden, daß es - wie noch genauer auszuführen sein wird - hinsichtlich des thematischen Ursprungs der Beispielgeschichten vom sonst vorherrschenden Schema abweicht.

95 Vgl. MENZEL, Predigt und Geschichte, S. 20; vgl. BRIGITTE WEISKE, Gesta Romanorum, Bd. 1: Untersuchungen zu Konzeption und Überlieferung, Tübingen 1992 (Fortuna vitrea 3), S. 1 (nachfolgend zitiert: WEISKE, Gesta Romanorum); vgl. CHESNUTT, Exempelsammlungen, Sp. 593.

96 Vgl. MENZEL, Predigt und Geschichte, S. 12-14, der seine Untersuchungen vor allem auf das profanhistorische Exempel stützt und dessen Einsatz in der Predigt mit der Absicht, die gesamte Universalgeschichte unter heilsgeschichtlichem Aspekt zu sehen, begründet (hier S. 13). Damit wird mit ihnen ganz allgemein »Weltgeschichte zum theologischen Ausdrucksmittel gemacht« (ebd., S. 20).

97 Vgl. BREMOND - LE GOFF - SCHMITT, L’»Exemplum«, S. 60.

98 Vgl. ebd., S. 60-63. Vgl. speziell zu den Exempel enthaltenden Predigtsammlungen: MENZEL, Predigt und Geschichte, S. 186 sowie CHESNUTT, Exempelsammlungen, Sp. 598. Die ›Gesta Romanorum‹ stellen somit trotz ihrer breiten Überlieferung eher eine Ausnahme dar, da ihnen ein solch klar gegliederter Aufbau fehlt. Vgl. dazu WEISKE, Gesta Romanorum, S. 1.

99 Vgl. MENZEL, Predigt und Geschichte, S. 187.

100 Vgl. CHESNUTT, Exempelsammlungen, Sp. 601.

101 Den entsprechenden Nachweis bieten demnächst OLIVER PLESSOW - MAREIKE TEMMEN, Didaxe zwischen Allegorie und Exempel - die mittelalterliche Schachzabelliteratur in textsoziologischer Dimension [hier zitiert nach dem Manuskript vom 10.02.2004], nachfolgend zitiert: PLESSOW - TEMMEN, Didaxe.

102 WILHELM WACKERNAGEL, Ueber das Schachzabelbuch Konrads von Ammenhausen und die Zofinger Handschrift desselben, in: Beiträge zur Geschichte und Literatur. Vorzüglich aus den Archiven und Bibliotheken des Kantons Aargau, hg. von HEINRICH KURZ - PLACID WEISSENBACH, Bd. 1, Aarau 1846, S. 28- 77, 158-222, 314-373, hier S. 44 (nachfolgend zitiert: WACKERNAGEL, Ueber das Schachzabelbuch), hatte seine These, »die Symbolisierung der Spiele gieng wie eine Ordensüberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht« lediglich auf die drei dominikanischen Verfasser von symbolischen Spielauslegungen bezogen: Jacobus de Cessolis, Johannes von Rheinfelden mit dem ›Ludus cartularum moralisatus‹ und Meister Ingolds ›Das guldin spil‹. Noch KLIEWER, Die mittelalterliche Schachallegorie, S. 12, dagegen suchte ausgehend von WACKERNAGEL »die These zu erhärten, daß besonders die Dominikaner die Schachbücher benutzten und verbreiteten«.

103 Vgl. VETTER, Beilage zu S. LI.

104 Vgl. SCHMIDT, Konrad von Ammenhausen, Sp. 137. Er nennt als weitere Handschriften: Darmstadt, Hessische Landes- und Hochschulbibliothek, Hs. 3717 [diese entspricht der Nr. 20 bei MARTINA BACKES - JÜRGEN GEISS, Zwei neue Fragmente des ›Schachzabelbuchs‹ Konrads von Ammenhausen. Mit einer revidierten Liste der Textzeugen, in: ZfdA 125 (1996), S. 419-447, hier S. 439 (nachfolgend zitiert: BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente)], Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek, Cod. 91b in scrin. (jedoch auch schon bei VETTER, Beilage zu S. LI, unter Nr. 7 aufgeführt; Nr. 13 bei BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 436) und Köln, Kunstgewerbemuseum, C 290, wobei diese vier Fragmente heute im Wallraf-Richartz-Museum liegen und von HEINZER als Teile der Stuttgarter Ammenhausen-Handschrift (Württembergische Landesbibliothek, Cod. poet. et phil. 2° 2) identifiziert worden sind. Vgl. FELIX HEINZER, Die Kölner Membra disiecta der Stuttgarter Schachzabel- Handschrift: Die Fragmente M 112 bis M 115 des Wallraf-Richartz-Museums, in: Wallraf-Richartz- Jahrbuch 52 (1991), S. 7-15, hier S. 8.

105 Vgl. BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 431 und die Verweise auf die VETTERsche Doppelzählung bei den Handschriften-Beschreibungen zu Nr. 17 und Nr. 19 (diese entsprechen Nr. 5 und 23 bzw. Nr. 15 und 16 bei VETTER, Beilage zu S. LI).

106 So die bei SCHMIDT, Konrad von Ammenhausen, Sp. 137 erwähnte Darmstädter Handschrift. Außerdem: Köln, Historisches Archiv der Stadt Köln, W* 305; Freiburg, Universitätsbibliothek, Fragm. 71 und Lörrach, Stadtarchiv, ohne Signatur. Vgl. BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, zu Nr. 20, 2, 16 und 1.

107 Vgl. das Kurzverzeichnis bei BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 431-440.

108 Das Schachbuch des Pfarrers zu dem Hechte ist lediglich in zwei Fragmenten überliefert, vgl. GERARD FRANCIS SCHMIDT, Pfarrer zu dem Hechte, in:2 VL Bd. 7 (1989), Sp. 556-558, hier Sp. 556 (nachfolgend zitiert: SCHMIDT, Pfarrer zu dem Hechte). Heinrichs von Beringen Schachgedicht liegt in einer fast vollständigen Handschrift und zwei Fragmenten vor, vgl. DERS., Heinrich von Beringen (1.2), in:2 VL Bd. 3 (1981), Sp. 696-698, hier Sp. 697 (nachfolgend zitiert: SCHMIDT, Heinrich von Beringen). Kürzlich wurde das erste handschriftliche Fragment des Schachbuchs Stephans von Dorpat aufgefunden und transkribiert: vgl. dazu MAREIKE TEMMEN, Der erste handschriftliche Textzeuge des Schachbuches Stephans von Dorpat - ein mittelniederdeutsches Fragment in Krakau, in: Literatur - Geschichte - Literaturgeschichte. Beiträge zur mediävistischen Literaturwissenschaft. Festschrift für Volker Honemann zum 60. Geburtstag, hg. von NINE MIEDEMA - RUDOLF SUNTRUP, Frankfurt/M. 2003, S. 895-915. Stephans Text befindet sich sonst lediglich in einem Lübecker Wiegendruck vom Ende des 15. Jahrhunderts, vgl. HARTMUT BECKERS, Stephan von Dorpat, in:2 VL Bd. 9 (1995), Sp. 290-293, hier Sp. 290f. (nachfolgend zitiert: BECKERS, Stephan von Dorpat).

109 Vgl. BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 422 und S. 431, Anm. 24.

110 Vgl. ebd., S. 440.

111 Vgl. KLIEWER, Die mittelalterliche Schachallegorie, S. 51, Anm. 2.

112 Vgl. KARIN LERCHNER, Konrad von Ammenhausen. Das Schachzabelbuch. Farbmikrofiche-Edition der Handschrift Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek, Cod. 91b in scrinio. Literar- und kunsthistorische Einführung, München 2000 (Codices illuminati medii aevi 58), S. 13 (nachfolgend zitiert: LERCHNER, Konrad von Ammenhausen). VETTERs Ausführungen beschränken sich auf das gegenseitige Verhältnis der Leithandschriften seiner Edition, d. h. auf die bei ihm, Beilage zu S. LI, unter Nr. 4, 6 und 18 aufgeführten Handschriften. Die letzten beiden gehen nach VETTER auf eine unbekannte gemeinsame Vorlage zurück, die mit Nr. 4 auf eine wiederum ältere Textstufe zurückgeführt werden kann (vgl. VETTER, S. LII).

113 Vgl. BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 441. Vgl. zur Werkstatt Diebold Laubers, die erheblichen Bekanntheitsgrad erlangt hat: LIESELOTTE E. SAURMA-JELTSCH, Spätformen mittelalterlicher Buchherstellung. Bilderhandschriften aus der Werkstatt Diebold Laubers in Hagenau, Bd. 1-2, Wiesbaden 1991.

114 Vgl. BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 441.

115 Ebd., S. 442.

116 Das Zitat bei SCHMIDT, Konrad von Ammenhausen, Sp. 138; dagegen vgl. BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 443.

117 Vgl. MAREIKE TEMMEN - OLIVER PLESSOW, Chess Books in Latin and German, An Inquiry into the Allegorical Representation of Society and its Values in Medieval Didactic Literature [zitiert nach dem Manuskript vom 12.01.2004], nachfolgend zitiert: TEMMEN - PLESSOW, Chess Books.

118 Vgl. ebd.

119 Vgl. ebd. TEMMEN und PLESSOW folgern daraus, daß die Schachsymbolik in diesem Fall vielleicht weniger entscheidend war als der schnelle Zugriff auf die Beispielgeschichte, daß also den Gebrauch des lateinischen Traktats seine Gestaltung in Form einer Exempelsammlung maßgeblich bestimmt hat. Dies unterstreichen die starke Segmentierung der lateinischen Handschriften sowie die stärkere Strukturierung des Textes, die einen schnellen Zugriff auf einzelne Stellen ermöglichten (vgl. dazu demnächst auch PLESSOW - TEMMEN, Didaxe). Durch die Zusätze Konrads erscheint dessen ›Schachzabelbuch‹ dagegen weniger klar gegliedert. Der Charakter der Exempelsammlung scheint hinter einer gewissen Freude am Erzählen zurückzutreten, was mit der veränderten Gebrauchsfunktion durchaus in Einklang zu bringen ist.

120 Vgl. dazu HELLMUT ROSENFELD, Meister Ingold (Wild), in:2 VL Bd. 4 (1983), Sp. 381-386.

121 Vgl. BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 439.

122 Vgl. ebd., S. 442.

123 Vgl. WACKERNAGEL, Ueber das Schachzabelbuch, S. 48.

124 Vgl. BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 434 mit einer weitergehenden Beschreibung.

125 Siehe WACKERNAGEL, Ueber das Schachzabelbuch, S. 341-354.

126 Vgl. FERDINAND VETTER, Neue Mittheilungen aus Konrads von Ammenhausen Schachzabelbuch. Zum ersten Mal gedruckt nach der Luzerner (Berner) Handschrift, mit Vergleichung der Zofinger und Heidelberger, und des Originals von Jacobus de Cessolis, Aarau 1877, S. IV (nachfolgend zitiert: VETTER, Neue Mittheilungen).

127 Vgl. BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 433. Dort auch eine ausführlichere Beschreibung.

128 Vgl. ebd., S. 432f. mit kurzer Beschreibung der Handschrift.

129 Vgl. VETTER, Begleitwort zur ersten Lieferung.

130 Letzteres betrifft das Berner und das Heidelberger Manuskript; den Zofinger Textzeugen hat er nur herangezogen, soweit er bei WACKERNAGEL, Ueber das Schachzabelbuch und in VETTERs eigenen ›Neuen Mittheilungen‹ gedruckt vorlag, d. h. nicht einmal für die Hälfte des Gedichts, wie bereits KRAUS feststellte, vgl. CARL KRAUS, [Rezension zu:] VETTER, in: Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien 43 (1892), S. 1093-1110, hier S. 1096 (nachfolgend zitiert: KRAUS, [Rezension zu:] VETTER); zudem konkret als Grundlage der Edition benannt sind lediglich: Colmar, Bibliothèque Municipale, 435 (78); Zürich, Staatsarchiv, W 3 AG 21 (bei VETTER als Edlibachsche Handschrift bezeichnet); Zürich, Zentralbibliothek, Car. C 28 und Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek, Cod. poet. et phil. 2° 2 (vgl. VETTER, S. LIf.). Die Illustrationen letzterer liegen als Faksimileausgabe vor: Konrad von Ammenhausen, Das Schachzabelbuch. Die Illustrationen der Stuttgarter Handschrift (Cod. poet. et philol. fol. No 2), in Abb. hg. und erl. von CARMEN BOSCH-SCHAIRER, Göppingen 1981 (Litterae 65).

131 Vgl. auch BACKES - GEISS, Zwei neue Fragmente, S. 417, Anm. 1 sowie SCHMIDT, Konrad von Ammenhausen, Sp. 137. LERCHNER, Konrad von Ammenhausen, S. 13, dagegen unterstützt die VETTERsche Vorgehensweise mit Hinweis darauf, daß der Text Konrads bis in die jüngste Überlieferung keine redaktionelle Veränderung oder Bearbeitung erfahren habe und nur mit wenigen Abweichungen überliefert sei.

132 Der von VETTER 1877 veröffentlichte Ausschnitt des mittelhochdeutschen Schachbuchs bietet zwar ebenfalls den vollständigen Text zum achten Venden (VETTER, Neue Mittheilungen, dort auf S. 29-37, V. 1339-2408), entspricht aber aufgrund der übereinstimmenden Leithandschrift weitgehend der in der Edition vorliegenden Fassung, so daß er nicht berücksichtigt wird.

133 Dieser ist darüber hinaus in zwei Editionen greifbar: Iacobus de Cessolis, hg. von ERNST KÖPKE, Brandenburg/Havel 1879 (Mittheilungen aus den Handschriften der Ritter-Akademie zu Brandenburg a. H. 2, beigegeben dem 23. Jahresbericht ueber die Ritter-Akademie, Progr. No. 59) sowie Jacobus de Cessolis. Libellus de Moribus Hominum et Officiis Nobilium ac Popularium super Ludo Scachorum, hg. von MARIE ANITA BURT, Phil. Diss. Austin 1957.

134 Vgl. VETTER, Begleitwort zur ersten Lieferung. In die Lesarten sind eingegangen: Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, 42. 3. Aug. 2°; Brandenburg nach Ausgabe von KÖPKE (heute: Berlin, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Ms. theol. lat. fol. 566); München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 538 sowie die Drucke »Hiberna ex arce Johannes« 1505 nach der Vergleichung von KÖPKE und HAIN 4892, Ex. Berner Stadtbibl. Inc. III, 109 (Jacobus de Cessolis, De ludo scachorum. [Toulouse: Heinrich Mayer, um 1494]), vgl. VETTER, Sp. 25/26.

135 Vgl. THOMAS KAEPPELI, Pour la biographie de Jacques de Cessole, in: Archivum Fratrum Praedicatorum 30 (1960), S. 149-162, hier S. 153 und 157. MEHL hatte dagegen eine deutlich frühere Entstehung präferiert, vgl. MEHL, Jeu d’échecs, S. 21-25. Eine sichere Datierung ist nicht möglich, der Zeitraum der Abfassung kann lediglich auf die Jahre zwischen 1280 und 1330 beschränkt werden, vgl. TEMMEN - PLESSOW, Chess Books.

136 LEONARD E. BOYLE, Der dominikanische Zusammenhang des Schachbuchs »De ludis scacchorum«, in: Kommentarband zur Faksimileausgabe Cod. Pal. lat. 961, Zürich 1988 (Codices e Vaticanis selecti quam simillime expressi iussu Ioannis Pauli PP II consilio et opera curatorum Bibliothecae Vaticanae 74), S. 11-15, hier S. 15 spricht von über 250 bis heute überlieferten Handschriften und vier gedruckten Ausgaben aus der Zeit vor 1500. Die jüngste Übersicht findet sich bei THOMAS KAEPPELI, Scriptores Ordinis Praedicatorum Medii Aevi, Bd. 2, Rom 1975, S. 311-318 mit Nachträgen in: DERS. - EMILIO PANELLA, Scriptores Ordinis Praedicatorum Medii Aevi, Bd. 4, Rom 1993, S. 132 und demnächst bei PLESSOW - TEMMEN, Didaxe.

137 PETER CHRISTIAN JACOBSEN, Jacobus de Cessolis, in: LexMA Bd. 5 (1991), Sp. 257, spricht von Übersetzungen in sechs Volkssprachen. Neben deutschen Bearbeitungen gibt es z. B. eine tschechische und mehrere französische; vgl. PETSCHAR, Schachspiel, Sp. 1428f.

138 Das Jahr der Fertigstellung wird im Werk selbst genannt; vgl. V. 19214-19217: dis büechilîn wart vollebrâht,/ dô man zalt von gots gebürt vür wâr/ siben und drîssig und drîzehen hundert jâr,/ vor îngêndem merzen drîje tage. Weitere Werke des Leutpriesters sind nicht bekannt. Daß Konrad Benediktiner gewesen ist, wurde von Teilen der Forschung in Zweifel gezogen, obwohl bereits VETTER, S. V-VII, die Ordenszugehörigkeit überzeugend dargelegt hat. ADOLPH GOLDSCHMIDT, Die Luzerner illustrierten Handschriften des Schachzabelbuches des Schweizer Dichters Konrad von Ammenhausen. Ein Beitrag zur Geschichte der Buchmalerei im 14. und 15. Jahrhundert, in: Innerschweizerisches Jahrbuch für Heimatkunde 8/10 (1944/46), S. 9-33, hier S. 10f. dagegen bezeichnet ihn ohne Begründung als Dominikaner und auch KLIEWER, Die mittelalterliche Schachallegorie, S. 51, vermutet offensichtlich, Konrad könne diesem Orden angehört haben, wenn er bezweifelt, daß die Übertragung eines Dominikanertraktats aus dem Benediktinerkloster Stein stammt. Die große Verbreitung des ›Liber de moribus‹ von Jacobus de Cessolis in Benediktinerkreisen wird jedoch demnächst von PLESSOW - TEMMEN, Didaxe belegt. Berücksichtigt man zudem die Nachweise LIEBs (HANS LIEB, Konrad von Ammenhausen, in: Schaffhauser Beiträge zur Geschichte 57 (1980), S. 152f., nachfolgend zitiert: LIEB, Konrad von Ammenhausen; vgl. dazu ausführlich die folgende Seite), scheint somit die Zugehörigkeit Konrads zum Georgenkloster in Stein am Rhein nahezu sicher (vgl. auch PLESSOW - TEMMEN, Didaxe).

139 Zu den verschiedenen Arten der Amplifikation bei Konrad vgl. LERCHNER, Konrad von Ammenhausen, S. 10f. und GLIER, Kleine Reimpaargedichte, S. 88-90.

140 Vollständig lautet das Akrostichon in den Versen 19233-19336: dis bΓch tiht ich cΓnrat von ammenhvsen in der stat ze stein da ich münich unde lütprjester wuas ich kvnde es niht getihten bas.

141 Vgl. SCHMIDT, Konrad von Ammenhausen, Sp. 137. NORBERT H. OTT, Konrad von Ammenhausen, in: NDB Bd. 12 (1980), S. 535-536, hier S. 535, gibt eine ähnliche Einschätzung, indem er den Geburtstermin in die Jahre um 1280/90 datiert.

142 V. 2656 (Konstanz), V. 2654 (Chur), V. 2653 (Frankreich), V. 5865 (Paris), V. 2653 und 4809 (die Provence), V. 5865, 15400 (Montpellier) sowie V. 7974, 8328, 8331, 8349, 11527, 12093, 12641 und 14053 zu Schwaben.

143 Vgl. LIEB, Konrad von Ammenhausen, S. 153. Dort auch die Zitate aus der Urkunde 1 des Pfarrarchivs Randegg.

144 Vgl. ebd. Es handelt sich um die Handschrift Augiensis CLXXIX der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, 168r. LIEB verweist hier zudem darauf, daß diese Basiliusschrift wohl keinen Eingang in das ›Schachzabelbuch‹ Konrads von Ammenhausen gefunden hat, da die einzige darin auszumachende Basiliusstelle (V. 15924-15931) aus einer anderen Schrift stammt und zudem wörtlich von Jacobus de Cessolis übernommen ist.

145 Vgl. z. B. SCHMIDT, Heinrich von Beringen, Sp. 697, der Heinrichs Schachgedicht ausgehend von den Daten zur Person des Jacobus de Cessolis in das 2. Viertel des 14. Jahrhunderts datiert. Vgl. auch GLIER, Kleine Reimpaargedichte, S. 87.

146 Ob ieman ouch in tΦtsche vint/ geschriben dis selbe büechelîn,/ des weis ich nicht. (V. 118-120) und Sîd aber ich nu niht kan ervarn,/ ob es ze tΦtsche sî (V. 127f.).

147 Vgl. SCHMIDT, Pfarrer zu dem Hechte, Sp. 556. Vgl. BECKERS, Stephan von Dorpat, Sp. 290f.

148 Vgl. SCHMIDT, Einleitung, S. 9f.: Der lateinische Text wurde dreimal übersetzt. Zwei dieser Fassungen schließt SCHMIDT aufgrund von geringer Kunstfertigkeit bzw. der schlechten Überlieferungslage von seinen Untersuchungen aus. Die wahrscheinlich älteste und stilistisch beste, dem lateinischen Text am getreuesten folgende Prosaschrift nennt SCHMIDT die Erste Fassung; nach seiner Einschätzung stellt eine Zweite Fassung, die um ein Drittel kürzer ausfällt, aber am weitesten verbreitet war, eine Bearbeitung der Ersten Fassung dar. Einschränkend bemerkt er dazu, daß diese Beurteilung ohne die Kenntnis der Ersten Fassung nicht zustande gekommen wäre. So hält es auch SCHWOB für möglich, daß die Zweite Fassung eigentlich eine vierte Übersetzung bzw. Bearbeitung ist, vgl. SCHWOB, ›Schachzabelbücher‹, hier Sp. 591. Die Entstehung der Ersten und Zweiten Prosafassung datiert SCHMIDT, Einleitung, S. 11, ins 14. Jahrhundert.

149 Vgl. GERARD FRANCIS SCHMIDT, Mennel (Manlius), Jakob (II.2.), in:2 VL Bd. 6 (1987), Sp. 390f. Vgl. auch PLESSOW, Jakob Mennel, S. 920. Zu den Nachwirkungen des ›Schachzabelbuchs‹ Konrads von Ammenhausen in späteren Texten vgl. SCHMIDT, Konrad von Ammenhausen, Sp. 138f. und KLIEWER, Die mittelalterliche Schachallegorie, S. 55-57. Der von VETTER aufgestellten Vermutung, ›Des Teufels Netz‹ habe das ›Schachzabelbuch‹ als Quelle genutzt (S. XXII), widerspricht ANKE EHLERS, Des Teufels Netz. Untersuchung zum Gattungsproblem, Stuttgart u. a. 1973 (Studien zur Poetik und Geschichte der Literatur 35), S. 116-120.

150 Bei KLIEWER, Die mittelalterliche Schachallegorie, S. 233, sind dies die Exempel a) und b). Beides sind biblische Gleichnisse: Daniel in der Löwengrube und das Gleichnis von Vater, Sohn und Esel.

151 Vgl. LERCHNER, Konrad von Ammenhausen, S. 9.

152 Die Alten sind die heutigen Läufer, die Ritter entsprechen der Figur des Springers und die Roche schließlich finden ihr Pendant in den Türmen des uns bekannten Schachspiels. Die Verszahlen sind in diesem Teil folgendermaßen aufgeteilt: König V. 1959-2900 = 942 Verse, Königin V. 2901-4228 = 1328 Verse, Alte V. 4229-5820 = 1592 Verse, Ritter V. 5821-7838 = 2018 Verse, Roch V. 7839-9706 = 1868 Verse.

153 Vgl. HONEMANN, Schachspiel, S. 341. So trägt beispielsweise der König auf dem Haupt eine goldene Krone, die sein vornehmes Wesen verbildlicht. In seinen Händen hält er ein Zepter und einen goldenen Apfel, die für seine Herrschaft und die Gerechtigkeit gegenüber seinen Untertanen stehen (vgl. V. 1959-2001).

154 Vgl. auch PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder, S. 629.

155 Vgl. etwa LERCHNER, Konrad von Ammenhausen, S. 11.

156 Vgl. MEHL, Jeu d’échecs, S. 214.

157 Vgl. PETSCHAR, Vorbilder für Weltbilder, S. 629.

158 Vgl. LERCHNER, Konrad von Ammenhausen, S. 9f. BIERSCHWALE - PLESSOW, Schachbrett, weisen neuerdings jedoch die zentral vor dem König stehenden Figuren als gesellschaftlich bevorzugt aus, ebenso wie sie eine Präferenz für die auf der rechten Seite des Brettes stehenden Venden gegenüber denlinks angeordneten vermuten. In der Behandlung der Figuren folgen die Schachzabelbücher bei den Venden einheitlich der Anfangsaufstellung auf dem Brett von rechts nach links, während die Offiziersreihe in der Mitte begonnen und dann zu beiden Seiten hin abgehandelt wird.

Ende der Leseprobe aus 173 Seiten

Details

Titel
Studien zum Schachzabelbuch des Konrad von Ammenhausen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Deutsche Philologie I)
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
173
Katalognummer
V197101
ISBN (eBook)
9783656231264
Dateigröße
1416 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konrad von Ammenhausen, Schachzabelbuch, Jacobus de Cessolis, Schachallegorie, symbolische Kommunikation, Mediävistik, Mittelalter, Schach, achter Vende, Venden, ribaldus, achter Bauer, Spieler, Verschwender, Bote, didaktische Literatur, Gesellschaftstheorie, Didaktik, Liber de moribus, Allegorie
Arbeit zitieren
Christina Wagner-Emden (Autor), 2004, Studien zum Schachzabelbuch des Konrad von Ammenhausen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197101

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