Revidiertes Staatsgrundgesetz für das Fürstentum Reuß jüngere Linie 1852

Das Werden des modernen Staates und der Staatenwelt


Hausarbeit, 2009

16 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Welt im Wandel- Von Unabhängigkeit und Freiheit zur Paulskirche

3. Das Fürstentum Reuß jüngere Linie

4. Das revidierte Staatsgrundgesetz für das Fürstentum Reuß jüngere Linie

5. Das revidierte Staatsgrundgesetz in der Bewertung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Die Verfassung eines Staates solle so sein, dass sie die Verfassung des B ü rgers nicht ruiniere. “

Stanislaw Jerzy Lec, polnischer Satiriker1

In Deutschland beginnt, mit Übergang zum 19. Jahrhundert, eine neue Epoche der Staatsentwicklung. Maßgebliche Auslöser waren hierbei die Französische Revolution von 1789 und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg von 1775. Diese Großereignisse konnten nicht spurlos an der europäischen Staatenordnung vorbeigehen und führte zu zahlreichen Freiheitsbewegungen. Mit der Modernisierung der Herrschaftsgebilde und den immer lauterwerdenden Ruf nach Menschenrechten2, wurde der Grundstein für Verfassungsstaaten gelegt. Verfassungsvorreiter in Europa war der neue polnische Staat, welcher seine Verfassung im Jahr 1791 einführte.3 Verfassungen stellten nicht nur ein einfaches Schriftstück dar, sondern waren zugleich erstes Zeugnis eines neuen Staatstypus.4 Dieser neue Typus machte auch nicht vor den deutschen Staaten halt. Ausgehend von der Paulskirchenverfassung führten die deutschen Länder sukzessive ähnliche Schriftstücke in ihren Herrschaftsbereich ein und ebneten damit insbesondere den Weg für mehr Menschen- und Grundrechte.

Ein neuer Zeitgeist war erwacht. Welcher Einfluss dieser auf die einzelnen Staaten in Deutschland hatte wird diese Seminararbeit am Beispiel des Fürstentum Reuß jüngere Linie darlegen. Hierzu wird folgender Forschungsfrage nachgegangen: „Welchen Einfluss auf die Verfassungsgebung des Fürstentum Reuß jüngere Linie hatten die historischen Umstände des 19. Jahrhunderts der deutschen Lande“. Um die Forschungsfrage zu beantworten wird in einem ersten Schritt der historische Ort dem Leser nahe gebracht. Hierbei geht die Arbeit auf die Paulskirchenverfassung ein sowie die damit verbundenen maßgeblichen Veränderungen in den deutschen Ländern.

In einem zweiten Schritt wird dem Leser das Fürstentum Reuß jüngere Linie näher gebracht samt seiner Geschichte sowie der territorialen Ausdehnung. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt im dritten Schritt, welcher im Detail auf diverse Passagen der neuen Verfassung des Fürstentums eingeht und im darauf folgendem Kapitel bewertet. Hierdurch wird es möglich sein in dem Fazit zu bewerten in wie weit die historischen Umstände Einfluss auf die Verfassung des Fürstentums hatten, und beantwortet damit die Forschungsfrage.

2. Die Welt im Wandel- Von Unabhängigkeit und Freiheit zur Paulskirche

Im Jahr 1775 gipfelten die seit Jahren gehegten Bestrebungen auf Freiheit und Unabhängigkeit der britischen Kolonien in Amerika im Unabhängigkeitskrieg. Neben zahlreichen Versuchen der Krone unterschiedliche Kriegsausgaben durch die Kolonien Gegenfinanzieren zu lassen,5 bestand der ideologische Hintergrund insbesondere durch das verstärkte Einsetzen des Freiheitsgedanken wie er durch Personen wie Samuel Adams, Thomas Jefferson oder Benjamin Franklin geprägt war.

Mit der Französischen Revolution begingen die in Amerika grundlegend etablierten „neuen“ Menschenrechte Einzug auf den europäischen Kontinent zu bekommen.6 1789 etablierte sich demnach „weltweit“7 ein Freiheitsgedanke des Menschen der konträr zu den althergebrachten absolutistischen Staatsordnungen stand. Eine erfolgreiche Verbreitung der französischen Staatsgedanken setzte mit Napoleons Sieg über Europa ein. Grundlegende Veränderungen des Staatsgedanken und der Machtverhältnisse ordneten das europäische Festland neu. Gerade der deutsche „Flickenteppich“ mit seinen zahlreichen Kleinstaaten, aber auch dem mächtigen Preußen und Bayern sahen sich konfrontiert mit tiefgreifenden Veränderungen.8

Auf politischen Druck Napoleons legte beispielsweise der habsburgische Kaiser des Heiligen Römischen Reiches am 06. August 1806 die Krone des Reiches nieder.9 Damit stand fest, dass die noch bestehenden Reichsglieder selbständige Staaten geworden waren. Mit diesen schaltete Napoleon während seiner sieben verbleibenden Jahre seiner Macht fast beliebig. Allerdings entschieden sie sich nach der Befreiung von der Herrschaft Napoleons10 gegen einen, vor allem von liberalen Idealisten geforderten, deutschen Nationalstaat und für einen, von ihren Fürsten und von den nichtdeutschen Mächten Europas befürworteten, auf der Grundlage des vornapoleonischen Gebietsstandes die Souveränität der Einzelfürsten wahrenden Deutschen Bund.11

Der 1815 entstandene, bis 1866 währende Staatenbund, umfasste etwa 11495 Quadratmeilen und zählte rund 32 Millionen Einwohner im Bundesgebiet.12 Am 24. August 1866 zerbrach der Deutsche Bund am politischen Gegensatz zwischen dem protestantisch ausgerichteten, sehr straff geführten Preußen und dem katholischen habsburgischen Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn.13 Die nichtdeutschen Großmächte verhinderten die Bildung eines bereits 1848 in Betracht gezogenen kleindeutschen Nationalstaates unter der Führung Preußens. Wie eine riesige Welle war die Märzrevolution 1848 über die deutschen Fürsten und deren Regierungen hereingebrochen.14 Zunächst brachen in Deutschland sozialrevolutionäre Unruhen, aufgrund des Sturzes des französischen Königs Louis- Philipp im Februar 1848, aus. Den Wortführern des Bildungs- und Besitzbürgertums gelang es allerdings bald die politischen Ziele der nationalen und liberalen Bewegung in den Vordergrund zu rücken. Die 48er Revolution brachte in ganz Deutschland den überraschend schnellen Sieg der Oppositionellen. Konstitutionelle, soziale und nationale Impulse flossen überall in den Märzbewegungen zusammen. Es herrschte der Glaube, dass der Zeitpunkt gekommen sei, wo sich konstitutionelle und nationale Elemente zusammenfügen lassen.15

Die Nationalversammlung in der Paulskirche erarbeitete daraufhin zwar die erste „gesamtdeutsche“ Verfassung, doch fehlte das Staatsoberhaupt, da der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone ablehnte.16

Der Monarch war geplant als feste, berechenbare Institution, stets ein unverzichtbarer Hauptpfeiler, der die Gesellschaft davor bewahren sollte aus den Fugen zu geraten und in Anarchie zu versinken. So neu der liberale Gedanke auch war, bestanden dennoch Bedenken, dass ein Volk der Gesamtverantwortung über sich gerecht werden kann.

Dennoch wurde in dieser Paulskirchenverfassung zum ersten Mal in der deutschen Geschichte die Souveränität des Volkes in den Mittelpunkt gestellt. „Die Mitglieder der Paulskirchenversammlung, die neben einer gemeinsamen Verfassung auch noch einen Nationalstaat entstehen lassen mussten, entwickelten ein Grundwerk, welches die Grundrechte in seinen 60 Paragrafen aufnahm und ihnen somit eine neue, bis dahin nicht bekannte, Bedeutung gab.“17

Zum ersten Mal war der Versuch unternommen worden, Grundrechte als unmittelbar geltendes Recht zu kodifizieren und sie durch Verfassungsbeschwerden vor einem Staatsgerichtshof zu schützen. Neben den klassischen Freiheitsrechten18, kamen prekäre Fragen, wie die Stellung des Adels und der Juden, das Verhältnis von Staat und Kirche sowie soziale Grundrechte zur Sprache.

[...]


1 Zit. nach: Weiß, Marco: Die Entwicklung Deutscher Verfassungen und Zugänge für den Unterricht, S.12, in: Thüringer Institut für Lehrerfortbildung (Hrsg.): Von der Paulskirchenverfassung zum Grundgesetz. Materialien zur Arbeit mit Verfassungen in Schulen, Bad Berka 2009 (1. Aufl.).

2 Anm.: Neben der französischen Revolution, war Napoleons Sieg über Europa ein starker Motor des neuen Staatsgedanken.

3 Anm.: Polen führte die erste Verfassung in Europa am 3. Mai 1791 ein. Der 3. Mai ist bis heute Nationalfeiertag.

4 Vgl. Boldt, Hans: Deutsche Verfassungsgeschichte. Bd.2: Von 1806 bis zur Gegenwart, München 1990 (1. Aufl.), S 17.

5 Anm.: Hier sei beispielsweise der „Stamp Act“ zu nennen, bzw. der zu finanzierende Siebenjährige Krieg in Europa.

6 Vgl.: Müller, Helmut: Schlaglichter der deutschen Geschichte, Bonn 2009 (Sonderauflage für die bpb), S.134.

7 Anm.: Mit „weltweit“ kann hier selbstverständlich nur die im zentraleuropäischen Raum bekannte Welt und Einflussregion definiert sein.

8 Anm.: Während Bayern unter Montgelas aufstieg, war Preußen zahlreichen Reformen im Bereich Militär, Bildung und Staatsordnung konfrontiert.

9 Anm.: Er hatte nach dem Vorbild Napoleons 1804 für seine Erblande ebenfalls einen (zweiten) Kaisertitel angenommen. Vgl.: Müller, Helmut: Schlaglichter der deutschen Geschichte, Bonn 2009 (Sonderauflage für die bpb), S.138f.

10 Anm.: Die Herrschaft Napoleons endete im Jahre 1813.

11 Vgl.: Köbler, Gerhard: Historisches Lexikon der deutschen Länder. Die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart 7. Aufl. 2007 S. XXV.

12 Vgl.: Ebd., Anm.: Zum Staatenbund gehörten folgende Staaten: Österreich, Preußen, Bayern, Sachsen, Hannover bis 1837 in Personalunion mit England, Württemberg, Baden, Kurhessen, Großherzogtum Hessen, Holstein und Lauenburg (Dänemark), Luxemburg (Niederlande), Braunschweig, Mecklenburg-Schwerin, Nassau, Sachsen-Weimar(-Eisenach), Sachsen Gotha 1825 erloschen, Sachsen-Coburg seit 1826 Sachsen-Coburg-Gotha), Sachsen-Meiningen, Sachsen- Hildburghausen bis 1826, Sachsen-Altenburg seit 1826, Mecklenburg-Strelitz, (Holstein-)Oldenburg, Anhalt-Dessau seit 1863 Anhalt, Anhalt-Bernburg 1863 erloschen, Anhalt-Köthen 1847 erloschen, Schwarzburg-Sondershausen, Schwarzburg-Rudolstadt, Hohenzollern-Hechingen, Hohenzollern- Sigmaringen 1849 an Preußen, Liechtenstein, Waldeck, Reuß ältere Linie, Reuß jüngere Linie, Schaumburg-Lippe, Lübeck, Frankfurt, Bremen, Hamburg, Limburg seit 1839 Niederlande sowie Hessen-Homburg. Russland erhielt den größten Teil des Herzogtums Warschau als Königreich in Personalunion, erlangte Preußen die nördliche Hälfte Sachsens, die Rheinlande, Westfalen, das verbliebene schwedische Pommern, Danzig, Thorn und Posen, gewann Österreich Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Kärnten Krain, Istrien, Kreis Tarnopol, Lombardo-Venezien, Toskana und Modena, allerdings unter Verlust des Breisgaues und der südlichen Niederlande und erreichte die Schweiz die Kantone Wallis, Neuenburg und Genf sowie die Sicherung der immerwährenden Neutralität.

13 Vgl.: Ebd., S. XXVI.

14 Vgl.: Müller, Helmut: Schlaglichter der deutschen Geschichte, Bonn 2009 (Sonderauflage für die bpb), S.159.

15 Vgl.: Bouveret, Mathias: Die Stellung des Staatsoberhauptes in der parlamentarischen Diskussion und Staatsrechtlehre von 1848 bis 1918, Frankfurt am Main 2003 (1. Aufl.), S. 16.

16 Vgl.: Hildebrandt, Günther: Die Paulskirche. Parlament in der Revolution 1848/49, Berlin 1986 (1. Aufl.), S.252.

17 Weiß, Marco: Die Entwicklung Deutscher Verfassungen und Zugänge für den Unterricht, S.12, in: Thüringer Institut für Lehrerfortbildung (Hrsg.): Von der Paulskirchenverfassung zum Grundgesetz. Materialien zur Arbeit mit Verfassungen in Schulen, Bad Berka 2009 (1. Aufl.).

18 Anm.: Mit klassischen Freiheitsrechten ist hier gemeint: Freizügigkeit, Gleichheit, Freiheit der Person, Unverletzlichkeit der Wohnung, Meinungs- und Pressefreiheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Wissenschafts- und Lehrfreiheit, Versammlungsfreiheit usw.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Revidiertes Staatsgrundgesetz für das Fürstentum Reuß jüngere Linie 1852
Untertitel
Das Werden des modernen Staates und der Staatenwelt
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V197848
ISBN (eBook)
9783656241102
ISBN (Buch)
9783656241201
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
revidiertes, staatsgrundgesetz, fürstentum, reuß, linie, werden, staates, staatenwelt
Arbeit zitieren
Tina Wirth (Autor), 2009, Revidiertes Staatsgrundgesetz für das Fürstentum Reuß jüngere Linie 1852, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197848

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