Rainer Maria Rilkes Biographie und die Verarbeitung des Kindheitstraumas

Exemplarische Analyse der Turnstunde und einzelner Gedichte


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 3,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Biographischer Teil
1. Herkunft, Kindheit und Jugend Rilkes
2. Die Entwicklungsjahre
3. Die „Pariser Jahre“
4. München und die Schweiz
5. Krankheit und Tod Rilkes

III. Analytischer Teil
1. Analyse der Turnstunde unter besonderer Berücksichtigung der Biographie
2. Analyse weiterer Gedichte und Werke
a) Die ersten Gedichte
b) Im alten Hause (Larenopfer)
c) Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort (Mir zur Feier)
3. Gemeinsamkeiten der Analysen

IV. Fazit

V. Bibliographie

1. Einleitung

Eine Hausarbeit schreibt man in erster Linie, weil man es muss. Natürlich spielen auch andere Faktoren dabei eine Rolle, die einen dazu motivieren, eine solche Arbeit zu verfassen, aber der Zwang, und vor allem die Pflicht, spielen dennoch immer die ausschlaggebende Rolle. Wie gesagt, bei einer Hausarbeit ist das so. Wie so ein Zwang allerdings bei Gedichten und Romanen ein Grund sein kann, das Werk zu beginnen und zu vollenden, ist nicht annähernd so offensichtlich wie bei der o.g. Situation. In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich mit dieser Art von Zwang bei einem der interessantesten Schriftstellern des 19. und 20. Jahrhunderts - Rainer Maria Rilke.

Als Zwang ist jedoch bei Rilke nicht der Druck einer dritten Instanz zu sehen, sondern vielmehr er selbst. Durch eine sehr schwierige Kindheit und beispielhaft falsche Erziehungsmethode seiner Eltern, sowie eine absolut interessenkonträre Schullaufbahn geriet Rilke in den Zwang, sein inneres Trauma auf irgendeine Weise zu verarbeiten. Da Rilke schon immer ein äußerst kreativer und wortgewandter Mensch war, tat er dies natürlich durch Schrift und Sprache. Die Hintergründe für dieses Trauma, sowie eine möglichst genaue Skizze seiner Biographie und die verschiedenen „Stationen“ seines Lebens sind ebenfalls Thema meiner Arbeit.

Ich werde versuchen, in zwei voneinander getrennten Forschungsreihen, die Biographie Rilkes in Einklang mit seiner Arbeit zu bringen und anhand exemplarischer Texte und deren Analyse herauszufinden, wie der Schriftsteller seine Probleme anhand seiner Texte bewältigte und ob er dabei Erfolg hatte oder nicht.

Ferner möchte ich feststellen, welche Situationen in Rilkes Leben ihn so sehr geprägt haben, dass er wurde wie wir ihn kennen - Ein zurückgezogenes Genie mit gesellschaftlichen Problemen und teils schwer nachvollziehbaren Ansichten.

II. Biographischer Teil

1) Herkunft, Kindheit und Jugend Rilkes

Rainer Maria Rilke wurde als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke am 4. Dezember 1875 in Prag geboren. Zu dieser Zeit war die Geburtsstadt Rilkes eine unwirkliche, undurchsichtige Stadt. Während Prag von außen betrachtet eine wirklich schöne Stadt war, hatten die Einwohner der Metropole mit den Machtkämpfen zwischen den Deutschen Immigranten und den Tschechen zu kämpfen und viele verließen aus Angst ihre Heimat. Als Rilke das Licht der Welt erblickte, sprach nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung überhaupt noch Deutsch.1 Die deutsche Kultur schien dem hohen Druck nicht mehr lange standhalten zu können und Deutsch starb in der Stadt langsam aus. Aufgrund dessen war es besonders für Schriftsteller, z.B. Franz Kafka, sehr schwierig in ihrer Muttersprache weiter zu arbeiten.

Zu dieser deutschen Minderheit zählte auch das Ehepaar Rilke. Der Vater, Josef Rilke, war ein erfolgloser Mann, der immer davon träumte, einmal in der Armee als Offizier zu dienen. Aufgrund eines chronischen Halsleiden jedoch, musste der junge Kommandant das Militär verlassen. Entmutigt von diesem Schicksalsschlag bekam er später durch externe Anstrengungen seines Bruders noch eine Stelle als Prager Bahnbeamter. Da Josef in dieser Position keinerlei Perspektive mehr sah, begann er, in der Prager Kneipenszene nach Ausgleich zu suchen. Dadurch, dass er sich dort anders verhielt als es seinem „Stand“ angemessen war, lernte er die Tochter einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie aus der Stadt kennen, Sophie Entz, genannt Phia.

Die spätere Mutter des Schriftstellers war eine temperamentvolle Frau, welche viel Wert auf ihr Ansehen in Prag legte. Die Tatsache, dass Josef Rilke trotz seiner eleganten Art lediglich ein Bahner war, sollte „Phia“ in wenigen Jahren zur Scheidung treiben.

1884 brach die stark belastete Ehe zusammen. Rilkes Mutter hatte den Tod der erstgeborenen Schwester 1874 nie verarbeitet und der Vater litt zunehmend unter dem Druck seiner Frau und den Einfluss deren Familie.

Die ersten Lebensjahre des kleinen René Rilke waren alles andere als erbaulich. Den Tod der erstgeborenen Tochter ausblendend, nahm Phia ihren Sohn in die Pflicht und behandelte ihn wie die Tochter behandelt werden sollte. Bilder aus den ersten Jahren zeigen den Jungen oftmals mit langen Haaren und Kleidern, wie nur eine Tochter sie hätte tragen sollen. Selbst der Name René war mehr eine Anlehnung an den Vornamen der toten Schwester, als ein bedeutsamer Vorname für einen Jungen. Hertha König, eine Freundin Rilkes beschreibt die Beziehung zwischen Rilke und seiner Mutter mit den Worten:

„ Es gibt Mütter, in deren Gegenwart man höchstens vierzehnjährig ist, ob man auch für gewöhnlich dreißig oder fünfzig zählen mag. [...] Und wie fühlte man gerade dieser Mutter gegenüber die allgemeine Verminderung von Form und Tradition, die sie gravitätisch, wie ein heiliges Gesetz, in die veränderten Zeiten hinübertrug “ 2

Das Zitat soll verdeutlichen, dass Phia Entz in einer völlig eigenen, von ihr selbst erschaffenen Welt lebte, in die sie jeden der sie umgab hineinzog und die betroffenen Personen so behandelte, wie sie es für angemessen hielt. So auch in Rilkes Kindheit. Erste Gedichte des jungen Rilkes zeugen von der Tendenz des Schriftstellers, Erlebtes durch die Schrift zu verarbeiten. Mit acht Jahren verfasst Rilke deshalb z.B. ein Gedicht über die bevorstehende Trennung.

Ferner litt der junge Rilke zunehmend unter den verschiedenen Einflüssen der Probleme der Eltern und deren Trennung im Vorjahr. Im Alter von zehn Jahren schickten die Beiden ihren Sohn auf eine Militärschule in St. Pölten, zur Vorbereitung auf eine Offizierslaufbahn. Der harte Alltag in dieser Lehranstalt und der grobe, oftmals unzivilisierte Umgang seiner Mitschüler, prägten den zartbesaiteten Rilke nachhaltig. Da seine Erziehung vollkommen Konträr zu diesem Umgang verlief, nämlich sehr familiär und intim, kam Rilke mit diesem Umbruch seiner Umgebung nie wirklich zurecht.

Nach einem Schulwechsel auf die militärische Oberrealschule Mährisch-Weißkirchen und einer Verschlechterung seines geistigen Zustandes beendete der 16-Jährige Rilke 1891 seine militärische Laufbahn.

Rilke selbst schrieb später in einem Brief, dass er „mehr geistig vergrämt als körperlich krank“ gewesen sei, und verarbeitete diese schrecklichen Jahre später in einer Prosa namens „Die Turnstunde“, welche er acht Jahre nach seinem Abbruch in Mährisch verfasste.

Nach seinem Abgang holte Rilke 1895 sein Abitur nach und begann im selben Jahr eine geisteswissenschaftliche Laufbahn an der Prager Universität. Ein Jahr später jedoch, wechselte Rilke das Fach und begann seine Studien im Fach der Rechtswissenschaften. Ende 1896 immatrikulierte er dafür in München.

2) Die Entwicklungsjahre

Als der junge Schriftsteller, der bereits 1895 seinen ersten Gedichtband, „die Larenopfer“, herausgab, war nun endlich in seinem Element. Doch entgegen der Erwartung, der junge René Rilke würde nun endlich neue Kraft schöpfen, war der Student vollkommen überfordert mit der Situation. Das ständige Kennenlernen neuer Leute und der schier ununterbrochene Reizfluss der Metropole rissen den jungen Autor zunächst in ein tiefes Loch. Stefan Schank beschreibt Rilkes Zustand wie folgt: Rilke litt an „Depressionen und [einer] Sehnsucht nach innerer Ruhe.“3 Dieses Leiden ist erkennbar, wenn man den dritten Gedichtband „Traumgekrönt“ mit dem „ersten“ Gedichtband, den „Larenopfern“ vergleicht. In „Traumgekrönt“ wendet sich Rilke erstmals von der Realität ab. Der Titel des Bandes wurde Programm und der Autor flüchtete sich in die Welt der Träume, um seiner innere Ruhe zu finden.

Ein Jahr nach dem Erscheinen des Bandes „Traumgekrönt“, 1897, lernte Rilke jedoch die Frau seines Lebens kennen. Die intellektuelle und verheiratete Lou Andreas-Salomé.

Salomé war es auch, die Rilke den Vornamen „René“ abgewöhnte und ihn fortan nur noch „Rainer“ nannte, da sie der Meinung war, dieser Name wäre angemessener für einen männlichen Schriftsteller.

Trotz aktiver Ehe ließ die etablierte Schreiberin sich auf den jungen Schriftsteller ein und führte fortan neben der Ehe eine Beziehung mit Rilke. Fortan sollte Rilke seiner Angebeteten in zahlreiche Länder und Städte folgen. 1897 verließ das Ehepaar Andreas- Salomé seine Münchener Sommerwohnung und zog in die Hauptstadt des Landes. Rilke folgte seiner Geliebten und nahm sich eine Wohnung in Berlin-Wilmersdorf. Die neuen Kontakte hielten sich bis auf wenige Ausnahmen in Grenzen, da Rilke mit den Erlernen der Sprachen Italienisch und Russisch beschäftigt war. Grund dafür war eine geplante Bildungsreise mit Lou, welche 1898 stattfinden sollte. Die folgenden 2 Jahre waren geprägt von Reisen und neuen Bekanntschaften, wie etwa dem russischen Schriftsteller Tolstoi oder der Bildhauerin Clara Westhoff.

Trotz der innigen Beziehung zwischen Lou und Rilke, sowie den vielen Gemeinsamkeiten und der engen Verbindung der Beiden, trennte sich Lou 1900 von Rainer Maria Rilke. Bereits 1901, einem Jahr nach der Trennung von Lou, heiratete Rilke seine Freundin Clara Westhoff und bekam mit ihr seine Tochter Ruth. Rainer und Clara sollten bis zum Tode zusammen bleiben, jedoch entschied sich der Schriftsteller 1902 dazu, nach Paris zu reisen und den Bildhauer Auguste Rodin zu besuchen um eine Monografie über ihn zu verfassen.

3) Die „Pariser Jahre“

Da Rilke bereits in München viele Probleme hatte, mit dem wirren Alltag in der Metropole zurecht zu kommen, sollte er in Paris ein neues Höchstmaß an Unbehaglichkeit erleben. Wie man später, im Jahre 1910, an den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ sehen sollte, bedurfte es einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Pariser Alltag, um dieser „Hölle“ Herr zu werden. Zunächst beschäftigte sich Rilke zwar mit seiner Aufgabe, die Monografie des Bildhauers zu vollenden, setzte sich aber dann immer mehr mit Werken des Malers Paul Cézanne auseinander und machte in den Jahren 1905 und 1906 die französische Hauptstadt zu seinem Hauptwohnsitz. Zuvor jedoch verließ Rilke 1903 Paris um mit seiner Frau nach Rom zu reisen.

[...]


1 Vgl. Bauer, Arnold: Rainer Maria Rilke - Berlin: Colloquium Verlag, 1970, Seite 7.

2 Vgl. Koenig, Hertha: Erinnerungen an Rainer Maria Rilke sowie Rilkes Mutter, Seite 65f

3 Vgl. Schank, Stefan: Rainer Maria Rilke - München: DTV, 1998, Seite 38

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Rainer Maria Rilkes Biographie und die Verarbeitung des Kindheitstraumas
Untertitel
Exemplarische Analyse der Turnstunde und einzelner Gedichte
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Methoden der Literaturwissenschaft mit Anwendungsbeispielen
Note
3,0
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V199266
ISBN (eBook)
9783656256649
ISBN (Buch)
9783656258117
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rainer, maria, rilkes, biographie, verarbeitung, kindheitstraumas, exemplarische, analyse, turnstunde, gedichte
Arbeit zitieren
Anonym, 2009, Rainer Maria Rilkes Biographie und die Verarbeitung des Kindheitstraumas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199266

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