Fiktionale Tagebücher in der Kinder- und Jugendliteratur


Hausarbeit, 1996
49 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kinder- und Jugendliteratur
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Geschichtliche Betrachtungen
2.3 Themen, Formen und Gattungen
2.4 Die Ich - Erzählperspektive und ihre Anwendung

3 Tagebuchliteratur
3.1 Geschichte der Tagebuchliteratur
3.2 Verschiedene Arten des Tagebuchs
3.3 Merkmale des Tagebuchs
3.4 Das Tagebuch in der Kinder- und Jugendliteratur

4 Kindertagebücher in Einzelbetrachtungen
4.1 „Meine Freundin Roberta und der König“
4.1.1 Handlung und Personen
4.1.2 Tagebuchelemente
4.1.3 Vergleich
4.2 „Berts intime Katastrophen“
4.2.1 Handlung und Personen
4.2.2 Tagebuchelemente
4.2.3 Vergleich
4.3 „Watzel Stinkers Tagebuch“
4.3.1 Handlung und Personen
4.3.2 Tagebuchelemente
4.4 „Ein Mädchen wie Tessa“
4.4.1 Handlung und Personen
4.4.2 Tagebuchelemente
4.5 Ausgewählte Kinder- und Jugendbücher in Tagebuchform
4.6 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit einem Teilgebiet aus der Kinder- und Jugendliteratur. Es soll um fiktionale Tagebücher innerhalb dieses Genres gehen. Die Forschungsgebiete „Kinder- und Jugendliteratur“ einerseits und „Tagebuch“ andererseits zählen in der Literaturwissenschaft beide zu den weniger berücksichtigten Aspekten der Forschung. Obwohl sich die Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur inzwischen ausgeweitet hat, führt sie immer noch ein Schattendasein gegenüber der „Erwachsenenliteratur“, zumindest, wenn es um das ihr entgegengebrachte wissenschaftliche und öffentliche Interesse geht. Auch bei der Behandlung der Literaturform „Tagebuch“ sind in der Forschung Defizite festzustellen. In dieser Arbeit, die diese beiden Randgebiete zusammenführen soll, werden an einzelnen Beispielen fiktionale Tagebücher in der Kinder- und Jugendliteratur behandelt. Um diese Integration leisten zu können, werden zunächst kurze Einführungen in die beiden Themenkomplexe „Kinder- und Jugendliteratur“ bzw. „Tagebuch“ gegeben, bevor dann versucht wird, unter Berücksichtigung der relevanten Erkenntnisse eine Analyse einzelner Tagebücher durchzuführen. Die Beispielhaftigkeit der ausgewählten Tagebüchern sei schon jetzt betont. Eine systematische Ordnung des Tagebuchmaterials für Kinder und Jugendliche kann die Arbeit nicht leisten.

2 Kinder- und Jugendliteratur

In diesem Abschnitt sollen sowohl die Grundzüge der Kinder- und Jugendliteratur dargelegt werden, als auch im besonderen auf die relevanten Fragestellungen im Hinblick auf die Tagebuchanalyse hingearbeitet werden.

2.1 Begriffsbestimmung

Wenn man sich mit dem weiten Feld der Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen will, ist es ratsam, sich zuerst über eine möglichst genaue Definition dieses Begriffes klarzuwerden. Bevor die in dieser Arbeit zugrundegelegte Definition formuliert wird, werden die drei denkbaren Ansätze kurz referiert.

In der Diskussion haben sich drei unterschiedliche Sichtweisen herausgebildet, wobei aber heute nicht mehr alle drei gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Die erste Definition versteht unter Kinder- und Jugendliteratur die Literatur, „ die speziell für Kinder und Jugendliche geschrieben ist, deren Verfasser also ihre Zielgruppe fest im Auge haben und ihr Buch nach deren denkbaren Wünschen und Verstehensmöglichkeiten geschrieben haben.“[1]

Die Konsumenten bzw. Rezipienten werden durch die Literatur also bewußt angesprochen, sie ist spezifisch für diese Zielgruppe konzipiert, wobei die Autoren versuchen, die Wünsche und Bedürfnisse der Leserschaft zu antizipieren.

Der zweite Ansatz steckt den Rahmen sehr viel weiter, er nimmt das Leseverhalten der Kinder und Jugendlichen in den Blick. Danach ist all das Kinder- und Jugendliteratur , „was ein Kind oder ein Jugendlicher liest.“[2]

Nach dieser Auffassung wären z. B. auch Comics oder Bücher für Erwachsene, die von Kindern gelesen werden, Kinder- und Jugendliteratur.

Als dritte und letzte Möglichkeit der Eingrenzung bietet sich an, all jenes als Kinder- und Jugendliteratur zu bezeichnen, was selbst von dieser Altersgruppe geschrieben wurde.[3]

In der wissenschaftlichen Diskussion hat sich die erstgenannte Definition durchgesetzt, da die beiden anderen kaum brauchbar sind. Mit dem zweiten Ansatz kann man das Feld nicht befriedigend eingrenzen, der dritte Ansatz steckt die Grenzen viel zu eng. Es gibt eben sehr wenige, veröffentlichte Bücher, die von Kindern für Kinder geschrieben worden sind.

In dieser Arbeit wird die erstgenannte Beschreibung verwenden, daß also der Bereich der Kinder- und Jugendliteratur relativ gut mit dem Kriterium abgegrenzt werden kann, was denn nun speziell für Kinder und Jugendliche geschrieben wurde. Daß hierbei Grenz- und Übergangsfälle auftreten, dürfte klar, aber ebensowenig vermeidbar sein. Eine vielleicht noch zentralere Frage, die am Anfang jeder Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur stehen sollte, ist die nach der altersmäßigen Fixierung und Abgrenzung zwischen Kind und Jugendlichem.

Die Bezeichnung Kinder- und Jugendliteratur wird meist als ein Teilbereich im Literaturbetrieb angesehen. Es steht aber fest, daß sich das Kinderbuch vom Jugendbuch in vielen Punkten (Ausstattung, Sprache, Thema, Umfang etc.) unterscheidet, so daß eine terminologische Eingrenzung bzw. Abgrenzung in der Form nötig wäre, daß man in Zukunft von Kinderliteratur und Jugendliteratur als zwei unterschiedlichen Bereichen sprechen müßte. Die Trennung hat aber nicht in umfangreichem Maße stattgefunden. Wo sie dennoch praktiziert wird, scheint sie sogar eine Eigenart der deutschen Literaturwissenschaft zu sein, denn „ nur die deutsche Terminologie differenziert gelegentlich Kinder- und Jugendliteratur.“[4]

Wenn eine zeitliche Abgrenzung erfolgt, wird die Grenze zwischen Kinder- und Jugendbuch etwa beim zwölften Lebensjahr gemacht. Es gibt sicherlich spezifische Kinderbücher wie z. B. das Bilderbuch.

In dieser Arbeit möchte ich diese Differenzierung aber ebenfalls nicht vornehmen, es sei denn, eine klare altersmäßige Spezifizierung wird durch den Sachzusammenhang notwendig. Anderenfalls wird der Terminus „Kinder- und Jugendliteratur“ verwendet.

2.2 Geschichtliche Betrachtungen

Bevor der konkrete geschichtliche Ablauf der Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur genau geschildert wird, soll ein grober Überblick über die Genese dieser Literaturform überhaupt gegeben werden. Hier lassen sich drei, natürlich nur bedingt voneinander zu trennende Phasen angeben.

In der ersten Phase hatten die Kinder vollen Anteil am gesamten Literaturbetrieb der Erwachsenen, sie rezipierten alles, was auch die Erwachsenen lasen.

Als dann, nach Gutenbergs Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern, von der Mitte des 15. Jahrhunderts an die Menge der schriftlich fixierten Literatur wie auch die Zahl der Leser allmählich zunahm, partizipierten die Kinder, die lesen konnten und Zugang zu Büchern hatten, eben an dieser, so wie sie vorlag, also nicht gesondert nach Texten für Erwachsene und Texten für Kinder.“[5]

In der zweiten Phase wurden aus dem Literaturangebot vermeintlich besonders gut für Kinder geeignete Texte herausgesucht. Es wurde eine Art Teilkanon gebildet, Kinder- und Jugendliteratur als ein Ausschnitt aus der Erwachsenenliteratur verstanden; „ ... dabei handelte es sich vornehmlich um dreierlei: um die religiöse Beispielgeschichte nach der Art des Predigtmärleins, um die Legende und die Fabel ...[6]

In der dritten Phase, die zeitlich etwa in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts anzusiedeln ist[7], bildete sich langsam eine spezifische Kinder- und Jugendliteratur heraus. Es wurde begonnen, speziell Texte für diese Zielgruppe zu verfassen. Mit diesem dritten Abschnitt war die Entwicklungsstufe erreicht, die auch heute noch vorherrscht.

Im Folgenden sollen nun genauere geschichtliche Betrachtungen angestellt werden, in denen auch Jahreszahlen und Werksbeispiele nicht fehlen sollen.

Erste Ansätze einer im oben definierten Sinne eigenständigen Kinder- und Jugendliteratur gab es in der literarischen Epoche der Aufklärung (ca. 1735 - 1800). Davor war keine spezifische Literatur für die junge Leserschicht vorhanden, es wurden lediglich für geeignet gehaltene Werke aus der Gesamtheit der Erwachsenenliteratur herausgegriffen.

Die Kinder- und Jugendliteratur der Aufklärung war eng mit der damaligen Pädagogik verknüpft. Im Glauben an die Erziehbarkeit des Kindes sollten die Bücher den Zweck des „prodesse et delectare“ erfüllen, also gleichzeitig nützen und erfreuen. Der Aspekt der Belehrung wurde allerdings sehr stark, wenn nicht gar überbetont. So kam es dazu, daß „ viel schulmeisterliche Belehrung und ständiges Moralisieren der natürlichen Weltbegegnung des Kindes entgegenwirkten.“[8]

In Doderers Lexikon zur Kinder- und Jugendliteratur wird die Absicht der aufklärerischen Kinder- und Jugendliteratur so zusammengefaßt: „ ... als erzählerisch unterhaltende Veranschaulichung von Tugenden, Untugenden und Bildungszielen im Prozeß der (religiös) moralischen, sozialen und intellektuellen Erziehung des Kindes.“[9]

Der Aspekt der übertriebenen Belehrung gab Teilen dieser Art von Literatur zweifellos eine negative Richtung. Als immer wieder genanntes Werk aus diesem Zeitraum ist Campes Neubearbeitung von Daniel Dafoes „Robinson“ für Kinder zu nennen, welches im Jahre 1779 erschien und ein großer Erfolg wurde.[10]

In der Romantik (ca. 1800 - 1830) wendete man sich von der in der Aufklärung allzu starken Moralisierung ab und widmete sich eher Themen, die aus den Bereichen Natur, Idylle und Zauber des Herzens stammten. In dieser Zeit fanden „ Märchen, Sagen, Kinderlieder und Bilderbücher[11] Eingang in die Kinder- und Jugendliteratur. Die Verkleinerung dieser Idyllen führte letztendlich im ausgehenden 19. Jahrhundert zu den sog. Backfischbüchern, in denen die weiblichen Protagonisten „ gefühlvolles, realitätsfernes und niedliches[12] erlebten. Diese Bücher konnten zum Aufbau einer Traumwelt und damit zu einer Art von Eskapismus führen; dieser Vorwurf kam auch ungefähr 100 Jahre später, bei der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur, wieder auf. Doch dazu später.

Als Beispiel dieser Backfischbücher sei ein Werk angegeben, welches sicherlich als ein Klassiker innerhalb dieser Literaturbereiches angesehen werden kann: Emmy von Rhodens „Trotzkopf“. Im Anschluß an diese Zeit, bzw. auch zeitgleich entstanden auch patriotische Bücher, in denen das Militärische und das Soldatische überhöht wurden und so einen Hurrapatriotismus heraufbeschwören sollten.

Eine einschneidende Veränderung in der Produktion und auch Reflexion und Beurteilung der Kinder- und Jugendliteratur ist mit dem wichtigen Namen Heinrich Wolgast in Zusammenhang zu bringen. Im Zuge der Kunsterziehungsbewegung, gestützt durch die Kinderpsychologie, stellte er den Anspruch an die Kinder- und Jugendliteratur, ohne moralischen Anspruch und belehrenden Charakter lediglich künstlerisch und ästhetisch zu sein. Es sollten literarisch wertvolle Bücher sein. Schlagwortartig könnte man diese Bewegung als das „ Primat der »Kunst« auch für die Jugendschriften und eine Ästhetik der »Absichtslosigkeit«[13] bezeichnen.

Diese Bewegung wurde auch von den reformpädagogischen Bemühungen um die Jahrhundertwende unterstützt.

In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts entstanden erstmals Bücher, in denen soziale Fragestellungen auftauchten. Tradierte Formen und Themen sollten hierbei aufgebrochen werden. Als ein bekannter Vertreter dieser Richtung kann Erich Kästner gelten.

In der NS-Zeit bildete die Kinder- und Jugendliteratur ein verkleinertes Abbild der Literatur in Deutschland an sich. National-völkische Tendenzen, die durch wehrertüchtigende und systemstabilisierende Texte das Regime stützen sollten, waren an der Tagesordnung.[14]

Nach dem Krieg wurde zunächst auf die Klassiker und auf Bücher von vor 1920 zurückgegriffen, bis mit dem Anbruch des pädagogischen Zeitalters der antiautoritären Erziehung ein erneuter Einschnitt und starke Veränderungen stattfanden. Die politische und soziale Wirklichkeit wurde stärker in die Texte aufgenommen, immer mit dem Ziel, die Mißstände aufzuzeigen und dem Kind so das kritische Denken zu vermitteln. Auch wurde ein zuvor nie gekannter Realismus erreicht. In vielen Büchern der Kinder- und Jugendliteratur wurde bisher nur ein idealisierter oder ein verkürzter Ausschnitt aus der Realität dargestellt. So sieht z. B. Heinz Tischler einen „ Mangel an Erotik[15] im Abenteuerbuch für Kinder. Einen guten Überblick über die neuen Themen gibt Anna Krüger. In ihrem Buch behandelt sie die neuen Bereiche, von denen hier nur einige beispielhaft aufgezählt werden sollen: Berufsbildung und Emanzipation der Frau, Arbeitswelt, Randgruppen der Gesellschaft und Außenseiter.[16]

Die antiautoritäre Erziehung hat einen starken Einfluß auf die Kinder- und Jugendliteratur genommen, der teilweise heute noch nachwirkt. Dieser Einfluß machte sich in starker Form noch in der 70er Jahren bemerkbar. Es entstand die sog. emanzipatorische Kinder- und Jugendliteratur, die bemüht war, „ den Kindern kein retuschiertes Bild der Welt und der Gesellschaft zu zeigen.“[17] Als Ziele dieser Art der Literatur können „ Selbstfindung, Selbstentfaltung und Mündigkeit des Kindes[18] angesehen werden. Die Österreicherin Christiane Nöstlinger kann dieser Literaturrichtung zugerechnet werden.

Die Öffnung, sowohl bzgl. der Themen als auch der Formen, setzte sich in den 80er Jahren weiter fort. Es begann ein Fantasy-Welle, ebenso verlagerten sich die Themen von außen mehr nach innen, es fand eine Psychologisierung und Individualisierung statt. Die Bücher sollten u. a. „ ein Angebot der Kommunikation über Psychisches[19] machen. In diesem Zusammenhang ist auch, besonders hinsichtlich des Themas dieser Arbeit, interessant, daß die Formen der Ich-Erzählweise im Zuge der oben geschilderten Entwicklung aufgegriffen und weiterentwickelt wurden. Bettina Hurrelmann schreibt dazu:

Neben der personalen Erzählweise hat die Kinderliteratur der 80er Jahre auch die Ich-Erzählung aufgegriffen und für die Figurengestaltung weiterentwickelt. Nicht, daß ein kindliches Ich eine selbsterlebte Geschichte erzählt, ist das Anregende und Neue, sondern daß sich die Wahrnehmungen und Erlebnisse des Ich mit sich selbst als ein Innen von einem Außen als dem, was sich in der Interaktion mit den anderen objektiviert, ansatzweise unterscheidet.“[20]

Auf diese Fragestellung wird im Zuge der Erörterungen zum Tagebuch weiter unten noch ausführlicher eingegangen.

Der Kinderbuchmarkt machte in der jüngsten Vergangenheit eine rasante Einwicklung durch, auch, was die Quantitäten betraf. So gab es im Jahre 1982 etwa 1000 deutschsprachige Neuerscheinungen[21], zehn Jahre später hatte sich diese Zahl auf 4000 Neuerscheinungen pro Jahr gesteigert.[22]

In jüngster Vergangenheit stellt Hurrelmann eine Rückbesinnung auf Klassiker fest. Der immer unübersichtlicher werdende Buchmarkt verlangt nach Orientierungspunkten, die diese Klassiker geben können. Einen anderen Grund sieht sie darin, „ daß im Kinder- und Jugendbuch [v.a. der 70er Jahre, d. Verf.] pausenlos gesellschaftliche Probleme gelöst und Mißstände angeprangert werden sollten.“[23]

Das Bedürfnis nach Abenteuern und einfachem Lesegenuß wurde nicht mehr adäquat erfüllt. Damit soll nicht gesagt werden, daß problematisierende Kinder- und Jugendliteratur grundsätzlich langweilig zu lesen und weniger kindgemäß ist. Wenn sie ansprechende gestaltet ist, trifft das Gegenteil zu. Trotzdem war der Markt in den 70er Jahren mit dieser Art von Literatur übersättigt.

Der heutige Markt ist gekennzeichnet durch eine große Vielfalt von Themen und Formen. Es ist äußerst schwierig, den Überblick zu behalten.

Insgesamt läßt sich sagen, daß sich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung sowohl das Spektrum an Themen als auch das an Formen ständig erweitert hat.

Als überspannende geschichtliche Erkenntnis läßt sich feststellen, daß verschiedene Epochen der „Erwachsenenliteratur“ sich zeitlich verschoben auf die Kinder- und Jugendliteratur ausgewirkt haben. Feststellbar sind z. B. die Einflüsse der Aufklärung, der Romantik und des Biedermeier. Andere Epochen wiederum wirkten sich nicht epochal aus (z. B. Barock, Klassik, Expressionismus).[24] Einen durch die Geschichte permanent hohen Einfluß hatten auch einige außerliterarische Aspekte, allen voran die Pädagogik mit beispielsweise ihren gerade aktuellen Erziehungskonzepten und ihrem Bild vom Kind.

Diese zusammenfassende Darstellung mag genügen, um dem Leser einen ersten Eindruck von der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur zu geben. Daß zwangsläufig verkürzt und vereinfacht werden mußte, ist leider unvermeidbar gewesen und aufgrund des Rahmens der Arbeit wohl auch nachvollziehbar.

2.3 Themen, Formen und Gattungen

Der nun folgende Abschnitt soll schlaglichtartig einige der zentralen Aspekte der Kinder- und Jugendliteratur abhandeln. Dabei soll es sowohl um literaturspezifische Themen gehen, als auch um einige Bereiche aus den relevanten Hilfswissenschaften wie z. B. Pädagogik, Psychologie und Linguistik.

Bei der Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur ist zunächst interessant, wie und unter welchen Gesichtspunkten diese Literatur in der öffentlichen und v. a. in der wissenschaftlichen Diskussion gesehen und behandelt wurde und wird. Zur Einleitung sei Baumgärtner zitiert, der in einem Aufsatz folgendes feststellt:

Auch der begeistertste Freund des Kinder- und Jugendbuches wird sich nicht über die Stellung hinwegtäuschen können, die der Gegenstand seiner Neigung im literarischen Leben der Gegenwart einnimmt: Von den Buchhändlern eher im Seitenfenster ausgestellt, von den Rezensenten der Zeitungen zumeist nur vor Weihnachten wahrgenommen und von der Literaturwissenschaft so gut wie völlig ignoriert, führt er - trotz vieler gegenläufiger Bemühungen - eine Existenz am Rande.“[25]

Obwohl sich in der Vergangenheit diese Tendenzen abgeschwächt haben, ist die Feststellung grundsätzlich auch heute noch zutreffend. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung bleibt zumeist nur der Sprach- und Literaturdidaktik überlassen. Die Entwicklung der wissenschaftlichen Ansätze ist zunächst stark mit der geschichtlichen Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur selbst verknüpft. In der Aufklärung waren Kritik und Ästhetik eng miteinander verbunden, die Bücher wurden im inhaltlichen Bereich v. a. auf moralische Belehrungen und ihren Nutzen für die sittliche Erziehung geprüft, die den Ideen der Aufklärung entsprachen. Im 19. Jahrhundert trennten sich Ästhetik und Kritik. Obwohl die Rezensionen und Betrachtungen teilweise eine Verkümmerung und eine Parteinahme für den Wilhelminismus zeigten, blieben sie in den Grundzügen den Zielen der Aufklärung verhaftet.[26] Ein durch die Zeit hinweg geltendes Phänomen ist die enge Verknüpfung mit der Pädagogik; im 19. Jahrhundert setzte diese Entwicklung ein.

Die wissenschaftliche und kritische Beschäftigung mit der Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Kritik institutionalisierten sich als Bereich der Pädagogik.“[27]

Diese enge Verzahnung mit der Pädagogik ist nachvollziehbar, wenn man den immer wieder geforderten Erziehungscharakter der Kinder- und Jugendliteratur im Blick hat. Gerade diese Prämisse wurde von Wolgast angegriffen; er forderte eine zweckfreie Ästhetik. Er ging sogar soweit, die spezifische Kinder- und Jugendliteratur, die also mit einer gewissen Erziehungsintention geschrieben worden war, als Schund zu bezeichnen. Der Kampf gegen einen als Schund bezeichneten Teilbereich (vergleichbar etwa mit der Trivialliteratur für Erwachsene) nahm immer einen großen Raum in der kritischen Beschäftigung mit Kinder- und Jugendliteratur ein.[28] Kreter referiert in seinen Darstellungen drei vorherrschende Forschungsansätze, die kurz dargestellt werden sollen. Einmal kann der Texte unter literaturwissenschaftlichen Methoden analysiert werden, wobei es dann um Gehalt und Gestalt geht. In den 60er Jahren unseres Jahrhundert entwickelte sich, auch im Zuge der antiautoritären Erziehungsbewegung, der ideologiekritische Ansatz. Die gebotenen Texte sollten sozial relevante Themen aufgreifen, um die Leser zur Mündigkeit zu erziehen. Tradierte, oft unkritisch übernommene Ideologien, die implizit in den Texten vorhanden waren, sollten aufgedeckt werden. Der dritte Ansatz nahm die Rezeption in den Blick.[29] Er ist vielleicht am ehesten mit Warnings Ansatz der Rezeptionsästhetik zu vergleichen, der etwa zum selben Zeitpunkt diskutiert wurde. Alle diese Ansätze bemühten sich darum, Kriterien für die Beurteilung von Kinder- und Jugendbüchern aufzustellen. Zunächst kann die literarische Gestaltung betrachtet werden, wobei die Terminologie und Vorgehensweise der Literaturwissenschaft angewendet wird. Wichtig ist hierbei auch die Betrachtung „ unter dem Anspruch der Altersgemäßheit[30], wobei es hier etwa um altersspezifische Themen, Formen und Sprache geht. Die vermittelte Ideologie und der pädagogische Ansatz ist ein weiterer Beurteilungspunkt. Schließlich kann es um pädagogisch-psychologische Fragestellungen (z. B. Wirkungen bestimmter Literaturformen, Leseverhalten etc.) gehen. Die psychologische Begleitforschung war lange vom entwicklungspsychologischen Paradigma geprägt, das von einem determinierten Reifeprozeß ausging. Jedes Kind sollte sich demnach nach einer Art innerem Bauplan entwickeln, bei dem Stufe auf Stufe folgte, ungeachtet der individuellen Sozialisationsumstände. Als Beispiel für diesen Ansatz sei die Theorie der Lesealter von Bühler genannt.[31]

Neuere Forschungen erkannten aber die Wichtigkeit der individuellen Entwicklung, die auch durch die äußeren Einflüsse mit geprägt wurde.

Auf den eben erwähnten Begriff der Kindersprache soll im Anschluß kurz eingegangen werden. Fast jeder hat eine intuitive Vorstellung von dem, was als Kindersprache bezeichnet wird. Sie sei einfach, komplexer Satzbau tauche nicht auf, der verwendete Wortschatz sei klein. Es ist klar, daß sich die Sprache des Kindes von der des Erwachsenen unterscheidet; in welcher Form sie dieses tut, hat die Forschung versucht, festzustellen.

Die Kindersprachforschung befaßt sich mit den sprachlichen Phänomenen, die Kinderliteraturforschung mit den inhaltlich-thematischen Aspekten.[32] Die Sprache wird mit verschiedensten Kriterien (z. B. Satzlänge, Komplexität der Wörter etc.) auf Kindgemäßheit untersucht, während die Themen und Inhalte möglichst die Kinder in ihrer Lebenswirklichkeit ansprechen sollten.

Die Merkmale der Sprache, die in Kinder- und Jugendbüchern auftaucht, stellte Engelen in einer Liste zusammen:

„- kaum Passiv
- keine komplexen Nominalgruppen
- relativ wenig Subjekt- oder Objektsätze von der Form des erweiterten Infinitivs
- kaum indirekte Rede und erst recht nicht so etwas wie erlebte Rede
- fast nur relativ kurze Sätze und vor allem fast nur solche von recht einfacher syntakti- sche Struktur
- fast keine Wörter fremder Herkunft[33]

[...]


[1] Kreter, Karl-Heinz: Kinder- und Jugendbücher: ein noch nicht ausgeschöpftes Potential des Literaturunterrichtes, in: Praxis Deutsch 29 / 1978, 6. Jahrgang, S. 12

[2] Kreter: a. a. O., S. 12

[3] vgl. Kreter: a. a. O., S. 12

[4] Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur, 7., verbesserte und erweiterte Auflage, Stuttgart 1989, S. 428

[5] Baumgärtner, Alfred Clemens: Jugendbuch und Literatur - Überlegungen zu einem umstrittenen lite- rarischen Phänomen, in: Gorschenek, Margarete / Rucktäschel, Annamarie (Hrsg.): Kinder- und Ju- gendlitera tur, München 1979, S. 10 f.

[6] Baumgärtner: a. a. O., S. 11

[7] vgl. Baumgärtner: a. a. O., S. 12

[8] Kreter: a. a. O., S. 13

[9] Dierks, Margarete: Epochen der Kinder- und Jugendliteratur, in: Doderer, Klaus (Hrsg.): Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, 3 Bände, Weinheim / Basel 1975 - 1979, S. 355 (Bd. 1)

[10] vgl. Kreter: a. a. O., S. 13

[11] Kreter: a. a. O., S. 13

[12] Kreter: a. a. O., S. 14

[13] Dahrendorf, Malte: Kritik der Kinder- und Jugendliteratur, in: Doderer, Klaus (Hrsg.): Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, 3 Bände, Weinheim / Basel 1975 - 1979, S. 266 (Bd. 2)

[14] vgl. Kreter: a. a. O., S. 14 f.

[15] Tischler, Heinz: Phantastik und Realismus in der erzählenden Kinder- und Jugendliteratur, in: Dis- kussion Deutsch, 109 / 1989, 20. Jahrgang, S. 538

[16] vgl. Krüger, Anna: Die erzählende Kinder- und Jugendliteratur im Wandel: neue Inhalte und Formen im Kommunikations- und Sozialisationsmittel Jugendliteratur, Frankfurt am Main / Aarau 1980, S. 127 ff.

[17] Kreter: a. a. O., S. 16

[18] Kreter: a. a. O., S. 16

[19] Hurrelmann, Bettina: Aktuelle Kinder- und Jugendliteratur, in: Praxis Deutsch, 111 / 1992, 19. Jahr- gang, S. 11

[20] Hurrelmann 1992: a. a. O., S. 12

[21] vgl. Haas, Gerhard: Kinder- und Jugendliteratur: Fakten - Institutionen - Zeitschriften und Titelver- zeichnisse - Preise, in: Haas, Gerhard (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur - Ein Handbuch, 3. völlig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart 1984, S. 11

[22] vgl. Hurrelmann 1992: a. a. O., S. 9

[23] Hurrelmann, Bettina: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur, in: Praxis Deutsch, 135 / 1996, 23. Jahrgang, S. 18

[24] vgl. Dierks: a. a. O., S. 355

[25] Baumgärtner: a. a. O., S. 9

[26] vgl. Dahrendorf: a. a. O., S. 265 f.

[27] Dahrendorf: a. a. O., S. 266

[28] vgl. Dahrendorf: a. a. O., S. 267

[29] Kreter: a. a. O., S. 13

[30] Schaller, Horst: Beurteilung von Kinder- und Jugendbüchern, in: Doderer, Klaus (Hrsg.): Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, 3 Bände, Weinheim / Basel 1975, S. 145 (Bd. 1)

[31] vgl. Groeben, Norbert: Jungleserpsychologie, in: Doderer, Klaus (Hrsg.): Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur, 3 Bände, Weinheim / Basel 1975 - 1979, S. 113 (Bd. 2)

[32] vgl. Oksaar, Els: Zur Sprache des Kindes und der Kinderbücher, in: Gorschenek, Margarete / Ruck- täschel, Annamarie (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur, München 1979, S. 94

[33] Engelen, Bernhard: Überlegungen zur Sprache im Kinder- und Jugendbuch, in: Beiträge Jugendlite- ratur und Medien, 1 / 1995, S. 24

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Fiktionale Tagebücher in der Kinder- und Jugendliteratur
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,0
Autor
Jahr
1996
Seiten
49
Katalognummer
V198218
ISBN (eBook)
9783656242956
ISBN (Buch)
9783656244844
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tagebuch, Kinderliteratur, Jugendliteratur, Tagebücher, Kinder- und Jugendliteratur
Arbeit zitieren
B.A. Markus Decker (Autor), 1996, Fiktionale Tagebücher in der Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198218

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