Die Arbeit erläutert und kritisiert das kantsche Verbot zur Auflehnung gegen die Staatsgewalt. Sie erkennt Widersprüche zwischen Kants speziellen Ansichten zu diesem Thema und den allgemeinen Grundsätzen seines philosophischen Werkes, in dem die Freiheit als höchstes Rechtsgut gilt. Als problematisch erweist sich des weiteren die kantsche Ausklammerung der Erfahrung als Erkenntnisquelle .
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zwei Exkurse
2.1. Der kategorische Imperativ und die Maxime des Handelns
2.2. Der natürliche und der rechtliche Zustand
3. Das Widerstandsverbot
4. Kritik
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Hausarbeit untersucht die Plausibilität von Immanuel Kants kategorischem Widerstandsverbot, welches jeglichen aktiven Widerstand gegen die Staatsgewalt untersagt. Ziel ist es, Kants Argumentationsstränge zu analysieren, kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, ob dieses Verbot zwangsläufig aus seinem politischen Denken folgt oder einen inneren Widerspruch darstellt.
- Kants Moralphilosophie und der kategorische Imperativ
- Die Vertragstheorie und der Übergang vom Natur- zum Rechtszustand
- Die Begründung des Widerstandsverbots bei Kant
- Kritische Reflexion der kantschen Argumentation aus heutiger Perspektive
- Das Verhältnis von Vernunftrecht und positiver Rechtsordnung
Auszug aus dem Buch
3. Die Maxime des Widerstands führt zurück in den Naturzustand
Wieso aber besteht auch dann kein Widerstandsrecht, wenn sich das Staatsoberhaupt eben nicht vernunftgemäß verhält und den Staat anstatt allgemeinwohlorientiert ungerecht, gar tyrannisch führt? Dies ist die entscheidende Frage bei der Behandlung des kantschen Widerstandsverbots, denn genau darum geht es bei demjenigen Widerstand, den wir heute für legitim halten. Kant beantwortet sie so: „[W]eil dieser [aller innerer Widerstand] einer Maxime gemäß geschehen würde, die, allgemein gemacht, alle bürgerliche Verfassung zernichten und den Zustand, worin allein Menschen im Besitz der Rechte überhaupt sein können [d.i. der rechtliche], vertilgen würde“ (Gemeinspruch, VIII 299). „Der Grund davon ist: weil bei einer schon subsistierenden bürgerlichen Verfassung das Volk kein zu Recht beständiges Urteil mehr hat, zu bestimmen, wie jene solle verwaltet werden“ (Gemeinspruch, VIII 299/300). Ein Widerstandsrecht mit seiner notwendigen Abschätzung, was gerecht oder ungerecht sei, müsste aber genau dies zubilligen.
Kant beurteilt das widerstandsleistende Handeln nicht nach seiner (möglicherweise guten) Absicht oder seinen unmittelbaren (möglicherweise marginalen) Folgen, sondern denkt die zugrundeliegende Maxime als allgemeingemachtes Gesetz im Sinne des kategorischen Imperativs zuende. Als allgemeines Gesetz aber, das alle befolgten, würde die Maxime des Widerstands nach Kants Gedankengang bedeuten, dass der rechtliche Zustand aufhören würde zu existieren, „[d]enn gilt jede vertragliche Selbstverpflichtung nur gerechten Gesetzen [...] [und für ungerecht befundenen darf man widerstehen], dann führt dieser Vertrag, da sich die Individuen notwendig das Recht auf Normenkontrolle vorbehalten müssen, zu einer Verewigung des status naturalis“ (Kersting 1993: 455). „Mit dem Widerstandsrecht, sagt Kant, erhält jeder Bürger einen Anspruch auf die öffentliche Geltung seiner Rechtsüberzeugung; der Zustand gleichberechtigter persönlicher Rechtsüberzeugungen ist aber nichts anderes als der Naturzustand, der dem vernunftgebotenen Zustand öffentlichen Rechts widerspricht“ (Höffe 2000: 233). Aufgrund des öffentlichen Geltendmachens der individuellen Rechtseinschätzungen würde also der gesetzlose Naturzustand wieder eintreten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird das Thema des absoluten Widerstandsverbots bei Kant eingeführt und die zentrale Forschungsfrage nach dessen Plausibilität im Kontext seines politischen Denkens gestellt.
2. Zwei Exkurse: Dieses Kapitel erläutert den kategorischen Imperativ als moralischen Prüfstein sowie Kants Vertragstheorie, die den Staat als notwendigen rechtlichen Zustand gegenüber dem Naturzustand definiert.
3. Das Widerstandsverbot: Hier werden die Argumente Kants für das Widerstandsverbot detailliert dargelegt, insbesondere die Problematik der Letztinstanzlichkeit und die Gefahr des Rückfalls in den Naturzustand.
4. Kritik: Dieses Kapitel setzt sich kritisch mit Kants Argumenten auseinander und hinterfragt die logische Konsistenz sowie die historische Realitätsnähe seiner Prämissen.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass Kants Widerstandsverbot nicht überzeugt und einen Widerspruch zu seinem eigenen Postulat der allgemeinen Freiheit darstellt.
6. Literatur: Auflistung der verwendeten Primärtexte von Immanuel Kant sowie der sekundärliterarischen Quellen.
Schlüsselwörter
Immanuel Kant, Widerstandsverbot, Rechtsphilosophie, Kategorischer Imperativ, Vertragstheorie, Naturzustand, Rechtszustand, Volkssouveränität, Staatsgewalt, Vernunftrecht, Widerstandsrecht, Politische Theorie, Aufklärung, Gesetzmäßigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der politischen Philosophie Immanuel Kants, speziell mit seiner strikten Ablehnung eines Rechts auf Widerstand gegen die Staatsgewalt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind das Widerstandsverbot bei Kant, die Konzepte des Rechts- und Naturzustands, die Vertragstheorie sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Anwendbarkeit des kategorischen Imperativs auf politische Handlungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, ob Kants Widerstandsverbot widerspruchsfrei in seine politische Theorie integriert werden kann oder ob es eine problematische Fehlannahme darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine textnahe Analyse von Kants politischen Schriften (insb. "Rechtslehre" und "Gemeinspruch") sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die notwendigen theoretischen Grundlagen (Kategorischer Imperativ, Vertragstheorie) erläutert, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Argumente für das Widerstandsverbot und einer anschließenden kritischen Prüfung dieser Argumente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Widerstandsverbot, Immanuel Kant, Rechtszustand, Naturzustand, Volkssouveränität, Vernunftrecht.
Wie begründet Kant die Unzulässigkeit von Widerstand durch das Volk?
Kant argumentiert, dass Widerstand gegen die oberste Gewalt einem logischen Widerspruch gleichkommt, da das Volk sich damit zum Souverän über den Souverän erhebt und den rechtlichen Zustand zugunsten des gesetzlosen Naturzustands auflöst.
Warum kommt der Autor im Fazit zu einer ablehnenden Haltung gegenüber Kants Position?
Der Autor argumentiert, dass Kants Dogmatismus bezüglich der theoretischen Unantastbarkeit der Staatsgewalt nicht an die historische Realität angepasst ist und im Widerspruch zu seinem Ideal der Freiheit als höchstem Rechtsgut steht.
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- Frank Stadelmaier (Author), 2002, Das Widerstandsverbot bei Immanuel Kant, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19930