Vom Quilt zum Art Quilt: Ein Weg von tausend Jahren


Examensarbeit, 2011
116 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

1. Begriffliche Eingrenzung
1.1 Quilt. Funktion, Aufbau, Material
2. Quilten: Das Handwerk
2.1 Der Quiltstich
2.1.1 Das Handquilten
2.1.2 Quiltmuster
2.1.3 Stickmuster
2.2 Patchwork
2.2.1 Pieced Work
2.2.2 Appliqué/Applikation
2.2.3 Papier- oder Schablonentechnik
2.3 Den Quilt aufbauen
2.3.1 Arbeiten aus der Mitte
2.3.2 Blockstil
2.3.3 Streifentechniken
2.3.3.1 Seminole-Patchwork
2.3.3.2 Bargello-Technik
2.3.4 Scrap-Quilten
2.3.4.1 Crazy
2.3.4.2 Log-Cabin
2.3.5 Whole-Cloth
2.3.6 Blockstil
2.3.7 Weitere Techniken

II. Patchwork- und Quilt-Tradition
1. Antikes Patchwork und Quilts
1.1 Antikes Patchwork
1.2 Antikes Quilten
2. Quilts der amerikanischen Pioniere
2.1 Europäische Tradition im amerikanischen Quilt
2.1.1 Deutschstämmige
2.1. 2 England
2.1. 3 Mittelmeerländer
2.2 Traditionelle amerikanische Quiltkultur
2.2.1 Traditionelle Blockmuster und ihre Bedeutung
2.2.2 Quilttypen
3. Amische Quiltkultur
3.1 Kulturgeschichtlicher Hintergrund
3.2 Amische Quilttradtion
3.2.1 Quilts im Amischen Leben
3.3 Quilten nach der Amischen Philosophie
3.3.1 Material
3.3.2 Farbigkeit
3.3.3 Formen und Motive
3.3.4 Blockmuster der Amischen

III. Der Art Quilt
1. Kulturgeschichtliche Entwicklungsbedingungen
1.1 Vorboten: Von der Jahrhundertwende bis in die 1950er Jahre
1.1.1 Ein neuer Quiltboom: Jugendstil und dreißiger Jahre
1.2 Durch WK II und Nachkrieg in die 1950er Jahre
1.3 Die 1960er Jahre: Der zweite Quiltboom
2. Wegweiser zum Art Quilt
2.1 Quilts in der Bildenden Künst
2.1.1 Ein zähes Ringen um Berechtigung
2.1.2 Quilts als Motive und Objekte der Kunst
2.1.3 Quilts und Abstrakte Kunst: Gegenstücke
2.2 Die Ausstellung „Abstract Design in American Quilts“
3. Eine neue Kunstform: Der frühe Art Quilt
3.1 1976: An die Öffentlichkeit
3.2 Die Ausstellung “The New American Quilt”
3.3 Seit 1979: Quilt National
3.4 Anlaufpunkte des Art Quilt
4. Amerikanische KünstlerInnen
4.1 Jean Ray Laury
4.2 Radka Donnell
4.3 Nancy Crow
4.4 Michael James
4.5 Joan Lintault
4.6 Internationale Künstler im Überblick
5. Quilt Art in Europa
5.1 Europäische Quiltzentren
5.1.1 Gilden, Gruppen, Verbände
5.1.1.1 The European Quilt Association (EQA)
5.1.1.2 Deutschland: Die Patchwork Gilde Deutschland e.V.
5.1.1.3 The Quilter´s Guild (of the British Isles)
5.1.1.4 The “ Quilt-Art-Group”
5.2 Ausstellungen, Museen und Messen in Deutschland und Europa
5.2.1 Europäische Quilttriennale
5.2.2 Weitere deutsche Quiltzentren
5.3 Europäische Künstlerinnen
5.3.1 England
5.3.1.1 Pauline Burbridge
5.3.1.2 Mirjam Pet-Jacobs
5.3.1.3 Deirdre Amsden
5.3.2 Deutschland
5.3.2.1 Inge Hueber
5.3.2.2 Ursula Rauch
5.3.2.3 Dorle Stern-Sträter
6. Ausblick
6.1 Nachwuchssorgen?
6.2 Neuere Entwicklungen
6.2.1 U.S.A: Terese Agnew
6.2.2 Japan: Noriko Endo
7. Ein besonderer Quilt: Der AIDS-Memorial-Quilt

Literatur

Abstract

Die Arbeit geht davon aus, dass der Art Quilt als relativ junge Kunstform nur in- nerhalb seiner Jahrtausendealten Geschichte von Quilts und Patchwork verstan- den werden kann. Da er unbedingt durch seine differenzierte, gewachsene, um- fangreiche Handarbeitstechnik gekennzeichnet ist, werden in den ersten beiden Teilen die „Grundfesten“ von Technik/Praxis bzw. Herkunft und Kulturgeschichte erläutert. Im ersten Kapitel wird eingegangen auf grundlegende definitorische Fragen der Differenzierung und Kategorisierung von Quilts. Danach werden grundlegende Techniken der Machart vermittelt: Vom Quiltstich über die Sand- wichtechnik und zum grundlegenden Aufbau bis zu grundlegenden Patchwork- und Quiltmustern und -techniken, z.B. „Crazy“ und „Log Cabin“, sowie Seminole- techniken, Scrap-Quilt und Blocktechniken. Das zweite Kapitel ist der Versuch einer historisch-chronologisch-, sowie Kulturvergleichenden Abhandlung über die Entwicklung des Quilt bis in die 1960er Jahre. Über antike „Quiltwurzeln“ aus dem „alten“ Europa wird die Linie gezogen zum Kulturtypischen europäisch- nativen Quilterbe, den englischen, deutschen, schweizerischen, niederländi- schen, italienischen und französischen Techniken - dies sind die Quilts der spä- teren amerikanischen Siedler, die sich in Amerikas kolonialen Tagen stets wei- terentwickeln werden zum „amerikanischen“ Quilt. In diesem Zusammenhang werden auch die bedeutenden Quilts der deutschstämmigen Volksgruppe der Amischen, sowie umfassende modische Entwicklungen der „Quiltbooms“ der 1870er und 1930er Jahre gesondert beachtet. Letztendlich, im dritten „Quilt- boom“ der 1960er Jahre wird die Entstehung des Art Quilts, seine Entwicklung in den U.S.A, sowie seit den 1980er Jahren auch in Europa beschrieben. Zentrale KünstlerInnen der amerikanischen und europäischen Szene und ihre Werke, sowie wichtige Ausstellungen, wie z.B. Jonathan Holsteins „Abstract Design in American Quilts“ (1971), „The New American Quilt“ (1976), sowie die Entwick- lungen in „Quilt National“ (seit 1979) dokumentieren diese Quiltform bis heute. Ein Bogen zur Bildenden Kunst wird - kritisch - aufgeschlagen. Den Abschluss dieser Arbeit bildet eine Würdigung des AIDS-Quilts.

Einleitung

Dem Verständnis des Laien erklärt sich der Gegenstand „Quilt“ zumeist als klas- sisch-bunte Stepp- oder Patchworkdecke. Auch die Volksgruppe der Amischen, sowie die berühmten amischen Quilts sind manchen ein Begriff. Weitere Kenntnisse speisen sich aus Kursangeboten der Volkshochschulen oder Kirchen, wo Alltags-Gebrauchsgegenstände, wie sie in der amerikanischen Kultur weit verbreitet sind, angefertigt werden. Im Quilten süßlich-heimeliger Topflappen, Sofakissen bis zum Weihnachtsstern-Deckchen oder Nikolaus-Stiefel wird hier einerseits das Repertoire traditioneller Quilttechniken vermittelt und archiviert, andererseits aber auch der Ruf des Quiltens als kitschiges Hausfrauenhobby der Bastion „Home-Sweet-Home“ zementiert. Die tatsächlich existierende Vielfalt des Quiltens, insbesondere die moderne Quiltkunst des Art Quilt, ist bislang zumin- dest außerhalb Englands und der Vereinigten Staaten recht wenig bekannt oder wird im Allgemeinen unterschätzt.

Tatsächlich entstammt die Quilttechnik der hausfraulichen Tradition. Einer Tradi- tion jedoch, die die Abqualifizierung als „Hausfrauenkunst“ oder „Kunsthandwerk“ in keiner Weise verdient hat. Durch Jahrhundertealte Techniken und ihre stete Weiterentwicklung durch Generationen europäischer und amerikanischer Frauen wurde ein hoch qualifiziertes künstlerisches Medium entwickelt, das die gesamte amerikanische Geschichte durchzieht und unverzichtbarer Teil der amerikani- schen Folk-Kultur geworden ist.

Dennoch ist sich bis heute nur „eine kleine Gruppe von Exoten“ der beträchtlichen historischen und künstlerischen Bedeutung von Quilts bewusst. Insbesondere die wertvollen Sammlungen amischer Quilts zählen mittlerweile zu den a- merikanischen Nationalschätzen und zum Nationalen Erbe. Ebenso, wenn auch schleppend, gewinnen die Quilts aus dem Bereich modernen Quiltens, des Art Quilts, immer mehr an Bedeutung.

Trotz allem vollzieht sich die Schaffung eines Quilt-Bewusstseins für eine breite Öffentlichkeit nur schleppend.

Diese Arbeit widmet sich vor allem der Entwicklung des Art Quilts und seinem jetzigen Stand aus seiner Tradition heraus. Es soll aufgezeigt werden, wie sich aus einer wahrhaft tausendjährigen Geschichte erst nach fast „Tausenden“ Jah- ren diese Kunstform der Bildenden Kunst entwickelt hat. Die zentrale Auffas- sung, dass der Art Quilt sowohl technisch wie ästhetisch und kulturell nicht ohne seine mittlerweile uralte Vorgeschichte verstehbar ist, wird hier ausgearbeitet.

Dem Art Quilt zugrunde liegt ein komplexes Sammelsurium traditionell gewach- sener Patchwork- und Quilttechniken, auf die die heutigen modernen Künstler zurückgreifen, weil sie sich bewährt haben - nicht allein aus ästhetischen Grün- den, sondern vor allem weil sie dem Medium der Aufteilung und Verarbeitung einer zweidimensionalen gestopften textilen Fläche absolut angemessen sind. Generationen von - zumeist weiblichen - Quilterinnen haben diese Techniken entwickelt. Beim Quilt wie beim Art Quilt verschmilzt Ästhetik mit Form und wird zu Funktion - drei Designkriterien sind erfüllt - wobei die Bildende Kunst sich lange gegen die Funktionalität des Art Quilts gewehrt hat.

Wie Quilts im Wandel der Zeiten sich immer mitgewandelt und dabei zusehends qualifiziert haben, ist natürlich die Art Quilt-Richtung keinesfalls als bloßer Rück- griff auf überlieferte Techniken, sondern durchaus als einschneidendes Moment eindeutig charakteristischer künstlerischer Weiterentwicklung zu sehen.

Der Öffentlichkeit offenbarte sich der Art Quilt erstmals Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts im Zuge der Pop-Kultur. Diesem Aufkeimen geht eine sehr alte textile Kultur voraus, die vielfältige Grundlagen der heutigen Kunstform bil- det. Die amerikanische Quiltkultur ist ein Melting-Pot verschiedenster Quiltkultu- ren - ob deutsch-, englisch-, französischstämmiger oder nativ-indianischer Art. Der Art Quilt soll als Produkt sowie als moderne kreative Weiterentwicklung die- ser Schmelznasse „amerikanischer Quilt“ verstanden werden, ein Produkt, das stets von Frauen weiterentwickelt wurde. Ob Hausfrauen, Farmersfrauen, Ami- sche, feine englische Ladies, Suffragetten oder arme Leute: Alle haben sich um die Entwicklung dieses Mediums verdient gemacht, alle haben dort mehr oder weniger versteckt ihre Kreativität ausgelebt, nicht wenige von ihnen haben un- bewusst und lange Zeit unerkannt in ihren „Steppdecken“ Werke von künstleri- scher Qualität geschaffen. Wie erstmals Jonathan Holstein und Gail Fraas in ihrer umwälzenden Ausstellung „Abstract Design in American Quilts“ 1971 im Whitney Museum NY klarmachten, sind dieselben alten amerikanischen Quilts tatsächlich als Kunst sehbar, bilden womöglich eine Basis all-amerikanischer Kunst- und Kulturerfahrung ab - vor allem der (nachweislich gar nicht so moder- nen) abstrakten amerikanischen Kunst. Holstein und Fraas zeigten, dass antike amerikanische Quilts abstrakte Qualitäten haben und führen die „moderne“ ame- rikanische abstrakte Kunst auf die Beeinflussung von Künstlern im selbstver- ständlichen Aufwachsen unter und zwischen amerikanischen Quilts zurück. Die kognitive Barriere, dass der Alltagsgegenstand „Quilt“ nicht Kunst sein kann, war in den Köpfen fest eingemauert. Zur Überwindung dieser Barriere wandten Hol- stein und Van der Hoof einen einfachen wie genialen „Trick“ an, um die Wahr- nehmung von Betrachter und Kunstwelt für das Medium „Quilt als Kunst“ zu öff- nen: Sie präsentierten Quilts, die auf Betten alltäglich „übersehen wurden“, hän- gend an der Wand wie ein Kunstwerk. Nun gingen die Augen auf, die abstrakte Qualität dieser antiken Steppdecken wurde erkannt und gewürdigt.

Durch die Hängung an die Wand - bis heute ein zentrales Definitionskriterium des Art Quilt - waren Quilts nun nicht nur der Alltagswahrnehmung enthoben, sondern auch ihrer alltäglichen Funktion: Die Entfunktionalisierung war ein weite- rer Schlüssel zum Einlass in die erhabene Kunstwelt, dem sich die Art Quilt- Szene gebeugt hat. Doch dies war eigentlich auch ein Verlust, die Möglichkeiten dieses warmen, sinnlichen Mediums zu unterdrücken. Einzelne Künstlerinnen setzen sich noch immer für die Anerkennung der Funktionalität von Quilts als textilem Material ein, doch steht die heutige Kunstwelt - im Gegensatz zu ande- ren Kunstrichtungen wie Jugendstil und Pop-Art/Fluxus - dem funktionalen All- tagsgegenstand immer noch misstrauisch gegenüber. Mit dem Argument „Funk- tionalität“ wird Quiltkunst zu bloßem Kunsthandwerk abgestuft. Es stellt sich die Frage, ob wir im Zeitalter der Postmoderne noch dazu gezwungen sind, Kunst unter einer derart einschränkenden Sichtweise zu sehen. Würde eine Aufnahme funktional-sinnlicher Kunstwerke in die Bildende Kunst nicht eine Bereicherung bedeuten?

Ein zentraler Punkt ist beim Thema Quilt durchzieht die gesamte Szene wie ein „Roter Faden“ und wird auch in der Quiltliteratur immer ausgeführt: das „Machen“ von Quilts. Quilts sind Mach-Arbeiten, „Selbst-Gemachtes“. Ihre Herstellung ist so zeitaufwendig, das es ohne „Charakter“ nicht geht: Geduld, Sorgfalt, Langmut und Leidenschaft in einem. Die handwerkliche Kenntnis und Fähigkeit, sowie die künstlerisch-kreative Seite bedingen sich gegenseitig. Es ist anzunehmen, dass jemand, der mit dem eher exotischen Medium Textil künstlerisch oder auch Kunsthandwerklich arbeitet, bereit ist, eine große Portion seelische Kraft in seine Arbeit zu investieren - Kraft, die man laut vielen KünstlerInnen, aus dieser Arbeit wieder schöpfen kann. Wie Michael James, einer der besten Quilter der Szene feststellt, machen Quilter Quilts, weil sie nicht anders können, als das zu tun, was sie seit ihrer Kindheit tun möchten: Nähen - textiles Material unter den Hän- den erschaffen und spüren, wie es anwächst - Langsamkeit, Versenkung - Me- ditation.

Und eine weitere - nahezu blasphemische - Frage taucht auf, der sich zumindest amerikanische Künstler stellen müssen: Ist die moderne abstrakte amerikanische Kunst des 20. Jahrhunderts wirklich so neu? Haben nicht die Vorfahren und ihre Quilts schon vor Jahrhunderten die gleiche abstrakte Kunstform geschaffen? Arbeiten wir amerikanischen Künstler heute abstrakte Kunst, weil wir - asl Nutzer von Quilts - unser ganzes Leben lang unbewusst, unter ihr geschlafen, uns an ihr gewärmt haben? Tragen wir bereits historisch gewachsene, ur-amerikanische Kultur nach außen, anstatt - wie wir es eigentlich vorhatten - Amerika einen Gegenspiegel vorzuhalten?

Obwohl nunmehr seit fünfzig Jahren in der Kunstszene präsent, befindet sich der Art Quilt heute noch immer im Kampf um eine gefestigte Stellung innerhalb der Bildenden Kunst. Seit Jahrzehnten versucht diese Kunstrichtung sich mittels wirklich hervorragender Arbeiten im breiten Öffentlichkeitsbild zu etablieren, erfährt jedoch stets eine Abdrängung in eine abgetrennte Randszene außerhalb des Kunstmarkts. Es stellt sich die Frage, woran das liegt.

Die feministische Sichtweise geht von einer systematischen Zugangserschwernis weiblicher Künstlerinnen und weiblicher Kunst in die Bereiche der Bildenden Kunst aus. Tatsächlich bringen die Traditionell weiblichen Techniken Nähen und Sticken als auch heute ein prozentuales Übermaß an weiblichen Quiltkünstlerin- nen hervor. Doch sind mitunter durchaus Männer anzutreffen, z.B. David Hor- nung, Duncan Slade, Tim Harding und Michael James, die hervorragend und voller Leidenschaft arbeiten, wobei James der als der beste Quilter der Welt gilt.

Es zeigt sich, dass die Kunstrichtung durchaus lebendig und diskussionswürdig ist. Die folgende Arbeit führt den Leser zuerst weit in die Vergangenheit, um die Tiefen zu erhellen, wo eine Fülle an Schätzen versteckt liegen: Auf das „Machen wird eingegangen, uralte gewachsene Techniken, von unseren Vorfahren entwi- ckelt. Gerade im Bereich Quilt des „Machens“ gilt nicht nur Ästhetik: auch die Feinheit des Handwerks entscheidet über den Wert eines Quilts und die Fähig- keit der Quilterin. Es gibt heute Quiltkünstler („Quilt artists“), die reine Designer sind, und so genannten „Quiltmachern“ das Nähen überlassen - wie z.B. auf der amerikanischen Ausstellung „The Artist and the Quilt“ gezeigt. Diese sind - wie ich finde - glücklicherweise in der Minderzahl. Der Großteil der KünstlerInnen näht u n d gestaltet mit Feuereifer selbst. Selbst AutorInnen von Fachliteratur, JurorInnen und KuratorInnen von Ausstellungen sind überwiegend selbst künst- lerisch-praktisch tätig.

Für den ästhetischen Bereich wird eine Unzahl von Quilt- und Patchwork- mustern, Block-, Lappen- und Streifentechniken, sowie Quiltformen und -stilen in ihrer Entwicklung aus den verschiedensten Kulturen und Zeiten aufgezeigt. Ne- ben der Funktionalität wird auch auf den sozialen Charakter von Quilts einge- gangen: „Quilting-Bees“ waren beliebte Veranstaltungen im sozialen Leben der Gemeindekultur.

Quilthistorisch besonders interessant ist die Verschmelzung der einstmals unter- schiedlichen Arbeiten der englischen, deutschen, französischen, niederländi- schen und spanischen Siedler und Pioniere zum „amerikanischen Quilt“. Dass Quilts auch stets wechselnden Moden unterlagen, zeigen z.B. die Quilts der 1920er bis 1940er Jahre, die teilweise den Jugendstil oder Art-Deco-Stil interpre- tieren. Anschließend wird auf den Art Quilt eingegangen, der im Zuge der Pop- Art und der amerikanischen Protest- und Hippiebewegung der 1960er Jahre ent- stand und sich seitdem stetig weiterentwickelt hat. Auf dieser breiten Basis soll letztendlich die permanente Gegenwartskunst vollständig verstanden werden.

Die derzeitige Quiltszene konzentriert sich noch immer auf die U.S.A., Künstler sind jedoch weltweit verstreut. Es gibt internationale Zentren, wie z.B. die Bien- nale „Quilt National“ in Athens, Ohio, oder die Universität Nebraska, wo Quilten Studienfach ist. In jüngster Zeit zieht die „Quilt Nihon Exhibition“ in Tokio immer mehr japanische Künstler mit in den internationalen Wettbewerb. In Deutschland ist die „Europäische Quilt-Triennale“ des Heidelberger „Textilmuseums Max Berk“ zentral, welches glücklicherweise ganz in unserer Nähe liegt. Der Kurato- rin, Frau Dr. Krisitine Scherer, möchte ich an dieser Stelle für Rat und Tat herz- lich danken.

Es gibt unzählige professionelle und semi-professionelle Künstler- wie auch Lai- engruppen und Vereine. Eine gute weltweite Vernetzung hat sich gegenwärtig über das Internet entwickelt und wird die Zukunft des Mediums mitbestimmen. Hier erhält man brandneue Informationen, die die schwer zugängliche Fachlitera- tur sinnvoll ergänzen kann. Daher werde ich wo es nötig und sinnvoll ist auf Quellen des Internet zugreifen.

I. Was ist ein Quilt?

1. Begriffliche Eingrenzung

1.1 Quilt. Funktion, Aufbau, Material

Die Definitionen von Quilts konzentrieren sich zumeist auf zwei Merkmale: Funktion und Aufbau.

Neben dem hohen Dekorationswert, der in allen Kulturen geschätzt wurde, und insbesondere im amerikanischen Bürgertum des 19. Jahrhunderts eine Blütezeit erlebte, stand gleichzeitig schon immer die Funktionalität im Zentrum.

Durch den Einbau einer luftigen Isolationsschicht zwischen zwei Stofflagen verstärkt sich als rein physikalische Wirkung das Vermögen, Wärme zu speichern und abzugeben. Zudem bildet die Wattierung einen guten Schutz gegen Druck und Aufprall. So waren die gequilteten Rüstungen der Sarazenen (vgl. II.1.2) den schweren europäischen Eisenrüstungen durchaus überlegen, und setzten daher Maßstäbe im europäischen Rüstungsbau.1

Petra Mattern-Pabel definiert einen Quilt als „eine Steppdecke […und hat…] die Funktion, gegen Kälte zu schützen. In Amerika ist er die gebräuchliche Bettde- cke“.2

Der Begriff „Quilt“ ist vom lateinischen „Culcita“ abgeleitet und bedeutet „vollgestopfter Sack“3. Das englische Verb „to quilt“ ist das Wort für „steppen“, was auf den Steppstich abhebt.

Andere Wege der Begriffsfassung heben verstärkt auf Herstellungstechniken ab. So statuiert Schnuppe v. Gwinner4, selbst Quiltkünstlerin und bekannte deutsche Fachjournalistin: „Beim Quilting, dem Steppen, werden drei Stofflagen, deren mittlere meistens eine Wattierung aus Wolle, Baumwolle oder anderen Materialien ist, durch fortlaufende Steppstiche zusammengehalten.“

Florian Hufnagl5 beschreibt Quilts ebenfalls als „eine ornamental gesteppte Bett- decke, welche aus verschiedenen Stoffen wie Baumwolle, Wolle, Seide, Samt

besteht“, geht aber sogleich auf Materialien und Machart ein: „[und] aus drei Stofflagen besteht: dem Unterstoff, einer Füllschicht aus Baumwolle, Wolle (vereinzelt auch aus altem Papier, z.B. von Briefen), und der Schau- oder Oberseite. Die zuerst fertig gestellte Schauseite zusammen mit der Füllung und der Unterseite auf einen Quiltrahmen gespannt und mit Tausenden feiner Stiche in vielfältigen Mustern zusammengesteppt - gequiltet“.

Die üblichen drei Lagen werden im Fachjargon auch als „Sandwich“ bezeichnet.6 Mattern-Pabel7 ergänzt, dass die Einlage traditioneller Quilts zumeist aus kardier- ter Schurwolle oder Baumwolle bestanden hat, sich die einfacheren Leute jedoch auch mit Papier, Zeitung, Federn, Blättern und Stroh behelfen mussten. Es wur- de z.T. alte Wollkleidung oder sogar alte Wollsocken verwendet. Die Quilts der Armenhäuser in England wurden mit Zeitungspapier gefüttert, das in Kattunbeu- tel eingenäht war - Laut Schnuppe v. Gwinner8 der Grund, warum der Patch- workquilt im Armenhaus bei Oliver Twists Geburt raschelte:

„As Oliver gave this first proof of the free and proper action of his lungs, the patchwork coverlet which was carelessly flung over the iron bedstead, rustled; the pale face of a young woman was raised feebly from the pillow; and a faint voice imperfectly articulated the words, ‘Let me see the child, and die.”9

Heute bestehen Quiltfüllungen zumeist aus Füllwatte, der so genannten Watteline, wodurch sie von geringerem Gewicht sind und sich die Bauschigkeit erhöht. Das Spektrum der Materialien hat sich Ende des 19. Jahrhunderts um die Kunstfaser erweitert. Aus der Quiltkunst ist mittlerweile eine unerschöpfliche Fülle experimenteller Materialien für das Quilttop bekannt.

Die klassisch-räumliche Aufteilung von Quilts bezieht normalerweise einen Mittelteil, sowie einen oder mehrere, mehr oder weniger breite, bzw. ausgearbeitete Randstreifen in die Gestaltung ein.

Die Schauseite ist häufig mittels Patchwork (vgl. I. 2.2) erstellt, wodurch der be- kannte Eindruck der Flickendecke entsteht, kann aber auch aus einem ganzen Tuch bestehen.

Die klassische Quiltgestaltung speist sich oft aus der bekannteren seriellen Wie- derholung gleicher Patchworkblöcke (Blockstil). Es gibt jedoch auch andere Aufteilungen der Decke (vgl. I.2.3). Randstreifen werden zum Teil ebenfalls aus Patchwork gefertigt, oder gequiltet und bestickt.

Über die fertigen zusammengehefteten Lagen wird nun mittels Quiltstichen ein Muster gelegt, das den typischen reliefartigen Steppcharakter von Quilts erzeugt (vgl. I.2.1.2).

2. Quilten: Das Handwerk

2.1 Der Quiltstich

Der handgearbeitete Quilt- oder Steppstich ist ein einfacher Vorstich. Durch ein- faches vorwärts gerichtetes Ein- und Ausstechen durch alle Quiltlagen (vgl. Abb.1) wird funktional Festigkeit, Zusammenhalt der Lagen sowie optisch der begehrte Reliefcharakter des Quiltmusters erzielt. Der Quiltstich sollte fein aus- geführt werden, doch spricht nichts dagegen, besonders bei dünnen Lagen mit einem Stich zugleich 2-3 Stiche aufzunehmen. Besonders akkurat, und vor allem für sehr dicke Quilts geeignet ist die zeitaufwendige „Up and Down Method“, bei welcher die Quilterin jeweils nur einmal senkrecht von oben nach unten und dann von der Unterseite her einstechend, senkrecht nach oben sticht.10 Beim ersten Einstich soll der Faden so gezogen werden, dass das Knötchen am Fadenende unsichtbar zwischen den Lagen verschwindet.

2.1.1 Das Handquilten

Viele Autoren empfehlen, für das Handquilten einen Quiltrahmen oder -reifen zu verwenden. Dieser Rahmen ähnelt einem großen stabileren Stickrahmen, rund, meist aus Holz oder ein rechteckiger Stangenrahmen. Es gibt auch so genannte „Sit-Upons“ - praktische halbhohe Rahmen auf Ständern zum bequemen Davor- sitzen und Durchziehen des Quilts während des Quiltens. Zur weiteren Ausstat- tung für das Handquilten gibt es ein spezielles, stärkeres Quiltgarn.

Vor dem eigentlichen Quilten werden die Stofflagen vorbereitet. Bei der Arbeit mit komplizierten Mustern oder Musterschablonen empfiehlt es sich, den Ober- stoff vorher mit der Vorlage zu bedrucken oder das Muster aufzuzeichnen. Der fertig gestaltete Oberstoff wird in „Sandwichtechnik“ auf die Wattierung und den Unterstoff gelegt und glatt gestrichen. Um Falten und Knicke zu vermeiden, wer- den alle Lagen von der Mitte her in einem diagonalen Kreuz zu den Ecken hin locker mit Heftfaden zusammengeheftet. Anschließend wird ebenfalls von der Mitte ausgehend gequiltet.

Die deutsche Quilterin Alexandra Stracke, die rein gequiltete Whole-Cloth-Quilts anfertigt (ganzes Tuch gequiltet, ohne Patchwork), beschreibt in ihrem OnlineQuilt-Forum das Handquilten:

„Die Länge des Quiltstichs wird durch das verwendete Material wie die Stärke der Füllung und des Stoffes ebenso beeinflusst, wie durch die Fertigkeiten des Quilters. Je feiner und gleichmäßiger der Stich, desto weicher und genauer können auch kleinste Ornamente sichtbar gemacht und herausgearbeitet werden. Es erfordert neben viel Erfahrung und Übung auch Talent, die gewünschten Effekte und Kontraste mit Hilfe der Quiltkunst herauszuarbeiten. Der Wert einer Quiltarbeit wird neben dem Design auch an der Anzahl der sicht- baren Stiche pro Zentimeter oder Inch (2,54 cm) gemessen“.12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1a o.: Quiltstich / Vorstich11

Abb.1b u.: Unsichtbarer Stich zum Säumen

Beim Quilten mit der Nähmaschine wird meist der einfache Steppstich verwen- det. Es gibt auch spezielle Quilt-Nähmaschinen, die über eine größere Varietät von Stepp- und Stickstichen verfügen. Wer solch ein Spezialgerät nicht besitzt, kann sich beim Maschinenquilten mit dem Stopffuss behelfen, rät Kaffe Fassett, ein bekannter Quilt- und Strickdesigner, der in seinen Büchern u.a. seine subtilen Designs zum Nachnähen anbietet.13

Beim freien Maschinenquilten können auch Anfänger ein schönes Ergebnis erzielen: Hier werden einfach viele schlangenförmige Wellenlinien Flächendeckend über die Oberfläche genäht.

2.1.2 Quiltmuster

Das Quiltmuster veredelt die fertige Decke durch seine Plastizität als eigenständiges Reliefartiges Muster im Spiel von Licht und Schatten.

Es gibt sehr alte Quiltmuster, die von Generation zu Generation weitergegeben und weiterentwickelt wurden. Häufig findet man Spiegelgleiche, symmetrische, sich wiederholende Musterblöcke, was meist durch die Schablonen bedingt ist, die geometrisch angelegt sind. Neben geometrischen gibt es auch florale Struk- turen. Nach der klassischen Einteilung des Quilts in Center (Mittelteil) und Border (Rand), oder gleichgroße Musterblockserien gibt es „Over-All“-Quiltmuster für große Flächen: häufig Muscheln, Blätter, Rauten, des Weiteren spezielle Quilt- muster für den Rand (s. Abb. 10a und b). Besonders eindrucksvoll zeigen sich Quiltmuster auf den so genannten „Whole-Cloth-Quilts“ (vgl. Abb.9 und 21), oder (bei den Amischen) auch „Plain Quilts“.

Grundsätzlich sind der Phantasie in Bezug auf Muster kaum Grenzen gesetzt. Anregungen findet ein kreativer und künstlerisch arbeitender Quilter überall: in der Natur, in Fußbodenmosaiken, geschnitzten Antiquitäten, alten Fayencen, der Geometrie und in der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt. Die Kunst des Quil- tens liegt in der Kombination aus Kontrast, Wiederholung und Balance.14

Quiltlinienmuster folgen in ihrer einfachsten Form den figuralen Formen der Patchworkteile. So wird maximale Plastizität eines Patchworkmusters erzielt, wenn beispielsweise kleinste Quadrate oder Dreiecke an den Nahtlinien durch den Quiltstich hervorgehoben werden.

Das so genannte „In-der-Naht-Quilten“15 kann, dem Patchworkmuster folgend, fast unsichtbar in den Nahtlinien der einzelnen Patches, Blöcke und Streifen erfolgen, als auch wenige Millimeter neben der Naht entlanglaufend, wodurch der Quiltstich sichtbarer wird. Das Quilten nahe neben der Naht zeigt vor allem bei Handgequilteten oder bestickten Quiltlinien den wertvollen Charakter. Es kann auch über die Nähte hinweg gequiltet werden, um dem Muster der Decke ein davon getrenntes Quiltmuster aufzubringen.

Ein weiterer praktischer Aspekt: Das Quilten diagonaler, Kreis- und Wellenförmiger Steppnähte verleiht den Stoffen eine größere Festigkeit, als das Quilten parallel zur Geweberichtung.16

2.1.3 Stickmuster

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1c: Neben dem

Quiltstich (Abb.1a)

werden Quilts bis- weilen auch kompli- ziertere aufgestickte Stickmotive aufge- geben. Die Verede- lung durch Stick- muster macht diese Quilts sehr wertvoll. Es gibt eine Fülle klassischer Muster, die zum Großteil im 18. Jahrhundert im amerikanischen Bürgertum während der Kolonialzeit entstanden.

2.2 Patchwork

Die Vorstellungen, was eigentlich ein Quilt ist, gehen besonders außerhalb des anglo-amerikanischen Raumes sehr auseinander. Im europäischen Verständnis wird der Begriff sehr häufig mit Patchwork gleichgesetzt. Dies ist umso überra- schender, da in den USA der Quiltbegriff dem Patchwork übergeordnet ist und das Patchwork nicht der eigentliche Teil des Quiltens ist, genau genommen so- gar verzichtbar.

Es gibt Quilts, die ohne jedes Patchwork erstellt wurden, die sog. „Whole-Cloth- Quilts“17, die aus einem einzigen großen Tuch gequiltet sind. Patchwork ist häufig nur ein Aspekt künstlerischer Arbeit - und doch werden die meisten Quilts mittels Patchworktechniken hergestellt.

Der Begriff Patchwork scheint gängiger zu sein, wird verbunden mit nordameri- kanischer Siedlerromantik und den farbenfrohen Bettdecken, die man aus Wild- West-Filmen kennt,18 und ist uns bekannt aus der Patchworkmode, ein Trend der Anti-Mode der 60er Jahre, der seitdem wiederkehrender Bestandteil westlicher Mode ist (s. Abb. 45).

Das Patchwork ist nichts anderes, als das Aneinander- und Aufeinandernähen kleiner Stoffstücke. In Übersetzung des englischen Wortes kann man die Technik nicht sehr schmeichelhaft auch als „Flickwerk“ oder „Lappenarbeit“ bezeichnen. Ende des 19. Jh. bürgerte sich auch der Begriff „Mosaikarbeit“ ein.19.

Das Patchwork bedingt die bekannt flickenhaft-bunte Zusammensetzung der meisten Quilttops. Früher diente dies einer praktischen Philosophie: der Verwertung kleinster Reste meist abgetragener Kleidung. Heute wird die Patchworktechnik verwendet, um eine interessante Oberfläche herzustellen.

Grob kann man Patchwork nach den im Folgenden beschriebenen drei Gestaltungsmethoden unterscheiden. Diese bilden die grundlegende Verarbeitungsbasis klassischer Quilts, werden - neben innovativen Techniken - auch zur Art Quilt-Gestaltung verwendet.

2.2.1 Pieced Work

Unter den eigentlichen Patchwork-Quilts ist vor allem der Piecework- oder Pie- ced-Work-Quilt der Verbreitetste und Typischste für den nordamerikanischen Kulturraum20. Der Begriff „Piecework“ wird im Amerikanischen synonym für „Patchwork“ verwendet. Der Oberstoff wird hier aus kleinen Stoffstücken gestal- tet, die mit der Hand oder der Maschine mosaikartig an den Nähten zusammen- genäht werden. Meist werden dabei geometrische Stoffteilchen verwendet, damit das Muster - auf eine meist quadratische Form angemessen - aufgeht. Die Ami- schen verwendeten ausschließlich Piecework, da es ihrem moralischen An- spruch von Nützlichkeit und Resteverwertung entspricht.

2.2.2 Appliqué/Applikation

Eine weitere Art, Patchwork herzustellen, ist die Appliqué-Technik. Der Oberstoff besteht meist aus einem durchgehenden Grundstoff, auf den sich farblich abhebende Stoffstücke appliziert (flach aufgenäht) werden.

Nachdem die Applikation angeheftet wurde, kann ebenfalls ein Quiltstich darüber gelegt werden. Eine andere Möglichkeit, die Applikation auf die Schauseite zu heften, geschieht mittels sichtbaren Zierstichen. Dafür wird häufig der Knötchen- stich oder auch Knopflochstich benutzt, oder auch auf die Fülle von Stick- und Zierstichen zurückgegriffen.

Zum Anheften der Applikation mit der Hand auf die Schauseite wird der Blind- stich eingesetzt, der - ideal gearbeitet - auf der Vorderseite am Applikationsrand unsichtbar ist. Es wird unter der Applika- tion durch die Schauseite eingestochen.

Der Ausstich erfolgt am äußersten Rand der applizierten Figur, wobei nur 1-2 Fä- den aufgenommen werden, bevor unter- halb der Applikation unsichtbar wieder durch die Schauseite eingestochen und die Nadel nach oben geführt wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Blind- oder Appliqué-Stich21

2.2.3 Papier- oder Schablonentechnik

Die englische Papiertechnik ist die klassische Technik des traditionellen amerikanischen Patchwork. Hier werden Musterschablonen aus Papier vorgeschnitten und auf der Quiltrückseite mit eingenäht. Der Stoff wird dabei bindig um die Schablone gelegt und die beiden Teile mit kleinsten überwendlichen Stichen verbunden. Auf diese Weise ist ein Mustergenaues Arbeiten möglich. Ist die Schauseite komplett, können die Papiervorlagen entfernt und der Quilt weiterverarbeitet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: “Star of Bethlehem”. New England, ca. 1850. Baumwolle. In Handarbeit gepieced und gequiltet. 94,5”x93”. Zentrales Sternmedaillon nach der Englischen Papiermethode im “Sunburst”-Muster gearbeitet.

2.3 Den Quilt aufbauen

Grundsätzlich können Quilts nach ihrer Machart in zwei Typen aufgeteilt werden: Neben der Arbeit einer ganzen Decke aus mehr oder weniger großen Teilen von der Mitte her gibt es das Zusammensetzen der Decke aus Teilen: Große Decken- viel übersichtlicher und komfortabler - zuerst in kleinen Teilen arbeiten, anschließend zur fertigen Decke zusammensetzen. Bei beiden Aufbauformen können Techniken wie Blockstil, Streifentechnik, Applikationen, Scrap-Techniken (z.B. Crazy, Log Cabin) zum Einsatz kommen.

2.3.1 Arbeiten aus der Mitte

Wer heute einen Pieced Quilt aus der Mitte arbeitet, bedient sich häufig der englischen -Papiertechnik. Diese ist eine recht aufwendige Handarbeit. Muster wie “Sunburst” (Abb. 3), das sind aus der Mitte nach außen zusammengesetzte Rauten, zumeist in hell-dunkelen (“Sunshine&Shadow-”, Abb. 39) Anordnungen; oder “Tumbling Blocks” bzw. “Babyblocks”-Muster (räumliche “3-D-Bauklötze”) werden heute noch mit dieser Methode gearbeitet, wobei für das Sunburst- Muster auch die einfache Streifentechnik zur Verfügung steht. Einfacher ist die Arbeit mit sehr großen Teilen, wie bei den Amischen Quilts “Center Square” oder “Diamond” (Abb.27) oder auch den vorwiegend englisch inspirierten “Medaillon- “Quilts (Abb. 20). Die Arbeit auf einer ganzen Decke , ob als Whole-Cloth, oder im Applikationsstil gilt nicht als Pieced Quilt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Blockmuster

2.3.2 Blockstil

Verbreitet ist die Arbeit mit einzelnen Blöcken, die seriell zu einem großen Bild aneinander geheftet werden. Diese Blöcke sind meist gleichförmig, was das gleichzeitige Zuschneiden mehrerer Teile auf einmal aus dem gefalteten Stoff beschleunigt. Beim Freundschafts- oder Albumquilt (vgl. Abb. 25) besteht ein quilt aus ganz unterschiedlichen Blöcken. Im Laufe der Jahrhunderte entstand eine umfangreiche Sammlung an Blockmustern, die über Generationen von Quilterinnen weitergegeben und weiterentwickelt wurden. Viele davon sind heute Klassisker, auf denen die Quiltgestaltung - ob modern oder klassisch gründet. Die meisten gepiecten Blockmuster beruhen auf geometrischen Grundlagen, andere werden ganz oder teil-appliziert. Die typischen Blockmuster wirken durch die serielle Anordnung gleicher Blöcke beruhend auf dem Konzept der repetierten Einheit.22

2.3.3 Streifentechniken
2.3.3.1 Seminole-Patchwork

Solange die Papiertechnik vor allem in England und im 18. und 19. Jh. Auch in den USA von fleißigen Händen praktiziert wurde, so umständlich war sie auch. Da Quilten in vielen Kulturen, so auch bei den indianischen Ureinwohnern, vornehmlich den Sioux der Plains (“Morning Star”-Muster) und auch den Hopi Amerikas verbreitet war, konnten die amerikanischen Pioniere auch von ihren indianischen Nachbarn neue Techniken und Gestaltungsmöglichkeiten erlernen. Besonders der Stamm der Seminole-Indianer aus Florida hatte eine einfache Technik entwickelt, mosaikartige Quilts aus geometrischen Drei- und Vierecken zeitsparend herzustellen. Ursprünglich hatten Seminole-Frauen schadhafte Textilien in Streifen gerissen und diese Streifen wieder aneinandergenäht. Indem diese aneinandergenähten (mehrfarbigen) vertikalen Streifen wiederum in horizontale Streifen geschnitten werden, erhält man das typische Seminole- Schachbrett. Durch nunmehr vertikales Zerschneiden ergeben sich Rauten und Dreiecke. Als die Seminole über Nähmaschinen verfügten, entwickelten sie mit ihrer Technik eine Fülle von Designs in ihren Native American Quilts. Diese zeitsparende Nähmaschinentechnik hat sich heute weltweit als verbreitete Quilttechnik durchgesetzt.23

2.3.3.2 Bargello-Technik

Die Bargello-Technik des Quiltens basiert auf der gleichnamigen Florentiner Stickerei, auch Ungarischer Stich genannt. Bei dieser bereits in der Renaissance bekannten Form des Gobelinstiches wird ein sehr attraktives modernistisch anmutendes Stickbild erzeugt, das an fließende Wellen oder Kurven erinnert.

Beim Quilten kann man dieses Bild erzielen, indem man mittels Seminole- Schachbrett die Farbigkeit so anordnet, dass streifige Wellenmuster entstehen, oder noch besser die Streifen nicht Ecke an Ecke, sondern die Quadrat- Oberkanten des folgenden Steifens versetzt auf der halben (mittigen) Höhe eines halben Vierecks des vorhergehenden Streifens anordnet. So erzielt man einen fließenden Verlauf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5: “Fireflies”. Bargello-Quilt. Marge Edie 1993, Clemson, South Carolina, 56”x64inches. Artist Statement: “Der Quilt lenkt das Auge des Betrachters in großen Kurven, vergleichbar dem Flug von Libellen im Dunst.”24

2.3.4 Scrap-Quilten

Die Technik des Scrap-Quiltens hängt eng mit den Lappenarbeiten des frühen “Flickwerks” zusammen. Die gepiecete Patchworktechnik funktioniert ganz einfach: Flicken werden rechts auf rechts übereinandergelegt, an einer Naht zusammengesteppt und auseinandergelegt. So weiter verfahren, erhält man eine Mustertypische Flickendecke, die anschließend gequiltet werden kann.

2.3.4.1 Crazy

Mit der Zeit wurde diese Technik verfeinert, so dass man angemessene Verarbeitungsmuster entwickelte, die man zum Teil auch im Blockstil arbeitete. Etwa funktioniert die bekannte “Crazy”-Technik genau wie unter 2.3.4 beschrieben, mit dem Unterschied, dass man mit der Blocktechnik arbeiten kann. So wird die Arbeit kleinteiliger und übersichtlicher und es entstehen keine oben liegenden Nähte. Der freien, scheinbar unkontrollierten Flickenform wird nochmals eine Struktur durch Blockquadrate auferlegt, was den Reiz einer solchen Decke steigert. Im spannenden Gegensatz zum einfachen und schnellen Lumpenlook-Patchwork sind Crazy-Quilts oft feinst gequiltet und bestickt. In den 1870er Jahren gab es vor allem in englischstämmigen Kreisen der U.S.A. eine große Crazy-Mode. Die Crazies dieser Zeit wurden selten gequiltet, da aus feinsten Seiden und Brokaten hergestellt.

Ein Crazy-Muster kann mit völlig freien Stoffetzen gequiltet werden (“Quilt-as- you-go”) oder auch mit im Voraus geplanten, in Form geschnittenen Patches, so dass alle fertigen Blöcke gleich sind. Dabei soll das Muster so angelegt sein, dass alle Teile nach fester Reihenfolge übereinanderliegen, ohne obenliegende Nähte zu zeigen. Dies erfordert eine räumliche Vorstellungsleistung und eine Entwurfszeichnung. Man arbeitet es von der Blockmitte heraus über ein “Auge” (Abb. 7.: mittleres grünes Vieleck). Werden vier gleiche Blöcke symmetrisch zusammengesetzt, erhält man ein “Kaleidoskop”(s. Abb.7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.7: Crazy-Block25

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.6: Mary M. Hernandred Ricard: “My Crazy Dream”. Boston and Haverhill, Massachusetts. 1877 - 1912. Seide, Piecework, Handbestickt. 74x68,5 inches. Ausgefallene Arbeit. Signiert (u.l. Ecke) mit Phototransfer (Bügeleisen, u.r. Ecke) übertragenes Photo der Schöpferin26

2.3.4.2 Log-Cabin

Das Log-Cabin, die so genannte “Blockhütte” oder auch “Holzstube” (Amischer Ausdruck) stellt bedeutungsmäßig die Stube der Blockhütte dar, in deren Mitte das “Herdfeuer” (das quadratische “Auge” in der Blockmitte) brennt. Besonders interessant in diesem Zusammenhang: Werden vier gleiche geplante Log-Cabin- Blöcke spiegelsymmetrisch zusammengesetzt, ergibt sich auch hier ein attraktiver Kaleidoskop-Effekt (z.B. Kreuzmuster, wie Abb. 8), wobei man beim Spiel mit Farben interessante Variationen erzielen kann.

Während die Verarbeitungstechnik die Gleiche ist, werden hier im Unterschied zum “Crazy” keine freien Patchformen, sondern zugeschnittene Streifen um ein mittleres quadratisches “Auge” geordnet. Dabei werden -wie beim Crazy- die Streifen rechts auf rechts vom inneren Auge her aufeinandergelegt, festgesteppt und nach außen gelegt, so dass sich eine Art quadratische Spiralform ergibt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.8: Log-Cabin-Quilt aus der

Sammlung Jonathan Holstein/Gail Fraas. Unbekannte Quilterin. Wegen der auffälligen Helligkeitskontraste genannt “Sunshine & Shadow”. Pennsylvania, ca. 1900. 67,5x69,5” 27

2.3.5 Whole-Cloth

Beim Whole-Cloth kann nicht im eigentlichen Sinn von einem Patchworkquilt gesprochen werden. Er besteht nicht aus kleinen „Patches“ (Flicken), sondern aus je einem großen, meist einteiligen und unifarbenen Ober- und Unterstoff. Beim Whole-Cloth entwickelt sich der Reiz vielmehr über die Plastizität der Quilt- linien, die der Decke aufgegeben werden, bzw. auch über zusätzliche Stickerei- en. Durch helle Unifarben, vornehmlich Weiß, auf der ansonsten puren Fläche, wird die Plastizität des Reliefs gesteigert und das Auge auf die Quiltsteppereien und Stickereien, bisweilen auch Zierart, Spitzen oder Rüschen, gelenkt. Eine besonders verbreitete Whole-Cloth-Stilrichtung findet sich in den Linsey- Woolsey-Quilts, aus feinem wollenem Material namens „Linsey-Woolsey“, sowie den anglo-amerikanischen Paradestücken, den so genannten „Whitework-Quilts“ der englischen Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts28. Bei der „Broderie Per- se“, wie sie von irischen Einwanderern eingeführt wurde, amerikanisch auch „Tufting“ genannt, werden zumeist weiße, sehr leichte, bisweilen zusätzlich ge- chintzte Stoffe in das Oberflächenrelief eingearbeitet, um ein hohes Relief zu erzielen, das durch die zarten leichten Füllungen nicht so schwer lastet, wie die bei vielen Quilts üblich ist. Da die zarten, leichten Chintz-Füllungen relativ teuer waren, demonstrierten die Familien damit gleichzeitig den Wohlstand ihres Hau- ses. Die traditionellen Steppmuster (s. II.3.3.3 Amisch) zeigen meist einfache geometrische „All-Cover-Muster“29, wie Treppen, Rauten, Muscheln für ruhige größere Flächen, sowie akzentuierte Quiltflächen mit modischen ornamentalen Formen der Natur: Blumen, exotische Ananas und Palmblätter, Trauben, Ranken und Federn, häufig mittels vorbereiteter Quiltschablonen gequiltet. Die Wurzeln liegen unübersehbar bei den „Marseille-Quilts“ und der italienischen Trapunto- Methode (s. Kap. II, 2.1.3). Bei den Amischen wurde diese Stilart auch als „Plain Quilt“ bekannt (vgl. Kap.II, 3.3.3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.9: “Tufted Can- dlewick Quilt”. Vir- ginia, um 1820. Handgenähte Baum- wolle, Handgetuftet. 98x90 inches. Frühe Weißarbeit des Sü- dens. Coverlet in T- Form für „Four- Poster-Bed“. Technik: „Candlewicking“ („Kerzenziehen“): Als Einlage für das dra- matische umstickte Relief wurden dicke Baumwollstränge - Kerzendochten ver- gleichbar - einge- stickt, ähnlich der Trapunto-Technik30

[...]


1 Gwinner, Schnuppe v. 1987, S. 12

2 Mattern-Pabel, Petra 1981, S. 11

3 ebd.

4 Gwinner Schnuppe v. 1987, S. 12

5 Hufnagl, Florian 1991, S. 16

6 Staub-Wachsmuth, Brigitte, S. 18

7 Gwinner, Schnuppe v., 1981, S. 18

8 ebd., zit nach Averil Colby, Patchwork, London 1958, S. 86/87

9 Dickens, Charles (1837/39). Oliver Twist. Woodsworth Classics. 1992 (2000).

10 Ickis, Marguerite, 1949, S. 178

11 Bild- und Textquelle: Ickis, Marguerite, S. 12

12 Stracke, Andrea, www.quiltkunst.de

13 Fassett, Kaffe, 2005, S. 112

14 ebd.

15 ebd., S. 114

16 Gwinner, Schnuppe v., 1987, S. 12

17 Gwinner, Schnuppe v. 1987, S. 18

18 ebd., S. 9

19 ebd., S. 19

20 Mattern-Pabel, 1981, S. 11

21 Bildquelle: Ickis, Marguerite, 1949, S. 18

22 Bildquelle: Walker, Michèle, 1986, S. 54

23 Downs, Dorothy, 2005

24 Edie, Marge, 1994, S. 72

25 Bildquelle: Google

26 Bildquelle: Shaw, Richard, 2007, S. 145

27 Bildquelle: Holstein, Jonathan, 1991, S. 38.

28 Gwinner, Schnuppe v. 1987, S. 81

29 Ickis, Marquerite, 1949, S. 148 ff.

30 Bildquelle: Shaw, Richard, 2007, S. 33

Ende der Leseprobe aus 116 Seiten

Details

Titel
Vom Quilt zum Art Quilt: Ein Weg von tausend Jahren
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Bildende Kunst und Kunstwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
116
Katalognummer
V197988
ISBN (eBook)
9783656240471
ISBN (Buch)
9783656240655
Dateigröße
13893 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, quilts, handwerk, kunst
Arbeit zitieren
Edith Vierling (Autor), 2011, Vom Quilt zum Art Quilt: Ein Weg von tausend Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197988

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