Glück oder Unglück? Welche Bedeutung haben verwandtschaftliche Bindungen? Wie belastbar ist die triuwe zur Familie? Kann die triuwe verloren gehen?
Der Willehalm von Wolfram von Eschenbach entstammt dem Epos der Bataille d´Aliscans, das von den Schlachten des Guillaume d´Orange erzählt. In diesem Epos hat Wilhelm von Toulouse die Spanische Mark gegen die Basken und Sarazenen verteidigt. Die Datierung des Werkes erweist sich als äußerst schwierig, wird aber zwischen den Jahren 1209 und 1226 angesetzt.
Schon im Prolog des Werkes wird die Thematik der Verwandtschaft durch die Trinität und den göttlichen Heilsplan erwähnt. Das kint des Schöpfervaters, als künne durch die Menschwerdung Gottes. Dies bedeutet, dass der Prolog eindeutig den Sippengedanken umfasst. Der Sippengedanke wird als Verhältnis zwischen Gott und Mensch eingeführt, welche jedoch zu Beginn der eigentlichen Erzählung wegfällt. Der Fokus richtet sich nun auf die zwischenmenschlichen Beziehungen.
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, Wolfram von Eschenbachs Verständnis von triuwe und der Verbindung zur Verwandtschaft näher zu kommen. Es gilt die Frage zu klären, wie die Verwandtschaftsverhältnisse im Mittelalter ausgesehen haben und wie die Hauptfiguren Verwandtschaft verstehen.
Gegenstand dieser Arbeit wird es sein, sich mit den zwischenmenschlichen Beziehungen im „Willehalm“ zu befassen. Ein besonderes Augenmerk wird hierbei auf die triuwe zur Familie gelegt. Dazu wird zuerst die Verwandtschaftsterminologie definiert, um die Abgrenzung der unterschiedlichen Begriffe für die „Verwandtschaft“ darzustellen. Im Anschluss werden die wichtigsten Handlungsabläufe beschrieben und die Verwandtschaftsverhältnisse geklärt. Wolfram von Eschenbachs Sichtweise von Familie und triuwe wird danach anhand der wichtigsten Charaktere beleuchtet. Dadurch entsteht ein Bild, wie Wolfram von Eschenbach die Familie in seiner Zeit gesehen hat.
Inhaltsverzeichnis
1. ERLÄUTERUNGEN ZUR VERWANDTSCHAFTSTERMINOLOGIE
1.1 VERWANDTSCHAFT
1.2 FAMILIA
1.3 SIPPE
1.4 GESLEHTE
1.5 KÜNNE
1.6 MÂGE
1.7 VERWENDUNG DER LEXEME IM WILLEHALM
2. DIE VERWANDTSCHAFTSVERHÄLTNISSE IM WILLEHALM
2.1 WILLEHALMS ENTERBUNG
2.2 DIE FOLGEN DER ENTERBUNG
2.3 VIVIANZ UND SEIN STELLENWERT FÜR WILLEHALM
2.4 DIE DICHOTOMIE DER GYBURC
2.5 RENNEWART - AUF DER SUCHE NACH TRIUWE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das mittelalterliche Verständnis von Verwandtschaft und die damit eng verknüpfte triuwe (Treue/Loyalität) in Wolfram von Eschenbachs Epos „Willehalm“, um zu ergründen, inwiefern diese sozialen Bindungen die Handlungen der Hauptfiguren bestimmen.
- Analyse der mittelalterlichen Verwandtschaftsterminologie (z.B. Sippe, familia, mâge).
- Untersuchung der Auswirkungen von Enterbung auf familiäre Identität und Loyalität.
- Betrachtung von Vivianz als tragischer Märtyrerfigur und Symbol der Sippenbindung.
- Analyse von Gyburcs Identitätskonflikt zwischen heidnischer Herkunft und christlicher Treue.
- Rennewart als Protagonist auf der Suche nach sozialer Integration und familiärer Anerkennung.
Auszug aus dem Buch
2.4 Die Dichotomie der Gyburc
Der Zwiespalt in dem sich Willehalms Ehegattin befindet, nimmt die zentrale Stellung im Werk ein und zeigt sich bereits darin, dass die weibliche Protagonistin zwei Namen trägt. Zum einen den heidnischen Namen Arabel und zum anderen den christlichen Gyburc. Willehalm und Arabel begegnen sich zunächst, als Willehalm durch den heidnischen König Tybalt in Kriegsgefangenschaft gerät. Er nimmt Willehalm mit nach Arabi, wo er Tybalts Frau Arabel kennenlernt. Sie verlieben sich ineinander und fliehen zusammen aus Arabien. Arabel tritt zum christlichen Glauben über, lässt sich taufen und die beiden heiraten (7,27-30). Ab diesem Zeitpunkt trägt Arabel den christlichen Namen Gyburc. Das Verlassen des heidnischen Ehegatten Tybalt lässt ihren Vater Terramer in eine tiefe Trauer stürzen.
Terramer fühlt sich in seiner Ehre gekränkt und weist darauf hin, dass auch seine Götter durch den Religionswechsel erzürnt sind. Für ihn gibt es nur zwei Mittel, um seine Ehre wieder herzustellen. Einerseits besteht die Möglichkeit, dass Gyburc sich besinnt und wieder zum heidnischen Glauben zurückkehrt andererseits, sollte sie dies ablehnen, muss sie als Opfer für die muslimischen Götter getötet werden. Durch die Klagen Tybalts beschließt König Terramer ihm zu helfen Land und Frau zurück zu gewinnen. Terramers Brüder, Arofel und Halzebier, stehen der Sippe zur Seite und kämpfen gemeinsam um Land und Leben. Die Schlacht auf Alischanz haben die Muslime gewonnen, jedoch verzeichnet Terramer herbe Verluste. Viele seiner Männer haben ihr Leben im Kampf verloren. Diese Tatsache bestärkt den Zorn auf seine Tochter Gyburc.
Zusammenfassung der Kapitel
1. ERLÄUTERUNGEN ZUR VERWANDTSCHAFTSTERMINOLOGIE: Definition und Abgrenzung relevanter mittelhochdeutscher Begriffe wie familia, sippe, geslehte, künne und mâge zur Vorbereitung auf die Epos-Analyse.
2. DIE VERWANDTSCHAFTSVERHÄLTNISSE IM WILLEHALM: Untersuchung der familiären Dynamiken und Loyalitätskonflikte anhand von Schlüsselfiguren wie Willehalm, Vivianz, Gyburc und Rennewart.
3. FAZIT: Synthese der Ergebnisse, die unterstreicht, dass „Verwandtschaft im Herzen“ (triuwe) in Wolfram von Eschenbachs Werk über der reinen Blutsverwandtschaft steht.
Schlüsselwörter
Willehalm, Wolfram von Eschenbach, triuwe, Verwandtschaft, Sippe, Mittelalter, Gyburc, Rennewart, Vivianz, Literaturwissenschaft, Epik, Familienbindungen, Identität, Loyalität, Mittelalterliche Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das mittelalterliche Konzept von Verwandtschaft und die Bedeutung der triuwe (Loyalität/Treue) in Wolfram von Eschenbachs Epos „Willehalm“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Definition von Verwandtschaftsbegriffen, die Auswirkungen von Enterbung, der Konflikt zwischen christlichem Glauben und heidnischer Herkunft sowie das Streben nach familiärer Anerkennung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, wie Wolfram von Eschenbach Verwandtschaft definiert und inwiefern der Begriff der triuwe als verbindendes Element über die biologische Verwandtschaft hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine philologische Analyse und Interpretation der im „Willehalm“ verwendeten Verwandtschaftsterminologie sowie eine Untersuchung der Handlungsabläufe zentraler Charaktere.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine terminologische Klärung und eine detaillierte Figurenanalyse, in der Willehalms Enterbung, das Schicksal von Vivianz, Gyburcs Dichotomie und Rennewarts Suche nach Identität untersucht werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie triuwe, Sippe, Blutsverwandtschaft, Loyalität, Konvertierung und die Analyse der Hauptfiguren Willehalm, Gyburc und Rennewart geprägt.
Warum spielt die Enterbung Willehalms eine so zentrale Rolle für die Argumentation?
Die Enterbung entzieht Willehalm seine soziale Sicherheit und zwingt ihn, sich als Held in der Welt zu beweisen, wodurch die traditionelle familiäre Verbindung (triuwe) gestört wird und neu definiert werden muss.
Wie interpretiert die Autorin Gyburcs „Toleranzrede“?
Die Rede wird als Versuch interpretiert, Verständnis für ihre Konvertierung zu wecken, die beiden sippen (christlich und heidnisch) zu vereinen und einen Ausweg aus dem blutigen Religionskrieg zu finden.
Welche Funktion hat die Figur Rennewart in der Gesamtbetrachtung?
Rennewart dient als Spiegel für Willehalm; als vaterloser und gedemütigter Held sucht er nach Identität, findet Schutz bei der neuen Familie und wird durch triuwe schließlich vom Außenseiter zum Helden.
- Citation du texte
- Sabrina Detz (Auteur), 2011, Die 'triuwe' unter den Charakteren in Wolfram von Eschenbachs „Willehalm“ - Eine Frage der Blutsverwandtschaft?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197252