Vielschichtige Mordserie. Borges' La Muerte y la Brújula, das Genre der Detektivgeschichte und E.A. Poe


Seminararbeit, 2001
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. La Muerte y la Brújula als Detektivgeschichte
2.1 La muerte und die Detektivgeschichte: Gemeinsamkeiten und Unterschiede
2.1.1 Gemeinsamkeiten
2.1.2 Unterschiede
2.2 Wie steht La Muerte y la Brújula zum Genre der Detektivgeschichte?

3. Poe und Borges
3.1 Das setting
3.2 Die Beziehung Täter/Detektiv
3.3 Der regressus ad infinitum
3.4 Numerische Strukturen

4. Schlussbemerkung: Eine geschichte, viele lesarten

Bibliographie

1. Einleitung

Von 1936 bis 1939 war Jorge Luis Borges Literaturkritiker der Zeitung „El hogar “. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Buchkritiken und literaturkritische Aufsätze aus denen man heute viel über Borges, seine literarischen Ideen und Vorstellungen erfahren kann. Eine große Zahl seiner Rezensionen beschäftigt sich mit Detektivgeschichten und –romanen, einem Genre, dem er offensichtlich ein besonderes Interesse entgegenbrachte[1]. 1942 schrieb er eine eigene Detektivgeschichte, „La muerte y la brújula“[2]. Wie verarbeitet Borges seine Vorstellungen über die Detektivgeschichte in einem eigenen Werk? Parodiert er das Genre, entwickelt er es weiter, oder verwendet er die Form der Detektivgeschichte nur als Rahmen?

Edgar Alan Poe gilt als „Erfinder“ der Detektivgeschichte. „The Murders in the Rue Morgue“ wird gemeinhin als die erste Detektivgeschichte überhaupt bezeichnet[3]. Poe war eines der wichtigsten Vorbilder von Borges. Dieser soll einmal gesagt haben, dass alles was er geschrieben habe „from Poe or Kafka, from Chesterton, Stevenson, or Wells“[4] geliehen sei . Direkt zu Beginn von La muerte weist Borges auf Poe hin, indem er seinen Detektiv Eric Lönnrot mit dem Poes, Auguste Dupin vergleicht: „Lönnrot se creía un puro razonador, un Auguste Dupin (LM 153f.). Geht Borges in seiner Detektivgeschichte auf Poe nur als den „Vater“ eines Genres ein oder spielen Poes Geschichten eine besondere Rolle?

Im folgenden wird zuerst Borges Verarbeitung der Form „Detektivgeschichte“ im allgemeinen untersucht (2.). Dafür werden die allgemeinen Merkmale der Gattung mit Borges „Version“ verglichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet (2.1). Wie bereits angesprochen wird dabei vor allem analysiert, ob Borges das Genre parodiert, oder weiterentwickelt (2.2). In einem zweiten Teil wird der besondere Bezug auf Poe dargestellt (3.). Dafür wird die Geschichte auf Hinweise und Analogien zu Poe, insbesondere zu dessen Geschichte „The Purloined letter“[5] untersucht . Es wird dabei verdeutlicht werden, wie stark Borges hier auf Poe zurückgreift und dessen Ansätze weiterverfolgt. In den Schlussbetrachtungen soll gezeigt werden, dass Borges einerseits die Gattung der Kriminalgeschichte zwar in Ansätzen parodiert, vor allem aber weiterentwickelt. La muerte y la brújula stellt aber gleichzeitig auch eine Verarbeitung zahlreicher Motive dar, die Borges von Poe übernimmt.

Metaphysische und religiöse Elemente in der Geschichte werden in dieser Arbeit im wesentlichen ausgeklammert. Dies stellt keine Wertung bezüglich ihrer Wichtigkeit für die Geschichte dar[6], sondern lediglich eine notwendige Priorität für die vorliegende Arbeit.

2. La muerte y la brújula als Detektivgeschichte

In diesem Kapitel werden die Struktur und der Inhalt von La muerte zunächst auf Gemeinsamkeiten, dann auf Unterschiede mit der klassischen Detektivgeschichte untersucht. Es werden dafür einerseits charakteristische Eigenschaften von Detektivgeschichten aus der Fachliteratur[7], andererseits Borges eigene Beurteilungen solcher Geschichten[8] zu Grunde gelegt (2.1). In einem zweiten Teil werden die Ergebnisse dann gedeutet, um zu einem Ergebnis bezüglich der Stellung von la muerte und der Gattung der Detektivgeschichte zu gelangen (2.2).

2.1 La muerte und die Detektivgeschichte: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

2.1.1 Gemeinsamkeiten

Buchloh/Becker stellen fest, dass von einer allgemeinen Typologie des Detektivromans nicht gesprochen werden kann, aber einzelne, sich immer wiederholende Elemente zu identifizieren sind[9]. Es werden hier also nur die Elemente dargestellt, zu denen Borges Geschichte irgendeinen Bezug zeigt. Dasselbe gilt auch für die „Regeln“ der Detektivgeschichte[10], die ebenfalls zu Vergleichszwecken herangezogen werden sollen.

Die wichtigsten Charakteristika der Kriminalgeschichte sind in Aspekten wie der Figurenkonstellation und den Räumlichkeiten zu finden. Wie im klassischen Vorbild ist die Hauptperson von La muerte der Detektiv: Erik Lönnrot. Dieser wird zum Schein wie ein typischer „Seriendetektiv“[11] eingeführt. Direkt im ersten Satz der Geschichte heißt es: „De los muchos problemas que ejercitaron la temeraria perspicacia de Lönnrot, ninguno tan extraño – tan rigurosamente extraño,(...)“(LM 153). Es wird zum einen auf die Vielzahl der bearbeiteten Fälle hingewiesen, zum andern sein Name wie selbstverständlich, ohne Nennung von Vorname, Beruf oder Stellung erwähnt. Es entsteht der Eindruck, dies alles werde als bekannt vorrausgesetzt, z.B. durch vorherige Geschichten. Lönnrot gehört zum Typus des „armchair detectives“, eben ein „puro razonador, un Auguste Dupin“ (LM 154) . Er löst den Fall (oder besser: er versucht ihn zu lösen) „in reiner Deduktion, vom Lehnstuhl aus“[12]. Beispielhaft hierfür ist sein Verhalten nach dem ersten Mord: „Indiferente a la investigación policial, se dedicó a estudiarlos“(LM 157). Ihm geht es vorwiegend um „die intellektuelle Herausforderung durch ein Problem“[13]. Gegen diese These könnten der Verweis auf Lönnrots Hang zum „aventurero“(LM 154) sowie sein Ausflug am Schluss der Geschichte angeführt werden. Allerdings suchen gerade die klassischen „armchair detectives“ wie Dupin oder Sherlock Holmes oft die direkte Konfrontation mit dem Täter und greifen dafür auch zur Waffe[14].

Neben der „Watson Figur“, die in la muerte nicht auftritt, steht dem Detektiv häufig ein Polizist zur Seite. Dieser ist „bewußt als Kontrastfigur konzipiert“[15], hält nichts von Theorien und geht mit reiner Routinearbeit vor. Durch seine Erfolglosigkeit wird die Arbeitsweise und Genialität des Detektivs erneut unterstrichen[16]. In La muerte verkörpert comisario Treviranus diese Figur. Er sucht eine naheliegende Lösung: „No hay que buscrale tres pies al gato“, die komplizierten Theorien Lönnrots widerstreben ihm (und er versteht sie nicht): „Soy un pobre cristiano (...); no tengo tiempo que perder en supersticiones judías“.

Die Räumlichkeiten der Geschichte sind geradezu klischeehaft. So sind nach Buchloh/Becker „das einsame, abgelegene Landhaus (...) und der Vorort der Großstadt“[17] klassische settings der frühen Detektivliteratur. Man möchte anfügen „...sowie das traditionsreiche Luxushotel“. Schließlich ist auch das „Liverpool House“ mit seinem Wirt Black Finnegan ein passender Ort für ein Verbrechen. Dies wird noch unterstrichen durch Finnegans Vergangenheit als „antiguo criminal irlandés“ (LM 159).

[...]


[1] Vgl. hierzu: Schulz-Buschhaus, Ulrich, „Das System und der Zufall. Zur Parodie des Detektivromans bei Jorge Luis Borges, in: Pfeiffer, Erna und Kubarth, Hugo, Canticum Ibericum. Neue spanische, portugiesische und lateinamerikanische Literatur im Spiegel von Interpretation und Übersetzung, Frankfurt a. M. 1991, S.382 –396, hier vor allem S. 383-387.

[2] Jorge Luis Boges, „La muerte y la brújuala“, in: ders., Ficciones, Madrid 52000, S. 153-171. Erste Auflage 1944, der verwendete Text beruht auf einer vom Autor durchgesehen Auflage 1974. Die weiteren Nachweise erfolgen im Text und beziehen sich auf diese Ausgabe, abgekürzt mit LM.

[3] S. beispielhaft Borges selber in: Borges, Jorge Luis, „El cuento Policial“, in: ders., Obras Completas, S. 189-197, hier S. 189f.

[4] Irwin, John T.: The mistery to a solution. Poe, Borges and the Analytic Detective story, Baltimore/London 1994.

[5] Poe, Edgar Alan, „The Purloined Letter“, in: ders., Selected Tales, Oxford 1980, hg. von Julian Symons. Zuerst erschienen in The Gift, 1845. Die weiteren Nachweise erfolgen im Text und beziehen sich auf diese Ausgabe, abgekürzt mit PL.

[6] Für eine Diskussion dieser Aspekte vgl. exemplarisch Shaw, D.L., „La muerte y la brújula“, in: ders., Borges. Ficciones, London 1976, S. 54-58.

[7] Nusser, Peter, Der Kriminalroman, Stuttgart 1980, sowie Buchloh, Paul G. und Becker, Jens P., Der Detektivroman. Studien zur Geschichte und Form der englischen und amerikanischen Detektivliteratur, Darmstadt 1973.

[8] Borges, Cuento Policial.

[9] Buchloh/Becker, Detektivroman, S. 15.

[10] Vgl. a.a.O. S. 81-95.

[11] Entsprechend z.B. Poirot, Lord Peter Wimsey oder eben Dupin., vgl. Buchloh/Becker, Detektivroman, S. 73

[12] Buchloh/Becker, Detektivroman, S.20.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Poes „Murders in the Rue Morgue“ oder Conan Doyles „The Hound of the Baskervilles“.

[15] Nusser, Kriminalroman, dem zufolge dies auch gilt „wenn die Detektive (...) selber Angehörige der Polizei sind“ S. 49-

[16] Der Prefect G. bei Poe ist hierfür ein geradezu idealtypisches Beispiel

[17] Buchloh/Becker, Detektivroman, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Vielschichtige Mordserie. Borges' La Muerte y la Brújula, das Genre der Detektivgeschichte und E.A. Poe
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Romanistisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar Jorge Luis Borge
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V1974
ISBN (eBook)
9783638112215
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Borges, Death and Compass, Ficciones, Muerte y la Brújula
Arbeit zitieren
Sebastian Karcher (Autor), 2001, Vielschichtige Mordserie. Borges' La Muerte y la Brújula, das Genre der Detektivgeschichte und E.A. Poe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1974

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