Partizipative Regionalentwicklung als moderierter Bürgerdialog

Neue Anfragen an die regionale Erwachsenenbildung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Regionen und endogene Regionalentwicklung
2.2 Regionale Standortentwicklung im Wettbewerb
2.3 Partizipative Formen der Bürgerbeteiligung
2.4 Regionale Erwachsenenbildung

3 Moderierter Bürgerdialog: Auslöser für neue Anfragen
3.1 ‚Wissensbilanz – Made in Germany’ als Ausgangsmodell
3.2 Moderationsmethode
3.3 Repräsentative Projektgruppenzusammensetzung
3.4 Eigenschaften und Kompetenzen des Bewertungsteams
3.5 Der Bürger als Ressource des impliziten regionalen Wissens?
3.6 Neue Anfragen an die regionale Erwachsenenbildung

4 Schlussbetrachtung und Ausblick

5 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Mindestanforderungen an die Zusammensetzung des regionalen Bewertungsteams

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Einseitigkeiten in Wahrnehmung, Wirklichkeitskonstruktion und Sprache erweisen sich empirisch evident oft darin, dass notwendige (heilsame) Komplementärbegriffe gleichsam zu fehlen scheinen. Würde man in repräsentativen Umfragen beispielsweise nach komplementären Begriffen (und Trends) zum Stichwort „Globalisierung“ fragen, würden vermutlich nicht viele der Befragten auf Anhieb den korrespondierenden lebenswelt-lichen Bezug zu Konstrukten wie „Regionalisierung“ bzw. „Lokalisierung“ erkennen.[1] Durch diese Brille betrachtet, scheint Globalisierung „alternativlos“ zu sein – und daher möglicherweise per se erstrebenswerter – als kleinbürgerliche „Provinzialität“.

Direkte lokale und regionale Bürgerbeteiligung hingegen ist spätestens seit „Stuttgart 21“ bundesweit neu ins Bewusstsein des Volkes gerückt: Bürgerinnen und Bürger interessieren und engagieren sich wieder vermehrt für die Gestaltung und Zukunft ihres geographisch-sozialen Lebensraums.[2] Lokale und regionale Raumentwicklung werden Gegenstand öffentlich-medialer Prozesse materieller und immaterieller Güterabwägung, sogar harter Kontroversen und schwerer Konflikte.

Offensichtlich also reicht es im 21. Jahrhundert nicht länger aus, lokale und regionale öffentliche Projekte verwaltungsrechtlich „einwandfrei“ nur durch die formellen Entscheidungsinstanzen zu bugsieren. Bürgerinnen und Bürger wollen vielmehr gerade bei politisch motivierten Projekten mehr denn je persönlich angesprochen, gehört, involviert und emotional „mitgenommen“ werden, anstatt „vor vollendete Tatsachen“ gestellt zu werden – sie wollen sich aktiv beteiligen, vor Ort an der politisch-strategischen Regionalentwicklung „partizipieren“. Erfahrungsgemäß kommt hinzu, „dass sich Bürgerinnen und Bürger meistens erst dann für die Projektfolgen interessieren, wenn diese ganz konkret werden.“[3]

Solche Partizipation ist durchaus im Sinne moderner endogener (eigenständiger) Re-gionalpolitik: eines ihrer wesentlichen Elemente ist die Stärkung regionaler Selbstorganisationsfähigkeiten und lokaler Eigenverantwortung durch die aktive Mit- und Selbstbestimmung der Bevölkerung vor Ort.[4] Angedacht ist: Wenn unterschiedliche Kompetenzträger auf diese Weise gemeinsam für eine Region Verantwortung tragen und sowohl effektiv als auch effizient zusammenwirken,[5] können Lebensräume nachhaltig dem abgewogenen Gesamtwohl und nicht nur überhöhten lobbygesteuerten Partikularinteressen dienen – und so „ihre maximale Selbstwirksamkeit entfalten.“[6]

Steter Stein des Anstoßes bei der strategischen Entwicklung einer Region ist es nun, das genaue „Wie“ der durchaus konfliktären Güterabwägung im Licht der Öffentlichkeit und im Rahmen der freiheitlich-demokratischen[7] Grundordnung möglichst transparent abzubilden: Wie findet und priorisiert eine Region unter teils restriktiven Budgetbedingungen[8] ihre langfristig-strategisch wirkungsvollsten Projekte, und wie integriert sie am sinnvollsten den regionalen Bürgerwillen, das „Gemeinwohl“ sowie alle divergierenden Partikularinteressen in den Gesamtprozess bis hin zur Maßnahmenumsetzung?

Hier sind die vielzitierten „mündigen Bürgerinnen und Bürger“ einer Region gefragt und unter komplexen Bedingungen herausgefordert, hier sind gereifte und ausgewogene Einschätzungen wichtiger als kurzsichtige Willensdurchsetzung auf Kosten anderer; hier sind, kurz gesagt, kompetente und gereifte Erwachsene – im umfassendsten Sinne des Wortes – das wohl zukunftsträchtigste „Kapital“[9] einer Region. In einer ersten Näherung kann daher gefolgert werden: Stärkere partizipative Regionalentwicklung führt im 21. Jahrhundert zu neuen Anfragen an die regionale Erwachsenenbildung, insbesondere an die Heran- und Herausbildung, an die Identifizierung und Zusammenführung erwachsener, mündiger, gereifter, lebenserfahrener Menschen als Teams, als moderierte Projektgruppen und Netzwerkpartner im regionalen Vor-Ort-Kontext.

Als eine mögliche neue Prozessunterstützungsmethode der strategischen Regionalentwicklung kommt hier die „Wissensbilanz – Made in Germany“[10] ins Spiel, die im Jahr 2004 als Projekt des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi)[11] unter Federführung des Fraunhofer Instituts für Produktionsanlagen und Kommunikationstechnik (IPK) ausgestaltet wurde[12] und die, wenngleich noch wenig bekannt, seitdem zum „state of the art“ wissensbasierter Organisationsführung und zeitgemäßer zukunftsorientierter Controllingstrategie gehört.

Ganz im Sinne des Wissensbilanz-Pioniers Leif Edvinsson[13] hat zuletzt die Arbeit von Mauch (2011) aufgezeigt, wie mit Hilfe dieser moderierten workshopbasierten Evaluationsmethode, ausgestaltet als Bürgerreport bzw. „regionale Wissensbilanz“[14], ein Pro-zess der Nutzung des impliziten regionalen Wissens[15] der Bürgerinnen und Bürger sogar für eine Kommune, einen Landkreis oder eine größere Region entwickelt werden kann und wie die hierzu bereiten und fähigen Bürgerinnen und Bürger sich vor Ort repräsentativ einbringen können.[16] Es geht damit auch um einen lernenden Organismus von vielfältig-kompetenten erwachsenen Menschen, die sich temporär und projektbasiert verbinden zur Evaluation und Gestaltung des gesamt-optimalen zukünftigen Regionalumfeldes – was wiederum in bisherigen Definitionen, Konstrukten und methodischen Ansätzen zur regionalen Erwachsenenbildung so nicht explizit aufscheint.

In bekannten Definitionen zur regionalen Erwachsenenbildung (z.B. Nuissl[17] ) sind diese noch zu bezeichnenden Kompetenzen nicht explizit im Zusammenhang mit dem „state of the art“ in der endogenen Regionalentwicklung und regionalen Wissensbilanzierung auskonturiert, so dass hier eine Forschungslücke besteht. Daher wird mit der vorliegenden Arbeit insgesamt Neuland betreten. Um diese Lücke aber zu schließen, wären wohl umfangreiche interdisziplinäre Monographien erforderlich, so dass die vorliegende Arbeit sich lediglich als erste thematische Relevanzanzeige versteht.

Die persönliche Anregung zum Thema ergab sich aus mehreren Quellen: erstens als Mitglied des Moderatorennetzwerkes der „Wissensbilanz – Made in Germany“,[18] zweitens beruflich als Fachjournalist, drittens durch einen Seminarbesuch zum Thema, sowie nicht zuletzt durch langjährige Beschäftigung mit den Themen Wissens- und Projektmanagement und den hieraus abgeleiteten Anforderungen an zeitgemäße Erwachsenenbildung – zur Bewältigung der komplexen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts im Sinne nachhaltiger Bewahrung menschlicher Lebensgrundlagen.

1.2 Ziel und Aufbau der Arbeit

Ziel der Arbeit ist es, in Form einer ersten wissenschaftlichen Skizze zu diesem Thema neue Anfragen an die regionale Erwachsenenbildung (im Sinne von Nuissl) aufzuzeigen, die sich durch die Arbeit von Mauch (2011) zum Thema des moderierten regionalen Erstellungsprozesses einer „Wissensbilanz – Made in Germany“ so erstmals in der Erwachsenenbildung stellen.

Zur Vorgehensweise: Zunächst präzisiert die Einleitung den thematischen Hintergrund sowie die geplante Struktur der vorliegenden Arbeit. Nach der Einleitung werden im zweiten Kapitel die begrifflichen Grundlagen abgegrenzt und erläutert. Dabei handelt es sich um die untersuchungsrelevanten Begriffe der Region, der endogenen Regionalentwicklung, des regionalen Standortwettbewerbs, der regionalen Erwachsenenbildung sowie möglicher partizipativer Formen der lokalen und regionalen Bürgerbeteiligung. Diese Konstrukte werden kurz anhand repräsentativer Literaturquellen erschlossen und für den Fortgang des Themas aufbereitet. Unter erwachsenenpädagogischen Gesichtspunkten wird dabei dem Begriff des Erwachsenen bzw. des Erwachsenseins unter Aspekten der ganzheitlichen emotional-kognitiven Reifung nachgespürt – und so insbesondere zur (partiellen und sektoralen) Infantilität abgegrenzt.

Das dritte Kapitel widmet sich der zentralen Frage, wie und warum die moderations- und workshopbasierte Evaluationsmethode „Wissensbilanz – Made in Germany“ (aus-gestaltet als moderierter regionaler Bürgerdialog) neue Formen der Bürgerbeteiligung und partizipativen Regionalentwicklung ermöglichen kann – und welche neuen Anfragen an die regionale Erwachsenenbildung sich mit diesem Ansatz ergeben bzw. zukünftig ergeben können. Nicht verfolgt hingegen werden monetär-quantifizierende Ansätze der Wissensbilanzierung des Human-, Struktur- und Beziehungsvermögens (z.B. Henske 2011).[19]

Insgesamt abgeschlossen wird die Arbeit mit einer Schlussbetrachtung, die offene Probleme und Verlaufsmöglichkeiten der zukünftigen Entwicklung einbezieht, sowie mit einer Zusammenfassung der wesentlichen Untersuchungsergebnisse.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Regionen und endogene Regionalentwicklung

Es würde wohl eine eigene Monographie erfordern, den Begriff der „Region“ nicht nur in allen Facetten etymologisch herzuleiten, sondern auch seine geschichtlichen und heutigen Verwendungsmöglichkeiten und Konnotationen darzustellen. Der lateinische Ursprung (regio) umfasst Bedeutungen wie „Grenze“, „Lage“, „Landschaft“ und „Bezirk“, ist jedoch auch verwandt mit regere (leiten), mit regia (Residenz) und regimen, d.h. mit der „Lenkung“, „Verwaltung“, „Steuerung“ und „Leitung“ (vgl. „Regierung“, „Regiment“, „Regent“, „Regie“).[20] Trennscharfe Definitionsversuche sind so kaum zielführend, und dementsprechend unpräzise wird der Regionsbegriff denn auch im Alltag verwendet. Festgehalten werden kann jedoch: Im Regions- und Regionalbegriff klingt geschichtlich und sprachlich ein Moment von ausgeübter Macht und Herrschaft mit.

Eine weitere Ableitung sieht den Bedeutungsschwerpunkt eher bei „Gebiet“ und „Gegend“ und inkludiert – in Anlehnung an lat. regere (lenken, leiten) – beim Regionsbegriff den Sinn einer gebietsmäßig umgrenzenden und (ein-)ordnenden Aktivität des Steuerns und Leitens.[21] Gesteuert werden kann aber nur in der Gegenwart für die Zukunft. Dem Regionsbegriff inhärent sind somit zukunftsgerichtete Raumgestaltungsaspekte. Der Gebietsbegriff wiederum lässt sich etymologisch ableiten von „gebieten“,[22] d.h. „Befehlsgewalt ausüben“; ein Gebiet wäre demnach ein Bereich, „in dem der Befehl gilt“.[23] Dies könnte ebenfalls hindeuten auf ein mögliches Verständnis auch von Region und Regionalentwicklung, das a) traditionell stark hierarchisch und zentralistisch geprägt ist, b) ausschließlich mit „Top-down-Ansätzen“ einem „Gebiet“ aufgeprägt wird und c) mit einer ausgeprägten „Top-down-Ökonomie“[24] korrespondiert.

Neben „Top-down-Ansätzen“ zentralistisch-hierarchischer Regionalgestaltung gewinnt die dezentrale endogene (gr.: „aus dem Inneren entstanden“, also eigenständige) Regionalentwicklung „in Zeiten der starken globalen Vernetzung an Bedeutung, denn regionsspezifische Potentiale lassen sich oftmals besser durch orts- und problemnahe Planung regionaler Akteure aktivieren als durch delegierte Maßnahmen von nationaler oder globaler Stelle.“[25] Dies entspricht einer sich formenden, komplementären „Bottom-up-Ökonomie“[26], die zunehmend die Wertschöpfungssystematik der „Top-down-Öko-nomie“ ergänzt.[27]

Nach Kalisch (2011) lautet eine nach wie vor weithin anerkannte Definition von Region: Eine Region ist „ein funktional, strukturell oder inhaltlich zusammenhängender Teilraum mittlerer Größenordnung in einem Gesamtraum verstanden, der durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet ist.“[28] Nach Kalisch beinhaltet diese Definition[29] „einige konstitutive Elemente, die jedem Regionsbegriff zugrunde liegen: den Raum-, Maßstabs- und Sachbezug“:[30]

- „Region ist ein zusammenhängender Teil eines größeren Raumbezuges;
- sie ist räumlich lokalisierbar;
- sie ist von ‚ mittlererGröße;
- sie wird häufig aufgrund ihrer Strukturen, Inhalte oder Funktionen bestimmt: als spezifischer Wirtschafts-, Lebens-, Kultur- oder Sozialraum.“[31]

Eine Region kann also verstanden werden als eine lokalisierbare und größenmäßig variable, mittelgroße Handlungs-, Integrations- und Partizipationsebene[32] innerhalb der (sozio-)geographischen Raumordnung, die im Einzelfall durchaus deckungsgleich sein kann mit einer bestimmten Gebietskörperschaft des öffentlichen Rechts bzw. einem politisch-verwaltungsrechtlichen Konstrukt, z.B. dem der „Gemeinde“, der „Kommune“ oder eines „Landkreises“, dies aber nicht notwendig sein muss. Beispiele: „Metropolregion X“, aber auch „Rhein-Main-Region“, „Weinbauregion“, „Tourismusregion“.

Unter endogener (d.h. eigenständiger, selbstorganisierter) Regionalentwicklung versteht man „ein Konzept der Raumordnung, bei dem die sozioökonomische Entwicklung einer Region nicht vorrangig durch äußere Impulse (staatliche Eingriffe oder Handelsverflechtungen mit anderen Regionen) geschehen soll, sondern durch die Nutzung regionseigener Potentiale. Dabei sind sowohl Entwicklungspotentiale im wirtschaft-lichen als auch im sozialen Bereich mit einbezogen. Als Schlagwort dient in diesem Zusammenhang der Begriff „Hilfe zur Selbsthilfe“ (Subsidiaritätsprinzip).“[33]

2.2 Regionale Standortentwicklung im Wettbewerb

Regionen befinden sich – wie Unternehmen – im Wettbewerb zueinander,[34] sind aber auch (nicht zuletzt durch kommunale Überschuldung und restriktive Haushaltsbudgetbedingungen) verstärkt auf interkommunale und interregionale Zusammenarbeit sowie auf weitere neue Kooperationsformen[35] angewiesen. Dabei gilt es, analog zu Unternehmen, unter partizipativer Erschließung des impliziten regionalen Wissens,[36] die jeweilige (kommunale und regionale) Unverwechselbarkeit innerhalb der potenziell verfügbaren Wettbewerbsvorteile herauszuarbeiten, in der Öffentlichkeit zu positionieren und Alleinstellungsmerkmale zielgruppengerecht zu kommunizieren.[37]

Vorschnell wird beim Standortwettbewerb der Regionen häufig allerdings nur an „harte“, quantifizierbare und ökonomisch-monetäre Wettbewerbspositionierungen gedacht, denn zwischen einzelnen Kommunen besteht z.B. Wettbewerb um begehrte Gewerbesteuerzahler, und dieser Wettbewerb dürfte bei klammen Kassen tendenziell eher zu- als abnehmen. Oder man denkt an Wettbewerb um Unternehmen einer bestimmten Branche oder Wertschöpfungsstufe, um erwünschte Cluster bilden zu können.

Es besteht aber nicht nur ein ökonomischer Wettbewerb um Quantifizierbares und Monetäres, sondern auch ein sozialer und kultureller Wettbewerb um gefühlte Lebensqualität innerhalb einer Region. Es geht um den Wettbewerb auch von Positionierungen und Alleinstellungsmerkmalen, die mit schwer quantifizierbaren und kaum operationalisierbaren Einflussfaktoren wie z.B. regionaler Lebensqualität und Lebendigkeit zu tun haben. Das zeigt ein Blick in den Bundesbericht Forschung und Innovation (BuFI) 2010: „Sichere und schmackhafte Nahrungsmittel, eine gesunde Ernährung und lebendige Regionen, die ihren Bewohnern Arbeit und Erholung bieten und in denen die natürliche Umwelt und die Tiere geschützt werden, zählen zu den Grundbedürfnissen der Menschen. Die Land-, Forst-, Fischerei- und Ernährungswirtschaft sowie die Forschung in diesen Bereichen können dazu erhebliche Beiträge leisten.“[38] Oder ein Zitat aus einer Lokaltageszeitung: „Im Wettbewerb um Fachkräfte und Investoren gibt das persönliche Wohlbefinden künftig den Ausschlag.“[39]

Wettbewerbsorientierte Regionalentwicklung kann demnach verstanden werden als die „Integration von ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Zielen zu einer ganzheitlichen Entwicklungspolitik, in der die Interessen von Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft ausbalanciert berücksichtigt sind.“[40] Welche Kompetenzen fordert dies aber von jenen Erwachsenen, die sich in partizipativer Regionalentwicklung engagieren?

Der „Wohlfühlcharakter“ bzw. die „gefühlte Lebendigkeit“ einer Region bestimmt sich zudem durch die Marke bzw. die kommunizierte Markenpersönlichkeit, die eine Region von sich in der öffentlichen Wahrnehmung prägt[41] (oft verflachend verstanden als sog. „Regionalmarketing“). Dies setzt voraus, dass es sich um eine Markenbildung handelt, „mit der sich die Menschen identifizieren können.“[42] Ergebnis ist ein mehrdimensionales Konstrukt von regionaler Identität: „Regionalentwicklung zielt insb. auf eine stärkere Identität der Region, eine stärkere Einbindung der Menschen in die Region, eine höhere Produktivität und ein höheres kulturelles und produktives Niveau der Region.“[43] Ebenso gilt aber auch: „Regionale Identität ist die kognitiv-emotionale Bindung eines Menschen an seine Region. Sie beruht wesentlich auf der Reflexion der Entwicklungsmöglichkeiten in der Region und der erlebten Bedeutsamkeit.“[44]

Das bedeutet auch: Die Erwachsenen einer Region müssen in der Lage sein, vor dem Hintergrund einer ganz spezifischen strategischen Zielsetzung in Formen partizipativer Bürgerbeteiligung die maßgeblichen nicht-quantifizierbaren, nicht-operationalisierbaren regionalen markenbildenden Einflussfaktoren für „empfundene Lebensqualität“[45] be-stimmen zu können. Worin also liegt für diese eine, ganz bestimmte Region die Unverwechselbarkeit innerhalb der vorhandenen Wettbewerbsvorteile, das wirkliche lebensmäßige – und allgemein lebensmäßig fühlbare – Alleinstellungsmerkmal?

2.3 Partizipative Formen der Bürgerbeteiligung

In der strategischen Regionalentwicklung „sind formelle Beteiligungsverfahren, die auf einer gesetzlichen Grundlage beruhen, und informelle Beteiligungsverfahren zu unterscheiden.“[46] Bei den formellen Beteiligungsverfahren wäre beispielsweise § 10 Absatz 1 Satz 1 des Raumordnungsgesetzes (ROG) zu nennen, welcher vorsieht, dass die Öffentlichkeit sowie die in ihren Belangen berührten öffentlichen Stellen von der Aufstellung des Raumordnungsplans zu unterrichten sind. Darüber hinaus ist ihnen Gelegenheit zur Stellungnahme zum Entwurf des Raumordnungsplans und seiner Begründung zu geben. Ebenso ist in § 3 des Baugesetzbuches vorgesehen, die Öffentlichkeit bei der Bauleitplanung zu beteiligen.

Die Vielfalt der informellen Beteiligungsverfahren, die in den letzten Jahren – meist mit begrenztem Erfolg[47] – entstanden ist und ausprobiert wurde, ist inzwischen kaum mehr zu überblicken. Sie aufzuarbeiten, würde wohl eine eigenständige Monographie erfordern. Beispielhaft seien nur genannt: Bürgerbegehren, Bürgerforen, Bürgerentscheid, Bürgerhaushalt, Stadtteilkonferenz, aktives Beschwerdemanagement, Kundenbeiräte, Planungszellen, Kundenforen, Einwohnerbeiräte – und viele andere mehr.[48]

Insgesamt kann festgehalten werden: Gerade die skizzierten informellen Entwicklungen „räumen den Bürgerinnen und Bürgern eine größere Mitsprache bei der Politikformulierung und Politikumsetzung ein, als das in der klassischen Verwaltung der Fall war und ist. Die Bürgerinnen und Bürger sind danach nicht mehr nur Kunden, sondern auch Mitgestalter und Auftraggeber.“[49] Parallel dazu verläuft ein rollenmäßiger Entgrenzungsprozess von „Experten“ und „Laien“ „gerade im lokal- und regionalpolitischen Bereich“.[50] Diesem Rollenwandel müsste demnach auch die regionale Erwachsenenbildung Rechnung tragen.

2.4 Regionale Erwachsenenbildung

Ähnlich wie beim Regionsbegriff (Kap. 2.1) würde es wohl eine eigene Monographie erfordern, den Begriff der Erwachsenenbildun g in allen Facetten nicht nur herzuleiten, sondern auch seine vielschichtigen Konnotationen darzustellen und einzuordnen.

Nach Nuissl (2010) werden in der (überregionalen wie regionalen) Erwachsenenbildung Bestrebungen der Regionalisierung und Individualisierung durchaus als „Gegenströmungen“[51] zur Globalisierung und Internationalisierung wahrgenommen, welche die zunehmende Internationalisierung „eher beflügeln als behindern.“[52] In der regionalen Erwachsenenbildung ist aber ebenso „zu beobachten, dass entgegen der zunehmenden Globalisierung immer neuer Lebensbereiche die Regionen wieder an Bedeutung gewinnen“[53], denn „Regionen werden immer intensiver als diejenigen Gebilde entdeckt, in denen – nahe an den Menschen – Bildungs-, Arbeits- und Entwicklungsprozesse stattfinden und zielgerichtet beeinflusst und gesteuert werden können.“[54] Mit anderen Worten: die Relevanz, die Zuständigkeit und die Forschungsthemen in der regionalen Erwachsenenbildung dürften sich in Zukunft eher noch ausweiten.

Nach Arnold (2010) „präsentiert sich uns“ Erwachsenwerden und -sein „in den modernen Gesellschaften so unterschiedlich wie noch nie, so dass es immer schwerer wird, die Unterschiede zwischen Jugendlichen und Erwachsenen wirklich substanziell, d.h. über eine bloß altersmäßige Definition hinausgehend, zu bestimmen.“[55] Was bedeutet es also z. B. für die Moderation partizipativer Regionalentwicklung, wenn altersmäßig Erwachsene dennoch in Teilbereichen ihres Lebens „kindlich“ und „infantil“ denken, fühlen und handeln, und dies sogar und gerade in „verantwortungsvollen“ Positionen? Und wie kann durch die Träger regionaler Erwachsenenbildung – im weitesten Sinne – mit ermöglicht werden, dass die Evaluations- und Gestaltungsmöglichkeiten der „infantileren“ Gesellschaftsglieder zumindest nicht über die Gestaltungsmöglichkeiten der emotional-kognitiv „Erwachseneren“ dominieren?

[...]


[1] Vgl. Nuissl (2010): Internationalisierung, in: Arnold/Nolda/Nuissl (Hrsg.) (2010): Wörterbuch Erwachsenenbildung, S. 166; vgl. auch Siegert (2004), Erfolgsfaktoren von Regionen, S. 13-14

[2] Vgl. Voigt (2010): Die Informiertheit der Bürger steigt, in: Stuttgarter Zeitung vom 20.07.2010

[3] Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 38

[4] Vgl. Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 22; ähnlich auch Reupold/Strobel/Tippelt (2011): Vernetzung in der Weiterbildung: Lernende Regionen, in: Tippelt/von Hippel (Hrsg.) (2011): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung, S. 579

[5] Vgl. Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 22

[6] Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 22

[7] Ganz im Sinne der dezentralisierten endogenen Regionalentwicklung ist es bedeutsam, dass „demos“ im Griechischen – abweichend zu vielstimmiger Auskunft – nicht nur „Volk“ bedeutet, sondern auch „Dorf“.

[8] Vgl. Mauch (2011): Moderierter Bürgerdialog, S. 14

[9] Vgl. Edvinsson / Brünig (2000), Aktivposten Wissenskapital, S. 11

[10] Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (Hrsg.) (2008): Wissensbilanz – Made in Germany. Leitfaden 2.0, S. 5

[11] Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (Hrsg.) (2008): Wissensbilanz – Made in Germany. Leitfaden 2.0, S. 4

[12] Bornemann / Reinhardt (2008): Handbuch Wissensbilanz, S. VII

[13] Edvinsson / Bounfour (Hrsg.) (2005): Intellectual Capital for Communities, Regions, Nations, and Cities

[14] Mauch (2011): Moderierter Bürgerdialog, S. 40 ff.

[15] Vgl. Mauch (2011): Moderierter Bürgerdialog, S. 54-56; sowie grundlegend Polanyi (1985): Implizites Wissen, S. 13-31

[16] Vgl. Mauch (2011): Moderierter Bürgerdialog; sowie Edvinsson / Bounfour (Hrsg.) (2005): Intellectual Capital for Communities, Regions, Nations, and Cities

[17] Vgl. Nuissl (2010): Regionale Erwachsenenbildung, in: Arnold/Nolda/Nuissl (Hrsg.) (2010): Wörterbuch Erwachsenenbildung, S. 258

[18] http://www.akwissensbilanz.org

[19] Henske (2011): Wissensbilanzen, S. 76 ff.

[20] Langenscheidt-Redaktion (Hrsg.) (2005): Handwörterbuch Lateinisch-Deutsch, Stichwort „Region“

[21] Kluge (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Stichwort „Region“, S. 752

[22] Kompetenzzentrum (Hrsg.) (2004): CD-ROM „Der Digitale Grimm“, Stichwort „Gebiet“

[23] Kluge (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Stichwort „Gebiet“, S. 335

[24] Redlich (2011): Wertschöpfung in der Bottom-Up-Ökonomie, S. 35

[25] Kühn (2007): Standortentwicklung „von unten“, S. 1

[26] Redlich (2011): Wertschöpfung in der Bottom-up-Ökonomie, S. 35

[27] Vgl. Redlich (2011): Wertschöpfung in der Bottom-up-Ökonomie, S. 215

[28] Kalisch (2011): Das Konzept der Region in der beruflichen Bildung, S. 28, dort m. w. N.

[29] Basierend auf Vorarbeiten von Blotevogel (1996) und Weichhart (1996)

[30] Kalisch (2011): Das Konzept der Region in der beruflichen Bildung, S. 28, dort m. w. N.

[31] Kalisch (2011): Das Konzept der Region in der beruflichen Bildung, S. 28

[32] Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) (2010): BuFI, S. 109

[33] O.V.: http://de.wikipedia.org/wiki/Endogene_Regionalentwicklung, Abruf aus Wikipedia am 07.05.2012; vgl. auch Reupold/Strobel/Tippelt (2011): Vernetzung in der Weiterbildung: Lernende Regionen, in: Tippelt/von Hippel (Hrsg.) (2011): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung, S. 579

[34] Vgl. Mauch (2011): Moderierter Bürgerdialog, S. 18

[35] Vgl. Nuissl (2010): Netzwerkbildung und Regionalentwicklung, S. 26 ff.

[36] Mauch (2011): Moderierter Bürgerdialog, S. 50

[37] Vgl. Katenkamp (2011): Implizites Wissen in Organisationen, S. 55-104

[38] Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) (2010): BuFI, S. 83

[39] Karpa (2012): Ein Blick auf die Lebensqualität, in: Iserlohner Kreisanzeiger, Nr. 93 vom 20.04.2012

[40] Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 14

[41] Karpa (2012): Ein Blick auf die Lebensqualität, in: Iserlohner Kreisanzeiger, Nr. 93 vom 20.04.2012

[42] Karpa (2012): Ein Blick auf die Lebensqualität, in: Iserlohner Kreisanzeiger Nr. 93 vom 20.04.2012

[43] Nuissl (2010): Regionale Erwachsenenbildung, in: Arnold/Nolda/Nuissl (Hrsg.) (2010): Wörterbuch Erwachsenenbildung, S. 258

[44] Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 23

[45] Das meint nicht: Die Lebensqualität ist objektiv per se „da“ und wird von den Bewohner einer Region auch objektiv 1:1 so empfunden, sondern: die empfundene Lebensqualität wird von allen „mit-konstruiert“.

[46] Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 30

[47] Vgl. Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 30

[48] Vgl. Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 30

[49] Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 36

[50] Mauch (2011), Moderierter Bürgerdialog, S. 119

[51] Nuissl (2010): Internationalisierung, in: Arnold/Nolda/Nuissl (Hrsg.) (2010): Wörterbuch Erwachsenenbildung, S. 166

[52] Nuissl (2010): Internationalisierung, ebenda, S. 166

[53] Nuissl (2010): Regionale Erwachsenenbildung, in: Arnold/Nolda/Nuissl (Hrsg.) (2010): Wörterbuch Erwachsenenbildung, S. 258

[54] Nuissl (2010): Regionale Erwachsenenbildung, in: Arnold/Nolda/Nuissl (Hrsg.) (2010): Wörterbuch Erwachsenenbildung, S. 258

[55] Arnold (2010): Erwachsenwerden, in: Arnold/Nolda/Nuissl (Hrsg.) (2010): Wörterbuch Erwachsenenbildung, S. 92

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Partizipative Regionalentwicklung als moderierter Bürgerdialog
Untertitel
Neue Anfragen an die regionale Erwachsenenbildung
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern  (DISC)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
27
Katalognummer
V198504
ISBN (eBook)
9783656247487
ISBN (Buch)
9783656251873
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Regionalisierung, regionale Erwachsenenbildung, Wissensbilanz, implizites Wissen, Weisheitsforschung, Projektmanagement, endogene Regionalentwicklung, Bürgerbeteiligung, Moderationsmethoden, Wissensbilanz Made in Germany, Standortwettbewerb, Standortentwicklung, Bottom-up-Ökonomie, entwicklungstheoretische Konzepte, Erwachsensein, Erwachsenwerden, regionale Lebensqualität, Kompetenzenforschung, Expertise, Könnerschaft, Projektwirtschaft, Projektsoziologie, Projektcontrolling, Mündigkeit, mündige Bürger, Bürgerdialog, Beteiligungsmethoden
Arbeit zitieren
Dipl.-Kfm. Jörg Michael (Autor), 2012, Partizipative Regionalentwicklung als moderierter Bürgerdialog, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198504

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