Mit dem Rücktritt von sämtlichen öffentlichen Ämtern am 1. März 2011 endet eine außergewöhnliche Politik-Karriere auf unbestimmte Zeit, welche seit der Wiedervereinigung Deutschlands seinesgleichen sucht. Der neue Hoffnungsträger der Union, Karl-Theodor zu Guttenberg, stolpert nach erst 25 Monaten als Bundesminister für Wirtschaft und Technologie sowie der Verteidigung über eine Plagiatsaffäre, in der zu Guttenberg fehlende Kennzeichnungen vieler Zitate in Form von Fußnoten vorgeworfen werden. Er wird mit der Anschuldigung konfrontiert, dass Fremdtexte innerhalb seiner Dissertation als eigenes Gedankengut ausgegeben und somit vorsätzlich getäuscht wurde. In der vorgelegten Arbeit soll jedoch keineswegs der Versuch unternommen werden, eine Antwort auf den Plagiatsstreit zu finden. Der zentrale Aspekt beschäftigt sich mit den sprachlichen Strategien zu Guttenbergs, die er im Anschluss an die Veröffentlichung der Vorwürfe für seine Zwecke benutzt.
Welche Sprachstrategien nutzt zu Guttenberg, um seine Aussagen wahrhaftig darzustellen, eventuell auch gegen die präferierten Meinungen der Adressaten? Gegen welche kommunikativen Prinzipien verstößt er? Unterscheiden sich die sprachlichen Strategien zu Guttenbergs vor und nach dem Rücktritt? Aufgrund des breiten Textkorpus beschränkt sich die vorliegende Hausarbeit auf die lexikalische Struktur- und Sprechaktebene. Im Mittelpunkt stehen drei unterschiedliche Texte, welche sich alle auf die Verteidigung seiner Dissertation und gegen den Vorwurf des Plagiats beziehen. Neben der ersten Reaktion in einem kurzen Statement und einer aktuellen Stunde im Bundestag, bildet das Ende November 2011 publizierte Buch, in dem sich Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo einen „Schlagabtausch“2 mit Karl-Theodor zu Guttenberg liefert, das zu untersuchende Textkorpus. Im Folgenden wird zunächst die historische und politische Einordnung der Plagiatsaffäre vorgenommen, welche die Hintergründe kurz aber präzise darstellt. Anschließend folgt eine Verortung des Textkorpus nach dem Gliederungschema Josef Kleins bezüglich der politischen Sprache. Darauf wird die Theorie der Sprachstrategie von Klein sowie die Theorie der rationalen Kommunikation von H. Paul Grice ausführlich erläutert, um die Grundlage für den folgenden Analyseabschnitt zu gewährleisten. Am Ende soll ein Fazit die sprachlichen Strategien und die Verstöße des ehemaligen Bundesministers zu Guttenberg gegen die Konversationsmaximen resümieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Hintergrund
3. Verortung politischer Sprache nach Burkhardt
4. Die Sprachstrategien nach Josef Klein
4.1 Basisstrategien
4.2 Kaschierstrategien
4.3 Konkurrenzstrategien
5. Die Kommunikationsmaxime nach H. Paul Grice
6. Analyse des Textkorpus
6.1 Analyse des ersten Statements
6.2 Analyse der aktuellen Stunde im Bundestag
6.3 Analyse des Interviews mit Zeit-Chefredakteur G. di Lorenzo
7. Vergleich
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sprachlichen Strategien von Karl-Theodor zu Guttenberg während der Plagiatsaffäre, um zu analysieren, wie er seine Aussagen in der Verteidigung seiner Dissertation positionierte und gegen welche kommunikativen Prinzipien er dabei verstieß.
- Anwendung des Gliederungsschemas politischer Sprache nach Armin Burkhardt
- Analyse der Sprachstrategien nach Josef Klein (Basis-, Kaschier- und Konkurrenzstrategien)
- Untersuchung der Verstöße gegen die Kommunikationsmaximen von H. Paul Grice
- Vergleichende Analyse dreier Schlüsseltexte (Stellungnahme, Bundestag, Interview)
- Linguistische Untersuchung der lexikalischen Struktur- und Sprechaktebene
Auszug aus dem Buch
4.2 Kaschierstrategien
„Kaschierstrategien sind Versuche, dem Dilemma zu entgehen, das entsteht, wenn die Verfolgung der eigenen Ziele in Widerspruch zu den politischen und kommunikationsehtischen Präferenzen relevanter Adressatengruppen gerät und die offene Handhabung dieses Konflikts negative Adressatenreaktionen befürchten lässt“
Diese Definition Josef Kleins zur Einordnung der Kaschierstrategien als Instrument innerhalb seiner Theorie beschreibt die Funktion des Zurückhaltens unterschiedlicher Informationen sehr exakt. Um die Differenzen in Meinungen und Sachverhalten zwischen Politikern und Adressaten möglichst zu minimieren, spezifiziert er vier Gruppen von Kaschierstrategien, welche unmittelbar an die Kommunikationsmaximen von H. Paul Grice anknüpfen: Die Kategorien der Quantität, der Qualität, der Relation und der Modalität finden sich kongruent im Kaschieren von Informationsdefiziten, Wahrheitsdefiziten, Relevanz und Eindeutigkeit wieder. Das Kaschieren von Informationsdefiziten durch die fragmentierte Veröffentlichung oder sogar das vollständige Bewahren von bedeutsamen Informationen kann auch linguistisch analysiert werden: Allgemein bekannte Floskeln und Sachverhalte erleichtern dem Politiker die politische Kommunikation mit einer relevanten Adressatengruppe, während zum Beispiel Neologismen alte Sichtweisen neu darstellen können, obwohl es keine inhaltliche Zäsur gibt. Die Lüge als ausgeprägteste Form des Kaschierens durch Wahrheitsdefizite wird von den Methoden der Andeutung, der Behauptung der Unkenntnis und der Strategie, nur die notwendigsten Informationen zu veröffentlichen oder zu bestätigen, begleitet. Praktisch lassen sich diese Möglichkeiten in lexikalischer Form durch Euphemismen erkennen sowie auf der Sprechaktebene durch das zweifelhafte Argumentieren, dessen Wirkung durch eine sorgfältige Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Thema verstärkt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Plagiatsaffäre um zu Guttenberg ein und definiert das Ziel der Arbeit, seine sprachlichen Strategien linguistisch zu analysieren.
2. Historischer Hintergrund: Dieses Kapitel skizziert den zeitlichen Verlauf der Plagiatsaffäre von der Veröffentlichung der Vorwürfe bis zum Rücktritt des Ministers.
3. Verortung politischer Sprache nach Burkhardt: Hier wird der theoretische Rahmen zur Einordnung der politischen Sprache und des Textkorpus nach Armin Burkhardt erläutert.
4. Die Sprachstrategien nach Josef Klein: Dieses Kapitel stellt die theoretischen Kategorien der Sprachstrategien von Josef Klein vor, unterteilt in Basis-, Kaschier- und Konkurrenzstrategien.
5. Die Kommunikationsmaxime nach H. Paul Grice: Es wird die Theorie der rationalen Kommunikation nach Grice als Basis für die Untersuchung kommunikativer Verstöße dargestellt.
6. Analyse des Textkorpus: In drei Unterkapiteln werden die ersten Stellungnahmen, die Debatte im Bundestag und das Buchinterview detailliert analysiert.
7. Vergleich: Das Kapitel vergleicht die Anwendung der identifizierten Sprachstrategien über die verschiedenen Texte hinweg und bewertet die Konsistenz der Kommunikationsweise.
8. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass zu Guttenberg keine wesentlichen Unterschiede in seinen Sprachstrategien vor und nach dem Rücktritt zeigte.
Schlüsselwörter
Politolinguistik, Karl-Theodor zu Guttenberg, Plagiatsaffäre, Sprachstrategien, Josef Klein, Kommunikationsmaximen, H. Paul Grice, Armin Burkhardt, Politische Sprache, Kaschierstrategien, Diskursanalyse, Rhetorik, Politische Kommunikation, Verteidigungsstrategie, Sprechakte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die sprachlichen Verteidigungsstrategien, die der ehemalige Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg nach dem Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe gegen seine Dissertation einsetzte.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Zentral sind die theoretischen Modelle der politischen Sprache (Burkhardt), Sprachstrategien (Klein) sowie die Theorie der konversationalen Implikaturen und Kommunikationsmaximen (Grice).
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu identifizieren, welche linguistischen Taktiken zu Guttenberg nutzte, um sich in verschiedenen Medien und Formaten gegen Plagiatsvorwürfe zu verteidigen und seine eigene Sichtweise zu stützen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine linguistische Textkorpusanalyse, die auf den Modellen von Josef Klein, Armin Burkhardt und H. Paul Grice basiert, um ausgewählte Textpassagen qualitativ zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung sowie die praktische Analyse dreier Textquellen: ein erstes Statement, eine Bundestagsdebatte und ein ausführliches Buchinterview.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Politolinguistik, Sprachstrategien, Kaschierstrategien, Konversationsmaximen und die spezifische Rhetorik im Kontext der Plagiatsaffäre.
Warum nimmt die aktuelle Stunde im Bundestag eine Sonderstellung ein?
Im Vergleich zu den anderen Texten reagiert zu Guttenberg hier unmittelbar und ohne Vorbereitungszeit auf direkte Fragen der Opposition, wobei er an einigen Stellen sehr informativ antwortet und die Maximen der Relation und Quantität einhält.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Giovanni di Lorenzo?
Der Autor kritisiert, dass sich auch der Interviewpartner di Lorenzo durch die bewusste Themenlenkung des Ministers beeinflussen lässt, wodurch ein tiefergehendes Streitgespräch über die inhaltlichen Vorwürfe erschwert wird.
- Citation du texte
- Frederik Ihl (Auteur), 2012, Der "Fall" zu Guttenberg(s), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197892