Am 20. Mai 1963 hielt Theodor W. Adorno am Institut für Bildungsforschung einen Vortrag, der stichwortartig im Jahr 1965 unter dem Titel „Tabus über dem Lehrberuf“ veröffentlicht wurde. Adorno beleuchtet die tragische Situation der Lehrer aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus. Grundlagen hierfür bilden jedoch keinesfalls empirische Untersuchungen – wie er selbst betont - vielmehr stützt Adorno seine Ausführungen auf Erfahrungen mit Absolventen der Lehrämter. In der nachfolgenden Ausarbeitung soll zunächst ein kurzer biographischer Abriss Adornos erfolgen, denn sein Leben im 20. Jahrhundert, geprägt vom Nationalsozialismus und Exil, steht untrennbar im Zusammenhang mit seinem Denken. Danach gehe ich knapp auf seine ‚negative Dialektik‘ ein, um die Argumentationsstruktur des Aufsatzes zu verdeutlichen. Das Hauptanliegen der nachfolgenden Ausarbeitung liegt allerdings darin, die unterschiedlichen Perspektiven zu skizzieren, aus denen heraus Adorno die Abneigung gegen den Lehrerberuf begründet. Im Anschluss daran werden Adornos Problemlösungsansätze vorgestellt. Abschließend findet eine Reflexion bezüglich der Aktualität der unterschiedlichen Dimensionen, die zur Abneigung gegen den Lehrberuf führen, statt, auf deren Basis das Fazit formuliert wird. Theodor Wiesengrund Adorno (1903-1969) wird als Sohn des deutsch-jüdischen Weinhändlers Oscar Alexander Wiesengrund und seiner Frau, der genuesisch-korsisch-deutschen Sängerin Maria Calvelli-Adorno, in Frankfurt/Main geboren. (vgl. Müller-Doohm, 2011: S. 22f.). Bereits mit 17 Jahren studiert er Philosophie, Psychologie, Soziologie und Musikwissenschaft in Frankfurt am Main. Zunächst promoviert er, dann wird Adorno im Jahr 1931 an der Frankfurter Universität im Fachbereich Philosophie habilitiert und zum Privatdozenten berufen (vgl. Müller-Doohm, 2011: S. 930). Im Jahr 1933 entziehen ihm die Nationalsozialisten die Lehrbefugnis und er emigriert nach London, wo er in Oxford an zahlreichen Publikationen arbeitet. Bereits fünf Jahre später siedelt er mit seiner Frau Gretel nach New York um und arbeitet gemeinsam mit seinem Kollegen und Trauzeugen, Max Horkheimer, an dem Institute of Social Research (vgl. ebenda). Es folgen zahlreiche Forschungsprojekte und Publikationen u.a. zusammen mit Horkheimer Dialektik der Aufklärung (vgl. ebenda).
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Biographischer Abriss
2. Negative Dialektik
3. Dimensionen, aus denen die Abneigung gegen den Lehrberuf resultieren
a. Das Selbstbild der Lehramtsstudenten / des Lehrers
b. Der negative Ruf des Lehramtsstudiums / des Lehrberufs
c. Der Lehrer als Beamter
d. Der Lehrer als Erbe des Mönchs und des Schreibers
e. Der Lehrer als Prügler, der physische Gewalt ausübt
f. Der Lehrer als quasi Kastrierter bzw. infantiles Wesen
g. Die doppelte Hierarchie innerhalb der Schule
h. Die Schule als Ort gesellschaftlicher Entfremdung
i. Die Archaismen im Verhalten des Lehrers
4. Problemlösungsansätze
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit Theodor W. Adornos Vortrag „Tabus über dem Lehrberuf“ auseinander. Ziel ist es, die von Adorno identifizierten Dimensionen der Abneigung gegenüber dem Lehrerberuf darzustellen, auf ihre heutige Relevanz zu reflektieren und daraus Lösungsansätze für ein zeitgemäßes Verständnis der Lehrerprofessionalität abzuleiten.
- Theoretische Fundierung durch Adornos „negative Dialektik“.
- Analyse soziologischer und psychologischer Dimensionen des Lehrer-Images.
- Kritische Auseinandersetzung mit Autorität, Beamtenstatus und gesellschaftlicher Wahrnehmung.
- Reflexion der Aktualität von Adornos Thesen im Kontext moderner Bildungsanforderungen.
Auszug aus dem Buch
e. Der Lehrer als Prügler, der physische Gewalt ausübt
Die zentrale Begründung für das negative Fremdbild des Lehrers sieht Adorno in der „disziplinären Funktion“ (Adorno: S. 662), die der Lehrer auf seine SchülerInnen ausübt. Schon in Franz Kafkas Erzählung ‚der Prozess‘ wurde der Lehrer als Prügler dargestellt (vgl. ebenda). Da das körperliche Zuchtverbot innerhalb der Schule mittlerweile abgeschafft wurde, stellt sich die Frage, warum dieses Bild immer noch imaginär vorhanden ist (vgl. ebenda). Adorno erklärt diesen Umstand damit, dass das Bild im übertragenen Sinne als ein Symbol der physischen Überlegenheit des Lehrers gegenüber seinen SchülerInnen anzusehen ist und sich in der „Unfairness“ (Adorno: S. 663) gegenüber den SchülerInnen offenbart. Dabei meint Adorno keinesfalls die ungerechte Behandlung einzelner SchülerInnen, vielmehr besteht das unfaire Verhalten bereits darin, dass der Lehrer seinen Wissensvorsprung gegenüber seinen SchülerInnen demonstriert, was ja untrennbar zu seinem Beruf gehört.
In der Autorität, die der Lehrer durch diesen Wissensvorsprung ausübt, liegt die Unfairness (vgl. ebenda). Der Lehrer kann sich z. B. das Recht herausnehmen, lange Vorträge zu halten, während er seine Schüler dazu anhält kurz und knapp zu antworten. Selbst in der Universität, in der Lehrende Vorlesungen lieber der Seminarstruktur anpassen würden, neigen die Studierenden dazu, dem Dozenten das Wort zu überlassen (vgl. ebenda). Doch nicht allein der Beruf des Lehrers zwingt diesen zur Unfairness, sondern auch die Gesellschaft selbst durch physische Gewalt (vgl. ebenda). Regeln und Ordnungswerke werden durch die Obrigkeit angeordnet, der Gesellschaft übertragen und durch deren Bedienstete ausgeführt, ähnlich dem Bild des „Henkers“ oder dem des „Unteroffiziers“ (ebenda). Die Lehrer werden stellvertretend somit zu „Sündenböcken“ gemacht (ebenda) und zu einer Art seelenlosem Werkzeug, das weder über eigene Moral, noch über Handlungsfähigkeit verfügt. Das Ansehen des Lehrers gleicht also nicht dem eines Herrn, sondern er gilt als „prügelnder Schwächling“ (Adorno: S. 664).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in den historischen Kontext des Adorno-Vortrags und Darlegung der methodischen Vorgehensweise sowie des Aufbaus der Arbeit.
1. Biographischer Abriss: Kurze Skizzierung des Lebenswegs von Theodor W. Adorno, um seine gesellschaftskritische Perspektive besser in den zeitgeschichtlichen Kontext einordnen zu können.
2. Negative Dialektik: Erläuterung der philosophischen Methode Adornos, die Widersprüche als integralen Bestandteil der gesellschaftlichen Realität begreift.
3. Dimensionen, aus denen die Abneigung gegen den Lehrberuf resultieren: Detaillierte Untersuchung verschiedener Facetten, wie das Selbstbild, der Beamtenstatus, die sexuelle Rolle und die soziale Entfremdung, die zur negativen Wahrnehmung des Lehrberufs beitragen.
4. Problemlösungsansätze: Diskussion von Strategien zur Überwindung der identifizierten Tabus, insbesondere durch authentisches Lehrerverhalten und eine demokratische Umgestaltung der Schulkultur.
Fazit: Reflexion über die heutige Relevanz von Adornos Thesen unter Berücksichtigung moderner bildungspolitischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Veränderungen.
Schlüsselwörter
Theodor W. Adorno, Lehrerberuf, Tabus, Negative Dialektik, Schulwesen, Beamtenstatus, Profession, Gesellschaftskritik, Autorität, Erziehung, Schulentwicklung, soziale Entfremdung, Lehrerimage, Bildungsreform, Identifikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch Theodor W. Adornos Aufsatz „Tabus über dem Lehrberuf“ aus dem Jahr 1965 und untersucht die darin beschriebenen Mechanismen der gesellschaftlichen Abneigung gegen Lehrkräfte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die soziale Wahrnehmung des Lehrerberufs, die Rolle von Autorität und Macht, die Auswirkungen des Beamtenstatus sowie psychologische Aspekte wie Identifikationsprozesse und Projektionen von Schülern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Gegenüberstellung von Adornos historischen Thesen mit der heutigen Realität des Lehrberufs, um aktuelle Relevanz und Verbesserungspotenziale im Bildungsbereich herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen theoretischen Ansatz, der sich an Adornos „negativer Dialektik“ orientiert, um Phänomene des Lehrerberufs aus verschiedenen soziologischen und psychoanalytischen Perspektiven zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Dimensionen der Abneigung, darunter das Selbstbild der Lehrer, der Einfluss des Beamtenstatus, die Rolle des Lehrers als „Sündenbock“ sowie die strukturelle Entfremdung innerhalb der Institution Schule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Tabus, Lehrerberuf, Gesellschaftskritik, Autorität, Profession, Schulentwicklung und Identität charakterisieren.
Wie bewertet die Autorin Adornos These vom Lehrer als „Erbe des Mönchs“ heute?
Die Autorin argumentiert, dass diese These in der heutigen Leistungsgesellschaft an Bedeutung verloren hat, da Bildung zunehmend als kompetenzbasierte Qualifikation und nicht mehr primär als gelehrte Abgeschiedenheit wahrgenommen wird.
Welche Rolle spielt die „doppelte Hierarchie“ in der modernen Schule?
Sie wird weiterhin als existent angesehen, da Stereotypen bezüglich Männlichkeit, Sportlichkeit und sozialem Status (z. B. der Begriff des „Strebers“) tief in der Gesellschaft verankert sind und das schulische Miteinander beeinflussen.
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- Andrea Tauber (Autor), 2012, Tabus über dem Lehrberuf: Adornos soziologische Ausführungen über den Beruf des Lehrers, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197286