Olympia '72 - Reaktionen auf den internationalen Terrorismus in Deutschland


Hausarbeit, 2009

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau
1.3 Forschungsbericht

2. Definition Terrorismus

3. Resonanz der öffentlichen Meinung

4. Außenpolitische Reaktionen
4.1 Israel
4.2 Arabische Welt

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Das Geschehen, das sich während der Olympischen Sommerspiele 1972 in München abspielte, wird als Beginn des Internationalen Terrorismus in Deutschland bezeichnet.1 Die Idee der „carefree Games“2 wurde am elften Wettkampfstag zerstört: „Olympia als Friedensfest in einer zerrissenen, unfriedlichen Welt wirkt wie eine kühne Provokation. Es zieht die Psychopathen und Störenfriede unterschiedlichster Couleur geradezu magisch an. Unwiderstehlich scheint für manche Leute die Versuchung zu sein, die Spiele als Medienbühne für ihre Zwecke zu missbrauchen.“3

Am Morgen des 5. Septembers überwanden acht Palästinenser der Terrorgruppe „Schwarzer September“, eine vom Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Jassir Arafat, geduldete Splittergruppe,4 den Zaun zum Olympischen Dorf. Beim Eindringen in das Quartier der israelischen Mannschaft töteten sie zwei Mannschaftsmitglieder und nahmen neun weitere als Geiseln. Die Attentäter forderten die Freilassung von 200 arabischen Gefangenen in Israel sowie der RAF- Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Das Angebot der Bundes- und Landesregierung, einen unbestimmten Geldbetrag zu zahlen, wurde von den Geiselnehmern nicht angenommen. Auch fand der Vorschlag des Krisenstabes,5 sich selbst gegen die Geiseln auszutauschen,6 keine Akzeptanz. Der israelische Botschafter Ben Horin verkündete den Beschluss seiner Regierung auf die Forderungen nicht einzugehen.7 Stunden später wurden die Terroristen und Geiseln, wie gefordert, zum Militärflughafen Fürstenfeldbruck ausgeflogen, wo sie überwältigt werden sollten.8 Die Befreiungsaktion schlug jedoch fehl. Alle neun israelische Geiseln, ein Polizist und fünf der acht Geiselnehmer kamen ums Leben, die Übrigen wurden festgenommen.

Die riesige Sportveranstaltung wurde zum Nebenschauplatz des israelisch- palästinensischen Konfliktes. Die öffentliche Bühne der Olympischen Spiele wurde zweckentfremdet, um das Augenmerk auf die von Israelis besetzten palästinensischen Gebiete zu lenken.9 So wurden durch die umfassende Präsenz des Nachrichtensystems kommunikationsstrategisch maximale Effekte erzeugt.10 Die öffentliche, weltweite Bestürzung war groß.11

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche außenpolitischen Konsequenzen das terroristische Massaker für die involvierten Staaten hatte. Wie gestalteten sich die Reaktionen in den internationalen diplomatischen Beziehungen und gab es überhaupt welche?

1.2 Aufbau

Um das Attentat der Spiele der XX. Olympiade als terroristischen Akt einzuordnen, scheint es zunächst sinnvoll den Begriff des „Terrorismus“ zu definieren. Anhand der Resonanzen von Medien und Gesellschaft wird versucht, festzustellen, welche Position und Bedeutung die öffentliche Meinung einnahm. Dies kann aufgrund mangelhafter Quellenlage nur ausschnittsweise erfolgen bzw. Tendenzen abzeichnen. Anschließend analysiert die vorliegende Arbeit als Kernpunkt die außenpolitischen Folgen für Deutschland im Kontext der Konfliktparteien. Dabei werden die wechselseitigen Reaktionen Israels und der arabischen Welt untersucht. Hier zeigt sich auch, inwiefern die Öffentlichkeit Einfluss auf die Politik nehmen konnte.

1.3 Forschungsbericht

Neben dem offiziellen Bericht,12 ist in der Forschung bis jetzt nur ein umfassendes Werk erschienen, das sich mit dem Anschlag beschäftigt.13 Auch Abhandlungen zur Regierungszeit Willy Brandts und Walter Scheels weisen Defizite in der Auseinandersetzung mit dem Attentat und der darauf folgenden Nahostpolitik auf.14 In den Standardwerken zur Geschichte der Bundesrepublik findet höchstens eine Erwähnung statt.15 Zum Thema Terrorismus besteht eine Fülle an Literatur.16 Zahlreiche Zeitungs- und Zeitschriftenartikel berichteten über die Wirkungen der Olympia- Tragödie.17 Hervorzuheben ist auch eine professionelle, private Homepage, die sich u.a. durch Tondokumente und eine Fülle an internationalen Kommentaren auszeichnet.18 Dennoch sind die Auswirkungen auf außenpolitischen Beziehungen nur mangelhaft eruiert,19 was sogleich den Effekt des terroristischen Ereignisses auf die Politik in Frage stellt.

Auch außerhalb der Wissenschaft erfährt die Olympiade von 1972 großes Interesse. Neben dem, wenn auch oft fiktivem, mit großer medialer Aufmerksamkeit begleitetem20 Spielfilm „München“,21 bediente sich die Belletristik dieser Thematik.22

2. Definition Terrorismus

Eine allgemeingültige Definition des Begriffs Terrorismus zu finden, ist aus normativen Gesichtspunkten faktisch unmöglich und unter inhaltlich-strukturellen Bezügen nur schwer zu leisten.23 Unbestritten ist aber, dass Terrorismus weniger auf die physischen Folgen der Gewalt, die verursachten materiellen Schäden, den Zusammenbruch der Infrastruktur oder die Zahl der Getöteten abzielt. Vielmehr bezweckt er, nach der Ausführung oder Androhung eines Gewaltaktes, die psychischen Effekte, die Verbreitung von Angst und Schrecken,24 aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft,25 wie bereits in den 70er Jahren bahnbrechend formuliert wurde.26 Walter Laqueur schreibt, dass Terrorismus „[…] die Anwendung von Gewalt oder die Androhung von Gewalt, beabsichtigt, um Panik in einer Gesellschaft zu säen, die Regierenden zu schwächen oder zu stürzen, oder einen politischen Wechsel herbeizuführen.“27 Daraus sticht noch ein anderer Aspekt hervor: Der Terrorismus ist gegen das System gerichtet und wird nur von einer extrem risikobehafteten, kleinen Gruppierung ausgeübt, die insgesamt eine geringere Anzahl an Opfern fordert.28 Die vollzogene Gewalt an einer oder mehreren Person hat in der Regel symbolische Funktion, anstatt persönliche Motive.29 Der Terrorismus agiert gegen die staatliche Organisation und stellt gewissermaßen den „Terror von unten“ dar. Terroristen nutzen gezielt das Mittel der Gewalt, häufig in Form von Anschlägen,30 um ihre politische Ziele gegen ein als repressiv empfundenes politisches System durchzusetzen. Sie suchen unter der Finte der Legitimität als „Freiheits-“ und Widerstandskämpfer“ gegen das verhasste Regime vorzugehen, da der Begriff des Terroristen selbst negativ konnotiert ist.31 Der Terrorismus unterscheidet sich außerdem von anderen bewaffneten Konflikten dadurch, dass er die Maxime der Kriegsführung völlig missachtet, z. B. durch die Nutzung der Zivilbevölkerung als Geiseln und dadurch, dass er die zivilen Ressourcen des Gegners eigennützig für seine Ziele gebraucht.

Die Waffen des Terrorismus sind eng mit der Wirkung der Massenmedien verkoppelt. Die terroristischen Strategien können ohne den Verstärkungseffekt der Öffentlichkeit nicht gelingen. Erst durch die Medienrevolution, die zur globalen Informationsdichte führte, wurde der Terrorismus zur „langfristig angelegte[n] politisch- militärische[n] Strategie“32. Auffällig ist, dass dieser so genannte „CNN- Faktor“33, also die Verbindung von öffentlicher Aufmerksamkeit und politischem Agieren, nur in Demokratien funktioniert. Begründet wird dies durch die dortige hohe Kommunikationsdichte im Vergleich zu autoritären Regimes.34 Hinzu kommt, dass in Demokratien der Wert eines einzelnen Menschen höher als in Diktaturen angesetzt wird und somit Freipressungen von Gefangenen durch Geiselnahmen Erfolg versprechen.35

[...]


1 Vgl. Dahlke, Matthias: Der Anschlag auf Olympia ’72. Die politischen Reaktionen auf den internationalen Terrorismus in Deutschland, München 2006, S. 1.

2 The Organizing Committee for the Games of the XXth Olympiad Munich 1972: Die Spiele. The official report. Volume 1: The organization, München 2003, S. 28.

3 Siehe Haffner, Steffen: Kommentar, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.11.2001.

4 O. A.: Der Olympia- Mord. München ’72 - Die wahre Geschichte, in: http://zeitgeschichte.zdf.de/ZDFde/inhalt /21/0,1872,3967029,00.html?dr=1 (abgerufen am 23.09.09).

5 Der Krisenstab bestand aus dem bayrischen Innenminister Bruno Merk, dem gerade von einer erneuten Kandidatur zurückgetretenen Oberbürgermeister Münchens Hans- Jochen Vogel, dem Münchener Polizeipräsidenten Manfred Schreiber, Bundesinnenminister Hans- Dietrich Genscher, sowie Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Willi Daume.

6 Daume gehörte nicht dazu. Vgl. Dahlke, S. 11.

7 Vgl. ebd., S. 11.

8 Vgl. ebd., S. 16.

9 Vgl. Güldenpfennig, Sven: Olympische Spiele und Politik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 29-30 (2008), S. 7.

10 Vgl. Münkler, Herfried: Terrorismus als Kommunikationsstrategie. Die Botschaft des 11. September, in: Internationale Politik 12 (2001), S. 12.

11 Vgl. Dahlke, S. 1.

12 Siehe Die Spiele. The official report.

13 Siehe Dahlke.

14 Siehe Baring, Arnulf: Machtwechsel. Die Ära Brandt- Scheel, Berlin 1998. Die Lücke in der Literatur ist verwunderlich, zumal der nationale Terrorismus der RAF ausführlich behandelt wird (Vgl. Baring, S. 445- 465) und sich jene die Tat unterstützend geäußert hatte. Vgl. Zitat der Rote[n] Armee Fraktion (RAF), in: http://www.olympia72.de/050972d.htm (abgerufen am 24.09.09).

15 Siehe Görtemaker, Manfred: Kleine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, München 2002, S. 253.

16 Hilfreich für die Arbeit waren vor allem Münkler und Straßner, Alexander: Sozialrevolutionärer Terrorismus: Typologien und Erklärungsansätze, in: Ders. (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus, Wiesbaden 2009.

17 Der Spiegel 38 (1972) titelte: „War es zu vermeiden? Das Massaker von München“ und Peters, Karsten: Nacht über München, in: Münchner Abendzeitung vom 06.09.1972.

18 Kraemer, Werner: Die Spiele der XX. Olympiade München 1972. Die inoffizielle Dokumentation zu den heiteren und tragischen Spielen, in: http://www.olympia72.de (abgerufen am 24.09.09).

19 Vgl. z.B. Uhlmann, Milena (Hrsg.): Die deutsch- israelischen Sicherheitsbeziehungen. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Berlin 2008.

20 Vgl. Dahlke, S. 6.

21 Der US- amerikanische Film „München“ von Steven Spielberg erschien 2005. Viele Deutsche Zeitungen nahmen das Erscheinen des Filmes als Anlass, die Geschehnisse erneut darzustellen. Vgl. Dahlke, S. 6.

22 Hierzu Draesner, Ulrike: Spiele, München 2005.

23 Vgl. Straßner, S. 13.

24 Vgl. Münkler, S. 11.

25 Waldmann, Peter: Terrorismus. Provokation der Macht, 2. Aufl., Hamburg 2005, S. 10.

26 Vgl. Münkler, S. 11.

27 Siehe Laqueur, Walter: Postmodern Terrorism, in: Foreign Affairs 75 Sept./Oct. (1996) no. 5, S. 24.

28 Vgl. Straßner, S. 12.

29 Vgl. ebd., S. 17.

30 Nach den jährlich herausgegebenen Bundesverfassungsschutzberichten des Bundesminister des Inneren.

31 Vgl. Straßner, S. 13.

32 Siehe Münkler, S. 11.

33 Siehe ebd.

34 Vgl. ebd., S. 16-17.

35 Vgl. ebd., S. 17-18.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Olympia '72 - Reaktionen auf den internationalen Terrorismus in Deutschland
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V197367
ISBN (eBook)
9783656284864
ISBN (Buch)
9783656287421
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Terrorismus, Israel, München, Olympische Spiele, Schwarzer September, Anti-Terror-Bekämpfung
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Annegret Vogel (Autor), 2009, Olympia '72 - Reaktionen auf den internationalen Terrorismus in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197367

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