Zu den rauschenden Festen eines Pariser Ballhauses erscheint regelmäßig ein Mann, der unter seiner Maske ein wohlgehütetes Geheimnis verbirgt, bis er eines Abends vor aller Augen zusammenbricht. Die Belegschaft eines kleinstädtischen Freudenhauses begibt sich auf einen Landausflug, was die Stammkundschaft in Aufruhr bringt, ein ganzes Dorf aber zu Tränen rührt. Ein Maler verliebt sich unsterblich in sein Modell, eine Zeit des Glücks und Reichtums bricht an, doch dann schleichen sich Gewohnheit und ein zweifelhafter Freund in die Beziehung... – Menschliche Begierde, Sehnsucht nach Liebe und Vergnügungsdrang bilden den Stoff für Max Ophüls‘ 1952 erschienenen Film Le Plaisir, mit welchem sich die vorliegende Arbeit näher beschäftigen möchte.
Der deutsch-französische Film- und Theaterregisseur Max Ophüls (1902-1957) ist mit Filmen wie La Ronde, Madame de... und Lola Montez einem internationalen Publikum bekannt geworden. Im Rahmen eines Seminars mit dem Titel „Theater und Film“ hatte sich der Verfasser dieser Arbeit mit der Frage befasst, inwieweit die Tätigkeit Ophüls‘ als Regisseur an verschiedenen Theatern Europas (u.a. in Wien, Breslau und Berlin) ihre Spuren in dessen kinematografischen Werk hinterlassen hat. Dabei wurde die Kernthese aufgestellt, dass Ophüls mit dem jungen Medium des Films die Theatralität des Theaters noch zu steigern vermag, und gleichzeitig einen Metadiskurs über die jahrtausendealte Kunst- und Darstellungsform eröffnet.
Das Belegen jener Hypothese am Beispiel von Le Plaisir ist ein erstes Ziel dieser Arbeit. Darüber hinaus soll jedoch auch Ophüls‘ Stellungnahme zur Rolle der Frau in der Nachkriegsgesellschaft der westlichen Welt als ein weiterer Schwerpunkt des Films herausgearbeitet werden. Zu diesem Zweck wird zunächst die Filmhandlung als Verstehenshintergrund in kürzester Form zusam-mengefasst und zusätzlich das Verhältnis des Werks zu seiner literarischen Vorlage (drei Novellen von Guy de Maupassant) betrachtet. Anschließend soll die gesteigerte Theatralität des ophülsschen Kinos anhand mehrerer Schlüsselszenen nachvollzogen werden, wobei insbesondere die Rolle filmsprachlicher Mittel (wie Kameraführung und Gestaltung der Schauplätze) untersucht werden wird. Ein weiteres Kapitel wird sich mit dem in Le Plaisir aufscheinenden Diskurs zur Rolle der Frau im patriarchalen Gesellschaftssystem der 1940er- und 50er-Jahre auseinandersetzen und den Film als ein proto-feministisches Werk ausweisen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. LE PLAISIR: GESTEIGERTE THEATRALITÄT UND WEIBLICHE PERSPEKTIVEN
2.1 Zum Inhalt des Films und seinem Verhältnis zur literarischen Vorlage
2.2 Der Film als Beispiel der gesteigerten Theatralität des ophülsschen Kinos
2.2.1 Das ganze Leben als Theater
2.2.2 Theatralisierung von Transzendenzerfahrung
2.3 Der Film als proto-feministisches Werk
2.3.1 Das Aufbrechen der männlichen Erzählperspektive
2.3.2 Versuch einer Bestimmung der Position Ophüls‘
3. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den 1952 erschienenen Episodenfilm "Le Plaisir" von Max Ophüls hinsichtlich seiner gesteigerten filmischen Theatralität sowie seiner kritischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau im patriarchalen Gesellschaftssystem der Nachkriegszeit.
- Analyse der narrativen und formalen Theatralität des ophülsschen Kinos.
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen literarischer Vorlage (Maupassant) und filmischer Umsetzung.
- Dekonstruktion der männlichen Erzählperspektive und Identifizierung proto-feministischer Tendenzen.
- Darstellung von Machtverhältnissen und weiblicher Selbstbestimmung im Film.
- Interpretation der Kameraführung und Inszenierung als filmsprachliche Mittel der Bedeutungskonstruktion.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Das ganze Leben als Theater
Deleuze vergleicht die Bilder in Ophüls‘ Filmen mit perfekten Kristallen. Immer wieder auftauchende Elemente wie Spiegel, Kristallleuchter oder schillernde Ohrringe (wie beispielsweise in der Ballhausszene zu Beginn von Le Plaisir oder in Madame de...) reflektieren die Facetten des Lebens in alle Richtungen, und werfen sie dennoch wie ein Prisma letztlich auf sich selbst zurück (cf. Deleuze 1985: 111). So sind die Protagonisten der Filme wie Gefangene in einem Glaskäfig, der eine vollkommene Welt in sich birgt, dennoch aber allem eine Kreisbewegung auferlegt und ein Entkommen unmöglich macht.
On ne peut guère que tourner dans le cristal [...]. La perfection cristalline ne laisse subsister aucun dehors: il n’y a pas de dehors du miroir ou du décor, mais seulement un envers où passent les personnages qui disparaissent ou meurent, abandonnés par la vie qui se réinjecte dans le décor. (Deleuze 1985: 111)
Als Beispiel führt Deleuze den ersten Teil von Le Plaisir an, in dem die Demaskierung des greisen Tänzers Ambroise keinen Ausstieg des Arztes aus der Welt des Vergnügens bewirkt – am Ende kehrt dieser zum Spektakel des Ballhauses zurück. Die Entmystifizierung der Maskerade vermag die Anziehungskraft des Theaters nicht zu schmälern. Hier zeigt sich auch die mit dem Bild des Kristalls verbundene Idee des theatrum mundi. Die ophülsschen Filme beschreiben die Welt als Theater, in dem alle Menschen Rollenspieler sind und das kein Jenseits der Bühne vorsieht, und eröffnen somit einen anthropologischen Metadiskurs über das Theater.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in das Werk von Max Ophüls ein und stellt die Hypothese auf, dass Ophüls die Theatralität des Kinos steigert, während er gleichzeitig die Rolle der Frau in der Nachkriegsgesellschaft kritisch hinterfragt.
2. LE PLAISIR: GESTEIGERTE THEATRALITÄT UND WEIBLICHE PERSPEKTIVEN: Dieses Hauptkapitel analysiert die filmischen Mittel und erzählerischen Strukturen des Films in Bezug auf das Konzept des Welttheaters und die feministische Kritik.
3. ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBETRACHTUNG: Das Fazit führt die Ergebnisse zur Theatralität und zur proto-feministischen Intention zusammen und bekräftigt die Bedeutung von Ophüls' filmischer Innovation.
Schlüsselwörter
Max Ophüls, Le Plaisir, Theatralität, proto-feministisch, Guy de Maupassant, Welttheater, Erzählperspektive, Filmkritik, patriarchales System, Kameraführung, Geschlechterrollen, Deleuze, Transzendenzerfahrung, Inszenierung, Filmtheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Film "Le Plaisir" (1952) des Regisseurs Max Ophüls und untersucht ihn auf seine ästhetische Theatralität sowie seine feministische Relevanz.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Zentral sind die Themen filmische Theatralität, das Verhältnis von Film zu Literatur, patriarchale Gesellschaftsstrukturen und die filmische Darstellung weiblicher Selbstbestimmung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Untersuchung geht der Frage nach, wie Ophüls durch spezifische Inszenierungsmittel die Theatralität des Kinos steigert und gleichzeitig die männlich dominierte Erzählperspektive proto-feministisch aufbricht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine filmanalytische Untersuchung, die auf filmtheoretischen Ansätzen (u.a. Deleuze) basiert und Schlüsselszenen des Werks detailliert interpretiert.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der filmischen Gestaltung des "Welttheaters" sowie eine Untersuchung der Geschlechterverhältnisse und der Erzählinstanz in den drei Episoden des Films.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Theatralität, Proto-Feminismus, patriarchale Ideologie, Erzählinstanz und Ophüls-Ästhetik.
Wie unterscheidet sich Ophüls' Interpretation von der literarischen Vorlage Maupassants?
Ophüls wird als positiver und menschlicher in der Figurendarstellung wahrgenommen, wobei er auf den bei Maupassant häufig vorhandenen Sarkasmus und Pessimismus verzichtet.
Warum spielt die Kirchenszene in "La Maison Tellier" eine besondere Rolle?
Sie gilt als herausragendes Beispiel für die Inszenierung von Transzendenzerfahrung und zeigt, wie Ophüls durch Kameraführung und Lichtregie das Unsagbare visualisiert.
Welche Bedeutung hat der Suizidversuch von Joséphine?
Er wird als verzweifelter Akt der Rebellion gegen die Fremdbestimmung im patriarchalen System gedeutet, der durch eine subjektive Kamera ästhetisch hervorgehoben wird.
Wie lässt sich die Rolle des Erzählers im Film interpretieren?
Die Erzählinstanz wandelt sich im Laufe des Films von einer auktorialen, männlichen Sichtweise hin zu einer personalisierten Stimme, die den Zuschauer zur kritischen Reflexion über patriarchale Machtstrukturen anregt.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2012, Proto-Feminismus und das Leben als Theater, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197287