Entzauberung des Paradieses

Die Darstellung der Südsee in "Die Simpsons"


Hausarbeit, 2012

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. „Bartopia“ oder die Defamiliarisierung des Sudsee-Mythos

2. Die simpsonische Sudsee als kritischer Spiegel westlicher

Hegemonialvorstellungen?

Schlussfolgerung

Bibliographie

„Nach 1839 wurde das menschliche Gedachtnis eine lichtempfindliche Platte, prapariert fur die Aufnahme, Fixierung und Reproduktion visueller Erfahrungen.“[1] Nur wenige Regionen der Erde werden noch heute in den Massenmedien derart typisiert und idealisiert dargestellt wie die Sudsee. Ihr Mythos, deren Grundstein im 18. Jahrhundert mit der Idealisierung des Sudseeinsulaners in den Reiseberichten Louis Antoine de Bougainvilles nach dessen Weltumsegelung gelegt wurde,[2] halt sich uber die Jahrhunderte und wurde uber alle moglichen Medien den Massen zuganglich gemacht. Von Rousseaus „Edlem Wilden“, Georg Forsters uberschwanglichen Beschreibungen der Naturschonheiten Tahitis, den utopischen Romanen, wie etwa Thomas Morus1 «Utopia>>, Robinsonaden und Paul Gaugins, Max Pechsteins und Emil Noldes Gemalden uber Filme wie In the Wake of the Bounty (1933) mit Errol Flynn oder Paradise - Hawaiian Style (1966) mit Elvis Presley und Musik wie etwa jene des 1997 verstorbenen Hawaianers Israel Kamakawiwoiole fanden die Bilder von mit farbenprachtigen Tuchern verhullten Hoola-tanzenden, in paradiesischen Garten lebenden Madchen und Kokosmilch-schlurfenden, tatowierten und starken Kriegern nicht nur Eintritt in das kollektive Gedachtnis der Massenmedienkonsumenten sondern auch in eine der beliebtesten Comicserien der USA und Europas: Die Simpsons.[3] [4]

Die 1987 zum ersten Mal in der Tracy Ullman Show auf dem US- amerikanischen Sender Fox ausgestrahlte gelbe TV-Familie drang seitdem nicht nur in die US-amerikanische und europaische Popkultur ein sondern wurde fester Bestandteil Letzterer und somit auch Ausgangspunkt fur mogliche Kritik an dieser.[5] Von dieser Hypothese ausgehend soil in folgender Arbeit der Frage nachgegangen werden auf welche Weise das seit dem 18. Jahrhundert verbreitete Sudsee-Bild in Die Simpsons abgewandelt und ob es zum kritischen Spiegel der westlichen Hegemonialvorstellung umgeformt wird.

Die Recherche basiert auf den Episoden BABF11 Missionary: Impossible (Erstausstrahlung 20. Februar 2000) und der Teilepisode The Wine-Bar Sea aus der Folge HABF11 The Wettest Stories ever Told (Erstausstrahlung 23. April 2006), zwei Episoden in denen die Sudseeinseln und Insulaner eine mehr oder weniger zentrale Rolle spielen. Wahrend Homer Simpson in Ersterer von Pfarrer Lovejoy als Missionar nach „Microatia“ geschickt wird, nachdem dieser sich nach einem Betrug am Fernsehsender PBS verstecken muss, landet Bart Simpson in einer Nacherzahlung der Meuterei auf der Bounty als Fletcher aka Bart Christian mit Captain William Blighs Mannschaft 1789 auf Tahiti.

Die Darstellung selbst der Sudsee sowie deren Bewohnern in Die Simpsons wurde bisher nur sparlich in der kulturwissenschaftlichen Forschung behandelt. Nur der Journalist und Historiker Chris Turner geht in seiner Monographie Planet Simpson ganz kurz darauf ein.[6] Nicht desto trotz dienen die eingehenderen Untersuchungen der nicht-amerikanischen Mitburger der simpsonischen Heimatstadt Springfield sowie jene der stereotypisierten Darstellungen anderer Regionen und Nationen, wie etwa Australiens, als Grundlage zur Erarbeitung der hier gesetzten Fragestellung.[7] Des Weiteren sollen Forschungen aus dem popkulturellen Bereich sowie zu „Mythos und Wirklichkeit“ der Sudsee zur Erlauterung dienen.

Um der Frage auf den Grund gehen zu konnen auf welche Weise das Sudsee- Bild in Die Simpsons verandert wird wird anhand der Idealisierung und Utopisierung im 18. und 19. Jahrhundert aufgezeigt, dass die Produzenten der TV Serie in gleicher Manier die auf diese Weise in das kollektiveGedachtnis tief verwurzelten Vorstellungen bricht. In einem zweiten Schritt soll die Frage geklart werden auf welche Art diese Entzauberung des Paradieses ahnlich wie die Utopien des 18. und 19. Jahrhunderts die westliche Gesellschaft aufruttelt und ihrer Uberzeugung ihrer hegemonialen Uberlegenheit den Spiegel vorhalt.

1. „Bartopia“ oder die Defamiliarisierung des Sudsee-Mythos

In seiner 2006 erschienen Dissertation Mythos Sudsee. Das Bild von der Sudsee im Europa des 18. Jahrhunderts beschaftigt sich Joachim MeiRner mit der Frage nach den „Konstitutionsbedingungen“ des Mythengebildes Sudsee im 18. Jahrhundert.[8] Er stellt dabei fest, dass entgegen der Vorstellung dieses Jahrhunderts als Zeitalter der Aufklarung und der Uberwindung der Mythen durch Rationalitat und Vernunft, eben diese Epoche stark von mythisch angehauchten Darstellungen insbesondere der „terra australis“ gepragt war. MeiRner zufolge nahrt sich dieses Mythengebilde aus „einem Konglomerat verschiedenster Thesen, Mythen und Legenden“ deren Ursprung sich bis in die Antike und Hesiods Goldenes Geschlecht zuruck verfolgen lasst.[9] Es handelt sich hierbei jedoch nicht nur um eine „Anbindung [...] an den klassischen Mythos vom goldenen Zeitalter“[10] sondern auch und vor allem um ein „Produkt einer manipulativen Rezeption“ des Letzteren.[11] MeiRner fuhrt hier den Niederschlag der Anpassung und Umdeutung dieses neoklassizistischen Topois in der Landschaftsmalerei der mitreisenden Kunstler an. Derer manipulativer Umgang mit der Sudsee-Landschaft deutet MeiRner als „imperiale Malerei“,[12] die zum einen als Instrument „politischer und gesellschaftlicher Kritik“,[13] zum anderen - und fur den Autor am bedeutendsten - zur Veranschaulichung europaischer Uberlegenheit mittels ethnographischer Bilder diente.[14] So erschuf etwa der Landschaftsmaler William Hodges (1744-1797) nach seiner Teilnahme an der zweiten Cook-Expedition ein Gemalde mit dem Titel Tahiti revisited (1776) auf dem er nacktbadende, hellhautige, dem damals europaischen Schonheitsideal entsprechende Frauen mit typischen polynesischen Tatowierungen sich im Wasser und am Ufer einer Bucht inmitten einer imposanten Gebirgskette in sanft goldenem Licht rakeln lasst.[15]

Anne Mariss zufolge schafft Hodges aus einer geschickten Zusammenfugung verschiedener topographischer und ethnographischer Einzelteile eine Landschaft, die „dem Ideal des locus amoenus entspricht“ und an die seit der italienischen Renaissance weit verbreiteten europaische Bildtradition des Motivs der Nymphe anknupft.[16] „Tahiti erscheint als ein idyllisches Paradies und europaischer Wunsch(t)raum. Die idyllische Natur wird nicht nur feminisiert und erotisiert, sondern gleich idealisiert.“[17] Interessanterweise bedeutet die nymphenartige Darstellung dieser Frauen gleichzeitig eine Erniedrigung letzterer zu Prostituierten. Georg Forster, der an der gleichen Expedition teilgenommen hatte, beschrieb in seinem Bericht die polynesischen Frauen etwa als „Amphibia“, die „im Wasser herumgaukelten“ und schwimmend an Bord gelangten, um dort die „Begierden“ der Mannschaft zu stillen.[18] Mariss verweist auf die Oekonomische Encyklopadie (1773-1858) des Johann Georg Krunitz, in der unter dem Eintrag „Nymphe“ verzeichnet ist:

[...]


[1] Draaisma, Drouwe: Die Metaphernmaschine. Eine Geschichte des Gedachtnisses, Darmstadt 1999, S. 124.

[2] Muckler, Hermann: Mythos Sudsee. Reaktionen, Projektion, Visionen, in: Muckler, Hermann et.al.: Ozeanien. 18. bis 20. Jahrhundert Geschichte und Gesellschaft. Edition Weltregionen, Wien 2009, S. 17.

[3] Zu Einzelheiten dieser Aufzahlung siehe: Muckler: Mythos Sudsee, S. 17-30.

[4] Die Simpsons© ist ein urheberrechtlich geschutzter Name. Aus praktischen Grunden wird das Copyright-Zeichen jedoch nicht fortwahrend angefuhrt.

[5] Brook, Vincent: Myth or Consequences: Ideological Fault Lines in The Simpsons, in: Alberti, John (Hg.): Leaving Springfield. The Simpsons and the Possibility of Oppositional Culture,

Detroit 2004, S. 177. Vgl. hierzu: Crivellari, Fabio: Das Unbehagen der Geschichtswissenschaft vor der Popularisierung, in: Fischer, Thomas / Wirtz, Rainer (Hg.), Alles authentisch? Popularisierung der Geschichte im Fernsehen, Konstanz 2008, S. 165.

[6] Turner, Chris: Planet Simpson. How a cartoon masterpiece documented an era and defined a generation, London 2005, S. 352f.

[7] Siehe hierzu unter anderem: Keslowitz, Steven: The World according to The Simpsons. What our favourite TV Family says about Life, Love and the Pursuit of the Perfect Donut, Naperville 2006, S. 149-174; Turner: Planet Simpson, S. 341-380; Helmes, Dirk: Die Simpsons - eine politische Familie. Zur politisch-kulturellen Bedeutung der „longest running sitcom“ der USA, Berlin 2009, S. 78-101; Beard, Duncan Stuart: Local Satire with a Global Reach: Ethnic Stereotyping and Cross-Cultural Conflicts in The Simpsons, in: Alberti: Leaving Springfield, S. 273-291.

[8] Meissner, Joachim: Mythos Sudsee. Das Bild von der Sudsee im Europa des 18. Jahrhunderts, Hildesheim 2006, S. 9.

[9] Meissner: Mythos Sudsee, S. 29.

[10] Meissner: Mythos Sudsee, S. 67.

[11] Meissner: Mythos Sudsee, S. 25.

[12] Meissner: Mythos Sudsee, S. 70.

[13] Meissner: Mythos Sudsee, S. 118.

[14] Meissner: Mythos Sudsee, S. 72 sowie S. 128.

[15] Tahiti revisited (1776) by William Hodges, National Maritime Museum London. Coverabbildung der Monographie: Salmond, Anne: Aphrodite's Island. The European Discovery of Tahiti, London 2009.

[16] Mariss, Anne: Natur und Geschlecht in Text und Bild bei Georg Forster und William Hodges

auf der zweiten Cook-Expedition 1772-1775, in: Themenportal Europaische Geschichte, http:// www.europa.clio-online.de/site/lang de/ItemID 515/mid 11428/40208214/default.aspx, S. 5-6.

[17] Mariss: Natur und Geschlecht in Text und Bild bei Georg Forster und William Hodges, S. 6.

[18] Forster, Georg: Reise um die Welt. Illustriert von eigener Hand, Mit einem biographischen Essay von Klaus Harpprecht und einem Nachwort von Frank Vorpahl, Frankfurt am Main 2007, S. 317.

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Details

Titel
Entzauberung des Paradieses
Untertitel
Die Darstellung der Südsee in "Die Simpsons"
Hochschule
Université du Luxembourg
Veranstaltung
Bilder und Gegenbilder - Europa und die Anderen
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V197571
ISBN (eBook)
9783656238102
ISBN (Buch)
9783656238195
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mythos Südsee;, Die Simpsons, The Simpsons, Südsee, Bilder und Gegenbilder, Tahiti, Hegemonie, USA, Kolonialmacht, Kolonie
Arbeit zitieren
Danielle Wilhelmy (Autor), 2012, Entzauberung des Paradieses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197571

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