Gesellschaftlicher Wertewandel in Deutschland – Historie und Treiber eines sich verändernden Gesundheitswesens


Studienarbeit, 2011

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Wertewandel innerhalb der deutschen Gesellschaft
1.1. Die Bedeutung allgemeingültiger Werte in der Gegenwart
1.2. Die historische Entwicklung des Wertewandels in Deutschland
1.3. „Lebensqualität“ als Leitwort des 21. Jahrhunderts

2. Vom Gesundheitswesen zum Gesundheitsmarkt
2.1. Treiber der Veränderung

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Der Wertewandel innerhalb der deutschen Gesellschaft

1.1 Die Bedeutung allgemeingültiger Werte in der Gegenwart

Die Wertewandelforschung, oder abgekürzt auch Wertforschung, ist dem ständigen Bemühen verpflichtet, Antworten auf die soziokulturellen Herausforderungen moderner Gesellschaften zu finden. Hierbei misst sie, beispielsweise, Einstellungs- und Wertveränderungen von Menschen in den Bereichen Politik, Freizeit, Sexualität, Arbeit und Familie und stellt diese dar. Hierbei bedient sich die Wertforschung einer interdisziplinären Vorgehensweise: wohl kaum ein anderes Wissenschaftsgebiet hat in den letzten vier Jahrzehnten von einer solchen Fülle an Beiträgen anderer Disziplinen profitiert. Neben Soziologen und Sozialpsychologen, förderten und fördern ebenfalls Philosophen, Politologen und Kulturanthropologen, den Erkenntniszuwachs im Bereich der Wertforschung.[1] Weiterhin haben der Zerfall sozialistischer Staaten, und deren Transformation zu marktwirtschaftlichen Gebilden, das Interesse und die Forschung im Bereich des Wertewandels in Osteuropa vorangetrieben und dadurch neue Erkenntnisse (zu Tage) gebracht.[2]

Das Ergebnis der Kombination dieser beiden Strömungen, Interdisziplinarität einerseits und die neue Wertforschungsentwicklung in Osteuropa andererseits, haben im Ergebnis einen nahezu unerschöpflichen Fundus an qualitativ hochwertigen empirischen Daten hervorgebracht, dessen Quantität von einem einzelnen Individuum kaum noch zu überschauen ist. Dabei lässt sich der Wertewandel grundsätzlich anhand plötzlicher Geschehnisse und tiefgreifender Ereignissen, sowie an kontinuierlichen Veränderungsprozessen ablesen. Ein Stillstand dieses stetigen Prozess ist bis heute nicht absehbar.[3]

Trotz der bereits quantitativ überwältigenden Menge an empirischen Daten, erfährt die Wertforschung in unseren Tagen, vor dem Hintergrund nahezu täglicher Pressemeldungen über Bestechungen von Betriebsräten, Abfindungen von Vorständen in zweistelliger Millionenhöhe und Bespitzelungen von Mitarbeitern oder Aufsichtsratsmitgliedern, ein großes Interesse, das eine soziale Grundlage hat[4]: Werte wie Ehrlichkeit, Anstand, Gerechtigkeit, Toleranz und Respekt, universelle Standards, die dem Menschen Orientierung und Halt geben, werden vom Durchschnittsbürger zunehmend vermisst. Dabei sind es diese Werte, die als Grundlage einer jeden Gesellschaft fungieren und ohne die ein geregeltes Miteinander nicht möglich wäre.

Ein Blick in die Vereinigten Staaten von Amerika und Europa liefert uns ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sehr sich der zeitgenössische Wertewandel und die Sehnsucht nach stabilen Werten in relativ kurzer Zeit bemerkbar machen können: Nachdem die Zahlungsunfähigkeit der größten Volkswirtschaft der Welt, quasi in letzter Minute, abgewendet werden konnte, ringen die USA nun mit der Sanierung ihres Haushaltes. Während Kriege und der konsequente Kampf gegen die Finanzkrise die Ausgaben kontinuierlich steigen ließen, schmälern die in der Vergangenheit von George W. Bush an die Vermögenden geleisteten Steuergeschenke, und eine nicht in Gang kommende Konjunktur, die Einnahmeseite der US-Regierung.[5] Das Ergebnis dieser Entwicklungen lässt sich anhand der Staatsverschuldung, die mittlerweile hundert Prozent des Bruttoinlandsproduktes beträgt, ablesen.[6]

Zudem zählen neben einer geringen Haushaltsdisziplin, auch der Immobilien- und vor allem der Arbeitsmarkt, zu den dringlichsten Problemen der US-Regierung. Insbesondere die Situation am Arbeitsmarkt stuft US-Notenbank-Chef Ben Bernanke als „nationale Krise“ ein: so sei die Lage am Arbeitsmarkt in den USA, seit Ende des Zweiten Weltkrieges, nicht mehr so prekär gewesen, wie sie sich momentan darstelle.[7]

Neben den USA kämpfen auch zahlreiche europäische Staaten mit Finanzproblemen: vor allem die griechische Haushalts- und Staatschuldenkrise, die im April 2010 öffentlich bekannt wurde[8], sowie die damit verbundene Frage nach der künftigen Stabilität des Euro, sind seitdem die politisch dominierenden Themen bei Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen hat sich seit Mitte September 2011, durch den „Arabischen Frühling“ im Nahen Osten inspiriert, die sogenannte „Occupy-Bewegung“ in den USA formiert, die von Woche zu Woche wächst. Waren es zu Beginn nur einige Hundert, zumeist anonyme Wall-Street Aktivisten in New York, hatte sich die Protestbewegung nur Tage später, bereits auf zahlreiche US-Metropolen wie Chicago, Los Angeles, Boston und New York mit Tausenden von Protestanten, darunter auch Prominente, ausgeweitet. Dem amerikanischen Vorbild folgend, kennen die „Occupy“-Proteste seit Mitte Oktober keine Grenzen mehr, und finden weltweit in allen Finanzmetropolen der wichtigsten westlichen Industriestaaten, darunter auch Deutschland, statt.[9] Vor allem in den USA und Europa eint alle Demonstranten vor allem das Gefühl, dass die Staats- und Regierungschefs primär das Wohl und Interesse anonymer Finanzmärkte in den Vordergrund Ihrer Politik stellen. Dies wird vor allem daran deutlich, dass die Verursacher der Finanzkrise bisher keinen Beitrag dazu geleistet haben, um eine Lösung des Problems herbeizuführen.[10]

Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass bisher nur der Steuerzahler finanziell für die Folgen der Krise einstehen muss, erklärt sich das kollektive Empfinden der Bevölkerung, in den jetzigen Systemen fremdbestimmt zu sein, so dass die „Occupy-Bewegung“ durchaus als eine Art Freiheitsbewegung gesehen werden kann.

Ein Blick auf die Proteste, die sich auf dem Globus wie ein Lauffeuer ausgebreitet haben, beweist dem zeitgenössischen Beobachter, dass Freiheit und soziale Gerechtigkeit universelle Werte sind, die alle Menschen weltweit teilen. Hinzu kommt, dass die Bereitschaft für diese Werte einzustehen, vor dem Hintergrund des Wertewandels, vor allem in den westlichen Industrienationen, nie größer gewesen zu sein scheint: die Tatsache, dass die Mehrzahl der Protestanten auf den Straßen der jüngeren Bevölkerung zuzurechnen ist, bestätigt dieses Bild.[11]

Um die soeben genannten Probleme in den Griff zu bekommen, besteht eine Lösung des Problems, aus Sicht der Protestierenden darin, neben einer verstärkten Aufsicht und Regulierung der Finanzmärkte, die Besteuerung von Unternehmen zu erhöhen, eine Reichensteuer einzuführen sowie, aus amerikanischer Sicht, den bestehende Krieg, und die damit verbundenen immensen Unterhaltskosten, einzustellen.[12]

Die aktuelle Situation in den USA und Europa erinnert an den von Barack Obama während seines Wahlkampfes und vor seinem Amtseintritt genutzten Satz, der gleichsam sein Markenzeichen wurde und weltweit Beachtung fand: waren es in der Vergangenheit nahezu ausschließlich die rechtskonservativen Republikaner, die durch ihre Blockadepolitik in den USA Akzente setzten, und vor allem in Form der Tea-Party- Bewegung auf sich aufmerksam machten, so scheint der Ausspruch „Yes, WE can“, nun auch bei der Masse der Weltgemeinschaft angekommen und verstanden worden zu sein.[13]

Ebenso wie die Protestbewegungen des „Arabischen Frühlings“, haben die soeben beschriebenen Demonstrationen der sogenannten „Occupy-Wall-Street-Aktivisten“ ihren Auslöser, im Kern, in einem veränderten individuellen Bewusstsein, einem scheinbar “neuartigen“ Empfinden für die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse der Gegenwart. Dieses “neuartige“ Empfinden der Menschen ist Ausdruck des o.g. thematisierten Wertewandels und spiegelt sich in einem selbstbewussteren Auftreten der Menschen wider.

Die früher aus dem Ausland, und zum Teil aus der Bundesrepublik selbst, verlautenden Stimmen, dass in Deutschland trotz finanzieller Einschnitte durch den Gesetzgeber oft wehrlose Hinnahme und „Massenschweigen“ der betroffenen Bürger, ein Relikt der Akzeptanz- und Pflichtkultur der Nachkriegszeit, vorherrsche, sind heute verstummt. Die „Occupy-Bewegung“ am 15. Oktober in Deutschland, und nicht zuletzt die Demonstrationen bezüglich Stuttgart 21, im Herbst 2010, haben bewiesen, dass sich ein Großteil der deutschen Bevölkerung mobilisiert und zu Protesten bereit ist, wenn für sie universell gültige Werte in Frage gestellt werden.

1.2 Die historische Entwicklung des Wertewandels in Deutschland

Von der Nachkriegszeit bis Mitte der sechziger Jahre standen für den deutschen Bürger traditionelle Werte und das Pflichtbewusstsein gegenüber der Familie, dem Arbeitgeber und dem Staat im Vordergrund. Man akzeptierte weitgehend die etablierten Institutionen und kämpfte regelrecht um die Wertschätzung anderer, die man sich mit Leistung, Berufspflicht und einem sicheren Einkommen erwarb.[14]

Im Jahrzehnt zwischen 1965 und 1975 kam es zu einem „Wertewandelsschub“[15], der die bisherige Pflichtkultur ablöste und Raum für eine Kultur der Selbstverwirklichung schuf. Auslöser dieser Entwicklung war eine stetig zunehmende individuelle Unzufriedenheit mit den vorherrschenden Institutionen, ein Ausbau im Bereich des Sozialstaates und nicht zuletzt der international und innenpolitisch heftig geführte Diskurs über den Vietnamkrieg. Hinzu kommt, dass sich der Massenwohlstand nun endgültig spürbar durchsetzte und zur Etablierung einer aufstrebenden Konsumgesellschaft gegen das Establishment beitrug. Besonders die “Abnabelung“ von der Institutionen-Verbundenheit führte zu einer Stärkung des Individuums, das von nun an immer mehr nach politischer, geistiger und vor allem persönlicher Selbstverwirklichung strebte, wobei sich dieser Anspruch, besonders in den 1980-er Jahren, zunehmend verstärkte.[16]

Die Stärkung des Individuums ging allerding mit einer Schwächung der normativen Grundlagen, wie die der Familie und Ehe einher: Beispielsweise war es in den 1950-er Jahren die Regel verheiratet zu sein und Kinder zu haben, während die heutige Norm von Pluralen Lebensformen dominiert wird.

Pluralismus als Phänomen der Neuzeit bedeutet, dass sich aus der einstigen Kernfamilie, bestehend aus dem Ehepaar und den dazugehörigen Kindern, unterschiedliche Paarkombinationen entwickelt haben: so besteht unsere heutige Gesellschaft, neben den traditionellen Familien, zunehmend aus unverheirateten Lebensgemeinschaften[17], alleinstehenden Singles, sowie alleinerziehenden Müttern oder Vätern. Diese, noch vor einigen Jahrzehnten unvorstellbar erscheinende Gesellschaftsstruktur hat sich mittlerweile, wie die bewusst getroffene Entscheidung auf Kinderlosigkeit, als sozial übliches und gesellschaftlich akzeptiertes Phänomen durchgesetzt und etabliert.

Die steigende Bedeutung des Individualismus einerseits und die abnehmende Bedeutung der Familie andererseits, führten jedoch noch zu einer weiteren gesellschaftlichen Entwicklung: Beziehungen zwischen Menschen basieren zunehmend auf den Gesetzen des Marktes. So sind beispielsweise der Beruf und die Familie für den Einzelnen keine Werte an sich mehr, wie es in der „Pflichtkultur“ der Nachkriegsjahre bis Mitte der 1960-er Jahre noch der Fall gewesen ist. Vielmehr geht das Individuum des 21. Jahrhunderts sogenannte Austauschbeziehungen ein, das heißt, es bindet sich beispielsweise an einen Beruf oder Partner, solange es sich, entsprechend seiner „Selbstverwirklichungskultur“, einen Vorteil beziehungsweise einen Nutzen von dieser Bindung verspricht.[18]

Die Auswirkungen eines steigenden Individualismus, und die damit einhergehende abnehmende Schwächung der Institution Ehe auf die gesellschaftliche Entwicklung, lässt sich gut anhand der Daten des Statistischen Bundesamtes über Eheschließungen und -Scheidungen in der Bundesrepublik Deutschland ablesen: Während 1956 knapp 631.000 Ehen geschlossen wurden, sank die Zahl der Heiratswilligen im Jahre 2010 auf 382.047. Das heißt, auf 1.000 Einwohner bezogen sank im Zeitraum von 54 Jahren die Anzahl der Eheschließungen von 8,9 auf 4,7. Die Anzahl der Ehescheidungen hingegen stieg über die Jahre: Waren es 1956 rund 69.450 geschiedene Ehen, so lag deren Anzahl im Jahr 2010 bei 187.027, was bedeutet, dass die Anzahl der Scheidungen, ebenfalls innerhalb eines Zeitraumes von 54 Jahren und auf 1.000 Einwohner bezogen, von 1,0 auf 2,3 angestiegen ist.[19]

Die 1980-er Jahre standen im Zeichen des bürgerlichen Wunsches nach mehr Freizeit und dessen „Erleben“ und Realisierung in Form eines anspruchsvollen und individualisierten Lebensstils.[20] Diese Epoche, die mit dem Stichwort „Erlebnisgesellschaft“ - oder kritisch auch „Spaßgesellschaft“ - Eingang in den großen Korpus der Wert- und Sozialwissenschaftlichen Forschung fand, stieß einen Trend an der, in Verbindung mit Individualisierungs- und Selbstverwirklichungstendenzen, noch immer nicht abgeschlossen ist und sich über die Gegenwart hinaus fortsetzt. So hat die Zukunftsinstitut GmbH, im Auftrag der Heidelberger Lebensversicherung AG, in seiner im Jahre 2011 veröffentlichten Studie „Trendmonitor 2011“, neben demografischen Erhebungen, auch vorangegangene Studien zu Megatrends, zu soziokulturellen Entwicklungen und zum Wertewandel einfließen lassen und stellte somit beispielsweise unter anderem fest, dass die berufliche Selbstverwirklichung für Männer und Frauen im Alter zwischen 16 und 35 Jahren einen essentiellen Bestandteil ihres Lebens darstellt.[21] Wesentlich wichtiger als monetäre Aspekte sind jungen Menschen demnach persönliche Sinnstiftung, eine positive Arbeitsatmosphäre und der Erwerb von Wissen.[22]

[...]


[1] Vgl. Mersch, K. U. (2007), S. 21

[2] Vgl. Schriewer, J. (2003), S. 25

[3] Vgl. Petersen, T. (2008), S. 143

[4] Vgl. Deutschlandradio (2008)

[5] Vgl. Zeit-Online (2011)

[6] Vgl. Sueddeutsche Zeitung (2011)

[7] Vgl. Handelsblatt (2011)

[8] Vgl. Sandmaier (2010), S. 200

[9] Vgl. Stenner, M. (2012), S. 173

[10] Vgl. Machnig, J. (2011), S. 147

[11] Vgl. Graeber, D. (2012), S. 61

[12] Vgl. Focus-Online (2011)

[13] Vgl. Graeber, D. (2012), S. 80

[14] Vgl. Lehle, G. (2005), S. 101

[15] Vgl. Klages, H. (2001), S. 726-738

[16] Vgl. Pfisterer, S. (2007), S. 4

[17] Hierzu zählen auch die homosexuellen Lebensgemeinschaften.

[18] Vgl. Schanz, G. (1977), S. 172

[19] Vgl. Statistisches Bundesamt (2011)

[20] Vgl. Heyse, V. (1994), S. 135

[21] Vgl. Zukunftsinstitut GmbH (2011), S. 11

[22] Vgl. Zukunftsinstitut GmbH (2011), S. 85

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftlicher Wertewandel in Deutschland – Historie und Treiber eines sich verändernden Gesundheitswesens
Hochschule
Paneurópska vysoká škola
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
30
Katalognummer
V199726
ISBN (eBook)
9783656261490
ISBN (Buch)
9783656261674
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesellschaftlicher, wertewandel, deutschland, historie, treiber, gesundheitswesens
Arbeit zitieren
Ahmed Abdelmoumene (Autor), 2011, Gesellschaftlicher Wertewandel in Deutschland – Historie und Treiber eines sich verändernden Gesundheitswesens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/199726

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