Die Arbeit spürt dem Gewicht der sogenannten „asiatischen Werte“ in der Außenpolitik zweier unterschiedlicher asiatischer Staaten nach, um ihre begrenzte regionale Bedeutung aufzuzeigen. Dies dient vor dem Hintergrund der Wertedebatte Mitte der 90er Jahre dazu, auf den konstruierten und instrumentellen Charakter der „asiatischen Werte“ hinzuweisen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Debatte um „asiatische Werte“
3. Katalysatoren der Debatte
3.1. Die Demokratisierungspolitik der Clinton-Regierung
3.2. Die UN-Menschenrechtskonferenz von Wien
4. „Asiatische Werte“ in asiatischer Außenpolitik
4.1. Der Fall Singapur
4.2. Der Fall Philippinen
5. Zwischenergebnis
6. Normativ-identitäre Grundlagen der Unterschiede
7. Fazit
8. Literatur
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung „asiatischer Werte“ in der Außenpolitik Singapurs und der Philippinen im Zeitraum von 1990 bis 1997. Ziel ist es, den Einfluss dieses normativen Konstrukts auf das außenpolitische Handeln – insbesondere hinsichtlich der Abwehr westlicher Demokratisierungs- und Menschenrechtsforderungen – mittels einer konstruktivistischen Perspektive zu analysieren und zu vergleichen.
- Konstruktivistischer Liberalismus als theoretischer Rahmen
- Die Rolle der US-Außenpolitik als Katalysator der Wertedebatte
- Vergleichende Analyse der Außenpolitik Singapurs und der Philippinen
- Bedeutung der politischen Kultur und nationaler Identitätskonzepte
- Instrumentelle Nutzung kultureller Werte in zwischenstaatlichen Konflikten
Auszug aus dem Buch
4.1. Der Fall Singapur
Die Außenpolitik des Insel- und Stadtstaates Singapur ist bis heute „haunted by its sense of vulnerability“ (Mutalib 2002: 39), einer Konstante, nur zum Teil hervorgerufen durch die zentrale geographische Lage und die geringe Fläche und Einwohnerzahl. Auch die andauernde Betonung der Unsicherheiten der internationalen Umgebung und der eigenen Verwundbarkeit durch die Staatsführung trägt erheblich zu diesem Charakteristikum bei, wobei sich vor allem der Staatsgründer, jahrzehntelange Ministerpräsident (bis 1990) und heutige Senior Minister, Lee Kuan Yew, hervortut. Eine weitere Grundkonstante der singapurischen Außenpolitik ist die Beeinflussung der ökonomischen Umwelt zu eigenen Gunsten und die Bewerbung des eigenen Wirtschaftsstandorts (economic diplomacy), denn „Singapore’s economic dependence on the world market and on foreign investment is unquestionable“ (Lim 1990: 132), und ökonomisches Wohlergehen gilt der seit der Unabhängigkeit regierenden PAP-Regierung (People’s Action Party) als raison d’être.
Ob bilateral oder durch ASEAN und andere multilaterale Institutionen wie z.B. APEC (Asia-Pacific Economic Cooperation) und ASEAN Regional Forum (ARF): „The main objectives of Singapore’s foreign policy are to secure its political survival as a sovereign nation state, and to ensure its continued economic prosperity” (ebd.: 137). Sicherheit, Stabilität und ökonomisches Wachstum sind also die hergebrachten Ziele der singapurischen Außenpolitik, ebenso wie im Inneren. In dieser Reihe fehlt allerdings noch ein Faktor, nämlich das nation-building (vgl. ebd.: 124), die Amalgamierung einer ethnisch (Chinesen, Malaien, Inder u.a.) und sozial geteilten Gesellschaft.
Mit der Wahl Clintons zum US-Präsidenten, der im Rahmen der neuen Demokratisierungspolitik auch Handelsbeziehungen an demokratische Reformen koppeln wollte, wurden die Beziehungen angespannter (Sebastian 1999: 223, 237). Auf der UN-Menschenrechtskonferenz von Wien wurden die Spannungen deutlich: Der Außenminister Wong Kan Seng hielt eine Rede, in der er die Anwendbarkeit der Menschenrechte vom Entwicklungsstand eines Landes abhängig machte und die singapurische Delegation verteilte eine Rede Kishore Mahbubanis, Staatssekretär im Außenministerium, die sich unter anderem gegen die Pressefreiheit richtete (Heinz 1995: 17f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert den Begriff „asiatische Werte“ und führt in die konstruktivistische Fragestellung ein, ob und wie diese Werte die Außenpolitik Singapurs und der Philippinen beeinflussen.
2. Die Debatte um „asiatische Werte“: Skizziert den theoretischen und historischen Kontext des Wertekodexes, der primär als Instrument zur Absicherung autoritärer Herrschaftsstrukturen gegen äußere demokratische Einflüsse fungiert.
3. Katalysatoren der Debatte: Analysiert die Clinton-Regierung und die UN-Menschenrechtskonferenz 1993 als entscheidende Ereignisse, die den politischen Konflikt um Universalität und Kulturrelativismus verschärften.
4. „Asiatische Werte“ in asiatischer Außenpolitik: Untersucht die unterschiedliche außenpolitische Praxis Singapurs und der Philippinen im Umgang mit der US-Menschenrechtspolitik und den „asiatischen Werten“.
5. Zwischenergebnis: Stellt fest, dass die Bedeutung der „asiatischen Werte“ in Singapur hoch, in den Philippinen jedoch vernachlässigbar gering ist.
6. Normativ-identitäre Grundlagen der Unterschiede: Erklärt die Differenzen zwischen den beiden Staaten anhand ihrer spezifischen politischen Kulturen und historisch gewachsenen Identitätskonzepte.
7. Fazit: Bestätigt die These, dass das Konzept der „asiatischen Werte“ keinen Anspruch auf regionale Gültigkeit erhebt und als konstruiertes, instrumentelles Werkzeug der Außenpolitik zu werten ist.
8. Literatur: Listet die verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Referenzen auf.
Schlüsselwörter
asiatische Werte, Außenpolitik, Singapur, Philippinen, Menschenrechte, Demokratisierung, Konstruktivismus, Kulturrelativismus, ASEAN, Identitätskonstruktion, politische Kultur, internationale Beziehungen, Clinton-Regierung, Nichteinmischungsgebot, Souveränität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie das politische Narrativ der „asiatischen Werte“ als Instrument in der Außenpolitik Singapurs und der Philippinen zwischen 1990 und 1997 eingesetzt wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Debatte um Menschenrechte, das Spannungsfeld zwischen Demokratisierung und staatlicher Souveränität sowie der Einfluss nationaler Identitätskonzepte auf das Handeln von Staaten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist ein systematischer Vergleich der Außenpolitik beider Länder, um zu klären, warum Singapur die „asiatischen Werte“ offensiv zur Abwehr westlicher Einflüsse nutzte, während die Philippinen eher universalistische Positionen vertraten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den konstruktivistischen Liberalismus als theoretischen Ansatz, um Außenpolitik als Produkt sozialer Sinnkonstruktionen im Inneren der Staaten zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen und politischen Hintergründe beider Länder, die katalytische Wirkung der US-Außenpolitik unter Clinton sowie konkrete außenpolitische Handlungen der Regierungen in Singapur und auf den Philippinen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „asiatische Werte“, „nation-building“, „kulturelle Konstruktion“ und „Außenpolitikanalyse“ charakterisieren.
Wie reagierte Singapur auf die US-Menschenrechtspolitik?
Singapur nutzte die Rhetorik der „asiatischen Werte“ gezielt, um die US-Menschenrechtspolitik als Einmischung in die Souveränität abzuwehren und eigene autoritäre Strukturen zu rechtfertigen.
Warum unterschied sich die Position der Philippinen von der Singapurs?
Aufgrund ihrer liberaleren politischen Kultur und der historischen Erfahrung mit dem Sturz des Marcos-Regimes integrierten die Philippinen demokratische Werte stärker in ihre Identität und Normkonfiguration, wodurch sie sich weitgehend von der kulturrelativistischen Argumentation Singapurs distanzierten.
- Quote paper
- Frank Stadelmaier (Author), 2002, Die Bedeutung der "asiatischen Werte" in der Außenpolitik Singapurs und der Philippinen (1990 - 1997), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19931