Die Todesvorstellungen geistig behinderter Jugendlicher wurden bisher kaum empirisch untersucht, so dass es insgesamt auch nur wenige Erkenntnisse über deren Todesverständnis gibt.
In diesem Artikel stellt Martin Bube seine Interviewstudie vor, in der er neun geistig behinderte Jugendliche über deren Erleben und Bewältigung von Sterben und Tod befragt und schildert die wichtigsten Ergebnisse. Der Leser erhält so Einblick in die Todesvorstellungen der befragten Personengruppe und in deren Todesverständnis.
Ziel des Artikels ist es dem Tod, als wichtiges Lebensthema, einen angemessenen Stellenwert in der Schule einzuräumen und den Sonderschullehrern Mut zu machen, sich dieser Thematik im Unterricht zu stellen. Nur so können geistig behinderte Kinder und Jugendliche bereits im Schulalter lernen, den Tod als Teil des Lebens zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Einleitung
3. Begriffsklärung
4. Der Umgang in unserer Gesellschaft mit Tod und Sterben
4.1 Verdrängung und Unbedeutsamkeit
4.2 Enttabuisierung
5. Der Umgang von Kindern und Jugendlichen mit Tod und Sterben
5.1 Die Todesvorstellung von Kindern und Jugendlichen
5.1.1 Die kognitive Komponente der Todesvorstellung
5.1.2 Die emotionale Komponente der Todesvorstellung
5.2 Das Trauerverhalten von Kindern und Jugendlichen
6. Der Umgang von geistig behinderten Jugendlichen mit Tod und Sterben
6.1 Die Todesvorstellung von geistig behinderten Jugendlichen
6.2 Das Trauerverhalten von geistig behinderten Jugendlichen
6.3 Eigene empirische Untersuchung zum Todeserleben geistig behinderter Jugendlicher
6.3.1 Forschungskonzeption und -organisation
6.3.2 Durchführung der Interviewstudie
6.3.3 Auswertung der Interviews
6.3.4 Darstellung der Einzelfälle
6.3.5 Zusammenfassung der Ergebnisse
6.3.6 Kritische Reflexion der Studie
7. Gründe für eine schulische Thematisierung
7.1 Anthropologisches Argument
7.2 Entwicklungspsychologisches Argument
7.3 Bildungstheoretisches Argument
7.4 Gesellschaftliches Argument
7.5 Ethisches Argument
8. Bisherige Thematisierung im Unterricht
9. Notwendige Voraussetzungen und mögliche Schwierigkeiten
9.1 Voraussetzungen des Lehrers
9.2 Voraussetzungen der Schule
9.3 Voraussetzungen der Klasse/ Schüler
9.4 Voraussetzungen der Eltern
10. Möglichkeiten der Behandlung des Themas Tod und Sterben im Unterricht an der Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung
10.1 Sterben und Tod als aktuelles Thema in der Schule
10.2 Sterben und Tod als Sachthema
11. Unterrichtsentwurf für eine Projektwoche zum Thema „Sterben, Tod und Trauer“
11.1 Beschreibung der Ausgangslage
11.2 Lernziele
11.3 Aufbau der Unterrichtssequenz
11.4 Reflexion der Projektwoche
12. Auswirkungen von Unterrichtsprogrammen zu Tod und Sterben
13. Fazit
14. Literaturverzeichnis
15. Anhang
15.1 Interviewleitfaden
15.2 Transkribierte Interviews
15.2.1 Interview mit S1
15.2.2 Interview mit S2
15.2.3 Interview mit S3
15.2.4 Interview mit S4
15.2.5 Interview mit S5
15.2.6 Interview mit S6
15.2.7 Interview mit S7
15.2.8 Interview mit S8
15.2.9 Interview mit S9
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, dem Thema Tod und Sterben als wesentlichem Lebensthema einen angemessenen Stellenwert in der sonderpädagogischen Schulpraxis einzuräumen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, welche Todesvorstellungen geistig behinderte Jugendliche haben und inwiefern diese mit ihrer geistigen Behinderung, ihren bisherigen Erfahrungen sowie ihrem Zeitbewusstsein korrelieren.
- Gesellschaftlicher Umgang mit Tod und Sterben sowie dessen Tabuisierung
- Entwicklung des Todeskonzepts bei Kindern und Jugendlichen
- Spezifische Erlebensweise von Tod, Sterben und Trauer bei geistig behinderten Jugendlichen
- Qualitative empirische Untersuchung durch explorative Interviews
- Didaktische Möglichkeiten zur Thematisierung im Unterricht für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung
Auszug aus dem Buch
3. Begriffsklärung
Sterben und Tod werden – sofern sie nicht beschönigend umschrieben werden – in unserer Alltagssprache häufig gleich verwendet. Wie schwer es tatsächlich ist, beide eindeutig zu definieren und voneinander abzugrenzen, soll im Folgenden gezeigt werden, um unzulässige Gleichsetzungen und Missverständnisse zu vermeiden.
Sterben und Tod sind Phänomene, die den Menschen schon immer in jeder Lebensphase und in allen Kulturen beschäftigt haben. Stellen sie doch neben der Geburt eine der wenigen universellen Ereignisse dar, die jeden Menschen betreffen. Obwohl sie wesensmäßig zu unserem Leben dazugehören, sind sie uns aber in Wirklichkeit sehr fremd.
Immerhin sind uns zwei Dinge über Tod und Sterben klar: Sterben geschieht zeitlich vor dem Tod und stellt im Gegensatz zum Tod, der ein Zustand ist, einen Prozess dar. Der Mensch stirbt nämlich nicht an einem Zeitpunkt, sondern Sterben bezeichnet einen komplexen und unterschiedlich langwierigen Prozess, der mit dem Tod endet (vgl. Ramachers 1994, 21/ Samarel 2003, 132ff). Sterben ist der Übergang zwischen Leben und Tod, sozusagen die Vorstufe des Todes, die „Nahtstelle zwischen Sein und Nicht-Sein“ (Meyer 1982, 15), aber eben noch Leben. Sterben ist ein Verenden im Leben, während der Tod das Ende des Lebens markiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Der Autor dankt den Unterstützern der Arbeit und erläutert die sprachliche Verwendung des generischen Maskulinums.
2. Einleitung: Einführung in die existenzielle Relevanz des Themas Tod und Sterben und Begründung der Notwendigkeit einer unterrichtlichen Thematisierung für geistig behinderte Jugendliche.
3. Begriffsklärung: Abgrenzung der Begriffe Sterben und Tod und Diskussion medizinischer sowie philosophischer Definitionsprobleme.
4. Der Umgang in unserer Gesellschaft mit Tod und Sterben: Analyse der gesellschaftlichen Verdrängungstendenzen versus neuerer Enttabuisierungsansätze.
5. Der Umgang von Kindern und Jugendlichen mit Tod und Sterben: Darstellung des Forschungsstandes zur Entwicklung des kindlichen Todeskonzepts und des Trauerverhaltens.
6. Der Umgang von geistig behinderten Jugendlichen mit Tod und Sterben: Zusammenfassung bestehender Studien und Präsentation der eigenen empirischen Untersuchung mit neun Jugendlichen.
7. Gründe für eine schulische Thematisierung: Herleitung der pädagogischen Begründung für den Unterricht basierend auf anthropologischen, entwicklungspsychologischen, bildungstheoretischen, gesellschaftlichen und ethischen Argumenten.
8. Bisherige Thematisierung im Unterricht: Untersuchung des aktuellen Stellenwerts des Themas in deutschen Schulen und Lehrplänen.
9. Notwendige Voraussetzungen und mögliche Schwierigkeiten: Aufzeigung der Anforderungen an Lehrer, Schule, Schüler und Eltern für eine gelingende Thematisierung.
10. Möglichkeiten der Behandlung des Themas Tod und Sterben im Unterricht an der Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung: Praktische Unterscheidung zwischen aktuellem Anlass und Sachthema.
11. Unterrichtsentwurf für eine Projektwoche zum Thema „Sterben, Tod und Trauer“: Konkreter Unterrichtsentwurf inkl. Reflexion der Projektwoche.
12. Auswirkungen von Unterrichtsprogrammen zu Tod und Sterben: Diskussion der empirischen Befundlage über die Effekte von „Death Education“-Programmen.
13. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Arbeit und Ausblick auf notwendige Verbesserungen in Schule und Ausbildung.
14. Literaturverzeichnis: Umfassendes Verzeichnis der verwendeten Quellen.
15. Anhang: Enthält den Interviewleitfaden und die vollständigen Transkripte der durchgeführten Interviews.
Schlüsselwörter
Tod, Sterben, Trauer, Geistige Behinderung, Sonderpädagogik, Todesvorstellung, Todeskonzept, Thanatopsychologie, Schüler, Unterricht, Lebensalltag, Identitätsentwicklung, Sterbekultur, Trauerbewältigung, Inklusion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht das Todeserleben von Jugendlichen mit geistiger Behinderung und analysiert, wie dieses Thema sinnvoll und pädagogisch verantwortbar im Unterricht an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung thematisiert werden kann.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die kognitiven und emotionalen Aspekte von Todesvorstellungen, das Trauerverhalten von geistig behinderten Jugendlichen, gesellschaftliche Einflussfaktoren und die didaktische Aufbereitung des Themas im schulischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, herauszufinden, welche Todesvorstellungen die Zielgruppe besitzt und wie diese Vorstellungen durch schulische Unterstützung gefördert werden können, um eine bessere Bewältigung von Verlusten zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Datengewinnung verwendet?
Es wird ein qualitativer, explorativer Forschungsansatz gewählt. Der Autor führte teilstrukturierte Leitfadeninterviews mit neun geistig behinderten Jugendlichen durch, um deren individuelle Sichtweisen tiefgehend zu erfassen.
Welche Aspekte behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über Sterben, Tod und Trauer bei Kindern und Jugendlichen, eine Übersicht über den Forschungsstand bei Menschen mit geistiger Behinderung sowie die Durchführung und Auswertung einer eigenen explorativen Studie.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Todeskonzept, Thanatopsychologie, Inklusion von Grenzsituationen, Trauerarbeit, sonderpädagogischer Bildungsauftrag und die Lebensweltorientierung in der Geistigbehindertenpädagogik.
Wie gehen die befragten Jugendlichen mit dem Tod um?
Die Studie zeigt eine hohe Heterogenität: Viele zeigen erste Ansätze eines Todeskonzepts, sind jedoch stark von ihren spezifischen Erfahrungen und ihrem sozialen Umfeld abhängig. Angst äußern sie insbesondere im Hinblick auf den Verlust wichtiger Bezugspersonen wie der Eltern.
Was empfiehlt der Autor für die schulische Praxis?
Der Autor empfiehlt, den Tod nicht nur bei akuten Todesfällen zu thematisieren, sondern auch als Sachthema in den Unterricht zu integrieren, um Schülern Bewältigungsstrategien zu vermitteln und die Tabuisierung in der Gesellschaft aufzubrechen.
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- Martin Bube (Author), 2007, Sterben und Tod als Unterrichtsthema für Schüler mit geistiger Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198456