Die Opramoas-Inschrift - Und ihre Bedeutung für die historische Forschung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Überblick über Monument und Inschrift
2.1 Das Gebäude
2.2 Das Dossier

3. Die Opramoas-Inschrift als Quelle für Struktur und Bedeutung des
Lykischen Bundes in der römischen Kaiserzeit
3.1 Veränderungen des κοινον
3.1.1 Strukturelle Umgestaltung
3.1.2 Funktion und Aufgabe des kaiserzeitlichen κοινον
3.2 Abriss über die wichtigsten Ämter im Lykischen Bund
3.2.1 Die Archierosyne
3.2.2 Die Archiphylakie
3.3 Zwischenbilanz

4. Opramoas – ein bedeutender Mäzen: Curriculum vitae
4.1 Rekonstruktion der politischen Laufbahn von Opramoas
4.2 Diverse Exkurse
4.2.1 Ehrungen des Lykischen Bundes
4.2.2 Kaiserbriefe
4.2.3 Lykische Städte und Staatsbürgerschaftsverleihung

5. Abschließendes Fazit

6. Anhang

1. Einleitung

„Inschriften erzählen uns bestimmte Geschichten. Und der Spaß besteht darin, diese Geschichten aufzuschlüsseln.“ Durch diese Worte vermochte es Professor Stephen Mitchell bei einem Gastvortrag in Bamberg mit dem Titel „Hadrians Mystikos agon und das Gesicht des antiken Ankara“ am 15. Mai 2012 seiner dezidierten Begeisterung für Epigraphik ostentativ Ausdruck zu verleihen. Diese Aussage lässt sich salvo veritate von den von Mitchell referierten Inschriften aus Ankara[1] auf eine nicht minder bedeutende Inschrift aus Rhodiapolis übertragen, in der sich der Lykier Opramoas ein Denkmal für die Ewigkeit setzen wollte. In vorliegender Hauptseminararbeit soll diese Inschrift und die aus ihr hervorgehenden Schlussfolgerungen im Zentrum des Interesses stehen. Dabei resultiert aus der Tatsache, dass 228 Fragmente[2] dieser Inschrift noch nicht zugeordnet werden konnten, einerseits, dass sich der Historiker bei ihrer Auswertung auf schwieriges Terrain begibt, andererseits aber auch ein gewisser Anreiz und eine Herausforderung, Opramoas‘ „Geschichte“ aufzuschlüsseln.

Als die Engländer Spatt, Forbes und Daniell im Jahr 1842[3] diese Inschrift in der Ruinenstadt Rhodiapolis auf einem „bewaldete[n] Hügel in der Nähe des heutigen Kumluca“[4] fanden, hat ihr exorbitanter Fund sicherlich zunächst mehr Fragen als Antworten geliefert. Was also die „Aufschlüsselung“ dieser nicht von ungefähr längsten griechischen Inschriften der Antike anbelangt[5], befindet sich im Gegensatz zu ihren Entdeckern der heutige zurückschauende Historiker in einer nahezu komfortablen Position. Dennoch bleiben zahlreiche offene Fragen über Opramoas‘ Identität und Motivation vorerst ungeklärt. So besteht die Intention dieser Hauptseminararbeit einerseits darin, einen generellen Eindruck von dieser monumentalen Inschrift zu vermitteln, andererseits aber, anhand ausgelesener Dokumente einen Beitrag zur Lüftung des Schleiers der Ungewissheit um diese ungelösten Fragen zu erbringen. Im Anschluss an einen allgemeinen Überblick über die Inschrift und das dazugehörige Gebäude werde ich hierzu zunächst die Erkenntnisse zusammenfassen, die sich aus der Inschrift für das κοινον in der römischen Kaiserzeit gewinnen lassen. Hier scheint mir eine kurze Darstellung von Struktur, Befugnissen und Aufgaben des κοινον sinnvoll, wobei ich einen Schwerpunkt auf die Ämter Archierosyne und Archiphylakie zu setzen gedenke. Darauf aufbauend soll in Form eines curriculum vitae die politische Karriere von Opramoas rekonstruiert werden. In diesem Kontext sollen auch Forschungskontroversen eine zentrale Rolle spielen und einige wissenschaftliche Standpunkte und Thesen neu beleuchtet werden. Natürlich lässt sich im Rahmen dieser Arbeit kein Anspruch auf Vollständigkeit erheben, vielmehr sollen die wesentlichen Hauptaussagen der Opramoas-Inschrift herausgearbeitet und illustriert werden. Eine inhaltliche Fokussierung auf wenige markante Aspekte ist folglich unabdingbar.

2. Überblick über das Monument und seine Inschrift

In einem ersten Schritt wird nun ein grundsätzlicher Überblick über das Mausoleum von Opramoas und der dort befindlichen Inschrift gegeben. Dabei orientiere ich mich in erster Linie an KOKKINIAs monographischer Darstellung, die im Jahr 2000 erschienen ist.

2.1 Das Gebäude

Man denke an die Pyramiden von Ägypten, an das berühmte Mausoleum von Halikarnass[6], an das Hadrians-Mausoleum in der heutigen Engelsburg, an lykische Gräber und Heroa[7] - bei all den eklatanten Unterschieden hinsichtlich Baustil, Aussehen und regionale Lage ist eine Gemeinsamkeit unverkennbar, die der kaiserzeitliche Schriftsteller Dion Chrysostomos prägnant formulierte: das „unbedingte Streben nach Ehre und die Sorge um den eigenen Nachruhm“[8]. So spielte der Grabkult bereits im klassischen Lykien eine herausragende Rolle[9].

In diese Tradition stellte sich auch Opramoas, der sich ein riesiges Mausoleum errichten ließ. KOKKINIA schätzt dessen damalige Größe auf ungefähr 8 x 7 Meter.[10] Die Bauweise im Stil eines Tempels suggeriert eine besondere Anlehnung an bereits bestehende Heroa[11], ist aber keine regionale Besonderheit und lässt sich bei vielen antiken Kulturen feststellen. Das Mausoleum von Opramoas nahm einen durchaus prominenten Standpunkt im antiken Rhodiapolis ein, es stand nämlich direkt hinter dem Theater.

2.2 Das Dossier

Die Inschrift selbst war auf verwitterungsanfälligem Kalkstein angebracht. Dennoch ist sie in einem sehr gut lesbaren Zustand erhalten.[12] Dieser Umstand sollte uns allerdings nicht verleiten, die Entschlüsselung dieser überwältigenden Inschrift zu unterschätzen. Das Dossier besteht thematisch aus einer Kulmination von Ehrenbeschlüssen des lykischen Bundes für Opramoas sowie aus Briefen des ηγεμον bzw. des Kaisers.[13] Die Inschrift in ihrer Gesamtheit nimmt eine beachtliche Länge von 20 Kolumnen ein, die jeweils ca. 100 Zeilen umfassen. Die Datierung dieser Beschlüsse und Briefe ist relativ kompliziert[14]: KOKKINIA nennt uns einen Zeitraum von 123 bis 153. Die ältere Forschung offeriert uns davon abweichende Angaben, beispielsweise datiert LETTA die Inschrift auf den Zeitraum „tra il 103 e il 152 d.C.“[15]. Doch scheint die neueste Datierung durch KOKKINIA am stimmigsten zu sein.

Wenden wir uns nun der generellen Anordnung der einzelnen Dokumente zu. Am Architrav fanden sich kaiserliche Schrieben, die also eine besonders herausragende Stellung einnahmen. KOKKINIA stellt treffend fest, dass der Hauptzweck der Inschrift „mit Sicherheit nicht darin lag, eine vollständige Dokumentation der politischen Karriere des Opramoas zu bilden, sondern sein Mausoleum zu schmücken.“[16] Daher ist es nachvollziehbar, dass diese Schreiben des römischen Kaisers gewissermaßen als Aushängeschild des Mausoleums fungierten. Gattungstrennung zwischen Bundesbeschlüssen und den übrigen Briefen erfolgte nicht, die einzelnen Dokumente wurden weitestgehend chronologisch von der West- zur Ostseite nebeneinander angeordnet. Dabei wurde allerdings nach bestimmten inhaltlichen Kriterien[17] immer wieder die Chronologie durchbrochen, worauf hier nicht en détail eingegangen wird.

Fassen wir kurz die bisherigen Erkenntnisse zusammen: Die im Jahr 1842 entdeckten Gebäudeüberreste gehörten zu einem Mausoleum des Opramoas von Rhodiapolis, das in der Nähe des Theaters gelegen war und mit 8 x 7 Meter eine anschauliche Größe hatte. Dieses Mausoleum war mit einer Inschrift überzogen, in der sämtliche Ehrungen des lykischen Bundes für Opramoas verewigt wurden. Diese lassen sich auf die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Christus datieren. Eine besondere Bedeutung nahmen dabei Briefe des Kaisers Antoninus Pius ein, die direkt am Eingang des Mausoleums angebracht wurden.

3. Die Opramoas-Inschrift als Quelle für Struktur und Bedeutung des Lykischen Bundes in der römischen Kaiserzeit

In der historischen Forschung besteht weitestgehend Konsens, dass im Jahr 43/44 Lykien – Sueton zufolge ob exitiabiles inter se discordias[18] – von den Römern provinzialisiert wurde. Darauf wurde der Lykische Bund, der wahrscheinlich einst „als Kampfinstrument […] insbesondere gegenüber Rhodos“[19] entstanden war, ebenfalls umfunktionalisiert.[20] Im Folgenden soll der Lykische Bund in der römischen Kaiserzeit unter den Gesichtspunkten seiner veränderten Struktur und seiner wichtigsten Ämter kurz vorgestellt werden.

3.1 Veränderungen des κοινον

Der Lykische Bund fungierte fortan, wie es KOLB treffend feststellte, als ein „römischen Verwaltungszwecken dienender Provinziallandtag“[21]. Betrachten wir nun, wie sich die generelle Struktur des Lykischen Bundes in der Kaiserzeit veränderte.

3.1.2 Strukturelle Umgestaltung

Zwei Entscheidungsgremien[22] standen einander gegenüber: die εκκλεσια sowie die βουλη.[23] Zusammenwirken und Zuständigkeitsbereiche sind uns nicht näher bekannt, wohl aber Aufbau der beiden Gremien: Während in der εκκλεσια vornehmlich die Abgeordneten der Städte[24] den Ton angaben, wurden die Mitglieder der βουλη auf Lebenszeit gewählt. Werfen wir nun einen Blick auf die Ämter des Lykischen Bundes. Es lässt sich konstatieren, dass zivile Ämter aus der Zeit des Hellenismus offenbar fortbestanden, während bislang nichtexistente fiskalische Ämter im κοινον neu kreiert wurden. Allerdings ist es durchaus selbsterklärend, dass militärische Ämter, sowohl das Amt des στρατηγος[25] als auch des ναυαρχος sowie der αποτελειοι, gänzlich ihre Funktion eingebüßt haben und somit keine Notwendigkeit mehr hatten, fortzubestehen.[26]

[...]


[1] Für ein tiefergehendes Studium des Althistorikers und Epigraphikers Mitchell mit Inschriften aus Ankara verweise ich auf: Stephen Mitchell und David French, The Greek and Latin Inscriptions of Ankara. Vol. I From Augustus to the end of the third century AD, o.O. 2012 (non vidi).

[2] Vgl. Christina Kokkinia, Die Opramoas-Inschrift von Rhodiapolis. Euergetismus und soziale Elite in Lykien, Bonn 2000, S.247. Im Folgenden zitiert als: Kokkinia, Opramoas-Inschrift, [mit Seitenangaben].

[3] Alle Jahresangaben, wenn nicht anders angegeben, nach Christus.

[4] Ebd. S.1.

[5] Zur Vermeidung einer argumentatio ex silentio ist diese Aussage bezüglich der Länge der Opramoas-Inschrift ausschließlich auf uns erhaltenen Inschriften einzuschränken.

[6] Sowohl für die Pyramiden von Ägypten als auch für das Mausoleum von Halikarnass lässt sich auf folgende einführende Monographie über die Sieben Weltwunder verweisen: Kai Brodersen, Die Sieben Weltwunder. Legendäre Kunst- und Bauwerke der Antike, München 2007, passim.

[7] Vgl. Barbara Kupke, Siedlungen und Nekropolen, in: Lykien. Geschichte Lykiens im Altertum, hrsg. v. Frank Kolb und Barbara Kupke, Mainz 1992, S. 32-58, hier: 45-53.

[8] So der kaiserzeitliche Schriftsteller Dion Chrysostomos, zitiert nach Denise Reitzenstein, Die lykischen Bundespriester. Repräsentation der kaiserzeitlichen Elite Lykiens, Berlin 2011, S.5. Im Folgenden zitiert als: Reitzenstein, Lykische Bundespriester, [mit Seitenangaben].

[9] Vgl. Frank Kolb, Geschichte Lykiens im Altertum, in: Lykien. Geschichte Lykiens im Altertum, hrsg. v. Frank Kolb und Barbara Kupke, Mainz 1992, S.9-31, hier: 20. Im Folgenden zitiert als: Kolb, Geschichte Lykiens, [mit Seitenangaben].

[10] Vgl. Kokkinia, Opramoas-Inschrift, S.3.

[11] Man denke hier unter anderem an das Nereidenmonument von Xanthos oder das Heroon von Limyra.

[12] Vgl. Kokkinia, Opramoas-Inschrift, S.4.

[13] Insgesamt 32 Dekrete des lykischen Bundes und 38 Briefe, 12 davon vom Kaiser abgesendet.

[14] Die ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass der lykische Bund nach den eponymen Bundespriestern datierte. Hier verweise ich auf Kapitel 3.2 meiner Ausführungen.

[15] Vgl. Cesare Letta, il dossier di Opramoas e la serie die legati e degli archiereis di Licia, in: Aspetti e problemi dell’ellenismo, hrsg. v. Biagio Virgilio, Pisa 1994, S.203-246, hier:203. Im Folgenden zitiert als: Letta, dossier di Opramoas, [mit Seitenangaben].

[16] Vgl. Kokkinia, Opramoas-Inschrift, S.194.

[17] Ebd. S.193-196.

[18] Vgl. Sueton, Claudius, 25,3. Übersetzung: wegen verderblichen Streitigkeiten untereinander.

[19] Vgl. Hartwin Brandt und Frank Kolb, Lycia et Pamphylia. Eine römische Provinz im Südwesten Kleinasiens, Mainz 2005, S.27. Im Folgenden zitiert als: Brandt, Lycia et Pamphylia [mit Seitenangaben].

[20] Die Tatsache, dass einer bereits vorhandenen autochthonen Einrichtung diverse Verwaltungszwecke übertragen wurden, zeigt uns, wie wenig Rom tatsächlich an Expansion und direkter Machtausübung in entlegenen Gebieten interessiert war, soweit man sich auf indirekte Formen der Herrschaft zu stützen vermochte.

[21] Vgl. Kolb, Geschichte Lykiens, S.26.

[22] Dabei müssen wir die brisante Frage offen lassen, inwiefern das von Artemidor mehrfach genannte Synedrion als dritte Instanz noch hinzuzurechnen ist, oder ob das Synedrion durch die εκκλεσια abgelöst wurde, wie es DEETERS im Artikel der RE vermutet. Vgl. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, hrsg. v. Wilhelm Kroll, u.a., Stuttgart 1919, sub vocem: Lykia, Band 13,2, Sp.2270-2291, hier:2279.

[23] Hier handelt es sich um eine neue Institution. Vgl. Brandt, Lycia et Pamphylia, S.29.

[24] Sogenannte αρχοσταται. Vgl. Jürgen Deininger, Die Provinziallandtage der römischen Kaiserzeit. Von Augustus bis zum Ende des dritten Jahrhunderts nach Christus, München 1965, S.73. Im Folgenden zitiert als: Deininger, Provinziallandtage, [mit Seitenangaben].

[25] KOKKINIA stellt die These auf, dass die Ämter Strategie und Archiphylakie gleichgestellt wurden, ihr Wortlaut variabel war. Dabei beruft sie sich auf die Wendung [κοι]νη μεν τω εθνει στ[ρα]τηγ[ησας], in der στ[ρα]τηγ[ησας] aus Gründen der variatio anstelle des eigentlichen Begriffs αρχιφυλακησας verwendet wird . Vgl. Kokkinia, Opramoas-Inschrift, S.221. Für die Inschrift vgl. Dok. XVIII F, zitiert nach Kokkinia, Opramoas-Inschrift, S. 70.

[26] Dies wurde bei Strabon sehr plakativ ausgedrückt, wenn er schreibt: „Weil dies [Kriegsbeschlüsse] in der Hand der Römer liegen müssen, es sei denn, dass diese es gestatten, oder wenn es für diese selbst von Nutzen ist.“ Vgl. Strabo, Geographica, hrsg. v. Albert Forbiger, Mainz 2007, S. 947.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Opramoas-Inschrift - Und ihre Bedeutung für die historische Forschung
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Alte Geschichte)
Veranstaltung
HS: Lykien und Pamphylien
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
20
Katalognummer
V197944
ISBN (eBook)
9783656239406
ISBN (Buch)
9783656239963
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit übersichtlicher Mindmap im Anhang
Schlagworte
Lykien, Pampyhlien, Opramoas, Rhodiapolis, Kokkinia, Lykischer Bund, Archiphylax, Archiereus, Lykischer Bundespriester
Arbeit zitieren
Domenic Schäfer (Autor), 2012, Die Opramoas-Inschrift - Und ihre Bedeutung für die historische Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197944

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