Identität schafft Identität. Architektur gegen Elendsviertel in Zirsara, al Gurdaqa, Ägypten


Masterarbeit, 2012
159 Seiten, Note: 2,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Thesis

2 Einleitung
2.1 Begriff "Slum" und die Slumtypologie
2.2 Verstädterung

3 Identität
3.1 Identität im Bezug auf den Menschen
3.2 Identität im Bezug auf die Architektur
3.3 Fazit zur Definition von Identität

4 Arabische Republik Ägypten
4.1 Lage
4.2 Bevölkerung
4.3 Klima
4.4 Landessprache
4.5 Religion
4.6 Wirtschaft
4.7 Überblick über die Geschichte Ägyptens
4.8 Politische Lage in Ägypten
4.9 Gründe für die Revolution in Ägypten
4.10 Al QƗhira und die Problematik der Ashwa’iyyas
4.11 Die Identität des arabischen Baustils in Ägypten
4.12 Die Tradition des Lehmbaus

5 Al Ƥurdaqa, Ägypten
5.1 Die Identität der Stadt
5.2 Die Identität der Menschen in al Ƥurdaqa
5.3 Al Ƥurdaqa - Der Identitätsverlust

6 Die informelle Siedlung Zirsara
6.1 Struktur von Zirsara
6.2 Überleben in Zirsara - Die Identität der Bewohner

7 Informelle Siedlungen und Lösungswege
7.1 Low-Cost Häuser
7.2 Low-Cost Siedlungen
7.3 Fazit zu den Bewertungen

8 Fazit und Ausblick

9 Konzept
9.1 Städtebau
9.2 Gebäudetypologie
9.3 Klimabedingtes Bauen

10 Quellenverzeichnis
10.1 Literaturverzeichnis
10.2 Abbildungsverzeichnis

Vorwort

"Architektur für die Armen sollte nicht wie die

Behandlung einer besonderen Krankheit angesehen werden. Es geht um neue

Architektur, die für reich und arm gilt. Unglücklicherweise genießen die Armen nicht die Vorzüge derästhetik. Mit Armut assoziiert man Hässlichkeit, was falsch ist. Je billiger ein Projekt, desto wichtiger die Sorge und Aufmerksamkeit für dieästhetischen Belange [..] In einem schönen Haus hat die Seele die Chance, zu wachsen und zu fliegen." Hassan Fathy [ägyptischer Architekt.1900-1989] Masterthesis 14 Identität schafft Identität Karolina Wezyk

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Urban Population, 1950

Abbildung 2: Urban Population, 2010

Abbildung 3: Urban Population, 2050

Abbildung 4: Beispiel für die Identität des Selben: Tempel der Artemis, Rekonstruktion

Abbildung 5: Beispiel für die Identität des Ähnlichen: Farnsworth House, Mies van der Rohe

Abbildung 6: Beispiel für die Identität des Autonomen: Villa Savoye, Poissy, Le Corbusier

Abbildung 7: Beispiel für die Identität des Anderen: Atelier Bardill, Sharans, Valerio Olgiati

Abbildung 8: Landkarte Ägypten

Abbildung 9:Demonstranten auf dem Tahir Platz

Abbildung 10: Marginalsiedlungen in Kairo

Abbildung 11: Die informellen Siedlungen Kairos

Abbildung 12: Am Rande von Manshiyet Nasser

Abbildung 13: Garbage City

Abbildung 14: Totenstadt

Abbildung 15: Eines der ältesten Gebäude in al Ƥurdaqa

Abbildung 16: EG einer Hausanlage

Abbildung 17: Struktur des Stadtviertels

Abbildung 18: Struktur einer orientalischer Stadt

Abbildung 19: Herstellung von Lehmziegeln im Altem Ägypten

Abbildung 20: Al Ƥurdaqa

Abbildung 21: Sheraton Road in Sakkala

Abbildung 22: Al Dahhar

Abbildung 23: Wohnhaus mit Laden in al Dahhar

Abbildung 24: Zirsara

Abbildung 25: Zirsara

Abbildung 26: Eindrücke Zirsara

Abbildung 27: Objekt 1 und Objekt 2

Abbildung 28: Objekt 1, Innenraum

Abbildung 29: Grundrisse der Behausung in Zirsara, M :100; Eigene Darstellung

Abbildung 30: Objekt 2, Innenraum

Abbildung 31: Eine Familie in Zirsara

Abbildung 32: SwissCell Technology

Abbildung 33: Universal World House, zeichnerische Darstellung

Abbildung 34: ASH-Classic Wohngebäude

Abbildung 35: ASH-Brick Wohngebäude

Abbildung 36: Gebaute Variante eines ASH-Classic Wohngebäudes

Abbildung 37: Variante der ELEMENTAL Gebäude

Abbildung 38: ELEMENTAL Gebäude nach den Architekten Ralf Pasel und Frederik Künzel

Abbildung 39: Obdachlosigkeit, im Hintergrund die Suzanne Mubarak Siedlung

Abbildung 40: Die Mauer um die Favelas

Abbildung 41: Havarie in Mumbai

Abbildung 42: "Murambatsvina" -Aktion

Abbildung 43: Leeres Schulgebäude

Abbildung 44: Projekt 'Canaan'

Abbildung 45: Zwangsräumung in Port Harcourt

Abbildung 46: Flächennutzungsplan aktuell und Entwurf

Abbildung 47: Neustrukturierung von Zirsara

Abbildung 48: Al Ƥurdaqa

Abbildung 49: Beispiel Suq in Tunis, Moschee in Zirsara

Abbildung 50: Eingangsfassade der Moschee in Zirsara

Abbildung 51: Bubble-Struktur und der Schwarzplan der Stadt Sale, Marokko

Abbildung 52: Zirsara, Hauptstraßen und Platzsystem

Abbildung 53: Auflösung des Viereckblocks; r.o. Durchwegung im Quartier

Abbildung 54: Medina Tunis, die Durchwegung

Abbildung 55: Schottenbauweise; das Modul

Abbildung 56: Modulbauweise; r.o. Nutzung

Abbildung 57: Fremd- und Eigenleistung; Zwischendeckensystem

Abbildung 58: Sonneneinstrahlung im Winter und Sommer

Abbildung 59: Latentwärmespeicher Paraffinwachs

Abbildung 60: Funktionsprinzip des Malqafs

Abbildung 61: Funktionsprinzip der Malqafs im Zusammenspiel mit den Wasserflächen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Thesis

Die Armut und die dadurch entstehenden Marginalsiedlungen in Entwicklungsländern sind seit Jahren ein sehr aktuelles Thema. Zwar wird versucht den Bewohnern durch Spenden in Form von Nahrung, Medikamenten und Kleidung zu helfen, dieses beseitigt aber nicht die Problematik der Wohn- und Lebensverhältnisse in den informellen Siedlungen. Im Laufe der Jahre entstanden verschiedene Lösungsansätze der Regierungen, die im späteren Verlauf dieser Arbeit dargestellt werden, doch die meisten geraten in Kritik. Anstelle von zielgerichteten Hilfsmaßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität werden Vorhaben umgesetzt, die diese sogar noch verschlechtern. Sollten die Regierungen in den kommenden Jahren nicht mit positiven Lösungen auf die Bevölkerungszunahme und die daraus resultierenden Anforderungen an den Städtebau reagieren, werden dem UN-HABITAT Bericht zufolge zukünftig die Marginalsiedlungen stetig wachsen. Eine Hilfe „an der Basis“ ist für die Bevölkerung der Marginalviertel wichtig, damit sich die Prognosen nicht bewahrheiten.

Die Masterarbeit soll die Thesis bestätigen, dass durch die Neustrukturierung der Marginalsiedlungen in Form von kulturangepassten, identischen Gebäuden, die Lebensbedingungen der Bewohner verbessert werden, diese Siedlungen eine neue eigene Identität bekommen und somit an Attraktivität für die Stadt und für die Bewohner gewinnen. Durch dieses Vorhaben soll die Identität der Bewohner in die architektonische Identität dieser Siedlung übersetzt werden.

Diese These wird anhand der Marginalsiedlung Zirsara in al Ƥurdaqa untersucht.

Die Marginalsiedlungen in Ägypten werden Ashwa’iyya genannt. Die Stadt al Ƥurdaqa in Ägypten am Roten Meer entwickelt sich seit 1931 zu einer Touristikhochburg und wächst stetig weiter. Diese Umstände verstärken die Problematik der Bildung und des Wachstums von informellen Siedlungen.1 Die Hauptstadt Ägyptens, Kairo, besteht schon zu 50 - 70 % aus Ashwa’iyyas. Somit kommt die Frage auf, ob al Ƥurdaqa sich wie Kairo entwickelt, wenn der Problematik nicht vorgebeugt wird.

2 Einleitung

Zu diesem Zeitpunkt leben ca. 7 Milliarden Menschen auf der Welt. Nach einer Studie des Zentrums der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen, UN-HABITAT (United Nations Human Settlements Programme), leben aktuell 1,2 Mrd. Menschen in Slums. Der größte Teil mit ca. 946 Mio. Menschen lebt in Marginalsiedlungen in den Entwicklungsländern. Prognosen nach werden im Jahr 2015 weltweit 33,2% der Stadtbevölkerung in informellen Siedlungen leben. In den Entwicklungsländern sogar 41,8%. Die Prognose sieht eine stetige Steigerung vor. Bis zum Jahr 2030 wird die Slumbevölkerung auf 2 Mrd. ansteigen bei einer prognostizierten Weltbevölkerung von 8,1 Mrd. Menschen.2

2.1 Begriff "Slum" und die Slumtypologie

Das Wort „Slum“ wird in der Umgangssprache als Oberbegriff für Elendsviertel verwendet. Die in der Nähe oder innerhalb einer Stadt ansiedelten Elendsviertel sind formelle oder informelle Siedlungen. Informelle Siedlungen, auch als Marginalsiedlungen oder Squatter (eng. Besetzer) bezeichnet, werden ungeplant und illegal besetzt oder gebaut.3

Slums als formale Siedlungsform sind hauptsächlich in den Industrieländern als verwahrloste und verfallende Stadtviertel vorzufinden. Die informellen Siedlungen werden überwiegend in Entwicklungsländern ohne Genehmigung gebaut und bewohnt. Hauptsächlich befinden sie sich am Stadtrand, wo sie sich über Jahrzehnte weiter ausdehnen.

Die UN-HABITAT hat eine Liste von Faktoren zusammengestellt, welche die Marginalsiedlungen als solche charakterisieren. Anhand dieser versucht die Organisation die Siedlungen international zu registrieren und zwecks Hilfe und Förderung zu untersuchen und untereinander zu vergleichen.

Zu den Charakteristika von informellen Siedlungen nach UN-HABITAT gehören:

ƒ-schlechte Bausubstanz der Gebäude
- illegale, unzulängliche Baukonstruktionen ƒ hohe Belegungsdichte
ƒ- minimale Parzellengröße
ƒ- keine oder gering ausgebaute Infrastruktur (z.B. Wasserversorgung, Müll) ƒ Fehlen sozialer Infrastrukturen (z.B. Schule, Krankenhäuser)
ƒ- unsichere Wohn- oder Aufenthaltsrechte in den ordnungswidrig oder informell errichteten Quartieren
ƒ- ungesunde Lebensbedingungen (Umweltverschmutzung) ƒ gefährliche Standorte
ƒ- soziale Fehlentwicklungen (Kriminalität)
ƒ- Armut und soziale Ausgrenzung (informelle Ökonomie)4

Die Behausungen der illegal errichteten Marginalsiedlungen werden provisorisch aus einfachsten Mitteln gebaut. Hierzu werden Lehm, Holz, Folien und Blech verwendet, wobei auch Mauerwerksbau vorkommt. Diese Behausungen liegen sehr dicht beieinander oder werden als Reihenhäuser gebaut. In den meisten Fällen besteht ein Haus aus einem Raum oder mehreren sehr kleinen Räumen in denen die ganze Familie leben muss. Die grundlegende Versorgungstechnik, wie Wasserversorgung und Abwasserentsorgung sowie Elektrizität, ist nur in den wenigsten Fällen gegeben. Verkehrsstraßen in den Marginalsiedlungen gibt es nicht. Durch die Gebäudeanordnung bilden sich kleine Gassen, in denen Abfälle entsorgt werden und die Nutztiere leben. Die Bebauungen der Bewohner in informellen Siedlungen gelten als illegal errichtet, da der Grundbesitz meist der Stadt gehört oder privatisiert ist. Deshalb liegen in den meisten Fällen keine offiziellen Daten über die informellen Siedlungen vor.5

2.2 Verstädterung

Die Verstädterung gehört zu den Hauptauslösern für die Entstehung der Elendsviertel in und um die Städte. Einer Prognose der United Nations nach verändert sich der Anteil der Land- und der Stadtbewohner durch das Wachstum der Weltbevölkerung stark. Im Jahr 1950 lebten 71,2% der Weltbevölkerung auf dem Land. Von Jahr zu Jahr reduziert sich der Anteil der Bewohner ländlicher Gebiete drastisch. Für das Jahr 2050 prognostiziert die UN ein Absinken der auf dem Land lebenden Bevölkerung auf nur 31,3% bei einer Weltbevölkerung von 9,15 Mrd. Durch diese Entwicklung müssen sich Städte und Länder zunehmend intensiv mit der Problematik der Verstädterung auseinandersetzen. Noch drastischer sehen die Prognosen für die Entwicklungsländer aus. Bereits im Jahr 2009 war der Anteil der Stadtbevölkerung in den Entwicklungsländern mit 36,6% um das Dreifache höher als in den Industriestaaten.6

Abbildung 1: Urban Population, 19507

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Urban Population, 20108

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Urban Population, 20509

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Hauptbeweggrund für den Umzug und das Leben in der Stadt ist die Hoffnung auf Arbeit. Ungefähr 80% des Welt-Bruttoinlandsprodukts werden in der Stadt umgesetzt. Besonders in den konjunkturschwachen Entwicklungsländern motiviert der Wunsch nach Arbeit und Verdienst die Landbevölkerung zum Umzug.

Die Städte waren und sind weiterhin nicht auf den großen und schnellen Anstieg der Stadtbevölkerung vorbereitet. Die Folge der mangelnden Deckung der Grundbedürfnisse der Umsiedler, wie z.B. Wohnraumknappheit, insbesondere für ärmere Bevölkerung und das Fehlen der Infrastruktur, ist die Bildungen von informellen Siedlungen. Durch das Fehlen von Arbeitsplätzen in der Industrie und im Kleingewerbe sowie unsichere oder schlecht bezahlte Stellen verschlechtert sich die Situation der Bewohner solcher Siedlungen zusätzlich.10

Besonders schlimm sind die Lebensbedingungen in solchen Siedlungen für Kinder. Einer neue Studie von UNICEF „Zur Situation der Kinder in der Welt 2012“ (org. The State of the World’s Children 2012) zufolge, wachsen weltweit ungefähr eine Milliarde Kinder in Städten auf, ein Drittel von ihnen in informellen Siedlungen. Die Zahlen können aufgrund der Tatsache, dass ca. 30% bis 50% der geborenen Kinder nicht registriert werden, nur durch Schätzung ermittelt werden.

Die Kinder leiden unter den Folgen der Unterernährung, der unhygienischen Lebensbedingungen und der Verbreitung von Krankheiten. Die Familien leben in provisorischen Behausungen, meist ohne Anschluss an die Infrastruktur, wie Bildungsstätten, Krankenversorgung, Frischwasser, dafür aber mit der täglichen Angst aufgrund des fehlenden Aufenthaltsrechts umgesiedelt zu werden und alles zu verlieren. Meistens müssen die Kinder bereits in sehr jungen Jahren arbeiten um die Familie zu unterstützen. Sie erleben täglich die Kriminalität und Gewalt in den Siedlungen und sind dem schutzlos ausgesetzt. Dadurch werden sie selbst aggressiv gegenüber anderen, schließen sich Gangs an oder leiden an Depressionen.11

Um die Lebensqualität der Bewohner von Marginalsiedlungen durch ein architektonisches Projekt zu verbessern, müssen zwei Aspekten verfolgt werden:

1. Die Identität der Bewohner / des Menschen
2. Die Identität der Stadt / der Architektur
3 Identität

Das Wort „Identität“ stammt von dem spätlateinischen Wort „identitas" ab, welches mit „Wesenseinheit" übersetzt wird. Das Wort "idem" aus dem Lateinischen, bedeutet „derselbe". Das verleiht dem Wort „Identität“ zwei Bedeutungen. Es ist zum einen als „das Gleiche“ zu verstehen, also eine „völlige Übereinstimmung" mit einer Person oder einer Sache. Zum anderen wird der Begriff als die „Einzigartigkeit" einer Person oder einer Sache verstanden. In der Psychologie wird Identität als das „Selbst" einer Person beschrieben. Somit hat jeder Körper, in Form eines Gegenstandes oder einer Person, eine eigene Identität.12

3.1 Identität im Bezug auf den Menschen

Der deutsche Psychologe Hilarion Gottfried Petzold beschreibt die Identität einer Person als ihre Individualität. Über das „wer bin ich, auf wen beziehe ich mich, wer bezieht sich auf mich, worüber definiere ich mich und was macht mich aus" präzisiert sich die Persönlichkeit jedes einzelnen Menschen. Die Identität entwickelt sich und variiert im gesamten Lebensverlauf eines Menschen.13

Nach dem Modell von H.G. Petzold besteht die Identität aus 5 Säulen, die für das Wohlbefinden des Menschen immer im Gleichgewicht bleiben sollten.

1. Leib / Leiblichkeit
2. soziales Netzwerk / soziale Bezüge
3. Arbeit und Leistung
4. materielle Sicherheit
5. Werte14

Säule 1: Leib / Leiblichkeit

Diese Kategorie definiert die personale Identität und beschreibt alles, was mit dem menschlichen Körper und der Seele zu tun hat und wie die Umwelt dieses wahrnimmt.

„Mein Leib als Gefäß, das ich bin - in dem ich lebe - meine Gesundheit, meine Beweglichkeit, mein Wohlbefinden, meine Sexualität, meine Belastungsfähigkeit, meine Psyche, meine Gefühle, meine Lüste, meine Sehnsüchte, Glaubenssysteme, und Träume... (Meine medizinische Gesundheit, meine Psyche, meine Kondition und Fitness, meine Ausstrahlung, etc.)."15

Säule 2: soziales Netzwerk / soziale Bezüge

Die Identität, auch soziale Identität genannt, ist vom gesellschaftlichen Netzwerk abhängig, also dem sozialen Umfeld des Menschen. Dazu gehören vor allem Menschen sowie deren positive oder negative Einstellung gegenüber der Person.

„Mein soziales Netzwerk, meine Freunde, Familie, Arbeitsplatz, Beziehungen, Ehe, Freizeitgestaltung, Verein ..."16

Säule 3: Arbeit und Leistung

Die Identität wird auch beeinflusst durch das "Tätig-sein" im positiven wie auch im negativen Sinn. Hier steht nicht nur die Arbeitsstelle im Vordergrund, denn auch Personen ohne einen Arbeitsplatz, wie z.B. Rentner und Berufsunfähige, können positiv "Tätig-sein".

„Arbeitsleistungen, Arbeitszufriedenheit, Erfolgserlebnisse, Freude an der eigenen Leistung, aber auch entfremdete Arbeit, Arbeitsüberlastung, überfordernde sowie erfüllte oder fehlende Leistungsansprüche bestimmen die Identität nachhaltig."17

Säule 4: Materielle Sicherheit

Die materielle Sicherheit spielt für die Menschen eine sehr wichtige Rolle. Fehlende materielle Sicherheit destabilisiert die Identität und somit das Wohlbefinden des Menschen.

Beispiele zu diesem Parameter sind das „Einkommen, Geld, materielles wie Nahrung, Kleidung, Lebensbedarf, Weiterbildungsmöglichkeiten, die Dinge, die jemand besitzt, die Wohnung oder Haus, aber auch der ökologische Raum, dem er sich zugehörig fühlt, dem Stadtteil in dem er sich beheimatet fühlt oder wo er ein Fremder ist."18

Säule 5: Werte & Normen

Die „persönliche Lebensphilosophie" ist für die kulturelle Identität eines Menschen sehr wichtig. Die Individualität jeder Person wird durch ihre persönlichen Werte und Normen bestimmt.

„Moral, Ethik, Religion, Liebe, Hoffnungen, Traditionen, Glauben, Sinnfragen (gesellschaftliche und persönliche und ihr Verhältnis zueinander), [...] was jemand für richtig hält, von dem er überzeugt ist, wofür er eintritt und von dem er glaubt, dass es auch für andere Menschen wichtig sei. Das können religiöse oder politische Überzeugungen sein, die persönliche Lebensphilosophie, wichtige Grundprinzipien."19

Die "persönliche Lebensphilosophie", die persönlichen Wert- und Normvorstellungen werden von der Geburt an durch viele Faktoren geprägt, u.a. die Zugehörigkeit einer Person zu einer sozialen Gruppe, Familie, Sprache, Nation, Religion und Gebräuchen.20

3.2 Identität im Bezug auf die Architektur

„Identität von Architektur beschreibt die Varianz des Identischen in der je konkreten Ausdeutung seiner Parameter."21 Somit entwickelt sich die Identität im Sinne von identisch zur Identität mit der Einzigartigkeit der Architektur durch identitätsgebende Faktoren. Zu diesen Faktoren gehört die Identität des Individuums, da diese in Form von zum Beispiel Historie, Religion und Kultur prägend für jedes einzelne Bauwerk in unterschiedlichen Epochen ist. Der Genius Loci spielt auch eine sehr große Rolle als Faktor der Identität.22 Der Genius Loci, oder aus dem lateinischen übersetzt „der Geist des Ortes", muss bei einem architektonischen Entwurf einbezogen werden. Dieser Ort muss studiert und analysiert werden, denn er macht den architektonischen Entwurf von sich abhängig. Der Genius Loci ist nicht nur die Umgebung, wie Topographie, Größe des Grundstückes oder die Beziehungen zu Nachbargebäuden, sondern er ist der „Geist" dieses Ortes. Der „Geist" ist hierbei die Besonderheit, welche diesen Ort außergewöhnlich macht. Mit der Analyse des Genius Loci wird versucht das Bauwerk und seine Umwelt so zu verbinden, dass ein stimmiges Gleichgewicht und die Atmosphäre des Ortes bewahrt bleiben bzw. durch die Architektur verstärkt werden.23

Die Identität von Architektur besteht aus „vier zentralen Konzeptionen"24:

1. Die Identität des Selben
2. Die Identität des Ähnlichen
3. Die Identität des Autonomen
4. Die Identität des Anderen

Die Identität des Selben

Die Identität des Selben zeichnet sich durch ihre „formale Strenge und Gleichheit" aus. Schon in der Antike wurde die Strenge in den Tempelbauten eingehalten. In den Epochen verwandelte sich die „Selbigkeit" von dem „Festhalten am Urbild" und der stetigen Arbeit des Urbildes, mit Abweichungen „in einem bestimmten Rahmen", zu einer „Gewohnheit an das Vertraute" und „Bewährte". Das Gewohnte und Bewährte führte zur „Langsamkeit des Wandels der Formenwelt zwischen den Epochen." Somit ist die Identität des Selben die Tradition.25

In der Gegenwart kann kein Gebäude mehr mit dem Begriff „Selbigkeit" bezeichnet werden. Zwar sind Siedlungen und Fertighäuser in der Ansicht gleich und versuchen sich an das Urbild anzupassen, trotzdem kann man nicht von der Identität des Selben sprechen. Bewohner bzw. Bauherren der Gebäude versuchen die Gebäude im Inneren oder durch Anbauten so zu verändern, dass sie sich von den Nachbarhäusern unterscheiden. Ein Individuum will ein Individuum mit einer eigenen Identität bleiben, somit versucht es sich von der Selbigkeit abzuheben und seine eigene Vorstellungen und Wünsche zu verwirklichen.26

Der Wunsch nach Veränderung der identitätsgebenden Faktoren und dadurch das Aufzeigen der eigenen Identität durch die Architektur wurde im Fertigbausektor erkannt und aufgenommen. Sogar Low-Cost Gebäude, ausgerichtet auf arme Bevölkerung in den Entwicklungsländern und auf Katastrophengebiete, bieten verschiedene Varianten an.

Abbildung 4: Beispiel für die Identität des Selben: Tempel der Artemis, Rekonstruktion27

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Identität des Ähnlichen

Die Identität des Ähnlichen ist ein „Phänomen der Repräsentation als wiederkehrende Aufführung des Selben". Die Repräsentation wird als „wieder präsent", also „gegenwärtig oder anwesend" angenommen oder als „etwas [...] an der Stelle von etwas anderem stehen[den]", also als „Stellvertreter für etwas Bekanntes". Durch die Repräsentation vollzieht das Objekt einen Wandel und ändert somit seine Identität. „Das ursprünglich Selbe wird aufgrund der sichtbaren Differenz zwischen seinem eigentlichen, historischem Ursprung [...] und dem Jetzt seiner Wahrnehmung zu einer Identität des Ähnlichen."28 Das bedeutet, dass nur durch Variationen in der Identität des Selben die Identität des Ähnlichen entstehen kann.29

Die Identität des Ähnlichen besteht aus der Kombination verschiedener architektonischer Elemente, die als Stellvertreter von anderen Elementen fungieren. Hierbei geht es nicht nur um die dekorativen Elemente, sondern auch um den Aufbau, wie die „Trennung der Architektur als Ganzheit von Innen und Außen, von tragender Konstruktion und sichtbarer Hülle."30

„Die Identität des Selbigen und des Ähnlichen streben nicht nach Autonomie, also Selbstständigkeit, sie will ja gerade als eine gelesen werden, die auf Selbes oder Ähnliches verweist." Beide Identitäten stehen im Bezug zu etwas, zeigen ihre Zusammenhänge und Analogien im Bauwerk.31

Abbildung 5: Beispiel für die Identität des Ähnlichen: Farnsworth House, Mies van der Rohe32

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Identität des Autonomen

Die Identität des Autonomen steht im kompletten Gegensatz zur Selbigkeit und Ähnlichkeit. Das Wort Autonomie bedeutet "Eigenständigkeit oder Eigengesetzlichkeit". Das Autonome versucht durch seine Eigenständigkeit die "Verschiedenheit", die Unabhängigkeit darzustellen.33 Die Identität des Autonomen beinhaltet eine Metapher "aus architekturfremden Quellen oder abstrakten Vorbildern."34

Die Villa Savoye in Poissy bezieht sich metaphorisch auf das Dampfschiff, also das Haus als Maschine.

"Das Objekt bezieht sich auf sich selbst, befreit von seinem gesellschaftlichen Bedeutungsgehalt und institutionalisierten Lesart. Der Betrachter beurteilt den Wert mit seiner eigenen Denkweise und Empfindung." Es befreit sich so sehr, dass der Betrachter nicht sofort erkennen muss, welchen Nutzen und welche Funktionalität ein Gebäude hat. Im Innenraum löst sich das Gebäude von den innenräumlichen Funktionen ab, um ein " Ort für ein individuelles Erlebnis" zu schaffen.35

Abbildung 6: Beispiel für die Identität des Autonomen: Villa Savoye, Poissy, Le Corbusier36

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Identität des Anderen

Die Identität des Anderen soll in der Architektur für den Betrachter als etwas Fremdes und Unverständliches wirken. „Das Andere kann mir im Ereignis der Wahrnehmung so nahe sein, dass ich eben gar nicht verstehen muss" aber positiv auf das Befremdliche reagieren kann. Es ist das Gegenstück des Erkennens des Gewohnten. Elemente der Architektur müssen in der Identität des Anderen nicht als das erkennbar sein, für das sie vorgesehen werden. Dieses kann man am folgenden Beispiel verdeutlichen: Eine Stütze fungiert in der Identität des Anderen als konstruktive Stütze, für den Betrachter aber wird diese Stütze nicht als die konstruktive Stütze erkennbar. Das Gebäude zeigt keine Metapher auf, „sondern eine eigenständige Ganzheit die sich aus architektonischen Motiven formt".37

Die Architektur der Identität des Anderen steht frei für verschieden Interpretationen und „Mehrfachdeutungen für die Assoziationen" jedes betrachtenden Individuums. Das Atelier Bardill des Architekten Valerio Olgiati, in der Schweiz, ist eine Architektur der Identität des Anderen. Das Material aus korrodiertem Stahl und Umrissen der Scheune spiegeln den Gegensatz zu der eigentlichen Materialität des Betons und eines zum Teil offenen Ateliers wieder. Welche Funktion oder Materialität das Gebäude hat und was die Rosetten an der Fassade darstellen, hat keine Bedeutung. Jeder Betrachter soll eigene Deutungen vornehmen.38

Abbildung 7: Beispiel für die Identität des Anderen: Atelier Bardill, Sharans, Valerio Olgiati39

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.3 Fazit zur Definition von Identität

„Den Charakter einer Stadt, ihre Atmosphäre, die bestimmenden Lebensstile, ihre Wahrzeichen und Symbole des Alltags wie der besonderen Festtage, die Unverwechselbarkeit eines Ortes, das ist es, was wir als Identität einer Stadt […] bezeichnen.“40 Nur durch die Analyse der Parameter der Identität des Menschen und der Identität des Genius Loci kann eine der vier Formen der Identität für ein Bauprojekt gewählt und somit den verschiedenen Ebenen, vom Stadtteil bis zur Gesamtstadt, eine eigene Identität verliehen werden. Identitätsstiftende Faktoren eines Wohnquartiers sind auch die Nutzungsmöglichkeiten, z.B. für Handel oder als Kulturhäuser. Somit entsteht aus dem Quartier bzw. der Stadt ein lebhaftes und attraktives, auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgerichtetes Umfeld. Doch die „Identität "entsteht erst, indem das Bauwerk durch die Menschen, durch die Bürger einer Stadt, als etwas Eigenes angenommen wird."41

Es müssen alle Faktoren der Identität der Menschen und der Identität der Architektur, wie traditionelle und kulturelle Aspekte, für das Zirsara Projekt berücksichtigt werden.

Ein erfolgreicher Lösungsansatz für die Siedlungsproblematik muss die Identität der bestehenden Architektur und die Identität des Menschen gleichermaßen berücksichtigen. Die Kernaussagen der Definition werden deshalb auf das Thema dieser Arbeit übertragen. Neben der Untersuchung der Identität der Stadt bzw. der Architektur in al Ƥurdaqa und der informellen Siedlung Zirsara liegt auch die Identität des Menschen bzw. der Bewohner im Focus der Untersuchung.

Die wichtigsten Untersuchungsparameter, die zur Entwicklung eines Lösungsansatzes für die Verbesserung der Marginalsiedlungen führen, sind die Einflussfaktoren der Identität des Städtebaus und der Architektur der Gebäude. Dazu gehört vor allem die Untersuchung der Geschichte Ägyptens, um festzustellen, wie sich die baulichen Strukturen in Ägypten und vor allem die Architektur in al Ƥurdaqa entwickelt hat. Durch die Arabisierung Ägyptens stellt sich die Frage, in wie weit die Formen der arabischen Stadt- und Baustruktur in der Vergangenheit und auch gegenwärtig angewandt werden und wie diese mit dem heutigen Bauvorgehen umgesetzt werden können. Die Struktur der informellen Siedlung Zirsara sowie die Behausungen, die Bausubstanz und das Bauvorgehen müssen untersucht werden, um zu erfahren, wie die Bewohner leben bzw. in dieser Struktur existieren. Die Zukunftsprognosen und die Entwicklung der Ballungsräume werden am Beispiel Kairo, der Hauptstadt des Entwicklungslandes, untersucht.

Die Identität der Bewohner wird anhand der Parameter des Fünf-Säulen-Models untersucht, mit dem Ziel, die Bedürfnisse der Menschen aus Zirsara zu erkennen und sie positiv umzusetzen. Dabei spielt die Herkunft der Bewohner, die Religionsangehörigkeit und die damit verbundene Diskriminierung eine sehr große Rolle. Durch das Analysieren der Arbeitsmarktsituation und der daraus folgenden Armut bzw. dem Reichtum, werden die Lebensgewohnheiten sowie die Lebensumstände sichtbar. Die Familienzusammenhänge und -größe sind sehr unterschiedlich im Vergleich zu einer europäischen Standardfamilie. Vor allem soll der Minimalwohnbedarf auf Basis der Beziehungen der Familien zueinander hergeleitet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gumhnjriyyat Misr al-‘Arabiyya

4 Arabische Republik Ägypten

4.1 Lage

Ägypten liegt größtenteils im Nordosten des afrikanischen Kontinents. Es gliedert sich in fünf Großlandschaften: Die Libysche Wüste, die Arabische Wüste, die Sinaihalbinsel sowie das Niltal und das Nildelta. Lediglich die Halbinsel Sinai gehört geografisch zu Asien. Das Land hat eine Fläche von

1 001 449 km² und grenzt an die Länder Libyen, Sudan und Israel. Die Fläche Ägyptens besteht zu 96% aus Wüste. Der Rest des Landes, also lediglich 4%, bietet Lebensraum für über 81 Millionen (81 121 077, Stand: Juli 2010) Einwohner, die hauptsächlich entlang des Nilufers leben.42

Abbildung 8: Landkarte Ägypten43

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.2 Bevölkerung

Die größte Bevölkerungsgruppe mit 91% bilden Araber mit Wurzeln der alten Ägypter. Zu den Minderheiten gehören die Nubier, die Beduinen und die Berber. Ägyptens Einwohnerzahl wächst jährlich um 1,75% stetig weiter. Aufgrund der hohen Geburtenrate wird der demografische Wandel immer bedeutender: Ein Drittel der Bevölkerung Ägyptens ist unter 15 Jahre.

Ägyptische Bauern, Fellachen genannt, besiedeln das fruchtbare Land am Nilufer. Ihr Anteil betrug im Jahr 2008 31,6% an der Gesamtbevölkerung Ägyptens.44 Durch das fehlende Bauland und durch den Wassermangel im Landwirtschaftssektor kommt es zur gewaltigen Landflucht, welche den Prognosen zufolge weiter wachsen wird. Die Menschen siedeln in die Ballungszentren Ägyptens um, mit dem Wunsch ihre Lebensqualität durch Arbeit zu verbessern. Zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt zählen das Niltal und das Nildelta.45 Doch in der Hauptstadt Kairo sowie in den anderen Ballungszentren am Nil fehlt es an Arbeitsplätzen. Dies gehört zu den Hauptursachen dafür, dass ca. 20% der ägyptischen Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze leben.

Im Human Development Index belegt Ägypten nur den 101. Rang von 169 aufgeführten Staaten. Dieser Index erfasst jährlich die grundlegenden Bereiche der menschlichen Entwicklung. Dazu gehören z.B. das Pro-Kopf-Einkommen, die Lebenserwartung und die Bildung. Durch den Erhalt des niedrigen Ranges hat Ägypten einen geringeren Entwicklungsstatus erhalten. Die große Arbeitslosigkeit ist das Kernproblem in Ägypten. Von jährlich 600 000 jungen Schul- und Universitätsabsolventen bleiben rund zwei Drittel arbeitslos. Zudem sind ca. 40% der Ägypter Analphabeten, vor allem Frauen, wodurch die Aussichten auf eine gute Arbeitsstelle schwinden.46 Auch werden die meisten Tätigkeiten sehr schlecht bezahlt.47

Die fehlenden Mittel zum Erwerb oder zur Anmietung einer Wohnung und eine sehr ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen in Ägypten führen dazu, dass aktuell mehr als 12 Mio. Menschen in informellen Siedlungen leben.48

4.3 Klima

Ägypten liegt im nordafrikanischen Trockengürtel. Von Norden nach Süden wird das Klima immer wärmer mit abnehmender Niederschlagsmenge. Das Nildelta und die Mittelmeerküste haben ein Mittelmeerklima. Im Sommer ist es heiß und trocken, im Winter eher mild, es kann aber regenreich werden. Die mittlere Niederschlagsmenge liegt in der Region zwischen 100 und 200 mm.

Nach Süden hin herrscht ein Wüstenklima. Das Klima am Roten Meer, u.a. in den Städten Sharm el Sheikh und al Ƥurdaqa, ist sehr heiß und trocken. Die Winter sind mild und warm. Durch den nordöstlichen Wind vom Meer wird die sehr hohe Temperatur erträglicher. Das Wüstenklima zeichnet sich durch extreme Hitze- und Kälteschwankungen zwischen Tag und Nacht und durch eine sehr niedrige Niederschlagsmenge aus. In der Wüste herrschen extremere Schwankungen, da es an Wärmespeichern, wie z.B. dem Meer, fehlt.

Im Frühjahr und Herbst, im Zeitraum von 50 Tagen, weht aus Süden der Khamsin. Dieser Wind bringt heiße, sehr trockene Luft und Sandstürme. Er dauert ungefähr drei bis vier Tage bis er von dem kalten Wind aus Nordost verdrängt wird und durch die Umstellung im Mittelmeerklima der Regen beginnt.49

4.4 Landessprache

Als Amtssprache gilt das moderne Hocharabisch. Als Umgangssprache wird aber ein ägyptisch-arabischer Dialekt verwendet. Englisch und in wenigen Teilen des Landes Französisch werden als Geschäfts- und Bildungssprachen benutzt.50

4.5 Religion

Die Identität der Ägypter wird auch durch ihre Religion geprägt. Die Staatsreligion in Ägypten ist der Islam. Dem muslimischen Glauben gehören ca. 92% der Bevölkerung an. Davon zählen 99% der Muslime zu den Sunniten und 1% zu den Schiiten. Zu einer weiteren Minderheit gehören die christlichen Kopten mit ca. 6 % der ägyptischen Bevölkerung. Davon werden ca. 91% der Kopten dem koptisch-orthodoxen und die restlichen Gläubigen dem koptisch-katholischen Glauben zugeordnet. Die restlichen 2% der Bevölkerung gehören sonstigen Religionsgemeinschaften an. Interreligiöse Ehen stellen in Ägypten eine große Ausnahme dar.51

Die Beziehung zwischen Moslems und Kopten Seit der Ernennung des Islams zur Staatsreligion im Jahr 1972 werden die Kopten gesetzlich und menschlich diskriminiert, trotz der offiziellen Religionsfreiheit. Kopten verstehen sich als Nachfahren der pharaonischen Niltalbewohner. Das arabische Wort für Kopten ist 'kupt'. Es leitet sich von dem griechischen Wort 'Aigyptos' (Ägypter) ab. Viele Kopten werden in den Städten in Marginalsiedlungen gedrängt. Zwar gab es in der Vergangenheit in Ägypten keine landesweite und organisierte Christenverfolgung wie in anderen muslimischen Ländern, doch es kam schon seit der Islamisierung Ägyptens in Einzelfällen zur Zerstörung von Kirchen und koptischen Häusern. Da es bis zum 19. Jahrhundert verboten war neue Kirchen zu erbauen oder zu sanieren, sind nur wenige Kirchen aus dieser Zeit erhalten geblieben. Um neue Kirchengebäude zu errichten, müssen offizielle Genehmigungen vorliegen, die für Kirchen fast nicht zu bekommen sind. Eine Moschee kann ohne Genehmigung von jedem Moslem gebaut werden. Für den Kirchenbau müssen zehn Bedingungen erfüllt werden. Eine der Regelungen ist, dass in einer speziellen Entfernung keine Moschee stehen darf. In der Praxis passiert es häufig, dass bei der seltenen Erteilung einer Genehmigung für den Kirchenbau sehr schnell in der Nähe eine Moschee gebaut wird, damit die Erlaubnis zurückgerufen wird. Daher entschließen sich immer mehr Kopten informelle Kirchen zu errichten. In Einzelfällen werden die Kopten bei ihren religiösen Festen und Prozessionen von Muslimen gestört, angegriffen und deren Relikte zerstört. Koptische Studenten werden oft so sehr diskriminiert, dass sie sich fürchten in Wohnheime zu ziehen, da sie befürchten, dort überfallen zu werden. In der Vergangenheit kam es zu Angriffen der Muslimbrüder auf koptische Studentinnen. Manche Hochschulen dürfen von Kopten erst gar nicht besucht werden. Die Kopten revanchieren sich für die Diskriminierung, indem sie Moscheen anzünden und Kämpfe gegen ihre muslimischen Mitbürger führen. In Kairo und in den informellen Siedlungen kommt es des Öfteren zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kopten und Moslems, was sich nach der Revolution noch weiter verschlimmert hat.52 Als eine weitere Diskriminierung sehen die Kopten die Schlachtung von über 300 000 Schweinen im Jahr 2009 an. Da Schweine in der muslimischen Kultur als unrein gelten, werden diese nur von Kopten gezüchtet. Größtenteils leben diese mit den Menschen in den informellen Siedlungen und dienen als günstige Fleischlieferanten. Als einziges Land hat Ägypten radikal alle Tiere schlachten lassen. Die Begründung der Regierung war die Vernichtung des A H1N1 Virus, als Schweinegrippe bekannt. Nicht nur, dass sehr viele Kopten ihre Existenzgrundlage dadurch verloren haben, sie beschuldigen den Staat mit Absicht gegen die christliche Minderheit zu wirken.53 Nach der Revolution und dem Sieg der Muslimbruderschaft und der Salafisten haben immer mehr Kopten Angst vor Angriffen. Schon nach dem Sturz des Präsidenten kam es zu zwei Anschlägen an koptischen Kirchen. Seit dieser Zeit haben über 100 000 Kopten Ägypten verlassen und es werden noch sehr viele folgen. Durch die starke Verfremdung beider Religionsgruppen leben die Menschen nach Religionszugehörigkeit in verschiedenen Wohngebieten getrennt. Auch der Kontakt zu Angehörigen der anderen Glaubensrichtung wird auf ein notwendiges Minimum beschränkt. Insbesondere werden keine Ehen zwischen Kopten und Muslimen geschlossen und sogar Geschäftsbeziehungen möglichst vermieden. Der Konflikt wird durch die aktive Diskriminierung und Angriffe noch weiter verstärkt. Beide Gruppen leben zwar gemeinsam in einem Land aber leben nicht miteinander.54

[...]


1 vgl. Kaspar, P. 2003, S.10 ff

2 vgl. Ribbeck, E. 2003, URL

3 vgl. Raczkowsk y, B. 2009, S.100 f

4 vgl. UN-HABITAT 2003, S.11 ff

5 vgl. UN-HABITAT 2003, S. 9 f

6 vgl. BPB, 2009, URL

7 vgl. UNICEF, 2012, URL

8 vgl. UNICEF, 2012, URL

9 vgl. UNICEF, 2012, URL

10 vgl. Gormsen, E. Thimm, A. 1994, S.167 ff

11 vgl. Nesbitt, C. 2012, S.13 ff

12 vgl. Blümer, T. 2012, URL

13 vgl. Eiselmair, P. 2012, URL

14 vgl. Petzold, H. 2007, S. 539

15 vgl. Eiselmair, P. 2012, URL

16 vgl. Eiselmair, P. 2012, URL

17 vgl. Eiselmair, P. 2012, URL

18 vgl. Eiselmair, P. 2012, URL

19 vgl. Eiselmair, P. 2012, URL

20 vgl. Petzold, H. 2007, S. 539 f

21 vgl. Schoper, T. 2009, S. 38

22 vgl. Schoper, T. 2009, S. 38

23 vgl. Pieper, J. 1984, S.27 ff

24 vgl. Schoper, T. 2009, S. 88

25 vgl. Schoper, T. 2009, S. 108 ff

26 vgl. Schoper, T. 2009, S. 112 ff

27 vgl. Schiemann, T. 2012, URL

28 vgl. Schoper, T. 2009, S. 117

29 vgl. Schoper, T. 2009, S. 117 f

30 vgl. Schoper, T. 2009, S. 131 f

31 vgl. Schoper, T. 2009, S. 124 f

32 vgl. Welch, A. 2012, URL

33 vgl. Schoper, T. 2009, S.131

34 vgl. Schoper, T. 2009, S. 170

35 vgl. Schoper, T. 2009, S. 151

36 vgl. Rocha, W. 2010, URL

37 vgl. Schoper, T. 2009, S.198

38 vgl. Schoper, T. 2009, S.193

39 vgl. Passamonti, S. 2011, URL

40 vgl. Bittner, R. 2010, S.4

41 vgl. Springer, J. 2012, S.5

42 vgl. Rauch M., Kreißl B. 2005, S.12 ff

43 vgl. Zynga, L. 2012, URL

44 vgl. BMZ, 2012, URL

45 vgl. Rauch, M., Kreißl B. 2005, S.12 ff

46 vgl. BMZ, 2012, URL

47 vgl. Augustin, D. 2012, URL

48 vgl. Amnesty International, 2011, S.11

49 vgl. Hüneburg, M. 2012, URL

50 vgl. Augustin, D. 2012, URL

51 vgl. Rauch, M., Kreißl B. 2005, S.12 ff

52 vgl. Alt, E. 1980, S.50 ff

53 vgl. El-Ga whary, K. 2009, URL

54 vgl. Hanselmann, M. 2011, URL

Ende der Leseprobe aus 159 Seiten

Details

Titel
Identität schafft Identität. Architektur gegen Elendsviertel in Zirsara, al Gurdaqa, Ägypten
Hochschule
HBC Hochschule Biberach. University of Applied Sciences
Note
2,2
Autor
Jahr
2012
Seiten
159
Katalognummer
V199152
ISBN (eBook)
9783668133396
ISBN (Buch)
9783668133402
Dateigröße
9962 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Gesamtnote beinhalten die schriftliche Thesis zusammen mit den architektonischen Plänen
Schlagworte
Slum, Identität, Marginalsiedlung, informelle Siedlung, Ägypten, Hurghada, Rotes Meer, Armut, Verstädterung, Zirsara, al Gurdaqa, arabischer Baustil, Low Cost, Modul, Islam, Kopten
Arbeit zitieren
Karolina Wezyk (Autor), 2012, Identität schafft Identität. Architektur gegen Elendsviertel in Zirsara, al Gurdaqa, Ägypten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199152

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