Der Kolumbusmythos in der globalen Populärkultur am Beispiel von Denkmälern

Ein Vergleich Eurasiens und der „Neuen Welt“


Seminararbeit, 2011

40 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur historischen Entwicklung des Kolumbusmythos

3. Das Kolumbusbild im Spiegel moderner Denkmäler Eurasiens und der „Neuen Welt“
3.1. Moderne Kolumbusdenkmäler in Europa und Asien
3.2. Moderne Kolumbusdenkmäler in Amerika

4. Fazit

5. Bibliographie

6. Anhang
6.1. Abbildungen
6.2. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

In der Geschichte gibt es nur wenige Personen, denen es mittels ihrer Leistung gelang, eine neue Epoche einzuleiten. Zweifelsfrei gehört der bekannteste Seefahrer aller Zeiten dazu: Christoph Kolumbus entdeckte am 12. Oktober 1492 die „Neue Welt“ und legte somit einen Grundstein für den bis heute andauernden Prozess der Globalisierung. Dabei setzte der nach den Vorstellungen der Romantik göttlich ausersehene Held Geschichte in die Realität um - seinen Zeitgenossen weit voraus erlaubte ihm ein revolutionärer Glaube, Mut und Tatendrang das waghalsige Unternehmen zum Erfolg zu führen. Doch was geschah nach 1492 und welche Rolle nahm Kolumbus dabei ein? Kaum jemand weiß um dessen Wirken als brutaler Eroberer in den neuen Kolonien, kaum jemand nimmt bis heute die durch Goldgier getriebene eurozentristische Besatzungspolitik des Kolonisators wahr. Die öffentliche Meinung zu Kolumbus scheint einem Entdeckermythos verfallen zu sein, der unwillkommene Aspekte aus dem Leben Kolumbus´ ausblendet. Anlässlich der Fünfhundertjahrfeier der Entdeckung Amerikas 1992 wandte sich neben den Medien und der Literatur auch die Wissenschaft verstärkt der Kolumbusbiografie zu und verlangte, angesichts oft ideologisch gefärbter Publikationen, nach Reue- und Sühnebekundungen.1 Doch während sich Akademiker in nachkolonialer Selbstkritik übten, blieb die öffentliche Kolumbuseuphorie scheinbar ungebremst, weshalb sich diese Arbeit der wissenschaftlich noch nicht thematisierten Frage nach der Existenz eines solchen Entdeckermythos in der globalen Populärkultur stellt. Dabei werden moderne Kolumbusdenkmäler betrachtet, um auf deren Intention basierend begründete Aussagen über die Verbreitung einer solchen Legende zu treffen. Daher wird zunächst die historische Entwicklung des Mythos deskriptiv nachgezeichnet, wobei in Anbetracht des Umfangs dieser Arbeit auf eine vorhergehende Darstellung der Biografie des Kolumbus verzichtet wird - der interessierte Leser sei jedoch auf das fundierte und kritische Werk Kirkpatrick Sales „Das verlorene Paradies“2 verwiesen. Baut dieses beschreibende Kapitel vor allem auf Annerose Menningers grundlegende Darstellung des Kolumbus als Entdecker, Eroberer und Kolonisator in „Historienfilme als Geschichtsvermittler“3 und den ufsatz „Columbus noster est“4 von Mariano Delgado auf, bildet die sich anschließende analytische Betrachtung von nach ihren Standorten untergliederten modernen Monumenten den thematischen Hauptteil: Zunächst werden Kolumbusstatuen in Europa und Asien dargestellt, bevor amerikanische Denkmäler Betrachtung finden. Abschließend sollen die Ergebnisse der Arbeit im Fazit präsentiert und darüber hinaus ein Forschungsausblick geboten werden.

2. Zur historischen Entwicklung des Kolumbusmythos

Bevor eine Aussage über den heute öffentlich verbreiteten Mythos des Kolumbus getroffen werden kann, stellt es sich zuvor als elementar dar, den vorausgehenden fünfhundertjährigen Entwicklungsprozess zu betrachten. War Kolumbus selbst bestrebt, sich als Entdecker zu stilisieren und gleichfalls als Werkzeug Gottes zu idealisieren, hafteten ihm zweifelsfrei ebenso Aspekte eines Eroberers und Kolonisators an. Bestrebt die indigene Bevölkerung zu missionieren, wie seinem Bordaufzeichnungen zu entnehmen ist - gleichwohl er auf dieser ersten Reise keine tatsächliche Mission verzeichnete - standen zutiefst menschliche Motive nach Eroberung und Herrschaft im Vordergrund seiner ambitionierten Unternehmung. Auf der Suche nach Gold führte er Vernichtungs- und Unterwerfungsfeldzüge, welche parallel dem lukrativen und zunehmend forcierten transatlantischen Sklavenhandel dienten. Hierbei trat Kolumbus als kolonisierender Gouverneur und Vizekönig auf, der es zeitgleich mangels Führungskraft und Durchsetzungsvermögen nicht verstand, die Aufstände im eigenen Lager zu unterbinden. Ehrgeiz und Gewinnsucht begleiteten den sich selbst inszenierenden Genuesen, der der Nachwelt doch allzeit als genialer und mutiger Entdecker im Gedächtnis bleiben wollte.5

In seinen letzten Lebensjahren führte Kolumbus einen Streit um die ihm von der spanischen Krone abgesprochenen Privilegien6, welcher sich nach dem Tode des Seefahrers am 20. Mai 1506 zwischen seinen Erben und der Monarchie fortsetzte. Im Laufe des Prozesses bedienten sich die spanischen Advokaten mehrerer Diffamierungen des Kolumbus und sprachen ihm seine zuvor als epochal klassifizierte Entdeckerleistung ab. Im sich anschließenden öffentlichen Diskurs stellte sich das spanische Bestreben des Vergessens jedoch als kontraproduktiv heraus, da sich nun Mitleid für den zu Unrecht Angeklagten parallel zur Stimmung gegen das undankbare Spanien verbreitete. Waren erste Anzeichen einer medialen Stilisierung des Kolumbus schon zu dessen Lebzeiten erkennbar, zeigten sich Romane, Lyrik, Biografien und künstlerische Darstellungen im 16. Jahrhundert radikal positiv konnotiert und nicht unwesentlich an die durch den unehelichen Sohn Kolumbus´ Hernando Colón verfasste Lebensgeschichte seines Vaters „Historia del lmirante“7 angelehnt. Der Epoche machende und tragisch gescheiterte Entdecker wurde zum heilsbringenden Kreuzritter idealisiert - ein Mythos war geboren. Während diese Vorstellung zunehmend popularisierte, konnotierten die Folgen der Eroberung der „Neuen Welt“ Spanien verstärkt negativ und ließen den zivilisationsstiftenden Entdecker zum Hoffnungsträger der Aufklärung werden. Erschien Ende des 18. Jahrhunderts die bereits vom Zeitzeugen Bartolóme de las Casas 1527 verfasste „Historia de las Indias“8 und spiegelte die historische Wirklichkeit angesichts der Beschreibung des Kolumbus als Glaubensbringer, der jedoch fehlbar und sündhaft war, wieder, so war die Idealisierung des Kolumbusbildes doch nicht mehr aufzuhalten. Diesen Aspekt untermauerten die USA zur Dreihundertjahrfeier der Entdeckung Amerikas 1792 mit der Betonung des gewonnenen Unabhängigkeitskrieges als fortlaufende und durch Kolumbus begründete nationale Identität und Tradition des aufgeklärten Fortschritts. 1892 konnten die USA ferner auf die fortgesetzte Entdeckung Amerikas bis zum Pazifischen Ozean verweisen und das 400. Jubiläum gemeinsam mit Europa begehen. Die Weltausstellung in Chicago, aber auch alle Nationalstaaten der „Alten Welt“ betonten Kolumbus als Wohltäter der christlichen Welt und trieben dessen Popularität auf einen Zenit, der in einer kaum mehr überschaubaren Zahl von Denkmälern und Historiengemälden gipfelte. Hierbei wurden selektiv gewählte Themen überzeichnet und historische Tatsachen verklärt, sodass eine zeitgleiche Kanonisierungsbestrebung aufgrund wissenschaftlicher der Monarchie. Vgl. Venzke, Andreas: Der Entdecker Amerikas. Aufstieg und Fall des Christoph Kolumbus, Berlin 2006, S.134-135,310,341-346.

Betrachtungen zu dem Ergebnis kommen musste, dass der Entdecker ein außerordentlicher Mensch, jedoch kein Heiliger war; im Sinne Las Casas´ ein menschliches und somit fehlbares Element der Vorsehung. Gleichwohl fand das nationale und eurozentristische Selbstbewusstsein seinen Ausdruck im initialisierten Feiertag des 12. Oktober, wie dem „Columbus-Day“ in den US und dem „Tag der Rasse bzw. der Hispanität“ in Spanien und Spanisch-Amerika, wobei der Festakt 1892 in Iberoamerika freilich einzig von der weißen kreolischen Elite begangen wurde.9

Der neokolonialistische Mythos setzte sich zweifelsfrei bis zum 500. Geburtstag Kolumbus´ 1951 fort, doch stellt sich die Frage, in welcher Form und wo der 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas begangen wurde - waren doch die ehemaligen Kolonien Europas 1992 unabhängige Staaten und zu einem eigenen Bewusstsein gelangt, welches durch dieses historische Jubiläum ausgedrückt werden konnte.

3. Das Kolumbusbild im Spiegel moderner Denkmäler Eurasiens und der „Neuen Welt“

Im Folgenden wird das öffentliche Kolumbusbild der Moderne untersucht, wobei die Frage nach einer Entmystifizierung bzw. Veränderung des Mythos gestellt wird, was angesichts einer zunehmenden Macht wissenschaftlicher Wahrheit im Alltagsleben nicht verwundern dürfte. Gegenstand der Betrachtung sollen Kolumbusdenkmäler und weitere den 12.Oktober 1492 betreffende Memorials darstellen, wobei zunächst Erinnerungsstätten in Europa und Asien thematisiert werden. Anschließend sollen amerikanische Monumente hinsichtlich ihrer Intention überprüft werden, wenn auch eine Durchsetzung des Mythos in Gebieten indigener Bevölkerung aus Sicht eines Beobachters als durchaus irrational zu beschreiben wäre.

3.1. Moderne Kolumbusdenkmäler in Europa und Asien

Nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975 nutzte vor allem Spanien die sich anlässlich der Fünfhundertjahrfeier bietende enorme Gelegenheit zur Selbstinszenierung als moderne und weltoffene Gesellschaft. Neben den Olympischen Sommerspielen in Barcelona fand die Weltausstellung 1992 keineswegs unbegründet in Sevilla, der Ruhestätte des Kolumbus10, und Genua, seiner Heimatstadt, statt. Die damit verbundene ganzjährige Feier war weit weniger wissenschaftlich als ideologisch beeinflusst und spiegelte den noch präsenten Stolz Spaniens auf die historische Entdeckerleistung des Kolumbus wieder. Mit Investitionen von 300 Mio. € allein für Bücher, usstellungen sowie politische, kulturelle und wissenschaftliche Veranstaltungen wurden kaum Selbstreflexion und Selbstzweifel ausgedrückt, sondern vielmehr die Erinnerung an die Entdeckung als eines der wichtigsten Ereignisse der Weltgeschichte forciert und bekräftigt. Zwar wurde wissenschaftliche und indigene Kritik am vermeintlichen Eurozentrismus und christlichen Absolutheitsanspruch wahrgenommen, doch betonte nicht zuletzt König Juan Carlos I. die Wichtigkeit, den Jahrestag aus dem Rahmen der Vergangenheit zu lösen und mit negativen Wahrnehmungen zu brechen.11 Da sich die öffentliche Wahrnehmungen von Personen und Ereignissen am besten in Denkmälern fundamentieren lässt, wurden um 1992 eine Vielzahl von Statuen, Gedenktafeln und Büsten zu Ehren des Kolumbus aufgestellt. Die folgende Auswahl erhebt daher keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr handelt es sich, nach Ansicht des Autors, um repräsentative und gehaltvolle Beispiele, welche eine Aussage über ein mögliches Fortbestehen des Mythos in Europa und Asien erlauben.

1995 wurde in Sevilla mit dem „Huevo de Colón“ (Abb.1, S.17) ein 45m hohes Denkmal eingeweiht, welches Kolumbus in einem aus Segeln und Schiffstauen bestehenden Ei stehend darstellt. Im Zusammenhang mit der Karte, welche die Niña, Pinta und Santa Maria auf dem Weg in die „Neue Welt“ zeigt und vom „ dmiral des Ozeans“ gehalten wird, ist die Betonung des Entdeckeraspekts offensichtlich - hingegen werden Eroberung und Kolonisation nicht thematisiert. Ferner ist die Ei-Form eine offensichtliche Anspielung auf die von Girolamo Benzoni überlieferte Anekdote vom „Ei des Kolumbus“12 und stellt Kolumbus´ geistige Genialität optisch dar. Gleichfalls bedient das metallene Denkmal mit der Karte den Mythos des Entdeckers; auf dem Segel gezeigte Kreuze lassen den Aspekt der Glaubensmission nicht vermissen.13 Bereits drei Jahre zuvor, am 12.Oktober 1992, wurde der Öffentlichkeit in Santo ntonio, Ibiza, das „Monumento al Descubrimiento de merica“ (Abb.2, S.18) präsentiert. Ebenso wie das „Huevo de Colón“ stellt dieses 6m hohe Denkmal ein Ei dar, zusätzlich befindet sich in diesem eine eiserne Schiffsnachbildung der Santa Maria, welches westwärts Richtung Amerika zeigt und somit erneut ausschließlich Genialität und Entdeckerleistung verdeutlicht. Ein weiteres und zudem sehr junges spanisches Denkmal knüpft hieran nahtlos an: 2006 wurde in Maspalomas, Gran Canaria, mit der „Copia de la estatua de Colón en Barcelona“ ( bb.3, S.19) eine ähnliche Reproduktion des bereits 1888 in Barcelona errichteten Kolumbusdenkmals (Abb.4, S.20) eingeweiht. War Kolumbus auf seiner ersten Reise durch den Bruch eines Steuerruders gezwungen, die Kanarischen Inseln anzulaufen, ist doch seinem Bordbuch nicht eindeutig zu entnehmen, dass er dabei in Gran Canaria anlegte.14 Davon jedoch sind nicht nur die Bewohner der Insel heute fest überzeugt und beanspruchen mit dem Monument ihren Anteil an der erfolgreichen Entdeckungsfahrt, schließlich war der erneut nach Westen deutend dargestellte Kolumbus seinem Ziel hier so nahe, wie nie zuvor. Könnte man nun annehmen, dass es sich bei dieser positiven Intention der Denkmäler um ein spanisches Phänomen zugunsten der eigenen nationalen Identität handelt, lassen sich doch gleichsam eine Vielzahl moderner Kolumbusdarstellungen in Ligurien, Italien, finden. Als Region, in welcher dieser geboren wurde und aufwuchs, ist der Mythos vom mutigen Entdecker und Glaubensbringer auch hier stark verbreitet. 1992 wurde in San Colombano Certenoli, Italien, das „Cristoforo Colombo“-Denkmal (Abb.5, S.21) auf dem vielsagenden Piazza Cristoforo Colombo errichtet und zeigt einen metallenen Kolumbus, der, nach Westen deutend, mit seinem Schiff verwachsen ist. Ein auf selbigen Mythos aufbauendes Denkmal wurde zudem 1998 in Form eines segelförmigen Bronzemonuments errichtet. Das „La Vela di Columbo“ ( bb.6, S.22) befindet sich am dass es jedem zwar auf diese Weise möglich gewesen wäre das Ei aufzurichten, doch eben nur er es tat. Vgl. Venzke: Entdecker, S.17. „ eroporto C. Colombo“ und vermittelt gemeinsam mit dem nach dem berühmten Sohn der Stadt benannten Flughafen das Bild eines mutigen Entdeckers neuer Welten.

Über diese Beweise des anhaltenden einzig positiv konnotierten Mythos in Spanien und Italien hinaus, sind ferner weitere moderne Kolumbusdenkmäler in europäischen Hauptstädten zu finden: Spanien stiftete 1992 ein solches in London. Allein die Betrachtung des noch jungen “Christopher Columbus“ ( bb.7, S.23) lässt auf dessen kommende historische Bedeutung schließen. Mit einer Seekarte in der Hand blickt er auch hier nachdenklich und gleichsam wissend nach Westen - kennt er doch bereits das Ziel dieser für alle Parteien glücklichen Reise. Die damit verbundene Ausklammerung des Täter-Opfer- Aspekts sowie der wissenschaftlich erwiesenen Charakteristika eines Kolonisators und Eroberers scheint ebenso die UNESCO zu vertreten, hat diese doch seit 1994 mit “The Birth of a New Man“ ( bb.8, S.24) eine 1,6m hohes Äquivalent des „Huevo de Colòn“ (Abb.1, S.17) vor ihrem Pariser Haupteingang platziert, wobei hier nicht unterschlagen werden soll, dass es sich dabei um ein Geschenk Russlands handelt. Formt sich auf dieser Grundlage nun langsam der Eindruck einer eurasischen Omnipräsenz des jahrhundertealten Entdeckermythos, kann dieser schließlich mit modernen Kolumbusmonumenten in Asien belegt werden. 2004 wurde in Shanghai „Christopher Columbus“ ( bb.9, S.25) überdimensional auf einer Karavelle stehend errichtet und befindet sich dort in einem “education and recreational centre“. uch hier deutet der Kapitän entschlossen und siegesbewusst den Weg und erinnert an den eurozentristischen Stolz des 19. Jahrhunderts. Ein Nachbau eines solchen im selbigen Jahrhundert in New York befindlichen Denkmals ist heute ebenso in Tokyo zu finden. “Christopher Columbus“ ( bb.10, S.26) ist hier seit 2001 im Rahmen des örtlichen “Disney Sea“-Themenparks in die nachgebildete New Yorker “Waterfront“ des Industriezeitalters eingegliedert. Schließlich vollendet das in Shima, Japan, 1994 errichtete “Copy of Barcelona´s Columbus Monument“ ( bb.11, S.27) das Bild von der Allgegenwärtigkeit des positiv konnotierten Kolumbusmythos in Europa und Asien. Die Nachbildung des bereits erwähnten Denkmals in Barcelona (Abb.4, S.20) gehört hier ebenfalls zu einem Ressort, welches einem spanischen Dorf nachempfunden ist und durch besagtes Monument an Authentizität gewinnen soll.

Die repräsentativen Beispiele zeigen somit deutlich die unveränderte öffentliche Wahrnehmung des Kolumbus als Entdecker, wobei Aspekte des Kolonisators und Eroberers im unbeachteten Abseits bleiben. Gerade Denkmäler ermöglichen hierbei den Transfer alter Mythen, unter deren Einfluss sie errichtet wurden, in die Zukunft, in welcher sie betrachtet und interpretiert werden. Mut, Ausdauer und Glück scheinen heute die wichtigsten Charakteristika des Seefahrers zu sein; kein Wort wird über den Völkermord an Inka und Azteken verloren, denn was konnte Kolumbus schon dafür? Es hat sich gezeigt, dass sich sowohl die Öffentlichkeit Europas als auch Asiens mittels dieser Frage aus der gesellschaftlichen Verantwortung freizukaufen scheint und somit die Dezimierung der „Indianer“ von rund 25 Mio. 1492 auf eine Million 1610 durch Mord, Krankheiten und Zwangsarbeit bei Mangelernährung nicht weiter thematisiert.15 Was daher bleibt, ist die Hoffnung einer anderen Beurteilung des Admirals in der „Neuen Welt“. Welche Sicht vertreten die ehemaligen Kolonien und Nachfahren der Opfer heute? Lassen sich hier moderne Kolumbusdarstellungen finden, die ihm zumindest einen Teil seines Heldenstatus aberkennen? Dies soll im Folgenden durch die Betrachtung junger amerikanischer Denkmäler untersucht werden.

3.2. Moderne Kolumbusdenkmäler in Amerika

Selbstbewusst das Kolumbusjahr 1992 begehend, sah sich Spanien ebenfalls als Vermittler zwischen Europa, den USA und Lateinamerika. Mit Ausgaben in Milliardenhöhe wurden Entwicklungsprogramme mit dem Motto „500 Projekte für 500 Jahre“ initiiert. Indem man den Kampf gegen Analphabetismus und für Gleichheit und Menschenrechte betonte, aber vor allem durch Investitionen in mittel- und südamerikanische Vorhaben des Sozial- und Gesundheitswesens, im Erziehungs- und Bausektor sowie in Landwirtschaft, Forschung und den Eisenbahnbau wurde das Jubiläumsjahr zum Gegenstand regionaler Zusammenarbeit und zwischenstaatlicher Politik. Als vormals kulturelles Ereignis wurde es somit jedoch politisch gelenkt, wenngleich sich Lateinamerika für die internationale Betonung des Eroberungsaspekts einsetzte. Bereits 1983 begann die „Organisation Amerikanischer Staaten“ mit der Planung der Fünfhundertjahrfeier, schließlich nahmen die Regierungen Einfluss auf die historischen Selbstverständlichkeiten, indem nationale Geschichtsbände in Auftrag gegeben sowie Denkmäler - auch unter finanzieller Beteiligung Spaniens - sowohl restauriert als auch neu errichtet wurden. Wollte man somit einerseits das karibische

Identitätsbewusstsein stärken, so wurde doch andererseits der Tourismusförderung eine enorme Aufmerksamkeit zuteil. Nicht unerwähnt bleiben darf jedoch die parallel zu neuem Bewusstsein gelangte indigene Bevölkerung, die sich in der komplexen Gesellschaft gegen eine Beteiligung an den offiziellen Veranstaltungen aussprach. Ebenso machte diese auf die Beleidigung der indianischen Völker sowie die offizielle Beschönigung des Kolumbus aufmerksam, welche im Sinne des Eurozentrismus Unterdrückung, Ausbeutung und Widerstandsbewegungen, Zerstörung, Plünderung sowie Mord, Vergewaltigung und Versklavung ausklammere.16 Umso interessanter ist es, die anlässlich des Jubiläums gestifteten Denkmäler hinsichtlich ihrer Intention zu betrachten und ein Bild von der öffentlichen amerikanischen Sichtweise auf Kolumbus zu erhalten.

Das wohl bekannteste Kolumbusdenkmal „Faro a Colón“ ( bb.12, S.28) befindet sich in der ersten von den europäischen Eroberern gegründeten heute noch existenten Stadt „La Nueva Isabela“ - Santo Domingo, Dominikanische Republik. Der 1992 vollendete kreuzartige Monumentalbau aus Beton wurde in Anbetracht seiner Ausmaße von rund 200m Länge und 60m Breite seit 1986 in relativ kurzer Zeit errichtet. Als ein bedeutendes kulturelles Zentrum der Stadt beinhaltet das Gebäude sowohl das Grabmal des Kolumbus als auch ein Museum. Nicht zuletzt die nachts vertikal in den Himmel ragenden 157 Lichtsäulen ziehen eine Hohe Zahl von Touristen an, sodass gleichsam ökonomische Interessen bedient werden. Somit kann kein Zweifel an der Intention des Bauwerks bestehen: Kolumbus wird erneut als ausschließlich positiver Entdecker betrachtet, der ebenso als Lichtgestalt den Glauben nach Amerika brachte. Diesen einseitigen und ahistorischen Mythos bedienen auch die 1992 eingeweihten „Cristóbal Colón“-Denkmäler in Ciudad Juárez (Abb.13, S.29), Mexiko, sowie in Buenos Aires (Abb.14, S.30), Argentinien. Die mexikanische Statue zeigt den vergoldeten Seefahrer mit Kreuz und spanischer Standarte; in der argentinischen Hauptstadt hält der lebensgroß dargestellte und in den Himmel blickende Kapitän Seekarten in den Händen und befindet sich vor einem Nachbau der Santa Maria.

[...]


1 Vgl. Grimm, Nancy: Beyond the „Imaginary Indian“. Zur Aushandlung von Stereotypen, kultureller Identität & Perspektiven in/mit indigener Gegenwartsliteratur, Heidelberg 2009, S.256-258.

2 Sale, Kirkpatrick: Das verlorene Paradies. Christoph Kolumbus und die Folgen, München 1990.

3 Menninger, Annerose: Historienfilme als Geschichtsvermittler. Kolumbus und Amerika im populären Spielfilm, Stuttgart 2010.

4 Delgado, Mariano: „Columbus noster est“. Der Wandel des Kolumbusbildes und der Entdeckung Amerikas, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 100 (2006).

5 Vgl. Menninger: Historienfilme, S.68-76.

6 Mit der Kapitulation von Santa Fe sicherte das spanische Königspaar Kolumbus vor seiner ersten Reise die Titel „Don“, „ dmiral des Ozeans“ sowie „Vizekönig“ und „Generalsgouverneur“ über die entdeckten Gebiete zu. Ebenso sollte er mit einem Zehntel an allen Gewinnen beteiligt werden und erhielt diverse andere finanzielle Vergünstigungen zukünftiger privater Geschäfte. Nachdem Kolumbus 1500 abgesetzt und in Ketten nach Spanien überführt wurde, verlor er Ämter und finanzielle Privilegien, um deren Wiederherstellung er fortan bestrebt war. Nach seinem Tode wurde der Rechtsstreit als „Pleitos Colombinos“ von 1508 bis 1536 zwischen der spanischen Krone und Kolumbus͚ Nachfahren geführt und endete mit einem Vergleich zu Gunsten

7 Colón, Fernando: The Life of the Admiral Christopher Columbus by his son Ferdinand. Translated and annotated by Benjamin Keen, Rutgers University Press 1959, Reprint Westport, Connecticut 1978.

8 uszüge aus Las Casas´ “Historia”: Las Casas, Bartolomé de: History of the Indies, Hg. v. Andrée Collard, New York-Evanston-London 1971.

9 Vgl. Armitage, David: Christopher Columbus and the Uses of History, in: History Today 42/5 (1992), S.54-55. Delgado: Columbus, S.59-71. Menninger: Historienfilme, S. 77-83.

10 Durch etliche Umbettungen erhebt neben der Kathedrale von Sevilla (Tomba de Colón) ebenso das Faro a Colón in Santo Domingo Anspruch als letzte Ruhestätte des Kolumbus. Vgl. Venzke: Entdecker, S.349-351.

11 Vgl. Bernecker, Walther L.: Entdeckung, Begegnung, Invasion? Zur Polemik um die Fünfhundertjahrfeier, in: Peripherie. Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der dritten Welt 43-44 (1992), S.31-33. Delgado: Columbus, S.74. Grimm: Indian, S.258. Pietschmann, Horst: Das 500. Jubiläum der Kolumbusfahrt aus der Perspektive der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), in: Wawor, Gerhard/Heydenreich, Titus (Hg.): Columbus 1892/1992. Heldenverehrung und Heldendemontage, Frankfurt am Main 1995, S.123.

12 Girolamo Benzoni beschreibt in seiner 1565 veröffentlichten „Geschichte der Neuen Welt“ (Historia del mondo nouvo) die bereits ihm überlieferte Erzählung: Kolumbus sah sich nach seiner ersten Rückkehr 1493 mit der Kritik konfrontiert, ein jeder hätte die Neue Welt entdecken können. Daraufhin forderte er die Teilnehmer eines Banketts auf, ein rohes Ei aufzustellen. Nachdem es keinem der Anwesenden gelang, schlug er selbst das Ei leicht auf den Tisch auf und brachte es somit zum Stehen. Den anschließenden Protest beendete er damit,

13 Vgl. Menninger: Historienfilme, S.87.

14 uszug aus Kolumbus Bordbuch (Donnerstag, den 9. ugust 1492): „*…+ und da die „Pinta“ mit Martin lonso nicht mehr seetüchtig war, hielt man sich auf meinen Befehl hin längs der Küste Gran Canaria. Später liefen wir diese Insel (oder Teneriffa) an; mit viel Mühe und Fleiß *…+ gelang es uns, die „Pinta“ wieder dicht zu machen. Schließlich legten wir in La Gomera an.“ Vgl. Kolumbus, Christoph: Bordbuch. ufzeichnungen seiner ersten Entdeckungsfahrt nach Amerika 1492-1493, Kreuzlingen/München 2006, S.12.

15 Vgl. Dörrich, Sabine: Das Erbe der Konquista. Welches Bild vermitteln die zahlreichen Neuerscheinungen im „Jubiläums“-Jahr?, in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 69 (1992), S.65-66.

16 Vgl. Bernecker: Entdeckung, S.32-37. Delgado: Columbus, S.74. Grimm: Indian, S.259. Menninger: Historienfilme, S.87. Pietschmann: 500. Jubiläum, S.123-127,131.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Der Kolumbusmythos in der globalen Populärkultur am Beispiel von Denkmälern
Untertitel
Ein Vergleich Eurasiens und der „Neuen Welt“
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Christoph Kolumbus
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
40
Katalognummer
V198227
ISBN (eBook)
9783656242895
ISBN (Buch)
9783656246589
Dateigröße
3334 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kolumbus, Denkmal, Denkmäler, Christoph Kolumbus, Mythos
Arbeit zitieren
Eric Kresse (Autor), 2011, Der Kolumbusmythos in der globalen Populärkultur am Beispiel von Denkmälern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198227

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