War Jean-Jacques Rousseau seiner Zeit voraus? Ein Vergleich des Kindheitsbildes Rousseaus und der Romantik


Seminararbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das 18. und 19. Jahrhundert42.1. Das 18. Jahrhundert - Zeit der Aufklärung2.2. Das 19. Jahrhundert - Zeit der Romantik

3. Das Kindheitsbild der Aufklärung, im speziellen Rousseaus Vorstellung von Kindheit

4. Das Kindheitsbild der Romantik an den Beispielen Jean Paul und Friedrich Fröbel

Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Schlägt man den Begriff „Kind“ in einem Lexikon nach, so findet man nur eine biologische Definition des Begriffs. Im Zeit-Lexikon (2005, VII, 591) steht, „Kind, der Mensch in der ersten Alters- und Entwicklungsphase“. Die Definition der BrockhausEnzyklopädie (1970, X, 157) ist ziemlich ähnlich: Kind ist „der Mensch von seiner Geburt bis zur beginnenden Reife“.

Doch „was sind denn eigentlich Kinder?“ (Paul 1963, 247). Was macht das Kindsein wirklich aus? Wie lebt, fühlt, denkt das Kind?

Kindheit ist immer eine gesellschaftliche Erfindung; sie wird von der sie umgebendenGesellschaft geprägt und geformt. Ob Kindern eine wichtige Rolle im Leben einesMenschen zugestanden wird, hängt von der jeweiligen Epoche, in der es lebt, ab.

Im Sommersemester 2009 besuchte ich die Veranstaltung „Rousseaus Emile“. Im Zugedieses Seminars besprachen wir den Erziehungsroman von Jean-Jacques Rousseau,in dem er die ideale Erziehung eines fiktiven, idealen Kindes durch einen ebenfallsfiktiven und idealen Erzieher schilderte. Rousseaus Ziel war es, die in seinen Augenverdorbene Gesellschaft zu verbessern. Um diese Ziel zu erreichen, solle man keineBürger, also Menschen die nur nach den gesellschaftlichen Interessen handeln, mehrerziehen, sondern natürliche Menschen, die noch nicht „entartet“ sind.

Während der Lektüre des Buches fiel mir öfter auf, dass Rousseau die bisherige Erziehung und das bisherige Kindheitsbild kritisierte. Um zu untersuchen, ob Rousseau wirklich so fortschrittlich dachte und seiner Zeit voraus war, wählte ich als Thema meiner Hausarbeit den Vergleich von Rousseaus Kindheitsbild und dem romantischen Kindheitsbild. Was macht für Rousseau das Kind aus und wie verändert sich die Haltung gegenüber Kindern im 19. Jahrhundert?

Am Anfang meiner Arbeit werde ich kurz das 18. und 19. Jahrhundert erläutern, umeinen historischen Hintergrund für die darauffolgenden Kindheitsbilder zu schaffen.Im dritten Kapitel werde ich knapp das Kindheitsbild der Aufklärung darstellen unddann genauer auf die Rousseausche Vorstellung von Kindheit eingehen. Anschließenderläutere ich das Kindheitsbild der Romantik an zwei Beispielen, nämlich Jean Paulund Friedrich Fröbel. Friedrich Fröbel ist eine wichtige Persönlichkeit der Romantik, daer die Idee des Kindergartens entwickelte und ausführte. Bei Jean Paul ist interessant,dass er in Rousseau ein Vorbild fand, und dessen Ideen in die romantische Weltübertrug und an diese anpasste. Ich habe mich für die beiden Romantiker entschieden,da sie beide wichtige Pädagogen ihrer Zeit waren, und, wie Rousseau, eine eigeneErziehungslehre aufstellten.

2 Das 18. und 19. Jahrhundert

Um das Kindheitsbild der einzelnen Epochen besser verstehen und es auch in einen geschichtlichen Kontext setzen zu können, werde ich jetzt im folgenden das 18. und 19. Jahrhundert mit den Bewegungen Aufklärung und Romantik knapp erläutern.

2.1 Das 18. Jahrhundert - Zeit der Aufklärung

Die Bewegung der Aufklärung war von 1715 bis 1799 vorherrschend, beginnend mit dem Ende des absolutistischen Staates durch den Tod Ludwig XIV., und endend mit der französischen Revolution und der anschließenden Machtübernahme durch Napoleon (vgl. Bauer-Funke 1998, 7).

Immanuel Kant definierte Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Der Mensch beginnt nun seinen Verstand zu nutzen, er denkt für sich selbst und lässt sich nicht mehr alles von z.B. Vertretern der Kirche „vordenken“ (vgl. Dietrich 1975, 18).

Der Begriff „Aufklärung“ stammt vom meteorologischen „aufklaren“; durch das Licht derVernunft klart sich der durch das Mittelalter verdunkelte Himmel auf (vgl. Müller 2002, 1). Es werden Unklarheiten berichtigt und beseitigt, vernunftbegründete Einsichten werden gewonnen (vgl. Müller 2002, 1 f.).

Nach den Krisen des 17. Jahrhunderts, wie z.B. der Pest, sucht man in der Aufklärung nach neuer Stabilität (vgl. Im Hof 1993, 17). Die Menschen erhofften sich durch die Aufklärung und ihr rationalistisches Denken Lösungen für all ihre wirtschaftlichen und sozialen Probleme. Die Aufklärung ist nämlich davon weggekommen, nur Theorien aufzustellen, der Augenmerk liegt jetzt auf tatsächlichem Handeln (vgl. Im Hof 1993, 16). Der mittelalterliche Jenseitsdrang wandelte sich im 18. Jahrhundert zu einer Diesseitsorientierung (vgl. Ullrich 1999, 90). Man versuchte nun das Leben zu genießen und nicht ständig an den Tod zu denken.

Mit der Zeit der Aufklärung gab es auch immer mehr Gedanken zur Pädagogik. Während es im Mittelalter kaum bedeutende Pädagogen gab, ist die Zeit der Aufklärung voll davon; Jean-Jacques Rousseau, Johann Gottfried von Herder, John Locke und Johann Heinrich Pestalozzi, um nur einige zu nennen. Doch warum kamen gerade im 18. Jahrhundert so viele Gedanken zur Erziehung auf?

Da die Vernunft und die Nutzung des Verstandes in der aufklärerischen Bewegungwesentlich waren, mussten auch die Menschen lernen, ihren Verstand zu gebrauchen.Dies fand im Unterricht statt, weshalb immer mehr Menschen sich nun Gedankendarüber machten, wie man Kinder erziehen muss, um das Ziel der Aufklärung, „dasparadiesische Reich der Glückseligkeit und Freiheit“, zu erreichen (Dietrich 1975, 20).

Auch der Wandel des Familienlebens trug seinen Teil dazu bei. Im Mittelalter war noch das „Ganze Haus“ verbreitet, eine Wohngemeinschaft, in der eine Familie mehrererGenerationen unter einem Dach wohnte und arbeitete. Die Kinder lernten hier durchNachahmung ihrer Eltern und Großeltern, Erziehung fand quasi nebenher statt. In derAufklärung kam es jedoch zum „Übergang des 'ganzen Hauses' zur intimenKleinfamilie“ (Baader 1996, 11). Die Arbeit wurde aus dem Haus ausgelagert, dieWelten der Kinder und Erwachsenen drifteten auseinander. Somit musste ein neuerWeg gefunden werden, Kinder auf ihr Leben vorzubereiten. Verständlicherweiseentstanden deshalb mit der Zeit der Aufklärung so viele neue Gedanken rund um dasThema „Erziehung“.

2.2 Das 19. Jahrhundert - Zeit der Romantik

Im ausklingenden 18. Jahrhundert begann man sich gegen das rationalistische Denken der Aufklärung zu wehren, da man der Meinung war, es würde das Denken einschränken (vgl. Altena 2009, 116). Es entstand die romantische Bewegung, die von ca. 1790 - 1840 vorherrschend war (vgl. Meid 1999, 451).

Die Romantik rückte die Phantasie, das Irrationale in den Mittelpunkt. Im Übernatürlichen sahen die Romantiker die Wurzeln „der menschlichen Kreativität und Würde“ (Altena 2009, 115f.).

Wie auch in der Aufklärung, wollten die Menschen der Romantik wissen, was denMenschen und die Gesellschaft ausmachte. Im Unterschied zu dieser wurde jetztjedoch auch das Irrationale und Übernatürliche hinzugezogen und erforscht (vgl. Altena2009, 23) Es entstand eine Sichtweise, die „das Gewöhnliche, Alltäglicheüberhöht“ (Meid 1999, 451). Die Natur wurde für die Romantiker etwas Gutes undSchönes, sie war eine unerschöpfliche Inspirationsquelle und kein Objekt über das derMensch mit Maschinen herrschen muss (vgl. Altena 2009, 117). Der romantischenBewegung war Individualität sehr wichtig, sie verteidigten sie gegen „universelle[r]Naturgesetze und gesellschaftliche[r] Mechanismen“ (Altena 2009, 339). Meist wird dieRomantik nur auf die gestaltenden Künste beschränkt, sie macht jedoch mehr aus alsMalerei, Dichtung und Musik. Die Ideen der Romantiker beschäftigten sich mit allenLebensbereichen, so auch mit der Pädagogik (vgl. Bollnow 1952, 14). WichtigeVertreter waren Ernst Moritz Arndt, Jean Paul und Friedrich Fröbel.

3 Das Kindheitsbild der Aufklärung, im speziellen Rousseaus Vorstellung von Kindheit

Kinder werden in der Aufklärung erstmals nicht mehr als „Noch-Nicht“-Menschenangesehen, sondern als ein „in sich vollendetes Wesen eigener Art, als einvollkommenes Ganzes, das sich von der Ganzheit der erwachsenen Menschen vonGrund aus unterscheidet“ (Ewers 1989, 8 f.). Die Kindheit wurde also zu einereigenständigen Lebensphase und war nicht mehr reine Vorbereitung auf dasErwachsenensein.

Jean-Jacques Rousseau, der 1762 seinen berühmten Erziehungsroman „Emil oder Über die Erziehung“ veröffentlichte, ist einer der ersten, der Kindern ein eigenes Recht zugesteht. Er versteht nicht, warum man „den Kindern zuerst von ihren Pflichten und niemals von ihren Rechten spricht“ (Rousseau 1971, 77). Rousseau macht deutlich, dass die „Kindheit [hat] eine eigene Art zu sehen, zu denken und zu fühlen“ hat (a.a.O., 69). Die Erziehung muss also vom Kind aus geschehen, der Erwachsene darf ihm niemals seine eigenen Vorstellungen und Eigenschaften aufdrängen.

Das Kind ist für Rousseau ein Zwischenstadium zwischen Tier und Mensch; es „sollweder Tier noch Erwachsener sein, sondern Kind“ (Rousseau 1971, 62). In diesemPunkt stimmt er mit den anderen bedeutenden Denkern der Aufklärung, darunter auchJohn Locke, ein bedeutender Aufklärer Englands, überein. Sie haben die Vorstellungder Kindheit als „einer rohen, erst noch zu disziplinierenden, zu kultivierenden und zuzivilisierenden tierhaften Vorstufe des Menschen“ (Ullrich 1999, 215). Natürlich gab esauch Kritik an dieser Haltung. Die Einordnung der Kinder zwischen Tier undErwachsenen würde bedeuten, das Tier würde durch Erlangen einiger Eigenschaftenund Fähigkeiten zum Menschen werden können. Dies ist z.B. für Johann GottfriedHerder undenkbar, er nimmt das Kind schon als ganzen Menschen wahr (vgl. a.a.O.,125)

Im Mittelalter war man der Meinung, dass jeder Mensch, der geboren wurde, nichtunschuldig auf die Welt kommt. Jedes Kind stellte eine Folge der Ursünde Adam undEvas dar, die vom Baum der Erkenntnis aßen, und daraufhin dem Paradies verwiesenwurden. Diese Erbsünde belastete alle Menschen von Geburt an. In dermittelalterlichen Welt gab es somit keine von Grund auf unschuldigen Geschöpfe.Jean-Jacques Rousseau widerspricht dieser Einstellung. In seinem Buch schreibt er:„Es gibt keine Ur-Verderbtheit des Herzens. Es gibt darin kein einzigesLaster“ (Rousseau 1971, 71). Liest man den ersten Satz des „Emil“ versteht man auchwie Rousseau zu einer solchen Aussage kommt. Er meint: „Alles ist gut, wie es ausden Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen desMenschen“ (a.a.O., 9). Für ihn kann ein Mensch also nicht vorbelastet auf die Erde kommen, Kinder müssen für ihn unschuldige Wesen sein.

In seinem Erziehungsroman entwickelt Rousseau die Idee des natürlichen Menschen,der noch nicht durch die Gesellschaft verändert, „entartet“ wurde. Der natürlicheMensch lebt autark und „sich so weit wie möglich selbst“ genügend (a.a.O., 103). Erbraucht also keine anderen Menschen zum Überleben und ist somit kein sozialesWesen. Jeder natürliche Mensch hat die Möglichkeit der Vervollkommnung seines Ichs,der sog. Perfektibilität. Kinder sind für Rousseau noch natürliche Menschen, siewurden noch nicht von der verdorbenen Gesellschaft beeinflusst und stehen somitüber dieser (vgl. Ewers 1989, 53). Somit wird auch deutlich, warum Kinder beiRousseau einen Sonderstatus erhalten. Für Rousseau ist die Erziehung zumnatürlichen Menschen nämlich die Voraussetzung für eine bessere Gesellschaft;Kinder stellen für ihn, wie auch für andere Philosophen und Denker der Aufklärung, dieHoffnung auf ein kommendes goldenes Zeitalter, das Paradies, dar.

In der Aufklärung verstand man die Kindheit als „Zustand, der sein Ziel imErwachsensein hat und infolgedessen wesentlich zukunftsorientiert ist“ (Baader 1996,21). Dieser Auffassung widerspricht Rousseau. Sein Augenmerk liegt nicht auf derZukunft des Kindes, das Ziel seiner Erziehung ist das „vollkommene Kind“ (Ullrich 1999,110). In seinem Werk „Emil oder Über die Erziehung“ stellt er fest, dass es keinen Sinnhat, die „Gegenwart einer ungewissen Zukunft“ zu opfern (Rousseau 1971, 55). DasKind lebt in der Gegenwart und soll jeden dieser Augenblicke genießen, da das Lebenvielleicht früh endet. Die Lebenserwartung war auf Grund von schlechten hygienischenBedingungen und mangelnder medizinischer Versorgung relativ niedrig; „die Hälftealler Neugeborenen erreicht höchstens das Jünglingsalter“ (a.a.O. ebda).

Rousseau kritisiert die Erzieher, die nur in die Zukunft des Kindes schauen undmöglichst keine Zeit verlieren wollen. In seinem „Emil“ sagt er ihnen: „Ihr seidbeunruhigt, wenn es seine ersten Jahre mit Nichtstun verbringt! Ist Glücklichsein dennnichts? Den ganzen Tag springen, spielen, laufen, ist das nichts?“ (a.a.O., 89). Erbetont, dass man nicht „immer nur den Mann im Kind“ suchen soll, also nicht das Kindmöglichst schnell erwachsen werden lassen, sondern den Kindern Zeit geben ihreKindheit zu genießen und sich zu entwickeln (a.a.O., 5). Sie sollen die Kindheitgenießen, da sie, so Rousseau, die glücklichste Zeit eines Menschenlebens ist.Nachdenklich schildert er die Erinnerungen an die Kindheit : „Wer von euch hat sichnicht manchmal nach dem Alter zurückgesehnt, in dem das Lachen immer um dieLippen spielt und Friede immer in der Seele wohnt?“ (a.a.O., 55). Das Glück bedeutetfür Rousseau ein Gleichgewicht zwischen „unseren Wünschen und unserenFähigkeiten“ (a.a.O., 57).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
War Jean-Jacques Rousseau seiner Zeit voraus? Ein Vergleich des Kindheitsbildes Rousseaus und der Romantik
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Rousseaus "Emile"
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V198265
ISBN (eBook)
9783656244547
ISBN (Buch)
9783656244905
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jean-jacques, rousseau, zeit, vergleich, kindheitsbildes, rousseaus, romantik
Arbeit zitieren
Nadine Müller (Autor), 2009, War Jean-Jacques Rousseau seiner Zeit voraus? Ein Vergleich des Kindheitsbildes Rousseaus und der Romantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198265

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