Postmoderne Züge in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Christoph Ransmayrs "Die letzte Welt"


Diplomarbeit, 2012
56 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen: Die Postmoderne
2.1. Zur Geschichte des Terminus „Postmoderne“
2.2. Postmoderne versus Moderne

3. Fokus Realität: Gegentendenz Imagination
3.1. Die Phantasie Nasos gegen die Realität Cottas
3.1.1. Dekomposition von Zeit, Raum und Handlung
3.2. Verwirrungsstrategien
3.3. Historie und Uchronie

4. Fokus Mythos: Gegentendenz Logos
4.1. Vernunftkritik
4.2. Verfall und Untergang
4.3. Metamorphosen
4.4. Der Wahnsinn als Ausweg aus der Diskrepanz zwischen Mythos und Logos

5. Fokus Textautonomie: Gegentendenz zum Diktum der Autorinstanz
5.1. Der ,Tod des Autors’ und die kollektive Autorschaft
5.2. Die Diversifikation der materiellen Datenträger
5.3. Der Konstruktcharakter von Texten
5.4. Intertextualität

6. Fokus Pluralität: Gegentendenz Totalität
6.1. Die Totalität in Rom
6.2. Die Pluralität in Tomi
6.3. Die Pluralität der Deutungsmöglichkeiten

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“[1] Mit dieser Definition weist Immanuel Kant bereits auf die einstigen Kraftpole der Moderne hin. Gemeint sind hiermit die ‚Vernunft‘, zu der er auffordert und das mündige ‚Subjekt‘, das zu ihr fähig sei. Bestimmt werden diese beiden Schlüsseltermini der Moderne durch die Wissenschaften, die in ihrer Kritik an der Metaphy­sik begründet liegen und in denen die Vollendung der europäischen Rationalität erfolgt.[2] Hierbei geht die Moderne von einem rein immanenten Weltbild aus, das seine Legitimität in der allgemeinverbindlichen wissenschaftlichen Aufklärung sieht und von einem widerspruchsfreien, intersubjektiven[3] Wissen ausgeht. Die Moderne tendiert hierbei zum „regnum hominis“[4], dem sich totalen Verfügbarmachen der Natur und des Menschen. Demzufolge negiert sie die Existenz eines „grundsätzlich Unverfügbaren“[5], das der menschlichen Ratio unzugänglich ist. Somit geht die Moderne von einer einzigen, gänzlich erfassbaren Wirklichkeit aus, die laut Kant nur vom mündigen, vernünftigen Menschen zu begreifen sei.[6] Gerade dieser Totalitätsanspruch des modernen Menschen durch seine Ratio alles begreifen zu können, führte auch zu dessen Intoleranz gegenüber allem, was seinem Realitätsbild widersprach.[7]

Daher kam es in den letzten Jahrzenten verstärkt zu der Forderung sich von den leiten­den Ideen der Moderne abzuwenden und diese zu revidieren. Eine einheitlich wahrnehm­bare Wirklichkeit wird somit von den Vertretern der Postmoderne in Frage gestellt. Dementspre­chend fordert Umberto Eco im Sinne der Postmoderne die Auflösung von „universellen Gesetzen, Kausalbeziehung[en] [und der] Vorhersehbarkeit der Phänomene“[8]. Widerspro­chen wird hiermit der Auffassung, es gebe einen logischen Schluss und somit auch einen evidenten Grund für alles. Die Idee, dass es eine Wahrheit[9] gebe, der sich alle zu fügen hätten, habe zu großer Grausamkeit auf unserer Welt geführt und sei somit zu verwerfen.[10] Diese „erste Strategie des Vergessenmachens“[11] verlange uns die Postmoderne, als Gegenbe­wegung zur Moderne, ab. Gemeint ist hiermit das „Vergessen“[12] der Denkmuster, mit denen wir die Welt und uns selbst wahrnehmen und die Annahme der Tatsache, dass sämtliche Welterklärungstheorien nur Bruchstücke der Wirklichkeit erfassen können. Folglich fasst die Postmoderne eine Reihe von Positionen zusammen, die „Kri­tik an den Paradigmen der Moderne“[13] und deren „grand récits“[14] üben. Gemeint ist mit dieser postmodernen Distanzierung von den „großen Erzählungen“[15] der Moderne, die kritische Auseinandersetzung mit ideologischen Strömungen, wie dem Rationalismus, dem Humanismus, dem Kapitalismus, dem Marxismus und selbst dem Christentum.[16] Alle diese stellen den Anspruch auf Allgemeingültigkeit und unterliegen somit dem postmodernen Verdikt totalitär zu sein. Die Postmoderne konstatiert somit den Niedergang der Ideologien, die gemäß Vertre­tern der postmodernen Philosophie[17] zu katastrophalen Erfahrungen führten. Sie begreift sich selbst als „diagnostische[n] Reflex, auf das offenkundige Scheitern der Moderne“[18], betont die „Beteiligung des Lesers am Prozess der Bedeutungsproduktion“[19] und die hiermit verbundene Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten. Dies bedeutet folglich, dass nicht nur der Autor selbst sein Werk interpretiert, sondern, dass Literatur im Moment ihrer Rezeption entsteht, da sie von jedem Leser anders verstanden wird.

Gerade diese Grundzüge der Postmoderne lassen sich mit einer Quelle vereinbaren, der sich Schriftsteller der letzten Jahrzehnte vermehrt zuwenden: dem Mythos.[20] Im Gegen­satz zu den ‚Vernunftschranken‘ der Aufklärung und dem Konzept eines totalitären, sich nicht ändernden Realitätsbildes, handelt es sich beim Mythos, um einen sich wandelnden Stoff, der an eine anfängliche Weltorientierung anknüpft, deren Pluralität nicht zuguns­ten einer statischen, vereinfachten Wirklichkeitsvorstellung negiert wird. Der Mythos scheint geradezu durch seine Vielfalt und der ständigen Veränderung, die an ihm vorgenommen wird, als solcher zu existieren und besteht somit unabhängig vom Autor fort. Dementsprechend verwandeln sich in ihm Steine zu Menschen[21], Menschen zu Tieren und statt von einer, sich nicht veränderbaren, göttlichen Autorität, geht er von der Pluralität der Götter aus. Diese sind jedoch wiederum von einer, Menschen zugesprochenen, Ambivalenz geprägt. Statt eines statischen Realitätsbildes wird somit im Mythos von einer ständigen Veränderung der Gege­benheiten ausgegangen. Rushdie spricht hierbei von „stasis“ und „metamorpho­sis“[22]. Es ist also nicht verwunderlich, dass gerade Ovids Metamorphosen, das Werk, in dem keinem seine Gestalt blieb,[23] Grund­lage eines der, für die Postmoderne charakteristischsten Romane bildet: Christoph Rans­mayrs Die letzte Welt.

Bereits mit seinem Prosatext Strahlender Untergang. Ein Entwässerungsprojekt oder die Entdeckung des Wesentlichen verzeichnet Ransmayr 1982 erste Erfolge. Mit seinem Roman Die letzte Welt aber etabliert er sich schließlich als international renommierter Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, da er zu den wenigen zählt, denen bereits zu Beginn ihrer Karriere als Schriftsteller ein so „euphorisch positives Urteil entgegenschlug“[24]. Zu erkennen ist dies zum Beispiel an der überaus positiven Kritik der Feuilletons von Frankfurter Allgemeiner[25], Spiegel[26] und Zeit[27], die sich ungewöhnlich ein­stimmig zum Werk äußern. Die Frage, ob dies darauf hindeutet, dass die Literaturkri­tik noch objektiven Maßstäben folge oder Ransmayr seinen Erfolg der Förderung durch Enzensberger zu verdanken habe,[28] ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Die letzte Welt 1988 zeitlich an die Intensivierung der Postmoderne-Debatte in den 80er Jahren anschließt und hiermit die literarische Antwort auf die theoretischen Vorüberlegungen von Jean Fran­cois Lyotard, Richard Rorty und Jürgen Habermas und Anderen zu sein scheint. Um dies jedoch zu untersuchen müssen wir uns zunächst mit dem Begriff der Postmo­derne selbst auseinandersetzen. Dies geschieht zunächst durch einen begriffsgeschichtlichen Abriss (Kapitel 2.1) und der Darstellung der Debatte um Moderne und Postmoderne (Kapitel 2.2). Vom dritten bis zum sechsten Kapitel veranschauliche ich anschließend die postmodernen Tendenzen in Ransmayrs Die letzte Welt. Es bietet sich an, die Postmoderne immer im Zusammenhang zur Moderne zu untersu­chen, da sich die Postmoderne aus der Moderne speist.[29] Dementsprechend ist auch die Gliederung dieser Arbeit bipolar aufgebaut und orien­tiert sich an sechs Gegensatzpaaren, die entscheidend für den Dialog zwischen Moderne und Postmoderne sind.

Wie bereits erwähnt wurde, ist ein neues Wirklichkeitsverständnis grundlegend für die Postmoderne, da nunmehr die Dichoto­mie zwischen Realität und Fiktion, die die Moderne postulierte[30], aufgehoben wird. Auf diesen Aspekt wird im dritten Kapitel der vorliegenden Arbeit eingegangen und gezeigt, wie die Realität der Figuren in Ransmayrs Roman dekonstruiert wird. Auch der Mythos, als Terminus der unwahren Erzählung[31] und der Logos, als verantwortliche und vernünftige Rede[32], sind Gegenstände dieser Untersu­chung (Kapitel 4). Die Suche Cottas, dem Protagonisten der letzten Welt, nach dem nach Tomi verbannten Dichter Ovid, dem Autor des Romans Metamorphosen, ist ein Zentralmotiv in Ransmayrs Die letzte Welt. Gerade durch diese Suche nach dem Autor wird das „poststrukturalistische Theorem vom Tod des Autors illus­triert“[33]. Dementsprechend wird in dieser Arbeit auch auf das Gegensatzpaar Au­tor und Textautonomie eingegangen (Kapitel 5). Auch der Eklektizismus zählt zu den Merkmalen der Postmoderne[34] und wie man bereits am ovidischen Repertoire erkennt, das dem Roman beigefügt ist, ist auch Ransmayrs Die letzte Welt, aus verschiedenem heterogenem Material zusammengefügt worden. Daher wird im sechsten Kapitel auch der Aspekt der Pluralität im Vergleich zu dem der Totalität untersucht, der durch die Diskrepanz zwischen den Städten Rom und Tomi verbildlicht wird. Rom ist hierbei sowohl die Heimatstadt Ovids als auch Cottas. Tomi hingegen wird als das Ende des römischen Imperiums gesehen. Alle diese postmodernen Züge, die ihren modernen Pendants entgegengesetzt werden, stehen eng in Verbindung zueinander. Daher möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass bei dieser Arbeit Überschneidungen schwer zu umgehen sind, da auch der Zusammenhang zwischen postmodernen Schlüsseltermini gezeigt werden soll. Zunächst folgt jedoch ein begriffsgeschichtlicher Abriss.

2. Theoretischer Rahmen: Die Postmoderne

2.1. Zur Geschichte des Terminus „Postmoderne“

Entgegen der allgemeinen Auffassung der Terminus „Postmoderne“ entstamme der Architektur-Diskussion, muss gesagt werden, dass dieser seinen Ausgangspunkt in einer Literaturdebatte fand, die Ende der 50er Jahre in den USA begann.[35] Dennoch hat das Adjektiv „postmodern“ sein Debüt um 1870[36], also mehr als ein Jahrhundert vor dem Beginn des Diskussionsstranges um die Postmoderne, mit dem sich auch diese Arbeit auseinandersetzt. Doch auch damals stand der Begriff in Verbindung zur Kritik reaktionärer Kunst. In diesem Fall handelte es sich um die Kritik des Salonmalers Chapman an der impressionistischen Malerei und seine Aufforderung zu einer sie revidierenden „postmodernen“ Malerei.[37] Beim zweiten Gebrauch des Adjektivs „postmodern“ handelt es sich jedoch lediglich um eine wortschöpferische Neufassung von Nietzsches „Übermensch“[38]. 1917 meint Rudolf Pannwitz, nur ein „postmoderner Mensch“ könne die Krise der Moderne überwinden.[39] Hierbei knüpft er an Nietzsches Programm zur Überwindung der Schwächen der Moderne an.[40] Interessant ist dabei, dass der Begriff „postmodern“, bereits so früh in Verbindung zu Nietzsche stand, der als „die Vaterfigur der Postmoderne schlechthin“[41] und „Drehscheibe“[42] für den Eintritt in die Postmoderne gilt. In substantivischer Form erscheint der Begriff erstmals 1934 beim Literaturwissenschaftler Federico de Onis,[43] der die Phasen der neueren spanischen und hispano-amerikanischen Dichtung in „modernismo“ (1896-1905), „postmodernismo“ (105-1914) und „ultramodernismo“ (1914-1932) einteilt.[44] Auch 1947, als Arnold J. Toybees in seinem enzyklopädischen Hauptwerk A Study of History die gegenwärtige Phase der abendländischen Kultur als „post-modern“ bezeichnet,[45] steht dieser Terminus in einem anderen sachlichen und zeitlichen Rahmen, als heute üblich.[46] Wiederum tritt jedoch der Terminus nicht im Kontext der eigentlichen Debatte um Moderne und Postmoderne auf. Diese beginnt erst 1959, als Irving Howe und Harry Levin einen Grenzstrich zwischen der Literatur ihrer Zeit und der Literatur der Moderne ziehen. Als „modern“ bezeichnen sie hierbei die Literatur der Yeats, Eliot, Pound und Joyce.[47] Entgegen dem bis dahin kulturpessimistischen Blick auf die Literatur ihrer Zeit verteidigen Howe und Levin die neue Literatur und geben den Vergleich mit den Maßstäben der klassischen Moderne auf: Postmoderne Literatur solle alle sozialen Schichten ansprechen.[48] Nach zehn Jahren der intensiven Literaturdebatte hierzu gelangt man 1969 zu einer allgemeinen Auffassung von Postmoderne: „Postmoderne Phänomene liegen dort vor, wo ein grundsätzlicher Pluralismus von Sprachen, Modellen und Verfahrensweisen praktiziert wird, und zwar nicht bloß in verschiedenen Werken nebeneinander, sondern in ein und demselben Werk.“[49] Ausgangspunkt dieser Kennzeichen ist die Kritik an der Vorstellung der Moderne, dass es eine objektive, für alle gleichermaßen geltende Wirklichkeit gebe, diese nicht durch die subjektive konstruiert sei, sondern als solche a priori bestehe und von der menschlichen Ratio erfasst werden kann.

Genauso wie die Postmoderne aber nicht nur von einer Wirklichkeit ausgeht, kann somit auch nicht die Rede von nur einer Postmoderne sein, sondern vielmehr von postmodernen Konstellationen.[50] Doch alle diese Konstellationen haben eines gemeinsam: Sie werden stets mit der Moderne kontrastiert. Die Diskussion um die Postmoderne und die Moderne orientiert sich hauptsächlich an der Frage, ob mit der postmodernen Kritik an der europäischen Rationalität „nur die immer wieder in deren Tradition auftretende Kritik nun radikal artikuliert wird oder ob ein neues Denken, einsetzt.“[51] Wird in der Postmoderne also von Grund auf neu gedacht oder werden mit ihr nur noch die Konsequenzen modernen Denkens gezogen? Auf diese Fragestellung und die Bedeutung des Terminus „Postmoderne“ möchte ich im Folgenden näher eingehen.

2.2. Postmoderne versus Moderne

Dass die Diskussion um die Postmoderne in ihrem „Kern eine Auseinandersetzung um die Moderne ist“[52], hängt bereits mit begriffstechnischen Gründen zusammen, da durch den Terminus der Postmoderne bereits impliziert zu werden scheint, dass es sich hierbei um eine Überwindung der Moderne handle. Hierbei stellt sich die Frage, inwieweit die Postmoderne tatsächlich ein Ende der Moderne proklamiert und, ob sie nicht gerade deshalb, weil sie sich stets auf sie beruft, auch zu ihr gehört. Da die Arbeit bipolar aufgebaut ist und sich mit den Schlüsseltermini der Moderne und Postmoderne in Ransmayrs Roman auseinandersetzt, ist es sinnvoll sich zunächst mit der Frage nach der Komplementarität dieser Begriffe auseinanderzusetzen. Die Komplexität des Postmoderne-Begriffs und die Schwierigkeit einer Definition scheinen hauptsächlich mit drei Faktoren zusammenzuhängen. Erstens hat sich der Postmoderne-Begriff bereits auf zahlreiche kulturelle und gesellschaftliche Bereiche ausgeweitet.

,Postmoderne’ ist ein Ausdruck, der nicht mehr nur auf Literatur, Architektur und andere Sparten der Kunst angewandt wird, sondern soziologisch so gut eingeführt ist wie philosophisch, ökonomisch so sehr wie theologisch, und er hat in Historie und Anthropologie, Jurisprudenz und Psychiatrie, Kulturtheorie, Geographie und Pädagogik Eingang gefunden.[53]

Zweitens trägt das Präfix „post“ zur Mehrdeutigkeit des Begriffes bei, da es der Postmoderne den Anschein einer Epoche gibt, obwohl es sich eher um die „Anzeige eines Zustandes“[54] handelt „dessen Beschreibung noch unsicher ist“[55] und die Moderne „nicht tout court verabschiedet“[56], sondern sie hinterfragt und sich mit ihr auseinandersetzt. Drittens wird die Umgrenzung des Terminus „Postmoderne“ durch die Tatsache erschwert, dass auch den diversen Begriffen zur Moderne sehr unterschiedliche Konzepte zugrunde liegen. Bezieht man sich auf die Moderne des 18. Jahrhunderts als Produkt der Aufklärung, die Moderne des 19. Jahrhunderts in Verbindung mit dem Fortschrittsglauben der Industrialisierung oder die Moderne des 20. Jahrhunderts einschließlich ihrer künstlerischen Avantgarden? Beachtet wird dabei oft kaum, dass postmoderne Züge in der Literaturgeschichte immer wieder zum Beispiel in den Avantgarde-Literaturen auftreten.[57] Zudem sprechen zum Beispiel romantische Moderne-Versionen selbst gegen Merkmale, die der Moderne zugewiesen werden.[58] Bereits Konzepte der Moderne, wie der Surrealismus und der Dadaismus, weisen Merkmale auf, die als Kriterien für postmoderne Literatur gelten. Demnach kann zum Beispiel die Ablehnung von Rationalität nicht nur der postmodernen Literatur zugewiesen werden, da sie zuvor auch in der Moderne vorkommt.[59] Dass postmoderne Züge epochenübergreifend vorzufinden sind und in der Postmoderne letztendlich ihren Höhepunkt finden, würde der poststrukturalistischen Auffassung von der Eigendynamik der Signifikanten und ihrer „unendlichen Semiose“[60] entsprechen, da somit auch Literaturströmungen selbst, nicht als in sich geschlossene Systeme aufzufassen sind, sondern sich stets aufeinander beziehen. Die Rede kann hierbei somit nur von postmodernen Zügen der Literatur sein. Hierfür spricht auch die Tatsache, dass sich bereits bei Aristoteles postmoderne Ansätze finden lassen.[61] So kritisiert er zum Beispiel die totalitären, universalistischen Tendenzen der platonischen Philosophie, die man durchaus als „modern“ bezeichnen könnte. Daher stellt sich die Frage, ob das postmoderne und das moderne Denken in einen zeitlich begrenzten Rahmen zu setzen sind und, ob es sich hierbei nicht vielmehr um einen Dialog zwischen diesen zwei Opponenten handelt und dieser als Antriebskraft für die Entstehung neuer Literaturepochen in der Moderne fungiert.

Beabsichtigt wird mit dieser Fragestellung natürlich weder die Gleichsetzung dieser Literaturepochen noch eine bipolare Betrachtung der Literatur, die diese in modern und postmodern einteilt, sondern vielmehr das Aufzeigen von Parallelen der verschiedenen Epochen in Bezug auf Prinzipien des modernen und postmodernen Denkens. Dementsprechend gelangt auch Umberto Eco zu dem Schluss, dass „postmodern“ keine zeitlich begrenzte Strömung ist, sondern eine Geisteshaltung darstellt.[62] Hiervon ausgehend meint er sogar, dass „jede Epoche ihre eigene Postmoderne hat“[63] und spricht hierbei von der Avantgarde als „metahistorischer Kategorie“[64], die stets „mit der Vergangenheit abrechnen will“[65]. Die Postmoderne verkörpert somit einen Versuch der „Preisgabe der Vernunft“[66], übt also explizite Vernunftkritik und steht dadurch in der Tradition anderer Avantgarde-Literaturen, die letztendlich auch Ausdruck eines Gesinnungswechsels von modernem zu postmodernem Denken[67] sind. Dennoch hebt sich die Postmoderne von den Literaturen der Avantgarde dadurch ab, dass sie den Dialog zur Vergangenheit sucht, diese nicht zu negieren versucht, sondern sie „meist ironisch gebrochen und distanziert[68] darstellt“. Somit kann die Postmoderne nicht als Abbruch der Moderne verstanden werden, da sie sich stets mit ihr auseinandersetzt. In diesem Sinn spricht Johann Mader sogar von einer „Dialektik der Postmoderne“[69], da sie „so sehr sie Neues zu sein intendiert, so stark [...] dem Alten verhaftet [ist], das sie negiert.“[70] Die Tatsache, dass die Aufklärung selbst konstatiert, dass Einsichten stets durch bessere korrigiert werden müssen[71], weist daraufhin, dass die Postmoderne auch als Teil der „radikalisierte[n] Aufklärung“[72] angesehen werden kann, die die Defizite ihrer Vorgängerin zu beheben versucht und dennoch somit zu ihr gehört. Dementsprechend kommt Lyotard in seinem Vortrag „Die Moderne redigieren“ auch zu dem Schluss, dass „die moderne Zeitform einen ständigen Antrieb zur Überschreitung enthält, so dass die Moderne ohnehin andauernd mit einer Postmoderne schwanger geht.“[73] Auch Gianni Vattimo widerspricht einer Überwindung der Moderne durch die Postmoderne, da dieser Gedanke in sich bereits modern sei, denn gerade durch „Überwindung“ sichert die Moderne ihre Existenz weiter.[74]

Daher wäre der scheinbar starke und konsequente Postmodernist, der die Postmoderne als strikte Ablösung und Überwindung der Moderne verstünde, in Wahrheit ein ganz üblicher Modernist und überhaupt kein Postmodernist.[75]

Es konnte in diesem Kapitel somit gezeigt werden, dass es sinnvoll ist von postmodernem und modernem Denken bzw. Zügen statt feststehenden Epochen zu sprechen, da ihre Grundideen stets im Dialog zueinander stehen. Dies wird auch in Ransmayrs Die letzte Welt durch die Dichotomie in Metropole (Rom) und Peripherie (Tomi, die letzte Welt) ersichtlich. Im Folgenden wird unter anderem untersucht, ob die vom Protagonisten empfundene Diskrepanz zwischen seiner auf Vernunft bedachten Heimatstadt Rom und dem sich wandelnden Tomi überwunden wird.

3. Fokus Realität: Gegentendenz Imagination

Die Tatsache, dass sich die erste nennenswerte Diskussion um die Postmoderne in den 50er Jahren, also nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs austrug, spricht für die These, dass sich wesentliche Veränderungen in den Geisteswissenschaften ereignen, nachdem es zu soziokulturellen Umbrüchen gekommen war.[76] Im Falle der Postmoderne handelt es sich hierbei um die wesentlichen Veränderungen innerhalb der Kommunikations-, Wissens- und Energietechnologien.[77] Die Information hat sich nicht nur zu einem bestimmenden Moment der Kommunikation entwickelt, sondern wurde zudem technisiert und vollzieht sich zunehmend maschinell.[78] Im informationstechnologischen Zeitalter lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit festlegen, was Wirklichkeit ist, da sich Informationen zusammensetzten lassen und die EDV somit Wirklichkeit neu erfinden kann.[79] Demnach wird die maschinelle Information selbst zur Realität, wenn sie für diese gehalten wird. Wirklichkeit erweist sich als Konstrukt subjektiver Wahrnehmung.[80] Ransmayr kommt in seinem Werk immer wieder auf die Diskussion um den Realitätsbegriff zu sprechen und dekonstruiert diesen auf zwei Ebenen: Erstens hinsichtlich des Protagonisten Cotta, indem dessen Wirklichkeit durch den Einbruch des Phantastischen aufgelöst wird und zweitens hinsichtlich des Rezipienten, dessen Wahrnehmung der fiktiven Wirklichkeit durch Verwirrungsstrategien beeinflusst wird. Im Folgenden wird zunächst auf die erste Ebene der Dekonstruktion von Wirklichkeit eingegangen.

3.1. Die Phantasie Nasos gegen die Realität Cottas

Der römische Dichter Ovid, auch Naso genannt, und sein verschollenes Werk Metamorphosen werden von Cotta in der Stadt Tomi, dem Verbannungsort Nasos gesucht. Doch Ovids Metamorphosen werden nicht nur zum Gegenstand der Suche Cottas, „sie wechseln sogar aus dem Raum des Imaginativen in den des Realen“.[81] Cotta muss feststellen, dass er sich bereits mitten in den Metamorphosen Nasos befindet und, dass deren Plot für ihn zur Wirklichkeit geworden ist. Folglich wird er Zeuge der mythischen Verwandlungen aus Ovids Metamorphosen, dem Prätext zu Ransmayrs Roman. Hierdurch werden hinter der letzten Welt immer wieder Ovids Metamorphosen sichtbar. Cotta erlebt dabei, wie die Einwohner Tomis sich unter anderem allmählich zu Steinen[82], Vögeln (LW: 31) und Tieren (LW: 80) verwandelt und bleibt davon natürlich nicht unbeeinflusst. Sein von ihm für allgemeingültig gehaltener Wirklichkeitsbegriff gerät folglich ins Wanken. Anfangs geschieht jedoch in Die letzte Welt nur wenig Phantastisches, das dies auslösen könnte. Dennoch weist der Roman eine Vielzahl an Stellen auf, in denen für Cotta die Grenze zwischen Realität und Imagination nicht eindeutig ist. Hierbei werden Zustände angesprochen, die sich an der Grenze der Vernunft und des Bewusstseins befinden. Einige charakteristische Textstellen aus Ransmayrs Roman werden nun diesbezüglich analysiert.

Cottas Wirklichkeit wird unter anderem durch die Beschreibung von Grenzzuständen dekonstruiert, die dem Leser wohl bekannt sind. In Zuständen der Müdigkeit (vgl. LW: 62), des Fiebers (vgl. LW: 80), der Trunkenheit (vgl. LW: 73) und der sexuellen Begierde (vgl. LW: 121f.) verändert sich die Wahrnehmung und auch das Verhalten Cottas. Cottas Wirklichkeit verliert allmählich, wie in einem Traum ihre Konturen. So zum Beispiel als Cotta bei seiner Suche nach Naso auf dessen Knecht Pythagoras in Trachila stößt. Als Cotta ihm durch ein „Labyrinth aus Stämmen und Zweigen“ folgt und dabei zu „müde [ist,] um sich noch gegen die Schläge der Sträucher zu schützen” (LW: 62), verschwimmen Cottas Wirklichkeit und das Phantastische in Trachila, dem letzten Zufluchtsort Nasos: Aus Pythagoras wird plötzlich „ein uraltes, unmenschlich altes Wesen, das an den äußersten Rand des Lebens gekommen war“ (LW: 63). Hierbei wird deutlich, dass das vom Subjekt als Wirklichkeit Erfasste ein Konstrukt seiner Wahrnehmung ist.

[...]


[1] Kant 1784:481.

[2] Vgl. Prechtl 1999:459.

[3] Die Moderne geht von der Annahme aus, dass Wirklichkeit für alle gleichermaßen gelte, nicht erst vom Subjekt selbst konstruiert wird und somit intersubjektiv also überindividuell sei. (Vgl. Kant 1784:481.)

[4] Mader 1996:298.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Kant 1784:481.

[7] Deutlich wird dies zum Beispiel in Anbetracht der Vielzahl der ideologisch motivierten Kriege.

[8] Eco 1973:214.

[9] Gemeint ist hiermit die Vorstellung einer sinngebenden ideologischen Wahrheit.

[10] Vgl. Schmidt 2009:1.

[11] Schmidt 1986:9.

[12] Ebd.

[13] Prechtl 1999:458.

[14] Lyotard 1986:12.

[15] Ebd.

[16] Prechtl 1999:458.

[17] Zu sehen ist dies unter anderem in der programmatischen Schrift Wege aus der Postmoderne, die 1994 von Wolfgang Welsch herausgegeben wurde.

[18] Behrens 2008:10.

[19] Burdorf 2010:603.

[20] Mader 1996:297.

[21] Vgl. Ovid 2007.

[22] Rushdie 1997:14.

[23] Vgl. Ovid 2007:17.

[24] Epple 1992:9.

[25] Frank Schirrmachen spricht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.9.1988) davon, dass es mit Ransmayr „endlich ein neues Talent“ gebe. Vgl. Epple 1992:119.

[26] Vgl. Wieser Harald, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.9.1988.

[27] Vgl. Hage Volker, in: Zeit, 07.10.1988.

[28] Epple 1992:9.

[29] Näher wird hierauf in Kapitel 2.3. eingegangen.

[30] Vgl. Mader 1991:283.

[31] Vgl. ebd.:270f.

[32] Vgl. Jamme 2010:Sp.1681.

[33] Meier, Albert: Literatur des 20. Jahrhunderts. http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/vorlesungen/literatur20/letztewelt.pdf - Aktualisierungsdatum: 05.02.2012.

[34] Ebd.

[35] Vgl. Welsch 1987:7.

[36] Vgl. ebd.

[37] Vgl. Higgins 1978:7.

[38] Vgl. Welsch 1994:8.

[39] Vgl. Pannwitz 1917:64.

[40] Ebd.

[41] Welsch 1994:8.

[42] Habermas 1988:104.

[43] Welsch 1994:8.

[44] De Onis 1934:XVIII.

[45] Welsch 1994:9.

[46] Toynbee 1947:39.

[47] Welsch 1994:9.

[48] Vgl. Kapitel 5.5. zur Verständlichkeit der Sprache.

[49] Welsch 1994:10.

[50] Vgl. Ortheil 1994:30.

[51] Mader 1996:297.

[52] Welsch 1994:2.

[53] Ebd.:1.

[54] Ebd.:2.

[55] Ebd.

[56] Ebd.

[57] Vgl. Schmidt 2009:8.

[58] Man denke hierbei zum Beispiel an die Fortschrittsgläubigkeit und Rationalität, die der Moderne zugesprochen werden.

[59] Vgl. Schmidt 2009:8.

[60] Chandler 1994: 32. Nach Peirce ist der Interpretant selbst wieder ein Zeichen und unterliegt somit selbst wiederum der Semiose. Dies führt zu einer unbegrenzten Semiose.

[61] Charakteristisch hierfür ist unter anderem Aristoteles’ erstes Buch Metaphysik zur Philosophiegeschichte, in dem Aristoteles meint, dass das Sein nicht in der bloßen Materie gesucht werden kann, noch in dem reinen Gedanken des Allgemeinen (Plato). Hingegen liege die Wirklichkeit in dem Einzelding. Auch Aristoteles vertritt hiermit ein pluralistisches Wirklichkeitsbild.

[62] Eco 1993:57.

[63] Ebd.

[64] Ebd. Das heißt, dass diese nicht in eine bestimmte geschichtliche Zeitspanne einzuordnen ist.

[65] Ebd.

[66] Vgl. Schäffer, Francis: Preisgabe der Vernunft. Kurze Analyse der Ursprünge und Tendenzen des modernen Denkens. Witten: SCM R. Brockhaus 1985.

[67] Hierbei ist, wie bereits gesagt wurde, die Rede von postmodernem Denken als „metahistorischer Epoche“ im Sinne Umberto Ecos und nicht im Sinne der Postmoderne als Epoche.

[68] Lützeler 1993:103.

[69] Mader 1996:298.

[70] Ebd.

[71] Vgl. Habermas 1983:104.

[72] Ebd.

[73] Lyotard 1986, zitiert nach Welsch 1994:32.

[74] Vgl. Welsch 1994:235.

[75] Welsch 1994:34.

[76] Vgl. Mader 1996:283.

[77] Vgl. ebd.

[78] Vgl. ebd.

[79] Vgl. Epple 1992:96.

[80] Vgl. Mader 1996:283.

[81] Epple 1992:66.

[82] Vgl. Ransmayr 1991:177 [Zit. als: LW.].

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Postmoderne Züge in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Christoph Ransmayrs "Die letzte Welt"
Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
56
Katalognummer
V197642
ISBN (eBook)
9783656238041
ISBN (Buch)
9783656238348
Dateigröße
743 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postmoderne, postmodern, Ransmayr, Christoph, letzte Welt, Ovid
Arbeit zitieren
Ifigenia Theodoridou (Autor), 2012, Postmoderne Züge in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Christoph Ransmayrs "Die letzte Welt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197642

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