Das Fräulein und der Detektiv

Der Einfluss E. T. A. Hoffmanns auf die Erzählungen von Edgar Allan Poe am Beispiel von "Das Fräulein von Scuderi" und "The Murders in the Rue Morgue"


Hausarbeit, 2012

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Autoren
2.1. Е. T. A. Hoffmann - Person und Kunstverständnis
2.2. Edgar Allan Poe - Person und Kunstverständnis
2.3. Ein Vergleich

3. Das Fräulein von Scuderi & The Murders in the Rue Morgue. Eine Gegenüberstellung
3.1. Paris als Schauplatz
3.2. „Detektive" bei Hoffmann und Poe
3.2.1 Magdaleine von Scuderi
3.2.2 C. Auguste Dupin
3.3. Darstellung des Verbrechens
3.3.1. Giftmorde, Schmuckraub und erdolchte Kavaliere
3.3.2. Extraordinary Murders in Rue Morgue
3.4. Die Rolle der Polizei
3.4.1. Ermittlung durch die Chambre ardente bei Hoffmann
3.4.2. Darstellung der unterlegenen Pariser Polizei bei Poe
3.5. Unschuldig verdächtigt - Olivier Brusson vs. Adolphe Le Bon
3.5.1. Olivier Brusson, der Liebende
3.5.2. Adolphe Le Bon, der Gute
3.6. Detaillierte Aufklärung im Verhör
3.6.1. M. von Scuderi und Olivier Brusson
3.6.2. Dupin und der Matrose
3.7. Der Täter
3.7.1. René Cardillac, der Schmuckkünstler
3.7.2. Ein entlaufener Orang-Utan

4. Fazit

Bibliographie

Anhang

1. Einleitung

1841 veröffentlichte der amerikanische Autor Edgar Allan Poe im Graham'Lady's and Gentleman's Magazine die Erzählung The Murders in the Rue Morgue. Mit dieser Veröffentlichung begründete er der heutigen Auffassung nach den Beginn der modernen Detektivgeschichte. Der berühmte britische Detektiv Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle zum Beispiel weist deutlich auf Poes Monsieur C. Auguste Dupin hin.

Doch auch Edgar Allan Poe nahm bei der Entwicklung seiner Werke offenbar Anleihen von anderen Autoren. Besonders ist der Einfluss der dunklen Seite der deutschen Romantik bei seinen Erzählungen unverkennbar. Und bereits 22 Jahre zuvor veröffentlichte E. T. A. Hoffmann mit Das Fräulein von Scuderi eine Geschichte, die Elemente einer Detektivgeschichte enthält.

Im Laufe dieser Arbeit wird näher beleuchtet, welchen Einfluss Hoffmanns Erzählung auf das Schaffen des Amerikaners Poe nahm und an welchen Stellen der Kurzgeschichte sich dies besonders widerspiegelt.

2. Die Autoren

Bevor die beiden Werke einer genaueren Betrachtung unterzogen werden, wird das Augenmerk kurz auf die beiden Autoren gerichtet.

2.1. E. T. A. Hoffmann - Person und Kunstverständnis

E. T. A. Hoffmann wurde am 24. Januar 1776 in Königsberg als Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann geboren. Er entstammte einer langen Linie von Juristen und wurde später selbst ebenfalls zu einem. Erst später ändert er seinen dritten Vornamen von Wilhelm in Amadeus, als ein Zeichen seiner Verehrung für Mozart.

Seine Arbeiten sind der Romantik. Insbesondere betrat er das Feld des Schauerlichen, die Nachtseite der Romantik, mit seinen Figuren und Schauplätzen. Schauerliche Motive sind auch in der Erzählung Das Fräulein von Scuderi zu finden.[1]

2.2. Edgar Allan Poe - Person und Kunstverständnis

Geboren am 19. Januar 1809 als Sohn eines Schauspielerpaares, lernte Edgar Allan Poe schon früh die Schwere des Lebens kennen. Sein Vater verließ die Familie und seine Mutter starb mit 24 Jahren qualvoll. Ein Erlebnis, was den späteren Schriftsteller Poe nachhaltig geprägt zu haben scheint, denn in seinen Arbeiten wurde der Tod immer wieder thematisiert.

Derjunge Poe wuchs bei einer reichen Pflegefamilie auf und zeichnete sich durch hohe Intelligenz aus. Während seiner Jugend lebte er mit seinen Pflegeeltern für mehrere Jahre in Europa. Auf die Universität ging er dennoch nur wenige Monate, da sein Ziehvater ihm das Geld strich.[2]

Ähnlich wie Hoffmann neigte er stark zu Motiven des Terrors in seinen Werken. Von der deutschen Romantik zeigte er sich stark beeindruckt. Hingegen fiel der Einfluss der als empirisch geltenden British Gothic, von Schriftstellern wie unter anderem Matthew Lewis, zunächst geringer aus, während seine Werke sich eher der fantasievollen German Gothic um Ludwig Tieck und E. T. A. Hoffmann näherten.[3]

2.3. Ein Vergleich

Sowohl E. T. A. Hoffmann als auch Edgar Allan Poe waren Zeit ihres Lebens von Widersprüchen in ihren Wesen geprägt. Beide waren vielseitig begabt. Ebenso ist die Zerrissenheit, in denen sie sich jeweils befanden, in ihren Werken deutlich zum Ausdruck gebracht worden. Schauerliche und übersinnliche Motive wurden von beiden Autoren gerne aufgegriffen.

3. Das Fräulein von Scuderi & The Murders in the Rue Morgue. Eine Gegenüberstellung.

Zwei Geschichten, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander gemeinsam haben. Und doch sind die Parallelen, die Poes Kurzgeschichte, die er im April 1841 erstmals in der Zeitschrift Graham's Lady^s and Gentleman's Magazine veröffentlichte, bei näherem Hinschauen unverkennbar da. Neben Ähnlichkeiten weist die Detektivgeschichte des Amerikaners sogar Hinweise auf, die den Schluss zulassen, dass er sich eingehend mit Hoffmanns Das Fräulein von Scuderi, welche 1819 in Die Serapionsbrüder. Gesammelte Erzählungen und Mährchen erschien, auseinandergesetzt und inspiriert haben muss.

In diesem dritten Kapitel der Arbeit werden die Schauplätze, Protagonisten, Antagonisten sowie der Aufbau und weitere Faktoren beider Erzählungen gegenübergestellt um zu zeigen, an welchen Punkten es klare Anzeichen für einen Einfluss von E.T.A. Hoffmanns Kriminalerzählung auf die Detektivgeschichte Edgar Allan Poes zu finden gibt.

3.1. Paris als Schauplatz

In E. T. A. Hoffmanns Erzählung Das Fräulein von Scuderi wurde Paris als Schauplatz gewählt. Der Erzählung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten bezieht sich auf die mysteriösen Giftmorde von 1679 und den daraus entstandenen Skandal bei Hofe. Hoffmann nutzt diese reale Gegebenheit um die chambre ardente (frz. „glühende Kammer") und den Präsidenten la Regnie (Anm. Nicolas de la Reynie) einzuführen.

Hoffmann nennt an mehreren Stellen die Namen von zur Zeit Ludwig des XIV. real existierenden Orten innerhalb Paris. Es beginnt der in der Straße St. Honoré, der Wohnung von Magdaleine de Scuderi[4]. Zudem wird der Greveplatz als Platz der öffentlichen Hinrichtungen genannt.[5] Erwähnt wird auch der Pariser Stadtteil St. Germain als Wohnort der Giftmischerin Voisin[6].

Eine Begegnung zwischen Olivier Brusson und der Scuderi findet zudem auf der Seine-Brücke Pontneuf statt, die 1578 - 1604 erbautwurde.

Fast alle bei Hoffmann genannten Orte sind bzw. waren zum Zeitpunkt der Erzählung auffindbar. Eine Ausnahme bildet des Schlösschen Trianon, welches in der Zeit, als Cardillacs Mutter auf den spanischen Kavalier traf, noch nicht existent war.[7]

Auch Edgar Allan Poe wählte Paris als Einsatzgebiet für seine Protagonisten. Anders als Hoffmann jedoch lag ihm in der Geschichte The Murders in the Rue

Morgue kein real geschehenes, kriminelles Ereignis zu Grunde. Dies war erst mit der Fortsetzung The mystery of Marie Rogêt der Fall. Doch soll nun der Fokus auf die erste Dupin-Geschichte Poes geworfen werden. So auch bei der Wahl der Schauplätze innerhalb der Stadt Paris.

Schon die Straße Rue Morgue, die bereits im Titel genannt wird, ist fiktional. Weder zur Zeit der Veröffentlichung in 1841 noch früher ist eine Rue Morgue in den Pariser Stadtplänen verzeichnet worden. Doch in der Geschichte selbst wird beschrieben, wo ungefähr sich diese Straße befinden soll:

„The permission was obtained, and we proceeded at once to the Rue Morgue. This is one of those miserable thoroughfares which intervene between the Rue Richelieu and the Rue St. Roch."[8]

Ein Blick in den Plan des heutigen Paris verrät sofort, dass beide Straßen existent sind. Mehr noch, wie von Poe geschrieben, befinden sich beide Straßen in direkter Nähe parallel zueinander (siehe Anlage, Abb. 2). Dies lässt den Schluss zu, dass es sich hierbei weniger um einen Zufall handelt, sondern es vielmehr von Poe so gewollt wurde. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang nämlich auch, über welche Straße der Weg von Rue Richelieu zur Rue St. Roch führt: Es ist die Rue St. Honoré, eben jene Straße, in der ein Großteil der Handlung in Das Fräulein von Scuderi stattfindet. Zwar lässt sich die Rue St. Honoré nicht unbedingt als „miserable" bezeichnen und ist aufgrund der Größe weniger ein „thoroughfare", allerdings ist dies ein Anzeichen dafür, dass Poe mit der Wahl des Tatortes dem Romantiker Hoffmann Respekt gezollt hat.

Ein weiteres Indiz dafür bietet das Haus, welches Dupin und der Ich-Erzähler gemeinsam mieten.

„I was permitted to be at the expense of renting, and furnishing in a style which suited the rather fantastic gloom of our common temper, a time- eaten and grotesque mansion, long deserted through superstitions into which we did not inquire, and tottering to its fall in a retired and desolate portion of the Faubourg St. Germain."[9]

In diesem Satz befindet sich ein weiterer Hinweis auf Hoffmanns Geschichte. Das verfallene und mit Aberglauben behaftete Haus befindet sich im Viertel St. Germain. Schon Hoffmann erwähnte dies in seiner Erzählung:

„In der Vorstadt Saint Germain wohnte ein altes Weib, la Voisin geheißen, die sich mit Wahrsagen und Geisterbeschwören abgab, und mit Hülfe ihrer Spießgesellen, le Sage und le Vigoureux, auch selbst Personen, die eben nicht schwach und leichtgläubig zu nennen, in Furcht und Erstaunen zu setzen wusste."[10]

Somit ist es wahrscheinlich, dass Dupin und sein Kompagnon in das Haus des „teuflischen Weibes"[11], der Giftmischerin Voisin, gezogen sind. Ein weiteres Mal, dass Edgar Allan Poe mit der Wahl des Ortes anscheinend eine Hommage an E.T.A. Hoffmann entrichtet hat.

3.2. „Detektive" bei Hoffmann und Poe

The Murders in the Rue Morgue wird als die erste detective short story bezeichnet.[12] Interessanterweise taucht das Wort „Detektiv" in der gesamten Geschichte nicht ein einziges Mal auf. Das Wort stammt vom lateinischen Begriff „detector" ab und bedeutet „Aufdecker", „Offenbarer" oder „Enthüller". In Poes Geschichte agiert C. Auguste Dupin als Ermittler mithilfe seines Verstandes. Aber auch Hoffmanns Geschichte weist eine Parallele auf. Hier ist es die Dichterin M. de Scuderi, die das Geheimnis um die mysteriösen Morde löst.

Im Folgenden sollen beide Charaktere näher betrachtet werden.

3.2.1 Magdaleine von Scuderi

„In der Straße St. Honoré war das kleine Haus gelegen, welches Magdaleine von Scuderi, bekannt durch ihre anmutigen Verse, durch die Gunst Ludwig des XIV. und der Maintenon, bewohnte."[13]

Hoffmann machte die Dichterin Madeleine de Scudery (1607 - 1701) zur Protagonistin seiner Kriminalgeschichte. Eine „Person von dreiundsiebzig Jahren, die niemals andere verfolgte als die Bösewichter und Friedensstörer in den Romanen, die sie selbst schuf."[14] Die Scuderi wird trotz ihres hohen Alters als anmutig und liebenswert beschrieben.

[...]


[1] Vgl. E.T.A. Hoffmann. Leben und Werk in Briefen, Selbsterzeugnissen und Zeitdokumenten, Hg. v. Klaus Günzel, Düsseldorf: claassen, 1979

[2] Vgl. Martynkewicz, Wolfgang: Edgar Allan Poe, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 2003

[3] Vgl: Kerlen, Dietrich: Edgar Allan Poe - Elixiere der Moderne, Originalausgabe. München: Piper, 1988, S. 122

[4] Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus: Das Fräulein von Scuderi. Erzählung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten. Durchgesehene Ausgabe. Stuttgart: Philipp Reclamjun. 2002 (= Reclams Universal-Bibliothek, Bd. 25), S. 3

[5] Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi, S. 6

[6] Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi, S. 11

[7] Vgl. Landfester, Ulrike: Um die Ecke gebrochen. Kunst, Kriminalliteratur und Großstadttopographie in E.T.A. Hoffmanns Erzählung "Das Fräulein von Scuderi" (1820). In: von Graevenitz, Gerhart (Hrsg.): Die Stadt in der Europäischen Romantik. Würzburg : Königshausen und Neumann, 2000, S. 109-126

[8] Poe, Edgar Allan: The Murders in the Rue Morgue / Die Morde in der Rue Morgue : Englisch und Deutsch. Stuttgart: Philipp Reclamjun. 1974 (= Reclams Universal-Bibliothek, Bd. 2176), S. 46

[9] Poe: The Murders in the Rue Morgue, S 14

[10] Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi, S. 11

[11] Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi, S. 12

[12] Vgl. Buchloh, Paul Gerhard / Becker, Jens Peter: Der Detektivroman. Studien zur Geschichte und Form der englischen und amerikanischen Detektivliteratur.. 2. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1978, S. 34

[13] Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi, S. 3

[14] Hoffmann: Das Fräulein von Scuderi, S. 19

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Fräulein und der Detektiv
Untertitel
Der Einfluss E. T. A. Hoffmanns auf die Erzählungen von Edgar Allan Poe am Beispiel von "Das Fräulein von Scuderi" und "The Murders in the Rue Morgue"
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V197120
ISBN (eBook)
9783656232797
ISBN (Buch)
9783656233466
Dateigröße
706 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fräulein, detektiv, einfluss, hoffmanns, erzählungen, edgar, allan, beispiel, scuderi, murders, morgue
Arbeit zitieren
Sandra Schipper (Autor), 2012, Das Fräulein und der Detektiv, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197120

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