In der Hausarbeit wird die Entstehung des Mitleides herausgearbeitet und gefragt, ob es Sich dabei um ein angeborenes oder erlerntes Gefühl handelt. Besonderen Raum nimmt die Fragestellung ein, ob es sich beim Mitgefühl im Sinne Schopenhauers eher um ein Gefühl der Teilnahme am Gefühl des Anderen handelt oder doch vielmehr um das direkte Teilen des leidenden Gefühls. Dabei wird sich ebenfalls mit Schopenhauers Identifikationsbegriff auseinander gesetzt. Eine kritische Stellungnahme von Max Scheeler schließt den Text ab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Mitleid als Triebfeder
2.1 Der Egoismus als Triebfeder
2.2. Die Herausbildung des Mitleids
2.2.1 Die drei Grund-Triebfedern
2.3 Gerechtigkeit und Menschenliebe als Tugenden
Exkurs: Menschenliebe als weibliche Tugend
3. Mitleid – Ein angeborenes oder ein erworbenes Gefühl?
4. Mitleid – Teilnahme am Gefühl oder Teilen des Gefühls?
4.1 Die Identitätstheorie
5. Schelers Kritik an Schopenhauer
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Arthur Schopenhauers Mitleidsethik kritisch und hinterfragt, ob Mitleid als angeborene moralische Triebfeder fungieren kann, wobei insbesondere Max Schelers Einwände gegen Schopenhauers Identifizierungslehre analysiert werden.
- Schopenhauers Triebfedertheorie des Handelns
- Differenzierung zwischen Egoismus, Gerechtigkeit und Menschenliebe
- Die erkenntnistheoretische und metaphysische Begründung des Mitleids
- Kritische Auseinandersetzung mit der Identitätsthese ("tat-twam asi")
- Vergleich der Positionen von Schopenhauer und Scheler zur Sympathie
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Egoismus als Grundtriebfeder
Im Egoismus sieht Schopenhauer die Haupt- und Grundtriebfeder von Mensch und Tier. Äußern tut sie sich vor allem im „Drang zum Daseyn und Wohlseyn“ (Schopenhauer 2007: 94). Der Mensch besitzt einen starken Willen zum Leben und ordnet diesem alles unter, daher entspringen aller Handlungen aus dem Egoismus. Diese primäre Triebfeder ist allein auf das eigene Wohl ausgerichtet und damit antimoralisch. Das Individuum nimmt nur sich selber wirklich wahr und sieht in den anderen Lebewesen bloße Erscheinungen. Würde dem Egoismus nichts entgegenstehen, lebte der Mensch in der Situation des bellum omnium contra omnes. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass dem Egoismus als Ursprung aller gewöhnlichen nichtmoralischen Handlungen eine sittliche Triebfeder entgegensteht, denn der Mensch erfährt auch Menschenliebe und freiwillige Gerechtigkeit.
Im principium individuationis zeigt sich der Egoismus, denn als solches nimmt sich der Mensch wahr. Das egoistische Individuum grenzt sich nicht nur räumlich und zeitlich ab, es schreibt seinem Gegenüber auch ein anderes Wesen zu. Durch diese getrennte Wahrnehmung kommt es, dass ein Individuum dem anderen Leid zufügt. Egoismus ist demnach das Verbleiben im Individualprinzip. Erst durch das Mitleid Durchbricht der Mensch “den Schleier der Maya“ und erkennt in seinen Gegenüber sich selbst. Als Zwischenstufe zu dieser Erkenntnis dienen die Tugenden der Menschenliebe und der freiwilligen Gerechtigkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in Schopenhauers empirisch begründete Ethik, die das Mitleid als zentrales Motiv menschlichen Handelns und als Grundlage gegen den Egoismus identifiziert.
2. Mitleid als Triebfeder: Detaillierte Analyse der Triebfedern Egoismus, Bosheit und Mitleid sowie die Ableitung von Gerechtigkeit und Menschenliebe aus dem Mitleid.
2.1 Der Egoismus als Grundtriebfeder: Beschreibung des Egoismus als primären Antrieb, der das Individuum im "Individualprinzip" gefangen hält und die Wahrnehmung des anderen als bloße Erscheinung festigt.
2.2. Die Herausbildung des Mitleids: Untersuchung der moralischen Wertigkeit von Handlungen und Definition des Mitleids als unmittelbare Teilnahme am Leiden des Anderen.
2.2.1 Die drei Grund-Triebfedern: Klassifizierung der menschlichen Motive in Egoismus, Bosheit und Mitleid, welche die Basis der Schopenhauerschen Handlungslehre bilden.
2.3 Gerechtigkeit und Menschenliebe als Tugenden: Unterscheidung der beiden Stufen des Mitleids, wobei Gerechtigkeit das Nicht-Verletzen und Menschenliebe das aktive Helfen umfasst.
Exkurs: Menschenliebe als weibliche Tugend: Kritische Beleuchtung von Schopenhauers provokanter These zur weiblichen Natur in Bezug auf ethisches Handeln und Vernunft.
3. Mitleid – Ein angeborenes oder ein erworbenes Gefühl?: Erörterung der Frage, ob die Mitleidsfähigkeit ein angeborenes Wesensmerkmal oder durch Erziehung erlernbar ist, mit Fokus auf den unveränderlichen Charakter.
4. Mitleid – Teilnahme am Gefühl oder Teilen des Gefühls?: Analyse des metaphysischen Identitätsbegriffs und der Frage, wie die Aufhebung der Trennung zwischen Ich und Nicht-Ich möglich ist.
4.1 Die Identitätstheorie: Darstellung der Lehre von der Identität des Wesens als Voraussetzung für moralisches Mitleiden.
5. Schelers Kritik an Schopenhauer: Kontroverse Auseinandersetzung mit Schelers Sympathieethik, die Schopenhauers Identifizierungslehre und seine Sicht auf das Leiden infrage stellt.
Schlüsselwörter
Schopenhauer, Mitleid, Ethik, Egoismus, Identitätstheorie, Menschenliebe, Gerechtigkeit, Scheler, Sympathie, Triebfeder, Metaphysik, Leid, Charakter, Individualprinzip, Schleier der Maya.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit Arthur Schopenhauers Mitleidsethik und untersucht, wie Mitleid als moralischer Antrieb funktioniert und welche Rolle die Identifikation mit anderen für ethisches Handeln spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Triebfedertheorie Schopenhauers, die Abgrenzung von Egoismus und moralischem Handeln sowie die kritische Gegenüberstellung mit Max Schelers Sympathieethik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es zu klären, wie Mitleid bei Schopenhauer entsteht, ob es angeboren ist, und wie die metaphysische Identifikation zwischen Handelndem und Leidendem begründet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse und komparative Studie, die Schopenhauers "Über die Grundlagen der Moral" sowie Schelers "Wesen und Formen der Sympathie" kritisch auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Triebfedern, die Definition von Mitleid als Teilnahme am Leiden, die Identitätstheorie sowie die ausführliche Kritik durch Max Scheler.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Publikation?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Schopenhauer, Mitleid, Egoismus, Identitätstheorie, Menschenliebe, Gerechtigkeit und Schelers Sympathie-Kritik.
Inwiefern unterscheidet sich Schopenhauers Gerechtigkeitsbegriff vom Helfen?
Schopenhauer differenziert zwischen dem passiven Unterlassen von Leid (Gerechtigkeit, "neminem laede") und dem aktiven Helfen (Menschenliebe), wobei beide auf Mitleid basieren.
Was kritisiert Max Scheler konkret an der Identitätslehre Schopenhauers?
Scheler kritisiert, dass Schopenhauers Identifikation eine Form der Gefühlsansteckung impliziert, bei der das Ich im "Leidensbrei" aufgeht und echtes Mitleid, das Distanz und Verstehen erfordert, unmöglich wird.
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- M.A. Miriam Bauer (Author), 2008, Das Mitleid als Grundlage der Moral in Arthur Schopenhauers "Über die Grundlage der Moral", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199034