Diese Seminararbeit befasst sich mit der Selbstmordthematik in Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther".
Laut Michael Rumpf handelt Goethes Roman „vom Konflikt zwischen den Erwartungen des Individuums und den Konventionen der Gesellschaft, von der Tragik unglücklicher Liebe und dem Recht auf Freitod“ – und ich finde, dass er mit diesem Satz die Thematik passend
zusammenfasst.
Im Verlauf dieser Arbeit möchte ich aufzeigen, dass Werthers Suizid kein spontaner Akt der Verzweifelung aus Liebe war, sondern eine geplante und überlegte Entscheidung, da Werther vermutlich an einem präsuizidalen Syndrom litt. Diese Behauptung möchte ich anhand der psychologischen Theorie Erwin Ringels zum präsuizidalen Syndrom beweisen.
Anschließend möchte ich die von mir angeführte Theorie zum Thema Suizid an ausgewählten Textstellen belegen. Einleitend und als Einstieg in die Thematik werde ich jedoch mit einer Definition des Begriffs „Suizid“ beginnen und einen historischen Überblick über das Thema Suizid geben, bevor ich mich dem präsuizidalen Syndrom und
Werther widme.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Suizid
2.1 Sprachgebrauch und Definition
2.2 Philosophische Aspekte
2.2.1 Altertum
2.2.2 Theologische/Christliche Aspekte
2.2.3 Neuzeitliche Gedanken
2.3 Psychologische Aspekte
3. Werthers Suizid
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Suizidthematik in Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther" und belegt die These, dass der Suizid keine spontane Verzweiflungstat darstellt, sondern eine geplante Entscheidung, die durch das "präsuizidale Syndrom" nach Erwin Ringel analysiert werden kann.
- Historische und philosophische Betrachtung des Suizidbegriffs
- Analyse der psychologischen Theorie des präsuizidalen Syndroms
- Untersuchung von Werthers Leidensweg und suizidalen Andeutungen
- Verbindung von Werthers literarischer Entwicklung mit klinischen Phasen
Auszug aus dem Buch
2.3 Psychologische Aspekte
Die wissenschaftliche Betrachtung des Suizides ist ein Phänomen, was auf den Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856–1939) zurückgeht. Vor Freud wurde die Suizidalität als Krankheitssymptom und nicht als Krankheit selbst angesehen. In seinem 1917 verfassten Werk Trauer und Melancholie beschreibt Freud in seiner Aggressionstheorie, dass ein Suizid vor allem im Zusammenhang mit Depressionen auftritt. In der Medizin werden Depressionen als Hilflosigkeit, an deren Ende ein Suizid stehen kann, beschrieben. Freud führt weiter an, dass Melancholiker oder Depressive sich oft mit einer geliebten Person identifizieren, wenn sie versuchen, ihr Leben zu zerstören. Das heißt: Nach Freud führen Trennungen, Streit oder Verlust zu Depressivität und resultieren in einigen Fällen im Suizid. Freuds Schüler Alfred Adler (1870–1930) hielt 1910 in Wien den ersten wissenschaftlichen Kongress über das Thema Suizid ab.
Von herausragender Bedeutung unter den Theorien zum Suizid ist das „präsuizidale Syndrom“, das Erwin Ringel, Gründungsmitglied des Krisenzentrums Wiener Lebensmüdefürsorge und ein Schüler Alfred Adlers, beschrieben hat. Seine 1948 entwickelte Theorie basiert auf 745 Krankengeschichten von geretteten Suizidenten, aus deren psychiatrisch beschriebenen Auffälligkeiten er das präsuizidale Syndrom formulierte. Zusammengefasst besagt seine Theorie, dass die eigentlichen Suizidhandlungen drei Stadien durchlaufen:
1. Einengung: Die Basis des präsuizidalen Syndroms stellt die Einengung dar. Diese durch Misserfolge, Kränkungen oder Enttäuschungen hervorgerufene Entwicklung umfasst vier Stufen. Einer zunächst lediglich situativen Einengung folgt eine dynamische, die durch eine einseitige Ausrichtung von Verhaltensmustern und Abwehrmechanismen gekennzeichnet ist. Alles wird durch die „schwarze Brille“ gesehen, man fühlt sich isoliert. Schließlich kommt es zur Einengung von zwischenmenschlichen Beziehungen und eigenen Wertvorstellungen. Es entsteht eine zunehmende Interessenlosigkeit, Betroffene fühlen sich als Außenseiter.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage, das Ziel der Arbeit sowie eine kurze methodische Hinführung zum Thema Werthers Suizid.
2. Suizid: Theoretische Grundlagen durch Begriffsdefinitionen, philosophische Betrachtungen von der Antike bis zur Neuzeit sowie eine psychologische Einordnung.
3. Werthers Suizid: Anwendung der erarbeiteten Theorie auf den Roman und Analyse von Werthers suizidalen Gedanken im Verlauf der Handlung.
4. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse und Bestätigung des komplexen Motivbündels hinter dem Suizid sowie der Einordnung in den literaturhistorischen Kontext.
Schlüsselwörter
Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Suizid, Suizidalität, präsuizidales Syndrom, Erwin Ringel, Psychologie, Philosophie, Melancholie, Depression, Freitod, literarische Analyse, Einengung, Autoaggression, Lebensmüdigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Suizidthematik in Johann Wolfgang von Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther" aus einer psychologischen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Definition des Suizids, dessen philosophische und theologische Geschichte sowie die psychologische Theorie des präsuizidalen Syndroms.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Werthers Suizid keine spontane Kurzschlusshandlung war, sondern ein Prozess, der sich durch spezifische psychische Stadien erklären lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, bei der die Theorie des präsuizidalen Syndroms nach Erwin Ringel auf den Text des Romans angewendet wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erarbeitung des Suizidbegriffs und eine detaillierte Untersuchung der suizidalen Andeutungen und Entwicklungen von Werther im Roman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Suizid, Werther, präsuizidales Syndrom, Erwin Ringel, Depression und philosophische sowie psychologische Aspekte.
Wie definiert der Autor das präsuizidale Syndrom nach Ringel?
Es wird als ein Phänomen in drei Stadien beschrieben: Einengung, Autoaggression und Flucht in die Irrealität bzw. Suizidphantasien.
Welche Rolle spielt Lotte für Werthers Entscheidung?
Lotte wird als zentrale Figur gesehen, deren Unnahbarkeit und Werthers Identifizierung mit dem Suizidgedanken zu einer massiven Verschlechterung seines Zustands führen, bis hin zur geplanten Selbsttötung.
- Citation du texte
- Linda Dressler (Auteur), 2011, Werthers Suizid - Theoretische Vorüberlegungen und Romananalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198122