Hooligans: Episodale Schicksalsgemeinschaft


Seminararbeit, 2003

39 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erklärung und Entstehung des Begriffs Hooligan

3. Geschichte der Hooliganszene
3.1 Fußball in Deutschland - Geschichtlicher Rückblick
3.2 Die Entwicklung der deutschen Hooliganszene

4. Innere Struktur der Hooliganszene

5. Erscheinung des Hooligans

6. Hauptteil
6.1 Positionierung in der Gesellschaft
6.2 Gründe für grenzüberschreitende Aktivitäten
6.2.1 Aus dem Rhythmus
6.2.2 Die Suche nach Respekt und Anerkennung und ihre Kommunikation
6.2.3 Metaphorik der Situation
6.2.4 episodale Schicksalsgemeinschaft
6.3 Der „faire fight“

7. Forenbeispiele

8. Resümee

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ausschreitungen und Krawalle im Umfeld des Fußballs rücken immer wieder in den Mittelpunkt der medialen Berichterstattung. Die zum Grossteil einseitigen Darstellungen dieser Berichterstattung waren in den letzten Jahren immer öfter im Focus des öffentlichen Interesses und gaben dann oft nur ein unvollständiges, teilweise verzerrtes Bild der Hooligans wieder. Überwiegend wird nur die Sicht der Gesellschaft auf diese Szene in den Medien angetroffen und deren meist einseitige Darstellung der scheinbar sinnlosen und unkontrollierbaren Gewalt. Diese Hausarbeit soll die Szene und ihre Handlungen aus einer anderen Perspektive beleuchten, um einen etwas genaueres Bild von den Hooligans zu bekommen. Hierbei soll unter anderem auf Aspekte, wie die eigene Positionierung der Hooligans in der Gesellschaft, Gründe für grenzüberschreitende Aktivitäten und den „faire Kampf“ explizit eingegangen werden. Die Motivation sich diesen Themen aus der vorher erläuterten Perspektive zu widmen wuchs, als sowohl Ralph Bohnsacks „Die Suche nach Gemeinsamkeit und die Gewalt der Gruppe“, als auch Bill Bufords Buch „Geil auf Gewalt“ gelesen wurde.

Ralf Bohnsack untersucht in dem oben genannten Buch die Gewaltbereitschaft von Hooligans in exemplarischen Fallanalysen. Dabei vergleicht er die Hooligans mit anderen Gruppen Jugendlicher in Ihrem Bezug zur Adoleszenskrise und zur lebensgeschichtlichen Entwicklung. Buford hingegen hat sich eine längere Zeit in die Fanszene des englischen Fußballvereins Manchester United eingeschleust, um so direkte und unverfälschte Beobachtungen machen zu können. Bufords Interesse und Neugier an diesem Themenkomplex wurde durch ein Erlebnis geweckt, das er auf einem kleinen Bahnhof gemacht hat, als ein Sonderzug voll randalierender Fußballfans an ihm vorbeifuhr. Von nun an besuchte er regelmäßig Spiele und versuchte, Kontakt zu Fans zu knüpfen. Anfangs wurde er kaum beachtet bzw. akzeptiert, nach und nach jedoch lernte er eine ganze Reihe von ihnen persönlich kennen. Dazu muss noch erwähnt werden, dass Buford ca. Ende 30 ist, und sich durchaus als Schriftsteller zu erkennen gegeben hat.

2. Erklärung und Entstehung des Begriffs Hooligan

Wer, oder was sind Hooligans?

„Hooligans, Bezeichnung für gewalttätige, meist in Gruppen auftretende Jugendliche und jüngere Erwachsene, die in der Regel sehr fanatische Anhänger eines Sportvereins sind. Vor allem bei und im Umfeld von Fußballbegegnungen treffen sie auf ebenso aggressive Fans des gegnerischen Vereins. Bei der Konfrontation der miteinander verfeindeten Fangruppen kommt es häufig zu gewalttätigen Übergriffen. (Microsoft® Encarta® Enzyklopädie Professional 2003 © 1993-2002 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.)“

Mit Hilfe der polizeilichen Einstufung, in vier Gruppierungen von Zuschauern, kann man recht deutlich den Unterschied zwischen Fan und Hooligan vornehmen.

Zur ersten Gruppierung gehören Zuschauer, welche passiv und distanziert, mit geringer Vereinsbindung, ein Stadion besuchen, in der Erwartung ein interessantes Fußballspiel zu sehen. Die neutralen Fans.

Zuschauer der zweiten Gruppierung sind kontrollierte, engagierte Zuschauer, die sich für Ihre Mannschaft einsetzten und teilweise verbal unterstützen. Sie erwarten ein gutes Spiel und natürlich den Sieg ihrer Mannschaft. Diese ersten beiden Gruppierungen zählen zur Kategorie A = der friedliche „Fan“.

Der dritten Gruppierung zugehörig sind die so genannten Fans, auch fanatisch-parteiisches Publikum genannt, welche sich voll und ganz mit Ihrem Verein identifizieren, was durch permanentes Anfeuern und das tragen von Vereinsfarben verdeutlicht wird. Der Spielgewinn der eigenen Mannschaft steht für solch fußballzentrierte Fans eindeutig im Vordergrund. Die gewaltbereiten/-geneigten „Fans“ = Kategorie B.

Die vierte und letzte Gruppierung besteht aus den „erlebnisorientierten“ Fans, den so genannten Hooligans. Hooligans sind aggressive, konfliktsuchende Zuschauer, deren Vereinsbindung unterschiedlich ausgeprägt ist. Sie sehen die gleichgesinnten Anhänger des Konkurrenzvereins als Gegner und erwarten Auseinandersetzungen, wobei die gegnerischen Hooligans nicht als Feinde, sondern als potentielle Gegner angesehen werden. Die Gewalt suchenden „Fans“ = Kategorie C.

Woher kommt der Begriff „HOOLIGAN“? Die Herkunft des Begriffs ist nicht eindeutig. Eine Variante besagt, dass es sich um einen englischen Kunstbegriff handelt und sinngemäß mit Straßenrowdy oder Halbstarker übersetzt wird. In einer weiteren Darstellung wird darin die Verdrehung des irischen Wortes hooley (Sauforgie) in Hooligan vermutete. Eine dritte Version besagt, dass es einmal Ende des 19ten Jahrhunderts eine irische Familie mit dem Namen Hooligan gegeben hat, die prügelnd durch die Straßen zog. Später wurde Hooligan zuerst in England zum Synonym für gewalttätige Fußballfans. Der Begriff Hooligan trat bereits am 30. Oktober 1890 in der englischen Zeitung „The Times“ auf:

„Was machen wir mit den >Hooligans< ? Wer oder was ist schuld daran, daß es immer mehr werden? Jede Woche zeigt irgendein Vorfall, dass manche Teile von London für den friedlichen Reisenden gefährlicher sind als entlegene Gegenden in Kalabrien, Sizilien oder Griechenland, wo sich einst die klassischen Schlupfwinkel von Räubern befanden. Jeden Tag werden vor dem einen, oder anderen Polizeigericht Einzelheiten über brutale Mißhandlungen berichtet, die ganz unbeteiligte Männer und Frauen erleiden mußten! Solange nur der eine >Hooligan< den andern malträtierte – solange wir in der Hauptsache von Angriffen und Gegenangriffen zwischen Banden hörten, auch wenn dabei manchmal tödliche Waffen gebraucht wurden -, war die Angelegenheit bei weitem nicht so ernst, wie sie mittlerweile geworden ist… Die sich häufenden Gewalttaten von Rohlingen jedoch, die systematischen Gesetzesübertretungen von Gruppen junger Burschen und Männer, die ihre jeweilige Umgebung terrorisieren, kann man nicht mehr mit Gelassenheit hinnehmen.

Mit unseren >Hooligans< wird es immer schlimmer. Sie sind ein übler Auswuchs des Gemeinwesens, und am schlimmsten ist, daß sie sich vermehren und daß Schulbehörden und Gefängnisse, Polizeirichter und Philanthropen sie anscheinend nicht auf den Pfad der Tugend bringen können. Andere Großstädte mögen Elemente hervorbringen, die dem Staat gefährlicher werden können. Dennoch ist der >Hooligan< ein abscheulicher Auswurf unserer Zivilisation.“ (Buford 1992, s. 24)

3. Geschichte der Hooliganszene

3.1 Fußball in Deutschland - Geschichtlicher Rückblick

Das Fußballspiel wurde zunächst als freiwilliges Schulspiel im Jahre 1874 in Deutschland eingeführt und blieb bis in die 1890er vorwiegend ein Spiel für die Gymnasiasten. Ende 1890 setze sich Fußball langsam, dem damals beliebteren und brutalerem Rugby, durch die Einführung der Spielpflicht in den Schulen, durch, da es als weniger gefährlich galt. 20 Jahre nach der Einführung des Fußballs in Deutschland wurde der erste, auch für Erwachsene offen stehende, Fußballverein (Eintracht Braunschweig) gegründet. Die Grundlage für die Popularität des Fußballs wurde allerdings gelegt, als die Arbeiter begannen, das den zunächst Gymnasiasten und damit höheren Kreisen vorbehaltene Spiel, zu übernehmen. Vorwiegend ließen sich drei Vereinstypen unterscheiden. Die Vereine entstanden entweder aus Spielcliquen von Jugendlichen eines eng umgrenzten Nachbarschaftsbezirkes oder sogar aus nur einer oder aus einem bereits bestehenden Turnverein oder gründeten sich aus den Mitgliedern katholischer Jünglingsvereine. Auswärtsspiele wurden zum Anlass für regelrechte Familienausflüge genommen und nach dem Spiel blieb man noch in geselliger Runde zusammen. Auch bei offiziellen Vereinsfesten wurde mit der ganzen Familie teilgenommen. Durch die räumliche Nähe (Wohnung / Vereinslokal / Stadion) zueinander, entstand ein dichtes Netz zwischen-menschlicher Beziehungen. Diese Nähe war auch in den Stadien gegeben. Die Zuschauer säumten direkt den Spielfeldrand und saßen teilweise auf den Toren. Die Spieler, verbunden durch den entsprechenden Verein, waren für die

Zuschauer sozusagen Repräsentanten ihres Ortsteils oder ihrer Stadt. Sie waren ihren Fans aber auch sozial, kulturell und bezüglich der Einkommens- und Vermögensverhältnisse nahe. Auch wenn die Spieler durch den Fußball ein

besseres finanzielles Niveau erreichten, blieben sie trotzdem noch Bekannte aus der Nachbarschaft mit denen sich ihre Anhänger identifizieren konnten.

3.2 Die Entwicklung der deutschen Hooliganszene

Mit der Professionalisierung des Fußballs kam es zu ersten Veränderungen. Die Spieler, vorher lokale Helden der Arbeiterklasse, wurden nun, von den Medien mitgeformte, Stars. Dieser neue Spielertyp zeichnet sich durch Mobilität aus, er kann auch während der Saison den Verein wechseln, und ist vor allem auf eine größere Distanz zu den Anhängern bedacht.

Die Fans identifizierten sich mit ihrem jeweiligen Verein und hielten ihm die Treue. Sie gestalteten ihr Fandasein selber und organisierten Busfahrten zu Auswärtsspielen und Sitzungen ihrer Fanclubs, zu denen sie sich zusammenschlossen. Die Mitglieder dieser Fanclubs rekrutierten sich zum einen hauptsächlich aus dem eigenen Milieu, d.h. aus dem von der Arbeiterkultur geprägten Stadtteil. Zum anderen gab es genug Motive für Jugendliche, sich einem Fanclub anzuschließen. In der wissenschaftlichen Literatur werden neben der allgemeinen Faszination des Fußballsports auf Jugendliche besonders die fehlenden sinnvollen Freizeitbeschäftigungen für teilweise vereinsamte junge Menschen herausgearbeitet. Diese Einsamkeit führt zu einer Suche nach Gemeinschaft und Aktion im Sinne von Erlebnissen und Abenteuern. Die Fanclubs geben den Jugendlichen Geborgenheit und Halt, sie ermöglicht das Kennen lernen Gleichaltriger und Gleichgesinnter. Des Weiteren gibt der Vereinsbezug die Möglichkeit zur Identifikation. Ihr Fan-Outfit wurde von ihnen selber entworfen, indem sie sich ihre Jacken mit eigen produzierten Aufnähern und anderen vereinsbezogenen Accessoires verschönerten. In ihrem Milieu galt seit jeher die Körperkraft und die damit verbundene Maskulinität als ein hohes Ideal was allseits angestrebt wurde und Respekt und Anerkennung erbrachte. So gehörte es auch mal dazu sich mit den gegnerischen Fans zu prügeln, was in ihrem Fall eine Revierverteidigung darstellte, wo jeder Fan solidarisch sich mit diesem identifizierte. Diese Auseinandersetzungen fanden jedoch meistens im Fußballstadion statt und blieben für die Beteiligten meistens ohne schwerwiegende körperliche Folgen, da ein Ehrenkodex bestand, der extreme Brutalität untersagte. Dieser Ehrenkodex wurde von den älteren Fans immer an die Neueinsteiger weitergegeben und diese wurden so wiederum milieuspezifisch sozialisiert. Man kann die damalige Fanszene also als Jugendkultur von unten bezeichnen, der es besonders wichtig war ihre Freizeitaktivitäten, also hier der Fußball, selbst zu gestalten, da dieses im Arbeitsleben aufgrund ihrer Arbeiterrolle kaum möglich war. Die wachsende Distanz zwischen Sportler und Zuschauer führte auch zu der Entwicklung, dass sich der Zuschauer mehr mit sich selber befasst und eine größer werdende Sensibilität für seine eigene Anwesenheit entwickelt, da ihm der Sportler selbst zu weit entrückt ist.

Die Fans fingen an eigene Aktionen im Stadion zu suchen und zu realisieren. Ein Beispiel dafür ist die Stadionwelle, aber es kann seinen Ausdruck auch in gewalttätigen Formen, von hetzerischen Sprechchören bis hin zur Körperverletzung, finden. In den 60er und 70er Jahren waren die traditionellen Fanclubs die zentrale Organisationsform für die Fans. Von hier aus wurden Kontakte (untereinander, zu Fans anderer Vereine, Mannschaften u.a.) gepflegt, Fahrten und Karten organisiert, Aktionen außerhalb der Spielzeiten, wie z.B. Freundschaftsspiele unternommen und andere fanspezifische Bedürfnisse befriedigt. Die fortschreitende Kommerzialisierung und die Fixierung auf den Einzelkonsumenten in Wirtschaft und Gesellschaft begann den milieuspezifischen Gruppenzusammenhalt der Arbeiterklasse langsam aufzulösen. Gerade deswegen wurden Fangruppen immer wichtiger für die Fußballanhänger, da innerhalb dieser die alten Werte und die Schichtidentifikation noch aufrechterhalten werden konnten. Doch gerade diese wurden immer mehr stigmatisiert und kriminalisiert.

Die Vereine wurden immer mehr zu Wirtschaftsunternehmen, die den angepassten, konsumorientierten Fan bzw. Fanclub als Idealkunden ihrer Ware Fußball sahen. Durch das Durchorganisieren und Standardisieren des Fußballs wurde so den Fans der Freiraum zur Selbstgestaltung ihrer Fanaktivitäten genommen, was ihnen so immanent wichtig war. Die Fangruppen sind so immer mehr ins gesellschaftliche Abseits geraten, da ihr Erscheinungsbild nicht dem, der sozialen Norm des durchgestylten und angepassten Fußballkunden entsprach. Für die fehlende Nähe zum Verein begannen die Fans Vereinsembleme, Schals, Flaggen usw. als symbolischen Ersatz zu benutzen. Bis Anfang der 80er Jahre war der Kleidungsstil hauptsächlich durch die selbst gefertigte Kutte geprägt. Mit zunehmender Fanaktivität stieg der Wert der Kutte, einerseits als Prestigeobjekt innerhalb der eigenen Fanszene, anderseits als Trophäe für gegnerische Fans. Verlor ein Fan seine Kutte, bedeutete dies nicht nur einen schweren ideellen Verlust, sondern galt auch als Beweis für eine kämpferische Niederlage. Nach und nach wurde die Kutte von dem aus dem Versandhaus bestellten Vereinstrikot abgelöst. Diese Kleiderveränderung wird im asozialen Image begründet, dass den alten Kuttenfans angeheftet wurde (die Kutte wurde z.B. niemals gewaschen). Um in der Öffentlichkeit Anerkennung zu finden, waren die Fans bestrebt sich durch ihre Kleidung anzupassen. Die Fans erfuhren so auch eine individuelle Abwertung seitens der Gesellschaft, da der unangepaßte Fußballfan in den Medien zunehmend als asozialer Randalierer dargestellt wurde und so eine immense Degradierung erfuhr.

Aufgrund dieses Druckes von außen begann die Fanszene sich zu spalten. Ein Teil passte sich dem gesellschaftlich geforderten Bild des Fußballkunden an, der Andere tat dies nicht.

Die letztlich genannten reagierten zunehmend mit Aggression und Frustration gegenüber der Gesellschaft, da durch die voranschreitende Durchorganisierung derselben, einschließlich des Fußballbereiches, ihnen jeglicher Freiraum zur kreativen Selbstgestaltung ihres Freizeitlebens genommen, und ihre Identität ins soziale Abseits gestellt wurde. Als Resultat stellte sich eine zunehmende Staats- und Gesellschaftsverdrossenheit ein, zumal die Fußballstadien samt Umgebung immer mehr durch die Polizei kontrolliert und „gesäubert“ wurde, d.h., dass Fans, die man aufgrund ihres Äußeren als gefährlich einstufte, schon vor dem eigentlichen Spiel systematisch herausgegriffen und verhaftet wurden. Als Ergebnis davon verlagerten sich die Kämpfe ins Innenstadtgebiet, so dass zwangsläufig auch Unbeteiligte zu Schaden kamen, was den Ruf der Fußballfans noch verschlechterte. Die Trennung wird besonders verdeutlicht durch die Einführung des Begriffs Hooligan, der als Abgrenzung zu den gesellschaftlich Anerkennung suchenden Fans verwendet wird.

Die eigentliche Entstehung der Hooligangruppen, so wie wir sie heute kennen, kann mit einem einzelnen Ereignis datiert werden, dem Tod eines Fußballfans im Herbst 1982. Nachdem ein Fan bei Krawallen in Hamburg zu Tode kam, entflammte eine heftige Diskussion in den Medien über die Ausschreitungen beim Fußball. Hierbei standen die Medienberichte in keinerlei Korrelation mit der Wirklichkeit. In der Berichterstattung, die sich von der Bildzeitung bis zum Spiegel über alle Medienträger erstreckte, wurden die Fußballfans als neo-faschistische Schläger dargestellt, die keinerlei Moral und Menschlichkeit zu besitzen schienen. Der einzige Weg dieser vernichtenden Degradierung etwas entgegenzusetzen war für die meisten Fans die Provokation. Um die Gesellschaft zu schocken setzten sie sich bewusst das in den Medien verkaufte Image auf, da sie sonst keine Möglichkeiten sahen dieser Herabsetzung zu begegnen.

So legten viele Fußballfans sich ein Skinheadoutfit zu und brüllten in der Öffentlichkeit rechte Parolen, ohne jedoch politisch dahinter zu stehen. Allein die Provokation war ihre Intention. Als die rechten Parteien und Organisationen jedoch versuchten diese Jugendliche für sich zu gewinnen, sie zu organisieren und ihrer Hierarchie zu unterwerfen, verweigerten sie sich erneut und wandten sich wieder dem Fußball zu. Da jedoch die milieuspezifische Solidarität und die Einbindung in die jeweiligen Vereine nicht mehr existierte entstanden ganz neue Gruppierungen von fußballinteressierten Jugendlichen, die mit den alten Fanclubs kaum noch Gemeinsamkeiten aufweisen konnten. Zweck dieser Gruppen war allein die Randaleausübung bei Fußballspielen.

Die Jugendlichen trugen fortan teure Markenkleidung, um das asoziale Stigma abzulegen. Diese neuen Cliquen stellen also nicht mehr als ein Freizeitangebot dar. Es schließen sich ihnen nun Jugendliche aus allen Gesellschaftsschichten an, die ausschließlich Lust auf den „Kick“ der Fußballrandale haben. Da sich die älteren Fans meist schon aus dem Fußballgeschehen zurückgezogen haben, oder aufgrund der starken Repressionen seitens der Polizei im Gefängnis sitzen, ist so auch niemand mehr da, der Neueinsteiger noch milieuspezifisch sozialisiert und die alten, solidarischen Werte der Fanclubkultur noch innerhalb der Gruppe internalisieren kann. Die Hooligangruppen von heute sind also nicht mehr als Zweckgemeinschaften

4. Innere Struktur der Hooliganszene

Ein Braunschweiger Hooligan im Interview, zur Frage wie sie organisiert sind: „Es gibt eine Struktur mit Anführern bis ganz nach unten. In Frankreich gab es Absprachen mit Engländern, die nicht erschienen sind. Solche Connections werden meist über Hamburg klargemacht.“

(SUBWAY NET: „Wie Bungeejumping – nur ohne Seil“)

Bill Buford meint, schon bevor er sich in die Fanszene eingeschleust hat, hinter den Ausschreitungen eine gewisse Absicht, Gezieltheit und Ordnung zu erkennen. Nachdem er einige Zeit unter den Hooligans verbracht hat, wird ihm als erstes deutlich, dass es eine bestimmte Schichtung der Fans gibt. Am besten kann man sich das als eine Anordnung in konzentrischen Kreisen vorstellen. Der größte Kreis umfasst alle Fans von Manchester United. In diesem Kreis gibt es jedoch noch mehrere kleinere. Zum ersten davon gehören die Mitglieder des offiziellen Manchester United Supporter's Club, dem

Fanclub, der zu besten Zeiten mehr als 20000 Mitglieder umfasst. Dieser Club mietet Fußball-Sonderzüge von der britischen Eisenbahn, bringt eine regelmäßig erscheinende Zeitschrift heraus, erhebt Jahresbeiträge und gibt sich Mühe, die „guten“ Fans über die Entwicklungen im Verein zu informieren und den „bösen“ Fans jede Information zu sperren. Den zweiten Kreis bildet der inoffizielle Fanclub, das heißt die „bösen“ Fans oder, wie man sie auch nennt, „die Firma“. Und innerhalb dieser Firma gibt es eben diese paramilitärische Struktur, von der man immer wieder hört. Es gibt Anführer, die meist nicht selbst an den Gewaltakten beteiligt sind. Diese Anführer stehen oft in Konkurrenz zueinander. Und jeder hat seine eigene Gefolgschaft aus bis zu vierzig Leuten. Diese Anhänger sind sechzehnjährige Burschen, die sich beweisen wollen. Sie sind es auch, welche die Schlägereien anfangen, sozusagen die Unteroffiziere. Dass die Anführer selten aus den unteren sozialen Schichten kommen, bzw. sich durch kriminelle Aktivitäten daraus „hochgearbeitet“ haben (oft sind diese Leute auch in Drogengeschäfte oder Diebstähle verwickelt), ist ein erster Gegenbeweis für die allseits angenommene These, Armut und soziale Unzufriedenheit wäre der Auslöser für Gewalt in und um Fußballstadien. (vgl. Buford 1992, s.28 ff)

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Hooligans: Episodale Schicksalsgemeinschaft
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (ISOZ)
Veranstaltung
Seminar: Abweichendes Verhalten
Autoren
Jahr
2003
Seiten
39
Katalognummer
V19959
ISBN (eBook)
9783638239776
ISBN (Buch)
9783638676564
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hooligans, Episodale, Schicksalsgemeinschaft, Seminar, Abweichendes, Verhalten
Arbeit zitieren
David Beer (Autor)Andreas Müller (Autor), 2003, Hooligans: Episodale Schicksalsgemeinschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/19959

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