Die Forschung möchte in die Zukunft schauen und neue Möglichkeiten für die klinische Praxis erarbeiten. Hier erhebt sich die ethische Frage, ob die moderne Medizin darf, was technisch möglich ist. Die Einstellung des Menschen zu seinem Leben, zu Krankheit und Gesundheit ist im Umbruch und unterliegt einer Werteverschiebung. Die Frage lautet nicht nur „was“ und „wer“ ist der Mensch, sondern „ab wann“ ist er ein Mensch, speziell im Bereich der Reproduktionsmedizin und Embryonenforschung.
Philosophen beantworten die Frage sehr unterschiedlich, wann menschliches Leben beginnt und ab wann es zu schützen ist. Für die Herangehensweise an diese Thematik habe ich das christliche Menschenbild der kirchlich-theologisch geprägten Ethik in meiner Arbeit ausgenommen und mich auf das Menschenbild in der säkularen Gesellschaft beschränkt.
Im Kapitel „Dimensionen der Menschenwürde“ stelle ich ethische Bewertungen zum Lebensrecht von Embryonen vor. Die Philosophen Habermas, Spaemann und Honnefelder fragen in der medizinisch-selektiven Embryonenforschung kritisch nach dem moralischen Status der Embryonen und ihrer Menschenwürde. Dagegen sehen Peter Singer und Nida-Rümelin in den Verwerfungen, von den in der Petrischale gezeugten Embryonen, keine moralische Grenzüberschreitung.
Dieter Birnbacher hält Menschenwürde zwar nicht für abstufbar, lebende Menschen und menschliche Embryonen hätten aber einen unterschiedlichen normativen Gehalt. Birnbachers komparatives Menschenwürdebild reicht von einer Abschwächung des Würdeschutzes bis zu einem vollen Menschenwürdeschutz.
PID-Kritiker befürchten auf Grund der Aussonderung von Embryonen eine neue Art von Eugenik. Die Befürchtung, dass es im 21. Jahrhundert von Neuem zu eugenischen Zielsetzungen kommen könnte, prägte die jüngsten Diskussionen um die Etablierung der Präimplantationsdiagnostik.Die Anwendung der PID lässt Behinderungen als vermeidbar erscheinen.
Die Behindertenverbände argumentieren, dass durch die Einsetzung der PID die Akzeptanz von beeinträchtigten Menschen in der Gesellschaft abnimmt. Im Anhang dieser Masterarbeit werde ich verdeutlichen, dass Behinderte integrativer Bestandteil unserer Gesellschaft sind. Ich werde im Anhang exemplarisch die Rechte behinderter Kinder und Jugendlicher, Inklusionskonzepte, Projekte in Schulen sowie die Evaluationsinstrumente vorstellen und diskutieren.
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
1. Einführung in die Humangenetik
2. Entstehung der Humangenetik als Wissenschaft
2.1 Was macht ein Genom? Forschungsstand und Gesetze
2.2 Das Gendiagnostikgesetz (GenDG)
Aufgaben, Ziele und Probleme der Humangenetik
2.3 Ethik in der Humangenetik
3. Präimplantationsdiagnostik (PID)
3.1 Konflikte um die PID
3.1.2 Beratungspflicht zur PID
4. Präimplantationsdiagnostik und Menschenwürde
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ethischen und rechtlichen Spannungsfelder der Präimplantationsdiagnostik (PID) im Kontext der Menschenwürde sowie die gesellschaftliche Inklusion von Menschen mit Behinderung.
- Entwicklung und ethische Bewertung der Humangenetik
- Juristische Rahmenbedingungen durch das Gendiagnostikgesetz (GenDG)
- Bioethische Debatte um den moralischen Status von Embryonen
- Spannungsfeld zwischen elterlicher Autonomie und Selektionsvorwürfen
- Gesellschaftliche Integration und Inklusion behinderter Menschen
Auszug aus dem Buch
3. Präimplantationsdiagnostik (PID)
Je weiter das Erbgut erforscht wird, desto konkreter werden die Möglichkeiten, Menschen prädiktiv auf ihr prozentuales und potentielles Erkrankungsrisiko hin zu durchleuchten.
Eine Reihe von Untersuchungen kann vorhersagen, ob ein Baby gesund auf die Welt kommt. Mit der Präimplantationsdiagnostik steht heute ein weiteres Verfahren pränataler Diagnostik zur Verfügung. Ein zentrales Anwendungsgebiet der PID ist der Nachweis genetisch bedingter, d.h. erblicher Krankheiten, die familiär gehäuft auftreten.
Präimplantationsdiagnostik ist medizinisch gesehen kein Problem: Eine Frau erhält eine Hormonbehandlung. In deren Folge reifen in ihren Eierstöcken mehrere Eizellen gleichzeitig heran (Superovulation). Diese werden entnommen und in vitro befruchtet. Nach erfolgreicher Befruchtung beginnen die Eizellen sich zu teilen. Nach etwa fünf Tagen haben sie sich zu Blastozysten entwickelt. Deren einzelne Zellen sind jetzt determiniert, haben ihre "Bestimmung" bereits erhalten; sie sind also keine Stammzellen mehr. Die Zellen einer Blastozyste enthalten jeweils das vollständige Genmaterial des späteren Säuglings.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkung: Die Autorin erläutert die Relevanz gentechnischer Reproduktionsmethoden und die damit verbundene ethische Herausforderung für das christliche und säkulare Menschenbild.
1. Einführung in die Humangenetik: Es werden die wissenschaftlichen Grundlagen der Genetik sowie deren gesellschaftliche Bedeutung und die Ängste vor einer Instrumentalisierung des Menschen thematisiert.
2. Entstehung der Humangenetik als Wissenschaft: Dieses Kapitel beleuchtet die historische Entwicklung der Eugenik und Rassenhygiene sowie die moderne gesetzliche Regulierung durch das Gendiagnostikgesetz.
2.1 Was macht ein Genom? Forschungsstand und Gesetze: Hier wird der biologische Aufbau des Genoms erklärt und der Stand der Sequenzierung sowie deren Bedeutung für die moderne Diagnostik dargelegt.
2.2 Das Gendiagnostikgesetz (GenDG): Eine Analyse der gesetzlichen Rahmenbedingungen, die genetische Diskriminierung verhindern sollen, während die Forschungsfreiheit gewahrt bleibt.
Aufgaben, Ziele und Probleme der Humangenetik: Ein Unterkapitel, das sich mit den Zielen der Humangenetik und den Herausforderungen bei der Qualifizierung von Ärzten für die genetische Beratung beschäftigt.
2.3 Ethik in der Humangenetik: Die Rolle von Ethikkommissionen bei der Beurteilung genetischer Forschungsvorhaben und die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion wissenschaftlichen Handelns stehen hier im Fokus.
3. Präimplantationsdiagnostik (PID): Dieses Kapitel führt in das Verfahren der PID ein und erläutert die medizinischen Abläufe sowie die damit verbundenen ethischen Grundsatzdebatten.
3.1 Konflikte um die PID: Die Reaktionen auf die gesetzliche Zulassung werden analysiert, insbesondere die Vorwürfe der "Selektion" und die Debatte um lebenswerte Embryonen.
3.1.2 Beratungspflicht zur PID: Es wird die zentrale Bedeutung einer ergebnisoffenen und psychosozialen Beratung für Ratsuchende hervorgehoben.
4. Präimplantationsdiagnostik und Menschenwürde: Eine tiefgreifende philosophische Untersuchung über den moralischen Status des Embryos und die Anwendbarkeit des Begriffs der Menschenwürde.
Zusammenfassung: Eine komprimierte Darstellung der rechtlichen Situation und der ethischen Dilemmata der PID in Deutschland.
Schlüsselwörter
Präimplantationsdiagnostik, Humangenetik, Menschenwürde, Bioethik, Gendiagnostikgesetz, Eugenik, Embryonenselektion, Inklusion, Genetische Beratung, Reproduktionsmedizin, Autonomie, Behinderung, Status des Embryos, Ethikkommission, Lebensrecht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit befasst sich mit der ethischen und rechtlichen Debatte um die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland und untersucht die Auswirkungen dieser Technologie auf das Verständnis von Menschenwürde und Inklusion.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Genese der Humangenetik und Eugenik, das Gendiagnostikgesetz, bioethische Theorien zum Status des Embryos sowie die gesellschaftliche Inklusion behinderter Menschen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die moralischen und rechtlichen Konflikte bei der Selektion von Embryonen vor dem Hintergrund des Schutzes der Menschenwürde aufzuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-ethische Analyse sowie eine rechtliche Betrachtung aktueller Gesetzgebungen und integriert gesellschaftswissenschaftliche Perspektiven auf Inklusion.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung, die gesetzlichen Rahmenbedingungen (GenDG), die verschiedenen philosophischen Positionen zu Embryonen sowie die Beratungspraxis bei genetischen Fragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Präimplantationsdiagnostik, Menschenwürde, Bioethik, Embryonenselektion und Inklusion geprägt.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Peter Singer von der anderer Philosophen?
Peter Singer vertritt einen präferenz-utilitaristischen Ansatz und unterscheidet zwischen Lebewesen mit und ohne Selbstbewusstsein, während Autoren wie Spaemann das Lebensrecht aller Mitglieder der Spezies Mensch betonen.
Welche Rolle spielt die Inklusionsforschung im Anhang?
Der Anhang verdeutlicht, dass Behinderung ein integrativer Bestandteil der Gesellschaft ist und dass pädagogische Reformen zur Inklusion im Schulwesen die Akzeptanz von Diversität fördern können.
- Arbeit zitieren
- Veronika Schulze (Autor:in), 2012, Präimplantationsdiagnostik und Menschenwürde - Eine bioethische Debatte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197440