Heterogenität als Problem oder Reichtum? Der wissenschaftlich fundierte Begriff der „Parallelgesellschaft“ zeigt deutlich, dass die öffentliche Wahrnehmung, allen voran der alltagstheoretische Diskurs, in der Diskussion um Jugendliche mit Migrationshintergrund in städtischen Quartieren eine eindimensionale Position einnimmt. Wenn von „Integrationsschwierigkeiten der dritten und vierten Generation“ gesprochen wird, wird eine vornehmlich problemzentrierte Wahrnehmung deutlich, die eine ressourcenorientierte Wahrnehmung von pluriformen Lebenslagen und die Heterogenität von Lebensentwürfen und Positionierungen in den sogenannten „Brennpunkten“ außer Acht lässt (Vgl. Riegel/Geisen, 2007, S.15). Neben dem dramatisierenden „Kulturkampf“ gehört hierzu auch die Metapher des ‚zwischen zwei Stühlen sitzens’ und der entsprechenden pädagogischen Literatur, die sich des „Problems“ der betreffenden migrantischen Jugendlichen annehmen möchte (Vgl. Schulze in Riegel/Geisen, 2007, S. 97f). Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll der Blick einerseits auf die Quartiere als Ort augenscheinlich gelebter Realität von Heterogenität und individueller Lebensgestaltung gebündelt werden, andererseits der Blick in Hinsicht auf die Selbstbehauptung vieler Jugendlicher mit Migrationshintergrund gegenüber einem sehr statischen Kulturbegriff, mehrheitsgesellschaftlicher Mythen und ihrer medialen Repräsentation geweitet werden.
Diese Arbeit soll auf Grundlage der qualitativen Studie von Schulze „’Und ich fühl mich als Kölner, speziell als Nippeser’ Lokale Verortung als widersprüchlicher Prozess“ einen tieferen Einblick in die Positionierung und Identitätsfindung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ermöglichen und ihren Umgang mit Ausgrenzungs- und Zuschreibungsprozessen kennzeichnen. Als Basisliteratur dient die Einführung von Christine Riegel und Thomas Geisen aus dem Sammelwerk „Jugend, Zugehörigkeit und Migration - Subjektpositionierung im Kontext von Jugendkultur, Ethnizitäts- und Geschlechter-konstruktionen“, deren Thematik von Schulze als Beitrag des Sammelbands aufgegriffen wird. Weitere begleitende Literatur soll schließlich die Situation vieler betroffener Jugendlicher als Positionierung und Kampf um Anerkennung außerhalb einer mehrheitsgesellschaftlichen Mitgliedschaft darstellen und zudem schließlich in Ansätzen den Beitrag der Bundesrepublik Deutschland zum status quo aus politischer, ökonomischer und sozialstruktureller Hinsicht vor Augen halten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zugehörigkeit und Zugehörigkeit im Kontext von Migration
3. Die lokale Selbstverortung – ein widersprüchlicher Prozess
4. Strategien der Selbstbehauptung
5. Exkurs: „Unterschichtung“ als Merkmal der Einwanderungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die komplexen Prozesse der lokalen Selbstverortung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die in einem doppelten Marginalisierungsprozess zwischen statischen gesellschaftlichen Erwartungen und ihrer eigenen gelebten Realität stehen. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie diese Jugendlichen Identität aushandeln und welche Strategien sie entwickeln, um sich gegen Zuschreibungsprozesse und Ausgrenzung zu behaupten.
- Zugehörigkeitskontexte und Identitätsfindung im Migrationskontext
- Die Rolle lokaler Quartiere als Orte der Selbstverortung
- Strategien der Selbstbehauptung gegenüber gesellschaftlichen Stigmatisierungen
- Männlichkeitsinszenierungen als Bewältigungsstrategie in prekären Milieus
- Die historische Einbettung der „Unterschichtung“ in Deutschland
Auszug aus dem Buch
Die lokale Selbstverortung – ein widersprüchlicher Prozess
In der heutigen Zeit, in der die Globalisierung auf vielerlei Ebenen eine zentrale Rolle hinsichtlich gesellschaftlicher Veränderungen und Entwicklungen spielt, erweist sich eine Vorstellung des Raumbegriffs nach dem nationalstaatlichen Prinzip, das Identitäten und Zugehörigkeiten relativ streng an die Gleichsetzung von Geografie, Ort und Kultur bindet, als zunehmend schwierig. Die Globalisierung beinhaltet dabei nicht nur die Mobilität von Kapital, Gütern, Informationen und Dienstleistungen sondern auch die Mobilität des Menschen selbst.
Internationale Migrationsbewegungen, ermöglichten die Entstehung neuer (trans-) nationaler Formen von Gemeinschaft. Doch es ist nicht nur eine vielfältigere Lebensgestaltung an unterschiedlichsten geografischen Orten, sondern vor allem auch die gestaltende Auswirkung auf die Orte und Räume, die die (Trans-) MigrantInnen im wahrsten Sinne des Wortes „beleben“. Es entstehen aus dem Ineinandergreifen von Globalem und Lokalem neue kulturelle Formen, die in der Wissenschaft als „hybride Kulturen“ bzw. „new ethnicities“ oder transnationale Räume und Kulturen bezeichnet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die problematische, oft defizitorientierte Wahrnehmung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in städtischen Quartieren und setzt den Fokus auf deren individuelle Lebensgestaltung.
2. Zugehörigkeit und Zugehörigkeit im Kontext von Migration: Dieses Kapitel erläutert Zugehörigkeit als dynamischen Aushandlungsprozess, bei dem Individuen versuchen, sich zwischen subjektiver Verbundenheit und gesellschaftlicher Fremdzuschreibung zu positionieren.
3. Die lokale Selbstverortung – ein widersprüchlicher Prozess: Es wird analysiert, wie Jugendliche durch die Abkehr von nationalstaatlichen Raumvorstellungen hybride Identitäten in ihrem direkten Wohnumfeld entwickeln.
4. Strategien der Selbstbehauptung: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Jugendliche mit Stigmatisierungen umgehen, indem sie ihre Viertel positiv umdeuten oder situativ-strategische Verhaltensweisen nutzen.
5. Exkurs: „Unterschichtung“ als Merkmal der Einwanderungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland: Der Exkurs ordnet die aktuelle Situation in den historischen Kontext der systematischen Zuweisung benachteiligter Plätze für Migranten seit den Gastarbeiter-Anwerbungen ein.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass lokale Verortung zwar Freiräume bietet, aber im Kontext einer doppelten Marginalisierung oft keine nachhaltige gesellschaftliche Partizipation ermöglicht.
Schlüsselwörter
Jugendliche, Migrationshintergrund, Identitätsfindung, Zugehörigkeit, Selbstverortung, Marginalisierung, Stigmatisierung, Problemviertel, Selbstbehauptung, Brennpunkte, Unterschichtung, Gastarbeiter, Männlichkeit, Intersektionalität, Sozialraum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Identitätsfindung und Selbstverortung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in urbanen Räumen, die von der Gesellschaft oft als stigmatisierte „Problemviertel“ wahrgenommen werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Zugehörigkeit, Migration, räumliche Verortung, Strategien der Selbstbehauptung gegen Stigmatisierung sowie die Auswirkungen sozioökonomischer Marginalisierung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Jugendliche trotz Ausgrenzungs- und Zuschreibungsprozessen aktiv ihre Identität gestalten und welche Rolle ihr Wohnumfeld dabei als Ressource oder Hindernis spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf der qualitativen Analyse bereits bestehender Studien (insbesondere von Schulze und Riegel/Geisen) zu Identitätskonstruktionen und sozialen Aushandlungsprozessen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Konzepte von Zugehörigkeit, die Bedeutung lokaler Räume, Strategien der Selbstbehauptung (inklusive Männlichkeitsinszenierungen) und die historische Einordnung durch den Begriff der Unterschichtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Marginalisierung, Identitätsfindung, Selbstverortung, Migrationshintergrund und Soziale Aushandlungsprozesse charakterisiert.
Was versteht die Autorin unter einer „doppelten Marginalisierung“?
Es beschreibt das Zusammenspiel der Stigmatisierung des Wohnquartiers durch die Gesellschaft und der Ausgrenzung aufgrund des Migrationshintergrunds, was die Handlungsspielräume der Jugendlichen massiv einschränkt.
Wie nutzen Jugendliche das Stigma ihres Wohnviertels strategisch?
Manche Jugendliche nutzen das „Gernsheimer“-Stigma gezielt, um im sozialen Raum Macht zu demonstrieren, Grenzen zu ziehen und sich vor externen Übergriffen zu schützen, was eine aktive, wenn auch riskante Bewältigungsstrategie darstellt.
- Citation du texte
- Moritz Sturmberg (Auteur), 2011, Die lokale Selbstverortung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Kontext eines doppelten Marginalisierungsprozesses, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197552