Der "Fall" zu Guttenberg(s)

Die Sprachstrategien des Bundesministers a.D. während der Plagiatsaffäre im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund

3.Verortung politischer Sprache nach Burkhardt

4. Die Sprachstrategien nach Josef Klein
4.1 Basisstrategien
4.2 Kaschierstrategien
4.3 Konkurrenzstrategien

5. Die Kommunikationsmaxime nach H. Paul Grice

6. Analyse des Textkorpus
6.1 Analyse des ersten Statements
6.2 Analyse der aktuellen Stunde im Bundestag
6.3 Analyse des Interviews mit Zeit-Chefredakteur G. di Lorenzo

7.Vergleich

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Rücktritt von sämtlichen öffentlichen Ämtern am 1. März 2011 endet eine außerge- wöhnliche Politik-Karriere auf unbestimmte Zeit, welche seit der Wiedervereinigung Deutschlands seinesgleichen sucht. Der neue Hoffnungsträger der Union, Karl-Theodor zu Guttenberg, stolpert nach erst 25 Monaten als Bundesminister für Wirtschaft und Technologie sowie der Verteidigung über eine Plagiatsaffäre, in der zu Guttenberg fehlende Kennzeich- nungen vieler Zitate in Form von Fußnoten vorgeworfen werden. Er wird mit der Anschuldi- gung konfrontiert, dass Fremdtexte innerhalb seiner Dissertation als eigenes Gedankengut ausgegeben und somit vorsätzlich getäuscht wurde. In der vorgelegten Arbeit soll jedoch kei- neswegs der Versuch unternommen werden, eine Antwort auf den Plagiatsstreit zu finden. Der zentrale Aspekt beschäftigt sich mit den sprachlichen Strategien zu Guttenbergs, die er im Anschluss an die Veröffentlichung der Vorwürfe für seine Zwecke benutzt.

Der Dialog zwischen Politiker und dem Adressaten in Form des Wählers beziehungsweise Bürgers stellt den Ort der zu analysierenden Sprachstrategien dar:

„Wenn wir das Wort Dialog im Hinblick auf reale politische Kommunikation verwenden, gebrau- chen wir es sozusagen metaphorisch - und meinen damit die Summe der medial gebrochenen, vielfach vernetzten Appell-, Bewertungs- und Informationsprozesse zwischen Parteien / Politikern und Bürger(inne)n.“1

Welche Sprachstrategien nutzt zu Guttenberg, um seine Aussagen wahrhaftig darzustellen, eventuell auch gegen die präferierten Meinungen der Adressaten? Gegen welche kommunika- tiven Prinzipien verstößt er? Unterscheiden sich die sprachlichen Strategien zu Guttenbergs vor und nach dem Rücktritt? Aufgrund des breiten Textkorpus beschränkt sich die vorliegen- de Hausarbeit auf die lexikalische Struktur- und Sprechaktebene. Im Mittelpunkt stehen drei unterschiedliche Texte, welche sich alle auf die Verteidigung seiner Dissertation und gegen den Vorwurf des Plagiats beziehen. Neben der ersten Reaktion in einem kurzen Statement und einer aktuellen Stunde im Bundestag, bildet das Ende November 2011 publizierte Buch, in dem sich Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo einen „Schlagabtausch“2 mit Karl-Theodor zu Guttenberg liefert, das zu untersuchende Textkorpus. Im Folgenden wird zunächst die his- torische und politische Einordnung der Plagiatsaffäre vorgenommen, welche die Hintergrün- de kurz aber präzise darstellt. Anschließend folgt eine Verortung des Textkorpus nach dem Gliederungschema Josef Kleins bezüglich der politischen Sprache. Darauf wird die Theorie der Sprachstrategie von Klein sowie die Theorie der rationalen Kommunikation von H. Paul Grice ausführlich erläutert, um die Grundlage für den folgenden Analyseabschnitt zu gewähr- leisten. Allerdings werden die Theorien nicht vollständig, sondern spezifisch für die angren- zende Analyse dargestellt. In dieser wird zu Guttenbergs Sprachstrategie an markanten Text- stellen analysiert, sodass sich durch fundierte Beispiele ein sprachwissenschaftlicher Befund erzielen lässt. Am Ende soll ein Fazit die sprachlichen Strategien und die Verstöße des ehe- maligen Bundesministers zu Guttenberg gegen die Konversationsmaximen resümieren.

2. Historischer Hintergrund

Dem Rücktritt des ehemaligen Bundesministers für Wirtschaft und Verteidigung geht eine zweiwöchige Diskussion in Politik und Gesellschaft um seine Person voraus. Mit der Veröf- fentlichung der Vorwürfe in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Februar 2011, beginnt eine umfassende Diskussion in der deutschen Presselandschaft. Während sich auch weitere Medi- en, wie zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine Zeitung, an den Vorwürfen gegenüber zu Guttenberg beteiligen, lehnt Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Rücktrittsgesuch des Minis- ters am 17. Februar ab3. In einer ersten Stellungnahme zu Guttenbergs am 18. Februar im Verteidigungsministerium, legt der Minister seinen Doktortitel nieder und reagiert somit auf die kolossale Kritik an seiner Person. Weiterhin entgegnet er jedoch jeglichem Plagiatsvor- wurf und rechtfertigt sich mit dem Argument der Unachtsamkeit während der Bearbeitungsin- tervalle und fehlenden Arbeitszeit für eine gelungene Dissertation. Noch am 23. Februar leug- net der Bundesverteidigungsminister jegliche Absicht bezüglich der fragwürdigen Fragmente seiner Doktorarbeit und weist jegliche Schuld bei einer aktuellen Stunde im Bundestag von sich. Die Kritik der Opposition - vertreten durch die SPD, Bündins90/Die Grünen und die Linke - an Karl-Theodor zu Guttenberg, ist zu jenem Zeitpunkt enorm, sodass sich die Inten- sität der Debatte am äußerst kontroversen Dialog zwischen Bundesminister und Vertretern der Oppositionsparteien erkennen lässt. Am Morgen des 1. März schließlich beugt sich Karl- Theodor zu Guttenberg dem Druck der Öffentlichkeit und erklärt seinen Rücktritt von allen politischen Ämtern, welche das Bundestagsmandat für die CDU/CSU-Fraktion sowie sein Ministeramt der Verteidigung umfasst.

Inzwischen arbeitet und lebt er zusammen mit seiner Familie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Seit Dezember 2011 steht zu Guttenberg zumindest auf europäischer Ebene wieder im Interesse der deutschen Öffentlichkeit.. Als Berater für die Digitale Agenda der Europäi- schen Kommission wird er in Zukunft für die Europäische Union tätig sein, führt jedoch kein institutionelles Amt, sondern eine Beratertätigkeit aus. Das äußerst große mediale Interesse an der Affäre und den nachfolgenden Diskussionen um den ehemaligen bayerischen Bundestagsabgeordneten ist nicht zuletzt mit seinem hohen Sympathie- und Bekanntheitsgrad zu begründen. „[…] Er als CSU-Generalsekretär, Wirtschaftsturbo und Verteidigungsminister, als Popstar, Polit-Adonis und sogar als Herzen gewinnender Mensch […] “4, wie es der Stern in einer Dezember-Ausgabe sarkastisch formuliert, stellt eine Elite-Person der deutschen Öffentlichkeit dar und steht somit unter besonderer Beobachtung dieser.5

3. Verortung politischer Sprache nach Burkhardt

Für eine exakte Verortung des vorhandenen Textkorpus ist eine Einordnung innerhalb der diese Hausarbeit betreffenden Teildisziplin der Sprachwissenschaft, der Politolinguistik , sowie der Äußerungen zu Guttenbergs nach dem Gliederungsschema Armin Burkhardts essentiell: Der Sprachwissenschaftler unterteilt das Hyperonym politische Sprache - den „Gebrauch der Sprache bei der Diskussion politischer Fragestellungen“6 - in drei Elemente, welche das gesamte Spektrum der politischen Sprache angeben und differenzieren sollen:

Zum einen beinhaltet politische Mediensprache als die „Kommunikationsform des politi- schen Journalismus“7, die Sprache über Politik in sämtlichen Medienformen. Zweitens veror- tet Burkhardt das Sprechenüber Politik in der privaten bis halböffentlichen Sphäre, welche das theoretische Antonym zur Politiksprache , das dritten Element der politischen Sprache, darstellt. In Burkhardts Gliederung beschreibt die Politiksprache die „unterschiedliche situati- ons- und adressatenspezifische Sprechweise politischer Funktionsträger“8. Dieser historisch gefestigte und wissenschaftliche Terminus differenziert wiederum zwei Teilbereiche, welche seine Theorie beschließen. Zum einen wird die Politikersprache als „Außenkommunikation der durch den (befristeten) Besitz öffentlicher Ämter“9 definiert. Den Bürger als Adressaten erreichen die Botschaften des Politikers allerdings in den seltensten Fällen auf dem direkten Weg, dementsprechend nicht in dialogischer Form. Vielmehr handelt es sich praktisch um einen sogenannten „Trialog“10, welcher von den Medien, die als Kanal zwischen dem Bürger beziehungsweise Wähler und dem Sender in Form des Politikers fungieren, ergänzt wird. Je- doch ist der einzelne politische Akteur - zumindest in den meisten westlichen Demokratien wie zum Beispiel Deutschland - nicht der alleinige Sender einer politischen Botschaft, viel- mehr ist der Politiker als Teil der politischen Partei und als Teil eines kollektives System zu betrachten, der zumeist versucht, die Ziele der Partei zu artikulieren und zu erreichen. Einhergehend zeigt sich als Entwicklung innerhalb der Theorie auch eine Integration der politischen Mediensprache in die Politikersprache. Das zweite Hyponym der Politiksprache - die Spra che in der Politik - fokussiert sich auf die Texte und Kommunikationsformen innerhalb der Politik, ohne jegliche externe Kommunikationsformen.11

Sämtliche Texte des zu untersuchenden Textkorpus der vorliegenden Hausarbeit lassen sich eindeutig der Politikersprache zuordnen: Die erste Stellungnahme Karl-Theodor zu Gutten- bergs im Verteidigungsministerium nach den ersten öffentlichen Vorwürfen in verschiedenen Medien richtet sich „unidirektional“12 an ein disperses Publikum und besitzt Öffentlichkeits- charakter. Wie auch bei der Verteidigung seiner Person und Entgegnung der massiven Vor- würfe während einer aktuellen Stunde im Bundestag, bleibt die Kommunikation nicht auf den Innenbereich der Politik begrenzt, lässt sich folglich nicht im Feld der Sprache in der Politik verorten. Bei der anschließenden Buchveröffentlichung in Form eines Interviews, welches dieselben bereits genannten Ziele verfolgt, handelt es sich weder um eine private Kommuni- kationsform - das Sprechenüber Politik - noch um die politische Mediensprach e als „Kom- munikationsform des politischen Journalismus“13.

4. Die Sprachstrategien nach Josef Klein

Der Sprachwissenschaftler und ehemalige Politiker Josef Klein unterteilt drei Haupttypen von Sprachstrategien: Zum einen nennt er die Basisstrategien, welche sich an den Präferenzen der Adressaten beziehungsweise Wählern orientieren und eine Auf- oder Abwertung eines politi- schen Sachverhalts als Ziel haben.14 Kaschierstrategien sollen Verstöße gegen Adressatenprä- ferenzen verbergen und zeigen sich in Ungenauigkeiten der Informativität, der Wahrheit, der Relevanz und der Klarheit.15 Zur Stärkung der eigenen Positionen und der Beeinträchtigung des Gegners stellen die von Klein benannten Konkurrenzstrategien das dritte Element der Sprachstrategien dar.

[...]


1 Klein (1996): 3.

2 Zu Guttenberg / Di Lorenzo (2011): 1.

3 vgl. zu Guttenberg / Di Lorenzo (2011): 38.

4 Posche (2011): 50.

5 Pürer (2003): 130ff.

6 Burkhardt (1996):

7 ebd.: 81.

8 ebd.: 80.

9 ebd.: 81

10 ebd.

11 vgl. Burkhardt (1996): 81.

12 ebd.: 80.

13 ebd.: 81.

14 vgl. Klein (2002): 377ff.

15 vgl. ebd.: 382ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der "Fall" zu Guttenberg(s)
Untertitel
Die Sprachstrategien des Bundesministers a.D. während der Plagiatsaffäre im Vergleich
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V197892
ISBN (eBook)
9783656237860
ISBN (Buch)
9783656239192
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, zu Guttenberg, Kommunikation, Studieren, Linguistik, Sprachwissenschaft, Bayern, Deutschland, Skandal, Affäre, Bundeswehr, CDU
Arbeit zitieren
Frederik Ihl (Autor:in), 2012, Der "Fall" zu Guttenberg(s), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197892

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