Maßnahmen aus der Musikerziehung als mögliche Förderung verhaltensauffälliger Kinder im Volksschulbereich


Diplomarbeit, 2001
146 Seiten, Note: Sehr gut (1)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Lehrplanbezug
1. 1. Grobziele
1. 2. Didaktische Grundsätze

2. Musik
2. 1. Definition
2. 2. Überblick über die Rolle der Musik in unserem Alltag
2. 3. Das Geräusch – die Musik
2. 4. Hirnforschung
2. 5. Die Musik und ihre allgemeinen psychologischen Wirkungen
2. 6. Wirkungen der Klänge
2. 7. Das Anhören von Musik
2. 8. Die Beziehung zwischen Musik und Körper
2. 8. Auswirkungen der Musik auf unsere Emotionen und unser Denken
2. 9. Welche Ansatzpunkte für heilsame psychische und vegetative Wirkungen birgt die Musik?
2. 10. Auf welche Art und Weise können wir mit der Musik unsere Gesundheit steigern?

3. Die Musiktherapie
3. 1. Definition
3. 1. 1. Erläuterungen zur Definition
3. 2. Die historische Entwicklung der Musiktherapie
3. 2. 1. Urzeit – Urmusik
3. 2. 2. Antike
3. 2. 3. Mittelalter
3. 2. 4. Neuzeit
3. 3. Formen der Musiktherapie
3. 3. 1. Rezeptive Musiktherapie
3. 3. 2. Produktive Musiktherapie
3. 4. Zielsetzung der musiktherapeutischen Behandlung
3. 5. Eigenschaften der Musiktherapie
3. 6. Der falsche Gebrauch der Musik und der Musiktherapie
3. 7. Die Orff-Musiktherapie

4. Verhaltensauffälligkeiten
4. 1. Definition
4. 1. 1. Begriffliche Unterschiede
4. 2. Zur Ursachenfrage
4. 2. 1. Der Komplex endogener Ursachen
4. 2. 2. Der Komplex exogener Ursachen
4. 2. 2. 1. Die Familie
4. 2. 2. 2. Der Erziehungsstil
4. 2. 2. 3. Ungünstige sozioökonomische Verhältnisse
4. 2. 2. 4. Die Schulsituation
4. 2. 2. 5. Zeitgeist und Gesellschaftsstruktur
4. 2. 3. Theoretische Erklärungsmodelle zur Ursachenfrage
4. 2. 3. 1. Tiefenpsychologische Erklärungsversuche
4. 2. 3. 1. 1. Die psychoanalytische Erklärung (nach Freud)
4. 2. 3. 1. 2. Die individualpsychologische Erklärung (nach Adler)
4. 2. 3. 1. 3. Lerntheoretische Erklärungsmodelle
4. 3. Arten der Verhaltensstörungen
4. 4. Zentrale und häufige Verhaltensstörungen
4. 4. 1. Konzentrationsschwierigkeiten
4. 5. Konzentrationsschwäche (allgemein)
4. 5. 1. Definition
4. 5. 2. Beschreibung und Symptomatik
4. 5. 3. Ursachen und Hintergründe
4. 5. 3. 1. Somatische Ursachen
4. 5. 3. 2. Erziehungsbedingungen
4. 5. 3. 3. Umweltbedingte Schädigungen
4. 5. 4. Diagnosestellung und Untersuchungsverfahren
4. 5. 5. Pädagogische Hilfen und Hinweise für den Lehrer
4. 5. 5. 1. Allgemein pädagogische Ansätze
4. 5. 5. 2. Unterrichtshygienische Maßnahmen
4. 5. 5. 3. Übungen und Spiele zum Konzentrationstraining
4. 5. 5. 4. Ärztliche und psychologische Therapie
4. 6. Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom
4. 6. 1. Definition
4. 6. 2. Beschreibung und Symptomatik
4. 6. 3. Ursachen und Hintergründe:
4. 6. 4. Die Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndroms
4. 6. 4. 1. Die Behandlung des ADS mit Stimulantien und anderen Medikamenten
4. 6. 4. 2. Die Häufigkeit der medikamentösen Behandlung
4. 6. 4. 3. Die Wirkung der Stimulantien
4. 6. 4. 4. Die Dauer der Behandlung
4. 6. 5. Pädagogische Hinweise und Hilfen für den Lehrer
4. 6. 5. 1. Weitere pädagogische Hilfen
4. 6. 6. Die Bedeutung der Musik für das hyperaktive Kind
4. 7. Aggression
4. 7. 1. Definition
4. 7. 2. Beschreibung und Symptomatik
4. 7. 2. 1. Formen der Aggression
4. 7. 2. 2. Aggressionen im schulischen und außerschulischen Bereich
4. 7. 3. Ursachenmodelle von aggressiven Verhaltensweisen
4. 7. 3. 1. Aggression als angeborener Trieb (Freud, Lorenz)
4. 7. 3. 2. Aggression als Reaktion auf Frustration (Freud, Dollard)
4. 7. 3. 3. Aggression als erlerntes Verhalten (Bandura, Selg)
4. 7. 4. Schulische und außerschulische Ursachen
4. 7. 4. 1. Außerschulische Ursachen
4. 7. 4. 2. Schulische Ursachen
4. 7. 5. Untersuchungsverfahren und Diagnose
4. 7. 6. Pädagogische Hilfen und Hinweise für den Lehrer
4. 7. 6. 1. Pädagogische Konsequenzen aus den Theoriemodellen der Aggression
4. 7. 6. 2. Konkrete Hilfen zur Aggressionsbewältigung
4. 7. 6. 3. Weitere pädagogische Hilfen
4. 7. 7. Wirkung und Verwendung der Musik im Unterricht bei aggressiven Kindern
4. 7. 7. 1. Inhaltliche Schwerpunkte der Stunden
4. 7. 7. 2. Zusammenfassung

5. Die Umsetzung im Unterricht
5. 1. Die musikalische Sensibilität von Kindern
5. 2. Wie verhaltensauffällige Kinder von Musik profitieren können
5. 3. Möglichkeiten des Mittels Musik
5. 4. Methodische Hinweise
5. 5. Musik machen – Musizieren
5. 6. Die Stimme des Lehrers und sein musikalisches Können
5. 7. Die Musiziergruppe
5. 8. Material für Gruppenarbeit
5. 9. Zusammenfassung der Fragebögen
5. 9. 1. Fragebogen
5. 9. 2. Zusammenfassung der Antworten auf den Fragebogen
5. 10. Musikalische Spiele aus der produktiven Musiktherapie
5. 10. 1. Imitation
5. 10. 2. Nachahmung von vorgegebenen musikalischen Strukturen
5. 10. 3. Illustration
5. 10. 3. 1. Musikalische Nach- und Mitvollzug im melodisch oder rhythmisch vorgegebenen Rahmen
5. 10. 3. 2. Wechsel-, Kontrast- und Interaktionsspiele
5. 11. Umsetzung der Improvisation im Musikunterricht
5. 11. 1. Instrumente die für die Improvisation geeignet sind
5. 11. 2. Improvisierende Spiele
5. 11. 2. 1. DUO in der Gruppe
5. 11. 2. 2. Suchspiel „Laut-leise“
5. 11. 2. 3. Selbst erfundene Geschichten werden instrumental und vokal inszeniert
5. 11. 2. 4. Ich gehe durch eine fremde Stadt
5. 11. 2. 5. Musikalisches Selbstportrait
5. 11. 2. 6. Partei ergreifen
5. 11. 2. 7. Kontakte und Reaktionen
5. 11. 2. 8. Allgemeine Hinweise
5. 11. 3. Die besondere Wirkung der Trommel
5. 11. 3. 1. Die Wirkung der Trommel
Improvisationsspiele mit der Trommel
5. 11. 3. 1. 1. Die Trommelbühne
5. 11. 3. 1. 2. Stopptrommeln
5. 11. 3. 1. 3. Imitationsstrommeln
5. 12. Der Wunsch nach Entspannung
5. 12. 1. Entspannung, Tiefenentspannung, Beruhigung
5. 12. 1. 1. Entspannung
5. 12. 1. 2. Tiefenentspannung
5. 12. 1. 3. Beruhigung und Glättung
5. 12. 2. Musikalische Traumreisen - Eine spezielle Form der Entspannung im Unterricht bei Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten
5. 12. 2. 1. Allgemeines zu den Musikalischen Traumreisen
5. 12. 2. 2. Klassische Entspannungsverfahren im Überblick
5. 12. 2. 3. Methodische Umsetzungsmöglichkeiten

Schlusswort

Erklärung

Literaturverzeichnis

Anhang
Connersfragebogen
Antworten der Musiktherapeuten

Vorwort

Da mich persönlich die Bereiche Musik und Psychologie sehr interessieren, stand für mich fest, eine Kombination aus beiden zum Thema meiner Arbeit zu machen.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich bestätigen, dass Musik besondere Eigenschaften besitzt. Ich beschäftige mich gerne mit Musik, sowohl aktiv als auch passiv.

Musik setzt Gefühle frei, Emotionen werden ausgelöst, Kreativität, Kommunikation etc. werden gefördert.

In der Schulpraxis sehe ich, dass es fast der Regelfall ist mindestens ein verhaltensauffälliges Kind in der Klasse zu haben. Oft steht man dieser Situation hilflos gegenüber.

Dem wollte ich Abhilfe schaffen. Ich habe mir überlegt, wie man verhaltensauffälligen Kindern im Unterricht helfen kann. So bin ich auf das „Mittel Musiktherapie“ gestoßen und habe befunden, dass es wichtig ist Musik im Unterricht wieder „lebendig“ zu machen. Eine genauere Erklärung dazu folgt in der Einleitung.

Da die herangezogene Literatur in der Regel wenig Ansätze zu einer praktischen Anwendung der Musiktherapie im Schulunterricht bietet, habe ich namhafte praktizierende Musiktherapeuten im deutschsprachigem Raum angeschrieben. Ich bat sie, mich durch beantworten eines eigens zu diesem Aspekt ausgearbeiteten Fragebogen zu unterstützen (dieser liegt dem Anhang bei). Von folgenden Musiktherapeuten erhielt ich freundlicherweise eine Antwort, die teilweise sogar über eine bloße Beantwortung der Fragen hinausging wie zum Beispiel Zeitungsartikel und spezielle Literaturhinweise. Dafür möchte ich mich bei folgenden Musiktherapeuten bedanken:

Hr. Jürgen Jagfeld,

Univ.- Prof. Dr. Merkt,

Fr. Karin Schumacher,

Prof. Dr. Dagmar Gustorff,

Dipl.-Psych. Frauke Schwaiblmair

Ph. D. Wolfgang Mahns und

Fr. Ulrike Haase (Lehrmusiktherapeutin).

Danke.

Einleitung

„Alle Kinder beginnen an einem Arbeitsblatt selbstständig zu arbeiten. Ein Junge – ich nenne ihn Markus – sitzt und sticht mit einer Nadel Löcher in seine Unterlage und bläst sie auf. Dann kramt er in seiner Schultasche und holt eine Apfelspalte heraus. Markus isst diese. Danach steht der Junge auf und geht zum Waschbecken um sich die Hände zu waschen. Andere Kinder sehen ihm kurz zu und meinen dann: „Psssst“. Markus geht auf seinen Platz zurück, nimmt sein Heft heraus und bemerkt, dass er eigentlich das Arbeitsblatt bearbeiten soll. Er blickt zu seinem Nachbarn und beginnt mit ihm zu reden.“... (Auszug aus einer von mir aufgezeichneten Unterrichtsstunde im Blockpraktikum).

Solche und ähnliche Situationen begegnen uns heutzutage fast in jeder Klasse. „Dieses Kind ist ungezogen. Es stört meinen Unterricht“ meinen die einen und „Wenn du nicht aufpasst, wirst du es nie verstehen.“ meinen die anderen. Doch was ist wirklich daran? Warum „passen“ manche Kinder nicht auf? Können sie es nicht? Und warum?

Ich möchte herausfinden, was es ist, das Kinder wie Markus zu so einem „auffälligen“ Verhalten „zwingt“.

Die Ursachenforschung ist in solchen Fällen unerlässlich, in meiner Arbeit mache ich dies anhand dreier häufiger Verhaltensauffälligkeiten deutlich. Die da sind Konzentrationsschwäche, das Hyperkinetische Syndrom und Aggression. Ich beschreibe im dritten Kapitel die Symptome und Ursachen der einzelnen Verhaltensauffälligkeiten um einen guten Überblick zu bekommen. Weiters gebe ich pädagogische Hilfestellungen und Möglichkeiten der Förderung an.

Natürlich wird es einem herkömmlichen Lehrer niemals möglich sein einen Therapeuten zu ersetzen, jedoch bietet die Kenntnis der grundlegenden Elemente in der Musiktherapie die Möglichkeit die besonderen Wirkungen der Musik zu nutzen. Dies bedeutet gleichzeitig eine Stärkung des Selbstvertrauens und eröffnet dem Lehrer Möglichkeiten verhaltensauffällige Kinder speziell zu fördern.

Musik wird im Allgemeinen in der Grundschule leider vernachlässigt. Sei es weil es einfach nicht für „so wichtig“ empfunden wird wie die Fächer Mathematik und Deutsch oder sei es weil sich viele Lehrer für sehr unmusikalisch halten und daher vor dieser Stunde zurückschrecken.

Doch bei diesen Maßnahmen die ich aus der Musik(erziehung) gewählt habe, muss man nicht unbedingt „musikalisch“ sein oder gut singen können – nein – man muss sich einfach nur darauf einlassen können, die Musik mit den Kindern zu erleben.

Das erste große Kapitel beschreibt im Großen und Ganzen die Rolle der Musik in unserem Alltag und die Wirkungen, die Musik auf Menschen hat.

Als zweites Kapitel habe ich eine spezielle Anwendung der Musik gewählt: die Musiktherapie. In diesem behandle ich die historische Entwicklung und die Bedeutung der Musiktherapie für die Menschen. Weiters schildere ich die zwei Therapieformen: die rezeptive (passive) und die produktive (aktive) Musiktherapie.

Daraus entnehme ich dann im letzten Kapitel Elemente, die man in der Klasse bei verhaltensauffälligen Kindern durchführen kann. Ich möchte mich dadurch nicht als Therapeut aufdrängen – das will und kann ich auch gar nicht – doch es ist legitim Anwendungs- und Spielformen im Unterricht zu verwenden. (Siehe die Zusammenfassung der Fragebögen).

Das letzte Kapitel enthält – wie bereits erwähnt – Spiel- und Anwendungsformen der Musiktherapie (sowohl der aktiven als auch der passiven).

Weiters behandle ich die Sensibilität der Kinder für Musik und wie sie von ihr profitieren können.

Wichtig erschien mir auch – da verhaltensauffällige Kinder im Allgemeinen sehr unruhig sind – eine Entspannungsart auszuwählen, die im Unterricht eingegliedert werden kann.

1. Lehrplanbezug: Musikerziehung

Musikerziehung hat die Aufgabe, unter Berücksichtigung der akustisch-musikalischen Umwelt und der besonderen Eigenart des einzelnen Kindes

- zum Singen,
- Musizieren,
- bewussten Hören,
- Bewegen zur Musik und
- zum kreativen musikalischen Gestalten

zu führen.

Musikerziehung soll die Kinder zu lustbetonter musikalischer Betätigung anleiten und ihnen die Möglichkeit geben, Freude, Bereicherung und Anregung durch die Musik der Gegenwart und der Vergangenheit zu erfahren.

Ausgehend vom aktiven Umgang mit Musik, sind grundlegende Informationen und Kenntnisse über Musik zu vermitteln. Das Verständnis für Musik als künstlerische Ausdrucksform ist anzubahnen.

Musikalische Aktivitäten wirken auf die Persönlichkeitsbildung der Heranwachsenden nachhaltig ein. Ausgehend von den individuellen Anlagen und Fähigkeiten des Schulanfängers, sind daher durch sinnvolle Verknüpfung von Inhalten und Übungen im Besonderen zu fördern:

- die Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit durch gezielten Einsatz von Stimme, Instrumenten und Bewegung,
- die sprachlichen Fähigkeiten durch Sprachgestaltung, Klangexperimente mit Sprech- und Singstimme und das Beschreiben von Höreindrücken,
- die Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit durch Steigerung der Hörfähigkeit und des Unterscheidungsvermögens für akustisch-musikalische Eindrücke,
- die Fähigkeit zur kritischen und toleranten Auseinandersetzung mit der musikalischen Umwelt durch Umgang mit Informationen und die Aneignung von Kenntnissen über Musik und Musikleben,
- die Fähigkeit zur Rücksichtnahme auf einzelne und die Gruppe bei gemeinsamen musikalischen Aktivitäten,
- die Bewegungskoordination durch freies und gebundenes Bewegen zur Musik,
- die Bereitschaft zur Teilnahme auch an außerschulischen musikalischen Aktivitäten durch den Erwerb grundlegender Fertigkeiten.

(Vgl. Lehrplan, S. 318 f.)

1. 1. Grobziele

Hier liste ich einige Grobziele des Lehrplans zu den Teilbereichen Musizieren, Hören und Bewegen zur Musik auf, die meine Arbeit betreffen:

Musizieren:

Grundstufe 1:

- Klangexperimente: Klangmöglichkeiten von Körperinstrumenten, von selbst gebauten Instrumenten und Orff-Instrumenten erforschen und erleben; einfache Handlungsabläufe klanglich darstellen, auf Tonband aufzeichnen, abhören und darüber sprechen. (Vgl. Lehrplan, S. 321)
- Selbst erfundene und vorgegebene Notationen: Graphische Zeichen (Punkte, Kurven, ...) auf verschiedenen Instrumenten in Klang umsetzen, nach einfachen Notationen einzeln und gemeinsam musizieren. (Vgl. Lehrplan, S. 321)

Grundstufe 2:

- Tonfolgen, Rhythmen und einfache Formverläufe: Tonfolgen, Rhythmen und Formverläufe erfassen, notieren, und spielen. (Vgl. Lehrplan, S. 323)
- Klangexperimente: Klangerlebnisse vergleichen, beurteilen und ordnen (Tonbandaufzeichnungen); Klänge und Geräusche zur Ausgestaltung von Stimmungsbildern und Texten einsetzen (zum Beispiel Gewitter, Streitgespräch). (Vgl. Lehrplan, S. 324)

Hören:

Grundstufe 1:

- Geräusche und Klänge aus dem Lebensbereich der Kinder: Höraufgaben zu unmittelbar erzeugten Geräuschen und Klängen stellen. (Vgl. Lehrplan, S. 321)
- Übungen zum Unterscheiden von Geräuschen und Klängen verschiedener Instrumente und Materialien. Übungen zum räumlichen Hören (Orten von Klangquellen, Verfolgen der Bewegungsrichtung von Klängen im Raum). (Vgl. Lehrplan, S. 321)
- Hörbeispiele mit selbst gebauten Instrumenten, Orff-Instrumenten und Instrumenten des Lehrers sowie kurze Werkausschnitte: Einzeln und gleichzeitig erklingende Instrumente unterscheiden. Subjektive Höreindrücke beschreiben. Übungen zum Unterscheiden von Tonhöhe, Tondauer, Tempo, Lautstärke und Klangfarbe sowie deren Veränderungen. (Vgl. Lehrplan, S. 322)

Grundstufe 2:

- Kurze Hörbeispiele verschiedener Arten von Musik, Klängen und Geräuschen: Subjektive Höreindrücke beschreiben und vergleichen, in graphisches und bildnerisches Gestalten oder in Bewegung umsetzen. (Vgl. Lehrplan, S. 324)

Bewegen zur Musik:

Grundstufe 1:

- Grunderfahrungen mit Musik und Bewegung: Übungen zum Erfahren und Bewusstmachen von Tempo, Tondauer und Lautstärke. (Vgl. Lehrplan, S. 322)
- Spüren von Spannung und Entspannung. (Vgl. Lehrplan, S. 322)
- Freie Bewegungen zur Musik einzeln und in verschiedenen Gruppierungen (auf der Stelle, im Raum). (Vgl. Lehrplan, S. 322)

Grundstufe 2:

- Grunderfahrungen mit Musik und Bewegung: Übungen zum Erfahren und Bewusstmachen von Tempo, Tondauer und Lautstärke. (Vgl. Lehrplan, S. 324)
- Freie Bewegungsabläufe zur Musik einzeln und in verschiedenen Gruppierungen (auf der Stelle, im Raum): Metrum, Takt, Rhythmus, Lautstärke und Melodie in Bewegung übertragen (Körpersprache); sich im Kreis, frei in der Gruppe in verschiedenen Richtungen bewegen. (Vgl. Lehrplan, S. 325)

1. 2. Didaktische Grundsätze

Im Mittelpunkt der Musikerziehung steht das musikalische Handeln des Kindes. Dies wird angeregt durch:

- eigenständiges musikalisches Gestalten und Nachgestalten;
- bewusstes Aufnehmen von Musik und kritische Auseinandersetzung mit Musik.

Musikerziehung fördert die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit.

Sie entfaltet die

- kognitiven,
- emotionalen,
- psycho-motorischen,
- kreativen und
- sozialen Fähigkeiten.

Bei der Unterrichtsplanung und –gestaltung ist dies durch ausgewogenen Wechsel der Lernbereiche und Arbeitsweisen zu berücksichtigen.

Musikerziehung dient auch der Orientierung im vielfältigen Musikangebot unserer Zeit und erfordert daher ständige Bezugnahme auf das Musikleben und die verschiedenen Arten von Musik.

Für die einzelnen Teilbereiche gelten folgende Hinweise:

Musizieren:

Die Vielfalt der Möglichkeiten in der Selbsterfahrung mit verschiedenen Instrumenten von Klangexperimenten bis hin zu Gruppenimprovisationen soll dem schöpferischen Gestaltungsvermögen der Kinder breiten Entwicklungsraum bieten. Instrumente können das Singen unterstützen und zur Begleitung von Liedern eingesetzt werden.

Der Einsatz des vom Lehrer gespielten Instrumentes ist bei der Liedbegleitung, der Hörerziehung und beim Gruppenmusizieren von großer Bedeutung. (Vgl. Lehrplan, S. 326)

Hören

Wesentliches Anliegen der Hörerziehung ist die Schulung des bewussten Hörens. Ausgehend von Höreindrücken im Lebens- und Interessensbereich der Kinder, soll der akustisch-musikalische Erfahrungshorizont allmählich erweitert werden. (Vgl. Lehrplan, S. 326)

Bewegen zur Musik:

Dem natürlichen Bedürfnis der Kinder nach Bewegung in Verbindung mit Musik ist zu entsprechen. Dadurch soll ihnen ein weiterer Zugang zur Musik erschlossen werden. (Vgl. Lehrplan, S. 327)

2. Musik

2. 1. Definition von Musik

Musik entstand aus dem griechischen Wort musiké und. Musicé bedeutet „die musikalische Gesamtdarstellung des Menschen in Wort, Ton und Bewegung.“ (ORFF, S. 9)

2. 2. Überblick über die Rolle der Musik in unserem Alltag

Überall erleben wir Musik- sie hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten durch eine immer weiter fortschreitende technische Verfügbarkeit quantitativ ungeheuer ausgebreitet, während noch unsere Urgroßeltern nur live gespielte Musik erleben konnten. Es gibt kaum eine Stunde, in der sie uns nicht erreicht – über Radio und Fernsehen, CD und Walkman. Wir stehen mit Musik auf, frühstücken mit Musik, machen Schulaufgaben mit Musik. Offensichtlich ist hier: Bei dieser Art des Musikhörens erleben wir die Musik als eine Ablenkung im Hintergrund – unsere Konzentration ist ihr nur zu einem Teil gewidmet. Dies gilt zum Beispiel auch beim Auto fahren oder in Restaurants, Geschäften und Cafés.

Aber trotz eines oft oberflächlichen Umgangs mit Musik in unserem Alltag: Jeder von uns wird sich – sogar unter diesen Vorzeichen eines eher beiläufigen Musikkonsums – an besonders schöne Musikerlebnisse erinnern. An eine besonders empfundene Tanzmelodie, an einen Schlager, einen zündenden Rhythmus eines Orchesters.

Natürlich kennt jeder neben den „Highlights“ auch negative Erfahrungen: Situationen und Momente, in denen uns Musik ungute Gefühle bereitet, ja sogar als Lärm erscheint. Beide Erlebnisformen haben offenbar etwas damit zu tun, dass wir in unterschiedlichen Momenten unterschiedlich gut der Musik zuhören können – genauso, wie wir ja auch der menschlichen Sprache mal gut und mal weniger gut zuhören können. Und damit wird deutlich: Musik ist kein „Wundermittel“, sondern ein Medium der Verständigung und des Austausches – zwar ein nicht-sprachliches Medium, gleichwohl aber ein Mittel der Kommunikation. Sie erreicht uns, teilt uns Gefühle oder Stimmungen mit, ohne dass sie durch Sprache beziehungsweise Begriffe vereinheitlicht würden.

Jeder Mensch fühlt in der Musik nur das, was er selbst fühlen kann oder möchte. Fest steht, Musik kann die Gefühle jedes Menschen individuell ansprechen. Dabei besteht kein Zwang – wie in der Sprache – zur begrifflichen Verallgemeinerung. Gerade deshalb ist es zum Beispiel schwer, musikalische Erlebnisse mit Hilfe der Sprache zu beschreiben – welche Worte auch gewählt werden, immer geht etwas verloren, immer umfasst das Musikerlebnis mehr als einzelne Begriffe. Wir können annehmen, dass diese Offenheit des Erlebens zu einem nicht geringen Teil die besondere Faszination der Musik ausmacht. (Vgl. WINKLER, 456 f.)

Gibt es aber einen weiteren Gesichtspunkt, der plausibel machen könnte, warum so viele Millionen und Abermillionen von Menschen zu jeder Stunde überall auf der Welt die Stille- sehen wir hier von Umweltgeräuschen und damit von der Musik als „Lackierungsmittel“ ab – lieber vertauschen mit der Musik?

Nehmen wir etwa die Erfahrung unzähliger Mütter und Väter, die ihrem Kind ein Schlaflied vorsingen und feststellen: Das Kind wird ruhiger, es schläft ein. Worin besteht die positive Wirkung eines Schlafliedes oder anderer Musiken in vergleichbaren Situationen? – Amerikanische und osteuropäische Musiktherapeuten nennen hier den Begriff der „Kommunikation“ oder auch der „Berührung“. Der einzelne Mensch fühlt sich angesprochen und verstanden, beginnt, seinen innersten Gefühlen freien Lauf zu lassen. Gerade dann – so kann man folgern -, wenn ein Mensch sich allein, unverstanden fühlt und wenn seine Erlebnisse und Gefühle mit Worten allein kaum noch auszudrücken sind, wenn die Trauer zu groß ist oder die Freude – dann erreicht uns Musik in einem besonderen Maße. (Vgl. van DEEST, S. 30 – 33)

2. 3. Das Geräusch – die Musik

Wie wichtig Musik für Harmonie im Alltag und den Organismus ist und wie unterschiedlich in ihren Auswirkungen verdeutlichen Studien unterschiedlichster Art.

So zum Beispiel eine Beeinflussung der Milchproduktion:

1. Bei Kühen: Steigerung der Produktion zwischen 15 und 20 % bei Berieselung mit angenehmer Musik; in geräuschvoller Umgebung hingegen Verminderung um 35%.
2. Japanischer Versuch an 120 stillenden Müttern, über sechs Monate: Pop-, Unterhaltungs- oder klassische Musik, als Hintergrundgeräusch oder über Kopfhörer. Ergebnis: bei Background-Musik Steigerung der Milchproduktion auf das 1 ½fache, bei Kopfhörern auf das Doppelte; dieses Ergebnis gilt nur für klassische Musik: bei synkopierter Musik oder Jazz wurde im Gegenteil eine Verringerung festgestellt. (Vgl. LECOURT, S. 23)

Wie aus diesen Versuchen ersichtlich, ist der Einfluss von Musik nicht immer ein positiver. Manche negativen Auswirkungen von Musik lassen sich nur sehr schwer erfassen. Generell gilt, dass die Schädlichkeit proportional zur Lautstärke und Dauer von Musik ist, der Übergang zu „Lärm“ ist hier fließend. Die Folge ist Stress, eine gesteigerte Aggression, Schwerhörigkeit etc.

An gesunden Menschen wurden folgende Beobachtungen gemacht:

- schwache Geräusche werden besser vertragen als laute,
- fortgesetzte besser als intermittierende,
- regelmäßig wiederkehrende besser als unregelmäßige,
- bekannte besser als unvorhergesehene,
- ein Geräusch, das abgestellt werden kann, besser als ein aufgezwungenes,
- aperiodische mit kurzem Intervall besser als solche mit längerem,
- bei regelmäßigen Intervallen besser als bei unregelmäßigen,
- bei Verrichtung körperlicher Arbeit besser als bei geistiger Arbeit.

(Vgl. LECOURT, S. 23 f.)

Im Ganzen gesehen, sind diese Studien eher enttäuschend, da auch der gesunde Menschenverstand genügt hätte, zu diesen Ergebnissen zu gelangen.

2. 4. Was passiert wenn wir Musik hören? Hirnforschung

Musik ist für den Menschen seit Jahrtausenden eine der wichtigsten Kunst- und Kommunikationsformen. Jedoch erst in den vergangenen 20, 30 Jahren fanden Wissenschaftler aus den Bereichen der Neurophysiologie der Medizin, der Biologie etc. heraus, was im menschlichen Gehirn passiert, wenn wir Musik hören.

Im Mittelpunkt dieser Forschungen stand dabei zunächst die unterschiedliche Spezialisierung der Hirnhälfte (Hemisphären). Sie sind mit fast spiegelbildlichen Zentren für sensorische und motorische Aktivitäten ausgestattet. Verbunden sind sie durch Fasern, die Informationen zwischen den Gehirnhälften austauschen. Fehlt diese Verbindung, zum Beispiel als Folge einer Operation, so entsteht das Phänomen des „split brain“ („gespaltenes Hirn“), wobei die relativ selbstständige Leistungsfähigkeit und auch die Spezialisierung jeder einzelnen Hirnhälfte deutlich wird. Besonders die linke Hemisphäre stand zunächst im Mittelpunkt der Untersuchungen.

Nervenärzte und Neurophysiologen fanden heraus, dass das neurovegetative System des Menschen besonders aufnahmebereit ist für musikalisch-akustische Reize. Die Hörzellen reagieren schon auf Reizenergien, die ca. zehnmillionenmal kleiner sind als zum Beispiel die Energie, die beim Berühren eines Gegenstandes den Tastsinn anspricht. Von allen menschlichen Sinnen ist der Hörsinn der sensibelste. Zugleich ist er besonders eng mit unseren Gefühlen verbunden. Die Ursache dafür liegt in einer quasi „direkten“ Verbindung der Ohren mit dem sogenannten „Limbischen System“, einer Art Gefühlszentrum unseres Gehirns.

Das Gehörorgan spielt auch eine besondere Rolle. Schon im pränatalen, das heißt vorgeburtlichen Stadium, reagiert der Fötus auf akustische Reize, erlebt zum Beispiel das rhythmische Gehen und Atmen der Mutter, ihren Herzschlag. Die Geburt bedeutet so gesehen den Verlust dieser akustisch-musikalischen Umwelt. Neugeborene Babys reagieren auf laute Töne mit einem Anstieg der Atemfrequenz, sie bewegen sich stärker und blinzeln schneller als bei leisen Tönen. Babys, die erst wenige Tage alt sind, können bereits Tonhöhen unterscheiden – demgegenüber ist eine differenzierte visuelle Wahrnehmung erst Wochen nach der Geburt möglich.

Das heißt also: Entwicklungspsychologisch gesehen kann die Musik durch rhythmisch-akustische beziehungsweise musikalische Klänge ein existentiell bedeutsames Mittel zur Überwindung der Trennungsangst beziehungsweise des Geburtstraumas des Neugeborenen sein. Auch darauf, dass darüber hinaus Zusammenhänge zwischen der Entwicklung von Intelligenz und Phantasie und einer elementaren Musik- und Bewegungserziehung im frühkindlichen sowie im schulpflichtigen Alter bestehen, haben Forscher hingewiesen. (Vgl. van DEEST, S. 68 - 74)

2. 5. Die Musik und ihre allgemeinen psychologischen Wirkungen

Die Vielfalt der musikalischen Werke öffnet uns erstaunliche Perspektiven: die klassische Musik mit ihren Strukturen, ihren Harmonien, ihrer Philosophie, ihrer Erhabenheit und ihrer Romantik; die volkstümliche und die Volksmusik mit ihrer Rhythmik, ihrer Melodie und ihrer Verbindlichkeit und Spontaneität; schließlich die zeitgenössischen Werke mit ihrer Fragestellung, ihren Anforderungen an die Vorstellungskraft und ihrer Provokation spontanen Ausdrucks ... all diese und noch andere Aspekte bieten ein weites Betätigungsfeld an:

- lindernde Wirkung zur Entspannung und Krampflösung,
- stimulierende, spannungssteigernde Wirkung,
- strukturierende oder auflösende Wirkung, die der Imagination freies Spiel lässt und so präzise Suggestionen und daher persönliche Vorstellungen hervorruft,
- Zerstörung oder Sammlung,
- Lust und Bereitschaft, mit anderen zu kommunizieren, oder aber Isolation,
- Besessenheit oder Befreiung,
- Engagement oder Ablehnung, usw.

All dies hängt aber auch in hohem Maße von der Art der Musik und von der Persönlichkeit des Individuums ab, das heißt von der Empfänglichkeit, die es der gebotenen Musik gegenüber mitbringt. Dieser letzte Faktor ist umso bedeutsamer, je weniger anschaulich, konstruiert und präzise die Musik ist.

Musik kann ein Mittel sein zum Träumen, bei dem Bilder um ihrer selbst willen erfunden werden, die man verfolgt, aufgibt, wieder fasst, mit denen man spielt, oder die man zu einer kleinen Welt zusammenfügt. Anders wiederum kann man Musik als eine Technik des Ausdrucks auffassen, die eine geschichtliche Entwicklung hat, eine Tradition und strenge Regeln, und deren Ziel die technische Perfektion ist- wobei sie allerdings einen mehr professionellen Charakter annimmt.

Je nach der Persönlichkeit und der Einstellung des Einzelnen kann Musik mit mehr oder weniger Gefühl, mehr oder weniger Emotionen gehört und gespielt werden, was ganz deutlich wird, wenn man etwa verschiedene Interpretationen ein und desselben Werkes miteinander vergleicht. Es kann auch ihre Suggestion auf affektiver Ebene ganz unterschiedliche Wirkungen haben: während eine Person auf eine bestimmte affektgeladene Musik mit starken Gefühlen und Emotionen reagiert, kann eine andere sie als aufreizend empfinden und sich auf intellektueller Ebene dagegen zur Wehr setzen, etwa durch Bemängelung und Kritik im Allgemeinen, oder an einem bestimmten Instrument, oder der Aufnahmequalität usw. Hierdurch kann man sich der unmittelbaren Wirkung der Musik entziehen, sei es weil es jemandem unangenehm ist Emotionen zu zeigen oder die potentielle Einwirkung zu stark erscheint. (Vgl. LECOURT, S. 10 – 16)

Man kann sich bemühen sich eine bestimmte Art von Musik zu Eigen zu machen, sie innerlich zu erleben, um eine Bereicherung seiner Persönlichkeit zu erfahren. Hier kann man geradezu von einem Vorgang der Inkorporation sprechen.

Leider sind aber solche Versuche oftmals zum Scheitern verurteilt, und jeder von uns wird sich an eine Gelegenheit erinnern, da er besonders nervös, abgespannt oder sorgenvoll war und sich bei einem heiteren Musikstück zu entspannen und zu beruhigen suchte: und gerade in diesem Augenblick war die Musik unerträglich. Es war nämlich die Distanz zwischen der erstrebten Entspannung und dem tatsächlichen Spannungszustand zu groß, sodass das Ziel außer Reichweite lag. Und es gibt auch nichts Ärgerlicheres, als in einem Zustand besonderer Gereiztheit mit jemandem zusammenzutreffen, der eine geradezu „unverschämte“ Ruhe, wenn nicht gar Apathie ausstrahlt.

Der Versuch kann aber dennoch gelingen: dann nämlich, wenn man zunächst mit einer Art von Musik beginnt, die dem augenblicklichen Zustand entspricht und nach und nach, über verschiedene andere Stücke, den gewünschten Zustand der Entspannung anstrebt.

Es zeigt sich, dass hier zwei komplementäre Bewegungen stattfinden: die des Ichs zur Musik und die der Musik zum Ich. Diese Wechselwirkung erfolgt in spontaner und fließender Weise, sowohl bei der aktiven Produktion von Musik als auch beim passiven Hören. Sie kann aber, je nach der persönlichen Problemstellung, in der einen oder anderen Richtung gefördert werden.

Die „sanfte, tröstliche“ Musik kommt nur einem dieser Aspekte entgegen – meist dem der Identifikation. Stimulierende, mitreißende Musik hingegen bedeutet eine Aktivierung. Jene bietet Geborgenheit, einen „affektiven Komfort“, diese hingegen die Möglichkeit, aus sich selbst herauszugehen und aus dem gegenwärtig Erlebten auszubrechen.

Diese Effekte sollte jeder kennen, um im täglichen Leben aus der Musik und ihrer „psychoprophylaktischen Wirkung größtmöglichen Nutzen zu ziehen“ (LECOURT, S. 15); leider kennen sie aber auch gewisse Industrie- und Handelsunternehmen allzu gut und setzten sie als Mittel der Konditionierung ein. Gerade dieser Aspekt scheint, ob wir es wollen oder nicht, eine große Zukunft zu haben. Geschäfte, Fabriken, Krankenhäuser werden auf diese Weise einer ständigen musikalischen Konditionierung ausgesetzt. Beispiele hierfür wären

Es kann sogar der Musikunterricht selbst eine solche Konditionierung bewirken, die sich meist in einem Erstarren der Persönlichkeit und im Verlust der Ausdrucksfähigkeit, der Spontaneität und der Kreativität manifestiert.

Hier sind wir bereits weit von unserem Ziel abgekommen; denn uns geht es nicht darum, Menschen ohne ihr Wissen zu konditionieren, sondern die suggestive Kraft der gehörten Musik mit dem Zweck einzusetzen, die Entfaltung und Verwirklichung ihrer tief empfundenen Wünsche zu erleichtern, indem wir ihnen die zu Gebote stehenden Mittel in die Hand geben. (Vgl. LECOURT, S. 16 f.)

Unser Ziel ist es also, die „natürlichen“ Hilfsmittel, über die noch jedes Kind im Vorschulalter verfügt, wiederzufinden, um bei jedem Einzelnen den Ausdruck, die Entfaltung und Entwicklung der Persönlichkeit und die Kommunikation zu fördern.

2. 6. Wirkungen der Klänge

Die objektive Wirkung der Instrumente und musikalischen Elemente, ergänzt durch die subjektive Wirkung, dringt in Bereiche ein, die außerhalb der Willensregion liegen. Jedes Klangphänomen hat seine bestimmte Wirkungsweise, der sich niemand entziehen kann. Wir sind einer Welt von Klangwirkungen verschiedenster Art ausgeliefert, zum Beispiel Flugzeuglärm, Maschinen, etc., es gibt kaum noch Orte der Stille. Die Annahme, dass Gewöhnung zur Verminderung der Auswirkung führt, beruht auf einem fatalen Irrtum. Denn die Gewöhnung führt nur zu einer Abstumpfung der äußeren Sinneswahrnehmung und dadurch zu einer Verdrängung in unbewusste Bereiche.

Die Tatsache, dass niemand sich der Wirkung von Klangphänomenen entziehen kann - man denke zum Beispiel an Frequenzen, die unter und über unserem akustischen Hörbereich liegen und die von Tieren noch wahrgenommen werden, und trotzdem ihre Wirkung haben, - diese Tatsache wendet der Musiktherapeut gezielt an. Durch den gezielten Einsatz therapeutisch wirksamer Instrumente in ihren verschiedenen Klangfarben werden Regionen angesprochen, sowie Vorgänge harmonisierend und ausgleichend beeinflusst, die im Unbewussten wurzeln. Indem bei dem Patienten durch die musiktherapeutischen Übungen mit verschiedenen Instrumenten verschiedene Bereiche angesprochen werden, die auch außerhalb seiner Willensregion liegen, kann diese Hörtherapie innere „Ohren“ öffnen. So ist unbewusstes Aufnehmen dann der erste Schritt zu immer bewussterem Lauschen, wohin der Patient durch die intensive Klangwirkung geführt wird, auf einem Weg aus tiefster Isolierung nach „außen“, auf die Umwelt zu. (Vgl. SCHULZ, S. 21 ff.)

2. 7. Das Anhören von Musik

Die Musik, die mit den Ohren gehört, aber mit dem ganzen Körper gefühlt wird bewirkt in uns, je nach ihrer Art, eine mehr oder weniger starke Regression. Wenn die Musik starke kulturelle Bezüge aufweist – wie bei Stücken einer bestimmten Epoche – oder literarische Verbindungen aufweist – Stücke mit Text -, dann bleibt die Regression halbwegs unter Kontrolle. Je weniger Bezugspunkte aber bleiben, umso mehr kann die Musik beängstigend, ja bedrohlich empfunden werden: Bei zeitgenössischen Stücken ist dies gelegentlich der Fall.

Wenn in der Musik viele Anhaltspunkte für die Konstruktion – besonders im Rhythmus und in den Harmonien – erkennbar sind, kann sich das Gefühl der körperlichen Geborgenheit einstellen; das ist zum Beispiel der Fall bei Werken von Bach, Vivaldi, Mozart und anderen, aber auch bei jeder volkstümlichen Musik, bei Volksliedern und Wiegenliedern. Die Regression kann verstärkt werden, wenn ein Musikstück eigens für diesen Zweck „konstruiert“ wird, wie es für die Anwendung in der Analgetik und der Sophronisierung geschieht.

Es geht dabei darum, den Bezug zu Zeit und Raum zum Schwingen zu bringen und dadurch das Bewusstseinsniveau zu senken und den gewünschten Zustand der Sophronisierung herbeizuführen.

(LECOURT, S. 116-120)

2. 8. Die Beziehung zwischen Musik und Körper

Die Musik ist keine Erscheinung oder Funktion, die man isoliert von ihrem Ursprung oder von ihren verschiedenen Einflüssen auf den menschlichen Körper betrachten kann.

Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass das Anhören von Musik Empfindungen, physiologische Reaktionen, Bilder und Vorstellungen auslöst. Gleichzeitig betroffen werden:

- der Körper und seine Funktionen – die Eingeweide,
- die Sinnesorgane – Gehör, Gesicht, Geruch, Geschmack, Gesamtempfindung,
- die Imagination,
- die Erinnerung,
- die Affektivität,
- die Einbildung,
- die Sprache,

und es erfolgt eine allgemeine Reaktion auf die unmittelbare Umgebung und auf die herrschende Stimmung unter Einfluss der Zeit, des physischen Zustandes, der Gesellschaft usw.

Wenn man nach der Darbietung von Musik die Hörer fragt, was sie empfunden oder sich vorgestellt haben, erhält man als Antwort die Summe aus all diesen verschiedenen Effekten. Manche dieser Reaktionen wurden direkt durch die Musik suggeriert, andere entstanden unter der Wirkung des augenblicklichen Zustandes, der Umgebung, usw. Von den erstgenannten wiederum sind die einen mehr durch die Melodie bedingt, andere durch ein bestimmtes Instrument, den Wechsel des Rhythmus oder eine bestimmte Harmonisation.

Versuche von Washburn und Dickinson aus dem Jahre 1940 anhand von 182 Stücken der verschiedensten Komponisten haben gezeigt, dass die Hauptquelle des musikalischen Vergnügens die Melodie ist; Ausnahmen:

- bei Händel die Tonfarbe;
- bei Brahms der Rhythmus;
- bei Debussy die Harmonie.

Die Reaktionen auf Musik können aber auch überdeterminiert sein und dadurch wissenschaftliche Untersuchungen erschweren; die Musik bringt den Körper in gewissem Sinne aus seinem Eigenrhythmus. Denn unser Organismus ist einer ganzen Reihe innerer und äußerer Rhythmen unterworfen: dem der Zellen und der Organe einerseits, dem von Tag und Nacht, der Mondphasen, der Jahreszeiten und der Gestirne andererseits.

Eine der unmittelbarsten Wirkungen der Musik tritt ein, wenn diese körpereigenen Rhythmen unterstützt oder wiederhergestellt werden. Forschungen ergaben, dass manche Arten von Musik die Verdauung fördern, andere wiederum in enger Verbindung zum Rhythmus der Atmung stehen. Oft ist die Musik auf den Rhythmus des Herzschlages abgestimmt: besonders in „primitiven“ Kulturen, so etwa beim Trommeln auf einem Einbaum. Auch auf die Muskeltätigkeit – Anspannung, Verkrampfung, Entspannung – wirkt sich die Musik aus; daher ihre Anwendung auf dem Gebiet der Entspannung und der Anästhesie.

Im Allgemeinen sind aber die organischen Reaktionen auf gebotene Musik eine Folge des Vergnügens, das man beim Hören empfindet. So kann dieselbe Musik auch auf physiologischer Ebene, je nach Versuchsperson, verschiedene Antworten hervorrufen.

Die biologischen Rhythmen stehen in engem Zusammenhang mit den Funktionen und Bedürfnissen des Körpers: Schlaf, Hunger und Durst, Sexualtrieb. Die Wirkung der Musik beeinflusst diese Bedürfnisse auf verschiedenen Ebenen:

- sie kann zu einer direkten organischen Empfindung führen – Magenkrämpfe, Kopfschmerzen, Entspannung, sexuelle Regungen;
- sie kann ein Gefühl des Genusses vermitteln, das mit einer dieser Empfindungen oder zum Beispiel mit der Virtuosität zusammenhängt,
- man kann auch eine erhabenere Freude empfinden, ein allgemeines Wohlbefinden, das sich bis zur – sexuellen oder religiösen – Ekstase steigern kann,
- und schließlich kann sie eine alles umfassende Erregung bewirken, die an die Grenzen der Trance heranreicht.

(vgl. LECOURT, S. 24 – 28)

Ursprünglich ist die Musik ein Bestandteil der allgemeinen Expressivität des Menschen: im Körperlichen, Religiösen, aber auch Alltäglichen.

Nicht alle Musikformen und alle Instrumente dienen derselben Art des Ausdrucks: die Schlaginstrumente sind eine kanalisierte Form der Aggressivität, der Macht, der Bewegung; die Blasinstrumente versinnbildlichen den Lebenshauch, der aus dem Menschen hervorkommt, ebenso die Stimme, der Mund, die damit erzeugten Geräusche. Bei Naturvölkern wird große Sorgfalt auf die Herstellung von Musikinstrumenten gewandt, was die Form, das Material, die Verbindungen zu den Geistern usw. betrifft.

Die Wiederholung schließlich ist ein bedeutender Faktor in der Entwicklung des Individuums:

- sie ermöglicht das Spiel, den Ausbruch aus der Angst,
- Musik ist spielerische Wiederholung von Tönen,

Jedes Vergnügen verlangt nach Wiederholung, ihre Häufigkeit kann bis zur Trance, zu intensivsten psychophysiologischen Erlebnissen führen. (Vgl. WILLMS, S. 38)

2. 8. Auswirkungen der Musik auf unsere Emotionen und unser Denken

Eine relativ junge Forschungsrichtung in den medizinischen Wissenschaften, die Psaconeuroimmunologie, hat herausgefunden, dass unser Denken und unsere Psyche tatsächlich eine besondere Wirkung auf den Körper und die in ihm ablaufenden biochemischen Prozesse ausüben. Durch diese Prozesse werden Stoffe freigesetzt, die maßgeblich an der Steuerung einzelner Organe beteiligt sind, zum Beispiel im Zusammenhang mit den Funktionen unseres Immunsystems. Eine der bekannteren Substanzen ist das Endorphin, ein endogenes Opiat, das Stimmungen hervorruft und Schmerzrezeptoren blockt, durch Musik stimuliert wird (wie auch durch andere Mittel) und dass somit Musik verantwortlich ist für die Veränderung bestimmter emotionaler Zustände.

Welche Rolle spielen nun die einzelnen Eigenschaften der Musik, wie zum Beispiel der Rhythmus, die Dynami, die Melodie oder die Harmonie? – Grundsätzlich wirkt kein musikalisches Element isoliert, keines allein ist verantwortlich für einen heilenden Effekt. Dennoch gibt es mehrere musikalische Parameter, die der Erfahrung nach eine besonders starke, andauernde Wirkung bei Menschen hervorrufen. Diese Variablen sind 1. das Tempo, 2. die Lautstärke, 3. eingesetzte Dissonanzen und 4. die Klangqualität, worunter die benutzten Instrumente und Stimmen ebenso fallen wie die Frequenzen und die Qualität der Wiedergabetechnik, zum Beispiel der Lautsprecher.

Musik, die dauerhaft laut, schnell, dissonant ist und ein kräftiges Klangbild besitzt, kann eine Überstimulierung des Sympathikus bewirken und eine Produktion von zu viel Adrenalin auslösen, die wiederum eine Überspannung, herabgesetzte Immunreaktion, Verdauungsprobleme und sogar eine Schwächung des Energiehaushaltes zu Folge haben kann. Musik andererseits, die langsamer ist als der Herzschlag, der zumeist zwischen 68 und 72 Schlägen pro Minute liegt, und die nicht lauter als 70 Dezibel ist, mit einem ausbalancierten Anteil von dissonanten und konsonanten Klängen sowie verschiedenen Klangfarben, hat dagegen einen ausgesprochen positiven Effekt auf unsere Gesundheit. Dies ist unter anderem die Musik des Barock (Bach, Händel, Vivaldi, Pachelbel) und die klassische Musik (Mozart, Haydn, der frühe Beethoven, Gluck). (Vgl. van DEEST, S. 26 f.)

2. 9. Welche Ansatzpunkte für heilsame psychische und vegetative Wirkungen birgt die Musik?

Klar ist, dass zunächst mit einem konzentrierten Hören oder Spielen von Musik und mit einem nachvollziehenden Erleben die allgemeine Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit trainiert wird. Dabei können positive Gefühle hervorgerufen werden, die die Psyche entlasten, Spannung und Angst abbauen. Durch eigenes Singen, Musizieren und Improvisieren werden zusätzlich Kreativität und Phantasie angeregt, und das musikalische Spiel fördert außerdem die Individualität und die Persönlichkeitsentwicklung des Spielenden.

Musik kann emotionale Sicherheit sowie Selbstwertgefühl vermitteln oder steigern. Sie kann Kommunikationsmöglichkeiten stützen, Konzentrations- und Lernhemmungen mindern und Unsicherheiten, Nervosität, Depressionen, Aggressionen oder Frustrationen abbauen. Herz- und Kreislauf und andere vegetative Körperfunktionen können angeregt oder stabilisiert werden; Herzinfarkt- oder Parkinsonpatienten kann die Musik in einer neurologischen Rehabilitation unterstützen. (Vgl. MYSCHKER, S. 676 - 681)

2. 10. Auf welche Art und Weise können wir mit der Musik unsere Gesundheit steigern?

Zunächst einmal kann Musik zum Beispiel am Morgen – wie ein Anregungsmittel – die Funktionen unseres Körpers verbessern beziehungsweise erhöhen. Oder sie kann unsere Verdauungsfunktionen stärken. Musik kann aber auch unser geistiges Arbeiten beziehungsweise unsere Studien und Erinnerungsmöglichkeiten ausweiten. Außerdem kann die Musik ein Mittel sein, unser Gehirn mit größerer Energie zu versorgen oder „aufzuladen“.

Musik kann auch als Hilfe zu einer Reduktion von Stress benutzt werden, um so den parasympathischen Teil unseres autonomen Nervensystems anzuregen – so ist eine Balance unserer Energiepotentiale herstellbar. Musik kann aber auch am Arbeitsplatz in besonderer Weise als sein quasi maskierter Sound benutzt werden, die die Menschen ablenkt und die Produktivität erhöht. Zudem kann das Spielen von Musik, aber auch das Zuhören eine Art Katharsis der Gefühle bewirken, so dass unsere größten emotionalen Bedürfnisse erfüllt und unsere größten Nöte beseitigt werden.

Musik ist weiters ein soziales „Bindemittel“ in Gruppen oder Gesellschaften und ein ergänzendes Hilfsmittel bei medizinischen Behandlungen, wodurch zum Beispiel die sonst verabreichte Dosis von Medikamenten reduziert werden kann. In Phasen größerer geistiger Anstrengungen oder zum Beispiel beim Lesen kann die Musik benutzt werden, um Funktionen in der rechten Gehirnhälfte zu besetzen um so die Belastung zu mindern. Es wird angenommen, dass Musik vor allem die zwei Hemisphären des zerebralen Kortex in ihren Funktionen integriert oder „synchronisiert“ und so eine Art Gestalterfahrung hervorbringt, die weit mehr ist als die Summe der Leistungen der beiden einzelnen Gehirnbereiche. Musik kann auch kommunikative Funktionen und Gedächtnisleistungen beschleunigen zum Beispiel wenn Kinder mit Hilfe von Liedern lernen.

Auf den großen Nutzen der Musik bei der Förderung der Hirnfunktionen haben zahlreiche Wissenschaftler auf der ganzen Welt hingewiesen. So hob zum Beispiel ein Wissenschaftler namens Shinichi Suzuki in Japan den positiven Effekt klassischer Musik auf die kindliche Entwicklung besonders hervor. Wird einem Fötus oder einem Baby diese Musik – etwa von Wolfgang Amadeus Mozart – vorgespielt, dann werden Intelligenz und Hirnfunktionen des Kindes erkennbar gefördert. Verschiedene Musikprogramme handeln daher von einer speziellen „Babyförderung“. Sie alle basieren auf einem Gedanken: Für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist die Möglichkeit zu kreativen, affektiven und emotionalen Erfahrungen, wie sie die Musik bieten kann, von grundlegender Bedeutung, insbesondere für die Entwicklung der Hirnfunktionen beziehungsweise die Entwicklung der rechten Hirnhälfte. (Vgl. van DEEST, S. 27 – 30)

3. Die Musiktherapie

3. 1. Definition

Die Musiktherapie kann von zwei verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden: einem wissenschaftlichen und einem therapeutischen.

„Die Musiktherapie ist ein wissenschaftliches Spezialgebiet, das sich mit der Untersuchung des Komplexes Klang - Mensch befaßt, wobei es sich um musikalische oder nicht musikalische Klänge handeln kann. Sie sucht nach Wegen, um Elemente für die Diagnose und Methoden für die Therapie herauszufinden. Vom therapeutischen Standpunkt aus gesehen ist die Musiktherapie eine paramedizinische Disziplin, die Klang, Musik und Bewegung dazu benützt, regressive Wirkungen zu erzielen, sowie Kommunikationskanäle zu eröffnen, mit deren Hilfe der Heilungsprozeß und die Wiedereingliederung in die Gesellschaft in die Wege geleitet werden sollen.“ (BENENZON, S. 13 f.) (Rechtschreibung laut Zitat)

3. 1. 1. Erläuterungen zur Definition:

Die Musiktherapie ist ein Helfer der Medizin und arbeitet mit den verschiedenen anderen therapeutischen Techniken eng zusammen. Sie steht gleichberechtigt neben Krankengymnastik, Beschäftigungstherapie etc. und hilft mit, den Patienten wiederherzustellen und in die Gesellschaft zu integrieren. Zugleich soll sie auch physischen und psychischen Krankheiten vorbeugen. Beschäftigungstherapeuten und Psychotherapeuten benützen die Kommunikationskanäle, die von der Musiktherapie erschlossen werden, auch sehr häufig. Oft stellt der Musiktherapeut in dem Heilungsprozess so etwas dar wie ein erstes Glied in der Kette beim Versuch einer Annäherung. In anderen Fällen liegt diese Bedeutung der Kanäle nicht im Erschließen neuer Möglichkeiten der Annäherung an die psychische Dynamik des Patienten sondern in der Wiederherstellung von bereits existierenden Kommunikationswegen. (Vgl. BENENZON, S. 14)

3. 2. Die historische Entwicklung der Musiktherapie

3. 2. 1. Urzeit – Urmusik

Die erste musikalische Verständigung der Menschen erfolgte über große Entfernungen durch Schlagen an ausgehöhlte Bäume. Später wurden Steine und wiederum später Metallgegenstände zur Nachrichtenübermittlung verwandt, indem man gegen sie schlug. Aus diesen Vorformen entwickelten sich dann Musikinstrumente, die auch anderen Zwecken dienten.

Der Ursprung der musikalischen Heilkunde lässt sich schon in den ältesten Formen in der Kulturgeschichte suchen. Die Urmusik wird hauptsächlich durch zwei Faktoren bestimmt: „Abwehr und Kultus.“ Sie sollte von dämonischen Mächten befreien. Zauber- und Bannlieder, ekstatische Flammentänze sollten jene fernhalten, und in der Ekstase löste sich der Mensch von seinem Körper, um diesen zu überwinden. Aberglaube und religiöser Kultus waren teilweise eng verwoben. Die Menschen wollten sich ihren Gottheiten nahe fühlen, dazu mussten alle Mächte, die sie an die Erde bannten, vertrieben werden.

Die Musik war auf das engste mit dem kultischen Tanz verbunden. Sie bestand daher mehr aus rhythmischen, sich ständig wiederholenden, gleichförmigen, als auch melodischen Elementen, sie sollte furchterregend, nicht schön sein. Die verschiedene Bedeutung lag dabei darin, ob die Musik mit Holz, Stein oder Metall erzeugt wurde sowie in der Länge und Kürze eines Tones. Die Melodie bewegte sich meistens im pentatonischen Raum, oder sogar nur auf einem Sprechton. Die Skala der musikalischen Formen reicht von den primitiven Trommelwirbeln des „Medizinmannes“ bis zu den hymnenartigen Einweihungsgesängen der Priester in höheren Kulturen. Auch die Araber verwandten vielfach schon Musik als Heilmittel. Ebenso findet sich zum Beispiel im Alten Testaments des Christentums König Salomon, dem das Harfenspiel Davids zur Bewältigung seiner Depressionen verhalf.

Auch aus dem alten Tibet berichtet Medizinalrat Felix Kersten von seinem Lehrer Dr. Ko, einem chinesischen Naturarzt, Klosterschüler und tibetanischen Mönch, der in England den Doktorgrad erwarb: „Die Schalltherapie ist in Tibet seit undenklichen Zeiten beheimatet. Um diese oder jene Nerven in Schwingungen zu bringen, flöten oder trommeln Mönchsgruppen einen bestimmten Ton, der wochenlang nicht abreißen darf. Die Gruppen lösen sich von Zeit zu Zeit ab. Schließlich beruhigt sich das Nervensystem bei dem unablässig erklingenden Ton. In den tibetanischen Klöstern wissen die alten Medizin-Mönchspriester genau, auf welchen Ton einer Trommel oder eines angeschlagenen Kupferkessels die Nerven des einen und anderen Kranken reagieren.“

(Vgl. von SCHULZ, S. 11 – 13)

3. 2. 2. Antike

Die Musik – Muse - entstammt den Göttern.

Für die Griechen und Römer war Musik ein magisches Reinigungs- und Heilmittel bei den kultischen Festen des Jahres. Musik war der ethische Grundpfeiler des Staates. Die völlige Vereinigung mit der Musik sollte zur Vereinigung mit ihrem Ursprung, dem Göttlichen führen. Erst die Reinigung der Seele konnte die Heilung des Leibes zur Folge haben. Im Geistigen und Ethischen wurde die heilende Wirkung gesehen. gesungene Wort und die Bewegung. Das Hauptgewicht lag nun in melodischer und harmonischer Schönheit, instrumentalisch ausgedrückt durch die Lyra und den Aulos, beides Instrumente, denen ein göttlicher Ursprung nachgesagt wurde. (Vgl. von SCHULZ, S. 13)

3. 2. 3. Mittelalter

Im Mittelalter wurde die Musik stark mit dem religiösen Erleben verbunden. Die Menschen sollten geläutert werden zur Aufnahme des Göttlichen in sich selbst, zu völliger Harmonie. Dadurch wurden sie so in sich gefestigt, dass sie allen körperlichen Leiden entgegentreten konnten, entweder diese zu überwinden oder als gottgewollte zu ertragen. Die Schwere des Körperlichen, Stofflichen sollte durch das Geistige überwunden werden, so auch die Krankheit durch religiöse Übungen verbunden mit Musik. Der Priester verfügte über ein tiefes Wissen um die Natur und kosmischen Zusammenhänge, worin die Musik eingeschlossen war und um die Einwirkung der Musik auf den menschlichen Organismus.

Der Aberglaube im Mittelalter führt uns zum Teil in die Zeiten der Abwehrmusik der Naturvölker zurück. Die Krankheiten wurden personifiziert, sie sollten durch Bannlieder und Zauberlieder als Dämon ausgetrieben werden. So erfand man Musik gegen Veitstanz. Spinnenbisse (Tarantella), gegen Krampfzustände; ganze Städte zogen der Pest mit Pauken und Trompeten entgegen. Gegen Geisteskrankheit wurde der Dudelsack angewandt. Man scharte sich um den Kranken. Ekstatische Tänze in bestimmten, sich wiederholendem Rhythmen sollten zur Abwehr und Heilung helfen und die Dämonen austreiben.

So finden wir in der Urzeit, Antike und Mittelalter schon viele Möglichkeiten einer Heilmusik, auf denen die heutige Musiktherapie aufbaut. (Vgl. von SCHULZ, S. 14 - 17)

3. 2. 4. Neuzeit

Unsere Neuzeit betrachtet sich selbst und andere Epochen in viel größerem Maße kritisch, als es früher möglich war. Sie kennt das historische Denken, ist eine Epoche des Bewusstseins. Aber unsere Zeit ist auch eine Zeit der Vermassung und des sich immer mehr verbreitenden Materialismus, der Wurzel des Egoismus ist. Dadurch gehen viele Heilkräfte der musikalischen Heilkunde der früheren Epochen, die noch eng verbunden mit dem Mythos waren, verloren und sie müssen wieder von Künstlern und Wissenschaftlern aus einem bewussten Denken heraus neu aufgebaut werden.

Wir wissen heute, dass von der Musik nicht nur heilende, sondern auch zerstörende Kräfte ausgehen können, wenn der Wille des Menschen ausgeschaltet und er in einen Rauschzustand versetzt wird, nicht in hoher Form wie in der Antike, sondern in berechneter niedriger Raffinesse. Die Musik wird auf bestimmte psychologische Wirkungen auf die Masse eingestellt.

Im „Journal of Personality“ berichten zwei Psychologen K. W. Matthews und L. K. Caron von der Universität Hamshire über eine Forschungsarbeit betreffend menschliche Hilfsbereitschaft bei Lärmbelastung. Sie stellten fest, dass starker oder anhaltender Lärm seelisch abstumpft und die Hilfsbereitschaft herabmindert. Die Menschen werden unsozial.

Der amerikanische Hirnspezialist Podolsky machte Versuche mit Messungen der Durchblutung und der Blutverteilung beim Hören von Musik. Bei aktiver Ausübung erfährt der Mensch eine stärkere Wirkung als bei passiver Aufnahme.

(Vgl. von SCHULZ, S. 18 ff.)

3. 3. Zwei Formen der Musiktherapie

Es gibt zwei Arten der Musiktherapie: die rezeptive (oder passive) und die produktive (oder aktive) Musiktherapie. Beide stelle ich nun überblicksartig vor.

3. 3. 1. Rezeptive Musiktherapie

Die rezeptive Form wurde früher einmal als die Hauptform der Musiktherapie betrachtet. Dies geschah mehr oder weniger unter manipulativen Gesichtspunkten.

In der wissenschaftlichen Musiktherapie wird die Direktbeeinflussung durch Musik jedoch nur noch als Entspannungsübung eingesetzt, oft in Kombination mit dem autogenen Training. Daneben wird auch die rezeptive Musiktherapie durchwegs im Sinne einer kommunikativen Therapie verstanden, sei es um Patienten „affektiv zu öffnen“, sei es um eine erste Kontaktaufnahme zu ermöglichen.

Einer der Pioniere der rezeptiven Musiktherapie, Jacques Jost (1969), gliederte seine Behandlungsstunden stets in 3 Teile mit 3 verschiedenen Musikstücken. Das erste Musikstück, das dem Patienten vorgespielt wird, soll dabei immer mit der Dynamik dem Rhythmus und der Stimmungslage des Patienten übereinstimmen. Jost geht davon aus, dass man für die schönste Musik nicht aufnahmefähig sein kann, wenn man zu gespannt, aufgeregt oder ängstlich ist. So könne dieses erste Stück durchaus aggressiv und gespannt oder ängstlich oder auch ruhig und romantisch sein, entsprechend dem Zustand des Patienten. Dieses erste Stück ist am wichtigsten für den Verlauf der Behandlung. Hier beginnt ein neues Verhältnis zwischen dem Patienten und der Musik und nur wenn dieser Kontakt wirksam ist, wird der Patient für Musik empfänglich sein. Die Musik muss selbstverständlich nicht nur mit dem Stimmungszustand, sondern auch mit dem musikalischen Bildungszustand des Patienten korrespondieren. Als zweites Musikstück wird im Allgemeinen ein Stück gegensätzlicher Art gespielt und als drittes ein Stück, von dem man sich den gewünschten therapeutischen Effekt erhofft.

Nachdem nun als Erstes Musik gespielt wurde, die der Patient gewählt hat, wird im zweiten Teil selbst Musik ausgewählt, von der angenommen werden kann, dass sie zwischen den musikalischen Wünschen, Bedürfnissen und Erfahrungen des Patienten und denen seines Partners, also Therapeuten und der anderen Patienten vermittelt. So sollte man auf einen gemeinsamen „musikalischen Nenner“ kommen: auf ein Musikstück, an dem alle Beteiligten Freude finden, zu einer musikalischen Gemeinsamkeit. Man sollte sich nicht von dem Irrglauben leiten lassen, dass der Patient es nicht merke, wenn man Musik, die er sich zwar gewählt hat, die der Therapeut aber nicht leiden kann, nur toleriert und nicht gerne hört. Die Teilnahme am gemeinsamen musikalischen Objekt, das von allen akzeptiert wird, ist in diesem Teil der Therapie jedoch das Entscheidende. Auch bei der rezeptiven Musiktherapie geben wir dem Patienten die Möglichkeit zu emotionalen Kommunikation. Es ist nur darauf zu achten, ganz individuell vorzugehen und Musik zu wählen, mit der der Patient etwas anfangen kann. Wir wollen weder manipulieren, noch die Rolle des Therapeuten mit der eines Kulturapostels verwechseln. Jetzt stellt sich allerdings die Frage, was „die Musik des Patienten“ ist. Die kann sicher der Therapeut nur in gemeinsamer Arbeit mit dem Patienten entwickeln und herausfinden. Zunächst ist auszugehen von musikalischen Wünschen des Patienten, auch wenn es nicht seine eigenen sein sollten, sondern die, die ihm von Eltern, Schule oder Kulturbetrieb vorgemacht wurden. Im Laufe der weiteren Arbeit, im Gespräch über Musik, werden die individuellen Eindrücke ergründet.

Wird dieses Erlebnis dann gemeinsam geteilt, kann man von Partizipation am gemeinsamen Objekt und von Kommunikation sprechen. Dieses Hören in einer Art „participation mystique“ führt zu einer Wir-Bildung und leitet die Wiederaufnahme von Objektbeziehungen, von mitmenschlichen Bezügen, ein.

Für den zweiten musikalischen Teil wählt der Therapeut Musikstücke aus, um sie dem Patienten vorzuschlagen. Hier wird versucht, das progressive Moment des musikalischen Erlebens vorsichtig dosiert in den Therapieablauf hineinzubringen. Es eignen sich kurze Stücke, die die Aufmerksamkeit nicht zu sehr ermüden. Die Stücke sollten einen klaren Aufbau und Form und eine klare Form besitzen, auch die Struktur darf nicht zu kompliziert sein. Überforderung der musikalischen Rezeption und Angst ist stets zu vermeiden.

Bevor die Musik abgespielt wird, wird eine kurze Einführung in Form, Themen und Ablauf der Komposition gegeben. Dies erleichtert die vorbewusste Strukturerfassung. Im anschließenden Gespräch über die Musik sollte man sich nicht zu sehr einlassen auf Fragen nach dem Geburtsdatum des Komponisten oder auch das Demonstrieren von Kenntnissen. Das kann hemmenden Einfluss auf die anderen Patienten, die möglicherweise nicht diese Kenntnisse haben, ausüben. Statt dessen sollte man Wert legen auf Beschreibung der Stimmung, die man bei der Musik empfindet, ohne sich jedoch zu Deutungen hinreißen zu lassen. Solche Beschreibungen von Gefühlen und Vorstellungen sollte man jedoch auf keinen Fall erzwingen. Man könnte allerhöchstens dazu anregen, sie müssten möglichst spontan kommen. Oft hat es sich als besonders günstig erwiesen, wenn man nach dem Gespräch über die Musik das Musikstück nochmals spielt. (Vgl. WILLMS, S. 70 – 75, vlg. STUMM/PRITZ, S. )

Die rezeptive Musiktherapie ist Therapie für Erwachsene und wird bei Kindern selten angewandt. (Vgl. Antwort von Karin Schumacher)

3. 3. 2. Produktive Musiktherapie

Obwohl man davor warnen muss, die produktive Methode als einzige musiktherapeutische Möglichkeit anzusehen – diese Meinung hat sich unter dem Einfluss der Musikpädagogik eingeschlichen – so muss man doch sagen, dass die produktive Arbeit, besonders in der Gruppenimprovisation im Mittelpunkt der eigentlichen Tätigkeit des Musiktherapeuten steht. Dabei ist nicht nur gemeint, dass man dem Patienten zu einer neuen Kreativität verhelfen muss. Vielmehr geht es um ganz andere, psychodynamische Bedeutungen des Produzierens und der Interaktion innerhalb der Gruppe und mit dem Therapeuten.

Ausdrucksformung und Produzieren eigener Musik führt schließlich zur Ich-Stärkung und Kommunikation, Kontakt wird selbstformend, selbstmitteilend in aktiver Weise erlebt.

Produktive Musiktherapie, Improvisation also, kann solo beziehungsweise im Duett Therapeut - Patient oder in Gruppen geschehen. Eine sinnvolle Improvisation bedeutet in der Musik eine „spontane“ Ausführung und ein gleichzeitiges Erfinden einer musikalischen Struktur, deren Ausführung und Erfinden auf vorher erlernten Spiel- oder Gesangstechniken oder zuvor erlebten Musikerfahrungen bestimmter Musikstile beruhen. Die durch die Improvisation hervorgerufene Musikstruktur rührt von vormals gespeicherten geistigen und spieltechnischen Erfahrungen her.

Da die einfachen Instrumente alle etwas einseitig sind, sollte man für jeden Spieler stets mehrere Klangquellen zur Verfügung haben, die das Improvisieren anregen. Von ganz besonderer Bedeutung ist der Selbstbau von Instrumenten durch die Patienten. Wenn die Objektproduktion bereits beim Herstellen des Instrumentes beginnt, bekommt auch das Musizieren ein ganz anderes Gesicht. Das Musizieren beginnt dann bereits beim Ausprobieren des Materials, beim Klopfen auf das Holz, während man zum Beispiel einen Klangstab herstellt. So ließe sich eine Improvisation fast von selbst aufbauen. Ein weiters natürliches Instrumentarium bringt jeder Mensch mit sich: Hände und Füße zum Klatschen und Stampfen.

Zum Selbstbauen eignen sich vor allem Idiophone und Fellinstrumente: Holzblocktrommeln, Klangstäbe, Ton- und Röhren-Bongos. Letztere kann man beispielsweise aus Pappröhren in verschiedener Länge zusammensetzen. Auch Zupfinstrumente sind relativ leicht zu bauen. Zur Klangbereicherung schließlich können unendlich viele Gegenstände des alltäglichen Lebens benutzt werden: Joghurtbecher, Fahrradklingeln, Hupen, Metallbleche, Holzkugeln in Gefäßen, Töpfe und vieles andere mehr.

Wichtig sind auch die Spielregeln, die nun für das gemeinsame Musizieren aufgestellt werden müssen. Diese Spielregeln sind die zweite Konsequenz aus der Voraussetzung, dass musikalisch-technisch nicht zu hohe Ansprüche gestellt werden. Sie strukturieren außerdem den Aufbau des therapeutischen Vorgehens.

Die Problematik der produktiven Musiktherapie kreist immer um die Frage: Wie weit oder eng darf oder muss der vorgegebene Rahmen für die Improvisation sein? Ist dieser zu klein, engt er den Patienten auf ein vom Therapeuten gestelltes musikalisches Ziel ein, verhindert er seine Entfaltung und Selbstfindung und seinen eigenen Ausdruck. Ist er zu weit, fördert er unter Umständen Angst vor nicht bewältigter Leere, Angst durch mangelnde Stützung und Assistenz und damit verbundene Reizüberflutung.

Wesentlich ist also, dass die Patienten in der Improvisation nicht überfordert, nicht übertönt und nicht übervorteilt werden und als zaghafte Ansätze des Ausdrucks des Patienten vom Therapeuten feinfühlig aufgenommen werden, als kommunikative Signale, auch wenn sie mit „Musik“ nicht viel zu tun haben sollten.

Folgende Spielformen haben sich in der produktiven Musiktherapie entwickelt:

I. Gemeinsame musikalische Aufgaben auf der Grundlage der Nachahmung und Imitation der äußeren Realität, sowie Illustration.
II. Musikalischer Nachvollzog und Mitvollzug in einem entweder melodisch oder rhythmisch vorgegebenen Rahmen.
III. Musikalische Wechsel- und Kontrastspiele von Einzelpersonen oder Untergruppen.

(Vgl. WILLMS, 75 – 81, vgl. STUMM/PRITZ, S. 15)

Die Erklärungen zu den einzelnen Spielformen folgen in einem späteren Kapitel, da diese Improvisationen im Musikunterricht der Volksschule durchgeführt werden können.

3. 4. Zielsetzung der musiktherapeutischen Behandlung

Die Hauptziele der musiktherapeutischen Behandlung sind:

1. Lösung aus völliger Antriebslosigkeit und Unansprechbarkeit (Seelentaubheit) bis zur Eigenaktivität.
2. Abbau von Ängsten, Zwängen, Stereotypien, Aggressionen etc. Lösung von Verkrampfungen verschiedensten Ursprungs.
3. Selbstständigkeit und weitgehendste Unabhängigkeit von fremder Hilfe.
4. Gemeinschaftsfähigkeit, Kommunikation, Kontaktfähigkeit, Eingliederung.
5. Heilung und Überwindung oder weitestmögliche Besserung der Behinderungen.
6. Aktive Beteiligung des Patienten am Heilungsprozess (Selbstheilung) oder, wenn die Behinderung nicht heilbar ist, dem Patienten aus sich selbst heraus die Kraft vermitteln, mit dieser zu leben, Fähigkeiten in anderen nicht so betroffenen Bereichen zu entwickeln und einen ihm gemäßen Platz in der Gesellschaft finden helfen.
7. Ichstärkung und Ausbildung der individuellen Persönlichkeit, die durch die Behinderungen oft verdeckt, verdrängt werden.
8. Weckung und Ausbildung von Fähigkeiten und Begabungen, die anfangs nicht erkennbar, überdeckt waren.
9. Eingliederung in eine Lebensgemeinschaft (Familie, Schule, Werkstätten, Arbeitsstelle etc.), je nach individueller Befähigung.
10. Weckung von Freude und Selbstvertrauen.

(Vgl. SCHULZ, S. 58 f.)

Die Zielsetzung musiktherapeutischer Behandlung kann auf eine dreifache zusammengefasst werden, die jedoch in sich eine Ganzheit bildet:

1. Die Behinderungen im Sinne einer möglichst kausalen Therapie im Heilprozess positiv zu beeinflussen, ihre Überwindung oder Besserung helfend einzuleiten.
2. Selbstständigkeit und Eigenaktivität zu entwickeln, so dass durch die Behinderungen oft überdeckte Fähigkeiten sich entwickeln können und auch im Alltag zur Auswirkung kommen.
3. Die individuelle Entfaltung der Persönlichkeit zu entwickeln, so dass Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen den Behinderten auf einem Weg zu sich selbst und zur Umwelt bestärken, bis er auch in Gemeinschaft mitgetragen werden kann.

Nur wenn diese drei Wege in einen einmünden, in den Weg, der diese Persönlichkeit ihrer Eigenart entsprechend in ihrem Menschsein festigt, kann ein Heilungsprozess sich entwickeln. Dann wird auch der Patient lernen, mit einer eventuell nicht heilbaren Behinderung zu leben, und er wird trotzdem die Hilfen der Therapie in Fähigkeiten umsetzen können in Bereichen, die durch die Behinderung nicht so stark beeinflusst werden. (Vgl. SCHULZ, S. 59)

3. 5. Eigenschaften der Musiktherapie

Musiktherapie ermöglicht nonverbale Kommunikation: Diese ist das eigentliche Spezifikum der Musiktherapie: Wer musiziert kann – neben der auditiven Wahrnehmung - den eigenen und fremden Körper in seiner Mimik, Gestik, Gebärde beobachten. Musiktherapie ist also immer auch Körpertherapie. Von dem „nonverbalen“ Ausdruck wird der transverbale unterschieden: neben das „Noch-nicht-Aussprechbare“ tritt das prinzipiell Unsagbare, Unaussprechliche; Musik als Sprache der Gefühle schlechthin und als Mittel gegen einen reduktionistischen Umgang mit Gefühlen. Zu diesem Bereich zählen u. a. transzendente, religiöse und spirituelle Dimensionen.

1. Musiktherapie transformiert „böse“ in „gute“ Erfahrungen. Abgesehen davon, dass Musik überhaupt den Zugang zu tieferen seelischen uns spirituellen Bereichen öffnet, können Musiktherapeuten negative traumatische Erlebnisse des Patienten gezielt mit Klängen, Melodien und Rhythmen wiederbeleben und quasi auf musikalisch-symbolischer Ebene korrigieren oder neu erfahrbar machen.
2. Musiktherapie ermöglicht spontane Handlungen in der Improvisation: In der Psychoanalyse wurde beziehungsweise wird das Expressiv-Motorische als Störfaktor angesehen, da die Gespräche im Mittelpunkt stehen. Eine freie Improvisation in der Musiktherapie dagegen ermöglicht spontanes Agieren, Verhalten und Erleben, ohne dieses zugleich reflektieren zu müssen. Dadurch können alte Erfahrungen wiederbelebt, aber auch neue Verhaltensweisen probiert werden.
3. Musiktherapie ermöglicht ein Durcharbeiten ganz ohne Worte. Musik kann als eine eigenständige Äußerung betrachtet werden, die nicht verbal interpretiert oder ausgewertet werden muss. Diese ist besonders wichtig bei Patienten, die nicht sprechen können, so zum Beispiel bei Autisten, Aphasikern oder geistig und körperlich Behinderten. Die übliche Reflexion in Worten wird so durch ein tiefere, symbolische Auseinandersetzung ersetzt, wobei aber das „Sprechen“ über die Musik weiterhin angestrebt bleibt. Hier rangiert zunächst eine möglichst realistische Beschreibung der Musik vor einer Interpretation, die die relative Eigenständigkeit des musikalischen Ausdrucks immer beachten sollte.
4. Musiktherapie ermöglicht Symbolbildung. Gefühle, Geschichte, Erfahrungen, Personen, Situationen etc. können mit Hilfe musikalischer Symbole dargestellt werden – direkt, spontan und eindringlich. Zugleich geschieht dies aber auch in flüchtiger, vergänglicher Form. Letzteres spricht Patienten an, die sich vor einer endgültigen Festlegung zum Beispiel beim Sprechen oder Malen, scheuen.
5. Musiktherapie ermöglicht Erfahrungen von Trennung und Verschmelzung. „Symbiose“ nennt man die völlige Verschmelzung einer Person mit einer anderen unter Aufgabe des eigenen Ichs. Für eine gesunde Autonomieentwicklung aber sind Symbioseerfahrungen nötig, die die Pole der Trennung und der Verschmelzung ausreichend berücksichtigen. Hier bieten Rhythmus und Klang hervorragende Möglichkeiten, da Töne, Rhythmen etc. auch tatsächlich miteinander verschmelzen. Diese Qualität der Musik ist vor allem bei Menschen bedeutsam, die eine große Angst vor körperlicher Nähe haben, aber auch bei schizophrenen Patienten in der Psychiatrie.
6. Musiktherapie ermöglicht ganzheitliche Erfahrungen. Bei einer musikalischen Gruppenimprovisation können alle Teilnehmer gleichzeitig spielen. So wird die Gruppe als Ganzes hörbar. Auch bei einem gespielten Dialog zwischen Therapeut und Patient wird die Qualität des Spiels insgesamt hörbar. So können unbewusste Beziehungsprobleme, Phantasien, Akzente etc. deutlich werden.
7. Musiktherapie ermöglicht Abreaktion von Gefühlen. Gerade in der freien, ungelenkten Improvisation spielt die Katharsis als Abreaktion von starken Gefühlen eine sehr große Rolle. Archaische Affekte, zum Beispiel Wut oder Hass, Liebe oder Sehnsucht, können so musikalisch ausgedrückt werden, was leichter ist, als darüber zu reden.

3. 6. Der falsche Gebrauch der Musik und der Musiktherapie

Jeder wissenschaftliche Bereich, der ohne entsprechende Kenntnisse und Unterscheidung angewandt wird, kann im Lauf der Zeit zu einer Gefahr für die menschliche Gesundheit werden. Auch die Musik unterliegt diesem Risiko. In unserer heutigen Zivilisation, die durch die Vielzahl von Kommunikationsmedien geprägt wird, beginnt sich allmählich eine schwerwiegende Krankheit zu entwickeln: die Unfähigkeit zur Kommunikation. Paradoxerweise trägt auch die Musik zu dieser Entwicklung bei.

Da kein Zweifel besteht an der Macht, die vom Klang und den akustischen Phänomenen ausgeht, sollten wir mit größter Sorgfalt von ihnen Gebrauch machen.

(Vgl. BENENZON, S. 90 f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 146 Seiten

Details

Titel
Maßnahmen aus der Musikerziehung als mögliche Förderung verhaltensauffälliger Kinder im Volksschulbereich
Hochschule
Pädagogische Hochschule Niederösterreich (ehem. Pädagogische Akademie des Bundes in Niederösterreich)  (VolksschullehrerInnenausbildung)
Note
Sehr gut (1)
Autor
Jahr
2001
Seiten
146
Katalognummer
V19809
ISBN (eBook)
9783638238519
Dateigröße
950 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maßnahmen, Musikerziehung, Förderung, Kinder, Volksschulbereich
Arbeit zitieren
Petra Becher (Autor), 2001, Maßnahmen aus der Musikerziehung als mögliche Förderung verhaltensauffälliger Kinder im Volksschulbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19809

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