Transnationale Unternehmen als Akteure in der Konfliktprävention. Corporate Social Responsibility-Strategien in den Konfliktzonen Nigeria und Sudan


Diplomarbeit, 2009
200 Seiten, Note: 1,85

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Thematische Einführung
1.2 Forschungsdesign

2 Strukturelle Veränderungen im internationalen System
2.1 Neue politische Akteure in den internationalen Beziehungen
2.2 Das Konzept Global Governance
2.3 Neue Rolle transnationaler Unternehmen
2.3.1 Legitimität transnationaler Unternehmen
2.3.2 Einfluss transnationaler Unternehmen
2.3.2.1 Instrumental Power
2.3.2.2 Structural Power
2.3.2.3 Discursive Power

3 Das politische Aktionsfeld Konfliktprävention
3.1 „Neue“ Konflikte und „neue“ Konfliktprävention
3.2 Historie des Konfliktpräventionskonzeptes
3.3 Operationalisierung des Konzepts Konfliktprävention
3.3.1 Prävention in den Konfliktphasen
3.3.2 Instrumentarien der Konfliktprävention
3.3.2.1 Systemische Prävention
3.3.2.2 Operative Prävention
3.3.2.3 Strukturelle Prävention
3.4 Komparative Vor- und Nachteile der Akteure
3.5 Unternehmerische Komplementäreigenschaften

4 Rohstoffunternehmen in der Konfliktprävention
4.1 Konfliktursache: Rohstoffreichtum
4.2 Rohstoffindustrie in Konfliktzonen
4.3 Corporate Social Responsibility-Motivationen
4.4 Der „Business case“: Konfliktprävention
4.4.1 Direkte Verlustrisiken
4.4.2 Indirekte Verlustrisiken
4.5 Wertewandel in der Rohstoffindustrie

5 Governance-Beiträge mit konfliktpräventiver Wirkung
5.1 Konfliktadressierung und Selbstverpflichtungen
5.2 Intendierte ökonomische Spillover-Effekte
5.3 Revenue transparency
5.4 Investments außerhalb des Kerngeschäftes
5.5 Stakeholder engagement
5.6 Qualitative Kategorien unternehmerischer Konfliktprävention

6 Fallstudie Sudan
6.1 Sudans Konflikte und der Faktor Öl
6.2 Unternehmenslandschaft
6.3 CNPC und Konfliktprävention im Sudan
6.4 Talisman und Konfliktprävention im Sudan
6.5 Total in der Explorationsphase
6.6 Fallstudie Sudan: Hypothesengenese
6.6.1 Hypothesen: Output von Unternehmen
6.6.2 Hypothesen: Diachrone Entwicklung
6.6.3 Hypothesen: Nexus Unternehmensaktivitäten/ Konflikt

7 Fallstudie Nigeria
7.1 Nigerias Konflikte und der Faktor Öl
7.2 Unternehmenslandschaft
7.3 Shell und Konfliktprävention in Nigeria
7.4 ChevronTexaco und Konfliktprävention in Nigeria
7.5 Statoil in der Explorationsphase
7.6 Fallstudie Nigeria: Hypothesengenese
7.6.1 Hypothesen: Output von Unternehmen
7.6.2 Hypothesen: Diachrone Entwicklung
7.6.3 Hypothesen: Nexus Unternehmensaktivitäten/Konflikt

8 Fallstudienvergleich und weiterer Forschungsbedarf

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

11 Anhang

Anhang I: Wortzählungen

Anhang II: Abbildungen

Anhang III: Leitfaden Experteninterview

Anhang IV: Experteninterviews (Transkriptionen)

A. (Lundin Petroleum)

B. (HSFK)

C. (Search for Common Ground)

D. (Talisman Energy)

E. (Assistance Mission for Africa)

F. (BICC)

G. (Lehrstuhl für Wirtschaftsethik)

H. (ECOS)

I. (Corporate Engagement Project)

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Grobgliederung der Arbeit

Abbildung 2: Hauptölproduzenten in Subsahara-Afrika

Abbildung 3: Relevante Einflussebenen von Unternehmen

Abbildung 4: Phasen eines Konfliktes

Abbildung 5: Einflussphären von CSR-Initiativen

Abbildung 6: Konfliktprävention durch Voluntary Standards

Abbildung 7: Spezifische Einflussmöglichkeiten von Ölunternehmen

Abbildung 8: Vergleich der Unternehmensfallstudien

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Auswahl von Instrumenten der Konfliktprävention

Tabelle 2: Einflussmöglichkeiten von Unternehmen in der Konfliktprävention

Tabelle 3: Internationale Regime mit Unternehmensbeteiligung

Tabelle 4: Normdiffusion um das Jahr 2000 in Form von Voluntary Standards

Tabelle 5: Unternehmensaktivitäten nach Präventionsarten

Tabelle 6: Qualitative Kategorien unternehmerischer Konfliktprävention

Tabelle 7: Überblick zur Beantwortung der drei zentralen Unterfragen

1 Einleitung

"The private sector and security are linked in many ways, most obviously because thriving markets and human security go hand in hand. Global corporations can do more than simply endorse the virtue of the market, however. Their active support for better governance policies can help create environments in which both markets and human security flourish."

Kofi Annan, UNO Generalsekretär, 1999.

“Alone, business can't change the world. But together with public partners, business can make decisive contributions in the struggle against violence, against anarchy and against terrorism - and for civilization, for freedom and for prosperity. We have certain projects under way. And we are ready to do more.”

Heinrich v. Pierer, Vorstandsvorsitzen- der Siemens AG1, 2004.

1.1 Thematische Einführung

Ende November 2008 meldeten die Nachrichtenagenturen BBC und Reuters innerhalb von vier Tagen sowohl einen Angriff auf einen Öltanker des Unterneh- mens Chevron als auch eine Attacke auf eine Förderanlage Shells2 durch be- waffnete Kämpfer im Nigerdelta (BBC 2008a). In den letzten drei Jahren wurden über 200 Arbeiter von internationalen Ölunternehmen in Nigeria gekidnappt (BBC 2008b). In der noch vergleichsweise jungen Ölindustrie des Sudan ähneln sich die Meldungen. Im Oktober 2008 wurden mehrere Arbeiter der China National Petroleum Corporation (CNPC) entführt und ermordet (BBC 2008c). In beiden Ländern operieren transnational agierende Unternehmen in Gebieten, die min- destens seit 1999 kontinuierlich von Gewaltkonflikten betroffen sind.3 Konfliktin- tensitäten und -dynamiken werden in beiden Fällen vor allem von dem Konflikt- geschehen zwischen rebellischen Gruppierungen und Regierungstruppen be- stimmt. Übergriffe auf große Ölkonzerne verweisen jedoch seit einigen Jahren auf die zentrale Stellung der Unternehmen in den genannten Konfliktländern und die Verzahnung von Unternehmensaktivitäten mit Konfliktursachen.

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurden transnationale Unternehmen4 erstmalig Zielscheibe zivilgesellschaftlicher Akteure, die ihnen einen schädlichen Einfluss auf konfliktanfällige Staaten attestierten (Human Rights Watch 1999; Global Witness 1999). Insbesondere der Einfluss von Unternehmen des Rohstoffsektors auf Gewaltkonflikte hat in der akademischen Debatte breite Aufmerksamkeit erfahren. Fokussiert wurde hier jedoch fast ausnahmslos auf die negativen Effekte wie die Kriegsfinanzierung, Umweltvergehen und eine zumindest indirekte Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen.

Der wissenschaftliche Diskurs verortet diesen Problembereich in der ökonomi- schen Dimension der „Neuen Kriege“ (Kaldor 2001; Münkler 2003), in der trans- nationale Unternehmen durch eine zunehmende Präsenz auch in fragilen Staa- ten einen maßgeblichen Anteil an sozioökonomischen und politischen Verände- rungen haben. Das wissenschaftliche Interesse an wirtschaftlichen Aspekten von Konflikten verstärkte sich zu Beginn der 2000er Jahre weiter. Forschungsan- strengungen zur politischen Ökonomie von Bürgerkriegen trugen maßgeblich zur Erhärtung des Zusammenhanges von ökonomischen Faktoren und Konfliktdy- namiken bei (Berdal/Malone 2000; Collier 2001; Zangl/Zürn 2003). Ressourcen- reichtum wurde dabei zunächst als konfliktauslösender Faktor eingestuft. Mit der Zeit erhärtete sich jedoch der Verdacht, dass Ressourcen eher eine konfliktver- längernde Funktion einnehmen (Ross 2003).

Einige Autoren fokussieren diesbezüglich auch auf den für diese Arbeit relevan- ten Zusammenhang von Ölreichtum und Konflikten (Ross 2006) bzw. auf das geographische Gebiet Subsahara-Afrika (Jakobeit et al. 2006). Brzoska und Paes (2007) betrachten letztlich die Rolle externer Akteure in Kriegsökonomien. In die- ser spezifischen Schnittmenge aus Ressource, Area und Akteur lassen sich auch die Untersuchungsobjekte dieser Arbeit verorten - transnationale Ölunter- nehmen in Nigeria und dem Sudan.

Parallel zu dem akademischen Schwerpunkt „Kriegsökonomien“ etabliert sich seit einigen Jahren ein Forschungszweig zur Rolle von Unternehmen in Konflikt- zonen. Dies äußert sich unter anderem auch durch eine verstärkte Publikations- tätigkeit zu positiven Beiträgen des Privatsektors in Konfliktländern (Corporate Engagement Project 2003; Haufler 2001; Litvin 2003; Nelson 2000). Neben den Konsequenzen von Unternehmensaktivitäten für den Konfliktverlauf stoßen hier z.B. Fragen zu den Verhaltensoptionen von TNCs in Konfliktzonen auf großes Forschungsinteresse (Haufler 2001; Berman 2000). In diesem Zusammenhang wird auch erstmalig auf das Potenzial des Unternehmenssektors im Politikfeld

„Konfliktprävention“ hingewiesen (Wenger/Möckli 2003). Die öffentlichen Güter Sicherheit und Frieden werden zunehmend im Verantwortungsbereich von Un- ternehmen verortet (Rieth/Zimmer 2004) und sogar einem eigenständigen For- schungsfeld der Corporate Security Responsibilty (CSecR) zugeordnet (Wolf et al. 2007).

Eine Forschungslücke besteht dennoch aufgrund des großen Empiriemangels an positiven Unternehmensbeiträgen und ihren Auswirkungen in Konfliktzonen. Es existieren zwar Forschungsleistungen bei der Identifizierung von normativen Richtlinien5 und potenziellen Einflussbereichen von Unternehmen, aber es fehlt an deskriptivem Wissen über das tatsächliche Unternehmensengagement. Ohne die konfliktverschärfende Rolle von TNCs z.B. im Sudan oder in Nigeria in den 1990er Jahren zu negieren, sollen daher positive Unternehmensaktivitäten mit konfliktadressierendem Inhalt im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Der relativ un- präzise Begriff „Konfliktadressierung“ soll mit Hilfe eines in der Friedens- und Konfliktforschung populären Konzeptes konkretisiert werden - der Konfliktprä- vention. Diese Arbeit begibt sich auf die Suche nach Hinweisen für eine positive Wirkung durch die Integration von transnational agierenden Unternehmen in die Konfliktpräventionsagenda.

Drei miteinander verzahnte Entwicklungen deuten darauf hin, dass dieses Friedenspotenzial von TNCs weiter an Bedeutung gewinnen wird.

1. Globalisierungstendenzen, die vor allem Aspekte der Privatisierung

und Liberalisierung der Märkte umfassen, haben Unternehmen zu- mindest in der wissenschaftlichen Debatte einen stetigen Zuwachs an Einfluss und Legitimität in den Global-Governance-Strukturen be- schert (Keohane/Nye 1972, Czempiel/Rosenau 1992; Cutler et al. 1999). Die Identifikation einer neuen Global Public Domain (Ruggie 2004), in der öffentliche Güter, wie z.B. Sicherheit, zunehmend auch von privaten Akteuren bereitgestellt werden können, führt zu der Ab- leitung einer notwendigen Vernetzung von transnationalen Unterneh- men mit den Aufgaben der Konfliktprävention. Daher sollten positive Beiträge von Unternehmen neben denen der klassischen Akteure

(Staaten, Regional- und Subregionalorganisationen, Internationale Organsiastionen (IOs6 ) und NGOs7 ) genauer untersucht werden.

2. Das globale Konfliktgeschehen hat sich seit dem Ende des Kalten

Krieges maßgeblich verändert. Überwiegend Entwicklungs- oder Transitionsländer sehen sich meist mit innerstaatlichen Gewaltkonflik- ten konfrontiert, die einen zyklischen Charakter haben und ein Land neben den konfliktimmanenten Menschenrechtsverletzungen auch massiv in der Entwicklung hemmen. Zur Prävention solcher Gewalt- konflikte gehört weniger die Vermeidung so genannter trigger (Fakto- ren, die eine fragile Situation in einen Gewaltausbruch umwandeln) als vielmehr die kontinuierliche Einwirkung relevanter Akteure auf die root causes (Faktoren, die für die Vorbedingungen von Gewaltkonflik- ten verantwortlich sind). Dieses traditionelle Aufgabengebiet des Staa- tes kann weder durch internationale Bemühungen noch durch Regie- rungen des subsaharischen Afrikas erfolgreich bewältigt werden. Durch den Mangel an staatlicher Steuerungskraft in weiten Teilen Af- rikas (Schlichte 2000, Tetzlaff 1998, von Trotha 2000) kann man Un- ternehmen hier ein durchaus beträchtliches Governance-Potenzial zu- sprechen.

3. Seit der Jahrtausendwende sind Entwicklungen erkennbar, die eine optimistische Haltung hinsichtlich eines unternehmerischen Beitrags zur Konfliktprävention erlauben. Nach massivem Druck von Regierun- gen, Zivilgesellschaften und anderen Stakeholdern8 entstand in den letzten Jahren eine betriebswirtschaftliche Motivation für TNCs, als Good corporate citizen oder verantwortungsvolles Unternehmen wahrgenommen zu werden. Resultat waren zunehmende Selbstregu- lierungen in Form von Codes of conduct und die stetige Kommunikati- on des eigenen Engagements in Form von Corporate reporting. Seit dem Jahr 2000 wird auch auf internationaler Ebene eine Entwicklung hin zu unternehmerischer Regelsetzung durch internationale Regime9 sichtbar, die durchaus positive Wirkung auf Gewaltkonflikte nehmen kann.

Diese drei Trends auf globaler und Unternehmensebene geben Anlass zu der Annahme, dass unilaterale und multilaterale Unternehmensaktivitäten über diver- se Kanäle zu Sicherheit, Frieden und der dazu notwendigen Konfliktprävention beitragen können. Hierzu ist eine kritische Analyse des positiven Verhaltens von TNCs notwendig, das seit einigen Jahren verstärkt unter dem Schirm CSR10 sub- sumiert wird. Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, die Rolle von Unternehmen in der Konfliktprävention zu benennen, die über den Kanal CSR eine potenziell frie- densstiftende Wirkung haben können. Somit besteht die Leistung der Arbeit in der Generierung praxisrelevanten Wissens sowie einem Beitrag zur Theoriebil- dung durch Hypothesengenese auf der Basis von vergleichenden Fallstudien. Dies führt zu der zentralen Fragestellung dieser Arbeit:

Inwieweit spielen transnationale Ölunternehmen eine aktive Rolle in der Konfliktprävention?

Für die Beantwortung sind drei Unterfragestellungen relevant. Die Relevanz er- gibt sich aus der Notwendigkeit, sowohl das Unternehmensverhalten (Output) einer diachronen Untersuchung (Entwicklung) zu unterziehen als auch die Wech- selwirkungen mit der Konfliktintensität (Nexus) zu beleuchten. Nur, wenn man das Zusammenspiel dieser relevanten Faktoren in angemessener Form beachtet, nehmen. Typische Stakeholdergruppen sind: Aktionäre, Konsumenten, Mitarbeiter, lokale Bevölkerung, Behörden, NGOs und Konsumentenschutzgruppen.

können fundierte Aussagen über die derzeitige und potenzielle Rolle von Unter- nehmen in der Konfliktprävention gemacht werden:

1. Output von Unternehmen in der Konfliktprävention seit 2000
2. Diachrone Entwicklung konflikadressierender Unternehmensaktivitä- ten (Kontrast zwischen den 1990er und 2000er Jahren und der Entwicklung zwischen 2000 und 2008).
3. Nexus zwischen Unternehmensaktivitäten und positiven Auswirkun- gen auf Konfliktzonen.

Die hier zu bearbeitenden Fragestellungen lauten dementsprechend:

1. Wie kann der Output von verschiedenen transnationalen Ölunternehmen in der Konfliktprävention erklärt werden? (Frage 1)
2. Inwieweit entwickeln sich TNCs der Ölbranche, entgegen ihrer allgemein negativ bewerteten Rolle in den 1990er Jahren, zu Akteuren in der Kon- fliktprävention und woran macht man diese Entwicklung fest? (Frage 2)
3. Inwieweit wirken sich welche Unternehmensaktivitäten seit der Jahrtau- sendwende sichtbar auf Konfliktdynamiken- und intensitäten aus? (Frage 3)

1.2 Forschungsdesign

Die Fragen werden mit Hilfe eines auf vergleichenden Fallstudien basierendem hypothesengenerierenden Forschungsdesigns beantwortet. Die Hypothesenge- nese zur Ausprägung der abhängigen Variable - der Rolle von transnational a- gierenden Ölunternehmen in der Konfliktprävention - wird in zwei Stufen ermög- licht: einem Theorieteil und einem empirischen Teil, bestehend aus zwei Fallstu- dien.

Im ersten Teil erfolgt eine Annäherung an die relevanten Fragen über verschie- dene deskriptive Ansätze. Der erste Ansatz der Untersuchung zielt ab auf die Rolle von Unternehmen als transnationale Akteure und ihre Einflussmöglichkei- ten in den Global-Governance-Strukturen unter den Bedingungen der Globalisie- rung (Kapitel 2). Anschließend wird aus dem Bereich der Friedens- und Konflikt- forschung das Konzept11 der Konfliktprävention und seiner Akteure untersucht, um den Bedarf eines unternehmerischen Beitrages in der Konfliktprävention zu ermitteln und mögliche Einflusskanäle zu identifizieren (Kapitel 3). Daran anschließend soll der Blick auf Rohstoffunternehmen12 und ihre Motivationen bzw. Einflussmöglichkeiten selbst gerichtet werden (Kapitel 4). Aus dieser Perspektive ergeben sich fünf spezifische Governance-Beiträge von Rohstoffunternehmen mit potenziell positiven Wirkungen auf Konflikte (Kapitel 5).

Im zweiten Teil werden heuristische Fallstudien anhand von Unternehmensana- lysen in zwei Konfliktländern durchgeführt, um konsolidierte Hypothesen zu den Fragen zu generieren (Kapitel 6; 7; 8). Im Anschluss an die Unternehmensfall- studien werden aus den Ergebnissen jeweils fallspezifische Hypothesen abgelei- tet (Kapitel 6.6 und 7.6), die auf einem innerstaatlichen und diachronen Vergleich beruhen und somit einen homogenen Kontext bilden (George/Bennett 2005). Die Hypothesen beziehen sich dabei stets auf die Unterfragestellungen und zielen auf diesem Weg auf die Beantwortung der zentralen Fragestellung ab.

In einem abschließenden Fazit werden schließlich die fallspezifischen Hypothesen verglichen und in Form eines zwischenstaatlichen Small-N-Vergleichs (Sudan und Nigeria) überprüft, um die Chancen auf generalisierbare Hypothesen zu erhöhen (Sartori 1991).

Abbildung 1: Grobgliederung der Arbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Forschungsvorhaben zeichnet sich durch einen teilweise explorativen Cha- rakter aus, da kausale Beziehungen von Unternehmensaktivitäten und einer kon- fliktpräventiven oder friedensstiftenden Wirkung aufgrund der Vielzahl intervenie- render Variablen und der geringen Fallzahl nur schwer identifiziert werden kön- nen.13 Es soll jedoch versucht werden, einen Zusammenhang zu erhärten. Für die Untersuchung transnationaler Unternehmen als mögliche Akteure in der Konfliktprävention eignet sich die Ölindustrie in besonderem Maße.14 Keine ande- re Branche ist einerseits einem so hohen Risiko in den Ländern ausgesetzt und steht andererseits in einer so großen Verantwortung gegenüber dem lokalen und nationalen Konfliktkontext (Anhang AII/1: Branchen und Konflikte). Während z.B. die Fertigungsindustrie vor allem in lokale Konflikte um Arbeitsbedingungen oder die Bereitstellung von Arbeitsplätzen eingebunden ist, eröffnet sich durch die starke wirtschaftliche Vernetzung von multinationalen Ölfirmen mit den jeweiligen Gastregierungen die Möglichkeit einer Untersuchung der Makroebene. Darüber hinaus ist zumindest die Annahme nahe liegend, dass keine andere Branche über eine derartige Kombination von Ressourcen und potenziellen Motivationen für unternehmerische Konfliktpräventionsbeiträge verfügt. Der Fokus auf das subsaharische Afrika ergibt sich aus der zunehmenden energiepolitischen Rele- vanz in Verbindung mit der Attraktivität für internationale Konzerne. In den nächs- ten zehn Jahren sollen voraussichtlich 50 Milliarden US-Dollar in die afrikani- schen Ölfelder investiert werden (BMZ 2006: 4). Dieser Trend verweist auf die zunehmende Relevanz der Untersuchung von Unternehmensaktivitäten in den afrikanischen Konfliktländern und deren unausgeschöpften Potenzialen. Voraus- setzungen für die Aufnahme eines Landes in die Untersuchung waren folgende Faktoren:

1. Bedeutende Ölvorkommen als Voraussetzung für ein langfristiges Engagement von TNCs in Verbindung mit bereits angelaufener Ölproduktion bei hohem Exportanteil.
2. Kontinuierliche Präsenz von transnational agierenden Ölunter- nehmen seit den 1990er Jahren, die bereits Opfer von Angriffen im Rahmen eines Gewaltkonfliktes geworden sind.
3. Längere Konfliktgeschichte, um in diesem Kontext Unternehmens- aktivitäten zu identifizieren, die einen Einfluss auf Konfliktdynamiken haben könnten.
4. Laufender, aktueller Gewaltkonflikt.

Die Fallauswahl nach diesen Kriterien erzielt weder ein repräsentatives Sample für afrikanische „Ölstaaten“ noch für transnational agierende Ölunternehmen. Vielmehr ermöglicht die vorhergehende Festlegung auf ein Small-N-Sample mit spezifischen Kriterien einen Vergleich mit vorsichtig generalisierbaren Ergebnis- sen bezüglich der Rolle von TNCs in der Konfliktprävention. Das Ergebnis des Abgleichs aller genannten Kriterien mit der Grundgesamtheit ölproduzierender Länder in Afrika war das Sample Nigeria/Sudan. Beide Länder sind über einen langen Zeitraum und auch unter aktuellen Gesichtspunkten von Gewaltkonflikten betroffen.15 Ferner wird vermutet, dass Nigeria über die größten und der Sudan über die drittgrößten Ölreserven im subsaharischen Afrika verfügt (IKV Pax Christi 2008: 18). Nigeria und Sudan sind darüber hinaus größter bzw. drittgröß- ter Ölproduzent in Subsahara-Afrika (Abbildung 2).

Abbildung 2: Hauptölproduzenten in Subsahara-Afrika16

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In beiden Ländern sind über mehrere Jahrzehnte transnationale Ölunternehmen aktiv und direkt von Gewalt betroffen gewesen. Die beiden Fallstudien Nigeria und Sudan basieren auf der Annahme, dass sich Unternehmensaktivitäten der 2000er Jahre aufgrund von Globalisierungstendenzen, zivilgesellschaftlichem Druck sowie neuen Normen von denen der 1990er Jahre unterscheiden. Die Auswahl der untersuchten Unternehmen in Nigeria und dem Sudan beruht wiederum auf der Annahme, dass Unternehmen dann am aktivsten zur Konflikt- prävention beitragen, wenn sie direkt von Gewaltkonflikten betroffen sind. Vor- aussetzung für die Aufnahme in das Unternehmenssample war demnach die Betroffenheit von physischer Gewalt. Unternehmensanlagen oder Mitarbeiter mussten zwischen den Jahren 2000 und 2008 Opfer von Angriffen gewesen sein. Darüber hinaus sollte das Konfliktgeschehen in den jeweiligen Ländern zu einer Produktionsdrosselung und einer erhöhten medialen Aufmerksamkeit des Unter- nehmens seit der Jahrtausendwende geführt haben. Für den Sudan konnten die Unternehmen CNPC und Talisman17, für Nigeria Shell und Chevron identifiziert werden. Ferner werden die Unternehmensaktivitäten von Total im Sudan und Statoil in Nigeria untersucht. Diese TNCs sind 2008 noch nicht in der Ölprodukti- on aktiv, besitzen aber Konzessionen und arbeiten auf die baldige Aufnahme der Operationen hin.18 Zwischen 2000 und 2008 waren beide Unternehmen keine Opfer von Gewaltakten und stellen insofern einen Gegenpol zu den anderen TNCs dar.

Die Rolle dieser transnational agierenden Ölunternehmen in der Konfliktpräven- tion soll anhand der Ausprägung von fünf unabhängigen Variablen bestimmt werden, die sich aus dem theoretischen Konzept „Konfliktprävention“ und den spezifischen Einflussmöglichkeiten von Ölunternehmen ergeben und in den ers- ten Kapiteln der Arbeit ihre Darstellng finden. Hierzu gehören unternehmerische Engagements bei:

1. Konfliktadressierung und Selbstverpflichtungen
2. Intendierten ökonomischen Spillover-Effekten
3. Revenue transparency
4. Investments außerhalb des Kerngeschäftes
5. Stakeholder engagement

Anhand der Ausprägungen dieser Variablen soll das Verhalten der einzelnen Unternehmen klassifiziert werden und somit im Sinne von Barton/Lazarsfeld (1979) ein deskriptives System konstruiert werden.

Eine empirische Verankerung wird durch die Nutzung von Primär- und Sekun- därquellen erreicht. Informationen zur Bestimmung der Ausprägung der unab- hängigen Variablen lassen sich zunächst über einige Primärquellen erheben. Für die Fallstudien werden die Internet Datenbank Afrika (INDABA)19 und das HA- BARI-Zeitungsarchiv20 genutzt. Afrikanische Zeitungen können in Verbindung mit INDABA ein objektiveres Bild unternehmerischen Handelns in Konfliktzonen lie- fern, da die „westliche“ Sichtweise hier ein afrikanisches Gegengewicht findet und auch regionale und lokale Informationen bereitgestellt werden. Ferner liefer- ten Unternehmenspublikationen wertvolle Anhaltspunkte für die individuellen Schwerpunktsetzungen der jeweiligen Unternehmen. Neben der überwiegend qualitativen Auswertungen dieser Annual- und CSR-Reports konnten so auch sprachliche Untersuchungen - wie z.B. Wortzählungen - Aufschluss über Ent- wicklungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den TNCs geben

(Anhang II). Die Nutzung des Business & Human Rights Resource Centre21 erlaubt ferner einen systematischen Zugriff auf Primär- und Sekundärquellen und stellt ein äußerst geeignetes Werkzeug für die Erschließung thematisch relevanter Publikationen dar.

Ein weiterer integrativer Bestandteil der Datengewinnung für die Fallstudien sind die Auswertungen von Experteninterviews und Hintergrundgesprächen, die zu- nächst explorativ-felderschließend eingesetzt wurden. In einigen Fällen konnten zusäzlich auch Augenzeugenberichte und „Felderfahrungen“ zu einer detaillierten Erschließung des Untersuchungsgegenstandes beitragen. Eine offene und trotz- dem leitfadenorientierte Gesprächsführung sollte sowohl dem eingegrenzten For- schungsinteresse als auch dem spezifischen Wissen der Experten gerecht wer- den (Meuser/Nagel 1991: 448). Um ein möglichst breites Spektrum an Perspekti- ven zu erhalten, wurden hierfür Unternehmensvertreter, Wissenschaftler und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen befragt.22

Eine notwendige Einschränkung besteht in der Auswahl der zu untersuchenden Unternehmensaktivitäten. Die Untersuchung soll sich auf die Makroebene konzentrieren, die Unternehmensaktivitäten auf regionaler und nationaler Ebene sowie in einem internationalen Kontext abdeckt (Abbildung 3).

Abbildung 3: Relevante Einflussebenen von Unternehmen23

In Anbetracht der Besonderheiten von Rohstoffunternehmen fällt eine Festle- gung dieses wissenschaftlichen Fokus schwerer als bei anderen Industrien. Akti- vitäten großer Ölunternehmen können auf lokaler und nationaler Ebene sowohl positive als auch negative Wirkungen auf Gewaltkonflikte haben (siehe Anhang II/3). Einfluss besteht in einem lokalen Verständnis auf das direkte Arbeitsumfeld des Unternehmens, in einem regionaleren Kontext auf bestimmte Landesteile oder auf einer nationalstaatlichen Ebene (Nelson 2000: 48; Zandvliet 2002: 1). Im Rahmen dieser Arbeit ist eine Untersuchung der Rolle von Unternehmen bezüg- lich lokaler Effekte auf soziale Strukturen, Wirtschaft oder Umwelt nicht zu leis- ten.24

Ferner stellen positive Unternehmensbeiträge, die auf der einfachen Durchfüh- rung des Kerngeschäftes beruhen, ein eigenständiges Forschungsgebiet dar. Daher finden nur solche intendierten Aktivitäten in die Untersuchung Eingang, die Beiträge zur Konfliktprävention leisten können. Darüber hinaus muss aus for- schungstechnischen Gründen auf eine detaillierte Integration verursachter Um- weltschäden und der adressierenden Umweltpolitiken der Ölunternehmen ver- zichtet werden. Obwohl dieses Politikfeld gerade in Nigeria und Sudan größte Konfliktrelevanz besitzt, kann in dieser Arbeit nur vereinzelt auf diesen Kontext eingegangen werden, da hierfür ein lokaler Fokus notwendig wäre.

Eine zeitliche Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes erfolgt durch die Fokussierung auf Unternehmensaktivitäten zwischen 2000 und 2008. Angesichts der Komplexität von Konfliktursachenforschung und denkbaren Konfliktpräventi- onsmaßnahmen muss darüber hinaus immer wieder deutlich gemacht werden, dass die positiven Beiträge der Privatwirtschaft nur partiellen Einfluss nehmen können. Die Privatisierung von Friedensbemühungen kann und soll keinen Ersatz staatlicher Aktivitäten bedeuten, sondern vielmehr eine Ergänzung (Ger- son/Colletta 2002: 31).

2 Strukturelle Veränderungen im internationalen System

Strukturveränderungen im internationalen System sowie Veränderungen von Unternehmenseigenschaften im globalen Zeitalter haben TNCs25 zu Akteuren gemacht, die mit Hilfe verschiedener Instrumente auf diversen Feldern und Ebe- nen auf Politik einwirken. Ziel dieses Kapitels ist es, die politische Rolle transna- tionaler Unternehmen in den internationalen Beziehungen zu identifizieren. Auf- grund der quasi-politischen Aktivitäten von TNCs können Rückschlüsse weniger durch klassische Theorien der Internationalen Beziehungen als vielmehr durch das Konzept Global Governance gezogen werden. Das Einflusspotenzial dieser Akteure im Politikfeld Sicherheit bzw. Konfliktprävention wird im Rahmen dieser thematischen Diskussion deutlich.

2.1 Neue politische Akteure in den internationalen Bezie- hungen

Um strukturelle Veränderungen aufzuzeigen, die das internationale System und seine Akteurskonstellation nachhaltig verändert haben, kommt man nicht an der Verwendung des Globalisierungsbegriffes vorbei. Um dem „Schlachtfeld von poli- tischen Ideen und Ideologien“ (Späth 2005) zu entgehen, soll der Fokus auf den Elementen der „Globalisierung“26 liegen, die größtmögliche Erklärungskraft für Entwicklungen bei internationalen Akteuren und ihren Einflussmöglichkeiten be- sitzen. Das Globalisierungselement Deterritorialization27 28 scheint hierfür geeig- net, da mit Hilfe dieses Konzeptes Machtverschiebungen vom Staat hin zu nicht- staatlichen Akteuren, insbesondere TNCs, erklärt werden können.

Deterritorialization bezieht sich auf eine Entwicklung, die massive Veränderungen des politischen Raumes mit sich bringt. Politische Autorität ist dann territorial ge- prägt, wenn ihre Reichweite bis zu den Grenzen des nationalen Raumes besteht (Caporaso 2000: 10). Dies trifft zwar noch auf Nationalstaaten zu, nicht jedoch auf nicht-staatliche Akteure. Gerade Unternehmen verfolgen ihre Geschäfte los- gelöst von staatlichen Territorien oder Grenzen. Die Zunahme an transnationalen Aktivitäten von diversen Akteuren ist demnach für den Bedeutungsverlust des Territorialprinzips und somit auch in Teilen des Staates verantwortlich. Deterrito- rialization geht mit der Zunahme von globaler Kommunikation, einem Ansteigen der Kapitalmobilität sowie globalen Investmentstrategien einher und beschränkt so die Einflussmöglichkeiten von Staaten, deren Machtressourcen vom Staats- gebiet abhängen. Fuchs leitet ab, dass Akteure auch weiterhin zu den Gewinnern dieser Entwicklung zählen, wenn sie nicht an territoriale Grenzen gebunden sind und über die Kontrolle von Netzwerken (z.B. in den Bereichen Finanzen oder Technologie) und grenzüberschreitenden Aktivitäten (Ströme) verfügen (Fuchs 2005: 28). Unter diesen Prämissen gewinnen TNCs an politischem Einfluss vor allem gegenüber Staaten, aber auch gegenüber anderen nicht-staatlichen Akteu- ren. Dieser Einflussgewinn soll in dieser Arbeit konkret auf den Umgang mit Ge- waltkonflikten übertragen werden, denn „…aufgrund der Globalisierung stellen transnationale Unternehmen einen Link zwischen lokalen Konfliktdynamiken und dem globalen Markt her und haben daher eine extrem wichtige Position zum Gu-ten und zum Bösen […]“ (Interview B.: Frage 1).

2.2 Das Konzept Global Governance

Vor dem Hintergrund dieser Globalisierungstendenzen29 und der Hoffnungen auf eine neue Ära der Kooperation nach dem Ende des Kalten Krieges entstand ein Konzept, das als politische Strategie in Anbetracht neuer globaler0l Governance30 1995 - nach bereits richtungweisenden Diskussionen um Regierbarkeit und Legitimation von Demokratien in den 1970er und 80er Jahren (Messner 2001) - von der Commission on Global Governance31 mit der Veröf- fentlichung des Berichts Our Global Neighborhood (Commission on Global Go- vernance 1995) in den internationalen Diskurs eingeführt. Die Kommission verstand „Governance“ als die Summe von Aktivitäten, die öffentliche und private Akteure nutzen, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Mit einer definitorischen Ergänzung von Rosenau kann Governance auch - zumindest in Teilen - ein apoli- tischer Charakter zugesprochen werden, indem man sich unter diesem Begriff Mechanismen vorstellt, die ein soziales System zu ihren Zielen steuern (Rosenau 1999: 296). TNCs als Teile dieser Mechanismen erhalten so eine neue Bedeu- tung, auch im Rahmen globaler Problemlösungsstrategien. Weiter stellte die Kommission in Bezug auf globale Governance fest, dass der komplexe, interakti- ve politische Prozess nicht mehr nur intergouvernemental bestimmt sei, sondern geradezu auf die Fähigkeiten und Ressourcen von nicht-staatlichen Akteuren auf verschiedenen Entscheidungsebenen angewiesen sei, um globale Probleme zu lösen (Commission on Global Governance 1995: 2).

Dieses Ordnungsmuster unter den neuen Bedingungen des internationalen Systems wurde in den folgenden Jahren um viele Facetten erweitert (Cashore 2002; Cutler et al. 1999; Dingwerth 2007; Hall/Biersteker 2002; Schäferhoff et al. 2007). Die gesamte Global-Governance-Literatur teilt jedoch zwei Grundannahmen. Diese stellen Folgendes fest:

1. Mehrere verschiedene Akteure nehmen an politischen Prozessen teil.
2. Politische Prozesse finden auf mehreren Ebenen statt.

Manche Autoren verweisen dabei darauf, dass diese Eigenschaften zu einer Er- höhung der Komplexität der Strukturen und Prozesse zur politischen Problemlö- sung führen. So wird versucht, sich einerseits der neuen Gestalt des internationa- len Systems deskriptiv zu nähern, und andererseits neue Lösungsansätze für globale Probleme zu formulieren.32

Aufgrund des partiellen Verlustes an Handlungsfähigkeit hinterlässt der Staat Steuerungslücken (Behrens 2005: 18). Global Governance als Antwort auf diese Steuerungslücken beinhaltet nicht nur den Rückgriff auf einen verstärkten Multila- teralismus (mit Regierungen und internationalen Organisationen als Instrumenten der Staatenwelt), sondern auch das „Zusammenwirken von staatlichen und nicht- staatlichen Akteuren von der globalen bis zur lokalen Ebene“ (Nuscheler 2001: 180). Diese neue Rollenverteilung in der Ordnungsstruktur des internationalen Systems teilt Aufgaben der Ressourcenallokation und Konfliktlösung zwischen Staat und anderen Akteuren auf. Staaten sind zwar auch weiterhin bedeutende Akteure der internationalen Beziehungen, werden jedoch anderen Akteuren nicht mehr übergeordnet (Rosenau 1995)33. Aus dieser Global-Governance- Perspektive bewegen sich transnationale Unternehmen in einem internationalen System, dessen Autoritätsstrukturen sich bereits zugunsten der TNCs fragmen- tiert haben (Meckling 2004). Gleichzeitig werden TNCs durch das Global- Governance-Konzept als wichtiges Puzzleteil in künftigen Governance-Strategien gekennzeichnet. Dies führt z.B. auch zu einer verstärkten Zusammenarbeit von TNCs und NGOs in Krisenregionen (Interview B.: Frage 2). Auf der einen Seite bestätigt die Global-Governance-Literatur damit den Macht- und Bedeutungszu- wachs von TNCs durch die globalen Strukturveränderungen. Auf der anderen Seite wird TNCs durch den zumindest teilweise normativen Charakter des Kon- zeptes politische Legitimität zugesprochen.

2.3 Neue Rolle transnationaler Unternehmen

Der Global-Governance-Diskurs steht noch am Anfang bei der systematischen Erforschung von Legitimität und Macht nicht-staatlicher Akteure. Speziell Unter- nehmen mit immensen Ressourcen rücken hier stärker in den Fokus. Bisher ste- hen vage Vermutungen über das positive Potenzial von TNCs den Befürchtun- gen vieler Unternehmenskritiker gegenüber, die auf mögliche Bedrohungen durch einen stetigen Machtzuwachs von TNCs hinweisen. Im folgenden Kapitel soll zunächst der wissenschaftliche Diskurs zu transnationalen Unternehmen dargestellt werden. Daran anschließend sollen Macht- und Legitimitätsentwicklungen aufgezeigt werden.

Der wissenschaftliche Diskurs fokussiert nicht erst seit den 1990er Jahren und dem Aufkommen des Global-Governance-Konzeptes auf TNCs als politischen Akteuren. Die Interaktion großer Unternehmen mit den Regierungen ihrer Gast- länder, in denen sie agieren, war bereits in den 1980er Jahren Thema und pola- risierte zwischen den widerstreitenden Thesen „Regierungen als Spielball großer Unternehmen“ und „Steuerungsmacht der Gastregierungen über ausländische Investoren“ (Fuchs 2005: 70). In den 1990er Jahren konzentrierte sich die De- batte zunächst überwiegend auf Kapitalmärkte und Kapitalmobilität in Bezug auf die Fähigkeit von Staaten, eine unabhängige Währungs- bzw. Finanzpolitik zu verfolgen (z.B. Garrett 1998). Von weiterem Interesse waren die Debatten um die Auswirkungen von Standortverlagerungen, bei denen die widerstreitenden The- sen mit race to the bottom und trading-up zusammengefasst werden können (z.B. Rodrik 1997). Es lässt sich insgesamt festhalten, dass Wirkung und Legiti- mität der ökonomischen Macht von Unternehmen im Mittelpunkt des Interesses standen (Matthews 1997: 50 ff).

In den letzten Jahren verschob sich der Fokus von diesen ökonomischen zu ausschließlich politischen Fragen34 und spiegelt somit auch die strukturellen Ver- änderungen sowie das Aufkommen des Global-Governance-Konzeptes wider. Unternehmen wurde in bestimmten Bereichen Autorität zugesprochen und ein Trend zu marktbasierten Regelsystemen ausgemacht. Zudem wurden Privatisie- rungstendenzen in Politikbereichen identifiziert (Haufler 2001a). TNCs wurden immer mehr als „Gewinner“ der Globalisierung und des damit verbundenen Ver- lustes des staatlichen Autoritätsmonopols betrachtet (Cutler et al. 1999). Diese Überlegungen wurden weitergeführt und in Form einer neuen Global Public Do- main in den Diskurs eingeführt - einer transnationalen Arena, in der TNCs ge- meinsam mit anderen Akteuren kollektive Güter35 bereitstellen können (Ruggie 2004). Insbesondere dieser Ansatz kollektiven Handelns wird von einigen For- schern als bedeutender Sektor bei der Verknüpfung zwischen Unternehmen und Konfliktprävention gesehen (Interview I.: Frage 5).

2.3.1 Legitimität transnationaler Unternehmen

Neben den durchaus nachweisbaren - und durch NGOs auch nachgewiesenen

- Schäden, die Unternehmen z.B. in den Bereichen Umwelt oder Menschenrech- te verursacht oder unterstützt haben, werden auch zunehmend positive Einflüsse von Unternehmen genannt, die nicht ausschließlich auf ökonomischen Faktoren basieren. Das Leitmotiv „Unternehmensverantwortung“ gewinnt in den letzten Jahren an Popularität. Aus einer konstruktivistischen Tradition heraus kann die zunehmende Fokussierung auf Corporate (Social) Responsibility (CSR)36 als ein neues Regime gedeutet werden, das ein Normensystem hervorbringt, in dessen Rahmen diverse internationale Akteure gemeinsam mit TNCs über gesellschaftli- che Nebeneffekte von Foreign Direct Investment (FDI)37 in einen Dialog eintreten können. Dieser Dialog kann als eine Abkehr von rein machtbasierten Bezie- hungsmustern von TNCs hin zu einer teilweise legitimierten Stellung interpretiert werden (Haslam 2008).

TNCs nehmen immer öfter an Regelformulierungen und -implementierungen in Bereichen teil, die vormals in der alleinigen Verantwortung von Staaten oder in- ternationalen Organisationen lagen und deren Ausführung nicht allein auf Profit- maximierung abzielt. Im Rahmen von z.B. Public Private Partnerships38 (PPP) oder globalen Politiknetzwerken (Brühl et al. 2004) kooperieren Unternehmen mit NGOs und Staaten in Problemfeldern öffentlicher Bereiche (Risse 2002). Hierzu gehören nachweisbare Engagements in den Bereichen Menschenrechtsschutz, Sozial- und Umweltstandards sowie im Bereich der Konfliktbearbeitung (Scherer et al. 2004: 4). Butler zählt hier illustrierend Engagements von Unternehmen in Südafrika, Kolumbien oder Russland auf, die sich für die friedvolle Transition des Apartheid-Staates, eine starke Zivilgesellschaft oder für internationale Arbeits- rechtstandards in Kooperation mit der OECD einsetzten (Butler 2000: 158 f).

Legitimität entsteht so einerseits durch das wachsende Bewusstsein für die Mög- lichkeiten, die das politische Engagement transnationaler Unternehmen bietet und andererseits durch die Akzeptanz der anderen Akteure des internationalen Systems. Unternehmen machen zunehmend ihren Anspruch auf eine politische Rolle geltend und werden dabei von Staaten, internationalen Organisationen und sogar von den eher antagonistischen NGOs begrüßt und durch Kooperationen eingebunden (Levy/Newell 2006: 147 f). Gerade NGOs thematisieren die unter- nehmerische Verantwortung, die mit den Machtzuwächsen von TNCs einhergeht (Ruggie 2004: 510 f). Die immer öfter angesprochene Verantwortung für globale Problemlösungen, z.B. beim Schutz von Menschenrechten, ist somit Hauptquelle politischer Legitimation transnationaler Unternehmen (Interview G.: Frage 2). Wissenschaftler leiten hieraus mittlerweile beispielsweise eine unmittelbare Ver- antwortung für globale Gerechtigkeit oder Armutsbekämpfung ab (Wettstein 2007; Jain/Vachani 2006), die jedoch in weiten Teilen von Unternehmensvertre- tern deutlich zurückgewiesen wird (Interview C. B.: Frage 1). Neben diesem sich abzeichnenden Legitimitätszuwachs bleibt eine verständliche Skepsis bei einigen Beobachtern, die insbesondere in Konfliktländern wie Sudan und Nigeria keine erhöhte Legitimität von Unternehmen erkennen können (F. Interview 2008: Frage

1). Ein größerer Konsens besteht allerdings beim Zuwachs des Ein-flusses transnational agierender Unternehmen.

2.3.2 Einfluss transnationaler Unternehmen

Bisher wurde deutlich, dass durch die Veränderungen des internationalen Sys- tems nicht-staatliche Akteure durch Legitimitätszuwächse an Einfluss gewonnen haben. Mit Fokus auf transnationalen Unternehmen ist darüber hinaus eine Machtverschiebung von Staaten hin zu TNCs zu beobachten, die laut verschie- dener Beobachter auf mehreren Gründen beruht. Allen voran verdeutlichen eini- ge Zahlen das steigende Gewicht von TNCs in den globalen Governance- Strukturen. Ungefähr 65.000 transnationale Unternehmen mit über 800.000 Tochtergesellschaften und Millionen von Zulieferern, die alle über eine globale Wertschöpfungskette verbunden sind, verdeutlichen das grundsätzliche Potenzial dieses Sektors, globale Probleme zu lösen (United Nations Conference on Trade and Development 2001). Zu Beginn der 1990er Jahre setzte ein rasanter Anstieg von ausländischen Direktinvestitionen ein, der durch eine Welle von Unterneh- menszukäufen und Fusionen begleitet wurde. 20 Unternehmen beschäftigen derzeit zwischen 100,000 und 300,000 Arbeitskräfte in anderen Ländern als dem ihres Hauptsitzes. Die Wertschöpfung der 100 größten Unternehmen war in den letzten Jahren höher als die der Staatenwelt. Der Anteil der 100 größten TNCs am Welt-Bruttoinlandsprodukt stieg zwischen 1990 und 2000 von 3,5% auf 4.3%, so dass man auf einen allgemeinen Trend schließen kann (Frommelt 2004: 14). In diesem Jahrzehnt kam auch durch Stopford und Strange die mittlerweile weit verbreitete These auf, dass Staaten um Investitionen von TNCs konkurrieren würden und somit eine unternehmensfreundliche Politik seitens des Staates Prio- rität genieße (Stopford/Strange 1991: 215). Aufgrund dieser Entwicklungen wur- de vielfach von dem relativen Machtgewinn gegenüber anderen Akteuren ge- sprochen:

„[…]in this context of diminishing state control, combined with the spread of under- regulated global markets, that the multinational corporation has advanced to one of the, if not the major institution in the global political economy. It has at least partly escaped from the regulatory grip of national government and assumes a posi- tion of authority not only over people and markets, but to an in- creasing extent even over governments themselves.”

(Wettstein 2007: 15)

Kapitalmobilität ist jedoch nicht der einzige Machtfaktor transnationaler Unternehmen. Ferner verfügen TNCs über größere Ressourcen technologischer wie finanzieller Natur, die im Gegensatz zu Staatsressourcen mobil sind. TNCs können an verschiedenen Orten auf verschiedenen Ebenen agieren und verfügen so über ein breiteres Spektrum an Einflussmöglichkeiten. Hierzu gehören Instrumental Power, Structural Power und Discursive Power (Fuchs 2005).

2.3.2.1 Instrumental Power

Das Unternehmen tritt hier in einen Dialog mit politischen Entscheidungsträgern und versucht den Output zu beeinflussen.39 Es ist ein simultaner Anstieg des Interesses von Unternehmen an diesem Dialog sowie des Interesses von politi- schen Entscheidungsträgern an der Einbringung unternehmerischer Ressourcen festzustellen (Fuchs 2005: 116). Darüber hinaus werden Unternehmen zuneh- mend auch auf transnationaler und supranationaler Ebene in diesem Dialog ak- tiv. Ein Public-policy dialogue in der globalen Politikarena und innerhalb der nationalstaatlichen Strukturen verdeutlicht so die neuen Möglichkeiten von Unternehmen, an der Regelsetzung aktiv beteiligt zu sein.

2.3.2.2 Structural Power

Neben den oben bereits erwähnten Zunahmen von Kapitalmobilität bzw. den Zunahmen von um Investitionen konkurrierenden Staaten und daraus resultie- renden Möglichkeiten für TNCs, ihre Investitionen an Bedingungen zu knüpfen, bestehen auch andere strukturelle Machtfaktoren. Die in der Global-Governance- Struktur zunehmenden Public-Private-Partnerships (PPP) erlauben es Unter- nehmen, eigenständig Regelsetzungen vorzunehmen, indem sie mit staatlichen Akteuren bei der Verfolgung bestimmter Politikziele kooperieren. Darüber hinaus gewinnen TNCs durch Selbstregulierungen über freiwillige Standards oder Codes of Conduct an Möglichkeiten, eigenständig Regelsetzungen vorzunehmen. Indem Unternehmen ihre eigenen Regeln entwerfen und implementieren, erlangen sie in bestimmten Politikfeldern wie z.B. der Umweltpolitik und der Menschenrechts- politik an Einfluss in diesen Politik-Arenen, ohne dass staatliche Akteure daran beteiligt wären (Fuchs 2005: 127 ff).

2.3.2.3 Discursive Power

Discursive Power bezieht sich auf unternehmerische Möglichkeiten, den politi- schen Prozess durch die Definition von Normen und Ideen zu beeinflussen. Res- sourcenreiche Akteure wie TNCs sind in der Lage, einen politischen Diskurs zu initiieren und durch stetiges „Senden“ nachhaltig zu beeinflussen (Cigler/Loomis 1995).

Zusammenfassend zeigen diese Entwicklungen rund um den Zugewinn transna- tioanler Unternehmen an Einfluss und Legitimität, dass sie auch als Akteure im bedeutenden politischen Feld der Konfliktprävention positive Wirkungen erzielen können.

3 Das politische Aktionsfeld Konfliktprävention

Ziel dieses Abschnittes ist die Verknüpfung von den im vorangehenden Abschnitt beschriebenen Einflussmöglichkeiten von Unternehmen in den Global- Governance-Strukturen mit dem spezifischen Feld der Konfliktprävention. Zu- nächst sollen der hier vorausgesetzte Konfliktbegriff und empirisch-relevante Entwicklungen hinsichtlich der Konfliktaustragung skizziert werden, bevor auf generelle Entwicklungen des Konzeptes „Konfliktprävention“ eingegangen wird. Daraus folgend werden mögliche Präventionsmaßnahmen kategorisiert und Ak- teuren zugeordnet, um spezifische Einfussphären für TNCs zu identifizieren.

3.1 „Neue“ Konflikte und „neue“ Konfliktprävention

Um die Rolle von TNCs in der Konfliktprävention definieren zu können, bedarf es zunächst einer Erläuterung des in dieser Arbeit benutzten Konfliktbegriffes. In Anbetracht der thematischen Verknüpfung von Unternehmen und „Gewaltkonflik- ten“ bietet sich hier die Übernahme einer Definition des UN Global Compact40 an:

„Violent conflict is organized and sustained use of physical force that results in injury or death to persons or damage or destruction to property. This includes war, revolution, rebellion, insurgency, and sustained campaigns of violence or terrorism. It does not in- clude episodic and less organized forms of violence, such as crime.”

(UN Global Compact 2008: 2)

Transnationale Unternehmen, die in Ländern mit einem oder mehreren Gewalt- konflikten investieren, werden heute explizit genannt, wenn es um die Prävention solcher Konflikte geht. Im Jahr 2001 geschah dies zunächst in den Policy Dialo- gues mit dem Titel The Role of the Private Sector in Zones of Conflict (UN Global Compact 2001) im Rahmen des Global Compact. Drei Jahre später war es gar der UN-Sicherheitsrat, der eine working group mit dem Arbeitstitel The Role of Business in Conflict Prevention, Peacekeeping and Post-Conflict Peace-Building

(United Nations 2004) initiierte und somit die bereits durch wissenschaftliche Bei träge anlaufende Debatte auch auf der politischen Bühne etablierte. Neben der zunehmenden Legitimität und Macht im Zuge von Global Governance beruht diese neue Wahrnehmung von transnationalen Unternehmen aber auch auf Veränderungen im internationalen Konfliktgeschehen.

Seit dem Beginn des neuen Jahrtausends sind neue dominante Konfliktformen aufgetreten, die seit der Identifikation durch Kaldor oder Münkler als „neue“ Krie- ge bezeichnet werden (Kaldor 1999; Münkler 2002).41 Neun von zehn Konflikten sind heute Bürgerkriege. Zwischenstaatliche Kriege stellen eine Ausnahme dar.42 Ohne diese vermeintlich „neuen“ Kriege klar von den „alten“ abgrenzen oder die damit verbundenen Probleme bezüglich der tatsächlichen Neuartigkeit aufgreifen zu wollen, sollen einige Charakteristika dieser „neuen“ Konfliktaustragung ge- nannt werden, um daraus Schlüsse für „neue“ Sicherheitsstrategien zu ziehen:

1. Oppositionelle Gruppen und Regierung bekämpfen sich nicht nur in- nerhalb des Staatsgebietes. Diese neuen Formen beinhalten die „Regionalisierung“ bzw. „Internationalisierung“43 von Konflikten durch mehrere Staaten umfassende regionale Konfliktsysteme mit involvierten Nachbarstaaten und substaatlichen Akteuren (Debiel 2002: 21f). Konflikte sind darüber hinaus in internationale politische und ökonomische Kontexte eingebettet (Schlichte 2002: 126).
2. Der Staat hat in einigen Konflikten sein Gewaltmonopol verloren oder aufgrund fehlender Staatsbildungsprozesse nie besessen (Daase 2003: 177) und tritt als ein Gewaltakteur unter vielen auf. Staatsinsti- tutionen scheitern in vielen Fällen an der Bereitstellung des Gutes Si- cherheit oder haben ein Interesse an der Aufrechterhaltung von Unsi- cherheit. Konflikte werden vom Staat abgekoppelt und können neben den eigentlichen Zielen der Konfliktparteien (z.B. Autonomie) zu öko- nomischen und kommerzialisierten Konflikten werden, in denen die Grenze zwischen Krieg und (Gewalt-)Kriminalität verschwimmt (INEF 2004: 4).
3. Das Spektrum der Kriegs- und Gewaltaustragung hat sich erweitert.

Fragmentierte Gruppierungen stehen ebenfalls fragmentierten staatli- chen Kräften an nicht klar zu definierenden Frontverläufen gegenüber.

Gewalt richtet sich zunehmend gegen die Zivilbevölkerung. Ein weite- res Charakteristikum dieser „neuen“ Kriege besteht in der ansteigen- den Komplexität und Interaktion von politischen und ökonomischen Motiven.

Die „neuen“ Kriege vereinen nicht zwangsläufig alle genannten Elemente.44 Den- noch haben diese Charakteristika für einige Konflikte schwerwiegende Folgen. Eine nachhaltige Konfliktlösung mit einem Friedensvertrag oder gar der endgülti- gen Umsetzung der dort festgehaltenen Beschlüsse ist selten geworden. Konti- nuierliche small-scale violence führt zu fehlenden Post-Conflict-Phasen. Gewalt und Unsicherheit können nicht oder nur in ungenügendem Maße durch Entwick- lungshilfe oder Peacekeeper eingedämmt werden (Gerson/Colletta 2002: 3 f).

Diese Tendenzen zeigen die Relevanz für das Anliegen dieser Arbeit im Hinblick auf die Sicherheitsstrategien der internationalen Gemeinschaft mit den Vereinten Nationen als Hauptinstitution. Die Vereinten Nationen und die aus dem Bretton- Woods-System hervorgegangenen Institutionen sind nicht in der Lage, diese „neuen“ Konflikte zu verhindern oder einzudämmen und werden von einigen Be- obachtern sogar eher als Teil des Problems gesehen (Gerson/Colletta 2002: 4). Die Strategien dieser Einrichtungen waren und sind teilweise immer noch auf zwischenstaatliche Konflikte ausgelegt (Wolf et al. 2007: 296). Die oben bereits erwähnten Verknüpfungen von transnationalen Unternehmen mit den Herausfor- derungen dieser Konflikte durch den Global Compact sind erste Anzeichen für die steigende Anerkennung dieser Tatsache. Multilaterale diplomatische An- strengungen in Verbindung mit ökonomischen „Tools“ gewinnen an Bedeutung in Relation zu den traditionellen Ansätzen wie dem Peacekeeping (Gerson/Colletta 2002: 3).

Aus diesen vielfach zitierten „neuen“ Formen der Konfliktaustragung, die im Besonderen auch für das subsaharische Afrika und in Teilen für die Einzelfallstudien zu Nigeria und Sudan von Bedeutung sind, lassen sich Implikationen für effizientere Präventionsformen unter Einbindung neuer Akteure ableiten.

Konfliktprävention im subsaharischen Afrika zeichnete sich bisher mehr durch Maßnahmen in der späten violence-Phase oder der post-violence-Phase aus (Engel 2005: 223).45 Engel stellt zur Konfliktprävention in Afrika Folgendes fest:

In real life politicians, bureaucrats, aid workers and the military are predominantly concerned with peace enforcement, (increas- ingly armed) humanitarian interventions, pragmatic power- sharing arrangements, the demobilization of ex-combatants, pro- liferation of small arms, post-war reconstruction etc. Very few in- terventions are designed and implemented with a prophylactic, precautionary or protective purpose.

(Engel 2005: 223)

Hier wird deutlich, dass Engel den genannten Maßnahmen mehr einen reaktiven als präventiven Charakter zuordnet. Aus seiner Diagnose lässt sich die weitere Stoßrichtung seiner Argumentation ableiten. Mit seiner Forderung nach verstärk- ten Anstrengungen, Einfluss auf einen Konflikt zu nehmen, bevor afrikanische Staaten in „Konfliktfallen“ (Collier et al. 2003) geraten, verbindet Engel das Kon- zept der Konfliktprävention hier mit den speziellen Umständen subsaharischer Konflikte (Engel 2005: 225).

Angesichts eines zumindest prekären staatlichen Gewaltmonopols gewinnen andere nicht-staatliche Gewaltakteure an Einfluss. Konfliktpräventionsakteure müssen demnach über eine zunehmende Konfliktdauer die Konfliktursachen so- wie die konfliktverlängernden Faktoren auf mehreren Ebenen und in Kooperation mit mehreren Konfliktakteuren adressieren. Der Staat als Hauptadressat präven- tiver Maßnahmen verliert an Bedeutung. Die Ressourcenaufwendung für präven- tive Maßnahmen wird sich in diesem Fall erhöhen und muss sich somit auf meh- rere Schultern verteilen.

Die Vereinten Nationen werden auf Regionalorganisationen, NGOs und andere relevante Akteure angewiesen sein. Externes Engagement von internationalen Organisationen kann aufgrund fehlender Ressourcen keine langfristige Bedeu- tung haben. Die UNO kann darüber hinaus nicht in allen Bereichen gleich effektiv sein. Im unmittelbaren „Peacemaking“ (z.B. Good offices46 ) besteht ohne Zweifel eine Stärke der UNO, während strukturelle Programme wie z.B. Demokratieför- derung weniger zu diesen zählen (Cockell 2002: 199).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „neue“ Konfliktformen neuer Präventi- onskonzepte bedürfen. Im Laufe der Zeit haben sich bereits verschiedene Kon- fliktpräventionsansätze entwickelt und werden diesen Veränderungen auch zu- nehmend gerecht.

3.2 Historie des Konfliktpräventionskonzeptes

Das Konzept der Konfliktprävention47 hat im 20. Jahrhundert Veränderungen durchlaufen, die es aus heutiger Sicht erst ermöglichen, transnationale Unter- nehmen als Akteure auf diesem Gebiet wahrzunehmen oder gar ihr Engagement einzufordern. Konfliktprävention im weiteren Sinne ist ein altes Konzept, dessen Mittel sich bis heute in einem ständigen Wandel befinden. „Allianzen“, „Mächte- gleichgewichte“ oder „Diplomatie“ waren als alleinige Mittel der Konfliktprävention 1945 offenkundig gescheitert und wurden in den folgenden Jahrzehnten durch internationale Institutionen und Sicherheitsregime ersetzt bzw. ergänzt.

Die Zeit des Kalten Krieges war geprägt durch einen staatenzentrierten Sicher- heitsansatz, der auf Deeskalation und das Management von Bedrohungssituatio- nen ausgerichtet war (Wenger/Möckli 2003). Konzeptionell waren Hilfsaktionen in Krisensituationen sowie Entwicklungsmaßnahmen einigen Institutionen im inter- gouvernementalen Sektor oder auch NGOs vorbehalten. Friedensbemühungen waren noch strikt getrennt von den erstgenannten Maßnahmen und innerhalb einer „politischen Sphäre“ dem diplomatischen Sektor vorbehalten.

Die 1990er Jahre brachten einen Wandel, der vor dem Hintergrund sich verän- dernder Konfliktkonstellationen zu sehen ist. Die „Supermächte“ verloren teilwei- se ihre vitalen Interessen in den Stellvertreterkriegen einiger Länder der Dritten Welt. Eine Konsequenz des Rückzuges der USA und der Sowjetunion war die schleichende Verstetigung diverser Konfliktsituationen wie (bei einem afrikani- schen Fokus) z.B. in Liberia, Sierra Leone oder der Demokratischen Republik Kongo (Zartman 1991: 299-319). Im Falle Somalias führte das so entstandene Machtvakuum zu einer deutlichen Verschlechterung der Sicherheitssituation (van Walraven 2005). Die humanitäre Katastrophe in Ruanda 1994 begünstigte eben- falls die weitere Etablierung eines alternativen Ansatzes, der die frühzeitige Ver- meidung von Gewaltkonflikten verfolgt.

Zwischenstaatliche Kriege waren durch innerstaatliche Kriege abgelöst worden, die vor allem durch eine Aushöhlung des Gewaltmonopols des Staates charakte- risiert werden konnten (Kaldor 1999) und somit auch die Mittel der „klassischen“ Diplomatie an Kraft verlieren ließen. Diese offizielle „Track One“- Diplomatie zeig- te sich als wenig effektiv in den nun auftretenden Konflikten mit mehreren und vor allem mit nicht-staatlichen Konfliktakteuren. Angesichts von Staatszerfallprozes- sen fehlten entsprechende Verhandlungspartner (Werthes 2005: 451). Gewalt richtete sich nun eher gegen Zivilisten als gegen bewaffnete Gruppen, und der Staat spielte verstärkt eine Rolle in Finanzierung oder Initiierung von Gewalttaten (Allen 1999: 369 ff). Entwicklungshilfe zeigte sich teilweise als Stabilitätsfaktor für Eliten, die von Konflikten profitierten. Hilfsaktionen erfüllten nicht mehr nur den Sinn, Leben zu retten, sondern verlängerten auch ungewollt Konflikte, indem die verwendeten Ressourcen von der Kriegsökonomie absorbiert wurden (Good- hand/Lewer 2002: 129). Erst in den 1990er Jahren lösten sich manche zentrale Widersprüche zwischen den Ansätzen der Hilfsaktionen in Krisen, Entwicklungs- maßnahmen und Friedensbemühungen auf. Diese bisherigen Sicherheitskonzep- tionen bedurften einer Brückenfunktion zwischen den einzelnen Konzepten.

Boutros-Ghali stellte bereits 1992 in der Agenda for Peace (Boutros Boutros- Ghali 1992) ein Präventivkonzept vor und benannte den Versuch, Konflikte vor dem Auftreten oder aber die weitere Eskalation zu verhindern, „präventive Diplo- matie“. Die Agenda for Peace verfolgte die Idee einer pro-aktiven48 Verknüpfung konfliktrelevanter Faktoren und deren Adressierung und bildet aus heutiger Sicht den Ausgangspunkt des „neuen“ Konzeptes der Konfliktprävention. Internationale Akteure und Institutionen folgten Boutros-Ghali. Die Europäische Union (EU), die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) oder auch die Gruppe der Acht (G8) machte Konfliktprävention zu einem Kernthema ihrer Politik und erweiterten das Prinzip der „präventiven Diplomatie“ um weitere Fa- cetten. Heute haben nahezu alle bedeutenden internationalen Organisationen oder Regionalorganisationen eigene Abteilungen, die sich ausschließlich mit der Früherkennung und frühzeitigen Konfliktlösungen beschäftigen, unter ihnen die Vereinten Nationen (VN), die Europäische Kommission, die OSZE, die Afrikani- sche Union (AU) und die Economic Community of West African States (ECO- WAS) (Lund 2002: 159).

Die „neue“ Rolle von NGOs49 kann als bestes Indiz für diesen Wandel gesehen werden. Sie weiteten ihre Aktionsfelder in den 1990er Jahren konsequent aus. Wo zunächst nur Hilfsmaßnahmen in konkreten Krisen durchgeführt wurden, standen bald auch entwicklungspolitische Ziele und Peacebuilding auf der Agen- da (Goodhand/Lewer 2002: 126). NGOs verbreiteten weiterhin das Konzept der Konfliktprävention in der Öffentlichkeit und übten Druck auf Regierungen aus, entsprechende Kapazitäten zu stärken. Mittlerweile agieren NGOs wie z.B. das Forum for Early Warning and Early Response (FEWER) oder die International Crisis Group (ICG) auf zahlreichen Gebieten (z.B. der Interessenvertretung oder Konfliktanalyse) und führen auch eigenständig Präventivmaßnahmen sowie Poli- tikberatung durch (Lund 2002: 160). Die von Bertie G. Ramcharan bereits 1991 prognostizierte global watch, also die aktive Beteiligung von NGOs an den Debat- ten zu Konflikten - zunächst durch Beobachtung und Analyse - scheint eingetre- ten zu sein (Ramcharan 1991).

Gerade die zunehmende Beteiligung dieser zivilen Akteure an den vormals strikt staatlichen Aufgaben dokumentiert den bereits erwähnten Wandel des Diskurses um den effektivsten Umgang mit Konfliktsituationen. Unter Umständen kann der bereits vollzogene Wandel von Konfliktprävention durch multiple Akteure (anstatt ausschließlich durch Staaten) bald auch in vollem Umfang den Wirtschaftssektor integrieren. Die Entwicklung des Konzeptes der Konfliktprävention zeigt, dass neben den strukturellen und historisch gewachsenen Akteuren wie Staaten, Re- gionalorganisationen auch nicht-staatliche Akteure in anderen formellen wie in- formellen Vorgehensweisen zu nachhaltigen Veränderungen beitragen können.

3.3 Operationalisierung des Konzepts Konfliktprävention

Der Begriff „Konfliktprävention“ wird weder im wissenschaftlichen Diskurs noch unter „Policymakern“ einheitlich verwandt und bedarf somit einer definitorischen Abgrenzung, auf die im Rahmen dieser Arbeit kontinuierlich Bezug genommen werden kann. Die Fragestellung dieser Arbeit benötigt eine möglichst weite Defi- nition von Konfliktprävention, um Felder für Unternehmensaktivitäten zu identifi- zieren.

[...]


1 Zum Zeitpunkt des Statements.

2 Der Name des Unternehmens Royal Dutch Shell (Shell) wird folgend nur noch in der Kurzform genannt. Gleiches gilt im weiteren Verlauf für Talisman Energy (Talisman) und StatoilHydro (Statoil).

3 Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung identifiziert in beiden Län- dern seit 1999 mindestens einen gewalttätigen Konflikt. In einigen Jahresuntersuchungen werden sogar mehrere - oftmals komplex miteinander verzahnte - Konflikte benannt (HIIK 1997-2007).

4 Transnationale Unternehmen werden im weiteren Verlauf der Arbeit gemäß der englischen Übersetzung „Transnational corporations“ mit TNC abgekürzt.

5 Zum Beispiel der Global Compact Business Guide for Conflict Impact Assessment and Risk Management (2002) der Vereinten Nationen oder die Conflict Sensitive Business Practice: Guidance for Extractive Industries der Nichtregierungsorganisation International Alert.

6 Schmidt definiert IO als „[…]auf Vertrag beruhende[n], mit eigenen Organen und Kom- petenzen ausgestattete[n] Zusammenschluss von Staaten zur Regelung politischer, wirt- schaftlicher, militärischer, sozialer oder kultureller Anliegen (Schmidt 1995: 442). Rittber- ger führt aus: „Sie [IOs] sind intern durch auf zwischenstaatlich vereinbarten Normen und Regeln basierende Verhaltensmuster charakterisiert, welche in wiederkehrenden Situati- onen für Staaten und ihre (Regierungs-) Vertreter Verhaltensrollen festlegen und zu einer Angleichung wechselseitiger Verhaltenserwartungen führen; extern sind sie durch ihre Fähigkeit gekennzeichnet, gegenüber ihrer Umwelt, insbesondere den Staaten und ihren (Regierungs-) Vertretern, als Akteure auftreten zu können“ (Rittberger 1994: 57).

7 NGO steht für (den englischen Begriff) „non-governmental organization“, der häufig im Deutschen mit „Nichtregierungsorganisation“ (NRO) übersetzt wird. Aufgrund der Problematik bei der Übersetzung (in der deutschen Fassung der Charta der Vereinten Nationen wird „non-governmental organization“ mit „Nichtstaatliche Organisation“ übersetzt (Art. 71)). Aufgrund der gängigen Verwendung der Abkürzung NGO im deutschen Sprachraum wird es im Folgenden bei der Bezeichnung NGO belassen.

8 Die Bezeichnung „Stakeholder“ meint alle jene Gruppen, die einerseits durch die Unter- nehmenstätigkeiten beeinflusst werden oder andererseits auf das Unternehmen Einfluss

9 Unter internationalen Regimen werden gemeinhin Normen, Regeln und Entscheidungsstrukturen auf der Basis freiwilliger Vereinbarung verstanden. Dabei werden in abgegrenzten Politikfeldern Handlungsleitungen und -Beschränkungen durch staatliche und auch nicht-staatliche Akteure beschlossen (Schmidt 1995: 444 f).

10 CSR steht für Corprate Social Responsibility und wird im deutschen sinngemäß mit der „gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen“ übersetzt. Das Konzept wird in Kapitel 4.3 näher erläutert.

11 Unter „Konzept“ wird hier die gedankliche Zusammenfassung von Gegenständen und Sachverhalten, die sich durch gemeinsame Merkmale auszeichnen, verstanden.

12 Der Fokus dieser Arbeit liegt auf Unternehmen der Ölbranche. 15

13 Erst durch eine Kombination von qualitativen und quantitativen Forschungsstrategien im Sinne der Triangulation wird dieses realistisch (King et al. 1994; Flick 2004; Jahn 2006).

14 Dass dies nicht zwangsläufig der Fall sein muss, zeigen andere neuere Veröffentlichungen (Banfield et al. 2006 zu lokalen Kleinunternehmen; Forum Menschenrechte/Ökumenisches Netz Zentralafrika 2007 zu Bauunternehmen und Banken).

15 Hier können beispielhaft die Regionen des Nigerdeltas in Nigeria sowie Darfur im Sudan genannt werden

16 Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2008.

17 Talisman Energy Inc. (Talisman).

18 Statoil steht Ende 2008 kurz vor dem Beginn der Ölproduktion.

19 INDABA ist ein elektronisches Volltextarchiv, das ca. 750.000 Dokumente und Artikel bereitstellt. Quellen sind hier überwiegend afrikanische Nachrichtenagenturen, regie- rungsamtliche Stellen, Verbände, politische Parteien und internationale Organisationen.

20 HABARI stellt aufgrund der Archivierung von ca. 160 Online-Ausgaben afrikanischer Zeitungen seit 2001 ein weiteres sinnvolles Werkzeug zur Untersuchung westlicher TNCs in Sudan und Nigeria dar.

21 Internationale Non-Profit-Organisation, die in Zusammenarbeit mit Amnesty Internatio- nal agiert. Das Resource Centre bezeichnet sich selbst als die größte unabhängige Da- tenbank zu dem Themenkomplex „positive und negative Auswirkungen unternehmeri- schen Handeln auf den Gebieten Diskriminierung, Umwelt, Armut und Entwicklung, Ar- beit, Gesundheit, Handel und Sicherheit“ (Business & Human Rights Resource Centre 2008). Nach eigenen Angaben berücksichtigt die Datenbank 180 Länder und über 4000 Unternehmen weltweit. Die Datenbank stellt Verlinkungen zu relevanten Publikationen von NGOs, Unternehmen und Unternehmensverbänden, UNO, ILO und anderen inter- gouvernementalen Organisationen, Regierungen und Gerichten, Policy-Experten und Wissenschaftlern, Social investment analysts sowie Journalisten bereit. Unternehmens- publikationen und NGO-Reports stellten hier, neben der Nutzung der relevanten Sekun- därliteratur, die am häufigsten verwendeten Quellen dar.

22 Ein besonderer Dank gilt den neun interviewten Experten. Hierzu zählen in alphabeti- scher Reihenfolge A. (Lundin Petroleum), B. (HSFK), C. (SFCG), D. (Talisman Energy) E. (ASA), F. (BICC), G. (Universität), H. (ECOS und Pax Christi) und I. (CEP). Alle Experten werden im Anhang vorgestellt. Die Interviews sind dort in voller Länge einsehbar. Darüber hinaus gilt der Dank auch einigen Teilnehmern der Fatal Transactions Conference 2008 in Bonn, die in Hintergrundgesprächen wertvolle Informationen und Anregungen für diese Arbeit bereitstellten (siehe Anhang III).

23 Quelle: Eigene Darstellung.

24 Damit gehören potenziell konfliktrelevante Einflussgebiete - wie z.B. betriebliche Arbeitsbedingungen und andere entwicklungsfördernde Maßnahmen auf lokaler Ebene sowie die Beeinflussung der lokalen und regionalen supply chains - nicht zu den hier relevanten Indikatoren für die Bewertung von Unternehmensaktivitäten.

25 Die Global-Governance-Literatur verwendet überwiegend den Begriff „Transnational Corporation (TNC)“. Im Rahmen dieser Arbeit soll ausschließlich auf diesen Terminus zurückgegriffen werden. In anderen Arbeiten wird oftmals auch der Begriff „Multinational Corporation (MNC)“ benutzt. Eine MNC unterscheidet sich jedoch aus betriebswirtschaft- licher Sicht von einer TNC. Während TNCs nur Teile ihrer Produktion in andere Staaten auslagern, replizieren MNCs den gesamten Produktionsprozess in einem anderen Staat (Wendt 1993).

26 Globalisierung kann als komplexer multidimensionaler Prozess der Entgrenzung und Enträumlichung zum einen, der Verdichtung und Vernetzung zum anderen beschrieben werden (Tetzlaff 2000). Globalisierungsdefinitionen fehlt es noch an zeitlichen und räum- lichen Dimensionen. Ferner wird diskutiert, welche Prozesse wie betroffen sind. Die Wirt- schaft steht bei dieser Debatte über Deregulation und grenzüberschreitende Wirtschafts- und Finanzaktivitäten noch meist im Mittelpunkt. Im Rahmen dieser Arbeit soll auf eine ausgiebige Diskussion zur Existenz bzw. Reichweite des Phänomens verzichtet werden.

27 Vielfach übersetzt mit dem Begriff “Entgrenzung”.

28 Das Konzept trifft auch auf Skeptiker, die den Bedeutungsverlust des Territorialstaates anzweifeln, dem Nationalstaat und den zwischenstaatlichen Beziehungen immer noch mehr Bedeutung zuweisen als den transnationalen Beziehungen (Doremus et al. 1998).

29 In diesem Fall nicht nur auf Deterritorialization bezogen, sondern auch auf andere kon- zeptionelle Zugänge wie z.B. Internationalization, Westernization, oder Liberalization.

30 Global Governance ist kein neues Konzept, sondern lediglich eine viel beachtete Fortführung anderer politikwissenschaftlicher Stränge wie z.B. der Regimetheorie oder den Studien zu Internatonalen Organisationen.

31 Die Commission on Global Governance ging 1992 aus der Stockholm Initiative on Global Security and Governance hervor. Zuvor hatten bereits verschiedene Kommissionen Vorschläge zur Reform der UN-Charta unterbreitet. Unter anderen beruht diese Initiative auch auf dem Mitwirken Willy Brandts.

32 Hier wird deutlich, dass Global Governance entweder als notwendige Antwort auf die Strukturveränderungen oder aber als unausweichliche Konsequenz dieser gesehen wer- den kann. Im Rahmen dieser Arbeit soll die Analyse dieser Sichtweisen keine Beachtug finden. In beiden Perspektiven stellen sich trotzdem die Fragen nach den Bedingungen für erfolgreiche globale Lösungsstrategien. In beiden Perspektiven spielen Unternehmen hier eine gewichtige Rolle.

33 Rosenau und Czempiel liefern ein etwas abstrakteres Konzept der Abkehr von einer staatenzentrierten Perspektive durch das theoretische Konstrukt von Regelsystemen der Entscheidungsfindung und Implementation auf regionaler, transnationaler und globaler (z.B. TNCs) Ebene (Rosenau/Czempiel 1992). Nicht-staatliche Akteure stehen hier gleichrangig neben staatlichen und agieren in ihren eigenen „Autoritätssphären“.

34 In der Politikwissenschaft waren vor allem Themen wie „Lobbying“, Parteienfinanzierung, oder das Agenda-Setting durch Unternehmen von Interesse (Fuchs 2005: 63).

35 Güter, die sich durch mindestens eine von zwei Eigenschaften auszeichnen: (a) NichtRivalität im Verbrauch (Die Nutzung des Gutes durch einen Akteur beeinträchtigt nicht die Nutzung durch weitere Akteure); (b) Nicht-Ausschließbarkeit vom Gebrauch (Niemand kann von der Nutzung des Gutes ausgeschlossen werden) (Sonderforschungsbereich 700: 11). Hier kann auch das Kollektivgut „Sicherheit“ gemeint sein, das durch Präventivmaßnahmen erreicht werden kann.

36 Der Begriff meint mittlerweile mehr als Unternehmensverantwortung in sozialen Bereichen wie z.B. Mindeststandards am Arbeitsplatz. Umweltbelange werden darunter genauso wie entwicklungspolitische oder sicherheitsrelevante Themen subsumiert. Insofern wäre der Begriff Corporate Responsibility treffender und wird auch zunehmend in der wissenschaftlichen Literatur verwendet. Aufgrund des hohen Bekanntheitsgrades von CSR soll hier jedoch an seiner Verwendung festgehalten werden.

37 Die englische Bezeichnung für „Auslandsdirektinvestitionen“ soll beibehalten werden, da sie im wissenschaftlichen Diskurs üblich ist. FDIs sind solche Investments, die ein langfristiges Anlageziel verfolgen und somit dem inländischen Investor eine Kontrolle der Geschäftstätigkeit im Ausland weiterhin ermöglicht (Beteiligung von mindestens 10% am ausländischen Unternehmen) (United Nations Conference on Trade and Development 2007: 245).

38 PPPs sind Kooperationen öffentlicher Einrichtungen oder entwicklungspolitischer Or- ganisationen mit Privatunternehmen. Der Privatsektor soll so in die Finanzierung und das Management von Entwicklungsprojekten einbezogen werden (Nuscheler 2006: 631).

39 Hier kann durch die Unterscheidung von „Lobbying“, „Advocacy“ oder „Participation“ noch schärfer differenziert werden.

40 In dem freiwilligen Zusammenschluss von Unternehmen unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen verpflichten sich die Mitglieder zu zehn Prinzipien auf den Gebieten Umwelt, Arbeit, Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung. Die Verpflichtungen werden jedoch nicht kontrolliert und stellen daher eher ein „Set“ an Richtlinien bereit. Gegründet wurde die Initiative 1999 beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

41 Andere sprechen von „kleinen“ Kriegen, „wilden Kriegen“ oder „wars ot the third kind“.

42 z.B. Kamerun/Nigeria (1996); Eritrea/Äthiopien (1998-2000).

43 Beispielhaft hierfür ist der Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo, in dem meh- rere Nachbarstaaten intervenierten oder andere externe Unterstützung bereitstellten.

44 Die vorgenommene Beschreibung der Eigenschaften von „neuen Kriegen“ beansprucht keine Vollständigkeit. Hier soll lediglich der Versuch unternommen werden, die neuen globalen Herausforderungen im Bereich Sicherheit mit dem Fokus auf Unternehmen als Akteure zu beschreiben.

45 Nach der oben beschriebenen Eingrenzung des Konfliktpräventionsbegriffes fällt u.a. auch das Peacekeeping - entgegen den üblichen Ordnungsmustern - in die für diese Arbeit vorgenommene Definition und ist somit auch als präventive Maßnahme in der post-violence-Phase zu betrachten.

46 Vermittlungen der UNO auf Basis von guter Reputation und hoher Legitimität.

47 Im deutschsprachigen Raum wird auch oftmals der Begriff „Krisenprävention“ benutzt (Matthies 2000). Im Rahmen dieser Arbeit soll jedoch mit dem Begriff der „Konfliktprävention“ gearbeitet werden. Beide Bezeichnungen beinhalten, sowohl alle Versuche gewaltsamen Konfliktaustrag als auch deren Eskalation zu verhindern.

48 Unter pro-aktiv wirdauch im weiteren Verlauf der Arbeit ein frühzeitiges initiatives Handeln im Gegensatz zu einem reaktiven Handeln gemeint.

49 Hier sind beispielhaft die European Platform for Conflict Prevention and Transformation oder Carnegie Endowment for International Peace zu nennen. Aus letzterer ging 1994 auch die Carnegie Commission on Preventing Deadly Conflict hervor, die als führender Norm entrepreneur auf dem Gebiet der Konfliktprävention bezeichnet werden kann.

Ende der Leseprobe aus 200 Seiten

Details

Titel
Transnationale Unternehmen als Akteure in der Konfliktprävention. Corporate Social Responsibility-Strategien in den Konfliktzonen Nigeria und Sudan
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften)
Note
1,85
Autor
Jahr
2009
Seiten
200
Katalognummer
V198965
ISBN (eBook)
9783668132719
ISBN (Buch)
9783668132726
Dateigröße
4712 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Corporate Responsibility, Global Governance, Unternehmensverantwortung, Konfliktforschung
Arbeit zitieren
Benjamin Werner (Autor), 2009, Transnationale Unternehmen als Akteure in der Konfliktprävention. Corporate Social Responsibility-Strategien in den Konfliktzonen Nigeria und Sudan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/198965

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