VORWORT1
Diskriminierung und Stigmatisierung sind schmerzhafte Erfahrungen für Betroffene. Viele
Menschen müssen dies ihr ganzes Leben oder zumindest eine lange Zeit ertragen.
In der 9. Klasse der Realschule in Herten wurde ein Workshop, der sich „Blue-Eyed“
nennt, durchgeführt. Das Ziel des Workshops war den Rassismus gegenüber ausländischen
Mitbürgern einzudämmen. Die Schüler sollen am eigenen Leib erfahren, wie es sich
anfühlt diskriminiert zu werden, da dies oft wirksamer ist als tausend Worte. Die Idee
einen derartigen Workshop durchzuführen entstand aus der Hilflosigkeit einer Lehrerin
gegenüber dem Verhalten vieler Schüler. Diese beschimpften und diskriminierten verstärkt
türkische Bewohner mit Sprüchen wie: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber Türken
sind Scheiße, die machen einen immer ganz übel an.“2 Daher lud sie den Politologen
JÜRGEN SCHLICHER zu ihrer Klasse ein, der von der Entwicklerin dieses Konzepts, einer
amerikanischen Lehrerin namens JANE ELLIOT, darauf geschult wurde.
Zur ersten Schulstunde wurden die Schüler von SCHLICHER mit dem Kommando
„hinsetzen, Klappe halten, Beine zusammen!“ begrüßt. Anschließend wurden sie in die
Gruppen „Blauäugige“ und „Braunäugige“ aufgeteilt. Die Blauäugigen wurden in ein
Zimmer geschickt und mussten dort über eine Stunde warten ohne den Grund dafür zu
kennen oder zu wissen was auf sie zukommt. Währenddessen wurden die Braunäugigen
mit Saft und Keksen versorgt, und es wurde ihnen der Ablauf des Schultages erklärt. Die
Schüler sollten an jenem Tag in einer praktischen Übung ihre blauäugigen Mitschüler
aufgrund ihrer Augenfarbe diskriminieren. SCHLICHER „begründete“ es damit, dass
Menschen mit blauen Augen faul, dumm und aufsässig seien und nicht zuhören oder lernen
könnten. Dies läge am niedrigen Melaningehalt in ihren Augen. Den Schülern solle heute
das zugemutet werden, was manche Personengruppen ihr ganzes Leben lang ertragen
müssen, wie z. B. Homosexuelle, Ausländer oder Menschen mit psychischen
Erkrankungen.
Die Regeln für diese Übung sind folgendermaßen: Die braunäugigen Schüler dürfen die
Blauäugigen nicht anlächeln, sich nicht mit ihnen solidarisieren und ihnen keine Hilfe oder
Erklärungen anbieten. [...]
1 vgl. Koch, S. (2001): Dumm, aufsässig und faul? Blauäugig!, Sozialmagazin 26, S. 36-39.
2 Koch, S. (2001), a.a.O., S. 37.
Inhaltsverzeichnis
VORWORT
EINLEITUNG
TEIL 1: STIGMATISIERUNG VON MENSCHEN MIT PSYCHISCHEN ERKRANKUNGEN
1. BEGRIFFSERKLÄRUNG
1. 1 Stigmatisierung
1. 2 Psychische Erkrankungen
2. ENTSTEHUNG VON STIGMATISIERUNG
2. 1 Einstellungen
2. 1. 1 Erwerb von Einstellungen
2. 1. 2 Vorurteile
2. 1. 2. 1 Entstehung von Vorurteilen
2. 1. 3 Stigmatisierung
2. 2 Schizophrenie – eine unverstandene und unakzeptierte Krankheit
2. 2. 1 Assoziationen zum Begriff Schizophrenie
2. 3 Der Einfluss der Medien
2. 3. 1. Schizophrenie in den Printmedien
2. 3. 2 Psychisch Kranke in Fernsehfilmen
3. AUSWIRKUNGEN DER STIGMATISIERUNG
3. 1 Auf die Betroffenen
3. 2 Auf die Angehörigen
4. ENTSTIGMATISIERUNG
4. 1 Veränderung von Einstellungen und Vorurteilen
4. 2 Einstellung der Bevölkerung gegenüber psychisch erkrankten Menschen
4. 2. 1 Auswirkungen der Attentate auf Lafontaine und Schäuble
4. 3 Gemeindepsychiatrische Versorgung als Brücke gegen Stigma und Isolation
4. 3. 1 Geschichtlicher Abriss
4. 3. 2 Gemeindepsychiatrie heute
2. TEIL: FRAGEBOGENUNTERSUCHUNG BEI SCHÜLERN
1. BEFRAGUNG VON GYMNASIASTEN
1. 1 Methodik der schriftlichen Befragung
1. 2 Vorgehen der Befragung
2. VORSTELLUNG DES FRAGEBOGENS
3. VERGLEICH DER EINSTELLUNGEN ZWISCHEN DEN VERSCHIEDENEN KLASSENSTUFEN
3. 1 Ergebnisse
3. 1. 1 Eigenschaften
3. 1. 2 Emotionale Reaktion
3. 1. 3 Soziale Distanz
3. 1. 4 Stigmatisierung
3. 1. 5 Professionelle Hilfe
3. 1. 6 Erster Gedanke zu „psychischen Erkrankungen“
4. EINSTELLUNGEN DER SCHÜLER IM VERGLEICH ZU SOZIALPÄDAGOGIKSTUDENTEN UND DER BEVÖLKERUNG MANNHEIMS
4. 1 Einstellungen der Sozialpädagogikstudenten
4. 2 Einstellungen der Bevölkerung Mannheims
4. 3 Ergebnisse
4. 3. 1 Eigenschaften
4. 3. 2 Emotionale Reaktion
4. 3. 3 Soziale Distanz
4. 4. 4 Stigmatisierung
5. AUSWIRKUNG PRIVATER KONTAKTE AUF DIE EINSTELLUNG GEGENÜBER MENSCHEN MIT PSYCHISCHEN ERKRANKUNGEN
5. 1 Ergebnisse
5. 1. 1 Eigenschaften
5. 1. 2 Emotionale Reaktionen
5. 1. 3 Soziale Distanz
5. 1. 4 Stigmatisierung
6. ZUSAMMENFASSUNG UND INTERPRETATION
7. ÖFFENTLICHKEITSARBEIT BEI SCHÜLERN
7. 1 Projekte an Schulen
ABSCHLIEßENDE STELLUNGNAHME
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einstellungen von Schülern gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen. Das primäre Ziel ist es, den Wissensstand und die Vorurteile der Jugendlichen zu erfassen, um auf dieser Basis Konzepte für eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit an Schulen zu entwickeln und so der Stigmatisierung entgegenzuwirken.
- Stigmatisierung und Vorurteilsbildung bei psychischen Erkrankungen
- Einfluss der Massenmedien auf das öffentliche Bild psychisch Kranker
- Vergleich der Einstellungen zwischen verschiedenen Altersgruppen (Schüler) sowie Berufsgruppen
- Bedeutung von direktem Kontakt und Erfahrung für den Einstellungsabbau
- Analyse des Hilfesuchverhaltens und der Kenntnis psychiatrischer Hilfsangebote
Auszug aus dem Buch
1. 1 Stigmatisierung
Die Griechen schufen den Begriff Stigma. Dies waren körperliche Zeichen, die Verbrechern, Sklaven und Verrätern eingebrannt oder eingeschnitten wurden, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass der Zeichenträger zu einer Person erklärt wurde, die unrein und schlecht ist. Diese Personen sollten vor allem in der Öffentlichkeit gemieden werden. Heute wird der Begriff eher auf Beschädigung oder Entehrung der Identität eines Menschen bezogen.
Der BROCKHAUS – DIE ENZYKLOPÄDIE definiert Stigmatisierung heutzutage so: „Zuschreibung eines Stigmas, das eine Person – orientiert an den herrschenden Gesellschafts- bzw. Gruppennormen – als nicht der Gruppe zugehörig ausweist. Insofern ist Stigmatisierung ein Versuch der Gesellschaft/Gruppe, ‚Fremdes’ (oft als ‚Bedrohung’ wahrgenommenes) aus ihrer Mitte auszuschließen. Beispiele für Stigmatisierung sind die in der Gesellschaft tradierten Vorurteile oder Vorbehalte gegenüber Angehörigen sogenannter Randgruppen, hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Wirkung aber auch die Kennzeichnung von Menschen als ‚vorbestraft’ oder ‚obdachlos’ seitens staatlicher Behörden.“
Ein Klient unserer Einrichtung sagte vor kurzem zu mir etwas, was ich auch sehr passend zur Erklärung der Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen finde: „Wenn man einmal in der Mühle der Psychiatrie gelandet ist, hat man sein ganzes Leben lang einen Stempel, den man nicht wieder los bekommen kann. Man ist für immer der psychisch Kranke und man wird auch von allen so behandelt. Vielleicht bilde ich mir das auch ab und zu nur ein, aber ich weiß, dass ich in meinem Bekanntenkreis für meine Krankheit „schräg“ angeschaut werde und sie auch nichts mehr mit mir zu tun haben wollen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begriffserklärung: Dieses Kapitel erläutert den Ursprung des Begriffs Stigma und definiert Stigmatisierung im gesellschaftlichen Kontext sowie psychische Erkrankungen.
2. Entstehung von Stigmatisierung: Hier wird der Prozess der Einstellungs- und Vorurteilsbildung sowie der Einfluss von Medienberichten auf das Bild psychisch Kranker analysiert.
3. Auswirkungen der Stigmatisierung: Das Kapitel befasst sich mit den negativen Folgen für Betroffene sowie deren Angehörige und den Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf.
4. Entstigmatisierung: Hier werden Strategien zur Einstellungsänderung und die Bedeutung der gemeindepsychiatrischen Versorgung als Brücke gegen Isolation beleuchtet.
1. Befragung von Gymnasiasten: Einführung in die Methodik und den Ablauf der Untersuchung an einer gymnasialen Schule.
2. Vorstellung des Fragebogens: Beschreibung des wissenschaftlichen Instruments, das zur Erhebung der Schüler-Einstellungen genutzt wurde.
3. Vergleich der Einstellungen zwischen den verschiedenen Klassenstufen: Darstellung und Analyse der Ergebnisse, unterteilt nach den verschiedenen Altersstufen der Schüler.
4. Einstellungen der Schüler im Vergleich zu Sozialpädagogikstudenten und der Bevölkerung Mannheims: Eine komparative Analyse, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Personengruppen aufzuzeigen.
5. Auswirkung privater Kontakte auf die Einstellung gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen: Untersuchung, ob direkter privater Kontakt die Stigmatisierung mindert.
6. Zusammenfassung und Interpretation: Synthese und theoretische Einordnung der erhobenen Daten.
7. Öffentlichkeitsarbeit bei Schülern: Reflexion über die Relevanz von Aufklärungsprojekten an Schulen zur Förderung der psychischen Gesundheit.
Schlüsselwörter
Stigmatisierung, Schizophrenie, Vorurteile, Soziale Distanz, Psychische Erkrankungen, Einstellungen, Sozialpädagogik, Medien, Öffentlichkeitsarbeit, Gemeindepsychiatrie, Minderheiten, Etikettierungsansatz, Diskriminierung, Prävention, Aufklärung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und untersucht durch eine empirische Fragebogenstudie, wie diese von Schülern wahrgenommen und bewertet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entstehung von Vorurteilen, der Einfluss von Medien auf die Wahrnehmung psychisch Kranker, die Auswirkungen auf Betroffene und die Möglichkeiten zur Entstigmatisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schüler zu psychischen Erkrankungen stehen, ob Alter oder privater Kontakt eine Rolle spielen und wie Aufklärungsprojekte zur Einstellungsverbesserung beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine schriftliche Fragebogenuntersuchung an einem Gymnasium durchgeführt, deren Ergebnisse mit Daten aus anderen Personengruppen (Sozialpädagogikstudenten, Mannheimer Bevölkerung) verglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Neben theoretischen Grundlagen zur Stigmatisierung präsentiert der Hauptteil detaillierte statistische Auswertungen zur Einschätzung psychisch Kranker durch verschiedene Klassenstufen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Stigmatisierung, soziale Distanz, Schizophrenie, Vorurteile und Öffentlichkeitsarbeit stehen im Mittelpunkt der Untersuchung.
Wie unterscheidet sich die Einstellung von Schülern von der von Erwachsenen?
Die Untersuchung legt nahe, dass jüngere Schüler oft weniger vorurteilsbehaftet sind als ältere Schüler oder die Allgemeinbevölkerung, was auf eine zunehmende Stigmatisierung mit steigendem Alter hindeutet.
Welchen Einfluss hat privater Kontakt?
Es zeigt sich, dass privater Kontakt zu psychisch erkrankten Menschen die Stigmatisierung reduziert, indem er zu einer realistischeren Einschätzung führt und Ängste sowie Vorurteile abbaut.
- Quote paper
- Nadine Kraus (Author), 2003, Einstellungen gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19819