Die Zukunft der Arbeit - Diskussion kontroverser Szenarien


Diplomarbeit, 2003

56 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zukunft der Arbeit - Übergang oder Untergang?
1.2 Vorgehen und Gliederung

2 Rund um den Arbeitsbegriff
2.1 Etymologie und Semantik
2.2 Historische Entwicklung des Arbeitsbegriffs
2.2.1 Vorbemerkung
2.2.2 Antikes Griechenland
2.2.3 Imperium Romanum
2.2.4 Jüdisch-christliche Tradition: Altes Testament
2.2.5 Neues Testament und frühes Christentum
2.2.6 Christliches Mittelalter
2.2.7 Reformation: Protestantisches Arbeits- und Berufsethos
2.2.8 Industrialisierung: Smith, Hegel und Marx
2.2.9 Erkenntnisse und Folgerungen: Der Stellenwert der Arbeit heute

3 Arbeit heute: Diagnosen und Trends

3.1 Vorbemerkung
3.2 Ökonomischer Bereich
3.2.1 Neue Welthandelsordnung
3.2.2 Neue internationale Finanzordnung
3.2.3 Unternehmensphilosophie: zunehmende Orientierung am Shareholder Value
3.2.4 Veränderungen im Verhältnis zwischen den Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit
3.2.5 Veränderungen in den Wirtschaftssektoren: Tertiarisierung
3.2.6 Rolle der Gewerkschaften
3.3 Technologischer Bereich
3.4 Gesellschaftlicher Bereich
3.4.1 Individualisierung
3.4.2 Erwerbsbeteiligung
3.4.3 Freiwilligenarbeit
3.4.4 Demografie
3.5 Organisation und Individuum
3.5.1 Flexible Organisations- und Arbeitsformen
3.5.2 Arbeitstypen der Zukunft
3.5.3 Erosion der Normalarbeit
3.6 Natürliche Ressourcen und Nachhaltigkeit
3.7 Fazit

4 Kontroverse Szenarien zur Zukunft der Arbeit
4.1 Szenarien als Instrument zur Modellierung von Entwicklungspfaden und Zukunftsbildern
4.2 Strukturierung
4.3 Neoliberales Referenzszenario: Globalisierung als Chance
4.3.1 Beschreibung
4.3.2 Kritik
4.4 Alternativszenario: Vergesellschaftung jenseits der Erwerbsarbeit
4.4.1 Voraussetzung
4.4.2 Beschreibung
4.4.3 Kritik

5 Schlussfolgerungen

Anhänge

A1 Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Systematisierung der Szenarien zur Zukunft der Arbeit nach Bonss (Bonss 2000, S. 374)

Tabelle 2: Systematisierung der Szenarien zur Zukunft der Arbeit nach Beck (Beck 1999, S. 41)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Abhängig Beschäftigte in Norm- und Nicht-Normarbeitsverhältnissen in Westdeutschland 1970-1995

1 Einleitung

1.1 Zukunft der Arbeit - Übergang oder Untergang?

Welche Bedeutung hat die Arbeit für unsere Gesellschaft?

«Die einzig verbliebene Gottheit?» - so ist ein Artikel zum Tag der Arbeit 2003 übertitelt (Geisel 2003). Die Religion ist in der säkularen Moderne zunehmend aus dem öffentlichen Leben verschwunden, geblieben ist jedoch die protestantische Arbeitsethik, die den Fleissigen in den Gnadenstand erhebt und dem Faulen den göttlichen Wohlgefallen verweigert. Die Moralisierung der Arbeit hat eine Eigendynamik entwickelt und sich verselbständigt: Die Arbeit hat sich von dem höheren Sinn, dem Dienst zu Ehren und im Auftrag Gottes, gelöst und ist selbst zum Sinn geworden. Gorz (2000, S. 82) diagnostiziert einen gar Arbeitsfetischismus, an dem unsere Gesellschaft obsessiv festhält, obwohl bereits heute und noch weniger in Zukunft allen eine entlohnte Arbeit an einem festen Arbeitsplatz zugänglich sein wird. Die Erwerbsarbeit als Quelle persönlicher Identität, sozialer Integration und Anerkennung, gesellschaftlichen Zusammenhalts und als strukturierendes Element des Zeitablaufs erscheint unter dieser Voraussetzung akut gefährdet.

Was, wenn die Vollbeschäftigung nicht zurückkehrt?

Was sind nun die Folgen der Heiligsprechung der Arbeit, in einer Zeit, in der 4,3 Millionen Deutsche von Arbeitslosigkeit betroffen sind und die Zukunftsprognosen keine Besserung verheissen, ausser vielleicht einer gewissen Linderung durch die demografische Alterung in den nächsten zwanzig Jahren? Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus, wenn der technologische Fortschritt nur noch jobless growth verheisst und die Vollbeschäftigung nicht wiederkehrt? Wie kann der soziale Zusammenhalt gesichert werden, wenn eine sinkende Zahl Erwerbstätiger das Auskommen aller anderen durch private und staatlich vorgegebene Transferleistungen bestreiten muss?

Wie könnte die Zukunft der Arbeit konkret aussehen?

Die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Aspekte sind das eine, doch wie werden die organisationalen und individuellen Arbeitsbedingungen der zukünftigen «Jobholders» aussehen? Welche Qualifikationen werden benötigt? Wie wirkt sich die Flexibilisierung von Arbeitsverhältnissen und die verstärkte Zurechnung von Unternehmensergebnissen auf kleinere Einheiten bis hinunter zum einzelnen Mitarbeiter aus? Wie sieht es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus? Werden diejenigen, die eine Stelle haben, tendenziell überfordert und überarbeitet sein, während die Stellenlosen mit den psychischen und sozialen Folgen des Ausschlusses aus der Arbeitswelt kämpfen?

Anknüpfen an die Diskussion der 80er-Jahre

Die Diskussion über die Zukunft der Arbeit ist nicht neu. Bereits Ende der 70er-Jahre bis etwa 1985 wurde in Deutschland ein gesellschaftliche Debatte unter diesem Titel geführt (vgl. Belitz 2002, S. 42ff.). Als Folge der Automation wurde, in Anlehnung an Hannah Arendt (Arendt 2002, S. 12f.) befürchtet, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht. In die gleiche Kerbe schlug ein Bericht des Club of Rome über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Mikroelektronik (Friedrichs/Schaff 1982). In diesen Beiträgen wurde die These aufgestellt, dass Arbeitslosigkeit nicht mehr ein rein konjunkturelles Phänomen, sondern eine Begleit- und Folgeerscheinung des technologischen Wandels sei. Die Schere zwischen Produktion und Produktivität würde sich weiter öffnen und Arbeitskraft in grossem Umfang freisetzen.

Arbeitslosigkeit als zwangsläufige Folge der technologischen Entwicklung?

Tatsächlich ist das Volumen der Erwerbsarbeit in Westdeutschland, gemessen in Arbeitsstunden, zwischen 1960 und 2000 um 20% zurückgegangen[1], während sich gleichzeitig das Bruttosozialprodukt in realen Preisen verdoppelt hat (Belitz 2002, S. 36ff.). Immer mehr Güter und Dienstleistungen werden mit immer weniger Arbeitskraft produziert.

Analyse der Einflussfaktoren statt Prophezeiungen

Zukunft ist noch nicht Wirklichkeit, sondern erst Möglichkeit. Insofern ist es zutreffender, von den Zukünften der Arbeit als Plural zu sprechen. Die künftigen Formen von Arbeit können heute nicht im Detail beschrieben werden. Stattdessen können die Kräfte benannt werden, die auf wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und technologischer Ebene auf die Arbeitsverhältnisse und die Arbeitenden einwirken. Auf dieser Grundlage darf dann gewagt werden, die laufenden Entwicklungen zu diagnostizieren und Prognosen aufzustellen, wie sie Art, Umfang und Verteilung der Beschäftigung beeinflussen.

Vielzahl von z.T. gegensätzlichen Modellen

Zahlreiche Autoren haben zu diesem Thema publiziert und verschiedene, zum Teil gegensätzliche Thesen, Modelle und Utopien zur Zukunft der Arbeit entwickelt. Eine Auswahl dieser Ansätze ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Die Intention dieser Arbeit ist es, die Ansätze entlang ihrer Argumentationsmuster zu analysieren, einzuordnen und kritisch zu hinterfragen. Das Erkenntnisziel ist eine strukturierte Übersicht über das Spektrum an Zukunftsbildern.

1.2 Vorgehen und Gliederung

Einleitung und Grundlagen zum Arbeitsverständnis

Die Arbeit gliedert sich in drei Hauptkapitel und die Schlussfolgerungen. Nach diesem einleitenden Abschnitt werden in Kapitel 2 die Grundlagen zur Einordnung des Themas Arbeit und des Arbeitsverständnisses gelegt. Zuerst wird kurz auf Wortbedeutung und Wortherkunft eingegangen, danach wird anhand einiger repräsentativer Stationen die sozialhistorische Entwicklung des Arbeitsbegriffs und -verständnisses dargelegt. Der Nutzen einer solchen Betrachtung besteht einerseits in der Relativierung des heutigen Einstellung zur Arbeit: Erwerbsarbeit war demnach nicht immer die zentrale Vergesellschaftungsinstanz in unserer Kultur und muss es in diesem Ausmass auch nicht unbedingt bleiben. Anderseits zeigt Entwicklung, wie eng verknüpft das Arbeitsverständnis mit dem jeweiligen sozialen und wirtschaftlichen Machtgefüge ist.

Einflussfaktoren, Entwicklungen und Trends

In Kapitel 3 geht es darum, die wichtigsten Einflussfaktoren auf die Arbeit und damit auf die Zukunft der Arbeit systematisch darzustellen. Dabei werden die jüngeren Entwicklungen und Trends aus den Bereichen Ökonomie, Technologie, Gesellschaft, Organisation und Individuum sowie Natürliche Ressourcen jeweils im Hinblick auf ihre absehbaren Auswirkungen auf die (Erwerbs-)Arbeit in qualitativ und/oder quantitativer Hinsicht nachgezeichnet.

Zukunftsszenarien

Kapitel 4 setzt sich mit Szenarien zur Zukunft der Arbeit auseinander. Nach einem einführenden Abschnitt über Szenarien als Instrument zur Darstellung von Entwicklungspfaden und Zukunftsbildern wird gezeigt, wie mögliche Szenarien ihrer Ausrichtung nach systematisiert werden können. Anschliessend werden zwei exemplarische Szenarien zur Zukunft der Arbeit beschrieben und einander gegenübergestellt.

Schlussfolgerungen

In den Schlussfolgerungen (Kapitel 5) wird noch einmal ein Bogen geschlagen zum Arbeitsbegriff und seiner Entwicklung. Dabei wird die Frage aufgeworfen, inwiefern der heute gängige Arbeitsbegriff revidiert werden müsste, um die anspruchsvollen und teilweise schmerzhaften Wandlungsprozessen, denen die westlichen Gesellschaften und Individuen in Bezug auf die Arbeit ausgesetzt sein werden, zu bewältigen.

2 Rund um den Arbeitsbegriff

2.1 Etymologie und Semantik

Wortherkunft weist auf Bedeutungswandel hin

Das deutsche Wort Arbeit geht auf ein mittelhochdeutsches arebeit zurück. Es ist vermutlich eine Bildung zu einem im germanischen Sprachbereich untergegangenen Verb mit der Bedeutung «verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingtes Kind sein», das von indogermanisch *orbho [2] «verwaist» abgeleitet ist. Bis ins Neuhochdeutsche hinein bedeutet Arbeit «schwere körperliche Anstrengung, Mühsal, Plage», ist also zunächst eindeutig negativ besetzt (vgl. Duden Etymologie 1989, S. 43). Geht man den Entsprechungen des deutschen Begriffs Arbeit und bedeutungsverwandter Wörter in anderen europäischen Sprachen nach, stellt man fest, dass die Wurzeln des Begriffs «Arbeit» alle mit den etymologischen Wurzeln von Mühsal im Sinne einer Unlust und Schmerz verursachenden körperlichen Anstrengung identisch sind (Arendt 2002, S. 428) .

Heutige Bedeutungen

Der Blick in ein heutiges Wörterbuch (vgl. etwa Wahrig 1980, S. 419) zeigt eine alltagssprachliche Verwendung des Begriffs «Arbeit», die mehrere Aspekte abdeckt: Zunächst einmal ist mit Arbeit eine zielgerichtete körperliche oder geistige Betätigung, Tätigkeit oder Beschäftigung gemeint. Eine Zweitbedeutung verengt den Blickwinkel auf den Beruf, die Anstellung oder das Dienstverhältnis. Eine dritte führt die ursprüngliche Hauptbedeutung weiter und stellt den Aspekt der Anstrengung in den Vordergrund: Arbeit im Sinne von lat. labor, also Mühe, Strapaze, Beschwerde, Not. Weiter kann Arbeit auch im physikalischen Sinn als das Produkt aus Kraft und Weg gebraucht werden. Schliesslich wird mit Arbeit das Produkt der Arbeit selbst bezeichnet, so z.B. bei Schularbeit oder Doktorarbeit.

«Arbeit» ist heute meist positiv konnotiert

Die deutlich negative Konnotation des Arbeitsbegriffs, auf welche die Etymologie hinweist, ist im modernen Sprachgebrauch stark zurückgedrängt worden. «Arbeit» ist im Gegenteil nunmehr fast durchwegs neutral oder positiv besetzt.

Bedeutungsverschiebung als Spiegel gesellschaftlichen Wandels

Sprache entwickelt sich nicht im luftleeren Raum, sondern ist Ausdruck des sozialen Kontexts, in dem sie gebraucht wird. Wenn sich die Bedeutung von Begriffen im Zeitablauf verschiebt, darf vermutet werden, dass der semantischen Verschiebung eine lebensweltliche Veränderung zugrunde liegt. Arendt konstatiert eine revolutionäre Umwandlung der Arbeit, wenn für uns heute die ursprüngliche Wortbedeutung, die Mühe und Plage, An strengung und Schmerz einschloss und zu der sich der Mensch nur unter dem Druck der Armut und des Elends bereitfinden konnte, ihren Sinn verloren hat (Arendt 2002, S. 60f.). Wie es zu diesem fundamentalen Bedeutungswandel gekommen ist, wird im folgenden Kapitel 2.2 untersucht.

2.2 Historische Entwicklung des Arbeitsbegriffs

2.2.1 Vorbemerkung

Schriftliche Zeugnisse in ihrem Entstehungskontext interpretieren

Um den Bedeutungswandel des Begriffes «Arbeit» nachzuvollziehen und sich auf dieser Grundlage anschliessend mit der Zukunft der Arbeit auseinanderzusetzen, seien hier die wichtigsten Stationen in der Geschichte der Arbeit kurz wiedergegeben. Insbesondere was die älteren schriftlichen Quellen betrifft, ist jedoch eine gewisse herrschaftskritische Distanz angebracht, da in ihnen primär die Sicht einer schreibkundigen Oberschicht zum Ausdruck kommt, welche sich von den Tätigkeiten, die «unmittelbar mit der Notdurft des Lebens verbunden sind» (Arendt 2002, S. 100), durch deren Delegation an Unfreie oder Bedienstete befreit hatten. Die Sicht der damaligen Arbeitenden wäre möglicherweise eine andere.

2.2.2 Antikes Griechenland

Bürger ist, wer nicht arbeiten muss

Bei verschiedenen Schriftstellern im antiken Griechenland zeigt sich eine Verachtung jener Arbeit, die der Aufrechterhaltung des Lebens dient und keine bleibenden Spuren hinterlässt. Diese Geringschätzung griff im Laufe der Entwicklung der Polis und der Zunahme der Ansprüche an die Mitwirkung der Bürger am öffentlichen Leben immer mehr um sich, bis sie schliesslich alles einschloss, was grössere körperliche Anstrengung erforderte (Arendt 2002, S. 100). Dabei bestand ein fundamentaler Zusammenhang zwischen dem Bürgerstatus und dem Privileg, nicht arbeiten zu müssen. Die ideale Polis sollte gemäss Aristoteles alle vom Bürgerrecht ausschliessen, die nicht über genügend Musse zur Entfaltung ihrer Tugend und zur Teilnahme an den Angelegenheiten der Polis hatten. Ausser den Handwerkern und Kaufleuten waren darin auch die Bauern eingeschlossen (vgl. Nippel 2000, S. 55). Körperliche Arbeit wurde als sklavisch empfunden, weil sie von den Notwendigkeiten des Lebens erzwungen war. Die Sklaven wurden jedoch nicht zum Zweck der ökonomischen Ausbeutung gehalten, sondern um die Bürgerschaft von der eigenhändigen Bewältigung der unmittelbaren Lebenserfordernisse zu befreien.

Sklaverei als legitimes Mittel, um frei zu werden für den Dienst an der Polis Hierin liegt denn auch die Begründung der Sklaverei: Man brauchte Sklaven, weil es notwendige Tätigkeiten gibt, die ihrer Natur nach sklavisch sind, indem sie dem Leben und seiner Notwendigkeit unterworfen sind. Wer arbeitete, war demnach ein Sklave der Notwendigkeit, was jedoch im Wesen des menschlichen Lebens lag. Die einzige Möglichkeit für den Menschen, von der Notwendigkeit frei zu werden, bestand in der Versklavung anderer. Die Sklaverei an sich bedurfte daher keiner Verteidigung, da sie durch die Natur der Sache gerechtfertigt war (Arendt 2002, SS. 101 u. 437, mit Verweis auf Aristoteles).

2.2.3 Imperium Romanum

Soziale Diskriminierung der körperlich Arbeitenden

Die Verachtung der körperlichen Arbeit galt auch im römischen Reich. Physische Arbeit wurde auch dann politisch und sozial diskriminiert, wenn sie von Freien geleistet wurde. Auch hier gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Bürgerstatus und der Freiheit von körperlicher Arbeit: Tagelöhner und Handwerker waren in vielen Städten von politischen Ämtern ausgeschlossen, sie wurden in der Rechtssprechung benachteiligt und hatten einen tiefen sozialen Status (Schneider 1983a, S. 107). Cicero schreibt mit dem Standesbewusstsein eines vermögenden Oberschichtvertreters (De officiis I, 150, zitiert nach Schneider 1983a, S. 108):

«Eines Freien nicht würdig und schmutzig ist der Erwerb aller Tage- löhner, deren Arbeitsleistung, nicht deren Fertigkeiten gekauft werden. Bei ihnen ist eben der Lohn der Preis für die Sklavenarbeit. […]. Auch alle Handwerker betätigen sich in einer schmutzigen Kunst [3]. Denn eine Werkstatt kann nichts Freies haben.»

Nicht alle Berufe sind mit dem Bürgerstatus unvereinbar

Die römische Antike teilte die Berufe in artes liberales und artes sordidae ein. Erstere schänden einen freien Mann nicht, denn sie dienen der utilitas. Dazu zählen die Römer z.B. die Architektur, die Medizin und die Landwirtschaft. Die andere Gruppe wird gering geschätzt. Sie enthält die knechtischen Gewerbe, die der necessitas zugeordnet sind und nur ergriffen werden, um den nackten Lebensunterhalt zu bestreiten. Darunter fallen beispielsweise Tischler, Schreiber, Metzger und Köche (Arendt 2002, S. 109).

2.2.4 Jüdisch-christliche Tradition: Altes Testament

Gott als erster Arbeiter: kein Klassenunterschied durch die Notwendigkeit zu arbeiten Der hebräische Schöpfungsmythos gesteht dem Menschen eine partnerschaftliche Einheit mit seinem Schöpfer zu, nachdem Gott als «erster Arbeiter der Weltgeschichte» aufgetreten ist (Kruse 2002, S. 60f.). Interessant ist dabei auch die Dichotomie von Arbeit und Ruhe: Der siebte Schöpfungstag als Ruhetag findet später seine Entsprechung im Sabbatgebot für den Menschen. Arbeit und Ruhe konstituieren eine Einheit dar, wobei die Ruhe nicht gleichzusetzen ist mit der aristotelischen Musse (vgl. Kap. 2.2.2), sondern Kontemplation vor Gott meint. Der integrative Charakter von Arbeit und Ruhe verhindert die einseitige Betonung eines der beiden Pole und wirkt so einer Klassengesellschaft zwischen denen, die arbeiten müssen und denen, welche sich Musse leisten können, entgegen (Kruse 2002, S. 62).

Der arbeitende Mensch ist Mitschöpfer

Der Mensch als Ebenbild Gottes hat im Paradies den Auftrag erhalten, durch seine Arbeit Gottes Werk zur Vollendung zu bringen. Die Grundbedingung des Paradieses ist damit nicht die Abwesenheit von Arbeit. Nach dem Sündenfall wird das Arbeiten jedoch erheblich härter, da Gott den Acker mit einem Fluch belegt und dieser fortan nur noch mit Mühsal im «Schweisse des Angesichts» kultiviert werden kann. Arbeit ist zur Schinderei geworden, aber der Mensch bleibt Teilhaber an der Weiterschöpfung und entfaltet sich so in seiner Menschlichkeit (Kruse 2002, S. 64).

2.2.5 Neues Testament und frühes Christentum

Arbeit kein Grund mehr für soziale Diskriminierung

Im Neuen Testament wird die Alltags- und Erwerbsarbeit der Menschen kaum thematisiert, jedoch besteht das Personal, inklusive Jesus und seinen Jüngern, vornehmlich aus Angehörigen alltäglicher Berufe, die alltägliche Tätigkeiten auf alltäglichen Schauplätzen verrichten. Nach antiker Lesart würden sie zu den sozial deklassierten und diffamierten Menschen gehören. Die Verkündigung des Evangeliums wird als Arbeit bezeichnet und der körperlichen Arbeit unmittelbar gleichgestellt (Oexle 2000, S. 69). Die griechisch-römische Vorstellung, dass Freisein von körperlicher Arbeit die höchste Form des Lebens sei, weil nur so eine politische Betätigung und ein ethisch vollkommenes Leben möglich sei, verkehrt sich also in ihr Gegenteil (Oexle 2000, S. 70).

Den Menschen nicht an dem messen, was er leistet oder besitzt Jesus bedient sich für seine Gleichnisse zwar gerne bei Beispielen aus der Arbeitswelt, das zentrale Thema der Evangelien ist jedoch das nahende Reich Gottes. In diesem Zusammenhang wird auch oft soziale Ungerechtigkeit angeklagt und in Kontrast gesetzt zum Reich Gottes: Geht es im Diesseits um Leistung und Besitz, so wird im Reich Gottes jedem gegeben, was er braucht[4]. Es wird auch davor gewarnt, die Arbeit aufgrund der alltäglichen Sorge um das Leben und das Morgen in ihrem Wert zu überhöhen. Die Botschaft der Evangelien läuft auf eine Warnung hinaus, den Menschen nicht an dem zu messen, was er leistet oder besitzt (Kruse 2002, S. 75ff.).

Ranggleichheit aller Berufe und Aufwertung der Arbeit:

Im Christentum hat das Erdenleben einen absoluten Wert, indem es Beginn und Bedingung der Unsterblichkeit darstellt. Die christliche Verabsolutierung des Lebens brachte eine Nivellierung der römischen Gliederung der Berufe in die artes liberales und die artes sordidae mit sich. Diese wurden nun alle gleichermassen als Tätigkeiten betrachtet, die notwendig sind, um den Lebensprozess in Gang zu halten. Die Verachtung für sklavische Arbeit war unter diesen Vorzeichen nicht mehr haltbar (Arendt 2002, S. 403). Augustinus (354-430) betont die Ranggleichheit jeder Arbeit vor Gott, sofern sie als Gottesdienst, redlich und ohne Jagen nach Gewinn getan wird (Steinmetz 1997, S. 23). Insgesamt lässt sich, verglichen mit der griechischrömischen Antike, eine markante Aufwertung der Arbeit feststellen.

2.2.6 Christliches Mittelalter

Rückgriff auf Aristoteles: Die vita contemplativa steht über der vita activa

Im Mittelalter wurde die griechische Philosophie wieder entdeckt, insbesondere Aristoteles. Dieser Einfluss zeigt sich in der kirchlichen Lehre des Thomas von Aquin (1225-1274). Er nimmt einerseits das alttestamentliche positive Arbeitsverständnis aus der Schöpfungsgeschichte auf, demzufolge der Mensch als Partner an der Seite Gottes an der Vollendung der Schöpfung mitarbeitet. Gleichzeitig gilt für ihn jedoch ein aristotelisch geprägtes, unbedingtes Primat der vita contemplativa über die vita activa (Kruse 2002, S. 95). Die ständische Gesellschaftsstruktur des Mittelalters, gegliedert in Betende (Klerus), Kämpfende (Adel, Ritter) und Arbeitende (Bauern, Handwerker, Kaufleute etc.), spiegelt dies in der Freistellung der ersten zwei Gruppen von der körperlichen Arbeit. Gemäss Thomas obliegt zwar die Pflicht zur Arbeit aufgrund der Pflicht zur Selbsterhaltung der gesamten Menschheit. Einzelne können aber von körperlicher Arbeit absehen, wenn ihnen andere Möglichkeiten zur Bestreitung ihres Unterhalts zur Verfügung stehen. Dies kommt einer theologischen Legitimation der feudalen Standesordnung gleich (Kruse 2002, S. 96).

Im Kloster: Arbeit gegen innere Unrast

Im Rahmen der klösterlichen Gemeinschaften hatte das Gebet absolute Priorität. Die Arbeit innerhalb der Ordensgemeinschaften war eingebettet in einen religiösen Rahmen und diente, neben der Selbstversorgung und der Möglichkeit zur Wohltätigkeit, vor allem spirituellen Zielsetzungen, indem sie gezielt als Mittel gegen Müssiggang (otium) und innere Unrast (accedia) eingesetzt wurde (Van den Hoven 1996, S. 251).

Vom Indiz der Armut zum Mittel gegen Armut

Im Spätmittelalter fand eine grundsätzliche Umkehr des Verhältnisses zwischen Arbeit und Armut statt. Während Armut vorher durch den Zwang zur Arbeit definiert wurde, wurde Arbeit nun als Mittel gegen die Armut angesehen. Armut wurde also als «Nicht-Arbeit» und damit als selbstverschuldetes Laster angesehen (Oexle 2000, S. 79 und Steinmetz 1997, S. 27).

2.2.7 Reformation: Protestantisches Arbeits- und Berufsethos

Luther: Müssiggang ist Sünde

Die neuen Auffassungen über Armut und Arbeit prägten auch das Weltbild der Reformatoren. Müssiggang ist für Luther (1483-1546) Sünde. Er warf dem Klerus vor, faul und unnütz zu sein. Damit gerät das bisher unbestrittene Primat der vita contemplativa erstmals unter Druck. Auch der Adel sah sich dem Vorwurf des Parasitentums ausgesetzt, denn gemäss Luther war Arbeit Gottes Gebot für alle, ohne Unterschied des Standes (Steinmetz 1997, S. 28). Es kommt zu einer Wertangleichung der verschiedenen Arten von Arbeit, da jeder erlaubte Beruf vor Gott gleich viel gelte. Von Luther geht eine enorme sittliche Aufwertung der Arbeit aus, gleichzeitig bleibt sein Arbeits- und Berufsverständnis statisch und traditionalistisch geprägt (Kruse 2002, S. 107).

Calvin: Berufserfolg ist Indiz für Gnadenstand. Kontemplation ist sündige Zeitvergeudung

Erst mit dem radikaleren Calvinismus setzte jene Entwicklung ein, aus der sich später unsere heutige kapitalistische Arbeitsethik herauskristallisiert hat. Gemäss Calvin (1509-1564) beeinflusst die Frömmigkeit nicht, ob jemand von Gott auserwählt ist. Stattdessen ist der weltliche Berufserfolg ein Indiz für den Gnadenstand. Gewissheit darüber, ob man wirklich auserwählt ist, kann es jedoch nicht geben. Im Bestreben, sich permanent der eigenen Bestimmung zu vergewissern, entsteht so eine - unter ungeheurer Anspannung stehende - Kultur der «Werkheiligkeit», ein System berufsethischer Lebensführung, welches das Leben rationalisiert (Kruse 2002, S. 101ff.). Ein Ausruhen auf errungenen Lorbeeren gab es nicht, auch keinen Genuss des erschaffenen Reichtums, sondern ein rastloses, hartes Arbeiten im Beruf, um den Ruhm Gottes zu mehren. Zeit zu vergeuden wurde zur ersten und schwersten aller Sünden - die Wertloserklärung der untätigen Kontemplation ist die logische Folge (Liessmann 2000, S. 96).

Kulturelle Grundlage für die kapitalistische Wirtschaftsordnung

Der Enthusiasmus religiöser Selbstvergewisserung nahm im historischen Verlauf ab. Was blieb, waren säkulare, nüchterne Berufstugenden und utilitaristische Diesseitigkeit. Die bedeutendste Wirkung des Protestantismus im Hinblick auf das Verhältnis zur Arbeit besteht in seiner asketischen Erziehungswirkung, die den Menschen gebändigt und diszipliniert hat. Damit war auf der Ebene der Mentalität die Basis für die kapitalistische Erwerbsordnung etabliert (Kruse 2002, S. 107).

2.2.8 Industrialisierung: Smith, Hegel und Marx

Smith: Arbeit als wichtigster Produktionsfaktor

Die radikale Umdeutung des Arbeitsverständnisses im Zuge der Industrialisierung ist neben den Beiträgen von Hegel und Marx (siehe weiter unten) vor allem auch das Werk eines Ökonomen. Mit seinem Werk «The Wealth of Nations» legt Adam Smith (1723-1790) den Grundstein für die Neubewertung. Als erster sah er in der Arbeit den wichtigsten Produktionsfaktor, vor Kapital und Boden. Technische Errungenschaften und eine intelligente Organisation ermöglichen eine produktivitätssteigernde Arbeitsteilung. Auf

diese Weise trägt Arbeit zur Mehrung des nationalen Wohlstands bei. Der Arbeit wird Warencharakter zugesprochen. Sie wird zur Grundlage des Produktions- und Warentauschsystems (Kruse 2002, S. 131).

Hegel: Arbeit als Mittel zur Menschwerdung

Von Hegel (1770-1831), der als eigentlicher Philosoph der Arbeit gilt, stammt der Gedanke, dass sich das Subjekt allein durch die Arbeit konstituiere. Die Arbeit wird für den Menschen als denkendes Subjekt zu einer identitätsvermittelnden Instanz. Während der Mensch bei Thomas von Aquin zur Mitwirkung an der Schöpfung berufen ist, geht Hegel weiter und postuliert, dass der Mensch durch seine Arbeit nicht nur schöpferisch mithilft, sondern dass sich in seiner Arbeit Gott selbst realisiert. Die Vertreibung aus dem Paradies steht damit nicht mehr im Zeichen des Sündenfalls, sondern wird zu einem existenziell notwendigen Entwicklungsereignis mit emanzipatorischem Potenzial. Nur aufgrund der Vertreibung kann der Mensch beginnen, seine Identität herauszuarbeiten und sich selbst zu verwirklichen. Arbeit wurde damit zum Medium der Menschwerdung oder zur conditio humana schlechthin: Wer nicht arbeitet, kann nicht Mensch sein. Dass Arbeit auch Mühe und Last mit sich bringt, tritt bei Hegel völlig in den Hintergrund. Ihm geht es in erster Linie um die abstrakt-geistige Arbeit und weniger um die gegenständliche Tätigkeit. Dies zeigt sich auch daran, dass er die vita contemplativa der Philosophen in den Stand der «Arbeit am Begriff» erhob (vgl. Kruse 2002, S. 117ff und Liessmann 2000, S. 97).

Marx: Der Mensch wird durch Arbeit zum Schöpfer seiner selbst

Marx (1818-1883) erweitert das idealistische Arbeitsverständnis von Hegel um die materialistische Ebene. Arbeit ist für ihn das Mittel der Hervorbringung. Mit produktiver Arbeit erschafft der Mensch sich selbst, und wird, wie bei Hegel, zum Erlöser seiner selbst. Während Hegel dem jüdischchristlichen Gott bereits die Souveränität abgesprochen hat, weil er sich nur durch die Arbeit und Vernunft des Menschen realisieren kann, schafft Marx das Prinzip Gott vollends ab (Kruse 2002, S. 122): Die Arbeit (und nicht Gott) hat den Menschen erschaffen und letzterer unterscheidet sich von allen anderen Tieren nicht durch seine Vernunft, sondern durch die Arbeit (vgl. Arendt 2002, S. 104).

Arbeitsbedingungen können zu Entfremdung führen

Für Marx ist Arbeit als Massstab aller Tätigkeiten ganz zentral mit dem Begriff der Entfremdung verbunden. Dahinter steckt die Vorstellung, dass es nicht darum geht, ob wir arbeiten oder nicht, sondern unter welchen Bedingungen wir das tun. Arbeit, bei welcher der Mensch mit sich und der Natur im Einklang steht, wäre das Ideal. Die Realität lässt diese Einheit jedoch oft nicht zu, weil dem Arbeiter das Produkt seiner Arbeit entfremdet wird, indem der Unternehmer es sich aneignet und zur Kapitalvermehrung verwendet (Liessmann 2000, S. 98).

Entfremdete Arbeit menschenwürdig organisieren

Marx bezweifelt, dass sich entfremdete Arbeit völlig vermeiden lässt und dass sich dem «Reich der Notwendigkeit» je entfliehe liesse. Pragmatisch soll jedoch ein Stück Freiheit innerhalb des Reichs der Notwendigkeit realisiert werden, indem die unvermeidbar entfremdete Arbeit menschenwür dig organisiert wird: gerechter Gewinn, geringe Arbeitszeit, menschenwürdige Arbeitsbedingungen (Steinmetz 1997, S. 53). Sein Fokus richtet sich daher auf die produktive Arbeit, die dadurch definiert ist, dass sie Mehrwert schafft, indem sie zur Produktion und Vermehrung von Kapital beiträgt. Die Arbeitskraft ist zum Produktionsfaktor geworden, dessen Wert sich wie bei Waren durch die zur Produktion und Reproduktion eingesetzte Zeit berechnet. Tragischerweise wird dabei das Eigentliche, nämlich die nicht-entfremdete Arbeit ausserhalb jenes Restbereiches, völlig aus den Augen verloren. In der Folge entwickelt sich der Arbeitsbegriff der Industriegesellschaft, der radikal alles ausschliesst, was nach dieser Definition nicht produktiv ist. Dazu zählt auch der gesamte Bereich der reproduktiven Tätigkeiten in Familie, Haushalt und Freizeit (Kruse 2002, S. 125)

2.2.9 Erkenntnisse und Folgerungen: Der Stellenwert der Arbeit heute

Protestantische Arbeitsethik als Voraussetzung des Kapitalismus

In der westlichen Welt hat sich das Verhältnis zur Arbeit im Laufe der letzten zweieinhalb Jahrtausende mehrfach und einschneidend gewandelt. Über weite Strecken herrschte ein Arbeitsverständnis vor, das kaum Gemeinsamkeiten mit der heutigen Beurteilung von Arbeit hat. Die Grundlagen des heutigen Arbeitsverständnisses haben sich ab dem 16. Jahrhundert erst nach und nach auf der Basis der säkularisierten Lehre Calvins entwickelt, welche die unermüdliche und beflissene Berufsarbeit zum Sinn und Zweck des Lebens erklärte. Ein sehr langer, viele Generationen übergreifender Prozess war nötig, bis das Arbeits- und Leistungsethos und eine streng geregelte, methodische Lebensführung die ganze Gesellschaft durchdringen konnte. Die Sozialisation wurde ausgerichtet auf Werte wie Fleiss, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Sauberkeit. Eine weit reichende Disziplinierung und Normierung des menschlichen Lebens bildete die notwendige Voraussetzung für die Industrialisierung und den Produktivitätsschub der Moderne (Meier 2000, S. 72). Seither definiert sich der Mensch durch das, was im Altertum seinen Ausschluss aus der Gesellschaft bedeutete: durch seine Erwerbsarbeit (Beck 1999, S. 18). Das Ergebnis dieser Entwicklung können wir an uns selbst beobachten: Materielle Versorgung, Sicherheit, Anerkennung, Sozialkontakte, Sinn und Zugehörigkeit beziehen die meisten von uns überwiegend aus der (Erwerbs-) Arbeit. Arbeit versorgt uns mit einer Zeitstruktur, sie weist uns einen sozialen Status zu, ermöglicht uns umfassendere soziale Erfahrungen als der Familienverband und die unmittelbare Nachbarschaft; sie gibt uns die Möglichkeit, uns an kollektiven Zielen zu beteiligen, sie ermöglicht uns, unsere persönliche Identität innerhalb der Gesellschaft zu erkennen und nicht zuletzt hält sie uns ständig in Bewegung (vgl. auch Jahoda 1983, S. 136f.).

Lohnarbeit als zentrale Vergesellschaftungsinstanz

In den westlichen Erwerbsgesellschaften des 20. Jahrhunderts ist die abLohnarbeit als zentrale hängige Lohnarbeit zur zentralen Instanz der Vergesellschaftung geworden. Konsummöglichkeiten, gesellschaftliches Ansehen, berufliche Aufstiegsmöglichkeiten und die soziale Absicherung sind eng an die Erwerbsarbeit gekoppelt (Bonss 1999, S. 148).

Normalarbeit als gesellschaftliches Konstrukt

Dabei spielt das sogenannte «Normalarbeitsverhältnis» eine besondere Rolle. Darunter wird ein Muster der sozialen Organisation von Lohnarbeit in Form einer unbefristeten, qualifikationsadäquaten Vollzeitstelle verstanden, für ein Einkommen, das die Reproduktion einer ganzen Familie gewährleistet (Brandl/Hildebrandt 2002, S. 69f.). Impliziert wird dabei eine kontinuierliche Erwerbsbiografie ohne grosse Unterbrechungen, die eine zunehmende Verankerung in der «Stammbelegschaft» eines Unternehmens und einen stetigen Aufstieg in der Lohnhierarchie ermöglicht (Bonss 2001, S. 338). In der Praxis sind es überwiegend Männer, die in Normalarbeitsverhältnissen beschäftigt sind. Normalarbeit als dauerhafte Arbeitsform setzt die traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung voraus und ist damit eher ein «Familienmodell», das in den vergangenen dreissig Jahren jedoch zunehmend an Bedeutung eingebüsst hat (vgl. dazu Kap. 3.4.2 zur Erwerbsbeteiligung). Das gesellschaftliche Konstrukt Normalarbeit setzt eine klare Trennung zwischen Erwerbsarbeit und Nicht-Erwerbsarbeit voraus.

Abwertung aller Arbeit ausserhalb des Normalarbeitsverhältnisses

Parallel zur Vergesellschaftung via Lohnarbeit fand eine Abwertung der nicht-entlohnten, unabhängigen Tätigkeiten statt. Sie wurden und werden zum Teil auch noch heute als Nicht-Arbeit wahrgenommen, können wohl für den Einzelnen bedeutsam sein, spielen aber gesellschaftlich keine Rolle. Hier hat in den vergangenen zwanzig Jahren ein Wandlungsprozess eingesetzt: Seit weiblich konnotierte Leistungen wie Erziehung, Kinderbetreuung und Pflege zunehmend nicht mehr ausserhalb des Erwerbslebens erbracht werden und die «Reproduktion der Arbeitskraft» keine selbstverständliche, im Rahmen der Familie erbrachte Leistung mehr ist, wird diesen Tätigkeiten mehr gesellschaftliche Anerkennung zuteil.

«Laborisierung» als Indiz einer Aufwertung der Nicht Erwerbsarbeit

Auf der sprachlichen Ebene hat dieser Wandel Spuren hinterlassen. Liessmann (2000, S. 86f.) spricht in diesem Zusammenhang von «Laborisierung»: Alle möglichen Lebenstätigkeiten werden neuerdings als Arbeit klassifiziert. Sich um andere Menschen zu kümmern heisst dementsprechend Versorgungs- oder Beziehungsarbeit. Wer zu Hause kocht und putzt leistet Hausarbeit, in einer Psychotherapie wird an sich selbst gearbeitet, Sport treiben bedeutet Körperarbeit und wer in den Urlaub fährt, kann immerhin noch von sich behaupten, Erholungsarbeit zu leisten, um sich für den nächsten Stress im Büro fit zu machen. Als ob wir darauf angewiesen sind, uns und den anderen ständig zu beweisen, dass wir unsere Zeit effektiv nutzen, scheint die Arbeit zur einzig relevanten Quelle und zum einzig gültigen Massstab für die Wertschätzung unserer Tätigkeiten geworden zu sein.

«Laborisierung» als Indiz für die Ökonomisierung des Lebens

Die metaphorische Ausdehnung des Arbeitsbegriffs signalisiert, so Liessmann weiter (2000, S. 88), dass die Forderung nach Effektivität im Sinne von Leistung pro Zeiteinheit auf Tätigkeiten ausserhalb der Erwerbsarbeit ausgedehnt worden ist. Durch dieses Mass werden Arbeiten unterschiedlichster Art miteinander vergleichbar. Die Vergleichbarkeit wiederum ermöglicht die soziale Wertschätzung. Dies hat einerseits den positiven emanzipatorischen Effekt, dass beispielsweise Erziehungs- und Betreuungstätigkeiten von Frauen nicht mehr als naturgegeben wahrgenommen werden, sondern als ein Produkt von Anstrengung, Planung und Kenntnissen. Damit wird nicht nur Anspruch auf Anerkennung und im Endeffekt auch auf Bezahlung erhoben, gleichzeitig werden diese Tätigkeiten auch dispensibel, d.h. sie sind nicht mehr an bestimmte Personen gebunden und können über den Markt abgewickelt werden. Der weniger erfreuliche Effekt ist, dass sie damit auch den Leistungs- und Effizienzansprüchen der Arbeitsgesellschaft unterworfen werden und sich an der vergleichbaren marktvermittelten Arbeit messen müssen.

Erwerbsarbeit als Bewertungsmodell für alle Tätigkeiten

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die aus Erwerbsgründen angenommene Arbeit auch zum Organisations- und Bewertungsmodell für alle anderen menschlichen Tätigkeiten geworden ist. Beck (1999, S. 69) spricht im diesem Zusammenhang vom «Wertimperialismus der Arbeit».

Folgen der Arbeitslosigkeit als Spiegelbild des Stellenwerts der Arbeit

Die immense Bedeutung der Arbeit in unserer Kultur wird vollends klar, wenn man berücksichtigt, welche Auswirkungen der Verlust oder die Absenz von Erwerbsarbeit auf die Menschen hat. Ein eindrückliches Zeugnis davon legen die Erkenntnisse der Studie über die Arbeitslosen von Marienthal von Jahoda/Lazarsfeld aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts ab. Auch wenn Arbeitslose heute nicht mehr in materielle Not geraten, stellen Statusverlust, die Zerstörung der gewohnten Zeitstruktur, das Gefühl, nicht gebraucht zu werden und die soziale Deprivation durch den Wegfall der beruflichen Sozialkontakte (Jahoda 1983, S. 45ff.) nach wie vor eine enorme psychische Belastung für die Betroffenen und ihre Angehörigen dar.

[...]

1 Für Gesamtdeutschland ergibt sich zwischen 1990 und 2000 ein Rückgang von knapp 5% (Belitz 2002, S. 36).

2 Der Asteriskus bezeichnet eine durch Sprachvergleich erschlossene, also nicht belegte Form

3 lat.: soridida arte

4 vgl. z.B. folgende Gleichnisse: Vom Schätzesammeln und Sorgen, Matthäus 6, 19-34, Von den Arbeitern im Weinberg, Matthäus 20, 1-16, oder jenes vom reichen Kornbauer, Lukas 12, 16-21

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Die Zukunft der Arbeit - Diskussion kontroverser Szenarien
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Lehrstuhl Betriebswirtschaftslehre, insbes. Personalführung und Organisation)
Note
1.0
Autor
Jahr
2003
Seiten
56
Katalognummer
V19918
ISBN (eBook)
9783638239455
Dateigröße
2840 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
stark interdisziplinäre Arbeit mit volkswirtschaftlichen, soziologischen, betriebswirtschaftlichen, arbeits- und organisationspsychologischen sowie geistesgeschichtlichen Aspekten
Schlagworte
Zukunft, Arbeit, Diskussion, Szenarien
Arbeit zitieren
Katja Meierhans Steiner (Autor), 2003, Die Zukunft der Arbeit - Diskussion kontroverser Szenarien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19918

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