Sex, Fetisch, Voyeurismus und ein kleiner Oedipus

Heinrich von Kleists „Der Findling“ und Sigmund Freud


Essay, 2011

17 Seiten


Leseprobe

Sex, Fetisch, Voyeurismus und ein kleiner Oedipus: Heinrich von Kleists „Der Findling“ und Sigmund Freud

Eckhard Rölz

In Heinrich von Kleists Novelle „Der Findling“ versteckt sich der Stiefsohn Nicolo im Schlafzimmer seiner Mutter und erwartet sie „einen Stab in der Hand“ (61) haltend. Als sein Stiefvater ihn dort seine ohnmächtige Frau auf die Brust küssend findet, bittet Nicolo ihn um Vergebung „und in der Tat war der Alte auch geneigt, die Sache still abzumachen“ (62). Hält Nicolo wirklich einen Stab in der Hand und warum erwähnt Kleist gerade einen Stab? Ist der Stab eine sexuelle Anspielung? Es ist auch überraschend, daß der Vater so passiv bleibt. Diese Fragen, wie viele andere, werden von Kleist nicht beantwortet. Seine Werke sind voll von Zweideutigkeiten und irrationalen Handlungsweisen der Figuren und versteckten sexuellen Andeutungen. So ruft er beim Leser Verwunderung, Verwirrung und Erstaunen hervor.

„Der Findling“ ist ein Werk Kleists, das von der Forschung oft vernachlässigt wird.

Lange Zeit wurde „Der Findling“ für ein unvollkommenes Erstlingswerk gehalten, geprägt von „unwahrscheinlichen Zufällen, mangelnder Motivierung und fragmentischer Psychologisierung.“1 Es ist aber möglich, aus eingen dieser sogenannten Zufällen Sinn zu machen und Erkläungen für die fragmentische Psychologisierung zu finden. Mit Hilfe einer psychoanalytischen Interpretation ist es möglich, diese Kritik zu widerlegen. Es gilt zu zeigen, dass auch „Der Findling“ ein durchdachtes Meisterwerk ist, obgleich es voll von Zweideutigkeiten und Ambiguitäten ist.

Nicolo wird in der Literatur häufig als die Verkörperung der Bösen schlechthin dargestellt und Piachi als guter Übermensch.2 Hoffmeister hält ihn für einen Verführer, einen Erbschleicher und eine asoziale Existenz ( 20). Bei oberflächlicher Betrachtung ist dies sicher alles richtig, trifft aber nicht den Kern der Sache, denn Nicolos psychologische Entwicklung ist stark von den Einflüssen im Hause Piachi geprägt. Durch die Lieblosigkeit, die er erfährt und andere Umstände, auf die noch eingegangen werden muss, wird er zu Exhibitionisten und Voyeuristen und letzlich zum Vergewaltiger seiner Stiefmutter.

Piachi und Elvire sind auch nicht die guten Charaktere, die die Bewährungsprobe vor dem Bösen (Nicolo) bestehen müssen.3 Piachis Verhaltensweisen sind mitschuldig am katastrophalen Ende der Novelle, denn sowohl er, als auch Elvire sind nicht unschuldig oder absolut gut. Piachi ist ein kalter, liebloser Mann, der zu einer emotionellen Liebe nicht fähig ist, denn seine Liebe ist auf reine Wirtschaftlichkeit gegründet. Elvire ist auch nicht in der Lage, eine normale emotionelle und sexuelle Beziehung mit Piachi einzugehen, stattdessen hängt sie dem Idealbild ihres Retters nach. Der Grund für ihre Weinkrämpfe muss nicht das seit ihrer Kindheit unterdrückte sexuelle Begehren sein, wie der Erzähler behauptet (119), sondern kann in einer möglichen frühen sexuellen Beziehung liegen. Es wird zu beweisen sein, daß Elvire keine keusche Frau ist, die nach dem Tod ihres Retters ihre Liebe zu ihm und ihre sexuellen Wünsche und Triebe unterdrückt. Anhand der Hinweise im Text kann man feststellen, daß Elvire schon als etwa 15-jährige sexuell aktiv war und der Tod ihres Liebhabers, den sie als Retter beschreibt, ihr schwere psychologische Schäden verursacht hat. Diese Schäden manifestieren sich in sexueller Perversion in Form ihres Fetischismus. Denn die „Verzückung“, die sie vor dem Bild Co linos erlebt, ist nicht nur religiöser Natur4, sondern dieses Bild ist ihr Fetisch. Beim Lesen der Novelle muß man auf alle sexuellen Anspielungen und Untertöne achten, um die Verhaltensweisen der Personen besser verstehen zu können.5 Eine eindeutige Interpretation ist aber wegen der vielen Zweideutigkeiten, Zufälle und der Irrwege, auf die Kleist den Leser führt, kaum möglich. Gleich zu Anfang der Novelle wird ein wichtiges Element eingeführt, nämlich der Zufalls. Ausdrücke wie „es traf sich, zufällig, Zufall“, spielen eine wesentliche Rolle im Verlauf des Geschehens. Diese Zufälle sind allerdings nicht allein verantwortlich für den Lauf der Dinge und das tragische Ende, sondern die Figuren wählen nach jedem Zufall ihren Kurs selbst. Kleist vertritt also hier nicht die Theorie der Determiniertheit einer Person oder dass Zufall oder Fügung das Ende hervorrufen.6 Durch das Handeln der beteiligten Personen kommt es so zum Tod von Nicolo, Elvire und Piachi. Dieses Handeln ist allerdings oft psychologisch motiviert; Kindheitserinnerungen- und Erlebnisse beeinflussen die Handelnden ebenso wie rationale und zweckmäßige Verhaltensweisen. Besonders Piachi handelt gewöhnlich vernunftsmäßig und kalt und seine Handlungsweisen sind oft schwer zu verstehen. In Ausnahmesituationen, wenn die Vernunft versagt, dominieren allerdings sein Gefühl und seine Emotionen. Letztendlich ist das sein Untergang.

Von Anfang an bleiben in dieser Novelle Fragen unbeantwortet, besonders wenn es sich um bestimmte Verhaltensweisen der Beteiligten handelt. So macht zum Beispiel der reiche Geschäftsmann Piachi „in seinen Handelsgeschäften zuweilen große Reisen“ (47). Er läßt seine junge Frau bei Verwandten, nimmt aber seinen elfjährigen Sohn aus erster Ehe mit. Der Sohn muß sicherlich die Geschäfte des Vaters aus sozialer Notwendigkeit erlernen, aber warum läßt er seine junge Frau „im Schutze der Verwandten?“ Piachi ist 51 Jahre alt, seine Frau aber erst zwischen 16 und 18. Schützt er sie vor möglichen Freiern? Da aber Elvire auf Colino fixiert ist, braucht er sich nicht um sie zu sorgen, denn Männer scheinen ihr nichts zu bedeuten. Sie hat aber eine sehr labile psychische Veranlagung, sie lebt in einer Traumwelt, in der Colino das Idealbild darstellt und sie ist deshalb durch diese Fixierung vielleicht zum selbständigen Leben unfähig und die Verwandtschaft muss aushelfen.

Auf einer dieser Geschäftsreisen handelt Piachi auf eine Weise, die ein normaler Mensch nicht nachvollziehen kann. Im Ausnahmezustand der Pest, wo es um Leben und Tod geht, hebt er den infizierten Jungen in seinen Wagen und verliert daraufhin seinen eigenen Sohn. Piachi handelt gewöhnlich unter normalen Umständen kühl und berechnend, wie ein Geschäftsmann, auch wenn es um emotionelle Belange geht. Doch hier, wie auch am Ende der Novelle, handelt er nicht nach seiner Ratio, seiner Vernunft, sondern irrational. Mitleid, ein Gefühl, das er gewöhnlich nicht kennt oder unterdrückt, bestimmt sein etwas irrationales Handeln. Am Ende der Novelle, wenn seine Vorgangsweise der kühlen Vernunft versagt, läßt er noch einmal seinen Emotionen freien Lauf und tötet Nicolo.

Piachi vermißt also seinen Sohn (oder vielmehr die Arbeitskraft seines Sohnes) und nun tauscht er ihn mit kaufmännischer Vernunft und Rationalität gegen Nicolo aus. „ ...und nahm ihn, an seines Sohnes Statt, mit sich nach Rom“ (48). Ob es sich hier, wie Fischer denkt, um einen „Straßenjunge[n], von ganz anderer Seelenlage handelt“ (114) ist schwer nachvollziehbar.7 Nicolo hat innerhalb weniger Tage seine Eltern verloren, er hat eine schreckliche Pest überlebt und steht nun ganz allein auf dieser Welt. (Der Vorsteher des Krankenhauses nennt ihn einen Sohn Gottes, den niemand vermissen wird.) Nach solchen traumatischen Geschehnissen ist es nicht verwunderlich, daß er in sich gekehrt ist und verschwiegen und verwirrt. Piachi und Nicolo haben nur eines gemeinsam, die Trauer. Er trauert um seine Eltern so wie Piachi um seinen Sohn trauert. Piachis Trauer ist allerdings von wirtschaftlichem Verlust geprägt und hat wohl wenig mit der Trauer eines Kindes um seine Eltern gemeinsam.

Auch bei der Ankunft Piachis und Nicolos zu Hause herrscht Rationalität und Kälte. In acht Zeilen beschreibt der Erzähler, wie Piachi ihn seiner Frau vorstellt, „unter einer kurzen Erzählung des Vorfalls“ (49). Sie weint herzlich, drückt ihn an ihre Brust und schickt ihn dann auf „sein“ Zimmer, nicht das Zimmer des Sohnes. Dabei beläßt es der Erzähler schon. Man erfährt nicht, ob und wie sie sich als Familie entwickeln. Der Tausch ist komplett, ganz rational wurde der verstorbene Sohn durch ein gleichaltriges Kind ausgetauscht, und das Leben geht weiter. Nicolo muß nur Lesen und Schreiben lernen und dann kann er seinen Vorgänger vollkommen ersetzen. Es wird anhand dieser Beispiele klar, daß eine fast absolute Gefühlskälte und Rationalität im Hause der Piachis herrscht. Kurz wird die erwartete Verhaltensweise an den Tag gelegt—es wird geweint— doch gleich danach kehrt der rationale Alltag wieder ein, die Geschäfte gehen vor.

Piachi schickte ihn in die Schule, wo er Schreiben, Lesen und Rechnen lernte, und da er, auf eine leicht begreifliche Weise, den Jungen in dem Maße lieb gewonnen, als er ihm teuer zu stehen gekommen war, so adoptierte er ihn, mit Einwilligung der guten Elvire, welche von dem Alten keine Kinder mehr zu erhalten hoffen konnte, schon nach wenigen Wochen als seinen Sohn (48).

Der Ausdruck „auf eine leicht begreifliche Wiese“ bedarf näherer Betrachtung. Nichts scheint schwieriger begreiflich als Nicolo, den Grund für den Tod seines Sohnes, liebzugewinnen. Aber Piachi ist in der Lage, unter Ausschaltung menschlicher Gefühle, kalt und rational, Nicolo aus wirtschaftlichen Gründen zu lieben. Emotionen werden von dem einen Sohn auf den neuen übertragen, solange er nur seinem Vater im Geschäft helfen kann und später das Geschäft übernimmt. Bernd Fischer nennt es bezeichnenderweise „Gefühlshaushalt des Warentausches“

[...]


1 "...dessen Schwächen sich vor allem in . . . mangelnder Motivierung und fragmentischer Psychologisierung, dem bedenkenlosen Rückgriff auf unwahrscheinliche Zufälle und einem ungeschickten Übertreibungsstil manifestieren (Fischer 113).

2 Für nähere Erläuterungen siehe Beckmann 105, Fischer 113. Als repräsentativ für diese Forschungsrichtung mag Werner Hoffmeister stehen. Siehe Hoffmeister, Werner. „Heinrich von Kleists 'Der Findling' .“ Monatshefte, 58 (1966) : 49-63

3 siehe Fußnote 2. Nähere Erläuterungen finden sich bei Fischer, S. 113

4 Hoverland nennt es einen "Zustand der religiösen Extase, der Vergötterung" (161). Diese Verzückung ist aber sicherlich auch sexueller Natur.

5 Moore bemerkt in diesem Zusammenhang: "Kleists Berichterstattung erlaubt es ihm, für das Geschehen wesentliche Zusammenhänge unausgesprochen zu lassen, aber sie liegen greifbar für den Leser hinter der Fassade des Erzählten" (276). Diese Zusammenhänge gilt es näher zu betrachten.

6 But this is hardly a chain coincidences coherently linked together to produce a fatal necessity. One is far more justified in taking Kleist to task for producing a work which is so contrived. He often appears to have written inductively, proceeding from flashes of fancy and from sudden ideas, and he does not actually intend to portray a cosmos where individuals' fates are predetermined (Glenny, 73-74).

7 Fischer meint, daß die Asozialität Nicolos letztendlich für die Probleme im Haus Piachis verantwortlich zu machen seien. Dabei übersieht er aber die Einflüsse, denen Nicolo in seinem neuen zu "Hause" ausgesetzt ist. "Zwei Welten, deren Charaktere sich fremd und tendenziell feindlich gegenüber stehen, geraten hier aneinander" (114), schreibt Fischer.

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Details

Titel
Sex, Fetisch, Voyeurismus und ein kleiner Oedipus
Untertitel
Heinrich von Kleists „Der Findling“ und Sigmund Freud
Hochschule
South Dakota State University
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V198720
ISBN (eBook)
9783656250814
ISBN (Buch)
9783656253587
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleist, Findling, Freud, Oedipus, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
Dr. Eckhard Rolz (Autor), 2011, Sex, Fetisch, Voyeurismus und ein kleiner Oedipus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198720

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