„Das Brechen der Weltzustände [kann] ja nur in der Gebrochenheit der individuellen erscheinen“

Die Gebrochenheit des Individuums in Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“ anhand des Charakters Leonhard


Studienarbeit, 2011

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Vorüberlegungen bezüglich des Vorwortes
2.1 Die Beziehung zwischen Zustand, Idee und dem sittlichen Zentrum
2.2 Der Welt- und Menschenzustand als Umbruch und die Rolle der Institutionen
2.3 Der Welt- und Menschenzustand als Gebrochenheit des Einzelnen

3 Leonhard als gebrochener Charakter im Handlungsverlauf
3.1 Bild des Bildungsbürgers in I,
3.2 Auftritte als Intrigant und Mitgiftjäger
3.3 Leonhard als Verfechter des sittlichen Zentrums in I, 5?
3.4 Leonhards charakterliche Ambivalenz anhand seiner Schuldgefühle

4 Resümee

5 Abkürzungsverzeichnis

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

7 Versicherung

1 Einleitung

Bereits mit dem erstmaligen Lesen von Hebbels „Maria Magdalena“, fesselte mich dieser Text, was eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Werk nach sich ziehen sollte. Vor allem das Verhältnis zwischen Meister Anton und seiner Tochter Klara faszinierte mich. Zudem erschien mir, und erscheint auch nach wie vor, Leonhard als ein sehr vielschichtiger und interessanter Charakter. Besonders seine sittlichkeitsphilosophische Aussage dem Tischler Anton gegenüber in I, 5 ließ mich aufmerken.

Während der Beschäftigung mit einschlägiger Sekundärliteratur im Zuge des Verfassens dieser Arbeit stellte ich rasch fest, dass insbesondere die Figur des Meister Antons und dessen Beziehung zu seiner Tochter Klara über die Jahre der Rezeption zu sehr viel und sehr interessant besprochenen Themen avancierten. Es wurde mir klar, dass ich nicht auch in dieses Horn stoßen wollte, da über diese Zusammenhänge schon so viel Anregendes, aber auch ebenso Umfassendes geschrieben wurde, dass ich glaubte und glaube, dahingehend kaum neue Erkenntnisse beisteuern zu können.

So gerieten mir die genannte Aussage Leonhards und ihre scheinbare Widersprüchlichkeit zu dessen Charakter wieder in den Sinn. Da der von mir überschaute literaturwissenschaftliche Diskurs, wie an entsprechender Stelle meiner Abhandlung kenntlich gemacht ist, keine angemessen vollständig erscheinende Antwort auf meine Frage nach dem Sinn dieses Widerspruchs zu geben schien, hielt ich es für interessant, dieser Frage nachzugehen. Schließlich kristallisierte sich folgende Hypothese zum Charakter des Leonhard heraus:

Leonhard ist ein ambivalenter Charakter, wodurch sich die von Hebbel bezeichnete Gebrochenheit des Individuums auch in Form seines Charakters zeigt.

Diese Annahme abzuschreiten, zu belegen und kritisch zu hinterfragen soll die Aufgabe dieser Arbeit und Quell der Erkenntnis dieser Abhandlung sein.

Im Zuge meiner Auseinandersetzung mit dem Dramentext und dem zugehörigen Vorwort wurde mir bewusst, für wie ungemein gewinnbringend ich jenes Vorwort auf der Suche nach der Antwort auf die gestellte Frage halte.

Daher werde ich mich im Folgenden vor allem der sozialgeschichtlichen Methode bedienen, mit dem Vorwort als Schwerpunktquelle der sozialhistorischen Zusammenhänge. Ich werde aber auch hermeneutische Züge der Betrachtung mit einfließen lassen, da mir auch eine Betrachtung des allgemeinen Zusammenhanges, beispielsweise sozialhistorische Hintergründe und Umstände im Drama, in ihren Auswirkungen auf ganz konkrete Situationen im Stück zu dessen Verstehen nützlich scheinen.

Es kann, schon aus Kapazitätsgründen, nicht Ziel dieser Arbeit sein, eine umfassende Interpretation der „Maria Magdalena“ abzuliefern. Auch kann in diesem Rahmen keine umfassende Strukturanalyse des Redeanteils Leonhards in Bezug auf andere Charaktere gegeben werden, was ich gleichfalls aber für eine sehr spannende Aufgabe für andere Auseinandersetzungen halte. Dort, wo solche Analysen allerdings existentiell notwendig werden, wird auf sie eingegangen.

Generell soll es im Folgenden aber ganz konkret um Leonhard in seinem Verhalten bezüglich seines Umfeldes und um entsprechende Rückwirkungen auf ihn in Bezug auf von Hebbel getroffene Aussagen im Vorwort zum Drama gehen, um meinem Forschungsanspruch gerecht zu werden.

2 Vorüberlegungen bezüglich des Vorwortes

2.1 Die Beziehung zwischen Zustand, Idee und dem sittlichen Zentrum

Ich betrachte eine Untersuchung des Vorwortes des Dramas „Maria Magdalena“ (MM[1], S.3ff) als unabdingbar für eine Interpretation des Werkes unter meinen Gesichtspunkten, da hier grundlegende Termini und Verstehenszugänge für die Rezeption des Textes eingeführt werden. Deswegen ist es mir ein Bedürfnis, bestimmte Zusammenhänge aus dem Vorwort herauszugreifen und zu erläutern, um die Basis meiner Überlegungen zu plausibilisieren. Da es den Rahmen dieser Publikation sprengen würde, das ganze Vorwort zu beleuchten und zu diskutieren werde ich nur auf einige, für meine Herangehensweise relevante, Passagen Bezug nehmen und andere bewusst aussparen.

Als grundlegend für „das Drama als Spitze aller Kunst“ (MM, S.3) sieht Hebbel die Darstellung des „jedesmaligen Welt- und Menschenzustand[es – M.R.] in seinem Verhältnis zur Idee“ (MM, S.3). Es besteht also ein Spannungsfeld zwischen der dargestellten, Hebbel umgebenden Realität (vgl. Ranke, 2002, S.48ff) und dem imaginierten Idealzustand. Die ideelle Seite leitet sich, so Hebbel, aus dem jedem Menschen immanenten „alles bedingenden sittlichen Zentrum, das wir im Weltorganismus, schon seiner Selbsterhaltung wegen, annehmen müssen“ (MM, S.3) ab. Diese Prämisse ist aus der Rezeption äquivalenter Werke von beispielsweise Kant und Spinoza, auf welche Hebbel sich auch implizit bezieht (vgl. bspw. MM, S.7), nicht unbekannt und essentiell für die Durchdringung des von Hebbel gezeichneten Weltbildes.

Zur konkreten inhaltlichen Füllung dieser Abstrakta gibt Hebbel am Ende seines Vorwortes zumindest einen vagen Hinweis: So bezieht sich der WMZ der „Maria Magdalena“ vor allem auf die vorherrschenden Werte bezüglich „der Familie, der Ehre und der Moral“ (MM, S.28). Das heißt noch konkreter, dass eine patriarchalische Familienstruktur und eine von Männern dominierte Gesellschaft Alltag sind (vgl. Ranke, 2002, S.48ff). Diese machen ihre Ehre nach althergebrachtem Verständnis vor allem an Qualität der eigenen Hände Arbeit und einer adäquaten Zunftzugehörigkeit und dem Stolz auf diese im entsprechenden Milieu fest. Für beide Geschlechter ist eine eheliche Geburt und ein sittlicher Lebenswandel allgemein im christlich-kirchlichen Sinne verbindlich. Vor allem für Frauen ist voreheliche Enthaltsamkeit besonders entscheidend. Die Treue in der Ehe ist vor allem auch für sie, wie tendenziell für ihre Männer, unabdingbar (vgl. Ranke, 2002, S.48ff).

Dem entgegen stehen die zur Zeit Hebbels aufkommenden merkantilistischen, nach staatlichen Obrigkeiten orientierten Wertmaßstäbe von Karriere, Bildung und Materialismus. Daher zeichnet sich hier bereits ein Spannungsfeld zwischen konservativen und in jener Zeit moderneren Sichtweisen ab, welches für diese Arbeit noch von Bedeutung sein soll (vgl. Ranke, 2002, S.48ff).

Das sittliche Zentrum lässt Hebbel im Vorwort in seiner konkreteren Charakterisierung leider inhaltlich weitestgehend im Dunkeln. Die Forschung ist sich aber dahingehend recht einig, dass „Dies Weltganze […] für Hebbel ein sittliches Zentrum [hat – M.R.], das göttlichen Ursprungs ist.“ (Schütze, 1981, S.174).

Diese ideelle Seite seines Modells, also die der WMI, wird erst mit dem Gesamtverständnis eines Stückes als „allumfassender Geist“ (MM, S.3) begreifbar, als großer allegorischer Hintergrund des jeweiligen Dramas (vgl. MM, S.3).

Dramatisch wird ein Text nach Sicht des Autors dann, wenn sich der WMZ in einer Art und Weise gravierend ändert, oft verbunden mit individuellem Scheitern und dem Tod der Protagonisten (vgl. MM, S.3).

2.2 Der Welt- und Menschenzustand als Umbruch und die Rolle der Institutionen

Hebbel sieht sich und seine Zeitgenossen in einer existentiellen Krise der Menschheit, aus der sich ein großer Umbruch ergibt (vgl. MM, S.4ff). Hebbels Kernaussage im Vorwort dazu ist folgende:

„denn der Mensch dieses Jahrhunderts will nicht […] neue und unerhörte Institutionen, er will nur ein besseres Fundament für die schon vorhandenen, er will, dass sie sich auf […] Sittlichkeit und Notwendigkeit […] stützen und also den äußeren Haken, an dem sie bis jetzt zum Teil befestigt waren, gegen den inneren Schwerpunkt, aus dem sie sich vollständig ableiten lassen, vertauschen sollen.“ (MM, S.6f)

In seinen Augen haben die alten Institutionen (vornehmlich die kirchlichen, aber auch Norm- und Wertvorstellungen analog zu MM, S.28) ihre dogmatisierte Legitimierung verloren (entspricht dem „äußeren Haken“ MM, S.6) und müssen sich diese Existenzberechtigung neu erwerben. Das impliziert, um nach Hebbel zu urteilen, nicht per se, dass die repräsentierten Normen und Werte schlecht sind. Sie müssen sich aber aus ihrer Sittlichkeit heraus neu begründen. „Denn wir sollen […] nach meiner Überzeugung nicht das elfte Gebot erfinden, sondern die zehn vorhandenen erfüllen.“[2] (MM, S.14). Die daraus resultierende Realisierung der WMI ist der eigentliche Umbruchsprozess (vgl. MM, S.7).

Dass dieser Umbruchsprozess funktionieren wird, dessen ist sich Hebbel zudem auch sicher (vgl. MM, S.6f).

Diese Betrachtungsweise ist durchaus auch eine sehr restaurative und recht konservative. Das sei hier aber nur angemerkt. Auch die Existenz eines gottgegebenen sittlichen Zentrums ist sicher philosophisch zu erörtern und zu hinterfragen. Aber auch das soll hier allerdings nicht Gegenstand sein, sondern ist für den von mir gewählten Verstehenszugang zum Text als gegeben hinzunehmen.

2.3 Der Welt- und Menschenzustand als Gebrochenheit des Einzelnen

Hebbel bezeichnet den in 2.2 beschriebenen, ablaufenden Prozess als „Brechen der Weltzustände“ (MM, S.7). Dieses Brechen auf die Bühne zu stellen beziehungsweise zu Papier zu bringen, dadurch zu veranschaulichen und hiermit den Umbruch zu unterstützen und zu beschleunigen, sieht er als einzig wichtige Aufgabe des Dramatikers (vgl. MM, S.7, 9, 11 u.a.). Die Schwierigkeit der zu bearbeitenden Quantität an Vorgängen ist hier virulent. Es braucht also Exempel auf der Bühne, die „das Brechen der Weltzustände […] in der Gebrochenheit der individuellen erscheinen [lassen – M.R.]“ (MM, S.7). Hieran erklären sich auch die Gliederungsebenen der Zustände mit den konvergenten Ideen in Mensch und Welt von selbst. Wir haben es im vorliegenden Drama also mit Charakteren zu tun, die Stellvertreter für bestimmte WMZ sind – ob sie auch Stereotype seien ist an entsprechender Stelle zu klären.

Der Terminus der Gebrochenheit ist damit bereits implizit geklärt. Die Gebrochenheit des Individuums bedeutet nach Hebbel das Scheitern des Einzelnen an der ihn umgebenden Bedingung des Umbruchs, also des Widerspruchs im WMZ, und damit der Unmöglichkeit des Erreichens der WMI aus dem ihm immanenten Menschzustand heraus.

Hier ist nun der Bezug zur Arbeitshypothese dieser Abhandlung hergestellt: Im Folgenden soll es darum gehen, dass auch Leonhard durch die ihm immanente charakterliche Unausgewogenheit die individuelle Gebrochenheit verkörpert.

3 Leonhard als gebrochener Charakter im Handlungsverlauf

3.1 Bild des Bildungsbürgers in I, 3

Leonhards erste Nennung im Stück erfolgt durch die Mutter in I, 3 (vgl. MM, S.38). Sie „mag ihn sonst wohl leiden.“ (MM, S.39). Er wird von ihr als vernünftiger, gesetzter, junger Mann beschrieben. In seiner Funktion als Schreiber gehört er zur gebildeteren, jüngeren Bevölkerungsschicht (vgl. MM, S.39, Z.2ff). Das ist eine wichtige Voraussetzung für die adäquate charakterliche Einordnung Leonhards.

Er steht also scheinbar auf der Seite des Modernen im WMZ, wenn man so will (vgl. 2 dieser Arbeit). Die Eltern Klaras hingegen scheinen zur ungebildeteren, weil des Lesens unkundiger, Bevölkerungsgruppe zu gehören, wie die Mutter andeutet (vgl. MM, S.39, Z.2ff).

Ihre Aussage „Und was deinen Leonhard angeht, so liebe ihn, wie er Gott liebt, nicht mehr, nicht weniger.“ (MM, S.39) lässt eine Vernunftehe beziehungsweise Vernunftbeziehung zwischen Klara und Leonhard erahnen und keine moderneren Ansichten entsprechende Liebesheirat. Darauf, dass es sich bei dieser Beziehung um keine glückliche handelt, deutet auch hin, dass Klara sich in keiner positiv emotionalen Art und Weise zu ihm äußert: „Mag er wegbleiben!“ (MM, S.38). Daran lassen sich bereits Widersprüche bezüglich Leonhards erkennen.

[...]


[1] zur Klärung Kürzel, s. Abkürzungsverzeichnis, S.16

[2] An diesem Gleichnis Hebbels plausibilisiert sich auch die Annahme, seine WMI beziehe sich auf kirchliche Werte (Schütze, 1981, S.174).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
„Das Brechen der Weltzustände [kann] ja nur in der Gebrochenheit der individuellen erscheinen“
Untertitel
Die Gebrochenheit des Individuums in Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“ anhand des Charakters Leonhard
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V198646
ISBN (eBook)
9783656250975
ISBN (Buch)
9783656252702
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Nach Abgabe und Benotung wurde die Arbeit von mir noch einmal zur Korrektur gelesen woraufhin einige Rechtschreibfehler sowie Ungereimtheiten im Ausdruck verbessert wurden. Inhaltlich haben keinerlei Änderungen stattgefunden. Mit besten Grüßen, Martin Riebel
Schlagworte
Friedrich Hebbel, Maria Magdalena, Drama, Gebrochenheit, Leonhard, Charakter
Arbeit zitieren
Martin Riebel (Autor), 2011, „Das Brechen der Weltzustände [kann] ja nur in der Gebrochenheit der individuellen erscheinen“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198646

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