Ambiguität und Logozentrismus

Eine Studie auf Basis der Überlegungen von Jacques Derrida


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsumrandung: Ambiguität

3. Rhetorik und Philosophie
3.1. Ambiguitätsansätze in der Klassischen Rhetorik
3.2. Die Philosophie als scheinbare Gegenbewegung zur Rhetorik

4. Platons Pharmazie
4.1. Der Teuth-Mythos
4.2. Das Pharmakon
4.3. Pharmakos
4.4. Der Vater des Logos und die Bibia

5. Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Ambiguitäten

1. Einleitung

Am Anfang war das Wort (gr. Λ όγος)

und das Wort war bei Gott,

und das Wort war Gott.

Im Anfang war es bei Gott.

Alles ist durch das Wort geworden

und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

(Johannesevangelium 1,1-1,4)

Lógos (gr. Λ όγος) steht – wenn es nach dem Johannesevangelium geht- am Anfang der Schöpfung Gottes und damit der Menschheitsgeschichte. Darauf basierend entwickelte sich die abendländische Tradition, wobei die Wurzeln des Ausdruckes über die Geschichte Christentums hinausgehen. Der aus dem Bereich der griechischen Grammatik und Rhetorik stammende Ausdruck verfügt über einen sehr großen Bedeutungsspielraum und bezeichnete zunächst im Bereich der griechischen Grammatik die geschriebene Rede, gleichzeitig jedoch in der Rhetorik die gesprochene Rede und deren Aussagegehalt, welcher über die Grammatik hinausging. Der Ausdruck bezeichnet den Sinn einer Rede, indem er sich auf die der Rede inhärente Vernunft bezieht. Je nach Kontext können dem Lógos weitere spezifische Bedeutungen zugeschrieben werden. Die griechische Philosophie belud den Begriff mit unterschiedlichen Verwendungen, jedoch galt Lógos unter dem Strich als eine die Welt durchwirkende Gesetzmäßigkeit, wobei auch die Darstellung und Erklärung der inneren Zusammenhänge mit dem Begriff umschrieben werden konnte. Im oben zitierten Prolog des Johannesevangelium wird der Ausdruck Lógos mit dem Wort Gottes gleichgesetzt. Damit wird der Begriff eng an den abendländischen Gott gebunden. Dieser war nach Johannesevangelium bereits vor der Erschaffung der Welt existent und stammt folglich direkt aus dem Ursprung. Das Wort ist in diesem Zusammenhang mehr als eine Ansammlung von Buchstaben und Lauten, die auf einen in der Welt existierenden Referenten verweisen. Das Wort des monotheistischen Gottes erschafft sich per Schöpferkraft seine Referenten; Signifikant erschafft sich Signifikat. Der Mensch hingegen vermag mittels seiner Signifikanten nur auf Signifikate zu referieren[1]. Logos wird daher von Derrida auch als transzendentales Signifikat bezeichnet, dem eine finale Bedeutung zugrunde liegt, die jenseits der Vernunft der Welt liegt und diese Welt regelt, zentriert und organisiert. Die Arbitrarität der Zeichen im Sinne eines freien Spiels der Elemente kann in solch einer Denkweise nicht verwirklicht werden, weswegen Derrida die Existenz eines transzendentalen Signifikats auch streng ablehnt. Mit dem fleischgewordenen Lógos Christus (Johannes 1,14) bringt Gott schließlich – dem Johannesevangelium folgend – das ewige Heil in die Welt. Doch was brachte Derrida – als Nichttheologen – dazu, sich mit dem abendländischen Logozentrismus auseinanderzusetzen, wenn dieser im Religionsdiskurs verankert zu sein scheint? Interessanter Weise “klebte“ am Begriff des Lógos über die Jahrhunderte des Mittelalters hinweg immer noch die philosophische Bedeutung, welche – in griechischer Tradition stehend – auf die Vernunft verwies.

Entspricht heute etwas den Gesetzmäßigkeiten der Vernunft, so wird es als logisch bezeichnet, ohne dass dem Verwender die aus dem christlichen Bezug mitschwingende Bedeutung bekannt ist. Man findet das Lexem -log- im Deutschen im Namen zahlreicher Wissenschaften. Die philosophisch-mathematische Disziplin der Logik und zahlreiche weitere Disziplinen wie die Astrologie, die Philologie, aber auch der moderne Begriff der Logistik beruhen auf dem griechischen Wortstamm. Halten wir uns also vor Augen, dass der Begriff Lógos und folglich auch Logozentrismus umfassender gedeutet werden muss. Die Bezeichnung Logozentrismus steht bei Derrida für die Tatsache, dass die gesamte abendländische Geschichte der Philosophie das gesprochene Wort vor der Schrift favorosiert. Logozentrismus ist zugleich Ethnozentrismus, da die Wahrnehmung der unter dem Pharkon des Lógos stehenden Menschen immer auf den Okzident ausgerichtet war. Zudem handelt es sich beim Logozentrismus immer auch um einen Phonozentrismus, da die Stimme als unmittelbarster Ausdruck des Lógos (im Sinne von Geist) gesehen wurde. Derrida versucht in seinem 1972 erstmals publizierten Essay mit dem vielversprechenden Titel “Platons Pharmacie“ nachzuweisen, dass in Folge der “Profilierung“ einiger griechischen Rhetoriker um Sokrates der Logozentrismus entstand. Doch inwiefern ist der Logozentrismus mit dem Ambiguitätsdiskus verknüpft? Widersprüche und Doppeldeutigkeiten waren von jeher Bestandteil des Lebens. Der Begriff der Ambiguität ist – wie ich im Folgenden zeigen werde – keineswegs klar definiert und wird in verschiedenen Wissenschaftsdiskursen unterschiedlich bewertet. Im Folgenden werde ich aufzeigen, warum Derrida mit seinem Essay, der grundsätzlich auf ein Überdenken des im Abendland vorherschenden Phonozentrismus abzielte, eine Breitenwirkung in verschiedenen Wissenschaften und Diskursen erzielte, die Auswirkungen bis in die heutige Zeit hat und warum man – wenn man sich mit Ambiguität beschäftigt – den Namen Derrida unbedingt nennen muss, auch wenn jener Begriff scheinbar nicht im Fokus der Untersuchung liegt. Wenn im Vorwort von Platons Pharmazie gesagt wird, dass viele Texte nicht nur ihre Gesetze verstecken, sondern dass diese häufig unbemerkt bleiben, so lässt sich dies sehr gut auf den Ambiguitätendiskurs übertragen, welcher von Derrida in seinem Essay unbemerkt, aber dennoch mit großer Schlagkraft, fortgeführt wurde. Denn in seiner Stellungnahme gegen den Logozentrismus verwischt er die gewohnte Grenzziehung zwischen Subjekt und Objekt, Innen und Außen, Original und Kopie; ja sogar die Grenzen zwischen gut und böse, schädlich und heilsam, sowie wahr und falsch werden von ihm nivelliert. Vielmehr entlarvt er jene Gegensätze als von unterschiedlichen Kulturen gesetzt und gegeneinander ausgewogen; die Spur der Wahrheit befindet sich für ihn irgendwo in der Grauzone, jenseits von jeglichem Schwarz-Weißdenken. Am Ende dieser Untersuchung soll gezeigt werden, weswegen der durch Derrida geprägte Dekonstruktivismus insbesondere im Ambiguitätsdiskurs als überaus fruchtbar bezeichnet werden muss.

2. Begriffsumrandung: Ambiguität

Ambiguität (von lat. ambo: beide, ambiguus: doppeldeutig, mehrdeutig) spricht man in der Regel, wenn ein Zeichen gleichzeitig unterschiedliche Bedeutungen inne hat. Ironischerweise ist bereits die Bezeichnung per se ambig, da sie sich sowohl auf Doppeldeutigkeit als auch auf Mehrdeutigkeit beziehen kann. Von Doppeldeutigkeit spricht man, wenn zwei sich wiedersprechende Pole existieren. Mehrdeutigkeit dagegen meint, dass ein Zeichen zwei oder mehr Bedeutungen haben kann. Die Begriffsklärung des Wortes Ambiguität gestaltet sich insofern als schwierig, da in der Forschung Ambiguität einerseits mit Zweideutigkeit und Doppelsinn gleichgesetzt wird[2], andererseits wird die Bezeichnung aber auch für die „Zwei- oder Mehrdeutigkeit sprachlicher Elemnte“ verwendet[3]. Da die Definitionskriterien unklar bis verschwommen sind, gestaltet sich eine fruchtbare Forschungsdiskussion schwierig. Sobald ein Aufsatz Ambiguität zum Programm erhebt, muss der Rezipient entscheiden, ob sich die Untersuchung auf das Phänomen einer Bipolarität bezieht, oder Mehrdeutigkeit miteinschließt. Je offener der Ambiguitätsbegriff dabei ist, umso vielfältiger sind hierbei die abgehandelten Phänomene. Ambiguität bezeichnet in der folgenden Untersuchung Zwei- und Mehrdeutigkeit, was bedeutet, dass dem Begriff mindestens zwei Bedeutungen zugrunde liegen. Vermeidung und Auflösung von Ambiguität soll hierbei als ein Gedankenkonstrukt entlarvt werden, welches systemisch nicht leistbar und nur künstlich zu erreichen ist. Die Ambiguität oder besser gesagt die Vielschichtigkeit der Welt (und der in ihr vorkommenden Worte) muss als solches akzeptiert werden. Anstelle der einen Wahrheit tritt das Spiel mit Möglichkeiten einer Wahrheit.

Als Grundlage dieser Untersuchung dient in erster Linie Derridas Essay “La pharmacie de Platon“, welcher im Jahre 1968 im Französichen Journal Tel Quel in zwei Teilen erschienen ist. 1972 erschien jene Schrift in dem Buch Dissémination, welches 1983 wiederum ins Deutsche übersetzt wurde[4]. Nicht zufällig ist es, dass Derrida sich in seiner Untersuchung auf die antike griechische Rhetorik beruft, um das Phänomen der Ambiguität zu verhandeln. Wie ich an späterer Stelle zeigen möchte, ging es im antiken Ambiguitätsdiskurs zunächst um ambige Rechtsfälle, wie sie beispielsweise durch „unklare“ Formulierungen in Testamenten entstehen. Die Ambiguitätsanfälligkeit von Schriftstücken und schriftlich ausformulierten Reden wird bereits von Quintilian und Cicero erwähnt[5], da ein Schriftstück immer eine irreversible Fixierung eines Sprechaktes darstellt. Bereits hier trifftet der Ambiguitätsdirskurs also in Richtung des Logozentrismus, daher ist es gut verständlich, dass Derrida in seiner Untersuchung quasi „back to the roots“ ist, um mit einem alten Mythos aufzurollen, der Umfassender ist, als man zunächst meinen möchte.Die Gelegenheit zum Rechtsstreit ergibt sich – folgt man der Gedankenführung der antiken Rhetoriker – erst aus der Ambiguität des verschriftlichten Sprachaktes heraus. Ambiguität innerhalb eines unmittelbaren Sprechaktes gilt als jederzeit auflösbar, da Rückfragen gestellt werden können, welche die Ambiguität (scheinbar) auflösen. Als Folge dieser Gedankenführung, welche sich mit der Rednerpraxis befasste, entstand die Annahme, dass der Ursprung der Ambiguität ein mangelhafter, nicht klar deutbarer, sprachlicher Ausdruck sei, der durch die Schrift begünstigt wurde. Die sprachgebundene Pragmatik der Ambiguitätsvermeidung – wie sie beispielsweise von Quintilian praktiziert wurde – hatte Einfluss bis in die Moderne. Ambiguität als Stilmittel konnte allenfalls in Nischenpositionen wie in der Kunst und Literatur geduldet werden[6]. Heute dagegen kann man von einem regelrechten turn hin zur Ambiguitätstoleranz reden, welcher sich in den letzten Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht vollzogen hat. Mit Ambiguitätstoleranz wird die Fähigkeit bezeichnet, Ambiguitäten wahrzunehmen, ohne sie im Sinne eines Schwarz-Weißdenkens[7] ab- bzw. aufzuwerten. Vielmehr soll die gereifte Persönlichkeit in der Lage sein „Vieldeutigkeit und Unsicherheit zur Kenntnis zu nehmen und ertragen zu können“[8], ohne dass alle Widersprüche aufgelöst sind bzw. ein Aspekt der Wahrnehmung ausgeblendet wird, um eine scheinbare Auflösung des Ambiguitätenkonfliktes zu leisten. Ambiguitätstoleranz ist zum psychologisierten Konzept geworden, welches rege untersucht wird und wurde. Innerhalb dieser kulturellen Kehrwende nimmt Jacques Derrida eine zentrale Position ein, welche es im Folgenden genauer zu durchleuchten gilt.

[...]


[1] Vgl. de Saussure, Ferdinand: Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin, Leipzig: DeGruyter, 1931

[2] Bode, Christoph: Ambiguität, in: Klaus Weimer et al. (Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Bd. 1, Berlin/New York 1997, S.67-70.

[3] Bernecker, Roland u. Steinfeld, Thoma: Amphibolie, Ambiguität, in: Gert Ueding (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 1, Tübingen 1992, Sp. 436-333. Zietert Sp. 437.

[4] Derrida, Jacques: Platons Pharmazie, in : ders., Dissemination, hrsg. Von Peter Engelmann, übers. Von Hans-Dieter Gondek, Wien 1995, S. 69-190.

[5] Vgl. Ciceros Ausführungen dazu in De Oratore (I, 140 und II, 110) und in De inventione (II, 117).

[6] Vgl. Umberto Ecos kunsttheoretische Ausführungen, in: Eco, Umberto: Das offene Kunstwerk. Franfurt/M, 1977.

[7] Frenkel-Brunswik, Else: Intolerance of Ambiguity as an Emotional and Personality Variable. In: Journal of Personality. 18, 1949. S. 115.

[8] Dorsch, Friedrich: Dorsch Psychologisches Wörterbuc. Bern, 1976, S. 31.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Ambiguität und Logozentrismus
Untertitel
Eine Studie auf Basis der Überlegungen von Jacques Derrida
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Ambiguität
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V197749
ISBN (eBook)
9783656239659
ISBN (Buch)
9783656240228
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jacques Derrida, Ambiguität, Logozentrismus, Platon, Dekonstruktivismus, Rhetorik, Philosophie, Ferdinand Saussurre
Arbeit zitieren
Brigitte maier (Autor), 2011, Ambiguität und Logozentrismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197749

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