Nur wenige Monate vor seinem Tod vollendet Theodor Storm im Februar 1888 mit dem ,,Schimmelreiter" sein letztes Werk. Während die Novelle zu Lebzeiten und kurz nach dem Ableben des Husumer Schriftstellers durch die breite Masse der zeitgenössischen Leserschaft wenig Beachtung erfahren hat, avanciert sie im Lauf der Geschichte zu seiner bekanntesten Arbeit. Auffällig dabei ist die kontinuierliche Präsens des Stoffes von dem wilhelminischen Kaiserreich bis heute. So sprechen die Etablierung als Schullektüre, drei Verfilmungen sowie internationales wissenschaftliches Interesse an der Novelle für eine fortlaufend kulturelle Relevanz des Stoffes.
Eine Rezeptionssituation, die aufgrund der politischen Lage in Deutschland retrospektiv besonders kritisch betrachtet wird, ist die der beiden Weltkriege, insbesondere die des Dritten Reiches. Dabei ist der Text gerade in dem totalitären Nazideutschland von einer auffallenden Aktualität. Bezüglich der Stofftradition unter dem Naziregime ist sich der gegenwärtige Wissenschaftskanon weitgehend einig, indem er die kontemporäre Interpretation des ,,Schimmelreiters“ als rein propagandistisch motiviert abtut. Dies spiegelt sich in einer Vielzahl später entstandener Sekundärliteratur zu der Lektüre wider. Jüngere Stormforscher rekapitulieren die Phase zwischen dem Ende der Weimarer Republik und 1945 als eine Entfremdung des Textmaterials, die aus einer Umfunktionierung der Novelle resultiere. Im Nationalsozialismus fungiere sie lediglich als ein Medium, ein Mittel zum Zweck derzeitiger Machthaber ihre Propaganda zu verbreiten, wobei eine originalgetreue Interpretation des ,,Schimmelreiters“ gänzlich vernachlässigt werde. Nach dem heutigen Erkenntnisstand eine Annahme, der man kurzerhand gewillt ist, sie als plausibel anzuerkennen. So weiß man doch um die äußerst produktive Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten. Eine eigens dafür eingerichtete Reichschrifttumskammer unter der Leitung von Propagan-daminister Joseph Goebbels hat sich vornehmlich darin verstanden, Literatur den ideologischen Maßstäßben zu unterwerfen. Eine ,,Gleichschaltung“ des Werkes, um es mit der euphemistischen Terminologie dieser Institution zu umschreiben, wäre demnach keine Besonderheit.Derzeitige Machthaber waren bemüht Hervorbringungen vergangener Schaffensperioden zugunsten einer nationalistischen Revolution vergessen zu machen...
Inhaltsverzeichnis
1 Der Schimmelreiter: Rezeptionsgeschichte und Ausblick
2 Stofftradition im Dritten Reich
2.1 Novellenanalyse im Nationalsozialismus
2.2 Verfilmung nach Curt Oertel
3 Deformierung der Aussage
4 Propaganda auf Kosten des Originals
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Instrumentalisierung von Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ durch die nationalsozialistische Kulturpolitik. Dabei wird analysiert, wie durch eine bewusste Deformierung der Textaussage und eine gezielte filmische Adaption die Titelfigur Hauke Haien zum ideologischen Vorbild und zum Argument für das NS-Regime umgedeutet wurde, während das Original eine solche Interpretation nicht stützt.
- Rezeptionsgeschichte des „Schimmelreiters“ im Nationalsozialismus
- Die Rolle der Literatur- und Filmkontrolle durch die Reichskulturkammer
- Analyse der nationalsozialistischen Heldenstilisierung von Hauke Haien
- Kontrastierung der NS-Idealisierung mit der kritischen Aussage des Originaltextes
- Die Funktion der komplexen Erzählperspektive für manipulative Interpretationen
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Verfilmung nach Curt Oertel
Nahezu einhergehend mit der Machtergreifung Hitlers erscheint 1933 die Erstverfilmung des „Schimmelreiters“ unter der Regie von Curt Oertel. Vorab sei angemerkt, dass die in dem vorausgehenden Unterpunkt genannte politisierte Selektion von Literatur durch die Reichskulturkammer ebenso für den Film gilt. So ist der Reichskultur- neben der Reichschriftums- eine Reichsfilmkammer subordiniert. Entsprechend der Maßstäbe dieser Einrichtung werden Filme wie auch die Literatur mit einem ideologischen Hintergedanken seitens des Staates genehmigt. Dass die filmische Novellenadaption den Ansprüchen der Propagandainstanzen in einem hohen Maße entsprochen haben muss, zeigt die Reaktion der Nationalsozialisten auf diese Schimmelreiterinszenierung. Vertreten durch die Reichsfilmkammer etikettieren sie die Produktion mit einer Auszeichnung, die sich in dem Abspann wie folgt lesen lässt:
Dieser Film wurde von der Filmwertungskammer mit dem höchsten Prädikat „künstlerisch und „besonders wertvoll“ ausgezeichnet und aufgrund seines ungewöhnlichen Wertes als Spitzenleistung der deutschen Filmproduktion für das Reichsfilm-Archiv bestimmt.
Dass dieses Etikett nicht, wie dessen Formulierung nahelegt, auf eine kulturelle Beurteilung der Verfilmung abzielt, belegen die politischen Umstände dieser Zeit. Der verantwortliche Propagandaminister Joseph Goebbels sieht in bewegten Bildern ein wichtiges Medium Zuschauer für die Kriegsabsichten der Nationalsozialisten zu begeistern. Dass der Film derzeitig überwiegend Schulklassen vorgeführt wird, zeigt das makabre Kalkül der Nationalsozialisten, gerade auf eine Beeinflussung heranwachsender Folgegenerationen abzuzielen. Es zeigt aber ebenso, welches Höchstmaß an propagandistischem Potenzial sie der Schimmelreiteradaption beimessen. Das hier zitierte höchste Prädikat eines eigens durch die Reichsfilmkammer eingeführten Bewertungsrasters bestätigt dies. So wurde diese anzuzweifelnde Ehre nur sechs aus insgesamt 240 Filmen zuteil, die in dem Erscheinungsjahr der Schimmelreiterinszenierung geprüft wurden. Diese Tatsache ist ein Indikator für die außerordentliche Relevanz des Novellenstoffes.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Der Schimmelreiter: Rezeptionsgeschichte und Ausblick: Dieses Kapitel skizziert die dauerhafte kulturelle Bedeutung der Novelle und problematisiert die kritische Rezeptionsphase während der Zeit des Nationalsozialismus.
2 Stofftradition im Dritten Reich: Hier wird untersucht, wie die nationalsozialistischen Instanzen Literatur und Film zur ideologischen Stützung instrumentalisierten, wobei besonders die Deutung Hauke Haiens als Vorzeigefigur des Regimes beleuchtet wird.
2.1 Novellenanalyse im Nationalsozialismus: Die Analyse zeigt auf, wie zeitgenössische Forscher wie Kayser und Stuckert durch eine Stilisierung des Protagonisten die Novelle für die NS-Ideologie funktionalisierten.
2.2 Verfilmung nach Curt Oertel: Dieses Kapitel analysiert die Erstverfilmung von 1933 und wie durch gezielte filmische Mittel ein Bild des „Führers“ auf die Figur des Deichgrafen projiziert wurde.
3 Deformierung der Aussage: Dieser Teil konfrontiert die NS-Interpretationen mit dem Originaltext und verdeutlicht, dass das Scheitern des Protagonisten im Original durch dessen eigene egozentrische Haltung begründet ist, statt als heldenhafte Aufopferung zu gelten.
4 Propaganda auf Kosten des Originals: Zusammenfassend wird festgehalten, dass die Instrumentalisierung durch eine bewusste Deformierung des Originalsinns und Ausnutzung der erzählerischen Struktur möglich wurde.
Schlüsselwörter
Theodor Storm, Der Schimmelreiter, Nationalsozialismus, Propaganda, Instrumentalisierung, Hauke Haien, Curt Oertel, Ideologisierung, Deichgraf, Literaturanalyse, Filmanalyse, NS-Kulturpolitik, Reichskulturkammer, Rezeptionsgeschichte, Faschismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Vereinnahmung von Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ durch die nationalsozialistische Propaganda und untersucht die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen literarischen Intention und der ideologischen Umdeutung im Dritten Reich.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Literatur- und Filmrezeption im Nationalsozialismus, die methodische Stilisierung literarischer Figuren zur Unterstützung diktatorischer Ideale und die Analyse der propagandistischen Mittel in der damaligen Kulturpolitik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die positive Einordnung des „Schimmelreiters“ in die NS-Ideologie eine bewusste oder unbewusste Deformierung des Originaltextes darstellt, die den Protagonisten Hauke Haien entgegen Storms Absicht als heroischen „Führer“-Typ stilisierte.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt vergleichende Textanalysen, um zeitgenössische Interpretationen aus dem Nationalsozialismus mit dem originalen Novellentext zu konfrontieren, ergänzt durch medienwissenschaftliche Betrachtungen der Verfilmung von 1933.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil analysiert spezifische Interpretationen der Novelle, die Rolle von Literatur- und Filmkontrollorganen der NS-Zeit sowie die filmische Umsetzung durch Curt Oertel, um die Mechanismen der Manipulation offenzulegen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Propaganda, Instrumentalisierung, Deformierung, Rezeptionsgeschichte, Heldentum, Ideologie und die kritische Analyse der Erzählstruktur.
Wie interpretieren die Nationalsozialisten die Rolle des Hauke Haien?
Sie deuteten ihn als idealisierten, „genialen“ Führer, der sich selbstlos über die „unmündige Masse“ der Dorfbewohner erhebt, um das Gemeinwohl zu schützen, und sahen in seinem Handeln eine Analogie zur nationalsozialistischen Führungs- und Aufbauideologie.
Welche zentrale Erkenntnis gewinnt der Autor aus dem Vergleich?
Die Arbeit stellt fest, dass das Scheitern Hauke Haiens im Original durch seine eigene egozentrische und unsolidarische Haltung verursacht wird, während die NS-Varianten dies fälschlicherweise als heroische Aufopferung für die Gemeinschaft umdeuten.
Welche Rolle spielt die Verfilmung für die These des Autors?
Der Film von 1933 dient als exemplarisches Beweisstück für die propagandistische Instrumentalisierung, da durch Kameraführung und Regieanweisungen gezielt Analogien zwischen Hauke Haien und zeitgenössischen NS-Führungsidealen hergestellt wurden.
Wie beurteilt der Autor die Rolle des Schulmeisters als Erzähler?
Der Autor argumentiert, dass die komplexe Erzählperspektive und der subjektive Blick des Schulmeisters der Manipulation und Idealisierung Vorschub leisteten, da der Leser dazu verleitet wird, die einseitige Sichtweise des Erzählers unkritisch zu übernehmen.
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- Leonard Tekstra (Autor:in), 2011, Propaganda und Original, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198803