Der Regisseur Jim Jarmusch merkt im Audiokommentar der DVD
BROKEN FLOWERS über seine Arbeit an, dass er sich dagegen sträubt,
seine Filme zu analysieren oder miteinander zu vergleichen. Er muss auch
nicht einmal erklären, worum es geht. Das ist nicht sein Job, sondern es
ist seine Aufgabe, Filme zu schaffen. Wichtig für ihn ist es, wie das
Publikum die Filme interpretiert. (vgl. Jim Jarmusch in BROKEN
FLOWERS, USA, 2005)
Wenn ein Regisseur den Spielraum für Interpretationen derart offen lässt,
habe ich mir die Freiheit heraus genommen und mir im Verlauf der
Rezeption Fragen nach der Konstruktion der Identitäten gestellt. Welche
Diskurse wirken auf die ProtagonistInnen ein und wie handeln sie diese
aus? Welche Identitäten lassen sich wie analysieren? Darüber hinaus
möchte ich noch eine tiefergreifende Analyse wagen. Welche
Rückschlüsse und Ideologiekritiken lassen sich aus den vorgestellten
Identitäten im Hinblick auf gesellschaftliche Zusammenhänge ziehen?
Existieren Identitäten mit widerständigen Potentialen? „Der
Zusammenhang von Film und seinen möglichen Funktionen in Bezug auf
Identitätsfragen“ (Nestler in Mai/Winter 2006: 290) soll im Folgenden am
Medienbeispiel BROKEN FLOWERS erörtert werden.
Die weitläufig formulierten Fragen stellen die Grundmotivation meiner
Arbeit dar. Das Thema Identität scheint ein unerschöpfliches Potential zu
besitzen, so dass es einer differenzierten Forschungsfrage bedarf, um
sich auf einzelne Aspekte in diesem großen Feld konzentrieren zu
können. Durch den Arbeitstitel „BROKEN FLOWERS - Broken Identity?
Fragmentierte Identitäten zwischen Neoliberalismus und spielerischer
Postmoderne. Eine filmsoziologische Analyse“ versuche ich bereits, eine
Eingrenzung in der umfangreichen Disziplin der Identitätsforschung
vorzunehmen. Von besonderem Interesse sind für mich filmisch
visualisierte Charaktere, die von einer stetigen Fragmentierung in ihrem Selbst betroffen sind und die sich in einer sozial konstruierten Diskurswelt
innerhalb einer spielerischen Postmoderne bewegen, in der unter Anderen
neoliberale Ideologien auf die filmischen Lebenswelten einwirken. Meine
Forschungsfrage lautet: Wie lassen sich fragmentierte Identitäten im Film
dartellen? Anhand praktischer Beispiele aus dem Film möchte ich ein
tieferes Verständnis für dieses Themengebiet herausarbeiten. Von Belang
sind dabei nicht nur Dialoge, sondern auch die visuelle Inszenierung des
filmischen Raumes.[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Analyserahmen
2.1 Methodologie
2.2 Theoretische Verortung
3. Der Plot: BROKEN FLOWERS
4. Die Analyse: Broken Identity?
4.1 Identität als zeitlose Frage oder Problem der Moderne
4.1.1 Don Johnstons Identität im Keupp’schen Schema
4.1.2 Konstruierte Narrationen und Identität als individuelles Projekt
4.1.3 Filmanalyse als Instrument des Widerstandes
4.2 Derselbe bleiben vs. Sich selber finden: Der ewige Don Juan
4.2.1 Identität als Label der Persönlichkeit oder Chance zur eigenen Entfaltung im Prozess des Werdens
4.2.2 „Women and women and women“ - reading a Don Juan image
4.2.3 Widerstand gegen konventionelle Ich-Ideale
4.3 Kohärente Identität versus Dissoziation durch Rollenspiel
4.3.1 Dekonstruktion kohärenter Identitätskerne durch Unsicherheit in der eigenen Rolle
4.3.2 Das Rollenspiel des „Suchenden“ und seine Hoffnung auf identitäre Kohärenz
4.3.3 Oppositionelle Rollenspiele als Produktionsträger widerständiger Strategien im ludic postmodernism
4.4 Meine Eigenheiten und die Anderen
4.4.1 Soziale Anerkennungsverhältnisse als unumkehrbarer Bestandteil von Identität
4.4.2 Exkurs orientalism: Postkolonialer Diskurs und Winstons Identität. Eine cineastische Kritik am „weißen System“
4.4.3 Hybride Identitäten: Bildung neuer Konvergenzen für eine subversive Handlungsmacht.
4.5 Identität als basales Gefühl oder Konstrukt der Sprache
4.5.1 Sprachliche Mängel und Konsequenzen für Identität
4.5.2 Die Bedeutung der Stille in sprachlich konstruierten Wirklichkeiten
5. EXIT
5.1 Das EXIT-Modell in der praktischen Anwendung am Filmbeispiel BROKEN FLOWERS
5.2 BROKEN FLOWERS - Not broken but - Break up with identity!
5.3 Dramatische Veränderungen und die Reaktionsstrategie EXIT als Ausbruchshilfe aus der identitären Krise- ein Resumeè
6. Conclusio
7. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konstruktion fragmentierter Identitäten im Film "Broken Flowers" (2005) von Jim Jarmusch. Im Zentrum steht die Frage, wie die ProtagonistInnen innerhalb einer spielerischen Postmoderne und unter Einfluss neoliberaler Ideologien ihre Identitäten aushandeln und welche widerständigen Potenziale sich daraus ergeben.
- Filmsoziologische Analyse fragmentierter Identitäten
- Einfluss neoliberaler Diskurse auf die Lebensgestaltung
- Die Rolle von Geschlechterbildern und "Don Juan"-Strukturen
- Widerstand gegen gesellschaftliche Normvorgaben durch "EXIT"-Strategien
- Bedeutung von Stille und non-verbaler Kommunikation für die Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Identität als Label der Persönlichkeit oder Chance zur eigenen Entfaltung im Prozess des Werdens
In BROKEN FLOWERS wird auf subtile und humorvolle Art gezeigt, wie sich Menschen an prägende Identitätsmerkmale anderer klammern und diese als allgemeingültigen, unveränderlichen Code der Persönlichkeit lesen. Als Analysebeispiel eignet sich dafür der Eröffnungdialog zwischen dem Hauptdarsteller Don und seiner Freundin Sherry in Sequenz drei. Mittels eines wechselseitigen „Over-the-Shoulder-shot“ (Korte 2004: 40), indem die zwei ProtagonistInnen frontal und „[...] über die Schulter des jeweiligen Gegenübers gefilmt [werden, CA]“ (Korte 2004:40), kommt es zu einem folgenreichen Konflikt (siehe Abbildung 5).
Sie spricht ihn auf einen rosa farbenen Brief an, der zusammen mit seiner Post am Boden vor der Eingangstüre liegt und sagt ihm, dass dieser wahrscheinlich von einem seiner anderen Freundinnen sei. Er beteuert aber, dass er keine anderen Freundinnen habe. Sie beklagt sich jedoch nur weiter, dass er sich niemals ändern werde und dass sie nicht mit einem heruntergekommenen Don Juan zusammen sein will. Sherry teilt ihm mit, dass er sie wie seine Geliebte behandle, obwohl er nicht einmal verheiratet ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt die Grundmotivation der Arbeit dar, das Identitätspotenzial des Mediums Film am Beispiel von Jim Jarmuschs "Broken Flowers" zu erörtern.
2. Der Analyserahmen: Dieses Kapitel erläutert die methodische Herangehensweise, bestehend aus systematischer Filmanalyse und den Cultural Studies, um das Verhältnis von Film, Identität und sozialer Wirklichkeit zu untersuchen.
3. Der Plot: BROKEN FLOWERS: Hier wird der inhaltliche Ablauf der Filmhandlung beschrieben, um dem Leser eine Grundlage für die nachfolgende Analyse zu bieten.
4. Die Analyse: Broken Identity?: Der Hauptteil analysiert in fünf Unterkapiteln verschiedene Spannungsfelder der Identitätsdiskussion, wobei Keupps Identitätsmuster zur theoretischen Einordnung dienen.
5. EXIT: Dieses Kapitel bildet einen Gegenpol zum Hauptteil und untersucht, wie Widerstand gegen neoliberale Ideologien durch eine bewusste Ablehnung von Identitätsarbeit (die "EXIT"-Strategie) erzeugt werden kann.
6. Conclusio: Die Conclusio fasst die wichtigsten Ergebnisse der Analyse zusammen und reflektiert die Herausforderungen bei der Untersuchung fragmentierter Identitäten.
7. Ausblick: Der Ausblick diskutiert Möglichkeiten für weiterführende Analysen, insbesondere den Nutzen performativer Ansätze in der Identitätsforschung.
Schlüsselwörter
Identität, Broken Flowers, Filmsoziologie, Cultural Studies, Fragmentierung, Neoliberalismus, Postmoderne, Rollenspiel, Identitätskonstruktion, Narration, Widerstand, Don Juan, Subjektivität, Diskurs, Individuum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die filmsoziologischen Aspekte fragmentierter Identitätskonstruktionen im Spielfilm "Broken Flowers" von Jim Jarmusch.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Zentral sind die Dynamik der Postmoderne, der Einfluss des Neoliberalismus auf das Individuum sowie die Art und Weise, wie Identität durch soziale Narrationen und Bilder (Mise en Scène) geformt wird.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, wie sich fragmentierte Identitäten im Film darstellen lassen und ob in diesen Figuren widerständige Potenziale gegenüber neoliberalen Machtdiskursen erkennbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine systematische Filmanalyse nach Helmut Korte mit theoretischen Ansätzen aus den Cultural Studies.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in fünf Spannungsfelder der Identitätsdiskussion, in denen zentrale Rollenbilder (Detektiv, Casanova, Zyniker, Bill Murray) dekonstruiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie "ludic postmodernism", "Dividuum" statt "Individuum", "Identitätsprojekt" sowie die Rolle des "Voyeurs".
Welche Rolle spielt Bill Murray in der Analyse?
Die Arbeit argumentiert, dass Bill Murray eine eigene, vierte "Rolle" einnimmt, da die Grenzen zwischen seiner realen Persönlichkeit und der Filmfigur Don Johnston bewusst verwischt werden, was den Begriff der kohärenten Identität untergräbt.
Was bedeutet das "EXIT-Modell" in diesem Kontext?
Das EXIT-Modell nach Jean-Claude Kaufman bezeichnet eine Reaktionsstrategie des Rückzugs auf ein einfaches Selbst-Sein als Form des Widerstands gegen den Zwang zur ständigen Selbsterfindung und Leistung in einer neoliberalen Welt.
- Citar trabajo
- Caterina Arighi (Autor), 2012, Broken Flowers – Broken Identity? Fragmentierte Identitäten zwischen Neoliberalismus und spielerischer Postmoderne, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199196