Sterben, Krieg, Christentum

Der christliche Umgang mit Gewalt und Tod im Mittelalter


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
30 Seiten, Note: 2.3

Leseprobe

nz waInhaltsverzeichnis

1. Ritter, Gewalt, Tod, Christentum und Literatur

2. Vorstellungen vom Tod im Mittelalter
2.1 Vorstellungen vom Sterben
2.2 Die Vorstelllung vom Tod

3. Krieg und Christentum
3.1 Christen gegen Christen
3.2 Der heilige Krieg gegen Ungläubige
3.3 Bernhard von Clairvaux und die „neue Miliz“
3.4 Der Klerus im Krieg

4. In der epischen Literatur
4.1 Schlachtentod im Rolandslied des Pfaffen Konrad
4.2 Schlachtentod im Willehalm des Wolfram von Eschenbach

5. Literatur und überlieferte Realität

6. Der Totentanz

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Ritter, Gewalt, Tod, Christentum und Literatur

Der Tod nahm im Mittelalter eine sehr zentrale Rolle ein. Wie ich noch aufzeigen werde, war er den Menschen jeden Tag gegenwärtig. Es gab zahlreiche Bedrohungen und gleichzeitig nur wenig, was man dagegen unternehmen konnte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich die Menschen des Mittelalters ebenso zahlreiche Gedanken darüber machten, was sie nach dem Tode erwarten würde. Im christlichen Europa verfasste eine ganze Reihe von Geistlichen Texte zu diesem Thema. Einen besonderer Schwerpunkt bildeten hier die christlichen Werte, die essentiell waren für eine spätere Aufnahme in das Himmelreich. Die Gebote mussten eingehalten werden, um am Tag des jüngsten Gerichts entsprechend positiv beurteilt zu werden. Hinsichtlich der hohen Ideale, die hier gefordert sind, lohnt ein näherer Blick auf den Stand des Mittelalters, der in einiger Regelmäßigkeit unter anderem gegen das fünfte Gebot verstieß – das Rittertum, die elitäre Kriegerklasse der mittelalterlichen Gesellschaft. Da der sogenannte Wehrstand aber ein notwendiger Bestandteil der christlichen Welt darstellte, gibt es in mehreren Texten Versuche, die Gewalt zu rechtfertigen, zu idealisieren oder sie gar in gewünschte Bahnen zu lenken. Zur gleichen Zeit gab es aber auch ganz gegenteilige Ansichten, die den Rittern für ihre schweren Verfehlungen anderen Menschen gegenüber ewige Höllenqualen prophezeiten.

Mit diesem Gegensatz möchte ich mich in dieser Arbeit auseinandersetzen. Wie ging die Kirche im allgemeinen und die geistlichen Autoren im speziellen damit um? Wie sieht ihre Argumentation aus, wenn es um den christlichen Ritter und die Gewalt gegen andere Menschen geht? Und, am wichtigsten, wie sahen sie es um das Heil der ritterlichen Seele bestellt? Es geht also darum, wie geistliche Autoren sich und die Hauptfiguren ihrer Texte in einer Welt verorteten, in der christliche Werte und ausufernde Gewalt selten getrennt voneinander auftraten.

Hinsichtlich dieses Themas ist eine Beschäftigung mit mittelalterlichen Quellen nicht nur sinnvoll, sondern sogar essentiell wichtig. Von besonderem Interesse für mich ist die Geschichte des Albigenserkreuzzugs, geschrieben von Peter von les Vaux-des-Cernay. Dieser Kreuzzug ist für mein Thema deswegen interessant, weil er nicht gegen die Sarazenen, sondern gegen die Häretiker Südfrankreichs geführt wurde, in einem zutiefst christlichen Gebiet also. Fulcher von Chartres hat uns einen detaillierten Bericht über den ersten Kreuzzug und die dort stattfindenden Taten der christlichen Ritter hinterlassen. Hier wird sehr deutlich, welches Verhalten gegenüber Heiden als positiv bewertet wurde. Auch lohnt ein Blick auf Bernhard von Clairvaux, der für mein Thema insbesondere hinsichtlich seiner Äußerungen zum Templerorden und der dort statt findenden Verbindung von Mönchtum und Rittertum relevant ist. Des weiteren werde ich einen Blick in das Rolandslied des Pfaffen Konrad und den Willehalm von Wolfram von Eschenbach werfen. Hierbei handelt es sich zwar weniger um Quellen und mehr um literarische Werke, allerdings wird es interessant sein, wie die Autoren zwischen dem Tod der Heiden und dem Tod der Christen in der Schlacht unterscheiden. Anschließend möchte ich dann gegenüberstellen, wie sich die Berichte in den Quellen und in der zeitgenössischen Literatur unterscheiden. Eine bekannte bildhafte Darstellung des Sterbens und des Todes stellen die Totentänze dar. In diesen werden explizit auch Fürsten und Ritter erwähnt. Aus diesem Grund werde ich auch auf einige Totentanz-Elemente schauen und in meine Untersuchung mit einbeziehen.

2. Vorstellungen vom Tod im Mittelalter

Bevor ich mich dem Tod im Krieg zuwende, lohnt ein Überblick darüber, wie im Mittelalter eigentlich die genaue Vorstellung davon aussah, was beim Sterben passierte und wie der Tod und ein Leben danach aussah. Hierbei handelt es sich um ein Thema, welches in unserer modernen Welt oft nur zu gerne tabuisiert wird. Darüber gesprochen wird in der Regel erst, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Der Prozess des Sterbens findet heute meistens in einer künstlichen Umgebung statt, häufig ohne die direkte Begleitung durch Angehörige. Insgesamt wird der Tod heute als etwas Schreckliches betrachtet. Diese Sichtweise trägt entscheidend dazu bei, dass viele das Mittelalter als sehr finster wahrnehmen. Denn in dieser Zeit war der Tod allgegenwärtig. Jeder Mensch konnte zu jeder Zeit zu Tode kommen, unabhängig von seinem Alter oder Stand.

Doch der Umgang mit dem Tod war ein anderer. Er stellte kein Tabu dar. Der Anblick von Toten war schon den Jüngsten nicht ungewohnt, genauso wenig wie die Begleitung eines sterbenden Menschen. Die ganze Gemeinschaft nahm Anteil. Das Sterben und schließlich der Tod waren genauso Teil des Lebens wie die Geburt oder die Hochzeit. Die Toten wurden dementsprechend auch nicht außerhalb der Städte und Dörfer bestattet. Die Friedhöfe befanden sich innerhalb der Siedlungen, rings um die Kirchen angelegt. Die Verlegung nach außen erfolgte erst in späteren Zeiten, vor allem aus hygienischen Gründen. Sehr wichtig war den Menschen, dass sie nach ihrem Tod nicht in Vergessenheit gerieten, sondern von ihren Angehörigen und Bekannten betrauert wurden. Dadurch konnten diese ihre Anteilnahme ausdrücken. Die Vorstellung vom Leben nach dem Tod war im Abendland vom christlichen Glauben geprägt. Ein gutes, gottgefälliges Leben sollte auch ein gutes Leben nach dem Tod ermöglichen. Dies zeigte sich schon an der Art des Todes, welcher als Spiegel des Lebens betrachtet wurde: „Der arge Sünder stirbt hündisch, der Brave ehrenvoll“[1]. Wichtig war auch die vollständige Bestattung, da die Gebeine am Tag des jüngsten Gerichts wieder auferstehen sollten.

Todesrisiken gab es im Mittelalter, wie schon erwähnt, viele. Herrschte Frieden, waren die Menschen vor allem durch Krankheiten, Hungersnöte und Gesetzlose bedroht. In Kriegszeiten waren die einfachen Leute auf dem Land weniger von Schlachten als von Plünderungen bedroht, durch welche sich die Armeen meist aus ihrer jeweiligen Umgebung versorgten. Für Städter sah die Sache im Kriegsfall anders aus. Bei Belagerungen wurde immer auch die Stadtbevölkerung direkt in Mitleidenschaft gezogen.[2]

2.1 Vorstellungen vom Sterben

Das Sterben stellte eine sehr wichtige Station im Leben eines jeden Christen dar. Es gab genaue Vorstelllungen davon, was dabei alles passieren sollte und was man besser vermeiden sollte. Es war wichtig, schon zu Lebzeiten entsprechende Vorkehrungen zu treffen. „Mora certa, hora incerta“[3], der Tod ist sicher, die Stunde ist unsicher.[4] Die Angst vor dem „mors repentina“[5] war groß. Der Tod sollte sich durch Erscheinungen und Wunder ankündigen können. Auch der anonyme Tod, beispielsweise auf Reisen, galt als großes Unglück. Allerdings bemühte sich die Kirche darum, diese Schrecken abzumildern, indem sie auch in dem plötzlichen Tod den unergründlichen Willen Gottes sah. Dabei war es aber wichtig, dass der Sterbende gerecht war und bei keinen heidnischen Aktivitäten zu Tode kam. Abgemildert wurde auch der Tod eines christlichen Ritters in der Schlacht. Zunächst war es wichtig, dass dieser in einem gerechten Kampf starb. Zudem wurde argumentiert, dass der sterbende Ritter im Kreis seiner Mitstreiter immer noch alle notwendigen Zeremonien abhalten könne.[6] Es war allerdings besser, diese Vorkehrungen schon dann zu treffen, wenn man noch am Leben und bester Gesundheit war. Zunächst war es wichtig, in Gebeten an Gott und Heilige darum zu bitten, die eigenen Sünden vergeben zu bekommen. Die Fürbitte durch andere, besonders durch Mönche, war ebenfalls eine große Hilfe. Diese konnte auch nach dem Tod noch hilfreich sein. Es ist wichtig zu beachten, dass die Toten nicht komplett aus der Gesellschaft verschwanden. Vielmehr war es so, dass von einer Gemeinschaft der Lebenden und der Toten ausgegangen wurde. Das Leben wurde dementsprechend nicht genommen, sondern lediglich verändert. Weit verbreitet war die Vorstellung, dass man den nahenden Tod fühlen konnte. Wer diese Erfahrung unterwegs machte war bestrebt, möglichst vor seinem Ableben die Heimat wieder zu erreichen. Anders sah dies freilich bei Pilgerfahrten aus. Wir hier starb, tat dies zu Ehren des Heiligen. Wichtig war auch die Sorge um die Grablege. Herrscher die unterwegs starben gaben genau an, wo sie bestattet werden wollten. Schließlich folgte der Abschied. Man verabschiedete sich von Angehörigen und Freunden und erhielt durch ein Priester die Sterbesakramente. Besonders wichtig waren die Beichte und die letzte Ölung. Es herrschte allerdings die Vorstellung, dass man auch auf der Schwelle des Todes noch von Dämonen versucht werden konnte. Viele baten deswegen den Erzengel Michael um Geleit.[7]

2.2 Die Vorstelllung vom Tod

Grundsätzlich gab es diverse Vorstellungen von einem Leben nach dem Tod. Ihnen gemeinsam war aber, dass die Toten als schlafend betrachtet wurden. Der Übergang vom Leben in den Tod galt keineswegs als Ende und wurde keinesfalls negativ bewertet. Es war in der Tat ein Übergang, nicht das Ende der Existenz. Diese Vorstellung überrascht nicht. Die Toten müssen schließlich schlafen bis der Tag des jüngsten Gerichts gekommen ist. Eine verbreitete Vorstellung war, dass sie dies in einem schönen Blumengarten tun würden.[8] Die offizielle Version, auf dem Konzil von Lyon festgelegt, sah allerdings vor dass sich der Tote nach dem Tod direkt einem individuellen Gericht stellen musste. Schon hier würde entschieden werden, ob der Tod in den Himmel aufgenommen oder in die Hölle hinab gestürzt werden würde. Am Tag des jüngsten Gerichts hingegen würden alle Verstorbenen zusammen mit den Lebenden zu einem allgemeinen Gericht antreten müssen. Die Visionen von Bonifatius die von uns ein recht anschauliches Bild davon, wie sich die jenseitige Welt vorgestellt wurde. Zunächst würde die Seele einen Feuerschacht überqueren müssen. Diejenigen, die heilig oder zumindest ohne Sünde waren, würden ihn ohne Probleme überqueren können. Diejenigen aber, die sich leichterer Sünden schuldig gemacht hatten, müssen diesen Feuerschacht durchqueren und an der anderen Seite wieder empor steigen. Die wirklichen Sünder aber würden in diesen Abgrund gestürzt und kämen nicht wieder hervor. Die geretteten würde auf der anderen Seite das Paradies erwarten. Die Hölle wurde im Inneren der Erde vermutet. Hier würden die Sünder in ewiger Dunkelheit sitzen, während ihr Leib durch Feuer und ihre Seele durch Gewissensbisse gepeinigt werden würde. Zudem würde ein unerträglicher Gestank herrschen. Doch nicht alle Sünder würden gleich bestraft werden. Die Hölle bestand aus mehreren Abstufungen. Desto schlimmer das Vergehen gegen Gott, desto schlimmer die Strafe.

Einen deutlichen Gegensatz hierzu stellt selbstverständlich das Paradies dar. Hier würde es keinen Mangel, keine Not und nichts Böses geben. Anders als die Hölle würde das Paradies nicht in unterschiedliche Stufen unterteilt sein. Auch die Begierde würde es hier nicht geben. Es fällt allerdings auf, dass es über den Himmel längst nicht so viele Aufzeichnungen gibt wie über die Hölle.[9]

3. Krieg und Christentum

Wie wir bereits gesehen haben, stellte das Töten im Krieg für die mittelalterliche Kirche kein Tabu dar. Unter gewissen Umständen war es durchaus erlaubt oder sogar erwünscht, im Rahmen einer Schlacht andere Menschen zu töten oder auch selbst zu Tode zu kommen. Ich werde in diesem Kapitel näher betrachten, wie das Töten und das Sterben im Krieg von einigen Autoren des Mittelalters beschrieben, bewertet und gerechtfertigt wird. Grundsätzlich gab es in der damaligen Zeit klare Vorstelllungen davon, wann ein Krieg gerechtfertigt war und wann nicht. Es herrschte vor allem die Überzeugung, dass Gewalt als Reaktion auf Gewalt gerecht und damit auch erfolgreich sein würde. Grausame Einzelheiten wären dann nur ein zusätzliches Zeichen dieser Rechtmäßigkeit gewesen. Karl-Heinz Göttert bringt dies sehr schön auf den Punkt: „Hinter all dem steht die archaische Vorstellung vom Recht des Stärkeren, aber auch von der Offenbarung der Rechtlichkeit im Sieg.“[10]. Hieraus sei auch die Praxis des Gottesurteils hervorgegangen, welches freilich nicht nur in Form von Zweikämpfen, sondern auch in Form einer großen Schlacht ausgefochten werden könne.[11] Es gab also eine Vorstellung vom gerechten Krieg. Unter gewissen Umständen war es richtig und wünschenswert, Kriege zu führen. Und auch Grausamkeiten dienten einem bestimmten Zweck. Ein Beispiel hierfür ist das Massaker unter den Bewohnern Jerusalems durch die Christen im ersten Kreuzzug, welches in diesem Kapitel noch näher beschrieben werden wird. Derartige Handlungen dienten vor allem der Reinigung, der Beseitigung der „Pollutio“, welche durch die Ungläubigen verursacht worden war. Das Blut derselben diente demnach der Reinigung des heiligen Ortes.[12] Es musste unbedingt sichergestellt sein, dass die Gefahr durch Ungläubige abgewehrt wird, welche durch ihre Taten ihr Leben verwirkt haben.[13] Doch sehen wir uns einmal an, was die Autoren des Mittelalters hierzu im Einzelnen schrieben.

[...]


[1] cf. Borst, Arno (2010). S. 126.

[2] Vgl. Ebd. S. 124-126.

[3] cf. Ohler, Norbert (1993). S. 30.

[4] Vgl. Ohler, Norbert (1993). S. 30.

[5] cf. Aries, Philippe (1982). S. 19.

[6] Vgl. Ebd. S. 19-22.

[7] Vgl. Ohler, Norbert (1993). S. 30-70.

[8] Vgl. Aries, Philippe (1982). S. 35-40.

[9] Vgl. Ohler, Norbert (1993). S. 163-183.

[10] cf. Göttert, Karl-Heinz (2011). S. 157.

[11] Vgl. Ebd. S. 155-157.

[12] Vgl. Hehl, Ernst-Dieter (2009). S. 335.

[13] Vgl. Angenendt, Arnold (2009). S. 345.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Sterben, Krieg, Christentum
Untertitel
Der christliche Umgang mit Gewalt und Tod im Mittelalter
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Tod und Sterben im Mittelalter
Note
2.3
Autor
Jahr
2012
Seiten
30
Katalognummer
V197453
ISBN (eBook)
9783656237655
ISBN (Buch)
9783656238461
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ars Moriendi, Tod im Mittelalter, Sterben im Mittelalter, Sterben, Tod, Mittelalter, Brauchtümer des Mittelalters, Schlachtentod, Tod im Krieg, Rolandslied, Willehalm, Epos, Kreuzzugsdichtung, Kreuzzüge, Heiliger Krieg, Krieg im Mittelalter, Gewalt und Tod im Mittelalter
Arbeit zitieren
B.A. Daniel Ossenkop (Autor), 2012, Sterben, Krieg, Christentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197453

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sterben, Krieg, Christentum


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden